obgleich der Dichter sein Ehrenwort gab, daß er dabei nicht im
entferntesten an Napoleon gedacht habe. Erst nach völliger Umarbeitung
durfte es Ende 1809 gegeben werden, da der Zensor Armbruster jetzt
versichern konnte, »daß man auch an den Haaren keine Parallele
herziehen könne«.
»So kriegt man die Luise.«
»Mord und Totschlag, oder: So kriegt man die Luise«, so lautete der
ulkige Titel eines Lustspiels, das ein Wiener Theater aufführen wollte,
just nachdem sich eben Napoleon mit der Tochter des Kaisers Franz, der
Erzherzogin Maria Luise, verlobt hatte. Die Hochzeit fand am 1. April
1810 statt. Natürlich wurde das Stückchen verboten.
Kurz vorher war es Kotzebue mit seinem Stück »Sorge ohne Not« ebenso
ergangen, nur daß hier der Zensor auf eigene Gefahr den Staatsmann
gespielt und die Erstaufführung am 11. Januar 1810 erlaubt hatte. »Wer
der Urheber der unglücklichen Zeiten sei, darüber kann kein Zweifel
herrschen«, meinte er, und die Mißstimmung gegen den ehrgeizigen und
unersättlichen Weltstürmer müsse von Staats wegen mit allen Mitteln
geschürt werden. Dieses ausnahmsweise intelligente Urteil bekam ihm
aber schlecht: er erhielt einen scharfen Verweis, und das Stück mußte
sofort vom Spielplan verschwinden.
Von jetzt an durfte auch in Österreich von Napoleon nur mit der größten
Hochachtung gesprochen werden. An dieser Courtoisie hielt man dort
fest, solange Kaiser Franz lebte, und was irgendwie Erinnerungen an
Napoleon weckte, mußte sich auf die heftigsten offenen und mehr noch
versteckten Widerstände gefaßt machen. Das sollte vor allem Franz
Grillparzer, Österreichs größter Dichter, erfahren, als er 1823 »König
Ottokars Glück und Ende« dem Burgtheater einreichte.
Spiel bringt Gefahr.
Am 13. Dezember 1810 wurde Hamburg nebst Bremen, Lübeck, Oldenburg und
einem Teil von Hannover dem französischen Kaiserreich einverleibt, und
die Willkür des Feindes schaltete nun auch in den Hansestädten nach
Belieben. Vor allem in Hamburg vollführte Marschall Davoust ein wahres
Schreckensregiment.
Während dieser Zeit brachte das Hamburger Stadttheater ein Stück »Spiel
bringt Gefahr« von F. L. W. Meyer aus Bramstedt. Darin kam ein Lied auf
das Kartenspiel vor, dessen Schlußvers lautete:
Und alles erbeutet der Bube!
Ein Denunziant benachrichtigte nun die französische Behörde, mit dem
»Buben« sei keineswegs die Spielkarte, sondern -- der Kaiser Napoleon
gemeint! Daraufhin wurde der Theaterdirektor Herzfeld sogleich zur
Verantwortung gezogen, und aus diesem nun doppelt gefährlichen Spiel
befreite ihn nur die Versicherung: das Lied sei extemporiert gewesen.
Die Kontinentalsperre.
Seit jenem Vorfall hatte die französische Behörde ein scharfes Auge
auf das Hamburger Theater. Schon der Name eines mißliebigen Autors
genügte, um seine Stücke vom Repertoire zu streichen. Worte wie
Vaterland, Freiheit, Tyrann, Unterdrückung usw. wurden nicht mehr
geduldet, wo sie auch vorkamen; mit besonderer Sorgfalt aber tilgte der
französische Zensor jede Erwähnung der Mächte, mit denen Frankreich
damals im Kriege lag, vor allem Englands, gegen das Napoleon die
Kontinentalsperre erklärt hatte. Obgleich Schiller eine »Jungfrau von
Orleans« geschrieben hatte, wurde seine »Maria Stuart« ganz verbannt,
weil sie in England spielte. Kotzebues »Brief aus Cadix« mußte nun »aus
Marseille« kommen, und seine »Indianer in England« wurden nach Irland
übergesiedelt.
