kommen, streichelte meine Hand und nickte mir auf eine Weise zu, die
bedeutete, sie habe Vertrauen zu mir, auch ohne eine Beichte. Und dann
fragte sie nach meinen Kleidern und meiner Wäsche, denn in den letzten
zwei Jahren hatte ich mich selber versorgt und nichts mehr zum Waschen
und Flicken heimgeschickt.
„Wir wollen morgen alles miteinander durchsehen,“ sagte sie, nachdem ich
Bericht erstattet hatte, und damit war das ganze Examen zu Ende.
Bald darauf holte die Schwester mich ins Haus. Im „schönen Zimmer“
setzte sie sich ans Klavier und holte die Noten von damals heraus, die
ich lang nimmer gehört und gesungen und doch nicht vergessen hatte. Wir
sangen Lieder von Schubert, Abt und Schumann und nahmen dann den
köstlichen Silcher vor, die deutschen und die ausländischen Volkslieder,
bis es Zeit zum Nachtessen war. Da deckte meine Schwester den Tisch,
während ich mich mit Polly unterhielt, der trotz seines Namens für ein
Männchen galt und „der“ Polly hieß. Er sprach mancherlei, ahmte unsere
Stimmen und unser Lachen nach und verkehrte mit jedem von uns auf einer
besonderen, genau eingehaltenen Stufe von Freundschaftlichkeit. Am
engsten war er mit meinem Vater befreundet, den er alles mit sich
anfangen ließ, dann kam der Bruder, dann Mama, dann ich und zuletzt die
Schwester, gegen die er ein Mißtrauen hegte.
Polly war das einzige Tier in unserm Hause und gehörte seit zwanzig
Jahren wie ein Kind zu uns. Er liebte Gespräch, Gelächter und Musik,
aber nicht in nächster Nähe. Wenn er allein war und im Nebenzimmer
lebhaft sprechen hörte, lauschte er scharf, redete mit und lachte auf
seine gutmütig ironische Art. Und manchmal, wenn er ganz unbeachtet und
einsam auf seinem Klettergestäbe saß und Stille herrschte und die Sonne
warm ins Zimmer schien, dann fing er in tiefen, wohligen Tönen an das
Leben zu preisen und Gott zu loben. Es war halb gepfiffen, halb
gesungen, in flötenähnlichen Lauten, und es klang feierlich, warm und
innig, wie das selbstvergessene Singen eines einsam spielenden Kindes.
Nach dem Abendessen brachte ich eine halbe Stunde damit zu, einen Teil
des Gartens zu gießen, und als ich naß und schmutzig wieder hereinkam,
hörte ich vom Gang aus eine halb bekannte Mädchenstimme drinnen
sprechen. Schnell wischte ich die Hände am Sacktuch ab und trat ein, da
saß in einem lila Kleide und breitem Strohhut ein großes schönes
Mädchen, und als sie aufstand und mich ansah und mir die Hand
hinstreckte, erkannte ich Helene Kurz, eine Freundin meiner Schwester,
in die ich früher einmal verliebt gewesen war.
„Haben Sie mich denn noch gekannt?“ fragte ich vergnügt.
„Lotte hat mir schon gesagt, Sie seien heimgekommen,“ sagte sie
freundlich. Aber mich hätte es mehr gefreut, wenn sie einfach ja gesagt
hätte. Sie war hoch gewachsen und gar schön geworden, ich wußte nichts
weiter zu sagen und ging ans Fenster zu den Blumen, während sie sich mit
der Mutter und Lotte unterhielt.
Meine Augen gingen auf die Straße, und meine Finger spielten mit den
Blättern der Geranienstöcke, meine Gedanken aber waren nicht dabei. Ich
sah einen blaukalten Winterabend und lief auf dem Flusse zwischen den
hohen Erlenstauden Schlittschuh und verfolgte von ferne in scheuen
Halbkreisen eine feine Mädchengestalt, die noch nicht richtig
Schlittschuh laufen konnte und sich von einer Freundin führen ließ.
