Franzosen und die ihrer Gewalt preisgegebene deutsche Presse hatte
endlich der preußischen Regierung zu denken gegeben: es mußte etwas
geschehen, es galt gegen dies vom Feinde verbreitete Giftgas eine
Schutzmaske zu finden. Das einzige Blatt aber, das sich noch im
vaterländischen Machtbereich befand, war die »Königsberger Hartungsche
Zeitung«, und selbst diese konnte sich dem französischen Einfluß nicht
ganz entziehen. Sie mußte doch melden, was jenseits der Kampffront
vor sich ging, und dafür hatte sie keine andern Quellen, als die
französisch sich räuspernden Berliner Zeitungen. Auch verfügte man in
der Provinz damals nicht über geschulte und selbständig arbeitende
journalistische Kräfte, denn der politische Teil der preußischen
Provinzpresse war nur immer aus den Blättern der Hauptstadt
»zusammengetragen« worden; eigene politische Nachrichten -- von
Leitartikeln war ja damals überhaupt noch keine Rede -- erlaubte die
Zensur nicht. So hatte bisher der Berliner Zensor auch die Königsberger
Zeitung vorsichtig an der Leine gehalten -- kein Wunder, daß sie,
plötzlich und unvorbereitet sich selbst und dem grundlosen Element
überlassen, noch keine kunstgerechten Schwimmbewegungen machen konnte.
Also mußte ihr zunächst ein neuer Zensor gesetzt werden, und dazu erkor
man keinen Geringeren als den Philosophen Fichte.
Seitdem durch den Atheismusstreit Fichtes Stellung als Professor
der Philosophie in Jena unhaltbar geworden war, hatte er sich 1799
in Berlin niedergelassen, wo ihn König Friedrich Wilhelm III.
unangefochten ließ. »Gedeckt vor den Bannstrahlen der Priester und den
Steinigungen der Gläubigen« hielt er hier im Winter 1804/05 Vorträge
über die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« vor einem zahlreichen
und auserlesenen Hörerkreis; im folgenden Sommer ging er als Professor
an die jetzt preußisch gewordene Universität Erlangen, kehrte aber
im nächsten Semester wieder nach Berlin zurück, um den bevorstehenden
Ereignissen näher zu sein. So hatte ihn das Kriegsgewitter dort
überrascht, und mit den preußischen Flüchtlingen war er nach der
Schlacht bei Jena nach Königsberg gekommen.
Hier begann man eben mit großem Nachdruck eine gründliche Reform der
Universität, und auf Drängen des damaligen Konsistorialrats Nicolovius
wurde auch Fichte dort angestellt. Er sollte aber nicht nur als Dozent
wirken, sondern daneben besonders darauf achten, daß in der dortigen
Zeitung »die Nachrichten von den Kriegs- und andern öffentlichen
Begebenheiten nicht in einem verführerischen, den Patriotismus
niederschlagenden Ton erzählt«, vielmehr »alle Anlässe, um den Mut der
Untertanen zu beleben, gehörig benutzt« würden.
Durch diese Heranziehung Fichtes fühlte sich aber der bisherige
Königsberger Zensor tief gekränkt. Wenn auch die Provinzblätter
Politisches immer nur aus der klar geläuterten Quelle der Berliner
Zeitungen schöpfen durften, so gab es doch in jeder mit einem
Regierungsapparat versehenen Stadt immer noch einen besondern Zensor,
der jenen Stoff noch einmal filtrierte; der lokale Teil und die
Inserate waren ja sowieso hinzugekommen. Das Zensoramt in Königsberg
hatte bisher der Polizeidirektor Kriminalrat Brand durchaus zur
Zufriedenheit seiner Vorgesetzten verwaltet. Nun aber erklärte dieser,
er bedanke sich schönstens dafür, in Zukunft nur noch die Inserate
beaufsichtigen zu sollen, da wolle er schon lieber mit der Zensur
überhaupt nichts mehr zu tun haben. Fichte aber lehnte die alleinige
Verantwortung nachdrücklich ab; daraufhin bestimmte der Oberpräsident
von Auerswald, daß der Polizeipräsident trotz seines Widerwillens
»sowohl die Intelligenzblätter als auch die Zeitungsavertissements«
(die Bekanntmachungen) entweder selbst zu zensieren oder durch einen
Polizeibeamten zensieren zu lassen habe, da »dem Professor Fichte die
das Censurwesen betreffenden Gesetzesbestimmungen und Vorschriften
nicht bekannt« seien. Fichte führte also daneben die höhere politische
Zensur, wie sie vordem in Berlin geübt worden war, dessen Zeitungen
jetzt »unter den insidiösen Einflüssen des Feindes« standen.
Zivil- und Militärzensur.
Fichtes Konflikt mit einem sich zurückgesetzt fühlenden Polizeidirektor
war aber nicht der einzige, der dem Philosophen während seiner
Zensortätigkeit beschieden war. Peinlicher und nachhaltiger war
sein Zusammenprall mit der Militärgewalt, die in Königsberg der
Generalgouverneur von Rüchel vertrat. Diesem Mann paßte Fichtes
Tätigkeit ganz und gar nicht. Er vermißte an ihm die nötige
»militärisch-politische« Sachkenntnis, und dieser Zivilist hatte noch
dazu die Dreistigkeit, an offiziellen Aufsätzen, die der Königsberger
Zeitung von der Adjutantur geliefert wurden, Kritik zu üben: die einen
wies er überhaupt zurück, und andern gab er nur das Imprimatur, wenn
der Generalgouverneur das kraft seines Amtes energisch verlangte.
Schließlich riß diesem die militärisch kurze Geduld, er entzog Fichten
Ende Februar 1807 die Aufsicht über die Zeitung und setzte an Stelle
der bisherigen Zivilzensur eine ausschließliche Militärzensur.
Der Augenblick dazu war allerdings nicht eben glücklich gewählt. In der
Hartungschen Zeitung war am 19. Februar ein Artikel über die Schlacht
bei Eylau erschienen, der die höchste Entrüstung des Königs erregte.
Auerswald untersuchte den Vorfall, und da stellte sich heraus: der
vom König beanstandete Artikel stammte -- von Rüchel selbst. Fichte
hatte ihn als Zensor gestrichen, war aber gegen den Generalgouverneur
machtlos gewesen.
Die Hebung der »Königsberger Hartungschen Zeitung«.
Die Schlacht bei Eylau hatte die Hoffnungen der Patrioten neu belebt,
man erwartete nachdrückliche Hilfe von den Russen und wagte wieder
der nächsten Zukunft mit klarer Überlegung ihrer Forderungen an die
Staatsverwaltung entgegenzusehen. Hardenberg, der in Memel beim Könige
weilte und am 26. April wieder als Minister die Staatsgeschäfte
übernahm, hatte schon in einer Denkschrift vom 3. März »größere
Rücksicht auf die öffentliche Meinung und Bearbeitung derselben
durch zweckmäßige Publizistik« empfohlen. Er konnte dabei nur das
Königsberger Blatt im Auge haben, und im Mai 1806 verhandelte er mit
dem Oberpräsidenten, wie die Hartungsche Zeitung »durch interessantere
und besser stilisierte Aufsätze« zu »heben« sei. In Auerswalds Antwort
kommt der durch Fichtes Tätigkeit veranlaßte Zwist zwischen Zivil-
und Militärgewalt zum deutlichsten Ausdruck. Die Zeitung, erklärte der
Oberpräsident geradeheraus, sei nur dadurch so heruntergekommen, daß
der Generalgouverneur darauf bestehe, daß alle von ihm gelieferten
Kriegsnachrichten unverändert aufgenommen würden; ebenso schalte und
walte er mit allen übrigen ihm vorgelegten Nachrichten ganz nach
Belieben. Von der Adjutantur aber könne man weder »genaue historische
Kritik« noch »sorgfältige Aufmerksamkeit auf richtigen Ausdruck und
Stil« fordern; dazu hätten die dort beschäftigten Herren natürlich
keine Zeit. Das dringende Bedürfnis, zuverlässige Kriegsberichte dem
Publikum »in lesbaren Aufsätzen« zu bieten, liege allerdings vor.
Dazu müsse man aber beim preußischen und beim russischen Armeekorps
geschickte Berichterstatter (»Bulletinschreiber«) auswählen, die nur
der Zensur des Hauptquartiers unterständen, nicht aber der »Einwirkung
des Generalgouvernements«. Die örtliche Zensur möge man dann wieder
Fichte anvertrauen, der besonders die Radamontaden der feindlichen
Bulletinschreiber niedriger hängen und »die Stimmung des Volkes zur
Ausdauer und Verstärkung der Vaterlandsliebe zu erheben« suchen solle.
Heute, wo wir unter ähnlichen Verhältnissen leben und die großzügige
Organisation der amtlichen militärischen Berichterstattung täglich wie
ein zauberhaftes Uhrwerk ablaufen sehen, können wir erst ganz ermessen,
in welcher Rat- und Hilflosigkeit man sich vor hundert Jahren diesem
Problem gegenüber befand.
Scharnhorst als Kriegsberichterstatter.
In jenem Mai des Jahres 1806 machte man denn auch mit der »Hebung«
der Hartungschen Zeitung schon einen vielversprechenden Anfang. Am
11. Mai begannen darin die durch vier Nummern laufenden »Bemerkungen
über das 58. Bulletin der großen Armee von der Schlacht bei Eylau«,
die den üblen Eindruck des früheren Berichtes von Rüchel wieder
gutmachen sollten. Der anonyme Verfasser dieser Darstellung war ein
schon damals, wie die Redaktion dazu bemerkte, »berühmter militärischer
Schriftsteller«, der noch dazu durch sein Eingreifen die glückliche
Wendung der Schlacht bei Eylau selbst herbeigeführt hatte, der Oberst
von Scharnhorst.
Zu einer Fortsetzung dieses Hebungsversuchs kam es aber leider nicht.
Nach der Schlacht bei Friedland am 14. Juni rückten die Franzosen auch
in Königsberg ein, Regierung und Armee flüchteten weiter nach Osten,
und am 13. Juni hatte auch Fichte auf dem Reitpferd des Freundes
Nicolovius die Stadt verlassen, um über Memel nach Kopenhagen zu
entkommen.
Schurkenstreich eines Zensors.
Auch nach dem schmachvollen Frieden von Tilsit (7./9. Juli 1807), der
Preußen die Hälfte seiner Länder raubte, mußte sich König Friedrich
Wilhelm noch anderthalb Jahre die Besetzung seiner Hauptstadt gefallen
lassen. Der Gouverneur Clarke wurde 1807 französischer Kriegsminister;
sein Nachfolger wurde Marschall Davoust, der Sieger von Auerstädt,
der bald nachher als Eroberer von Hamburg durch seine unmenschliche
Härte seinem Namen ein unauslöschliches Brandmal aufdrückte. Hulins
Nachfolger als Kommandant wurde Marschall Soult. Bignon blieb auf
seinem Posten, und da er für Kunst und Literatur Verständnis hatte,
konnten die Berliner Literaten noch von Glück sagen, vor allem der
junge Lehrer der Holzschneidekunst an der Berliner Akademie, Gubitz,
den damals die Empörung über Schmähungen Preußens durch seine eigenen
Landsleute zum Schriftsteller machte.
Mit dem Verbot solcher Schriften, die gegen die preußische Regierung
loszogen, hatte es die französische Behörde natürlich nicht so eilig,
wie wenn es sich um ihr eigenes Interesse handelte. So konnte im
Frühjahr 1808 ein Pamphlet »Gallerie preußischer Charaktere«, das
heftige Angriffe, ja Schmähungen gegen preußische Staatsmänner und
Generale enthielt, in 6000 Exemplaren verbreitet werden, ehe die
Beschlagnahme der Restauflage von 500 Exemplaren erfolgte. Die »Neuen
Feuerbrände« vom Kriegsrat von Cölln, eine Zeitschrift ähnlicher
Tendenz, wurden von Bignons Handlanger, Prediger Hauchecorne, anfangs
verboten, als sich aber der Herausgeber zur Fortlassung einiger
Aufsätze verstand, wieder erlaubt.
Gegen diese Cöllnschen »Feuerbrände« richtete nun Gubitz eine
Zeitschrift »Das Vaterland«, die Preußens Sache mit Wärme verfocht
und »in geziemender Anständigkeit«, wie Gubitz selbst meint,
manches sagte, was die Franzosen nicht angenehm berührte. Durch die
Niedertracht des Predigers Hauchecorne hätte sie ihren Herausgeber
beinahe auf den Sandhaufen gebracht.
Am 11. Mai 1808 wurde Gubitz morgens zwischen 6 und 7 Uhr verhaftet
und auf die Kommandantur geschafft. Dort legte man ihm einige aus
dem Zusammenhang gerissene Sätze seiner Zeitschrift vor, die schwere
Beleidigungen des Kaisers und des französischen Heeres enthalten
sollten. So schien es wenigstens nach der Übersetzung, die der
biedere Hauchecorne von jenen Stellen geliefert hatte; das war seine
Rache dafür, daß Gubitz einmal unverblümt seine Meinung über die
Zensorentätigkeit des Predigers, der geborener Preuße war, gesagt hatte.
Die Lage des Angeklagten schien verzweifelt. Denn wie sollte er der
französischen Behörde die Fälschungen Hauchecornes klarmachen? Da kam
ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Der neue Kommandant Marschall
Soult, der wohl kurzen Prozeß mit ihm gemacht haben würde, war noch
nicht zur Stelle, und Bignon vertrat ihn; als dieser den Namen Gubitz
hörte, erinnerte er sich, Holzschnitte des jungen Künstlers gesehen zu
haben, die ihm ein alter Kunstfreund Christian von Mecheln nach Paris
geschickt hatte; und eben, als das Verhör begann, trat wie gerufen
jener Herr von Mecheln ins Zimmer, der Gubitzens Gönner war und Bignon
nun ohne Mühe von der Fälschung seines Vertrauensmannes Hauchecorne
überzeugte.
Am Mittag des Tages war Gubitz schon wieder entlassen, wenn auch
nicht freigesprochen. Das französische Militärgericht verurteilte ihn
schließlich zu sechs Wochen Hausvogtei, von denen er aber nur vier
tageweise und in gelinder Haft absaß. Der glückliche Zufall und das
Wohlwollen des Kunstfreundes Bignon hatten ihm das Leben gerettet.
Der Philosoph Fichte unter Zensur.
Merkwürdigerweise blieb ein Mann von den wachsamen französischen
Behörden ganz unbehelligt, obgleich er es wagte, mitten im Lager
des Feindes eine öffentliche Philippika gegen den Welteroberer zu
schleudern, wie sie kühner und eindringlicher nie gehalten wurde.
Nach dem Frieden von Tilsit war der Philosoph Fichte aus Kopenhagen
nach Berlin zurückgekehrt; neben Schleiermacher, dem großen Philologen
Wolf und dem Staatsrechtlehrer Schmalz bildete er den vierten
Grundpfeiler der neu zu errichtenden Berliner Universität, und am
13. Dezember 1807 begann er eine Fortsetzung der Vorlesungen über
die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters«, wie er sie schon im
Winter 1804/05 in Berlin gehalten hatte. Wie anders aber war diese
Gegenwart! Jetzt zogen, wenn er Sonntagvormittags den runden Saal
des Akademiegebäudes Unter den Linden betrat, unter den Fenstern
französische Trommler auf Wache, und in der schon ganz akademischen
Zuhörerschaft zeigte man mit Fingern auf die anwesenden französischen
Aufpasser. Das schreckte den Redner nicht; in schlaflosen Nächten
trat ihm wohl das blutige Schicksal Palms warnend vor die Seele; aber
er überwand diese Schwäche und führte seine vierzehn Vorlesungen mit
erhabenem Mut zu Ende. Als »Fichtes Reden an die deutsche Nation« sind
sie eines der heiligen Bücher seines Volkes geworden, und selbst ein
Meister des rhetorischen Stils, Friedrich von Gentz, zollte ihnen seine
Bewunderung mit den Worten: »So groß, tief und stolz hat fast noch
niemand von der deutschen Nation gesprochen.«
Ob die französischen Aufpasser nicht begriffen, daß diese Reden die
edelsten Kräfte des Deutschtums gegen die fremde Gewaltherrschaft mobil
machten? Nur der »Moniteur« meldete einmal, ein berühmter deutscher
Philosoph in Berlin halte Vorträge über Verbesserung der Erziehung
-- das war die einzige Notiz, die man auf französischer Seite davon
nahm, und auch als die Reden im Druck erschienen, legten die Franzosen
ihrer Verbreitung nichts in den Weg. Die einzige Behörde, die ihnen
verhängnisvoll wurde, war -- das preußische Oberkonsistorium, dessen
Zensur sie als philosophische Schrift unterlagen.
»Um keine Zeit zu verlieren, deutsche Denkweise zu erneuern und zu
bilden«, und um etwaigen falschen Auslegungen des gesprochenen Wortes
vorzubeugen, ließ Fichte seine Reden einzeln sogleich drucken. Als
er die erste zur Zensur vorlegte, erhielt er den kühl bürokratischen
Bescheid: man könne sich auf einzelne Hefte nicht einlassen. Das
Konsistorium hatte es also mit der Verbreitung deutscher Denkweise
in der besetzten Landeshauptstadt nicht so eilig; es wollte erst
die Tendenz der ganzen Schrift beurteilen können, um darnach
zu entscheiden, ob sie nicht vor »eine andere«, die politische
Zensurstelle gehöre, und beantragte sogar bei der Polizeidirektion,
»die Vorlesung selbst durch einen Deputierten näher beachten zu lassen«!
Der zweiten und dritten Rede gab es gleichwohl ohne weiteres die
Druckerlaubnis; der wahre Grund zum Verbot der ersten waren also
Bedenken gegen den Inhalt, die auch in Randbemerkungen zum Manuskript
angedeutet waren. Daraufhin beschwerte sich Fichte am 2. Januar 1808
nachdrücklich beim Minister von Beyme, legte ihm das Manuskript der
ersten Rede mit den Randstrichen des Zensors vor und schrieb dazu:
»Was soll aus freier Geisteserregung, was soll aus Erweckung eines
deutschen Sinnes und Muthes erst alsdann werden, wenn _solche_ Censoren
uns bevormunden? Ich weiß recht gut, was ich wage; ich weiß, daß ebenso
wie Palm ein Blei mich tödten kann; aber dies ist es nicht, was ich
fürchte, und für den Zweck, den ich habe, würde ich gern auch sterben.
Ueber diese Rücksichten hinweg soll man nun noch mit den kindischen
Bedenklichkeiten, den kopflosen Auslegungen und der verzagten Politik
solcher Censoren Rücksprache nehmen?«
Dieser Protest half aber nichts, die erste Rede blieb zunächst
ungedruckt und wurde erst genehmigt, nachdem Fichte »einige Änderungen«
gemacht hatte.
Niemand würde es dem ehrenwerten Konsistorium verdenken, wenn es
die Verantwortung für Äußerungen abgelehnt hätte, die ihm ernste
Ungelegenheiten seitens der französischen Regierung zuziehen konnten.
Solche Bedenken lagen aber tatsächlich gar nicht vor, sondern die
kleinlichste Kirchturmpolitik gab wieder einmal den Ausschlag. Der
Änderungen, die Fichte machen mußte, waren nur zwei: einmal sprach
er von der »Schwäche der Regierung«, was sich nur auf die preußische
beziehen konnte; um diesen Tadel zu verwischen, setzte er statt der
Einzahl die Mehrzahl »Regierungen«! Und statt des Satzes: »Diese
Bande also waren es, durch deren Zerreißung der Staat zu Grunde ging«
-- womit wieder nur Preußen gemeint war -- mußte er jetzt, völlig
unbestimmt, schreiben: »Bande solcher Art waren es, die irgendwo
gänzlich zerrissen, und durch deren Zerreißung das gemeine Wesen sich
auflöste«!
Die Angst vor den Franzosen veranlaßte aber das Konsistorium, die achte
Rede Fichtes der Oberregierungskommission vorzulegen. Was ihr darin
besonders gefährlich schien, hat sich nicht mehr feststellen lassen.
Aber sogar die nicht eben tapfere Regierungskommission hatte kein
Bedenken dagegen.
Derselben Kommission legte dann das Konsistorium auch die erste und
letzte Rede zur eigenen Rückendeckung vor. In der letzten milderte
Fichte zwei nicht näher bekannte Stellen; gegen die Änderung einer
dritten aber sträubte er sich und rief dabei den Freiherrn vom Stein
zu Hilfe. Ob es nach dem Kriege »jemals uns wieder wohlgehen soll,«
so hatte er geschrieben, »dies hängt ganz allein von uns ab, und es
wird sicherlich nie wieder irgend ein Wohlsein an uns kommen, wenn
wir nicht selbst es uns verschaffen«. Diese gefährliche Drohung einer
Selbsthilfe wollte auch die Regierungskommission nicht durchlassen;
Fichte setzte also auf Steins Rat den abschwächenden Nachsatz hinzu:
»und insbesondre, wenn nicht jeder Einzelne unter uns in seiner Weise
tut und wirket, als ob er allein sei, und als ob lediglich auf ihm das
Heil der künftigen Geschlechter beruhe«. Damit war das Kapitol wieder
einmal gerettet!
Als schließlich auch die erste Rede freigegeben wurde, füllte der Text
nicht die dazu leer gelassenen 48 Seiten. Die so entstandene Lücke
stopfte deshalb Fichte mit einigen Abschnitten aus älteren Arbeiten,
die schon gedruckt oder von der Zensur genehmigt waren; er verglich
darin die »Große Schreibe- und Preßfreiheit in Machiavells Zeitalter«
mit der Gegenwart, geißelte die Zensoren, die alles Neue, was sie nicht
sogleich zu fassen vermögen, als verborgenes Gift unterdrücken, »um
ganz sicher zu gehen«, und bestritt ihre Befugnis, »irgend einem Tone
deswegen zu verwehren, laut zu werden, weil er an _ihre_ Ohren fremd
und paradox anschlägt«. So bildeten diese einleitenden, den Leser
zunächst befremdenden Fragmente eine feine Satire auf das, was er
selbst mit diesem seinem Buche erlebt hatte.
Fichtes verlorene »Rede an die deutsche Nation«.
Mit den Zensurschwierigkeiten, die das preußische Oberkonsistorium
Fichtes »Reden an die deutsche Nation« bereitete, ist aber dessen
Wirksamkeit bei der Herausgabe jenes Buches keineswegs erschöpft.
Es kam noch schlimmer! Der unverantwortlichen Nachlässigkeit dieser
Zensurbehörde verdanken wir es, daß die dreizehnte der Fichteschen
Reden in ihrem ursprünglichen Wortlaut unwiderruflich verlorenging!
Statt ihrer erschien nur eine »Inhaltsangabe der dreizehnten Rede« mit
folgender Anmerkung des Verfassers:
»Nachdem ich eine Reihe von Wochen die Handschrift dieser dreizehnten
Rede, die bei meiner Zensurbehörde eingereicht war, zurückerwartet
hatte, erhalte ich endlich statt derselben das folgende Schreiben:
›Das Manuscript der dreizehnten Rede des Herrn Professor Fichte
ist, nachdem derselben schon das Imprimatur ertheilt worden,
durch irgend einen Zufall verlohren gegangen, und hat aller
Bemühungen ohnerachtet nicht wieder aufgefunden werden können.
›Um nun den Verleger etc. Reimer beim Abdruck nicht
aufzuhalten, ersuche ich des Herrn Professor Fichte Wohlgeboren
diese Rede aus Ihren Heften zu ergänzen, und mir zum Imprimatur
zuzuschicken.
›Berlin, den 13. April 1808.
_v. Scheve_.‹
»Das, was dieses Schreiben unter Heften verstehen mag, halte ich nicht,
und was etwa bei der Ausarbeitung des Textes auf Nebenblättern angelegt
und vorbereitet war, wurde bei einer in dieser Zeit vorgefallenen
Veränderung der Wohnung den Flammen übergeben. Ich war darum
genöthiget, darauf zu bestehen, daß die Handschrift, die verlohren seyn
-- nicht sollte, wieder herbeigeschafft würde. Dieses ist, wie man
versichert hat, auch durch das sorgfältigste Nachsuchen nicht möglich
gewesen; es ist wenigstens nicht geschehen, und ich habe die Lücke
ausfüllen müssen, wie ich gekonnt.
»Indem ich zu meiner eigenen Rechtfertigung genöthigt bin, diesen
Vorfall zur Kunde des auswärtigen Publikums zu bringen, bitte ich
jedoch dasselbe, zu glauben, daß die Erscheinungen, die man sowohl in
dem Vorfalle selbst, als in dem obenstehenden Schreiben darüber finden
dürfte, allhier bei uns keinesweges allgemeine Sitte sind, sondern
daß dieser Vorfall nur eine höchst seltene, und vielleicht nie also
da gewesene Ausnahme macht, und daß sich erwarten läßt, es werden
Vorkehrungen getroffen werden, damit ein solcher Fall nicht wieder
eintreten könne.«
Dieses ironische Zeugnis, daß derlei Vorfälle »allhier bei uns
keinesweges allgemeine Sitte« seien, läßt darauf schließen, daß Fichte
selbst nicht recht an den unglücklichen »Zufall« glaubte, und um
nicht weiter von den »kindlichen Bedenklichkeiten« dieser Berliner
Zensurbehörde abhängig zu sein, bat er in einem Schreiben vom 2.
Mai 1808 die Oberregierungskommission, die Zensur seiner notdürftig
wiederhergestellten dreizehnten Rede »einer andern zuverlässigen
Behörde« zu übertragen. Vor allem fürchtete er, das Konsistorium
werde jene es selbst bloßstellende Anmerkung unterdrücken wollen. Das
bestätigte sich auch durchaus. Die Regierungskommission betraute zwar
keine andere Behörde, wohl aber einen andern Zensor mit der Aufgabe,
und dieser, der sonst liberale und patriotische Propst Hanstein, wollte
ebenfalls den Abdruck der Anmerkung mit dem Brief des Chefpräsidenten
von Scheve nicht zulassen, da »sie weder in das Fach der Philosophie
noch in das der Religion einschlüge«! Fichte milderte zwar die
kränkendsten und beleidigendsten Stellen der Anmerkung, aber auf dem
wörtlichen Abdruck des den Vorfall so »leichtnehmenden« Briefes bestand
er, und die Regierungskommission ließ ihn gewähren.
Der Vorfall veranlaßte den Philosophen ferner, beim Minister von Beyme
die gesetzliche Aufhebung aller Zensur über nichtoffizielle Schriften
in Anregung zu bringen, damit in Zukunft keine Behörde mehr, sondern
nur immer Verfasser oder Verleger zur Verantwortung gezogen werden
könnten. Beyme war mit diesem Vorschlag, den er selbst schon 1802
gemacht hatte, völlig einverstanden, aber seine Hoffnung, daß »die
wiederauflebende Regierung in Berlin« mit einer solchen Maßregel »den
Geist bezeichnen« werde, »der künftig sie beherrschen soll«, erfüllte
sich nicht.
Preußische Zensurreform 1808.
Am 5. Dezember 1808 verließen endlich die französischen
Verwaltungsbeamten Berlin, und schon begann die einheimische
Gesetzgebungsmaschine wieder ihren Lauf. Die von den Franzosen
entlassenen Zensoren Polizeipräsident Büsching und Finanzrat von Hüttel
traten ihr Amt wieder an, und das erste Opfer der wiederkehrenden
Ordnung war der Dichter der »Undine«, Fouqué, der zur Feier des
Abmarschs der Franzosen ein »Gespräch zweier preußischer Edelleute«
geschrieben hatte, das den Vorschlag einer unter Führung des Adels zu
errichtenden Landwehr enthielt; es war schon gedruckt, durfte aber erst
1813 ausgegeben werden, als die Landwehr durch königliche Verordnung
bereits geschaffen war.