Der unmoralische Theodor Körner.
Körners Lustspiel in Alexandrinern »Die Braut« kam am 17. Januar 1812
auf dem Burgtheater zur Aufführung, brachte aber dem Vizepräsidenten
der Polizei- und Zensurhofstelle von Haager als verantwortlichem Zensor
eine heftige Rüge ein. Kaiser Franz erklärte, es genüge nicht, wenn
anstößige Stellen gestrichen würden, sondern es sei »weit wichtiger,
Stücke zu verhindern, deren ganze Tendenz unmoralisch sei, und in denen
die ehrwürdigsten Verhältnisse, z. B. zwischen Eltern und Kindern,
wie dies in der neuen Piece ›Die Braut‹ geschehe, herabgewürdigt und
lächerlich gemacht würden«.
Als Haager am 4. März ganz bescheiden und »unmaßgeblich« darauf
remonstrierte, kam er vom Regen in die Traufe: der Kaiser verbot
das Stück ausdrücklich mit der bösen Note, er habe sich von der
Zensurstelle »ein richtigeres Urteil über den Wert dieses Stückes
versprochen«.
Ein Theaterskandal in Wien.
Die schärfste Aufmerksamkeit der Zensur verhinderte gleichwohl nicht,
daß in einer mit Politik so geladenen Zeit wie dem Jahre 1812 dieser
Explosivstoff auch ins Theater drang und in der heißen Stimmung des
Publikums unversehens zündete.
Seit der Zeit Maria Theresias war Voltaires »Mahomet« auf dem
Burgtheater mehrfach aufgeführt worden, ohne irgendwie Anstoß zu
erregen, denn Mahomet war ja ein »Pfaffe heidnischer Religionen«, die
der Zensor der Willkür des Dichters preiszugeben pflegte, wenn darin
nicht etwa Anspielungen auf das Christentum wie Fußangeln verborgen
lagen.
Nachdem Goethe, um seine Weimarer Schauspieler an die Verssprache zu
gewöhnen, 1799 das Werk Voltaires in meisterhafte deutsche Jamben
übertragen hatte, war diese Neuschöpfung ebenfalls vom Burgtheater
übernommen worden, und im April 1812 fiel es der Leitung des Theaters
an der Wien plötzlich ein, das Stück aufs Repertoire zu setzen.
Das nichtsnutzige Publikum sah aber nun in dem Helden Voltaires nur
immer Napoleon und belohnte jeden Vers, der auf die Gegenwart zu passen
schien, mit stürmischem Beifall. Welchem lebenden Dichter hätte auch
der Zensor Worte erlaubt wie die Frage Sopirs in dem Voltaireschen
Stück:
Und jeder muthige Betrüger dürfte
Den Menschen eine Kette geben? Er
Hat zu betrügen Recht, wenn er mit Größe
Betrügt?
Und bei der Anklage gegen Mahomet:
Auf deinen Lippen schallt der Friede, doch
Dein Herz weiß nichts davon
schien die Bühne zum Tribunal zu werden. Die Worte verursachten eine
politische Demonstration, wie man sie in jenen heiligen Hallen, wo man
die Rache nicht kennen wollte, noch nicht erlebt hatte.
Glücklicherweise stand an diesem Abend die Loge des französischen
Gesandten leer.
In Paris wurde zur selben Zeit Voltaires »Mahomet« tagtäglich unter den
Augen Napoleons gegeben.
Die schöne Luise.