Nun klang ihre Stimme, viel voller und tiefer geworden als früher, mir
nahe und mir doch fast fremd; sie war eine junge Dame geworden, und ich
kam mir nimmer gleichstehend und gleichaltrig vor, sondern wie wenn ich
immer noch fünfzehnjährig wäre. Als sie ging, gab ich ihr wieder die
Hand, verbeugte mich aber unnötig und ironisch tief und sagte: „Gute
Nacht, Fräulein Kurz.“
„Ist die denn wieder daheim?“ fragte ich nachher.
„Wo soll sie denn sonst sein?“ meinte Lotte, und ich mochte nicht weiter
davon reden.
Pünktlich um zehn Uhr wurde das Haus geschlossen, und die Eltern gingen
ins Bett. Beim Gutenachtkuß legte der Vater mir den Arm um die Schulter
und sagte leise: „Das ist recht, daß wir dich wieder einmal zu Haus
haben. Freut’s dich auch?“
Alles ging zu Bett, auch die Magd hatte schon vor einer Weile gute Nacht
gesagt, und nachdem noch ein paar Türen einigemal auf und zu gegangen
waren, lag das ganze Haus in tiefer Nachtstille.
Ich aber hatte mir zuvor ein Krüglein Bier geholt und kalt gestellt, das
setzte ich in meinem Zimmer auf den Tisch, und da in den Wohnstuben bei
uns nicht geraucht werden durfte, stopfte ich mir jetzt eine Pfeife und
zündete sie an. Meine beiden Fenster gingen auf den dunkeln, stillen
Hof, von dem eine Steintreppe bergauf in den Garten führte. Dort oben
sah ich die Tannen schwarz am Himmel stehen und darüber Sterne
schimmern.
Länger als eine Stunde blieb ich noch auf, sah die kleinen wolligen
Nachtflügler um meine Lampe geistern und blies langsam meine Rauchwolken
gegen die geöffneten Fenster. In langen stillen Zügen gingen unzählige
Bilder meiner Heimat- und Knabenzeit an meiner Seele vorüber, eine große
schweigende Schar, aufsteigend und erglänzend und wieder verschwindend
wie Wogen auf einer Seefläche. Und mir schien, ich sei über das halb
bewußtlose Dahintreiben jener frühlinghaften Zeiten noch kaum
hinausgekommen. Noch immer bestand mein Leben aus Zufall und Glück und
Unbegreiflichkeiten, und doch vertraute ich und hatte den Glauben, es
sei ein Sinn und Gesetz darin, die ich nur einmal klar zu erkennen
brauche, um ein Mann zu werden.
Zweites Kapitel
Am Morgen legte ich meinen besten Anzug an, um meiner Vaterstadt und den
vielen alten Bekannten zu gefallen und einen sichtbaren Beweis dafür zu
geben, daß es mir wohl ergangen und daß ich nicht als armer Teufel
heimgekommen sei. Über unserm engen Tale stand der Sommerhimmel glänzend
blau, die weißen Straßen stäubten leicht, vor dem benachbarten Posthause
standen die Botenwagen aus den Walddörfern, und auf der Gasse spielten
die kleinen Kinder mit Gluckern und wollenen Bällen.
Mein erster Gang war über die alte steinerne Brücke, das älteste Bauwerk
des Städtleins. Ich betrachtete die kleine gotische Brückenkapelle, an
der ich früher tausendmal vorbeigelaufen war, und beschloß, sie mir
während dieser Ferien einmal öffnen zu lassen, um sie endlich auch
einmal von innen anzusehen. Dann lehnte ich mich auf die Brüstung und
schaute den grünen, raschen Fluß hinauf und hinab. Die behagliche alte
Mühle, an deren Giebelwand ein weißes Rad gemalt gewesen war, die war
verschwunden, und an ihrem Platze stand ein neuer großer Bau aus
Backsteinen, im übrigen war nichts verändert, und wie früher trieben
sich unzählige Gänse und Enten auf dem Wasser und an den Ufern herum.
