»Schiller stand damals auf der Höhe seines Ruhmes«, sagt Heinrich

Laube. »Er lebte nur noch zwei Jahre und einige Monate, und in solchem

Augenblicke hatte das Nationaltheater den Mut, ein neues Stück von ihm

so umzuändern, seinen Namen wegzustreichen und eine große Tragödie von

ihm so aufzuführen, daß er gar keinen Teil daran zu haben schien und

sicherlich auch nicht das kleinste Honorar dafür erhielt, denn ein

gedrucktes Stück war vogelfrei für die Bühnen!« --

»Johanna d'Arc« mißfiel übrigens in dieser Bearbeitung den Wienern sehr

und wurde im Frühjahr 1802 nur fünfmal gegeben; dann verschwand sie für

achtzehn Jahre vom Repertoire des Burgtheaters. Erst 1820 durfte die

richtige »Jungfrau von Orleans« dort erscheinen.

Die Dresdener »Jungfrau«.

Nicht ganz so schlimm, aber ähnlich erging es der »Jungfrau von

Orleans« auf dem Hoftheater zu Dresden, das der Hofmarschall von

Racknitz leitete. Die dortige Erstaufführung fand am 26. Januar 1802

statt, und Schillers Freund Körner berichtete darüber am folgenden Tage:

»Die Veränderungen waren zahllos und von einer Art, die Du kaum

errathen solltest ... Racknitz hatte die anstößigen Stellen nur

angestrichen, und die Schauspieler, besonders Opitz, hatten andere

Lesarten substituirt (!). Nur einige Beispiele: Jungfrau erinnerte

zu sehr an Jungfrau Maria, daher war der Titel ›Johanna d'Arc‹, und

anstatt: ›Gott und die Jungfrau‹ hieß es: ›Tod den Feinden, Sieg den

Franken!‹ -- ›Vor diesen fränkischen Weichlingen zu fliehen?‹ hätte

den französischen Gesandten beleidigen können; es hieß also: ›vor

dieser Handvoll Feinde‹. -- Für Gott wurde Himmel, für Teufel: böser

Geist gesagt. -- Agnes hatte _Freundschaft_ für den König, und in dem

2ten Gebete hieß es anstatt Deiner Agnes Liebe: Deines Volkes Liebe

... Sonderbar war indessen, daß der Prinz Anton und die Prinzessin

Maria Anna, Schwester des Churfürsten, gedruckte Exemplare mitgenommen

hatten, worin sie oft nachlasen.«

»Ein unmoralisches, höchst gefährliches Theaterstück.«

Jahre hindurch hatte man Schillers »Räuber« auf den kleineren Theatern

Wiens ihr Wesen treiben lassen, selbst die Furcht vor der Revolution

hatte vor diesem Meisterwerk die Segel gestrichen. Natürlich waren nur

die früheren, von der Zensur genehmigten Bearbeitungen erlaubt. 1804

wurde Freiherr von Sumerau Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle,

und eine seiner ersten Regierungshandlungen war ein kategorisches

Verbot der »Räuber«, die, wie er am 31. August 1805 zu Protokoll gab,

»als ein unmoralisches, alle Bande der Gesellschaft auflösendes, höchst

gefährliches Theaterstück, weder nach der Idee des Verfassers noch in

irgendeiner Umarbeitung zur theatralischen Vorstellung geeignet« seien.

Kurz vor seiner Amtsentsetzung (20. Juli 1808) aber steckte er ein Loch

zurück. Die adligen Unternehmer, die seit 1807 das Hoftheater, das

Kärntnertortheater und das an der Wien gepachtet hatten, ließen im Juni

1808 das Stück neu bearbeiten und baten dringend um die Erlaubnis zur

Aufführung, »da vorzüglich bei der jetzt eingetretenen Sommerzeit für

gute und interessante Spektakel gesorgt werden muß«. Dieser Notschrei

der Kavaliere machte Eindruck. Zwar habe sich »von jeher die allgemeine

Stimme gegen diese Jugendarbeit Schillers erhoben«, antwortete Sumerau

am 13. Juli, aber er sei doch einem Versuch nicht abgeneigt, »ob dieses

Stück nicht einen widrigen Eindruck auf das Publikum zurücklasse«.