Pius Alexander Wolffs Schauspiel »Preciosa« wurde 1812 in Berlin
verboten, weil statt harmloser Zigeunerromantik eine »wirkliche
Räuberbande« darin ihr Wesen trieb und damals gerade in der Umgegend
Berlins eine 130 Köpfe zählende Mordbrennerbande gefangen worden
war, unter der die Hauptbrandstifterin, die »schöne Luise, die
aus Kinderfett Brandlichter machte«, wegen ihrer Schönheit und
verbrecherischen Naivetät die größte Neugier erregte. Iffland hatte als
Leiter des Kgl. Schauspielhauses deshalb nicht gewagt, selbst über die
Aufnahme des Stücks zu entscheiden, sondern es der Zensur eingereicht,
die die Aufführung nicht erlaubte.
Diesmal gereichte das Zensurverbot dem davon betroffenen Werk zum
Glück, denn erst später schrieb Carl Maria von Weber dazu die Musik,
die auch den Text unsterblich machte, der sonst längst vergessen wäre.
In dieser Vertonung fand die erste Aufführung der »Preciosa« auf dem
Berliner Hoftheater am 14. März 1821 statt.
Gefährliches Spielzeug.
In einem Stück »Fehlgeschossen« von Costenoble, das am 12. Oktober
1812 auf dem Theater an der Wien aufgeführt wurde, zeigt ein Drechsler
Kindern Spielzeug und erläutert es ihnen mit den Worten: »Hier ein
Hase, dort ein gesternter General.« Diese Worte wurden von einem
»Geheimagenten« beanstandet und mußten daraufhin gestrichen werden.
Das »jüngste Gericht« ohne Jesus.
Als der Komponist Ludwig Spohr am 21. Januar 1813 in Wien sein
Oratorium »Das jüngste Gericht« aufführte, wurden die Namen Jesus und
Maria im Personenverzeichnis beanstandet. Nach langen Verhandlungen
wurde der Druck des Textes nur mit Auslassung jener Namen erlaubt.
Spohr gab sich damit zufrieden, weil sich jeder Leser aus dem Inhalt
leicht die fehlenden Namen ergänzen konnte.
Vaterländische Schauspiele.
Sofort nach dem Abzug der Franzosen aus Berlin und dem Einmarsch
der Russen Anfang März 1813 reichte Achim von Arnim dem Berliner
Hoftheater ein vaterländisches Schauspiel »Die Vertreibung der Spanier
aus Wesel im Jahre 1629« zur Aufführung ein; bei der Aktualität des
Stoffes durch die neue erlösende Wendung des europäischen Krieges drang
er natürlich auf baldige Aufführung.
Mit vaterländischen Schauspielen wußte man aber damals in Berlin
ebensowenig anzufangen wie in Wien. Heinrich von Kleists »Prinz
Friedrich von Homburg« und seine »Hermannsschlacht« existierten für
die Bühne nicht. Wie konnte Arnim da Besseres für sich und sein
Stück erhoffen! Iffland als Direktor des Theaters wagte auch keinen
selbständigen Entschluß, sondern fragte erst die den abwesenden
Staatskanzler vertretende Oberregierungskommission, ob sie nichts
dagegen habe. Wider Erwarten erteilte die Kommission die Erlaubnis, da
dem Stück »historische Wahrheit« zugrunde liege, obgleich »allerdings
Anspielungen auf die Bedrängnisse vorkämen, welche Deutschland und
Preußen von den Franzosen erlitten« habe. Dennoch konnte Iffland nicht
das Herz fassen, das Werk aufzuführen.
Auch in Wien, wo Clemens Brentano sich dafür verwandte, drang es nicht
durch, obgleich es schon der Zensor in der Mache gehabt hatte. Die
Zensurhofstelle hatte dabei allerhand lustige Änderungen vorgenommen,
von denen Brentano am 5. April 1814 dem Freunde Arnim einige verriet.
Eine Szene, in der von Brutus, dem Mörder Cäsars, die Rede war, wurde
ganz gestrichen. »Was wird der Mensch in der Sklaverei, ein rechtes
Vieh« hieß es in einem andern Auftritt; diese echt Arnimsche derbe
Wendung ging dem Wiener Zensor wider die Haare; er schrieb dafür die
hochtrabenden Worte hin: »Wie sinket die Würde der Menschheit unter
eisernem Scepter.« Und den burschikosen Vergleich: »Sie ist so dumm wie
ein Ochs« hatte der höfliche Mann auch nicht zugelassen, sondern die
letzten drei Worte einfach gestrichen.
»Auf der Alm, da gibt's ka Sünd.«
In einer Posse: »Die Pantoffelmacherin« von Told wurde bei der
Aufführung auf einem Wiener Theater die Gräfin von Molkenflur in eine
»Frau von«, der Edle von Wiesenklee in einen bürgerlichen Wiesenklee
umgetauft, und in einer Gesangstrophe änderte der Zensor die Verse
eines Mädchens:
Und spricht dann nach der Jagd
Der Jager bei mir ein,
folgendermaßen um:
Und spricht wohl öfters unter Tags
A Gamsel (!!) bei mir ein.
Das Madonnenbild.
Oehlenschlägers vielgespielter »Correggio« wurde in Wien verboten, weil
darin ein Madonnenbild vorkommt.
Auf Empfehlung des Zensors von Haager entschied der Kaiser am 8.
Dezember 1814: »Wenn in dem Trauerspiele ›Correggio‹ dem Bilde,
welches dieser malt, eine bestimmte profane Benennung, z. B. aus der
fabelhaften Götterlehre, gegeben wird; wenn alle Anspielungen auf
Maria, Johannes, Magdalena, und überhaupt auf Bilder der Heiligen, wie
auch der Altar in der Eiche vor der Hütte des Einsiedlers wegbleiben,
und wenn Äußerungen, wie z. B. Jesus, Maria, Mutter Gottes, vor dem
schönen Bilde der Magdalena knien und beten usw. gestrichen werden, so
kann die Aufführung des Stückes gestattet werden.«
Der Altar wurde dementsprechend auf ein kleines Bild reduziert, das
Knien und Beten in »andächtige Betrachtung« verwandelt, die Namen Jesus
und Maria durch gleichgültige Ausrufe und das Madonnenbild durch das --
der Familie des Malers ersetzt! Nun stand der Aufführung nichts mehr im
Wege; sie fand am 30. August 1815 statt.
»Ein König darf nicht lächerlich gemacht werden.«
Der österreichische Humorist Castelli hatte für ein Wiener
Possentheater einen travestierten Lear geschrieben. Die Zensur
verbot aber die Aufführung mit der Begründung, ein König dürfe nicht
lächerlich gemacht werden.
8. Im Banne Napoleons.
»Im Kriege erträgt man die rohe Gewalt, so gut man
kann, man fühlt sich wohl physisch und ökonomisch
verletzt, aber nicht mehr moralisch.«
_Goethe_, Aus meinem Leben. III, 12.
Napoleon und die Presse.
Die Wirksamkeit der Presse hat keiner besser zu würdigen gewußt als
Napoleon. Auf seinem politischen Schachbrett vertraten die Zeitungen
mindestens die Schar der Bauern. Das Wort Preßfreiheit, das er als
Konsul oft im Munde führte, war allerdings nur eine Redensart, ein
Aushängeschild, das er rücksichtslos beiseite warf, als er auf der
Höhe seiner Macht stand, und wohin er als Eroberer seinen Fuß setzte,
behandelte er die gegnerischen Blätter wie eroberte Geschütze, die
man einfach umkehrt und gegen ihre früheren Besitzer abfeuern läßt.
Wehe dem Schriftsteller oder Verleger, der dabei auch nur mit der
Wimper gezuckt hätte! Das Schicksal des Nürnberger Buchhändlers Palm,
den Napoleon als den Verleger und mutmaßlichen Mitverfasser der
Schrift »Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung« am 26. August 1806
erschießen ließ, stand als warnendes Blutmal vor aller Augen. Ein
Federstrich des Kaisers beseitigte im Jahre 1810 sämtliche politischen
Zeitungen Badens bis auf eine, ebenso in Frankfurt; als er im Dezember
1810 Hamburg seinem Reiche einverleibte, mußten neun Zeitungen dort ihr
Erscheinen einstellen. Was übrigblieb, wurde einfach in französische
Blätter verwandelt oder mußte taktfest einstimmen in den Posaunenchor,
den er dirigierte. Durch die geknebelte Presse diskreditierte er
seine Feinde, hob er seine Soldaten in den Himmel, fälschte er die
Kriegsberichte, daß selbst aus der Schlacht bei Leipzig ein großer
Sieg der französischen Waffen wurde, und ließ er vor allem über sich
selbst des Lobes unendliche Fluten ergießen. Wie zahllose Völker
Europas, zwang er auch die öffentliche Meinung mit brutaler Gewalt zur
Bundesgenossin, und diese Hilfstruppen wußte er mit genialem Geschick
immer da einzusetzen, wo er sie brauchte.
In diesem Sinne bedeutete für ihn die Presse in der Tat die »fünfte
Großmacht«, wenn ihm auch dieses oft zitierte Wort mit Unrecht
zugeschrieben wird.
Presse und Regierung in Deutschland.
Von dieser Großmachtstellung der Presse waren aber die deutschen
Regierungen jener Zeit noch wenig überzeugt, und Napoleon mußte
auch hierin ihr Lehrmeister werden. Den deutschen Behörden galt die
Presse immer noch als ein Pech, mit dem man sich besudelte, wenn man
es anfaßte. Sie war das ~enfant terrible~, für das nur die Rute gut
war, um sein vorlautes Dreinreden zu zügeln. Am liebsten hätte man
ihm überhaupt den Mund verstopft, denn es lebte ja durch und für die
Öffentlichkeit, die man haßte. Das Mysterium der Staatsregierung
vollzog sich hinter einem dichten Vorhang; statt ihn ab und zu
hochzuziehen, um die schaugierige Menge wenigstens durch ein lebendes
Bild zu befriedigen, wurde jeder als Hochverräter behandelt, der es
wagte, den Vorhang mit dreister Hand zu lüften.
Das ungeheuer umfangreiche Aktenmaterial, das über die Behandlung
der Presse in den Kriegsjahren 1806 bis 1815 verschrieben wurde, hat
vor allem _ein_ Kennzeichen: der übelste bürokratische Ton feiert
darin wahre Orgien. Alle diese meist hohen Beamten arbeiteten ihren
Vorgesetzten immer zu Dank, wenn sie in jeder Wendung ihres Konzeptes
der tiefsten Verachtung der Presse und ihrer dienstbaren Geister,
mochten sie auch Arndt oder Schleiermacher oder Görres heißen,
kräftigsten Ausdruck liehen und an den Leuten der Feder ihr trauriges
Mütchen kühlten. Dieser Schriftwechsel der Minister unter sich ist eine
Sammlung vollendeter Verbalinjurien ersten Ranges.
Von einer auch nur notdürftigen Versorgung der Presse mit Nachrichten
war nicht die Rede. Was über die politischen Ereignisse, die Maßregeln
und Ziele der Regierungen durchsickerte, wurde im Haarsieb der Zensur
zu einem winzigen Häuflein Staub zerrieben. Die damaligen Zeitungen
sind daher die allerkläglichsten Meilenzeiger der deutschen Geschichte.
Nur das Ausland überließ man den Journalisten als fette Weide, und
da es zu jener Zeit in Frankreich am lebhaftesten zuging, so war die
deutsche Presse durch eine fehlerhafte geistige Rationierung längst
mit französischem Geiste durchsetzt, ehe dieser durch Napoleon eine
politische Gefahr für Deutschland wurde.
So kann es nicht Wunder nehmen, daß die völlig unorganisierte, jedes
nationalen Haltes entbehrende deutsche Presse jener Gefahr hilflos
gegenüberstand und vor ihrem Ansturm kläglich die Waffen streckte.
»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!«
Die Schlacht bei Jena hatte am 14. Oktober 1806 Preußens Niederlage
entschieden. Vier Tage später klebte in den Straßen Berlins der
bekannte Anschlagzettel, der mit den Worten begann:
»Der König hat eine Bataille verlohren. Jetzt ist Ruhe die erste
Bürgerpflicht.«
Der Gouverneur der preußischen Hauptstadt, der diese Worte prägte, Graf
von der Schulenburg-Kehnert, besaß aber selbst diese Ruhe nicht und
flüchtete mit der Regierung und dem königlichen Hof nach Ostpreußen
in den Schutz des russischen Verbündeten. Auch der bisherige Berliner
Zeitungszensor Renfner, der schon seit 1792, der Zeit Wöllners, dieses
Amt verwaltete, hatte sich dorthin in Sicherheit gebracht.
Schulenburgs Nachfolger Fürst Hatzfeld gab nun die Losung aus: »Unsere
Aussichten müssen sich nicht über dasjenige entfernen, was in unsern
Mauern vorgeht!« Dafür sorgten dann schon die Franzosen, die am 24.
Oktober in Berlin einrückten.
Im Dienst des Feindes.
In den vom Feinde eroberten Provinzen Preußens herrschten nun das
fremde Gesetz und die Willkür des Siegers. Getreu seiner Gewohnheit,
sich in erster Reihe aller Organe des öffentlichen Lebens zu
versichern, riß er in Berlin sofort die Zensur aller Drucksachen
an sich. Schon am 27. Oktober, dem Tage des Einzugs Napoleons,
ließ der französische Kommandant von Berlin, Hulin, dem Zensor für
historisch-politische Schriften melden, daß die politische Zensur
nunmehr von der französischen Behörde ausgeübt werde. Zwei Tage später
beschied der französische Kommissar Baron Bignon, der schon 1801--04
Geschäftsträger in Berlin gewesen war, das Terrain also gut kannte,
die Herausgeber der beiden politischen Tageszeitungen zu sich, um sie
zu instruieren. Worin diese »Instruktion« bestand, zeigte sich bald;
die Zeitungen waren von jetzt an in fremdem Dienst: sie brachten
die Lüge von dem begeisterten Empfang Napoleons durch die Berliner
Bürgerschaft, druckten die Bulletins der Großen Armee wortgetreu ab,
verherrlichten die Waffentaten »unserer siegreichen [französischen]
Truppen«, verspotteten das preußische Militär und erniedrigten sich
sogar zu verleumderischen Angriffen gegen König und Königin, die als
Feinde Napoleons jetzt auch ihre Feinde sein mußten. Der geradezu im
Solde der Franzosen stehende täglich erscheinende »Neue Telegraph«
von Hofrat ~Dr.~ K. J. Lange (ehemals Davison) durfte es unter dem
Gelächter der französischen Kavaliere wagen, der Königin Luise ein
Verhältnis zu Kaiser Alexander anzudichten. Diese Haltung der Berliner
Presse, die sogar nach dem Wiederabzug der Franzosen noch eine Weile
die gleiche blieb, verziehen ihr der König und die preußischen
Patrioten nie; Graf Alexander von Dohna war der Meinung, die Zeitungen
hätten lieber eingehen müssen, als »Schmähungen auf die vaterländische
Regierung« aufzunehmen. Noch 1814 brachte er als Gouverneur in
Königsberg diese sklavische Nachgiebigkeit der Berliner Presse in
peinlichste Erinnerung (vgl. S. 202).
Französische Zensur.
Baron Bignon übte die Zensur der Zeitungen und politischen Schriften
mit großer Sorgfalt selbst aus. Artikel, die ihm nicht paßten, schnitt
er aus den Korrekturabzügen heraus; die Abzüge mußten außerdem am
Erscheinungstage der betreffenden Nummer an ihn zurückgegeben werden,
so daß Redakteure und Verleger nicht einmal Beweisstücke in Händen
behielten für das, was ihnen die französische Zensur zumutete.
Von allen neu erscheinenden Schriften mußten regelmäßig Verzeichnisse
vorgelegt werden. Politische Schriften, soweit Bignon sie nicht selbst
zensierte, übergab er dem Prediger an der französischen Kirche,
Hauchecorne, der ihm schon früher befreundet war und sich dieser
Tätigkeit mehr als willig unterzog. Nur was harmlos erschien, wurde den
bisherigen Zensoren zugestellt.
Krieg und Moral.
Was nicht parierte, wurde beseitigt. Der von August von Kotzebue und
Garlieb Merkel 1804 begründete »Freimüthige«, der bis zuletzt seinem
Namen Ehre zu machen wagte, stellte unmittelbar vor der Ankunft
der Franzosen sein Erscheinen ein. Erst im Januar 1808 wurde er
fortgesetzt, aber schon im Februar stand sein jetziger Herausgeber
August Kuhn unter Polizeiaufsicht, und im März traf ihn wegen eines
Artikels »Nemesis« ein neues Verbot. Von April 1808 ab durfte er wieder
erscheinen und bewahrte auch jetzt noch in allem, was den preußischen
Staat betraf, eine tapfere patriotische Haltung.
Ein anderes Unterhaltungsblatt, der von Professor Theodor Heinsius
herausgegebene »Preußische Hausfreund«, verschwand am 5. Februar 1807
plötzlich von der Bildfläche und durfte sich erst nach dem Abzug der
Franzosen wieder hervortrauen. Am 6. Februar 1807 wurde außerdem der
Herausgeber Heinsius aus dem Bette heraus verhaftet und vierzehn Tage
lang auf die Hausvogtei gesetzt. General Clarke soll in einer Schrift
über Moral, die Heinsius herausgeben wollte, »aufregende Tendenzen«
entdeckt und dem Verfasser erklärt haben: »Ach was Moral, was soll
die im Kriege?« Jedenfalls handelte es sich um einen Aufsatz für den
»Hausfreund«, wie auch Gubitz berichtet. Clarke verbot die Fortsetzung,
warnte Heinsius vor Aussprüchen, die den französischen Behörden
unangenehm seien, und ließ ihn auch nach seiner Freilassung durch die
Polizei überwachen.
Eines aber darf man der französischen Gewaltherrschaft nachrühmen: um
_un_politische Dinge kümmerte sie sich nicht. Auch waren die Franzosen
für Witz und Satire viel leichter zugänglich als die meist grämliche
preußische Behörde. Der Kommandant Hulin, der ebenso wie General Clarke
auf alle Drucksachen ein scharfes Auge hatte, ließ eine boshafte
Karikatur auf den Herausgeber des franzosendienerischen »Telegraphen«
unbeanstandet; als sie eine zweite Auflage erlebte, forderte er zwar
dem Künstler die Platten ab, gab sie aber nach drei Wochen ohne weitere
Vorschriften zurück.
Bezeichnend ist auch, daß unter dem französischen Regiment in
Berlin das erste dortige Leseinstitut errichtet wurde, wo 200--300
Zeitungen offenlagen. Da konnte sich auch der mißtrauischste Berliner
überzeugen, daß fast die gesamte deutsche Presse sich glücklich
schätzte, unter den glorreichen Feldzeichen Napoleons für die Freiheit
der Nationen und den Sieg der »Kultur« über die »Barbarei« zu fechten.
Fichte als Zensor.