Jenseits der Brücke begegnete mir der erste Bekannte, ein Schulkamerad
von mir, der Gerber geworden war. Er trug eine leuchtend orangegelbe
Schürze und sah mich ungewiß und suchend an, ohne mich recht zu
erkennen. Ich nickte ihm vergnügt zu und schlenderte weiter, während er
mir nachschaute und sich noch immer besann. Am Fenster seiner Werkstatt
begrüßte ich den Kupferschmied mit seinem prachtvollen weißen Bart und
schaute dann auch gleich zum Drechsler hinein, der seine Radsaite
schnurren ließ und mir eine Prise anbot. Dann kam der Marktplatz mit
seinem großen Brunnen und mit der heimeligen Rathaushalle. Dort war der
Laden des Buchhändlers, und obwohl der alte Herr mich vor Jahren in
übeln Ruf gebracht, weil ich Heines Werke bei ihm bestellt hatte, ging
ich doch hinein und kaufte einen Bleistift und eine Ansichtspostkarte.
Von hier war es nimmer weit bis zu den Schulhäusern, ich sah mir daher
im Vorübergehen die alten Kästen an, witterte an den Toren den bekannten
ängstlichen Schulenduft und entrann aufatmend zur Kirche und dem
Pfarrhaus, wo von der großen Kirchenlinde herab feinere und tröstlichere
Lüfte wehten.
Als ich noch einige Gassen abgestreift und mich beim Barbier hatte
rasieren lassen, war es zehn Uhr und damit die Zeit, meinen Besuch beim
Onkel Matthäus zu machen. Ich ging durch den stattlichen Hof in sein
schönes Haus, stäubte mir im kühlen Gang die Hosen ab und klopfte an die
Wohnstubentüre. Drinnen fand ich die Tante und beide Töchter beim Nähen,
der Onkel war schon im Geschäft. Alles in diesem Hause atmete einen
reinlichen, altmodisch tüchtigen Geist, ein wenig streng und ein wenig
zu deutlich aufs Nützliche gerichtet, aber auch heiter und zuverlässig.
Was dort beständig gefegt, gekehrt, gewaschen, genäht, gestrickt und
gesponnen wurde, ist nicht zu sagen, und dennoch fanden die Töchter noch
die Zeit, um gute Musik zu machen. Beide spielten Klavier und sangen,
und wenn sie die neueren Komponisten auch nicht kannten, so waren sie im
Händel, Bach, Haydn und Mozart desto heimischer.
Die Tante sprang auf und mir entgegen, die Töchter machten ihren Stich
noch fertig und gaben mir dann die Hand. Zu meinem Erstaunen wurde ich
ganz als ein Ehrengast behandelt und in die feine Besuchsstube geführt,
die ich früher immer nur als ein irgendwo vorhandenes Heiligtum hatte
erwähnen hören. Ferner ließ Tante Berta sich durch keine Widerrede davon
abhalten, mir ein Glas Wein und Backwerk vorzusetzen. Dann nahm sie mir
gegenüber in einem der Staatsstühle Platz. Die Töchter blieben draußen
bei der Arbeit.
Das Examen, mit dem meine gute Mutter mich gestern verschont hatte,
brach nun zum Teil doch noch über mich herein. Doch kam es mir hier auch
nicht darauf an, den ungenügenden Tatsachen durch eine unverfänglich
harmlose Art der Wortstellung etwas mehr Glanz zu verleihen. Meine Tante
hatte ein lebhaftes Interesse für die Persönlichkeiten geschätzter
Kanzelredner, und sie fragte mich nach den Kirchen und Predigern aller
Städte, in denen ich gelebt hatte, gründlich aus. Nachdem wir einige
kleine Peinlichkeiten mit gutem Willen überwunden hatten, beklagten wir
gemeinsam den vor zehn Jahren erfolgten Hingang eines berühmten
Prälaten, den ich, falls er noch am Leben gewesen wäre, in Stuttgart
hätte predigen hören können.
Darauf kam die Rede auf meine Schicksale, Erlebnisse und Aussichten, und
wir fanden, ich hätte Glück gehabt und sei auf gutem Wege.
„Wer hätte das vor sechs Jahren gedacht!“ meinte sie.
„Stand es eigentlich damals so traurig mit mir?“ mußte ich nun doch
fragen.