Einige Änderungen wurden noch verlangt, der Titel in »Carl Moor«

verwandelt, und in dieser Gestalt das Stück erlaubt.

Von einem »widrigen Eindruck« der »Räuber« melden die Akten der

Polizeihofstelle nichts, und der Versuch wurde ebenfalls auf der

Leopoldstädter und Josefstädter Bühne gemacht, ohne daß die Ruhe der

Kaiserstadt dadurch gestört wurde.

»Franz heißt die Canaille?«

Diese Frage des Räubers Schweizer an seinen Kollegen Roller, als sie

den Absagebrief des »zuckersüßen Brüderchens« Franz Moor an Karl lesen,

war während der Regierung des Kaisers Franz in Wien streng verboten,

denn, meinte der Zensor, »das könnte als eine Anspielung auf Se.

Majestät den Kaiser genommen werden«!

Tells Geschoß.

Bei der Weimarer Erstaufführung des »Wilhelm Tell« am 17. März 1804

war der ganze fünfte Akt gestrichen, »weil wir des Kaisermords nicht

erwähnen wollten«, wie Schiller an seinen Freund Körner schrieb. Das

war zweifellos auf Wunsch Goethes geschehen, der bekanntlich in einem

späteren Gespräch mit Eckermann (16. März 1831) die Gegenüberstellung

Tells und Joseph Parricidas als eine »kaum begreifliche«

Geschmacklosigkeit bezeichnete und auf weibliche Einflüsse

zurückführte. Aber auch die vier ersten Akte waren stark verkürzt,

viele Personen in wenige verwandelt und zahlreiche »schwierige und

bedenkliche Stellen« fortgelassen.

Die erste Berliner Aufführung fand am 4. Juli desselben Jahres statt.

Iffland wollte aber nicht nur die Parricida-Szenen, sondern auch

den großen Monolog Tells im 4. Akt, »Durch diese hohle Gasse muß

er kommen«, gestrichen sehen. Dem aber widersetzte sich Schiller

nachdrücklich. Außerdem fand Iffland noch drei andere Textstellen

bedenklich, und der Dichter ließ sich überreden, sie nach dem Wunsche

des ängstlichen Theaterdirektors zu ändern, obgleich er meinte, ein

Sujet wie Tell müsse notwendig gewisse Saiten berühren, »welche nicht

jedem gut ins Ohr klingen«.

In der großen Rede Stauffachers im 2. Akt (2. Szene) wurden die Verse

»Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden« bis »Der Güter höchstes

dürfen wir verteid'gen Gegen Gewalt« abgeschwächt:

Wenn es zum letzten, äußersten gekommen,

Wenn rohe Willkür alles Recht zertritt,

Wenn kein Gesetz mehr hilft, dann hilft Natur,

Das altererbte dürfen wir beschützen

Gegen Gewalt.

In der Unterhaltung Tells mit seinem Sohne Walther (3. Akt, 2. Szene)

wurde das ganze Frag- und Antwortspiel, daß Land und Wild und Strom und

Meer alles dem Könige oder dem Bischof gehöre, das Volk aber nicht den

Segen seiner Arbeit genieße, gestrichen und durch die sinnlosen Verse

ersetzt:

Das Land ist frei und offen wie der Himmel,

Doch die's bewohnen sind in große Dörfer

Mit Mauern eingesperrt. Sie nennen's Städte.

Und in der letzten Vision des sterbenden Attinghausen, der den

Entscheidungskampf zwischen Adel und Bauerntum vorhersagt, wurde dieser

Gegensatz der Stände vorsichtig verwischt. Es hieß nicht mehr:

des Adels Blüte fällt,

Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne,

sondern:

errungen ist der Sieg,

Hoch triumphierend schwebt die Landesfahne.

