Die Fische hatten das ungewöhnliche Wetter auch bemerkt und

Schön ist die Jugend

Zwei Erzählungen

von

Hermann Hesse

S. Fischer, Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung.

Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.

Copyright 1917 S. Fischer, Verlag, Berlin.

Schön ist das Leben bei frohen Zeiten,

Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr,

Drum sag ich’s noch einmal,

Schön sind die Jugendjahr’,

Schön ist die Jugend,

Sie kommt nicht mehr.

Volkslied

Inhalt

Der Zyklon 9

Schön ist die Jugend 43

Der Zyklon

Es war in der Mitte der neunziger Jahre und ich tat damals

Volontärdienst in einer kleinen Fabrik meiner Vaterstadt, die ich noch

im selben Jahre für immer verließ. Zufällig ist die Zeit jenes

Spätsommers und Frühherbstes in meinem Gedächtnis noch frisch und

sichtbar geblieben. Darum will ich einiges davon aufschreiben, denn ich

komme in das Alter, wo man die Vergangenheit liebhaben lernt und wo die

Gegenwart mit müderen und gleichgültigeren Schritten geht.

Ich war etwa achtzehn Jahre alt und wußte nichts davon, wie schön meine

Jugend sei, obwohl ich sie täglich genoß und um mich her fühlte wie der

Vogel die Luft. Ältere Leute, die sich der Jahrgänge im einzelnen nimmer

besinnen mögen, brauche ich nur daran zu erinnern, daß in dem Jahre, von

dem ich erzähle, unsere Gegend von einem Zyklon oder Wettersturm

heimgesucht wurde, dessengleichen in unserm Lande weder vorher noch

später gesehen worden ist. In jenem Jahre ist es gewesen.

Ich hatte mir vor zwei oder drei Tagen einen Stahlmeißel in die linke

Hand gehauen. Sie hatte ein Loch und war geschwollen, ich mußte sie

verbunden tragen und durfte nicht in die Werkstatt gehen. Die

unvermuteten Ferien gefielen mir wohl; das Knabenalter bestand damals

noch fast unzerstört in meiner Seele, obwohl es nahe am Verblühen war

und mir bald darauf plötzlich aus den Händen schwand.

Es ist mir erinnerlich, daß jenen ganzen Spätsommer hindurch unser enges

Tal in einer unerhörten Schwüle lag und daß zuweilen tagelang ein

Gewitter dem andern folgte. Es war eine heiße Unruhe in der Natur

gewesen, von welcher ich freilich nur dumpf und unbewußt berührt wurde

und deren ich mich doch noch in Kleinigkeiten entsinne. Abends zum

Beispiel, wenn ich zum Angeln ging, fand ich von der wetterschwülen Luft

die Fische seltsam aufgeregt, sie drängten unordentlich durcheinander,

schlugen häufig aus dem lauen Wasser empor und gingen blindlings an die

Angel. Nun war es endlich ein wenig kühler und stiller geworden, die

Gewitter kamen seltener, und in der Morgenfrühe roch es schon ein wenig

herbstlich.

Eines Morgens verließ ich unser Haus und ging meinem Vergnügen nach, ein

Buch und ein Stück Brot in der Tasche. Wie ich es in der Bubenzeit

gewohnt gewesen war, lief ich zuerst hinters Haus in den Garten, der

noch im Schatten lag. Die Tannen, die mein Vater gepflanzt und die ich

selber noch ganz jung und stangendünn gekannt hatte, standen hoch und

stämmig, unter ihnen lagen hellbraune Nadelhaufen, und es wollte dort

seit Jahren nichts mehr wachsen als Immergrün. Daneben aber in einer

langen, schmalen Rabatte standen die Blumenstauden meiner Mutter, die

leuchteten reich und fröhlich, und es wurden von ihnen auf jeden Sonntag

große Sträuße gepflückt. Da war ein Gewächs mit zinnoberroten Bündeln

kleiner Blüten, das hieß brennende Liebe, und eine zarte Staude trug an

dünnen Stengeln hängend viele herzförmige rot und weiße Blumen, die

nannte man Frauenherzen, und ein anderer Strauch hieß die stinkende

Hoffart. Nahebei standen hochstielige Astern, welche aber noch nicht zur

Blüte gekommen waren, und dazwischen kroch am Boden mit weichen Stacheln

die fette Hauswurz und der drollige Portulak, und dieses lange schmale

Beet war unser Liebling und unser Traumgarten, weil da so vielerlei

seltsame Blumen beieinander standen, welche uns merkwürdiger und lieber

waren als alle Rosen in den beiden runden Beeten. Wenn hier die Sonne

schien und auf der Efeumauer glänzte, dann hatte jede Staude ihre ganz

eigene Art und Schönheit, die Gladiolen prahlten fett mit grellen

Farben, der Heliotrop stand grau und wie verzaubert in seinen

schmerzlichen Duft versunken, der Fuchsschwanz hing ergeben welkend

herab, die Akelei aber stellten sich auf die Zehen und läuteten mit

ihren vierfältigen Sommerglocken. An den Goldruten und im blauen Phlox

schwärmten laut die Bienen, und über dem dicken Efeu rannten kleine

braune Spinnen heftig hin und wieder; über den Levkoien zitterten in der

Luft jene raschen, launisch schwirrenden Schmetterlinge mit dicken

Leibern und gläsernen Flügeln, die man Schwärmer oder Taubenschwänze

heißt.

In meinem Feiertagsbehagen ging ich von einer Blume zur andern, roch da

und dort an einer duftenden Dolde oder tat mit vorsichtigem Finger einen

Blütenkelch auf, um hineinzuschauen und die geheimnisvollen

bleichfarbenen Abgründe und die stille Ordnung von Adern und Stempeln,

von weichhaarigen Fäden und kristallenen Rinnen zu betrachten.

Dazwischen studierte ich den wolkigen Morgenhimmel, wo ein sonderbar

verwirrtes Durcheinander von streifigen Dunstfäden und wollig flockigen

Wölkchen herrschte. Mir schien, es werde gewiß heute wieder einmal ein

Gewitter geben, und ich nahm mir vor, am Nachmittag ein paar Stunden zu

angeln. Eifrig wälzte ich, in der Hoffnung, Regenwürmer zu finden, ein

paar Tuffsteine aus der Wegeinfassung beiseite, aber es krochen nur

Scharen von grauen, trockenen Mauerasseln hervor und flüchteten verstört

nach allen Seiten.

Ich besann mich, was nun zu unternehmen sei, und es wollte mir nicht

sogleich etwas einfallen. Vor einem Jahre, als ich zum letztenmal Ferien

gehabt hatte, da war ich noch ganz ein Knabe gewesen. Was ich damals am

liebsten getrieben hatte, mit Haselnußbogen ins Ziel schießen, Drachen

steigen lassen und die Mauslöcher auf den Feldern mit Schießpulver

sprengen, das hatte alles den damaligen Reiz und Schimmer nicht mehr,

als sei ein Teil meiner Seele müde geworden und antworte nimmer auf die

Stimmen, die ihr einst lieb waren und lauter Freude brachten.