„Das nicht gerade, das nicht. Aber es war damals doch eine rechte Sorge
für deine Eltern.“
Ich wollte sagen „für mich auch“, aber sie hatte im Grunde recht, und
ich wollte die Streitigkeiten von damals nicht wieder aufwärmen.
„Das ist schon wahr,“ sagte ich deshalb und nickte ernst.
„Du hast ja auch allerlei Berufe probiert.“
„Ja freilich, Tante. Und keiner davon reut mich. Ich will auch in dem,
den ich jetzt habe, nicht immer bleiben.“
„Aber nein! Ist das dein Ernst? Wo du gerade eine so gute Anstellung
hast? Fast zweihundert Mark im Monat, das ist ja für einen jungen Mann
glänzend.“
„Wer weiß, wie lang’s dauert, Tante.“
„Wer redet auch so! Es wird schon dauern, wenn du recht dabeibleibst.“
„Nun ja, wir wollen hoffen. Aber jetzt muß ich noch zur Tante Lydia
hinauf und nachher zum Onkel ins Kontor. Also auf Wiedersehen, Tante
Berta.“
„Ja, adieu. Es ist mir eine Freude gewesen. Zeig dich auch einmal
wieder!“
„Ja, gern.“
In der Wohnstube sagte ich den beiden Mädchen adieu und unter der
Zimmertür der Tante. Dann stieg ich die breite helle Treppe hinauf, und
wenn ich bisher das Gefühl gehabt hatte, eine altmodische Luft zu atmen,
so kam ich jetzt in eine noch viel altmodischere.
Droben wohnte in zwei Stüblein eine beinah achtzigjährige Großtante, die
mich mit der feinen, lieben Zärtlichkeit und Galanterie einer
vergangenen Zeit empfing. Da gab es Aquarellporträte von Urgroßonkeln,
aus Glasperlen gestickte Deckchen und Beutel mit Blumensträußen und
Landschaften drauf, ovale Bilderrähmchen und einen Duft von Sandelholz
und altem, zartem Parfüm.
Tante Lydia trug ein dunkelviolettes Kleid von ganz einfachem Schnitt,
und außer der Kurzsichtigkeit und dem leisen Zittern des Kopfes war sie
erstaunlich frisch und jung. Sie zog mich auf ein schmales Kanapee und
fing nicht etwa an von großväterlichen Zeiten zu reden, sondern fragte
nach meinem Leben und meinen Ideen und hatte für alles Aufmerksamkeit
und Interesse. So alt sie war und so entlegen urväterisch es bei ihr
roch und aussah, sie war doch bis vor zwei Jahren noch öfters auf Reisen
gewesen und hatte von der heutigen Welt, ohne sie durchaus zu billigen,
eine deutliche und nicht übelwollende Vorstellung, die sie gerne frisch
hielt und ergänzte. Dabei besaß sie aus ihrer fernen Jugend her eine
artige und liebenswerte Fertigkeit in der Konversation; wenn man bei ihr
saß, floß das Gespräch ohne Pausen und war immer irgendwie interessant
und angenehm.
Als ich ging, küßte sie mich und entließ mich mit einer segnenden
Gebärde, die ich bei niemand sonst gesehen habe.
Den Onkel Matthäus suchte ich in seinem Kontor auf, wo er über Zeitungen
und Katalogen saß. Er machte mir die Ausführung meines Entschlusses,
keinen Stuhl zu nehmen und recht bald wieder zu gehen, nicht schwer.
„So, bist auch wieder im Land?“ sagte er.
„Ja, auch wieder einmal. ’s ist lang her.“
„Und jetzt geht’s dir gut, hört man?“
„Recht gut, danke.“
„Mußt auch meiner Frau Grüßgott sagen, gelt?“
„Ich bin schon bei ihr gewesen.“
„So, das ist brav. Na, dann ist ja alles gut.“
Damit senkte er das Gesicht wieder in sein Buch und streckte mir die
Hand hin, und da er annähernd die Richtung getroffen hatte, ergriff ich
sie schnell und ging vergnügt hinaus.