Das Verbot des »Fidelio«.

Selbst Beethovens unsterblicher »Fidelio« entging vor seiner

Uraufführung nicht dem Zensurverbot! Ein spanischer Minister, der sein

Amt zur Befriedigung persönlicher Rache mißbrauchte, und wenn er auch

aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte -- das hätte ja die Achtung der

guten Wiener vor den k. k. Hof- und Staatsbeamten untergraben können!

Erst als der Verfasser des Textbuches und damalige Hoftheatersekretär

Joseph Sonnleithner darauf hinwies, daß der Missetäter ja bestraft,

und »durch den Hof« bestraft werde, und der Heroismus der weiblichen

Tugend dadurch um so heller strahle, ließ sich der Polizeipräsident von

Sumerau »nach einiger Abänderung der grellsten Szenen« erweichen, und

die Aufführung durfte am 20. November 1805 im Theater an der Wien vor

sich gehen.

Sieben Tage vorher hatten die Franzosen Wien besetzt, und auf das

Parterre der französischen Offiziere machte dies Hohelied der

Gattentreue wenig Eindruck. Der europäische Erfolg des »Fidelio« setzte

erst 1814 ein, als Beethoven sein Meisterwerk neu bearbeitet hatte.

Der Sohn als Neffe.

1807 gelang es endlich den neuen Pächtern der drei Haupttheater

Wiens, dem Zensor die Erlaubnis zur Aufführung von Schillers »Kabale

und Liebe« abzuzwingen. Aber welche Mißhandlung hatte sich Schillers

Meisterwerk gefallen lassen müssen! Wieder war ein Theatersekretär,

diesmal Joseph Sonnleithner, darüber gekommen. »Die derben Stellen,«

schrieb Fürst Esterhazy am 30. September an den Polizeipräsidenten,

»welche sich Schiller in seinen späteren Lebensjahren selbst nicht mehr

erlaubt haben würde, sind, darf ich sagen, ebensosehr aus Rücksicht

auf den Dichter selbst, als auf den Ton der Sittlichkeit überhaupt

weggelassen«. Die »Behutsamkeit« des Bearbeiters ging aber der Polizei

noch immer nicht weit genug, vielmehr verlangte Herr von Sumerau, daß

noch »manche allzu grelle Tiraden, in welche der Dichter teils das

religiöse, teils das sittliche Gefühl beleidigende Ausdrücke legte,

entweder ausgemerzt oder gemildert und [mit Rücksicht auf das vierte

Gebot] der Vater des Majors in einen Oheim verwandelt werden möchte«!

Und so geschah es: aus dem Sohn des Präsidenten wurde der Neffe, und

die Wiener Witzbolde Castelli und Bauernfeld erzählten gern von der

überwältigenden Wirkung des Ausrufs Ferdinands: »Es gibt eine Gegend in

meinem Herzen, wo das Wort -- Onkel noch nie gehört wurde!« Diese allzu

lächerlichen Stellen waren aber gestrichen.

Ein so niederträchtiger Präsident durfte ebenfalls nicht auf

dem Burgtheater erscheinen; man hätte ja am Ende dabei an den

Polizeipräsidenten denken können! Er wurde daher in einen »Vizedom«

(~Vicedominus~ = Statthalter) verwandelt, und aus dem Hofmarschall

von Kalb wurde ein märchenhafter »Obergarderobemeister«, wobei es

dann nicht minder schön klang, wenn Ferdinand am Anfang des 4. Aktes

wütend in die Szene hineinrief: »War kein Obergarderobemeister da?«

Oberhofmeister, Bürgermeister und ähnliche respektable Leute pflegten,

wie August Klingemann erzählt, zu protestieren, wenn Leute ihres

Ranges auf der Bühne nicht mit den höchsten Tugenden und Verdiensten

ausgestattet waren; daher mußten der Zensor oder der Bearbeiter

derartige Phantasiechargen erfinden. Der Zensor scheint aber selbst für

den Humor dieser Änderung nicht ohne Verständnis gewesen zu sein; sie

brachte ihn in so gute Laune, daß er den Obergarderobemeister durch

den Sohn oder vielmehr Neffen des Präsidenten nicht, wie Schiller

vorschreibt, »mein Allervortrefflichster« anreden ließ, sondern »mein

Allerwertester«!