Verwundert und in einer stillen Beklemmung blickte ich in dem

wohlbekannten Bezirk meiner Knabenfreuden umher. Der kleine Garten, die

blumengeschmückte Altane und der feuchte sonnenlose Hof mit seinem

moosgrünen Pflaster sahen mich an und hatten ein anderes Gesicht als

früher, und sogar die Blumen hatten etwas von ihrem unerschöpflichen

Zauber eingebüßt. Schlicht und langweilig stand in der Gartenecke das

alte Wasserfaß mit der Leitungsröhre; da hatte ich früher zu meines

Vaters Pein halbe Tage lang das Wasser laufen lassen und hölzerne

Mühlräder eingespannt, ich hatte auf dem Wege Dämme gebaut und Kanäle

und mächtige Überschwemmungen veranstaltet. Das verwitterte Wasserfaß

war mir ein treuer Liebling und Zeitvertreiber gewesen, und indem ich es

ansah, zuckte sogar ein Nachhall jener Kinderwonne in mir auf, allein

sie schmeckte traurig, und das Faß war kein Quell, kein Strom und kein

Niagara mehr.

Nachdenklich kletterte ich über den Zaun, eine blaue Windenblüte

streifte mir das Gesicht, ich riß sie ab und steckte sie in den Mund.

Ich war nun entschlossen, einen Spaziergang zu machen und vom Berg

herunter auf unsere Stadt zu sehen. Spazierengehen war auch so ein

halbfrohes Unternehmen, das mir in früheren Zeiten niemals in den Sinn

gekommen wäre. Ein Knabe geht nicht spazieren. Er geht in den Wald als

Räuber, als Ritter oder Indianer, er geht an den Fluß als Flößer und

Fischer oder Mühlenbauer, er läuft in die Wiesen zur Schmetterlings- und

Eidechsenjagd. Und so erschien mir mein Spaziergang als das würdige und

etwas langweilige Tun eines Erwachsenen, der nicht recht weiß, was er

mit sich anzufangen hat.

Meine blaue Winde war bald welk und weggeworfen, und ich nagte jetzt an

einem Buchsbaumzweig, den ich mir abgerissen hatte, er schmeckte bitter

und gewürzig. Beim Bahndamm, wo der hohe Ginster stand, lief mir eine

grüne Eidechse vor den Füßen weg, da wachte doch das Knabentum wieder in

mir auf, und ich ruhte nicht und lief und schlich und lauerte, bis ich

das ängstliche Tier sonnenwarm in meinen Händen hielt. Ich sah ihm in

die blanken kleinen Edelsteinaugen und fühlte mit einem Nachhall

ehemaliger Jagdseligkeit den geschmeidig kräftigen Leib und die harten

Beine zwischen meinen Fingern sich wehren und stemmen. Dann aber war die

Lust erschöpft und ich wußte nimmer, was ich mit dem gefangenen Tier

beginnen sollte. Es war nichts damit, es war kein Glück mehr dabei. Ich

bückte mich nieder und öffnete meine Hand, die Eidechse hielt verwundert

einen Augenblick mit heftig atmenden Flanken still und verschwand eifrig

im Grase. Ein Zug fuhr auf den glänzenden Eisenschienen daher und an mir

vorbei, ich sah ihm nach und fühlte einen Augenblick ganz klar, daß mir

hier keine wahre Lust mehr blühen könne, und wünschte inbrünstig, mit

diesem Zuge fort und in die Welt zu fahren.

Ich hielt Umschau, ob nicht der Bahnwärter in der Nähe sei, und da

nichts zu sehen noch zu hören war, sprang ich schnell über die Geleise

und kletterte jenseits an den hohen roten Sandsteinfelsen empor, in

welchen da und dort noch die geschwärzten Sprenglöcher vom Bahnbau her

zu sehen waren. Der Durchschlupf nach oben war mir bekannt, ich hielt

mich an den zähen, schon verblühten Ginsterbesen fest. In dem roten

Gestein atmete eine trockene Sonnenwärme, der heiße Sand rieselte mir

beim Klettern in die Ärmel, und wenn ich über mich sah, stand über der

senkrechten Steinwand erstaunlich nah und fest der warme leuchtende

Himmel. Und plötzlich war ich oben, ich konnte mich an dem Steinrande

aufstemmen, die Knie nachziehen, mich an einem dünnen, dornigen

Akazienstämmchen festhalten und war nun auf einem verlorenen, steil

ansteigenden Graslande.

Diese stille kleine Wildnis, unter welcher in steiler Verkürzung die

Eisenbahnzüge wegfahren, war mir früher ein lieber Aufenthalt gewesen.

Außer dem zähen, verwilderten Grase, das nicht gemäht werden konnte,

wuchsen hier kleine, feindornige Rosensträucher und ein paar vom Winde

ausgesäte, kümmerliche Akazienbäumchen, durch deren dünne, transparente

Blätter die Sonne schien. Auf dieser Grasinsel, die auch von oben her

durch ein rotes Felsenband abgeschnitten war, hatte ich einst als

Robinson gehaust, der einsame Landstrich gehörte niemandem, als wer den

Mut und die Abenteuerlaune hatte, ihn durch senkrechtes Klettern zu

erobern. Hier hatte ich als Zwölfjähriger mit dem Meißel meinen Namen in

den Stein gehauen, hier hatte ich einst die Rosa von Tannenburg gelesen

und ein kindliches Drama gedichtet, das vom tapferen Häuptling eines

untergehenden Indianerstammes handelte.

Das sonnverbrannte Gras hing in bleichen, weißlichen Strähnen an der

steilen Halde, das durchglühte Ginsterlaub roch stark und bitter in der

windstillen Wärme. Ich streckte mich in die trockene Dürre, sah die

feinen Akazienblätter in ihrer peinlich zierlichen Anordnung grell

durchsonnt in dem satten blauen Himmel ruhen und dachte nach. Es schien

mir die rechte Stunde zu sein, um mein Leben und meine Zukunft vor mir

auszubreiten.

Doch vermochte ich nichts Neues zu entdecken. Ich sah nur die

merkwürdige Verarmung, die mich von allen Seiten bedrohte, das

unheimliche Erblassen und Hinwelken erprobter Freuden und liebgewordener

Gedanken. Für das, was ich widerwillig hatte hingeben müssen, für die

ganze verlorene Knabenseligkeit war mein Beruf mir kein Ersatz, ich

liebte ihn wenig und bin ihm auch nicht lange treu geblieben. Er war für

mich nichts als ein Weg in die Welt hinaus, wo ohne Zweifel irgendwo

neue Befriedigungen zu finden wären. Welcher Art konnten diese sein?

Man konnte die Welt sehen und Geld verdienen, man brauchte Vater und

Mutter nimmer zu fragen, ehe man etwas tat und unternahm, man konnte

Sonntags Kegel schieben und Bier trinken. Dieses alles aber, sah ich

wohl, waren nur Nebensachen und keineswegs der Sinn des neuen Lebens,

das mich erwartete. Der eigentliche Sinn lag anderswo, tiefer, schöner,

geheimnisvoller, und er hing, so fühlte ich, mit den Mädchen und mit der

Liebe zusammen. Da mußte eine tiefe Lust und Befriedigung verborgen

sein, sonst wäre das Opfer der herrlichen Knabenfreuden ohne Sinn

gewesen.