Nun waren die Staatsbesuche gemacht, und ich ging zum Essen heim, wo es
mir zu Ehren Reis und Kalbsbraten gab. Nach Tisch zog mich mein Bruder
Fritz beiseite in sein Stübchen, wo meine frühere Schmetterlingsammlung
unter Glas an der Wand hing. Die Schwester wollte mitplaudern und
streckte den Kopf zur Türe herein, aber Fritz winkte wichtig ab und
sagte: „Nein, wir haben ein Geheimnis.“
Dann sah er mich prüfend an, und da er auf meinem Gesichte die genügende
Spannung wahrnahm, zog er unter seiner Bettstatt eine Kiste hervor,
deren Deckel mit einem Stück Blech belegt und mit mehreren tüchtigen
Steinen beschwert war.
„Rat’, was da drinnen ist,“ sagte er leise und listig.
Ich besann mich auf unsere ehemaligen Liebhabereien und Unternehmungen
und riet: „Eidechsen.“
„Nein.“
„Ringelnattern?“
„Nichts.“
„Raupen?“
„Nein, nichts Lebendiges.“
„Nicht? Warum ist dann die Kiste so gut verwahrt?“
„Es gibt gefährlichere Sachen als Raupen.“
„Gefährlich? Aha – Pulver?“
Statt der Antwort nahm er den Deckel ab, und ich erblickte in der Kiste
ein bedeutendes Arsenal von Pulverpaketchen von verschiedenem Korn,
Holzkohle, Zunder, Zündschnüren, Schwefelstücken, Schachteln mit
Salpeter und Eisenfeilspänen.
„Nun, was sagst du?“
Ich wußte, daß mein Vater keine Nacht mehr hätte schlafen können, wenn
ihm bekannt gewesen wäre, daß im Bubenzimmer eine Kiste solchen Inhaltes
lagerte. Aber Fritz leuchtete so vor Wonne und Überrascherfreude, daß
ich diesen Gedanken nur vorsichtig andeutete und mich bei seinem Zureden
sofort beruhigte. Denn ich selber war moralisch schon mitschuldig
geworden und freute mich auf die Feuerwerkerei wie ein Lehrling auf den
Feierabend.
„Machst du mit?“ fragte Fritz.
„Natürlich. Wir können’s ja abends hie und da in den Gärten loslassen,
nicht?“
„Freilich können wir. Neulich hab ich im Anger draußen einen
Bombenschlag mit einem halben Pfund Pulver gemacht. Es hat geklöpft wie
ein Erdbeben. Aber jetzt hab ich kein Geld mehr, und wir brauchen noch
allerlei.“
„Ich geb einen Taler.“
„Fein, du! Dann gibt’s Raketen und Riesenfrösche.“
„Aber vorsichtig, gelt?“
„Vorsichtig! Mir ist noch nie was passiert.“
Das war eine Anspielung auf ein böses Mißgeschick, das ich als
Vierzehnjähriger beim Feuerwerken erlebt hatte und das mich um ein Haar
Augenlicht und Leben gekostet hätte.
Nun zeigte er mir die Vorräte und die angefangenen Stücke, weihte mich
in einige seiner neuen Versuche und Erfindungen ein und machte mich auf
andere neugierig, die er mir vorführen wollte und einstweilen noch
geheim hielt. Darüber verging seine Mittagstunde, und er mußte ins
Geschäft. Und kaum hatte ich nach seinem Weggehen die unheimliche Kiste
wieder bedeckt und unterm Bett verstaut, da kam Lotte und holte mich zum
Spaziergang mit Papa ab.
„Wie gefällt dir Fritz?“ fragte der Vater. „Nicht wahr, er ist groß
geworden?“
„O ja.“
„Und auch ordentlich ernster, nicht? Er fängt doch an, aus den
Kindereien herauszukommen. Ja, nun habe ich lauter erwachsene Kinder.“
Es geht an, dachte ich und schämte mich ein wenig. Aber es war ein
prächtiger Nachmittag, in den Kornfeldern flammte der Mohn und lachten
die Kornraden, wir spazierten langsam an der Herrlichkeit vorüber und
sprachen von lauter vergnüglichen Dingen. Wohlbekannte Wege und
Waldränder und Obstgärten begrüßten mich und winkten mir zu, und die
früheren Zeiten kamen wieder herauf und sahen so hold und strahlend aus,
als wäre damals alles paradiesisch gut und vollkommen gewesen.
„Jetzt muß ich dich noch was fragen,“ fing Lotte an. „Ich habe im Sinn
gehabt, eine Freundin von mir für ein paar Wochen einzuladen.“
„So, von woher denn?“
„Von Ulm. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Was meinst du? Jetzt, wo wir
dich da haben, bist du die Hauptsache, und du mußt es nur sagen, wenn
der Besuch dich genieren würde.“
„Was ist’s denn für eine?“
„Sie hat das Lehrerinnenexamen gemacht –“
„O je!“
„Nicht o je. Sie ist sehr nett und gar kein Blaustrumpf, sicher nicht.
Sie ist auch nicht Lehrerin geworden.“
„Warum denn nicht?“
„Das mußt du sie selber fragen.“
„Also kommt sie doch?“
„Kindskopf! Es kommt auf dich an. Wenn du meinst, wir bleiben lieber
unter uns, dann kommt sie später einmal. Drum frag ich ja.“
„Ich will’s an den Knöpfen abzählen.“
„Dann sag lieber gleich ja.“
„Also, ja.“
„Gut. Dann schreib ich heute noch.“
„Und einen Gruß von mir.“
„Er wird sie kaum freuen.“
„Übrigens, wie heißt sie denn?“
„Anna Amberg.“
„Amberg ist schön. Und Anna ist ein Heiligenname, aber ein langweiliger,
schon weil man ihn nicht abkürzen kann.“
„Wär dir Anastasia lieber?“
„Ja, da könnte man Stasi oder Stase draus machen.“
Da fiel mein Vater ein: „Anna ist ein ganz hübscher Name. Eine Tante von
mir hat so geheißen.“
„Was, eine Großtante Anna? Von der wissen wir ja gar nichts.“
„Kein Wunder. Ich weiß selber nichts von ihr als den Namen. Sie ist
gestorben, als ich noch klein war.“
Mittlerweile hatten wir die letzte Hügelhöhe erreicht, die von einem
Absatz zum andern nahe geschienen und sich hingezögert hatte. Nun sahen
wir von einem Felsen über merkwürdig verkürzte, abschüssige Felder
hinweg, durch die wir gestiegen waren, tief im engen Tale die Stadt
liegen. Hinter uns aber stand auf welligem Lande stundenweit der
schwarze Tannenwald, hin und wieder von schmalen Wiesen oder von einem
Stück Kornland unterbrochen, das aus der bläulichen Schwärze heftig
hervorleuchtete.
„Schöner als hier ist’s eigentlich doch nirgends,“ sagte ich
nachdenklich.
Mein Vater lächelte und sah mich an.
„Es ist deine Heimat, Kind. Und schön ist sie, das ist wahr.“
„Ist deine Heimat schöner, Papa?“
„Nein, aber wo man ein Kind war, da ist alles schön und heilig. Hast du
nie Heimweh gehabt, du?“
„Doch, hie und da schon.“
In der Nähe war eine Waldstelle, da hatte ich in Bubenzeiten manchmal
Rotkehlchen gefangen. Und etwas weiter mußten noch die Trümmer einer
Steinburg stehen, die wir Knaben einst gebaut hatten. Aber der Vater war
müde, und nach einer kleinen Rast kehrten wir um und stiegen einen
anderen Weg bergab.
Gern hätte ich über die Helene Kurz noch einiges erfahren, doch wagte
ich nicht davon anzufangen, da ich durchschaut zu werden fürchtete. In
der unbeschäftigten Ruhe des Daheimseins und in der frohen Aussicht auf
mehrere müßiggängerische Ferienwochen wurde mein junges Gemüt von
beginnender Liebessehnsucht und unternehmenden Plänen bewegt, für die es
nur noch eines günstigen Ausgangspunktes bedurfte. Aber der fehlte mir
gerade, und je mehr ich innerlich mit dem Bilde der schönen Jungfer
beschäftigt war, desto weniger fand ich die Unbefangenheit, um nach ihr
und ihren Umständen zu fragen.
Im langsamen Heimspazieren sammelten wir an den Feldrändern große
Blumensträuße, eine Kunst, die ich lange Zeit nicht mehr geübt hatte. In
unserem Haus war von der Mutter her die Gewohnheit, in den Zimmern nicht
nur Topfblumen zu halten, sondern auch auf allen Tischen und Kommoden
immer frische Sträuße stehen zu haben. Zahlreiche einfache Vasen, Gläser
und Krüge hatten sich in den Jahren angesammelt, und wir Geschwister
kehrten kaum von einem Spaziergang zurück, ohne Blumen, Farnkräuter oder
Zweige mitzubringen. Da ich in der Kunst, einen mannigfaltigen
Feldstrauß schön zusammenzustellen, mit der Schwester und vollends mit
der Mutter niemals wetteifern konnte, hatte ich früher immer nur
einerlei Blumen gesucht und in großen Mengen heimgebracht. Daran
erinnerte ich mich und versuchte es mit den roten Ackerschnallen, aber
sie entblätterten sich mir in der Hand, und ich nahm statt ihrer die
schönen, langstieligen Margeriten, während Lotte besondere Sorgfalt auf
das Zusammenstellen schöner zarter Gräser verwendete.
Mir schien, ich hätte jahrelang gar keine Feldblumen mehr gesehen. Denn
diese sehen gar anders aus, wenn man sie im Dahinwandern mit malerischem
Wohlgefallen als Farbeninseln im grünen Erdreich betrachtet, als wenn
man kniend und gebückt sie einzeln sieht und die schönsten zum Pflücken
aussucht. Ich entdeckte kleine verborgene Pflanzen, deren Blüten mich an
Ausflüge in der Schulzeit erinnerten, und andere, die meine Mutter
besonders gern gehabt oder mit besonderen, von ihr selbst erfundenen
Namen bedacht hatte. Die gab es alle noch, und mit jeder von ihnen ging
mir eine Erinnerung auf, und aus jedem blauen oder gelben Kelche schaute
meine freudige Kindheit mir ungewohnt lieb und nahe in die Augen.
Drittes Kapitel
Im sogenannten Saal unseres Hauses standen vier hohe Kästen aus rohem
Tannenholz, in denen stand und lag ein konfuser Bücherschatz aus
großväterlichen Zeiten ungeordnet und einigermaßen verwahrlost umher. Da
hatte ich als kleiner Knabe in vergilbten Ausgaben mit fröhlichen
Holzschnitten den Robinson und den Gulliver gefunden und gelesen,
alsdann alte Seefahrer- und Entdeckergeschichten, später aber auch viel
schöngeistige Literatur, wie „Siegwart, eine Klostergeschichte“, „Der
neue Amadis“, „Werthers Leiden“ und den Ossian, alsdann viele Bücher von
Jean Paul, Stilling, Walter Scott, Platen, Balzac und Victor Hugo, sowie
die kleine Ausgabe von Lavaters Physiognomik und zahlreiche Jahrgänge
niedlicher Almanache, Taschenbücher und Volkskalender, alte mit
Kupferchen von Chodowiecki, spätere, von Ludwig Richter illustrierte,
und schweizerische mit Holzschnitten von Disteli.
Aus diesem Schatze nahm ich abends, wenn nicht musiziert wurde, oder
wenn ich nicht mit Fritz über Pulverhülsen saß, irgendeinen Band mit in
meine Stube und blies den Rauch meiner Pfeife in die gelblichen Blätter,
über denen meine Großeltern geschwärmt, geseufzt und nachgedacht hatten.
Einen Band des „Titan“ von Jean Paul hatte mein Bruder zu
Feuerwerkszwecken ausgeweidet und verbraucht. Als ich die zwei ersten
Bände gelesen hatte und den dritten suchte, gestand er es und gab vor,
der Band sei ohnehin defekt gewesen.
Diese Abende waren immer schön und unterhaltsam. Wir sangen, die Lotte
spielte Klavier und Fritz geigte, Mama erzählte Geschichten aus unserer
Kinderzeit, Polly flötete im Käfig und weigerte sich, zu Bett zu gehen.
Der Vater ruhte am Fenster aus oder klebte an einem Bilderbuch für
kleine Neffen.