Lady Milford schwebte ebenfalls völlig in der Luft; die Bezeichnung

»Favoritin des Fürsten« mußte natürlich fallen, und damit auch jede

Stelle des Textes, die ihr Verhältnis zum Fürsten näher bezeichnete,

vor allem die Kammerdienerszene. Daß Serenissimus »von einer britischen

Fürstin Erbarmen gegen sein deutsches Volk lernen« solle, wie es in dem

Billett der Lady an den Fürsten im 4. Akt heißt, war ebenfalls nicht

erlaubt.

Das reizendste aber war, daß der schuftige Sekretär Wurm in der letzten

Abrechnungsszene, als er seinen Spießgesellen, den Vizedom, preisgibt,

diesen keineswegs, wie der Dichter will, als »Kameraden« behandeln,

als Bube titulieren und ihm in blutigem Galgenhumor auf die Schulter

klopfen durfte, sondern auch da noch den schuldigen Respekt vor dem

Vorgesetzten und der Standesperson zu wahren hatte, demnach alle jene

groben Verstöße gegen die gute Lebensart fallen mußten!

So zugerichtet erschien »Kabale und Liebe« am 23. Juli 1808 zum ersten

Male auf dem k. k. Hofburgtheater, und dieser Unsinn wurde bis 1848

geduldet!

Die unglückliche »königlich spanische Familie«.

Im Herbst 1808 hatte der Hofschauspieler Krüger den in Wien noch nicht

zugelassenen »Don Carlos« »bearbeitet« und wollte ihn zu seinem Benefiz

auf dem Theater an der Wien geben. Der Vizepräsident der Polizei von

Haager aber erhob Einwände, weil »das Verhältnis des Prinzen zum König,

seinem Vater, einige entfernte Ähnlichkeit mit den letzten Ereignissen

in Spanien« habe, wo Karl IV. und sein Sohn Ferdinand VII. um die

Krone kämpften, bis sie Napoleon beide an die Luft setzte und seinen

Bruder Joseph zum König von Spanien erhob. Hier standen also nicht nur

das vierte Gebot, sondern auch die wandelbaren »Zeitumstände« einer

Aufführung im Wege, und selbst der freiheitliche Minister Graf Stadion

meinte, daß man es »dem unglücklichen Zustande der königlich spanischen

Familie schuldig sei, selbe nicht zum Gegenstand von Beziehungen zu

machen, die zwar keineswegs in dem Stück selbst liegen, bei der durch

die letzten Ereignisse in Spanien veranlaßten Stimmung des Publikums

aber doch schwer zu vermeiden sein würden«.

Am 14. Mai 1809 aber zogen die Franzosen in Wien ein, denen die

»königlich spanische Familie« Hekuba war, und während ihrer Herrschaft

bis zum November wurde gerade »Don Carlos« die einzige Novität des

Burgtheaters. Am 23. August 1809 erfolgte die erste Aufführung.

Ohne Änderungen aber hatte die einheimische Zensur ihn doch nicht

passieren lassen. Der Großinquisitor war gestrichen; aus dem

Beichtvater Domingo war ein gleichgültiger »Höfling Don Antonio Perez«

geworden, eine Änderung, die Schiller selbst für das Hamburger Theater

gemacht hatte, die Rolle des ebenfalls gestrichenen Herzogs Alba

wurde, so gut es ging, mit der jenes Höflings zusammengezogen, und

Carlos durfte beileibe nicht in seine Stiefmutter verliebt sein. Jede

Andeutung davon war noch unter Laubes Direktion streng untersagt!