Von der Liebe wußte ich wohl, ich hatte manches Liebespaar gesehen und

wunderbar berauschende Liebesdichtungen gelesen. Ich hatte mich auch

selber schon mehrere Male verliebt und in Träumen etwas von der

Süßigkeit empfunden, um die ein Mann sein Leben einsetzt und die der

Sinn seines Tuns und Strebens ist. Ich hatte Schulkameraden, die schon

jetzt mit Mädchen gingen, und ich hatte in der Werkstatt Kollegen, die

von den sonntäglichen Tanzböden und von nächtlich erstiegenen

Kammerfenstern ohne Scheu zu erzählen wußten. Mir selbst indessen war

die Liebe noch ein verschlossener Garten, vor dessen Pforte ich in

schüchterner Sehnsucht wartete.

Erst in der letzten Woche, kurz vor meinem Unfall mit dem Meißel, war

der erste klare Ruf an mich ergangen, und seitdem war ich in diesem

unruhig nachdenklichen Zustande eines Abschiednehmenden, seitdem war

mein bisheriges Leben mir zur Vergangenheit und war der Sinn der Zukunft

mir deutlich geworden. Unser zweiter Lehrbube hatte mich eines Abends

beiseite genommen und mir auf dem Heimwege berichtet, er wisse mir eine

schöne Liebste, sie habe noch keinen Schatz gehabt und wolle keinen

andern als mich, und sie habe einen seidenen Geldbeutel gestrickt, den

wolle sie mir schenken. Ihren Namen wollte er nicht sagen, ich werde ihn

schon selber erraten können. Als ich dann drängte und fragte und

schließlich geringschätzig tat, blieb er stehen – wir waren eben auf dem

Mühlensteg überm Wasser – und sagte leise: „Sie geht gerade hinter uns.“

Verlegen drehte ich mich um, halb hoffend und halb fürchtend, es sei

doch alles nur ein dummer Scherz. Da kam hinter uns die Brückenstufen

herauf ein junges Mädchen aus der Baumwollspinnerei gegangen, die Berta

Vögtlin, die ich vom Konfirmandenunterricht her noch kannte. Sie blieb

stehen, sah mich an und lächelte und wurde langsam rot, bis ihr ganzes

Gesicht in Flammen stand. Ich lief schnell weiter und nach Hause.

Seither hatte sie mich zweimal aufgesucht, einmal in der Spinnerei, wo

wir Arbeit hatten, und einmal abends beim Heimgehen, doch hatte sie nur

grüß Gott gesagt und dann: „Auch schon Feierabend?“ Das bedeutet, daß

man ein Gespräch anzuknüpfen willens ist; ich hatte aber nur genickt und

Ja gesagt und war verlegen fortgegangen.

An dieser Geschichte hingen nun meine Gedanken fest und fanden sich

nicht zurecht. Ein hübsches Mädchen liebzuhaben, davon hatte ich schon

oft mit tiefem Verlangen geträumt. Da war nun eine, hübsch und blond und

etwas größer als ich, die wollte von mir geküßt sein und in meinen Armen

ruhen. Sie war groß und kräftig gewachsen, sie war weiß und rot und

hübsch von Gesicht, an ihrem weißen Nacken spielte schattiges

Haargekräusel und ihr Blick war voll Erwartung und Liebe. Aber ich hatte

nie an sie gedacht, ich war nie in sie verliebt gewesen, ich war ihr nie

in zärtlichen Träumen nachgegangen und hatte nie mit Zittern ihren Namen

in mein Kissen geflüstert. Ich durfte sie, wenn ich wollte, liebkosen

und zu eigen haben, aber ich konnte sie nicht verehren und nicht vor ihr

knien und anbeten. Was sollte daraus werden? Was sollte ich tun?

Unmutig stand ich von meinem Graslager auf. Ach, es war eine üble Zeit.

Wollte Gott, mein Fabrikjahr wäre schon morgen um und ich könnte

wegreisen, weit von hier, und neu anfangen und das alles vergessen.

Um nur etwas zu tun und mich leben zu fühlen, beschloß ich vollends auf

den Berg zu steigen, so mühsam es von hier aus war. Da droben war man

hoch über dem Städtchen und konnte in die Ferne sehen. Im Sturm lief ich

die Halde hinan bis zum oberen Felsen, klemmte mich zwischen den Steinen

empor und zwang mich auf das hohe Gelände, wo der unwirtliche Berg in

Gesträuch und lockeren Felstrümmern verlief. In Schweiß und Atemklemme

kam ich hinan und atmete befreiter im schwachen Luftzug der sonnigen

Höhe. Verblühende Rosen hingen locker an den Ranken und ließen müde

blasse Blätter sinken, wenn ich vorüberstreifte. Grüne kleine Brombeeren

wuchsen überall und hatten nur an der Sonnenseite den ersten schwachen

Schimmer von metallischem Braun. Distelfalter flogen ruhig in der

stillen Wärme einher und zogen Farbenblitze durch die Luft, auf einer

bläulich überhauchten Schafgarbendolde saßen zahllose rot und schwarz

gefleckte Käfer, eine sonderbare lautlose Versammlung, und bewegten

automatenhaft ihre langen, hageren Beine. Vom Himmel waren längst alle

Wolken verschwunden, er stand in reinem Blau, von den schwarzen

Tannenspitzen der nahen Waldberge scharf durchschnitten.

Auf dem obersten Felsen, wo wir als Schulknaben stets unsere Herbstfeuer

angezündet hatten, hielt ich an und wendete mich um. Da sah ich tief im

halbschattigen Tale den Fluß aufglänzen und die weißschaumigen

Mühlenwehre blitzen, und eng in die Tiefe gebettet unsere alte Stadt mit

braunen Dächern, über denen still und steil der blaue mittägliche

Herdrauch in die Lüfte stieg. Da stand meines Vaters Haus und die alte

Brücke, da stand unsere Werkstatt, in der ich klein und rot das

Schmiedefeuer glimmen sah, und weiter flußab die Spinnerei, auf deren

flachem Dache Gras wuchs und hinter deren blanken Scheiben mit vielen

andern auch die Berta Vögtlin ihrer Arbeit nachging. Ach die! Ich wollte

nichts von ihr wissen.

