Durch die schon am 24. November 1808 verfügte Neuorganisation der

gesamten preußischen Staatsverwaltung war auch die Zensurbehörde

wesentlich umgestaltet worden. Die stürmische Zeit hatte eine Flut

politischer Literatur aufgewühlt, und bei jeder Drucksache fragte

man seitens der Behörde zuallererst: politisch oder unpolitisch?

In diese beiden großen Gruppen schied man also jetzt die gesamte

Literatur und überwies jede einer besondern Behörde als oberster

Instanz. Die Beaufsichtigung der politischen Schriften einschließlich

der politischen Zeitungen verblieb wie bisher dem Ministerium des

Auswärtigen; an dessen Spitze stand Minister von der Goltz, der

Nachfolger und wieder Vorgänger Hardenbergs; unter ihm führte die

Zensurgeschäfte der Sektionschef Geh. Staatsrat Küster, und als

Zensoren arbeiteten der Geh. Finanzrat von Hüttel und für die Zeitungen

der Geh. Kriegsrat Himly.

Die ganze Masse der nichtpolitischen Literatur wurde dem Ministerium

des Innern und der Polizei zugewiesen, und zwar dessen erster Sektion,

der Abteilung für Kultus und öffentlichen Unterricht. Die Kollegien,

die bisher, jedes selbständig, die Zensur geübt hatten (Konsistorium,

Kammergericht, Medizinalkollegium und Polizei), schaltete man durch

diese Vereinheitlichung stillschweigend aus, ließ sie aber einstweilen

noch weiter amtieren; nur hatten sie jetzt in schwierigen Fällen die

Akten der Kultusabteilung zur Beschlußfassung vorzulegen.

Diese sinngemäße Neuerung schien um so wertvoller, als der jetzige

Minister des Innern, Graf Alexander von Dohna, ein freisinniger,

überlegener Kopf war, und an die Spitze der Kultusabteilung auf des

Freiherrn vom Stein Empfehlung am 20. Februar 1809 kein Geringerer als

Wilhelm von Humboldt trat, der von 1801 bis 1808 in Rom die preußische

Diplomatie glänzend vertreten hatte. Hier kam also einmal der richtige

Mann an die richtige Stelle, und für die liebevoll schonende Behandlung

literarischer Werte schienen nun alle Vorbedingungen gegeben zu sein.

Humboldt als Zensor.

Humboldt war von der Überzeugung durchdrungen, daß »uneingeschränkte

Zensurfreiheit das einzig richtige Prinzip« sei, unter gesetzmäßiger

Verantwortlichkeit des Verfassers bzw. des Verlegers oder Druckers, und

daß man »sich diesem Grundsatz mit der Zeit immer mehr und mehr nähern«

müsse. Für Preußen schien ihm aber diese Zeit noch nicht gekommen. Der

Hochflut von Schmähungen gegen Staat und König in zahllosen anonymen

Flugschriften vaterlandsloser, franzosenfreundlicher Gesellen müsse

man steuern, ebenso den Besserwissern, die »ohne wahre Kenntniß der

politischen Lage, wenn auch aus patriotischer Gesinnung«, ohne Beruf

dazu und ungefragt, ihre Staatsrezepte veröffentlichten. Das Bewußtsein

der eigenen Verantwortlichkeit wirke nicht »abmahnend« genug, da man

zu sehr »an gelinde und sanfte Maßregeln gewöhnt« sei. Die Zensur der

politischen Schriften, die der Minister des Äußern von der Goltz ihm

sofort antrug, traute er sich selbst nicht einmal zu; die könne immer

nur ein wirkliches Mitglied des Auswärtigen Amtes führen, das über die

gegenwärtige Lage genau unterrichtet sei; eine bindende Instruktion

für die Zensur sei ja ein Unding, da sie »nach Maßgabe der Zeiten und

Umstände bald mehr, bald weniger strenge sein müsse«.

Bei dieser schwebenden, immerfort wechselnden Lage der Zensur wußte

auch Humboldt keinen andern Rat, als sich bis auf weiteres an das

Wöllnersche Zensuredikt von 1788 zu halten und sich bei der »in

diesen unbestimmten Grenzen gewährten Freiheit« der Beurteilung »den

allgemeinen und jedesmaligen besondern Verhältnissen des Staates mit

Gewissenhaftigkeit und Einsicht anzupassen«. Er verlangte also von

den Zensoren gerade das, was sie niemals leisten konnten. Er empfahl

zwar seinen Untergebenen, das alte Zensuredikt »liberal« zu handhaben,

dabei sollten sie aber die »Mittelstraße« einhalten, die »nirgend so

sehr als bei der Zensur in jetziger Zeit nothwendig« sei, Vorschriften,

die lauter erleuchtete, einem Humboldt kongeniale »Geschäftsmänner«

voraussetzten, nicht aber Durchschnittsintelligenzen, auf die sich die

Staatsmaschine einstellen muß.

Während seiner kurzen Amtsdauer konnte sich auch Humboldt selbst

bei Behandlung der Einzelfälle von der ängstlichen Befangenheit des

Neulings nicht freimachen. Der Berliner Polizeipräsident Büsching,

der die Verantwortung für die periodischen Schriften, die Flug- und

Gelegenheitsliteratur, den polizeilichen Teil der Zeitungen und die

Inserate hatte, scheint seinem neuen Vorgesetzten nicht zu Dank

gearbeitet zu haben; er wurde Anfang April 1809 durch Justus Gruner,

den bekannten Patrioten und Freund Arndts, ersetzt. Ihm empfahl

Humboldt, die Zeitungen und Intelligenzblätter schärfer, die von

»wohlbekannten und bewährten Verfassern« herausgegebenen Zeitschriften

wie die »Berlinische Monatsschrift« nach andern Grundsätzen zu

zensieren. Die Vorrechte der Universitäten und der Akademie wollte er

nicht antasten, aber daß die »Berlinische Monatsschrift«, weil ihr

Herausgeber Biester und die Mehrzahl ihrer Mitarbeiter Mitglieder der

Akademie waren, Zensurfreiheit habe, wollte er nicht anerkennen; erst

nach langen Verhandlungen gestand er Biester die Selbstzensur seines

Blattes zu.

Auch Humboldts Zensurentscheidungen unterschieden sich nicht eben von

denen seiner Vorgänger und Nachfolger. Der Zensor vom Auswärtigen

Amt von Hüttel legte ihm ein neues Buch des fruchtbaren Publizisten

Friedrich Buchholz vor, »Ideen einer arithmetischen Staatskunst«,

worin Humboldt allerhand Stellen beanstandete. »Es giebt keine

gefährlichere Classe in der Gesellschaft« als die Bankiers, hatte

Buchholz geschrieben; »so allgemein« gesagt, sei das anstößig, erklärte

Humboldt. Der Ausdruck »Schmutz« von einer »Achtung verdienenden

Arbeit wie dem Ackerbau« könne »nicht geduldet« werden, und ein

»revolutionärer Zustand« mußte auf seinen Befehl in einen »unsichern«

verwandelt werden.

Ein anderer Vorfall zeigt, in welchem Kleinkram sich auch ein

Humboldt in seiner Eigenschaft als Zensor erschöpfte. Ein Graf Kameke

veröffentlichte ein Buch über Pferdezucht unter dem barocken Titel »Der

Hengst, wie er sein sollte, ein Gegenstück zu Elisa, oder das Weib,

wie es sein sollte«. Das Buch »Elisa«, ein Produkt der Aufklärung,

hatte seinerzeit ein gewisses Aufsehen erregt; der Hinweis darauf war

also nur ein Reklamestück des Grafen Kameke oder seines Verlegers.

Die »Gesellschaft der Freunde der Wahrheit« hatte gegen diese

Gegenüberstellung von Weib und Hengst öffentlich protestiert, und auch

Humboldt, der spätere Verfasser der »Briefe an eine Freundin«, fand

sie begreiflicherweise unpassend. Obgleich er nun stets hervorhob,

daß die Zensur »keine Rezension« sei, ließ er dem Zensor, der sich an

dem geschmacklosen Titel nicht gestoßen hatte, dem Kammergerichtsrat

Müller, einen Verweis erteilen. Der Kammergerichtspräsident von

Kircheisen wollte aber darüber keine Belehrung annehmen. Die Folge war,

daß Humboldt, der es mit dem Minister Dohna für »auffallend unpassend«

empfand, daß das Kammergericht unter anderm auch die schöne Literatur

beaufsichtigte, diesem Kollegium die Zensur überhaupt nahm und sie am

31. Mai 1809 dem oben erwähnten Professor und kgl. Bibliothekar Biester

übertrug.

Trotz solcher Strenge gelang es aber auch Humboldt nicht, den immer

empfindlicher und ängstlicher werdenden König zufriedenzustellen, und

er sorgte daher schnell dafür, dies ärgerliche Amt wieder loszuwerden.

Am 29. April 1810 reichte er sein Abschiedsgesuch ein und wurde am 14.

Juni als Gesandter nach Wien versetzt.

Kleists Ode auf den Wiedereinzug des Königs in Berlin.

Auf die Rückkehr des königlichen Hofes mußten die Berliner noch ein

volles Jahr warten, denn die französischen Besatzungstruppen waren

noch keineswegs ganz aus Preußen zurückgezogen, und auch als der

König endlich am 23. Dezember 1809 von Königsberg wieder nach Berlin

übersiedelte, geschah dies nur, um dem mißtrauischen Napoleon einen

Beweis des Vertrauens zu geben.

Das bevorstehende Ereignis begeisterte den Dichter Heinrich von Kleist

zu seiner prächtigen Ode:

Was blickst Du doch zu Boden schweigend nieder,

Durch ein Portal siegprangend eingeführt,

und er wollte dieses Gedicht im Frühjahr 1809 in Berlin als Flugblatt

drucken lassen. Der neue Polizeipräsident Gruner mußte aber am 24.

April das Imprimatur verweigern.

Blick auf, o Herr! Du kehrst als Sieger wieder,

Wie hoch auch jener Cäsar triumphirt --

dieser Hinweis auf Napoleon war zu gefährlich, und ebenso die Andeutung

der dritten Strophe von einer künftigen neuen Erhebung Preußens gegen

das französische Sklavenjoch:

Und müßt' auch selbst noch auf der Hauptstadt Thürmen,

Der Kampf sich für das heil'ge Recht erneu'n.

Erst anderthalb Jahre später wagte Gruner die Druckerlaubnis für

das Gedicht zu erteilen; es erschien am 5. Oktober 1810 in Kleists

»Berliner Abendblättern«.

Friedrich Schlegels »Gelübde«.

Ebenfalls zu Anfang des Jahres 1809 dichtete Friedrich Schlegel sein

»Gelübde«:

Es sey mein Herz und Blut geweiht,

Dich Vaterland zu retten.

Wohlan, es gilt, du seyst befreit;

Wir sprengen deine Ketten!

Nicht fürder soll die arge That,

Des Fremdlings Übermuth, Verrath,

In deinem Schooß sich betten.

usw.

Die Verse bildeten den Schluß der Sammlung »Gedichte« von Friedrich

Schlegel, die unmittelbar darauf bei J. E. Hitzig in Berlin erschien.

Der zuständige Zensor scheint keinen Anstoß daran genommen zu haben,

und das Buch wurde schon ausgegeben, als der Polizeipräsident Gruner

dahinterkam und schleunigst aus den noch vorhandenen Exemplaren das

bedenkliche Schlußblatt (S. 387 f.) und zugleich das verräterische

Inhaltsverzeichnis entfernen ließ. Ein Teil der Bücher war aber schon

nach Leipzig geschafft worden und entging dieser Verstümmelung.

Schicksale eines Kriegsliedes.

Während Preußen, blutend an Haupt und Gliedern, noch zähneknirschend

das Joch der französischen Sklaverei tragen mußte, raffte sich

Österreich zu neuem Widerstande auf. Am 9. April 1809 erklärte es

Napoleon abermals den Krieg. Zu diesem Anlaß schrieb der Wiener Dichter

Ignaz Franz Castelli sein »Kriegslied für die österreichische Armee«:

Hinaus, hinaus, mit frohem Muth!

Hinaus in's Feld der Ehre,

Damit der Feinde Übermuth

Nicht uns'rer Brüder Hab' und Gut

Und unser Land verheere ...

und so weiter in lauterstem Patriotismus.

Die Verse gingen in zahllosen Abschriften von Hand zu Hand, und um sie

drucken zu lassen, legte sie Castelli der Zensurstelle vor. Als er nach

einiger Zeit persönlich aufs Amt ging, um sein Manuskript abzuholen,

erhielt er es zurück mit dem Vermerk: »Kann gedruckt werden, wenn der

erste Schuß geschehen sein wird.«

Auf dem Heimwege traf er einen Freund, der ihm ein soeben gekauftes

-- gedrucktes und mit dem Namen des Dichters unterzeichnetes Exemplar

ebenjenes Kriegsliedes überreichte.

Ein zweiter Zensor hatte einem Fabrikanten, der eine Abschrift der

Verse eingereicht hatte, die Erlaubnis zum Druck gegeben, die sein

Kollege dem Dichter selbst fürs erste verweigerte!

Kurz darauf ließ Erzherzog Karl Castellis Gedicht in mehreren

Hunderttausend Exemplaren drucken und unter seine Soldaten verteilen.

Als infolgedessen Abdrücke davon bei österreichischen Gefangenen

gefunden wurden, erklärte Napoleon den Verfasser in die Acht, und

dieser hätte das Schicksal Palms erlitten, wenn er dem Allgewaltigen in

die Hände gefallen wäre.

9. Ein Opfer der Zensur.

Hardenbergs Maske.

Napoleons zweiter Einzug in Wien schon am 13. Mai 1809, sein

entscheidender Sieg bei Wagram am 5. und 6. Juli und der Friede zu

Schönbrunn am 14. Oktober, der Österreich über 100000 Quadratkilometer

seines Landes kostete, war für das gedemütigte Preußen eine

nachdrückliche Warnung, sich so gut es ging auf den Trümmern der

Vergangenheit wieder einzurichten und alles zu vermeiden, was aufs

neue den Zorn des übermächtigen Korsen herausfordern konnte. Die

Preßfreiheit war auch in Frankreich längst nur eine falsche Flagge;

sie wurde jetzt eingezogen, indem Napoleon am 5. Februar 1810 die

Zensur wieder einführte und ein großzügiges Generaldirektorium für

die Buchdruckereien und den Buchhandel errichtete, mit dem Grafen

Pourtales an der Spitze, zahllosen Zensoren, geheimen Instruktionen

usw. Da Preußen seine Empfindlichkeit gegenüber vorlauten Skribenten

ausgiebig erfahren hatte, befürchtete es nicht mit Unrecht von diesem

französischen Generaldirektorium eine noch schärfere Beaufsichtigung

der Presse.

Am 10. Juni 1810 trat Hardenberg, von Napoleon gnädig geduldet,

wieder an die Spitze des Ministeriums, und nun vollendete sich die

übermenschliche Arbeit des Neubaus des preußischen Staates, die Steins

und Hardenbergs Namen unsterblich gemacht hat.

Die herrschende Aufregung, das trotz des Friedens gespannte Verhältnis

zu den Franzosen und das immer wache Mißtrauen Napoleons durch freie

Meinungsäußerung noch zu verschärfen, glaubte Hardenberg nicht wagen

zu können, und daher ging er sogleich an eine neue Einrichtung der

Zensur. Die Abteilung des Kultus mußte die Zensur der nichtpolitischen

Schriften an die andere Sektion im Ministerium des Innern, die Polizei,

wieder abgeben, und wo auch nur die Spur einer Kritik an den jetzigen

Staatsumwälzungen vorlag, trug der Sektionschef Sack persönlich die

Verantwortung. Hardenberg bescherte dem Volke zwar am 2. November

1810 die Gewerbefreiheit, aber die Begründung neuer Zeitungen nahm er

ausdrücklich davon aus. Denn am 3. August hatte Napoleon befohlen,

daß in jedem Departement des Kaiserreichs nur noch _eine_ politische

Zeitung erscheinen dürfe, und die Erwartung ausgesprochen, daß alle

seine Verbündeten ebenso verfahren würden. Gehörte Preußen auch nicht

gerade zu den Rheinbundfürsten, so hütete es sich doch, den Wünschen

des Kaisers ausdrücklich zuwiderzuhandeln, bemühte sich vielmehr, den

»Großmogul« bei guter Laune zu halten. Ihm mit der rächenden Waffe

entgegenzutreten, dazu war die Kraft noch gelähmt, dazu bedurfte

man noch einiger Jahre beschämender Neutralität, die wohl oder übel

den anwedelt, der die Macht hat. Dieser kommenden Freiheitsstunde

arbeiteten rettende Mächte in vorsichtiger Stille entgegen.

Ohne schärfste Überwachung der gesamten einheimischen Literatur ging

es da nicht ab, und so mußte sich notgedrungen Hardenbergs Strenge

gegen diejenigen wenden, deren heißblütiger Patriotismus das Schwert

gegen den Gewaltherrscher je eher je lieber wieder ergriffen hätte.

Ein unseliges Geschick wollte es, daß auch einer der größten deutschen

Dichter, Heinrich von Kleist, zu diesen jetzt Verfemten gehörte.

Kleists »Abendblätter«.

Kleist hatte nach seiner Übersiedlung nach Berlin im Frühjahr 1810

freudige Aufnahme bei der dortigen Patriotengruppe gefunden, die

vorwiegend aus Adligen bestand. Minister von Altenstein, Steins

erster Nachfolger, begünstigte ihn, und der Königin Luise durfte er

zu ihrem Geburtstag am 10. März ein Huldigungsgedicht überreichen.

Vielleicht dieser hohen Protektion verdankte er die Erlaubnis, mit

seinem Freunde Adam Müller eine Berliner Tageszeitung herauszugeben,

die vom 1. Oktober 1810 ab wochentäglich erschien. Im Format fast eines

Gebetbuches und nur vier Seiten die Nummer. Dennoch ein aussichtsvolles

Unternehmen, denn ein täglich erscheinendes Blatt war damals in

Preußens Hauptstadt etwas völlig Neues.

Und die Zeitung machte Glück, wenn sie auch nach Wilhelm Grimms

Ausdruck nur ein »ideales Wurstblatt« war. Täglich erscheinend, war

sie mit neuen Nachrichten schneller zur Stelle als die schwerfällige

Konkurrenz; sie pflegte Kunst und Theater, die von jener fast ganz

vernachlässigt wurden, und führte in Prosa und Epigrammen eine

schneidige Kritik. Ein lokales Ereignis war außerdem, daß die

»Abendblätter« die ersten Berliner städtischen Polizeiberichte

brachten, die der damalige Polizeipräsident Gruner selbst lieferte.

So schien sich zum erstenmal dem rast- und glücklos umhergetriebenen

Dichter eine freundlich-sichere Zufluchtsstätte in behaglicher

literarischer Arbeit zu öffnen.

Die Zensur der »Abendblätter«.

Als unpolitisches Blatt unterlagen die »Abendblätter« nach der neuesten

Vorschrift der Aufsicht des Ministeriums des Innern und der Polizei,

und ihr eigener Mitarbeiter, Polizeipräsident Gruner, führte die

Zensur. Die politische Harmlosigkeit war aber nur eine wohlüberlegte

Täuschung, um der Zensur des Kriegsrats Himly vom Auswärtigen Amt zu

entgehen, und die beiden Herausgeber wiegten sich in der trügerischen

Hoffnung, diese Maske nach und nach lüften zu können. Das merkte Himly

natürlich sofort, und bald war Kleists Zeitung der Zankapfel der beiden

gleichgeordneten Behörden.

So töricht war natürlich auch der Patriot Kleist nicht, in seinem

Winkelblättchen Napoleon den Krieg zu erklären. Aber daß man ihn

geradezu zum Bundesgenossen des Übermütigen, zur Schonung der

Rheinbundpolitiker und der ihm verhaßten vaterlandslosen Gesellen

preßte, hatte er nicht erwartet und ebensowenig geahnt, welcher

Stacheldrahtverhau von Rücksichten ihn von allen Seiten beengen würde.

Nach der Besiegung Preußens und Österreichs ruhten damals die Kämpfe

in Mitteleuropa. Nur die Spanier und Portugiesen erwehrten sich

hartnäckig des französischen Eindringlings, der sie zur Teilnahme

am Krieg gegen England zwingen wollte. Die Rollen sind heute etwas

anders verteilt -- das System aber ist das alte. Gegen England führte

Napoleon den unblutigen Krieg der Kontinentalsperre, um die »Freiheit

der Meere« -- ein altes napoleonisches Schlagwort -- zu ertrotzen, ein

Ziel, das wir hoffentlich besser erreichen als der Korse vor hundert

Jahren. Ein großzügiger Pressefeldzug, dessen Schliche heute John

Bull besser versteht als der deutsche Michel, ging nebenher, und die

gesamte Journalistik Europas, soweit die Staaten von der Gnade des

französischen Kaisers abhingen oder sich um sein Lächeln bemühten,

mußten ihn mitmachen. Brachte nun Kleist eine noch so kleine Notiz

über Verluste der Franzosen in Spanien -- flugs beschwerte sich der

französische Gesandte beim Minister des Äußern von der Goltz, und die

»Abendblätter« wurden verwarnt, sich aller Politik zu enthalten, und

mußten sich gleich den beiden andern Berliner Zeitungen bequemen,

des »Moniteur« offizielle französische Lügenpost von lauter Siegen

aufzunehmen. Kein günstiges Wort über England durfte fallen, mit dem

die preußischen Patrioten im gemeinsamen Kampf gegen Napoleon damals

sympathisierten. Schon jede nicht feindliche Erwähnung Britanniens

wurde vom Berliner Zensor gestrichen. Die Kontinentalsperre und die

Vernichtung aller englischen Kolonialwaren auf dem gesamten Festlande

hatten die Preise für Kaffee, Tee, Zucker usw. genau so wie heute ins

Ungemessene gesteigert; auch das sollte der deutsche Michel wunderschön

finden, und wenigstens in Preußen durfte keine Klage, kein satirischer

Scherz darüber laut werden, dafür sorgte der Rotstift des Zensors.

Manche Anzüglichkeiten dieser Art schlüpften dennoch durch; Kleist

und seine Mitarbeiter lernten bald die Kunst, zwischen den Zeilen zu

-- schreiben, woraus sich in den folgenden Jahrzehnten ein besonderer

Zensurstil entwickelte, und auch der wachsamste Zensor hat seine

schwachen Stunden.

Nicht einmal über die Französische Revolution durften preußische

Politiker ihre Meinung sagen, denn Napoleon war ja der große Sohn jener

Umwälzung. 1793 hatte Friedrich von Gentz das Werk »~Reflections on

the Revolution in France~« von Edmund Burke, einem heftigen Gegner

der Revolution, übersetzt und war darüber selbst aus einem Saulus ein

Paulus, ein Anhänger des Bestehenden, geworden. Jetzt, 1810, durfte an

solche Dinge nicht erinnert werden.

Auf diese Extratouren in der äußern Politik hätten die »Abendblätter«

zur Not verzichten können, wenn auch Patrioten wie Kleist es schwer

übers Herz brachten, da Liebe oder nur Duldung zu heucheln, wo -- nach

dem Dichter der »Hermannsschlacht« -- Haß ihr Amt war und ihre Tugend

Rache! Weit verhängnisvoller aber wurden für Kleist die Zusammenstöße

mit Hardenberg als dem auch für die innere Politik verantwortlichen

Staatsmanne.

Die Neuorientierung 1810.

Neuorientierung war 1810 auch in der innern Politik die Losung des

Tages. Aber damals ging sie etwas tiefer, als sie heute, trotz

Parlamentarismus und ähnlichen Schlagwörtern, überhaupt noch gehen

kann. Die Leibeigenschaft, die in den ländlichen Bezirken noch

vorherrschte, wurde beseitigt, der Bauer von Hörigkeit und Frondienst

befreit und der Adel eines Teils seiner Vorrechte beraubt, um dem

tüchtigen Bürgertum freie Bahn zu schaffen; die Städte und Gemeinden

erhielten Selbstverwaltung, wodurch der alte Beamtenstaat aufgehoben

und der Begriff des Staatsbürgertums erst lebendig wurde. Die

Verwaltung bis hinauf zu den Ministerien, die bis dahin noch nicht

in Fachministerien geschieden waren, wurde von der Wurzel aus neu

organisiert und die innerpolitische Verfassung Preußens nach dem

Entwurf des Freiherrn vom Stein völlig reformiert. Hardenberg war vor

allem die schwierige finanzpolitische Lösung des Verwaltungsproblems

vorbehalten, und er führte sie glänzend durch. Auch damals waren

ungezählte Milliarden aufzubringen, zum großen Teil zur Bezahlung

der ungeheuern Kriegskontributionen, die Napoleons Übermut dem

geschwächten Preußen abpreßte. Welche Steuerbuketts regneten damals

auf die verarmte Bürgerschaft herab! Grundsteuer, Gewerbesteuer,

Luxussteuer, Konsumtionssteuer -- niemand war vor dem Klingelbeutel

des Fiskus sicher. Die geistlichen Güter wurden säkularisiert, Domänen

verkauft, und durch diese beispiellose neue Steuerorganisation gelang

es wirklich, den Staatsbankerott, den Österreich erlitten hatte,

von Preußen abzuwenden und den französischen Usurpator an weiteren

Übergriffen zu verhindern.

Der Adel aber murrte über seine Entrechtung, der Grundbesitz jammerte

über seine Vernichtung, das Militär knirschte mit den Zähnen über die

allzu lange Geduld des obersten Kriegsherrn. Hardenbergs Finanzedikt

vom 27. Oktober 1810 hatte obendrein den Beginn einer Parlamentisierung

verheißen, eine »zweckmäßig eingerichtete Repräsentation«, und da

seine sämtlichen Reformen den freihändlerisch-liberalen Geist des

englischen Nationalökonomen Adam Smith atmeten, des Begründers der

modernen Nationalökonomie, so führte er sie durch im notgedrungenen

Einverständnis zwar mit seinem königlichen Herrn, aber im schärfsten

Gegensatz zu denen, die sich als die Paladine des Thrones zu betrachten

gewöhnt waren.

Adam Müller -- Kleists Verhängnis.

Hier Zensur - wer dort? Antworten von gestern auf Fragen von heute · 第 14 / 18 段