»Abendblätter« ein. Er selbst schrieb nicht eigentlich politische
Leitartikel. Das besorgte Adam Müller, und dieser stand mit seiner
Überzeugung ganz auf Seiten der starr konservativen Elemente, deren
Weltanschauung der Oberstleutnant von Ompteda, auch ein Mitarbeiter
der »Abendblätter«, einmal dahin formulierte: »Wenn Voltaire sehr früh
in die Bastille gesetzt und darin vergessen, Rousseau von Frau von
Warens in einem Narrenhospitale versorgt und Basedow im Schuldturme
festgehalten worden wäre, sähe es höchst wahrscheinlich in Frankreich,
Deutschland und dem übrigen Europa ganz anders, und besser aus.« Zwei
politische Richtungen bekämpften damals einander bis aufs Blut; die
eine, die Preußen als ausgesprochenen Agrarstaat erhalten wollte;
die andere, die nach dem neuen Evangelium Adam Smiths Freihandel,
freie Konkurrenz und ungehemmteste Entwicklung aller wirtschaftlichen
Kräfte ohne Vorrechte und Monopole als Losung des modernen Weltbürgers
ausgaben. Hardenbergs Finanzreform empfand die preußische Junkerpartei,
der Adel, die Agrarier und das Militär, als eine unmittelbare
Fortsetzung der Französischen Revolution. Dagegen aufzutreten hielten
sie für ihre vaterländische Pflicht; das Ansehen des altpreußischen
Königtums glaubten sie durch diese Neuorientierung erschüttert; ihm
auch gegen den Willen des Herrschers die Treue zu halten, waren sie
fest entschlossen. Müller aber fühlte sich als der literarische
Vertreter dieser Partei, und in den »Abendblättern« dachte er diesen
Kampf auszufechten. Bald stand er in heller Opposition gegen den
Staatskanzler und mußte der neugegründeten Zeitung und seinem Freunde
Kleist zum Verhängnis werden.
Die Opposition gegen Hardenberg.
Hardenbergs Lage war die der heutigen Regierung. Das Staatsgebäude
sollte, ohne vollständig niedergerissen zu werden, ein neues Fundament
erhalten. Eine Erschütterung konnte katastrophale Folgen haben.
Ruhe innen und außen schien unbedingte Notwendigkeit. Der neue
Weg war einmal beschritten, die Reform auf dem Marsche, der König
hatte sein Jawort dazu gegeben. Eine öffentliche Debatte über das
schon Beschlossene konnte nur verwirren; von einer vorberatenden
Mitarbeit irgendwelcher Volksvertreter war ja in Ermangelung jeder
parlamentarischen Form überhaupt nicht die Rede, und Zeitungen,
die eine ausgesprochene Parteipolitik trieben, wozu sich jetzt die
angeblich unpolitischen »Abendblätter« anschickten, waren eine zu neue
Erscheinung, als daß eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen in
Frage gekommen wäre.
Nach einigen vorbereitenden Plänkeleien nahm Adam Müller in einem
Aufsatz »Vom Nationalcredit« (Nr. 41 der »Abendblätter« vom 16.
November) den Kampf gegen das Finanzedikt mit aller Schärfe auf, und
Gruner ließ den Artikel unbeanstandet durch. Sofort (18. November)
erhielt sein Vorgesetzter im Ministerium des Innern, Geh. Rat
Sack, eine von Hardenberg selbst entworfene Kabinettsorder, die
ihm persönlich die strengste Zensur derartiger Blätter, Zeit- und
Flugschriften, auferlegte, die »so allgemein vom Publikum gelesen«
würden; es gäbe jetzt nichts Schädlicheres, als wenn durch »dergleichen
hingeworfene ganz unreife Aufsätze« Mißtrauen gegen die Maßregeln der
Regierung erweckt werde; dem bisherigen Zensor scheine die richtige
Beurteilung dafür zu mangeln, daß solche Artikel in den »Abendblättern«
»gar sehr am unrechten Orte« seien.
Heinrich von Kleist und die Würde der Presse.