Die Vaterstadt sah wohlbekannt in der alten Vertrautheit zu mir herauf

mit allen Gärten, Spielplätzen und Winkeln, die goldenen Zahlen der

Kirchenuhr glänzten listig in der Sonne auf, und im schattigen Mühlkanal

standen Häuser und Bäume klar in kühler Schwärze gespiegelt. Nur ich

selber war anders geworden, und nur an mir lag es, daß zwischen mir und

diesem Bilde ein gespenstischer Schleier der Entfremdung hing. In diesem

kleinen Bezirk von Mauern, Fluß und Wald lag mein Leben nicht mehr

sicher und zufrieden eingeschlossen, es hing wohl noch mit starken Fäden

an diese Stätten geknüpft, war aber nicht mehr eingewachsen und

umfriedet, sondern schlug überall mit Wogen der Sehnsucht über die engen

Grenzen ins Weite. Indem ich mit einer eigentümlichen Trauer

hinuntersah, stiegen alle meine geheimen Lebenshoffnungen feierlich in

meinem Gemüte auf, Worte meines Vaters und Worte der verehrten Dichter

zusammen mit meinen eigenen heimlichen Gelübden, und es schien mir eine

ernsthafte, doch köstliche Sache, ein Mann zu werden und mein eigenes

Schicksal bewußt in Händen zu halten. Und alsbald fiel dieser Gedanke

wie ein Licht in die Zweifel, die mich wegen der Angelegenheit mit Berta

Vögtlin bedrängten. Mochte sie hübsch sein und mich gern haben; es war

nicht meine Sache, das Glück so fertig und unerworben mir von

Mädchenhänden schenken zu lassen.

Es war nicht mehr lange bis Mittag. Die Lust am Klettern war mir

verflogen, nachdenklich stieg ich den Fußweg nach der Stadt hinab, unter

der kleinen Eisenbahnbrücke durch, wo ich in früheren Jahren jeden

Sommer in den dichten Brennesseln die dunkeln pelzigen Raupen der

Pfauenaugen erbeutet hatte, und an der Friedhofmauer vorbei, vor deren

Pforte ein moosiger Nußbaum dichten Schatten streute. Das Tor stand

offen, und ich hörte von drinnen den Brunnen plätschern. Gleich nebenan

lag der Spiel- und Festplatz der Stadt, wo beim Maienfest und am

Sedanstag gegessen und getrunken, geredet und getanzt wurde. Jetzt lag

er still und vergessen im Schatten der uralten, mächtigen Kastanien, mit

grellen Sonnenflecken auf dem rötlichen Sande.

Hier unten im Tal, auf der sonnigen Straße den Fluß entlang, brannte

eine erbarmungslose Mittagshitze, hier standen, auf der Flußseite den

grell bestrahlten Häusern gegenüber, die spärlichen Eschen und Ahorne

dünnlaubig und schon spätsommerlich angegilbt. Wie es meine Gewohnheit

war, ging ich auf der Wasserseite und schaute nach den Fischen aus. Im

glashellen Flusse wedelte mit langen, wallenden Bewegungen das dichte

bärtige Seegras, dazwischen in dunkeln, mir genau bekannten Lücken stand

da und dort vereinzelt ein dicker Fisch träge und regungslos, die

Schnauze gegen die Strömung gerichtet, und obenhin jagten zuweilen in

kleinen dunkeln Schwärmen die jungen Weißfische hin. Ich sah, daß es gut

gewesen war, diesen Morgen nicht zum Angeln zu gehen, aber die Luft und

das Wasser und die Art, wie zwischen zwei großen runden Steinen eine

dunkle alte Barbe ausruhend im klaren Wasser stand, sagte mir

verheißungsvoll, es werde heut am Nachmittage wahrscheinlich etwas zu

fangen sein. Ich merkte es mir und ging weiter, und atmete tief auf, als

ich von der blendenden Straße durch die Einfahrt in den kellerkühlen

Flur unseres Hauses trat.

„Ich glaube, wir werden heute wieder ein Gewitter haben,“ sagte bei

Tische mein Vater, der ein zartes Wettergefühl besaß. Ich wandte ein,

daß kein Wölkchen am Himmel und kein Hauch von Westwind zu spüren sei,

aber er lächelte und sagte: „Fühlst du nicht, wie die Luft gespannt ist?

Wir werden sehen.“

Es war allerdings schwül genug, und der Abwasserkanal roch heftig wie

bei Föhnbeginn. Ich spürte von dem Klettern und von der eingeatmeten

Hitze nachträglich eine Müdigkeit und setzte mich gegen den Garten auf

die Veranda. Mit schwacher Aufmerksamkeit und oft von leichtem Schlummer

unterbrochen las ich in der Geschichte des Generals Gordon, des Helden

von Chartum, und immer mehr schien es nun auch mir, es müsse bald ein

Gewitter kommen. Der Himmel stand nach wie vor im reinsten Blau, aber

die Luft wurde immer bedrückender, als lägen durchglühte Wolkenschichten

vor der Sonne, die doch klar in ihrer Höhe stand. Um zwei Uhr ging ich

in das Haus zurück und begann mein Angelzeug zu rüsten. Am liebsten

hätte ich heute vom Bischofwege aus mit der Rute auf Barben geangelt,

aber da mußte ich mitten in der grellen Sonne und gegen die Blendung

stehen, auch hatte ich keinen lebendigen Köder. So entschied ich mich

für den unteren Mühlsteg, wo ich im Schatten stehen und mit Fleisch oder

Käse auf Rotaugen und Nasen fischen konnte. Während ich meine Schnüre

und Haken untersuchte, fühlte ich die zarte, innige Erregung der Jagd

voraus und empfand mit Dankbarkeit, daß doch dieses eine, tiefe,

leidenschaftliche Vergnügen mir geblieben sei. Heute sind viele Jahre

hingegangen, in denen ich keine Angelschnur mehr zwischen den Fingern

gefühlt habe, aber noch immer besuchen mich zuweilen Träume, in denen

ich mit der alten tiefen, straff gespannten Lust am heimatlichen Flusse

mit der Angel stehe, und noch immer würde ich, wenn ich das Zauberwort

wüßte, von den Leidenschaften und Beglückungen der versunkenen

Jugendzeit vor allen andern diese eine mir zurückwünschen.

Die sonderbar schwüle, gepreßte Stille jenes Nachmittags ist mir

unvergeßlich geblieben. Ich trug meinen Fischeimer flußabwärts bis zum

unteren Steg, der schon zur Hälfte im Schatten der hohen Häuser lag. Von

der nahen Spinnerei hörte man das gleichmäßige, einschläfernde Surren

der Maschinen, einem Bienenfluge ähnlich, und von der Obermühle her

schnarrte jede Minute das böse, schartige Kreischen der neuen Kreissäge.

Sonst war es ganz still, die Handwerker hatten sich in den Schatten der

Werkstätten zurückgezogen, und kein Mensch zeigte sich auf der Gasse.

Auf der Mühlinsel watete ein kleiner Bub nackt zwischen den nassen

Steinen umher. Vor der Werkstatt des Wagnermeisters lehnten rohe

Holzdielen an der Wand und dufteten in der Sonne überstark, der trockene

Geruch kam bis zu mir herüber und war durch den satten, etwas fischigen

Wasserduft hindurch deutlich zu spüren.

Die Fische hatten das ungewöhnliche Wetter auch bemerkt und verhielten

sich launisch. Ein paar Rotaugen gingen in der ersten Viertelstunde an

die Angel, ein schwerer breiter Kerl mit schönen roten Bauchflossen riß

mir die Schnur ab, als ich ihn schon beinah in Händen hatte. Gleich

darauf kam eine Unruhe in die Tiere, die Rotaugen gingen tief in den

Schlamm und sahen keinen Köder mehr an, oben aber wurden Schwärme von

jungem, jährigem Fischzeug sichtbar und zogen in immer neuen Scharen wie

auf einer Flucht flußaufwärts. Alles deutete darauf, daß anderes Wetter

im Anzug sei, aber die Luft stand still wie Glas, und der Himmel war

ohne Trübung.

Mir schien, es müsse irgendein schlechtes Abwasser die Fische vertrieben

haben, und da ich noch nicht nachzugeben gesonnen war, besann ich mich

auf einen neuen Standort und suchte den Kanal der Spinnerei auf. Kaum

hatte ich dort einen Platz bei dem Schuppen gefunden und meine Sachen

ausgepackt, so tauchte an einem Treppenfenster der Fabrik die Berta auf,

schaute herüber und winkte mir. Ich tat aber, als sähe ich es nicht, und

bückte mich über meine Angel.

Das Wasser strömte dunkel in dem gemauerten Kanal, ich sah meine Gestalt

darin mit wellig zitternden Umrissen gespiegelt, sitzend, der Kopf

zwischen den Fußsohlen. Das Mädchen, das noch drüben am Fenster stand,

rief meinen Namen herüber, ich starrte aber regungslos ins Wasser und

wendete den Kopf nicht um.

Mit dem Angeln war es nichts, auch hier trieben sich die Fische hastig

wie in eiligen Geschäften umher. Von der bedrückenden Wärme ermüdet

blieb ich auf dem Mäuerlein sitzen, nichts mehr von diesem Tag

erwartend, und wünschte, es möchte schon Abend sein. Hinter mir summte

in den Sälen der Spinnerei das ewige Maschinengetöne, der Kanal rieb

sich leise rauschend an den grünbemoosten, feuchten Mauern. Ich war voll

schläfriger Gleichgültigkeit und blieb nur sitzen, weil ich zu träge

war, meine Schnur schon wieder aufzuwickeln.

Aus dieser faulen Dämmerung erwachte ich, vielleicht nach einer halben

Stunde, plötzlich mit einem Gefühl von Sorge und tiefem Unbehagen. Ein

unruhiger Windzug drehte sich gepreßt und widerwillig um sich selber,

die Luft war dick und schmeckte fad, ein paar Schwalben flogen

erschreckt dicht über dem Wasser hinweg. Mir war schwindlig, und ich

meinte, vielleicht einen Sonnenstich zu haben, das Wasser schien stärker

zu riechen, und mir begann ein übles Gefühl, wie vom Magen her, den Kopf

einzunehmen und den Schweiß zu treiben. Ich zog die Angelschnur heraus,

um meine Hände an den Wassertropfen zu erfrischen, und begann mein Zeug

zusammenzupacken.

Als ich aufstand, sah ich auf dem Platz vor der Spinnerei den Staub in

kleinen spielenden Wölkchen wirbeln, plötzlich stieg er hoch und in eine

einzige Wolke zusammen, hoch oben in den erregten Lüften flohen Vögel

wie gepeitscht davon, und gleich darauf sah ich talherabwärts die Luft

weiß werden wie in einem dicken Schneesturm. Der Wind, sonderbar kühl

geworden, sprang wie ein Feind auf mich herab, riß die Fischleine aus

dem Wasser, nahm meine Mütze mit und schlug mich wie mit Fäusten ins

Gesicht.

Die weiße Luft, die eben noch wie eine Schneewand über fernen Dächern

gestanden hatte, war plötzlich um mich her, kalt und schmerzhaft, das

Kanalwasser spritzte hoch auf wie unter schnellen Mühlradschlägen, die

Angelschnur war fort, und um mich her tobte schnaubend und vernichtend

eine weiße brüllende Wildnis, Schläge trafen mir Kopf und Hände, Erde

spritzte an mir empor, Sand und Holzstücke wirbelten in der Luft.

Alles war mir unverständlich; ich fühlte nur, daß etwas Furchtbares

geschehe und daß Gefahr sei. Mit einem Satz war ich beim Schuppen und

drinnen, blind vor Überraschung und Schrecken. Ich hielt mich an einem

eisernen Träger fest und stand betäubte Sekunden atemlos in Schwindel

und animalischer Angst, bis ich zu begreifen begann. Ein Sturm, wie ich

ihn nie gesehen oder für möglich gehalten hatte, riß teuflisch vorüber,

in der Höhe klang ein banges oder wildes Sausen, auf das flache Dach

über mir und auf den Erdboden vor dem Eingang stürzte weiß in dicken

Haufen ein grober Hagel, dicke Eiskörner rollten zu mir herein. Der Lärm

von Hagel und Wind war furchtbar, der Kanal schäumte gepeitscht und

stieg in unruhigen Wogen an den Mauern auf und nieder.

Ich sah, alles in einer Minute, Bretter, Dachschindeln und Baumzweige

durch die Luft dahingerissen, fallende Steine und Mörtelstücke, alsbald

von der Masse der darüber geschleuderten Hagelschloßen bedeckt; ich

hörte wie unter raschen Hammerschlägen Ziegel brechen und stürzen, Glas

zersplittern, zerbeulte Dachrinnen stürzen.

Jetzt kam ein Mensch dahergelaufen, von der Fabrik her quer über den

eisbedeckten Hof, mit flatternden Kleidern schräg wider den Sturm

gelegt. Kämpfend taumelte die Gestalt näher, mir entgegen, mitten aus

der scheußlich durcheinander gewühlten Sintflut. Sie trat in den

Schuppen, lief auf mich zu, ein stilles fremd-bekanntes Gesicht mit

großen liebevollen Augen schwebte mit schmerzlichem Lächeln dicht vor

meinem Blick, ein stiller warmer Mund suchte meinen Mund und küßte mich

lange in atemloser Unersättlichkeit, Hände umschlangen meinen Hals, und

blondes feuchtes Haar preßte sich an meine Wangen, und während ringsum

der Hagelsturm die Welt erschütterte, überfiel ein stummer, banger

Liebessturm mich tiefer und schrecklicher.

Wir saßen auf einem Bretterstoß, ohne Worte, eng umschlungen, ich

streichelte scheu und verwundert Bertas Haar und drückte meine Lippen

auf ihren starken, vollen Mund, ihre Wärme umschloß mich süß und

schmerzlich. Ich tat die Augen zu, und sie drückte meinen Kopf an ihre

klopfende Brust, in ihren Schoß und strich mit leisen, irren Händen über

mein Gesicht und Haar.

Da ich die Augen aufschlug, von einem Sturz in Schwindelfinsternis

erwachend, stand ihr ernstes, kräftiges Gesicht in trauriger Schönheit

über mir, und ihre Augen sahen mich verloren an. Von ihrer hellen Stirne

lief, unter den verwirrten Haaren hervor, ein schmaler Streifen

hellroten Blutes über das ganze Gesicht und bis in den Hals hinab.

„Was ist? Was ist denn geschehen?“ rief ich angstvoll.