Geßler das Karnickel.

Schillers »Wilhelm Tell« kam erst 1827 aufs Burgtheater, dagegen schon

am 30. Mai 1810 aufs Theater an der Wien, das 1814 bis 1817 eine

Art Filiale der Burg war. Der Schauspieler Wilhelm Grüner hatte die

Bearbeitung übernommen. Wes Geistes Kind sie war, ergibt sich aus dem

Gutachten des Zensors von Haager vom 12. Dezember 1809: »Österreich

wird gar nicht erwähnt, und kein Schatten fällt auf den Kaiser, sondern

alles wird der Tyranei des Vogts Geßler zugeschrieben.«

Schon Hägelin hatte den Schweizerheld Wilhelm Tell und jede Empörung

einer Eidgenossenschaft gegen das österreichische Zepter zu den Stoffen

gezählt, die seitens der Zensur nicht zu dulden seien. Daß man 1809

ein Stück, worin der Widerstand gegen die hohe Obrigkeit als ein Akt

gerechter Selbsthilfe verherrlicht wurde, nicht mehr schroff ablehnte,

war immerhin ein Fortschritt. Im übrigen aber hatte sich der Bearbeiter

Grüner streng an Hägelins Vorschrift gehalten, die besagte: »Nie darf

eine Schuld an den Mängeln der Militärverwaltung auf den Landesfürsten

oder den Dienst selbst fallen.« Stets mußte, genau so wie in der hohen

Politik, ein Untergebener das Karnickel sein. Der vierte und letzte Akt

schloß mit Geßlers Tod.

Auch Grüners Bearbeitung wurde nicht sofort genehmigt, da man auf der

Bühne nicht gern an Länder erinnern ließ, die Österreich einst besessen

und später verloren hatte und da »die neuesten Ereignisse in Tirol zu

gewissen peinlichen Rückerinnerungen Anlaß« gaben. Erst Graf Palffys

hartnäckiges Drängen erzielte im März 1810 die Freigabe des Stückes.

Isabellas Ahnungen.

Gegen Schillers »Braut von Messina« hatte der Wiener Zensor im Januar

1804 nichts weiter einzuwenden, als daß das Innere einer Kirche auf

dem Theater nicht vorgestellt werden könne, sondern diese in eine

Familiengruft wie in »Romeo und Julia« umzuwandeln sei. Dennoch verbot

der Polizeipräsident die Aufführung.

Als die Tragödie endlich zum 23. Januar 1810 freigegeben wurde,

mußten die Worte »Kirche« und »Kloster« in »Tempel« und »Eiland« (!)

verwandelt werden, und im 4. Aufzug mußte Isabella statt

So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte!

ausrufen:

So haltet ihr mir Wort, ihr Ahndungen!

Denn, sagte schon Hägelins Zensurkatechismus von 1795, an der Vorsehung

darf nur dann gezweifelt werden, wenn die handelnde Person sich selbst

korrigiert oder von andern widerlegt wird!

»Egmont« in Wien.

Zu den klassischen Werken, welche die Kavalierdirektion des Wiener

Burgtheaters der Polizei abzutrotzen wußte, gehörte auch Goethes

»Egmont«, der am 24. Mai 1810 seine dortige Uraufführung erlebte.

1795 hatte Hägelin die Rebellion der Vereinigten Niederlande als

unzulässig auf dem Burgtheater bezeichnet. 1810 endlich erklärte die

k. k. Hof- und Staatskanzlei (Graf Metternich), daß gegen »Egmont«

keine Bedenken bestünden. Jedoch mußten die Worte »Franzosen«, »wälsche

Hunde«, »wälsche Majestät« und »vierzehn neue Bischofsmützen« ersetzt

werden durch die Ausdrücke »der Feind«, »die fremden Hunde«, »welsche

Regierung« und »vierzehn neue Kirchenvorsteher« (!). