gesamten preußischen Staatsverwaltung war auch die Zensurbehörde
wesentlich umgestaltet worden. Die stürmische Zeit hatte eine Flut
politischer Literatur aufgewühlt, und bei jeder Drucksache fragte
man seitens der Behörde zuallererst: politisch oder unpolitisch?
In diese beiden großen Gruppen schied man also jetzt die gesamte
Literatur und überwies jede einer besondern Behörde als oberster
Instanz. Die Beaufsichtigung der politischen Schriften einschließlich
der politischen Zeitungen verblieb wie bisher dem Ministerium des
Auswärtigen; an dessen Spitze stand Minister von der Goltz, der
Nachfolger und wieder Vorgänger Hardenbergs; unter ihm führte die
Zensurgeschäfte der Sektionschef Geh. Staatsrat Küster, und als
Zensoren arbeiteten der Geh. Finanzrat von Hüttel und für die Zeitungen
der Geh. Kriegsrat Himly.
Die ganze Masse der nichtpolitischen Literatur wurde dem Ministerium
des Innern und der Polizei zugewiesen, und zwar dessen erster Sektion,
der Abteilung für Kultus und öffentlichen Unterricht. Die Kollegien,
die bisher, jedes selbständig, die Zensur geübt hatten (Konsistorium,
Kammergericht, Medizinalkollegium und Polizei), schaltete man durch
diese Vereinheitlichung stillschweigend aus, ließ sie aber einstweilen
noch weiter amtieren; nur hatten sie jetzt in schwierigen Fällen die
Akten der Kultusabteilung zur Beschlußfassung vorzulegen.
Diese sinngemäße Neuerung schien um so wertvoller, als der jetzige
Minister des Innern, Graf Alexander von Dohna, ein freisinniger,
überlegener Kopf war, und an die Spitze der Kultusabteilung auf des
Freiherrn vom Stein Empfehlung am 20. Februar 1809 kein Geringerer als
Wilhelm von Humboldt trat, der von 1801 bis 1808 in Rom die preußische
Diplomatie glänzend vertreten hatte. Hier kam also einmal der richtige
Mann an die richtige Stelle, und für die liebevoll schonende Behandlung
literarischer Werte schienen nun alle Vorbedingungen gegeben zu sein.
Humboldt als Zensor.
Humboldt war von der Überzeugung durchdrungen, daß »uneingeschränkte
Zensurfreiheit das einzig richtige Prinzip« sei, unter gesetzmäßiger
Verantwortlichkeit des Verfassers bzw. des Verlegers oder Druckers, und
daß man »sich diesem Grundsatz mit der Zeit immer mehr und mehr nähern«
müsse. Für Preußen schien ihm aber diese Zeit noch nicht gekommen. Der
Hochflut von Schmähungen gegen Staat und König in zahllosen anonymen
Flugschriften vaterlandsloser, franzosenfreundlicher Gesellen müsse
man steuern, ebenso den Besserwissern, die »ohne wahre Kenntniß der
politischen Lage, wenn auch aus patriotischer Gesinnung«, ohne Beruf
dazu und ungefragt, ihre Staatsrezepte veröffentlichten. Das Bewußtsein
der eigenen Verantwortlichkeit wirke nicht »abmahnend« genug, da man
zu sehr »an gelinde und sanfte Maßregeln gewöhnt« sei. Die Zensur der
politischen Schriften, die der Minister des Äußern von der Goltz ihm
sofort antrug, traute er sich selbst nicht einmal zu; die könne immer
nur ein wirkliches Mitglied des Auswärtigen Amtes führen, das über die
gegenwärtige Lage genau unterrichtet sei; eine bindende Instruktion
für die Zensur sei ja ein Unding, da sie »nach Maßgabe der Zeiten und
Umstände bald mehr, bald weniger strenge sein müsse«.
Bei dieser schwebenden, immerfort wechselnden Lage der Zensur wußte
auch Humboldt keinen andern Rat, als sich bis auf weiteres an das
Wöllnersche Zensuredikt von 1788 zu halten und sich bei der »in
diesen unbestimmten Grenzen gewährten Freiheit« der Beurteilung »den
allgemeinen und jedesmaligen besondern Verhältnissen des Staates mit
Gewissenhaftigkeit und Einsicht anzupassen«. Er verlangte also von
den Zensoren gerade das, was sie niemals leisten konnten. Er empfahl
zwar seinen Untergebenen, das alte Zensuredikt »liberal« zu handhaben,
dabei sollten sie aber die »Mittelstraße« einhalten, die »nirgend so
sehr als bei der Zensur in jetziger Zeit nothwendig« sei, Vorschriften,
die lauter erleuchtete, einem Humboldt kongeniale »Geschäftsmänner«
voraussetzten, nicht aber Durchschnittsintelligenzen, auf die sich die
Staatsmaschine einstellen muß.
Während seiner kurzen Amtsdauer konnte sich auch Humboldt selbst
bei Behandlung der Einzelfälle von der ängstlichen Befangenheit des
Neulings nicht freimachen. Der Berliner Polizeipräsident Büsching,
der die Verantwortung für die periodischen Schriften, die Flug- und
Gelegenheitsliteratur, den polizeilichen Teil der Zeitungen und die
Inserate hatte, scheint seinem neuen Vorgesetzten nicht zu Dank
gearbeitet zu haben; er wurde Anfang April 1809 durch Justus Gruner,
den bekannten Patrioten und Freund Arndts, ersetzt. Ihm empfahl
Humboldt, die Zeitungen und Intelligenzblätter schärfer, die von
»wohlbekannten und bewährten Verfassern« herausgegebenen Zeitschriften
wie die »Berlinische Monatsschrift« nach andern Grundsätzen zu
zensieren. Die Vorrechte der Universitäten und der Akademie wollte er
nicht antasten, aber daß die »Berlinische Monatsschrift«, weil ihr
Herausgeber Biester und die Mehrzahl ihrer Mitarbeiter Mitglieder der
Akademie waren, Zensurfreiheit habe, wollte er nicht anerkennen; erst
nach langen Verhandlungen gestand er Biester die Selbstzensur seines
Blattes zu.
Auch Humboldts Zensurentscheidungen unterschieden sich nicht eben von
denen seiner Vorgänger und Nachfolger. Der Zensor vom Auswärtigen
Amt von Hüttel legte ihm ein neues Buch des fruchtbaren Publizisten
Friedrich Buchholz vor, »Ideen einer arithmetischen Staatskunst«,
worin Humboldt allerhand Stellen beanstandete. »Es giebt keine
gefährlichere Classe in der Gesellschaft« als die Bankiers, hatte
Buchholz geschrieben; »so allgemein« gesagt, sei das anstößig, erklärte
Humboldt. Der Ausdruck »Schmutz« von einer »Achtung verdienenden
Arbeit wie dem Ackerbau« könne »nicht geduldet« werden, und ein
»revolutionärer Zustand« mußte auf seinen Befehl in einen »unsichern«
verwandelt werden.
Ein anderer Vorfall zeigt, in welchem Kleinkram sich auch ein
Humboldt in seiner Eigenschaft als Zensor erschöpfte. Ein Graf Kameke
veröffentlichte ein Buch über Pferdezucht unter dem barocken Titel »Der
Hengst, wie er sein sollte, ein Gegenstück zu Elisa, oder das Weib,
wie es sein sollte«. Das Buch »Elisa«, ein Produkt der Aufklärung,
hatte seinerzeit ein gewisses Aufsehen erregt; der Hinweis darauf war
also nur ein Reklamestück des Grafen Kameke oder seines Verlegers.
Die »Gesellschaft der Freunde der Wahrheit« hatte gegen diese
Gegenüberstellung von Weib und Hengst öffentlich protestiert, und auch
Humboldt, der spätere Verfasser der »Briefe an eine Freundin«, fand
sie begreiflicherweise unpassend. Obgleich er nun stets hervorhob,
daß die Zensur »keine Rezension« sei, ließ er dem Zensor, der sich an
dem geschmacklosen Titel nicht gestoßen hatte, dem Kammergerichtsrat
Müller, einen Verweis erteilen. Der Kammergerichtspräsident von
Kircheisen wollte aber darüber keine Belehrung annehmen. Die Folge war,
daß Humboldt, der es mit dem Minister Dohna für »auffallend unpassend«
empfand, daß das Kammergericht unter anderm auch die schöne Literatur
beaufsichtigte, diesem Kollegium die Zensur überhaupt nahm und sie am
31. Mai 1809 dem oben erwähnten Professor und kgl. Bibliothekar Biester
übertrug.
Trotz solcher Strenge gelang es aber auch Humboldt nicht, den immer
empfindlicher und ängstlicher werdenden König zufriedenzustellen, und
er sorgte daher schnell dafür, dies ärgerliche Amt wieder loszuwerden.
Am 29. April 1810 reichte er sein Abschiedsgesuch ein und wurde am 14.
Juni als Gesandter nach Wien versetzt.
Kleists Ode auf den Wiedereinzug des Königs in Berlin.
Auf die Rückkehr des königlichen Hofes mußten die Berliner noch ein
volles Jahr warten, denn die französischen Besatzungstruppen waren
noch keineswegs ganz aus Preußen zurückgezogen, und auch als der
König endlich am 23. Dezember 1809 von Königsberg wieder nach Berlin
übersiedelte, geschah dies nur, um dem mißtrauischen Napoleon einen
Beweis des Vertrauens zu geben.
Das bevorstehende Ereignis begeisterte den Dichter Heinrich von Kleist
zu seiner prächtigen Ode:
Was blickst Du doch zu Boden schweigend nieder,
Durch ein Portal siegprangend eingeführt,
und er wollte dieses Gedicht im Frühjahr 1809 in Berlin als Flugblatt
drucken lassen. Der neue Polizeipräsident Gruner mußte aber am 24.
April das Imprimatur verweigern.
Blick auf, o Herr! Du kehrst als Sieger wieder,
Wie hoch auch jener Cäsar triumphirt --
dieser Hinweis auf Napoleon war zu gefährlich, und ebenso die Andeutung
der dritten Strophe von einer künftigen neuen Erhebung Preußens gegen
das französische Sklavenjoch:
Und müßt' auch selbst noch auf der Hauptstadt Thürmen,
Der Kampf sich für das heil'ge Recht erneu'n.
Erst anderthalb Jahre später wagte Gruner die Druckerlaubnis für
das Gedicht zu erteilen; es erschien am 5. Oktober 1810 in Kleists
»Berliner Abendblättern«.
Friedrich Schlegels »Gelübde«.
Ebenfalls zu Anfang des Jahres 1809 dichtete Friedrich Schlegel sein
»Gelübde«:
Es sey mein Herz und Blut geweiht,
Dich Vaterland zu retten.
Wohlan, es gilt, du seyst befreit;
Wir sprengen deine Ketten!
Nicht fürder soll die arge That,
Des Fremdlings Übermuth, Verrath,
In deinem Schooß sich betten.
usw.
Die Verse bildeten den Schluß der Sammlung »Gedichte« von Friedrich
Schlegel, die unmittelbar darauf bei J. E. Hitzig in Berlin erschien.
Der zuständige Zensor scheint keinen Anstoß daran genommen zu haben,
und das Buch wurde schon ausgegeben, als der Polizeipräsident Gruner
dahinterkam und schleunigst aus den noch vorhandenen Exemplaren das
bedenkliche Schlußblatt (S. 387 f.) und zugleich das verräterische
Inhaltsverzeichnis entfernen ließ. Ein Teil der Bücher war aber schon
nach Leipzig geschafft worden und entging dieser Verstümmelung.
Schicksale eines Kriegsliedes.
Während Preußen, blutend an Haupt und Gliedern, noch zähneknirschend
das Joch der französischen Sklaverei tragen mußte, raffte sich
Österreich zu neuem Widerstande auf. Am 9. April 1809 erklärte es
Napoleon abermals den Krieg. Zu diesem Anlaß schrieb der Wiener Dichter
Ignaz Franz Castelli sein »Kriegslied für die österreichische Armee«:
Hinaus, hinaus, mit frohem Muth!
Hinaus in's Feld der Ehre,
Damit der Feinde Übermuth
Nicht uns'rer Brüder Hab' und Gut
Und unser Land verheere ...
und so weiter in lauterstem Patriotismus.
Die Verse gingen in zahllosen Abschriften von Hand zu Hand, und um sie
drucken zu lassen, legte sie Castelli der Zensurstelle vor. Als er nach
einiger Zeit persönlich aufs Amt ging, um sein Manuskript abzuholen,
erhielt er es zurück mit dem Vermerk: »Kann gedruckt werden, wenn der
erste Schuß geschehen sein wird.«
Auf dem Heimwege traf er einen Freund, der ihm ein soeben gekauftes
-- gedrucktes und mit dem Namen des Dichters unterzeichnetes Exemplar
ebenjenes Kriegsliedes überreichte.
Ein zweiter Zensor hatte einem Fabrikanten, der eine Abschrift der
Verse eingereicht hatte, die Erlaubnis zum Druck gegeben, die sein
Kollege dem Dichter selbst fürs erste verweigerte!
Kurz darauf ließ Erzherzog Karl Castellis Gedicht in mehreren
Hunderttausend Exemplaren drucken und unter seine Soldaten verteilen.
Als infolgedessen Abdrücke davon bei österreichischen Gefangenen
gefunden wurden, erklärte Napoleon den Verfasser in die Acht, und
dieser hätte das Schicksal Palms erlitten, wenn er dem Allgewaltigen in
die Hände gefallen wäre.
9. Ein Opfer der Zensur.
Hardenbergs Maske.
Napoleons zweiter Einzug in Wien schon am 13. Mai 1809, sein
entscheidender Sieg bei Wagram am 5. und 6. Juli und der Friede zu
Schönbrunn am 14. Oktober, der Österreich über 100000 Quadratkilometer
seines Landes kostete, war für das gedemütigte Preußen eine
nachdrückliche Warnung, sich so gut es ging auf den Trümmern der
Vergangenheit wieder einzurichten und alles zu vermeiden, was aufs
neue den Zorn des übermächtigen Korsen herausfordern konnte. Die
Preßfreiheit war auch in Frankreich längst nur eine falsche Flagge;
sie wurde jetzt eingezogen, indem Napoleon am 5. Februar 1810 die
Zensur wieder einführte und ein großzügiges Generaldirektorium für
die Buchdruckereien und den Buchhandel errichtete, mit dem Grafen
Pourtales an der Spitze, zahllosen Zensoren, geheimen Instruktionen
usw. Da Preußen seine Empfindlichkeit gegenüber vorlauten Skribenten
ausgiebig erfahren hatte, befürchtete es nicht mit Unrecht von diesem
französischen Generaldirektorium eine noch schärfere Beaufsichtigung
der Presse.
Am 10. Juni 1810 trat Hardenberg, von Napoleon gnädig geduldet,
wieder an die Spitze des Ministeriums, und nun vollendete sich die
übermenschliche Arbeit des Neubaus des preußischen Staates, die Steins
und Hardenbergs Namen unsterblich gemacht hat.
Die herrschende Aufregung, das trotz des Friedens gespannte Verhältnis
zu den Franzosen und das immer wache Mißtrauen Napoleons durch freie
Meinungsäußerung noch zu verschärfen, glaubte Hardenberg nicht wagen
zu können, und daher ging er sogleich an eine neue Einrichtung der
Zensur. Die Abteilung des Kultus mußte die Zensur der nichtpolitischen
Schriften an die andere Sektion im Ministerium des Innern, die Polizei,
wieder abgeben, und wo auch nur die Spur einer Kritik an den jetzigen
Staatsumwälzungen vorlag, trug der Sektionschef Sack persönlich die
Verantwortung. Hardenberg bescherte dem Volke zwar am 2. November
1810 die Gewerbefreiheit, aber die Begründung neuer Zeitungen nahm er
ausdrücklich davon aus. Denn am 3. August hatte Napoleon befohlen,
daß in jedem Departement des Kaiserreichs nur noch _eine_ politische
Zeitung erscheinen dürfe, und die Erwartung ausgesprochen, daß alle
seine Verbündeten ebenso verfahren würden. Gehörte Preußen auch nicht
gerade zu den Rheinbundfürsten, so hütete es sich doch, den Wünschen
des Kaisers ausdrücklich zuwiderzuhandeln, bemühte sich vielmehr, den
»Großmogul« bei guter Laune zu halten. Ihm mit der rächenden Waffe
entgegenzutreten, dazu war die Kraft noch gelähmt, dazu bedurfte
man noch einiger Jahre beschämender Neutralität, die wohl oder übel
den anwedelt, der die Macht hat. Dieser kommenden Freiheitsstunde
arbeiteten rettende Mächte in vorsichtiger Stille entgegen.
Ohne schärfste Überwachung der gesamten einheimischen Literatur ging
es da nicht ab, und so mußte sich notgedrungen Hardenbergs Strenge
gegen diejenigen wenden, deren heißblütiger Patriotismus das Schwert
gegen den Gewaltherrscher je eher je lieber wieder ergriffen hätte.
Ein unseliges Geschick wollte es, daß auch einer der größten deutschen
Dichter, Heinrich von Kleist, zu diesen jetzt Verfemten gehörte.
Kleists »Abendblätter«.
Kleist hatte nach seiner Übersiedlung nach Berlin im Frühjahr 1810
freudige Aufnahme bei der dortigen Patriotengruppe gefunden, die
vorwiegend aus Adligen bestand. Minister von Altenstein, Steins
erster Nachfolger, begünstigte ihn, und der Königin Luise durfte er
zu ihrem Geburtstag am 10. März ein Huldigungsgedicht überreichen.
Vielleicht dieser hohen Protektion verdankte er die Erlaubnis, mit
seinem Freunde Adam Müller eine Berliner Tageszeitung herauszugeben,
die vom 1. Oktober 1810 ab wochentäglich erschien. Im Format fast eines
Gebetbuches und nur vier Seiten die Nummer. Dennoch ein aussichtsvolles
Unternehmen, denn ein täglich erscheinendes Blatt war damals in
Preußens Hauptstadt etwas völlig Neues.
Und die Zeitung machte Glück, wenn sie auch nach Wilhelm Grimms
Ausdruck nur ein »ideales Wurstblatt« war. Täglich erscheinend, war
sie mit neuen Nachrichten schneller zur Stelle als die schwerfällige
Konkurrenz; sie pflegte Kunst und Theater, die von jener fast ganz
vernachlässigt wurden, und führte in Prosa und Epigrammen eine
schneidige Kritik. Ein lokales Ereignis war außerdem, daß die
»Abendblätter« die ersten Berliner städtischen Polizeiberichte
brachten, die der damalige Polizeipräsident Gruner selbst lieferte.
So schien sich zum erstenmal dem rast- und glücklos umhergetriebenen
Dichter eine freundlich-sichere Zufluchtsstätte in behaglicher
literarischer Arbeit zu öffnen.
Die Zensur der »Abendblätter«.
Als unpolitisches Blatt unterlagen die »Abendblätter« nach der neuesten
Vorschrift der Aufsicht des Ministeriums des Innern und der Polizei,
und ihr eigener Mitarbeiter, Polizeipräsident Gruner, führte die
Zensur. Die politische Harmlosigkeit war aber nur eine wohlüberlegte
Täuschung, um der Zensur des Kriegsrats Himly vom Auswärtigen Amt zu
entgehen, und die beiden Herausgeber wiegten sich in der trügerischen
Hoffnung, diese Maske nach und nach lüften zu können. Das merkte Himly
natürlich sofort, und bald war Kleists Zeitung der Zankapfel der beiden
gleichgeordneten Behörden.
So töricht war natürlich auch der Patriot Kleist nicht, in seinem
Winkelblättchen Napoleon den Krieg zu erklären. Aber daß man ihn
geradezu zum Bundesgenossen des Übermütigen, zur Schonung der
Rheinbundpolitiker und der ihm verhaßten vaterlandslosen Gesellen
preßte, hatte er nicht erwartet und ebensowenig geahnt, welcher
Stacheldrahtverhau von Rücksichten ihn von allen Seiten beengen würde.
Nach der Besiegung Preußens und Österreichs ruhten damals die Kämpfe
in Mitteleuropa. Nur die Spanier und Portugiesen erwehrten sich
hartnäckig des französischen Eindringlings, der sie zur Teilnahme
am Krieg gegen England zwingen wollte. Die Rollen sind heute etwas
anders verteilt -- das System aber ist das alte. Gegen England führte
Napoleon den unblutigen Krieg der Kontinentalsperre, um die »Freiheit
der Meere« -- ein altes napoleonisches Schlagwort -- zu ertrotzen, ein
Ziel, das wir hoffentlich besser erreichen als der Korse vor hundert
Jahren. Ein großzügiger Pressefeldzug, dessen Schliche heute John
Bull besser versteht als der deutsche Michel, ging nebenher, und die
gesamte Journalistik Europas, soweit die Staaten von der Gnade des
französischen Kaisers abhingen oder sich um sein Lächeln bemühten,
mußten ihn mitmachen. Brachte nun Kleist eine noch so kleine Notiz
über Verluste der Franzosen in Spanien -- flugs beschwerte sich der
französische Gesandte beim Minister des Äußern von der Goltz, und die
»Abendblätter« wurden verwarnt, sich aller Politik zu enthalten, und
mußten sich gleich den beiden andern Berliner Zeitungen bequemen,
des »Moniteur« offizielle französische Lügenpost von lauter Siegen
aufzunehmen. Kein günstiges Wort über England durfte fallen, mit dem
die preußischen Patrioten im gemeinsamen Kampf gegen Napoleon damals
sympathisierten. Schon jede nicht feindliche Erwähnung Britanniens
wurde vom Berliner Zensor gestrichen. Die Kontinentalsperre und die
Vernichtung aller englischen Kolonialwaren auf dem gesamten Festlande
hatten die Preise für Kaffee, Tee, Zucker usw. genau so wie heute ins
Ungemessene gesteigert; auch das sollte der deutsche Michel wunderschön
finden, und wenigstens in Preußen durfte keine Klage, kein satirischer
Scherz darüber laut werden, dafür sorgte der Rotstift des Zensors.
Manche Anzüglichkeiten dieser Art schlüpften dennoch durch; Kleist
und seine Mitarbeiter lernten bald die Kunst, zwischen den Zeilen zu
-- schreiben, woraus sich in den folgenden Jahrzehnten ein besonderer
Zensurstil entwickelte, und auch der wachsamste Zensor hat seine
schwachen Stunden.