Wohin seines Freundes Polemik gegen den allmächtigen Minister führen
mußte, sah Kleist deutlich voraus. Ließ er Müller noch einmal in jenem
Sinne zu Worte kommen, so war das Schicksal der »Abendblätter« und
damit sein eigenes besiegelt. Er stand aufs neue vor dem Nichts, denn
was ihm seine Dichtungen eintrugen, reichte kaum aus, seinen Barbier
zu bezahlen. Seine starken Gegenwartsstücke, »Prinz Friedrich von
Homburg« und »Die Hermannsschlacht«, lagen fertig in seinem Pult;
aber kein Theaterdirektor und kein Verleger wagten sich daran, die
Zensur hätte diesen Überschwang des Patriotismus mit allen Mitteln
niedergehalten. Das Recht zu leben nahm der Dichter aber noch für sich
in Anspruch, und dazu sollten ihm die »Abendblätter« dienen. Hier
vollzog sich nun eine psychologische Wendung, die der für ihren Helden
eintretenden Kleistforschung immer einige Verlegenheit bereiten wird.
Zweifellos waren die Auffassungen von der Würde der Presse damals noch
sehr primitiv; das mag jeden andern vielleicht entschuldigen, aber auch
Kleist? Kurzum, er wußte sich, um den Bestand der »Abendblätter« zu
sichern, nicht anders zu helfen, als daß er sein Blatt der Regierung
als offizielles Organ antrug. Hardenberg erklärte sich zu einer nicht
näher bezeichneten Unterstützung bereit, wenn das Blatt »zweckmäßig«
geleitet werde. Was er darunter verstand, war klar: völliges Aufgeben
aller Selbständigkeit und unbedingtes Eintreten für die Regierung.
Für diese Aufgabe seiner Selbständigkeit wollte Kleist den offiziellen
Charakter seiner Zeitung öffentlich anerkannt sehen. Dagegen wieder
sträubte sich Hardenberg, der als kluger Staatsmann wußte, daß die
»Liebe des freien Mannes« ganz anders wirkt als die des erwiesenen
journalistischen Söldners. Die Verhandlungen darüber zogen sich zwei
Monate hin. Kleist duldete, daß die Regierung seine Zeitung mit
offiziellen Beiträgen überschwemmte, und mußte sich gefallen lassen,
daß die Zensur in dieser Zeit mehr als die Hälfte aller seiner Artikel
strich. Dabei konnte er es sich doch nicht versagen, eine verschleierte
Opposition fortzusetzen, jetzt unter der Maske des Lobes, wofür ihm
Hardenberg schwerlich Dank wußte.
Dennoch kam ihm dieser so weit entgegen, daß er allen ministeriellen
Departements empfahl, die »Abendblätter« mit amtlichen Nachrichten zu
versehen. Aber er hatte mehr versprochen, als er halten konnte, und war
sich der rechtlichen Konsequenz dieses Schrittes offenbar selbst nicht
bewußt gewesen.
Eine Zensurverfügung gegen Kleists »Abendblätter«.
Sobald Kleists »Abendblätter« durch ministerielle Beiträge
innerpolitischer Art offen unterstützt wurden, traten sie in
Konkurrenz mit den beiden andern politischen Berliner Tageszeitungen,
die ein unantastbares Privileg besaßen. Die privilegierten Zeitungen
schlugen denn auch sofort Lärm, als Kleist am Ende des ersten Quartals
die politische Neugestaltung seines Blattes voreilig bekanntmachte. Der
Zensor Himly nahm sich ihrer pflichtgemäß an, und die Verhandlungen
mit Hardenberg liefen urplötzlich auf das Gegenteil dessen hinaus,
was Kleist nach den ebenso vorschnellen Versicherungen des Kanzlers
hatte erwarten dürfen: am 29. Dezember 1810 wurde ihm die Aufnahme
politischer Originalartikel ein für allemal untersagt! Man verwies
ihn ausschließlich auf das, was die »Vossische« und »Spenersche« an
politischem Material unter ordungsgemäßer Zensur Himlys bringen würden.
Die Verzweiflung Kleists über dieses Fehlschlagen seiner Hoffnungen
ist begreiflich. Sein Blatt war dadurch tatsächlich schon ruiniert.
Womit sollte er einen neuen Leserkreis gewinnen? Den früheren hatte er
zum größten Teil eingebüßt mit dem Augenblick, als er die Spalten der
»Abendblätter« Hardenberg zur Verfügung stellte; selbst den nächsten
Freunden war ihre Haltung »verächtlich« geworden, ihr Kredit war dahin,
und ihr Absatz hatte so stark nachgelassen, daß es Mühe kostete, sie
für das zweite Quartal bei einem andern Verleger unterzubringen; der
erste, Hitzig, hatte schleunigst seine Hand davon abgezogen, als sie
keinen Gewinn mehr versprachen.
Die Vernichtung der »Berliner Abendblätter«.
Aber konnte Kleist, wenn ihm die äußere und innere Politik
verschlossen war, aus den »Abendblättern« nicht wenigstens ein gutes
Unterhaltungsblatt schaffen? Auch dieses hat ihm Hardenberg unmöglich
gemacht! Läßt sich in politischer Beziehung des Staatskanzlers Vorgehen
begreifen -- entschieden ins Unrecht setzte er sich dadurch, daß
er den »Abendblättern« auch das weite allgemein kulturelle Gebiet
der Kunst, Literatur und Wissenschaft verschloß, auf dem sie sich
erfolgreich hätten betätigen können. Es sollte auch in diesen Dingen
keine Ansicht laut werden, die den gerade an maßgebender Stelle
herrschenden widerstritt. Kleist aber und seine Freunde gehörten zu
den Pechvögeln, denen es nun einmal nicht gegeben ist, ihren Flug dem
gerade herrschenden Winde anzupassen.
Zu der damaligen innern Reform Preußens gehörte die Neueinrichtung
der Volksschule nach dem System Pestalozzis. Kleist und seine
Standesgenossen waren keine Freunde des Schweizer Pädagogen; ihr
aristokratisches Empfinden sträubte sich gegen sein internationales
Gleichheitssystem und verlangte im Gegensatz dazu nationale und
individuelle Erziehung. Solche Probleme hätten sich, sollte man
meinen, doch wohl öffentlich erörtern lassen. Weit gefehlt! Die
Zensur duldete das nicht. Ein erster Artikel von Adam Müller über die
neu gegründete Berliner Universität hatte sogleich den heftigsten
Anstoß erregt -- Grund genug für den Zensor, auch diese Debatte zu
verbieten. Kleist und seine Freunde glaubten bei der Besetzung der
Lehrstühle ein Wort mitreden zu dürfen -- man schloß ihnen den Mund.
Ein Nachruf auf den 1810 in München gestorbenen Physiker Ritter wurde
gestrichen, denn die Regierung empfand es als einen unbequemen Vorwurf,
wenn der Wahrheit gemäß gesagt werden mußte, daß Ritter einer von
den geborenen Preußen war, die wie Winckelmann, Herder, Fernow und
andere im Vaterlande nichts gegolten und dem Ausland ihre Dienste
hatten widmen müssen. Die Leitung der Berliner Kunstakademie konnte
den Romantikern der »Abendblätter« wenig gefallen; flugs gehörte auch
dieses Thema zu den verpönten. Schlechterdings überall stießen sie
auf ein ~Noli me tangere~, und selbst eine alberne Lokalnachricht
über eine Studentenschlägerei brachte sie in Konflikt mit der
Universitätsverwaltung; es half ihnen nichts, daß die Notiz aus dem
Büro des Polizeipräsidenten selbst stammte, sie hatten den Nachteil.
»Rad und Wagenschmiere.«
Ihren Höhepunkt erreichte diese Gewaltherrschaft der unmittelbar von
Hardenberg beeinflußten Zensur bei Behandlung der Theaterkritik. An
der Spitze des Berliner Hoftheaters stand noch immer Iffland, gegen
dessen ganze Richtung die Romantiker und Patrioten aus ästhetischen und
Standesrücksichten Front machten. Kleist war obendrein gegen Iffland
persönlich gereizt, da er nicht einmal sein »Käthchen von Heilbronn«
aufführte; strenge Objektivität von einem Dichter in solcher Lage zu
verlangen, ist eine übermenschliche Forderung. Gegen Iffland führten
also die »Abendblätter« einen lustigen Kleinkrieg mit Ernst und
Satire. In dem Punkte sind alle Theaterdirektoren empfindlich und
ebensowenig objektiv. Zufällig kam es am 26. November 1810 bei der
zweiten Aufführung von Weigls »Schweizerfamilie« zu einem solennen
Theaterskandal; die Darstellerin der Hauptrolle paßte einer Klique von
Offizieren nicht. Auch Kleist hatte sich in diesem Sinne ausgesprochen,
was sein gutes Recht war. Die Vorstellung wurde durch laute
Mißfallensäußerungen unterbrochen. Iffland beschwerte sich, drohte mit
Abdankung; eine Untersuchung des Vorfalls hatte den Erfolg, daß etliche
der militärischen Kunstenthusiasten aus der Stadt verwiesen wurden --
gewiß ein warnendes Exempel, denn die Herren wohnten in Charlottenburg!
Die »Abendblätter« aber waren wieder das »Karnickel«. Ob Iffland, der
sich bei seinem früheren persönlichen Konflikt mit Kleist wegen des
»Käthchens von Heilbronn« tadellos gegen den Dichter benommen hat, zu
der Maßregelung der »Abendblätter« selbst den Anstoß gab, ist nicht
erwiesen, liegt aber nahe und wäre menschlich verständlich, hatte
er doch schon 1803 das Verbot aller Theaterkritiken gefordert, dem
sich der Zensor Renfner mit Recht widersetzte. Nicht verständlich
aber ist, daß die Zensurbehörde 1810 seiner Empörung nicht den
nötigen Dämpfer aufsetzte, sondern im Gegenteil seine Sache zur ihren
machte und unmittelbar darauf, Anfang Dezember, der Zeitung Kleists
und -- des bessern Aussehens wegen -- auch dem ganz ungefährlichen
Unterhaltungsblatt »Der Freimüthige« die weitere Führung der Berliner
Theaterkritik ein für allemal untersagte! Unter Hardenbergs Regime
duldete man es also nicht, daß ein Journalist und Dichter wie Kleist
über die Führung des Königlichen Hoftheaters eine andere Meinung hatte
als der amtierende Theaterdirektor selbst! Arnim hatte gewiß nicht
unrecht, wenn er den Witz machte, Iffland und Hardenberg hingen »wie
Rad und Wagenschmiere« zusammen. Drei Jahre später stellte derselbe
Iffland wieder den Antrag, alle Kritiken über Neuaufführungen bis nach
der dritten Vorstellung zu verbieten. Diesmal aber erhielt er die
Antwort, das widerstreite »der Freiheit des Urteilens«. Aber 1810 ließ
man sich um diese Freiheit des Urteils noch keine grauen Haare wachsen,
sondern hing dem unbequemen Kritiker einfach den Maulkorb um und fragte
nicht danach, ob durch solch ein radikales Verbot eine Zeitung wie die
»Abendblätter« und mit ihr der Herausgeber zugrunde gingen.
Kleists Ende.
Und mit ihr der Herausgeber! Davon ist nichts abzuwaschen! Daß Kleist
völlig mittellos war, steht fest. Das einzige Unternehmen, durch das er
sich über Wasser halten konnte, brach zusammen. In seiner Verzweiflung
verlangte er vom Staatskanzler Entschädigung für die Zugrunderichtung
der »Abendblätter«; die Verhandlungen darüber unter Vermittlung des
ebenfalls über ihn aufgebrachten Regierungsrats Friedrich von Raumer,
des bekannten Historikers, der später selbst sehr viel von der Zensur
auszustehen hatte, gehören zu den unerfreulichsten Momenten in Kleists
Leben. Der Stil, mit dem man solche Gesuche aufsetzt, war Kleist nicht
gegeben. Er erreichte natürlich nichts. Ende März 1811 stellten die
»Abendblätter« ihr Erscheinen ein, und sieben Monate später fand man
ihren Herausgeber mit durchschossener Schläfe dort, wo heute -- am
kleinen Wannsee bei Berlin -- sein Grab eine heilige Stätte geworden
ist.
Der Fall Kleist steht durch die Bedeutung seines Opfers und die
Tragik seines Abschlusses vereinzelt da. Aber nur dadurch! Denn er
war leider der Anfang eines ganzen Systems. Man mag zur Romantik und
selbst zu Kleists Poesie stehen wie man will, das eine läßt sich
nicht bestreiten: die »Abendblätter« waren ein ernsthafter Versuch,
mit bescheidenen äußeren Mitteln in Berlin ein populäres Blatt zu
begründen, das die Weltanschauung einer modernen Literaturbewegung
zum Ausdruck brachte und zugleich das Organ einer politischen Partei
sein wollte. Der Versuch wäre gelungen, er hatte vom ersten Tage an
einen kaum erwarteten großen Erfolg. Die preußische Zensur erstickte
ihn durch ihre unfaßbare Willkür. Das literarische Sündenregister
der preußischen Zensur setzt damit vielversprechend ein und erreicht
bis 1848 eine erschreckende Länge. Was war die Folge? Die Berliner
Zeitschriftenliteratur sank auf einen Tiefstand, der durch nichts zu
unterbieten war. Der schale Witz und die persönliche Skandalsucht
wurden Trumpf in der dortigen Presse, nur auf solchem von der Zensur
bereiteten Boden konnte eine Giftpflanze wie der berühmte Humorist
Saphir gedeihen, dieser Revolverjournalist ~par excellence~, der in
den zwanziger Jahren dort Triumphe feierte und den Geschmack für ein
Menschenalter verdorben hat. Auf diese Weise vernichtete die Literatur
sich schließlich selbst, und der Zensor konnte ruhig schlafen!
Die Verherrlichung des Selbstmords.
Noch der tote Kleist sollte der Zensurbehörde eine Verfügung des Königs
bringen.
Der Berliner Kriegsrat Peguilhen, dem Kleist und seine Freundin
einige Besorgungen aufgetragen, spielte sich als Freund und
Testamentsvollstrecker des Dichters auf und veröffentlichte in der
»Vossischen Zeitung« eine alberne Verherrlichung des Selbstmordes
Kleists. Darauf erließ der König am 27. November 1811 eine
Kabinettsorder, worin es hieß:
»Wenn es jedem, dessen sittliches Gefühl erstorben ist, freystehen
soll, seine verkehrten Ansichten in Blättern, die in jedermanns Hände
kommen, laut und mit anmaßender Verachtung Besserdenkender zu predigen;
so werden alle Bemühungen, Religiosität und Sittlichkeit im Volke
neu zu beleben, vergeblich seyn, indem der Glaube an das einstimmige
Zeugnis jedes unverdorbenen Herzens verdächtig gemacht, das moralische
Urtheil verwirrt, und die Kraft des Volkes im innersten Lebenskeime
vergiftet werden.«
Der König befahl daher, diese seine Meinung gehörigen Orts aufs
nachdrücklichste einzuschärfen, »damit überhaupt bey der Aufsicht auf
die öffentlichen Blätter, der Mißbrauch derselben zur Verbreitung der
Immoralität aufs sorgfältigste verhütet werde«, und dem Zensor der
Zeitung einen ernstlichen Verweis zu erteilen. Außerdem befahl er, die
Schrift über den Tod Kleists, die Peguilhen gleichzeitig angekündigt
hatte, nicht zum Druck zu verstatten. -- Sie erschien denn auch damals
nicht, sondern wurde erst zweiundsechzig Jahre später veröffentlicht.
10. Bürokratie und Militarismus.
Ach, Herr! Gesegn' uns Wein und Brot,
Und schlage den Napoleon tot,
Durch uns und mit uns, Amen!
Altes Soldatenlied.
Die Flucht der Patrioten.
Das Jahr 1812 ist das am tiefsten beschämende der Geschichte Preußens.
Am 24. Februar mußte der König mit Napoleon ein förmliches Bündnis
schließen und ebenso wie Österreich zu dem bevorstehenden Feldzug
gegen Rußland Hilfstruppen stellen. Im Mai versammelten sich die
deutschen Fürsten in Dresden zur Huldigung vor dem Imperator; dann kam
dieser als gefeierter Gast seines »allergetreuesten Bundesgenossen«
nach Berlin, und starke französische Besatzungen in der Hauptstadt
und in den Festungen sorgten dafür, daß auch nach dem Durchzug der
französischen Truppen nach Rußland kein Wort des Mißfallens laut wurde.
Den neuen Minister der höheren Polizei, den reaktionären Fürsten zu
Sayn-Wittgenstein, Oberkammerherrn des Königs, und den ebenfalls neuen
Minister des Innern, von Schuckmann, hatte sich der französische
Gesandte selbst ausgesucht. Der »Moniteur« allein gab in Preußen den
Ton an, und von den deutschen Fürsten hatte nur Herzog Karl August den
Mut, sich zu verbitten, daß französische Lügen in preußischen Zeitungen
als Nachrichten aus Weimar umgingen.
Nebst andern Patrioten wie Gneisenau und Clausewitz hatte auch
Gruner sofort nach dem Bündnis mit Frankreich sein Amt niedergelegt
und war nach Österreich gegangen, wo er mit dem Freiherrn vom
Stein den geheimen Minenkrieg und die Erhebung Deutschlands gegen
Napoleon organisierte und vor allem die literarische Offensive durch
Flugschriften und Aufrufe vorbereitete.
Der Umschwung.
Gruners Nachfolger seit dem 10. März 1812 wurde der Kurator des
Büros im Staatskanzleramte, Geh. Staatsrat Friedrich von Bülow, ein
Verwandter und damaliger Vertrauter Hardenbergs; Himly führte jetzt die
Zensur der historisch-politischen Schriften, und der Geh. Legationsrat
Jordan verwaltete mit großer Strenge die Zensur der Zeitungen. Als
er am 22. Januar 1813 mit dem Könige, der sich bei dem beginnenden
Umschwung den Fängen der Franzosen entzog, nach Breslau abging, wurde
wieder der seit 1792 bewährte Staatsrat Renfner sein Nachfolger. Auch
dieser sorgte nach dem Willen des abwesenden Staatskanzlers und der
ihn vertretenden Oberregierungskommission mit von der Goltz an der
Spitze dafür, daß durch keine Entgleisung der öffentlichen Aussprache
das gute Verhältnis zu den Franzosen getrübt wurde. Alle französischen
Siegesbulletins mußten die Berliner Zeitungsleser über sich ergehen
lassen, von dem Strafgericht, das in Rußland über Napoleon hereinbrach,
erzählten nur durchgeschmuggelte Privatnachrichten und Gerüchte,
das grausige Elend des Rückzugs der großen Armee aus Rußland trat
den Berlinern erst leibhaftig vor Augen, als die zerlumpten Reste
durch die Stadt fluteten, den Brand von Moskau und ähnliche Vorfälle
kannte man nur in französischer Beleuchtung, und die Nachricht von
der Konvention von Tauroggen (30. Dezember) ließ die Berliner Zensur
erst am 19. Januar durch, zugleich mit der Nachricht von der Absetzung
des Generals von York und der strengen Verleugnung seiner Tat durch
den König. Schleiermacher, der schon von der Ungültigkeit erzwungener
Verträge zu predigen begann, wurde noch am 3. Januar 1813 unter
Aufsicht gestellt. Der Aufruf zur Bildung von Freiwilligenkorps vom
3. Februar durfte in Berlin erst am 9. Februar, später als in den
märkischen Provinzblättern, erscheinen, und daß schon am 20. Februar
vereinzelte Kosaken von der Armee Tschernyscheffs in den Straßen
Berlins als Befreier bejubelt wurden, mußten die Zeitungen völlig
verschweigen, denn noch war ja eine starke französische Besatzung
in der Stadt, und der französische Kommandant von Berlin, Augereau,
und der Gesandtschaftssekretär Le Fèvre, der Vertreter St. Marsans,
hätten am liebsten jede Nachricht über militärische Vorgänge wörtlich
vorgeschrieben, was selbst dem pflichteifrigen Renfner etwas stark
schien.
In der Nacht vom 3. zum 4. März rückten endlich die Franzosen ab,
und am andern Tage begann der Einmarsch der Russen. Die preußischen
Behörden, unter denen sich kein York befand, hielten sich aber in
subalterner Gewissenhaftigkeit noch immer streng an ihre Instruktion,
alle Feindseligkeiten gegen Frankreich sorgfältig zu vermeiden, so daß
heißblütige Patrioten wie Gneisenau kaum an sich halten konnten. Arndts
im Februar verfaßtes und in Königsberg gedrucktes Flugblatt »Aufruf an
die Deutschen zum gemeinschaftlichen Kampfe gegen die Franzosen« durfte
Anfang März in Berlin noch nicht nachgedruckt werden, denn der Anschluß
Preußens an Rußland wurde ja erst durch den »Aufruf an mein Volk« am
20. März amtlich kundgemacht.
Worauf die Kosaken reiten.
1813 berichtete eine Zeitung -- nach andern ein Schulbuch -- von den
Kosaken: »Sie reiten auf kleinen unansehnlichen Pferden.« Ein Zensor in
Breslau strich die beiden Adjektiva, die ihm jedenfalls mit dem Ansehen
der jetzigen Bundesgenossen unverträglich schienen, und so erfuhr die
Welt die große Neuigkeit, daß die Kosaken nicht auf Eseln, Kamelen oder
Stecken ritten, sondern auf Pferden.
Der »Preußische Correspondent«.
Bei dem trostlosen Zustand der Berliner Presse, an dem das politische
Chaos ein gut Teil Schuld trug, war es dem Militärgouvernement höchst
willkommen, daß aus dem Kreise der preußischen Patrioten ein neues
Zeitungsunternehmen erwuchs, dessen Leitung der angesehene Historiker
Niebuhr und dessen Verlag die Realschulbuchhandlung von Reimer
übernahm, und noch ehe das offizielle Jawort des Staatskanzlers vorlag,
genehmigte es die Herausgabe des »Preußischen Correspondenten«, der am
2. April 1813 »einfach und mit Würde zu dem Volke von dessen heiligsten
Interessen« zu reden begann. Niebuhr sah seine Aufgabe darin, »die
Überzeugung von der Notwendigkeit eines Volkskrieges im äußersten Sinne
des Wortes täglich zu nähren, den Haß gegen die Franzosen zu mehren und
über die allgemeine Politik ein gesundes Urteil zu bewirken«.
»Die Freiheit der Rede und der Schrift ist uns wiedergegeben«,
frohlockte Niebuhr im Leitartikel der ersten Nummer. Das sollte sich
sehr bald als eine gewaltige Hyperbel erweisen. Renfner erlaubte
sich sogar Änderungen an den Kriegsberichten aus dem Hauptquartier,
die Gneisenau selbst schrieb, so daß dieser schon bald mit ihrer
Entziehung drohte. Einer dieser Kriegsberichte von Gneisenau (26.
April) beschuldigte auf Grund von französischen Feldpostbriefen die
Berliner Bankiers hochverräterischer Beziehungen zum Feinde. Als darauf
die »Vossische« ihre Abonnenten von der Hochfinanz in Schutz nahm,
verhinderte Renfner (2. Mai) die Fortsetzung der Polemik.
Unter seinem Nachfolger von Schultz wurde das Verhältnis zwischen
Redaktion und Zensor auch nicht besser; der Albdruck des
Waffenstillstandes lastete auf dem »Preußischen Correspondenten«
naturgemäß noch stärker, und als erst der temperamentvolle
Schleiermacher am 25. Juni dessen Leitung übernahm, kam es zwischen ihm
und den Behörden über Fragen mehr der innern als der äußern Politik
zu Konflikten, die an Schärfe den Zusammenstoß Heinrich von Kleists
mit Hardenberg noch weit übertrafen. Der »Correspondent« ist nach den
»Abendblättern« die zweite Berliner oder preußische Zeitung, in der
sich die Umrißlinien einer werdenden politischen Partei, hier eines
konservativen Liberalismus, deutlich abzeichneten, und die Regierung
war keineswegs gewillt, solche neuen Machtgruppen aufkommen zu lassen.
Schleiermachers Hochverrat.