Sie sah mir tiefer in die Augen und lächelte schwach.

„Ich glaube, die Welt geht unter,“ sagte sie leise, und der dröhnende

Wetterlärm verschlang ihre Worte.

„Du blutest,“ sagte ich.

„Das ist vom Hagel. Laß nur! Hast du Angst?“

„Nein. Aber du?“

„Ich habe keine Angst. Ach du, jetzt fällt die ganze Stadt zusammen.

Hast du mich denn gar nicht lieb, du?“

Ich schwieg und schaute gebannt in ihre großen, klaren Augen, die waren

voll betrübter Liebe, und während sie sich über meine senkten und

während ihr Mund so schwer und zehrend auf meinem lag, sah ich

unverwandt in ihre ernsten Augen, und am linken Auge vorbei lief über

die weiße, frische Haut das dünne hellrote Blut. Und indessen meine

Sinne trunken taumelten, strebte mein Herz davon und wehrte sich mit

Verzweiflung dagegen, so im Sturm und wider seinen Willen weggenommen zu

werden. Ich richtete mich auf, und sie las in meinem Blick, daß ich

Mitleid mit ihr habe.

Da bog sie sich zurück und sah mich wie zürnend an, und da ich ihr in

einer Bewegung von Bedauern und Sorge die Hand hinstreckte, nahm sie die

Hand mit ihren beiden, senkte ihr Gesicht darein, sank kniend nieder und

begann zu weinen, und ihre Tränen liefen warm über meine zuckende Hand.

Verlegen schaute ich zu ihr nieder, ihr Kopf lag schluchzend über meiner

Hand, auf ihrem Nacken spielte schattig ein weicher Haarflaum. Wenn das

nun eine andere wäre, dachte ich heftig, eine, die ich wirklich liebte

und der ich meine Seele hingeben könnte, wie wollte ich in diesem süßen

Flaum mit liebenden Fingern wühlen und diesen weißen Nacken küssen! Aber

mein Blut war stiller geworden, und ich litt Qualen der Scham darüber,

diese da zu meinen Füßen knien zu sehen, welcher ich nicht gewillt war,

meine Jugend und meinen Stolz hinzugeben.

Dieses alles, das ich durchlebte wie ein verzaubertes Jahr und das mir

heute noch mit hundert kleinen Regungen und Gebärden wie ein großer

Zeitraum im Gedächtnis steht, hat in der Wirklichkeit nur wenige Minuten

gedauert. Eine Helligkeit brach unvermutet herein, Stücke blauen Himmels

schienen feucht in versöhnlicher Unschuld hervor, und plötzlich,

messerscharf abgeschnitten, fiel das Sturmgetöse in sich zusammen, und

eine erstaunliche, unglaubhafte Stille umgab uns.

Wie aus einer phantastischen Traumhöhle trat ich aus dem Schuppen hervor

an den wiedergekehrten Tag, verwundert, daß ich noch lebe. Der öde Hof

sah übel aus, die Erde zerwühlt und wie von Pferden zertreten, überall

Haufen von großen eisigen Schloßen, mein Angelzeug war fort und auch der

Fischeimer verschwunden. Die Fabrik war voll Menschengetöse, ich sah

durch hundert zerschlagene Scheiben in die wogenden Säle, aus allen

Türen drängten Menschen hervor. Der Boden lag voll von Glasscherben und

zerborstenen Ziegelsteinen, eine lange blecherne Dachrinne war

losgerissen und hing schräg und verbogen über das halbe Haus herab.

Nun vergaß ich alles, was eben noch gewesen war, und fühlte nichts als

eine wilde, ängstliche Neugierde, zu sehen, was eigentlich passiert wäre

und wieviel Schlimmes das Wetter angerichtet habe. Alle die

zerschlagenen Fenster und Dachziegel der Fabrik sahen im ersten

Augenblick recht wüst und trostlos aus, aber schließlich war doch das

alles nicht gar so gräßlich und stand nicht recht im Verhältnis zum

furchtbaren Eindruck, den der Zyklon mir gemacht hatte. Ich atmete auf,

befreit und halb auch wunderlich enttäuscht und ernüchtert: die Häuser

standen wie zuvor, und zu beiden Seiten des Tales waren auch die Berge

noch da. Nein, die Welt war nicht untergegangen.

Indessen, als ich den Fabrikhof verließ und über die Brücke in die erste

Gasse kam, gewann das Unheil doch wieder ein schlimmeres Ansehen. Das

Sträßlein lag voll von Scherben und zerbrochenen Fensterladen, zwei

Schornsteine waren herabgestürzt und hatten Stücke der Dächer

mitgerissen, Menschen standen vor allen Türen, bestürzt und klagend,

alles, wie ich es auf Bildern belagerter und eroberter Städte gesehen

hatte. Steingeröll und Baumäste versperrten den Weg, Fensterlöcher

starrten überall hinter Splittern und Scherben, Gartenzäune lagen am

Boden oder hingen klappernd über Mauern herab. Kinder wurden vermißt und

gesucht, Menschen sollten auf den Feldern vom Hagel erschlagen worden

sein. Man zeigte Hagelstücke herum, groß wie Talerstücke und noch

größere.

Noch war ich zu erregt, um nach Hause zu gehen und den Schaden im

eigenen Hause und Garten zu betrachten; auch fiel mir nicht ein, daß man

mich vermissen könnte, es war mir ja nichts geschehen. Ich beschloß,

noch einen Gang ins Freie zu tun, statt weiter durch diese Scherben zu

stolpern, und mein Lieblingsort kam mir verlockend in den Sinn, der alte

Festplatz neben dem Friedhof, in dessen Schatten ich alle großen Feste

meiner Knabenjahre gefeiert hatte. Verwundert stellte ich fest, daß ich

erst vor vier, fünf Stunden auf dem Heimweg von den Felsen dort

vorübergegangen sei; es schienen mir lange Zeiten seither vergangen.

Und so ging ich die Gasse zurück und über die untere Brücke, sah

unterwegs durch eine Gartenlücke unsern roten sandsteinernen Kirchturm

wohlerhalten stehen und fand auch die Turnhalle nur wenig beschädigt.

Weiter drüben stand einsam ein altes Wirtshaus, dessen Dach ich von

weitem erkannte. Es stand wie sonst, sah aber doch sonderbar verändert

aus, ich wußte nicht gleich warum. Erst als ich mir Mühe gab, mich genau

zu besinnen, fiel mir ein, daß vor dem Wirtshause immer zwei hohe

Pappeln gestanden waren. Diese Pappeln waren nicht mehr da. Ein uralt

vertrauter Anblick war zerstört, eine liebe Stelle geschändet.

Da stieg mir eine böse Ahnung auf, es möchte noch mehr und noch Edleres

verdorben sein. Mit einemmal fühlte ich mit beklemmender Neuheit, wie

sehr ich meine Heimat liebte, wie tief mein Herz und Wohlsein abhängig

war von diesen Dächern und Türmen, Brücken und Gassen, von den Bäumen,

Gärten und Wäldern. In neuer Erregung und Sorge lief ich rascher, bis

ich drüben bei dem Festplatze war.

Da stand ich still und sah den Ort meiner liebsten Erinnerungen namenlos

verwüstet in völliger Zerstörung liegen. Die alten Kastanien, in deren

Schatten wir unsere Festtage gehabt hatten und deren Stämme wir als

Schulknaben zu dreien und vieren kaum hatten umarmen können, die lagen

abgebrochen, geborsten, mit den Wurzeln ausgerissen und umgestülpt, daß

hausgroße Löcher im Boden klafften. Nicht einer stand mehr an seinem

Platze, es war ein schauderhaftes Schlachtfeld, und auch die Linden und

die Ahorne waren gefallen, Baum an Baum. Der weite Platz war ein

ungeheurer Trümmerhaufen von Ästen, gespaltenen Stämmen, Wurzeln und

Erdblöcken, mächtige Stämme standen noch im Boden, aber ohne Baum,

abgeknickt und abgedreht mit tausend weißen, nackten Splittern.

Es war nicht möglich weiterzugehen, Platz und Straße waren haushoch von

durcheinander geworfenen Stämmen und Baumtrümmern gesperrt, und wo ich

seit den ersten Kinderzeiten nur tiefen heiligen Schatten und hohe

Baumtempel gekannt hatte, starrte der leere Himmel über der Vernichtung.

Mir war, als sei ich selber mit allen geheimen Wurzeln ausgerissen und

in den unerbittlich grellen Tag gespien worden. Tagelang ging ich umher

und fand keinen Waldweg, keinen vertrauten Nußbaumschatten, keine von

den Eichen der Bubenkletterzeit mehr wieder, überall weit um die Stadt

nur Trümmer, Löcher, gebrochene Waldhänge wie Gras hingemäht,

Baumleichen klagend mit entblößtem Wurzelwerk zur Sonne gekehrt.

Zwischen mir und meiner Kindheit war eine Kluft aufgebrochen, und meine

Heimat war nicht die alte mehr. Die Lieblichkeit und die Torheit der

gewesenen Jahre fielen von mir ab, und bald darauf verließ ich die

Stadt, um ein Mann zu werden und das Leben zu bestehen, dessen erste

Schatten mich in diesen Tagen gestreift hatten.

Schön ist die Jugend

Erstes Kapitel

Sogar mein Onkel Matthäus hatte auf seine Art eine kleine Freude daran,

mich wiederzusehen. Wenn ein junger Mann ein paar Jahre lang weit in der

Fremde herum gewesen ist und kommt dann eines Tages wieder und ist etwas

Anständiges geworden, dann lächeln auch die vorsichtigsten Verwandten

und schütteln ihm erfreut die Hand.

Wenn es mir noch einmal im Leben so gut ergeht und so wohl im Herzen

wird wie in jenem Sommer, so will ich es dankbar hinnehmen.

Wahrscheinlich ist es aber nicht, und wenn böse Zeiten für mich kommen,

wird mir vielleicht die Erinnerung an gewesene schöne Jahre tröstlicher

sein als die ungewisse Hoffnung auf spätere neue Glückszeiten. Darum und

weil es für mich an der Zeit ist, von den Jünglingsjahren Abschied zu

nehmen, schreibe ich mir auf, was ich noch von den Erlebnissen jenes

Sommers weiß. Es war mein letzter sorgenloser Feriensommer, und wenn er

auch noch nicht gar weit zurückliegt, so steht er doch schon verklärt in

meiner Erinnerung und schaut mich glänzend an wie aus einem verlorenen

Paradiesgarten her.

Der kleine braune Koffer, in dem ich meine Habe trug, war noch ganz neu,

mit gutem Schloß und glänzenden Riemen. Er enthielt zwei saubere Anzüge,

Wäsche genug, ein neues Paar Stiefel, einige Bücher und Photographien,

zwei schöne Tabakspfeifen und eine Taschenpistole. Außerdem brachte ich

meinen Geigenkasten und einen Rucksack voll Kleinigkeiten mit, zwei

Hüte, einen Stock und einen Schirm, einen leichten Mantel und ein Paar

noble Gummischuhe, alles ziemlich neu und solid, und überdies trug ich

in der Brusttasche vernäht über zweihundert Mark Erspartes und einen

Brief, in dem mir auf den Herbst eine gute Stelle im Ausland zugesagt

war. An alledem hatte ich stattlich zu tragen und kehrte nun mit dieser

Ausrüstung nach längerer Wanderzeit als ein Herr in meine Heimat zurück,

die ich als schüchternes Sorgenkind verlassen hatte.

Vorsichtig langsam fuhr der Zug in großen Windungen den Hügel abwärts,

und mit jeder Windung wurden Häuser, Gassen, Fluß und Gärten der unten

liegenden Stadt näher und deutlicher. Bald konnte ich die Dächer

unterscheiden und die bekannten darunter aussuchen, bald auch schon die

Fenster zählen und die Storchennester erkennen, und während aus dem Tale

mir Kindheit und Knabenzeit und tausendfache köstliche Heimaterinnerung

entgegenwehte, schmolz mein übermütiges Heimkehrgefühl und meine Lust,

den Leuten da drunten recht zu imponieren, langsam dahin und wich einem

dankbaren Erstaunen. Das Heimweh, das mich im Lauf der Jahre verlassen

hatte, kam nun in der letzten Viertelstunde mächtig in mir herauf, jeder

Ginsterbusch am Bahnsteig und jeder wohlbekannte Gartenzaun ward mir

wunderlich teuer, und ich bat ihn um Verzeihung dafür, daß ich ihn so

lang hatte vergessen und entbehren können.

Als der Zug über unserm Garten hinwegfuhr, stand im obersten Fenster des

alten Hauses jemand und winkte mit einem großen Handtuch; das mußte mein

Vater sein. Und auf der Veranda standen meine Mutter und die Magd mit

Tüchern, und aus dem obersten Schornstein floß ein leichter blauer Rauch

vom Kaffeefeuer in die warme Luft und über das Städtchen hinweg. Das

gehörte nun alles wieder mir, hatte auf mich gewartet und hieß mich

willkommen, und mitten in meiner mächtigen Freude schämte ich mich und

wurde still, denn so schön und lieb hatte ich mir die Heimat nicht mehr

denken können.

Am Bahnhof lief der alte bärtige Portier mit derselben Aufregung wie

früher auf und ab und drängte die Leute vom Geleise weg, und unter den

Leuten sah ich meine Schwester und meinen jüngeren Bruder stehen und

erwartungsvoll nach mir ausblicken. Mein Bruder hatte für mein Gepäck

den kleinen Handwagen mitgebracht, der die ganzen Bubenjahre hindurch

unser Stolz gewesen war. Auf den luden wir meinen Koffer und Rucksack,

Fritz zog an, und ich ging mit der Schwester hinterdrein. Sie tadelte

es, daß ich mir jetzt die Haare so kurz scheren lasse, fand meinen

Schnurrbart hingegen hübsch und meinen neuen Koffer äußerst nobel. Wir

lachten und sahen uns in die Augen, gaben einander von Zeit zu Zeit

wieder die Hände und nickten dem Fritz zu, der mit dem Wägelchen

vorausfuhr und sich öfters umdrehte. Er war so groß wie ich und

stattlich breit geworden. Während er vor uns herging, fiel mir plötzlich

ein, daß ich ihn als Knabe mehrmals bei Streitereien geschlagen hatte,

ich sah sein Kindergesicht wieder und seine beleidigten oder traurigen

Augen, und fühlte etwas von derselben peinlichen Reue, die ich auch

damals immer spürte, sobald der Zorn vertobt war. Nun schritt Fritz groß

und erwachsen einher und hatte schon blonden Flaum ums Kinn.

Wir kamen durch die Allee von Kirschen- und Vogelbeerbäumen, am oberen

Steg vorbei, an einem neuen Kaufladen und vielen alten unveränderten

Häusern vorüber. Dann kam die Brückenecke, und da stand wie immer meines

Vaters Haus mit offenen Fenstern, durch die ich unsern Papagei pfeifen

hörte, daß mir vor Erinnerung und Freude das Herz heftig schlug. Durch

die kühle, dunkle Toreinfahrt und den großen steinernen Hausgang trat

ich ein und eilte die Treppe hinauf, auf der mir der Vater entgegenkam.

Er küßte mich, lächelte und klopfte mir auf die Schulter, dann führte er

mich still an der Hand bis zur oberen Flurtüre, wo meine Mutter stand

und mich in die Arme nahm.

Darauf kam die Magd Christine gelaufen und gab mir die Hand, und in der

Wohnstube, wo der Kaffee bereit stand, begrüßte ich den Papagei Polly.

Er kannte mich sogleich wieder, stieg vom Rand seines Käfigdaches auf

meinen Finger herüber und senkte den schönen grauen Kopf, um sich

streicheln zu lassen. Die Stube war frisch tapeziert, sonst war alles

gleich geblieben, von den Bildern der Großeltern und dem Glasschrank bis

zu der mit altmodischen Lilablumen bemalten Standuhr. Die Tassen standen

auf dem gedeckten Tisch, und in der meinen stand ein kleiner

Resedenstrauß, den ich herausnahm und ins Knopfloch steckte.

Mir gegenüber saß die Mutter und sah mich an und legte mir Milchwecken

hin; sie ermahnte mich, über dem Reden das Essen nicht zu versäumen, und

stellte doch selber eine Frage um die andere, die ich beantworten mußte.

Der Vater hörte schweigend zu, strich seinen grau gewordenen Bart und

sah mich durch die scharfen Brillengläser freundlich prüfend an. Und

während ich ohne übertriebene Bescheidenheit von meinen Erlebnissen,

Taten und Erfolgen berichtete, fühlte ich wohl, daß ich das Beste von

allem diesen beiden zu danken habe.

An diesem ersten Tag wollte ich gar nichts sehen als das alte Vaterhaus,

für alles andere war morgen und später noch Zeit genug. So gingen wir

nach dem Kaffee durch alle Stuben, durch Küche, Gänge und Kammern, und

fast alles war noch wie einstmals, und einiges Neue, das ich entdeckte,

kam den andern auch schon alt und selbstverständlich vor, und sie

stritten, ob es nicht schon zu meinen Zeiten so gewesen sei.

Der Garten war anders geworden und sah feiner und herrschaftlicher aus

als früher. Die gleichen Reihen rechteckiger Gemüsebeete waren

verschwunden, da Mama doch alterte und nicht mehr danach hätte schauen

können. Statt dessen waren ein großes rundes Mittelbeet und vier ovale

Seitenbeete angelegt, dazwischen gewundene Sandwege, und mein Vater war

ein eifriger Gärtner geworden und hatte eine Menge von Rosen, Dahlien,

Levkoien, Balsaminen und anderen farbigen Sommerflor gepflanzt. Nur die

alten Beerensträucher waren fast alle noch da. Die vom Vater gepflanzten

Tannen waren hoch geworden und gaben Schatten; und die Veranda war ganz

von Geißblatt und Pfeifenkraut eingesponnen. Der ehemalige Hasenstall

war weggeräumt und die Wasserleitung verbessert. Man fürchtete eine

längere Trockenheit, und ich erhielt Anweisungen fürs tägliche Gießen

der Beete und Topfpflanzen. Für die feineren Gewächse mußte das Wasser

vorher an der Sonne gewärmt werden.

In dem kleinen Garten, der zwischen Efeumauern am Bergabhange liegt,

schien die fröhliche Nachmittagsonne auf saubere Wege und

Tropfsteineinfassungen, auf das halbvolle Wasserfaß und auf die prächtig

farbigen Beete, daß alles lachte. Wir setzten uns auf der Veranda in

bequeme Stühle; dort floß das durch die großen transparenten Blätter des

Pfeifenstrauches eindringende Sonnenlicht gedämpft und warm und

lichtgrün, ein paar Bienen sumsten schwer und trunken dahin und hatten

ihren Weg verloren. Der Vater sprach zum Dank für meine Heimkehr mit

entblößtem Haupt das Vaterunser, wir standen still und hatten die Hände

gefaltet, und obwohl die ungewohnte Feierlichkeit mich ein wenig

bedrückte, hörte ich doch die alten heiligen Worte mit Freude und sprach

das Amen dankbar mit.

Dann ging Vater in seine Studierstube, und die Geschwister liefen weg,

es ward ganz still, und ich saß allein mit meiner Mutter an dem Tisch.

Das war ein Augenblick, auf den ich mich schon gar lang gefreut und auch

gefürchtet hatte. Denn wenn auch meine Rückkehr erfreulich und

willkommen war, so war doch mein Leben in den letzten Jahren nicht

durchaus sauber und durchsichtig gewesen. Vielmehr hatte ich in Briefen

mich öfters zu gefährlichen modernen Ideen bekannt und Streit oder

Ermahnungen hervorgerufen, auch hatte meine Jugend und die ungewohnte

Freiheit des Lebens unter Fremden mich auf manche Irrwege geführt, die

ich zum Teil noch nicht einmal bereuen konnte.

Nun schaute mich die Mutter mit ihren schönen, warmen Augen an und las

auf meinem Gesicht und überlegte sich vielleicht, was sie sagen und

wonach sie fragen sollte. Ich hielt befangen still und spielte mit

meinen Fingern, auf ein Examen gefaßt, das im ganzen zwar nicht allzu

unrühmlich, im einzelnen jedoch recht beschämend ausfallen würde.

Sie sah mir eine Weile ruhig in die Augen, dann nahm sie meine Hand in

ihre feinen, kleinen Hände.

„Betest du auch noch manchmal?“ fragte sie leise.

„In der letzten Zeit nicht mehr,“ mußte ich sagen, und sie blickte mich

ein wenig bekümmert an.

„Du lernst es schon wieder,“ meinte sie dann. Und ich sagte:

„Vielleicht.“

Dann schwieg sie eine Weile und fragte schließlich: „Aber gelt, ein

rechter Mann willst du werden?“

Schön ist die Jugend: Zwei Erzählungen · 第 1 / 5 段