Nicht einmal über die Französische Revolution durften preußische
Politiker ihre Meinung sagen, denn Napoleon war ja der große Sohn jener
Umwälzung. 1793 hatte Friedrich von Gentz das Werk »~Reflections on
the Revolution in France~« von Edmund Burke, einem heftigen Gegner
der Revolution, übersetzt und war darüber selbst aus einem Saulus ein
Paulus, ein Anhänger des Bestehenden, geworden. Jetzt, 1810, durfte an
solche Dinge nicht erinnert werden.
Auf diese Extratouren in der äußern Politik hätten die »Abendblätter«
zur Not verzichten können, wenn auch Patrioten wie Kleist es schwer
übers Herz brachten, da Liebe oder nur Duldung zu heucheln, wo -- nach
dem Dichter der »Hermannsschlacht« -- Haß ihr Amt war und ihre Tugend
Rache! Weit verhängnisvoller aber wurden für Kleist die Zusammenstöße
mit Hardenberg als dem auch für die innere Politik verantwortlichen
Staatsmanne.
Die Neuorientierung 1810.
Neuorientierung war 1810 auch in der innern Politik die Losung des
Tages. Aber damals ging sie etwas tiefer, als sie heute, trotz
Parlamentarismus und ähnlichen Schlagwörtern, überhaupt noch gehen
kann. Die Leibeigenschaft, die in den ländlichen Bezirken noch
vorherrschte, wurde beseitigt, der Bauer von Hörigkeit und Frondienst
befreit und der Adel eines Teils seiner Vorrechte beraubt, um dem
tüchtigen Bürgertum freie Bahn zu schaffen; die Städte und Gemeinden
erhielten Selbstverwaltung, wodurch der alte Beamtenstaat aufgehoben
und der Begriff des Staatsbürgertums erst lebendig wurde. Die
Verwaltung bis hinauf zu den Ministerien, die bis dahin noch nicht
in Fachministerien geschieden waren, wurde von der Wurzel aus neu
organisiert und die innerpolitische Verfassung Preußens nach dem
Entwurf des Freiherrn vom Stein völlig reformiert. Hardenberg war vor
allem die schwierige finanzpolitische Lösung des Verwaltungsproblems
vorbehalten, und er führte sie glänzend durch. Auch damals waren
ungezählte Milliarden aufzubringen, zum großen Teil zur Bezahlung
der ungeheuern Kriegskontributionen, die Napoleons Übermut dem
geschwächten Preußen abpreßte. Welche Steuerbuketts regneten damals
auf die verarmte Bürgerschaft herab! Grundsteuer, Gewerbesteuer,
Luxussteuer, Konsumtionssteuer -- niemand war vor dem Klingelbeutel
des Fiskus sicher. Die geistlichen Güter wurden säkularisiert, Domänen
verkauft, und durch diese beispiellose neue Steuerorganisation gelang
es wirklich, den Staatsbankerott, den Österreich erlitten hatte,
von Preußen abzuwenden und den französischen Usurpator an weiteren
Übergriffen zu verhindern.
Der Adel aber murrte über seine Entrechtung, der Grundbesitz jammerte
über seine Vernichtung, das Militär knirschte mit den Zähnen über die
allzu lange Geduld des obersten Kriegsherrn. Hardenbergs Finanzedikt
vom 27. Oktober 1810 hatte obendrein den Beginn einer Parlamentisierung
verheißen, eine »zweckmäßig eingerichtete Repräsentation«, und da
seine sämtlichen Reformen den freihändlerisch-liberalen Geist des
englischen Nationalökonomen Adam Smith atmeten, des Begründers der
modernen Nationalökonomie, so führte er sie durch im notgedrungenen
Einverständnis zwar mit seinem königlichen Herrn, aber im schärfsten
Gegensatz zu denen, die sich als die Paladine des Thrones zu betrachten
gewöhnt waren.
Adam Müller -- Kleists Verhängnis.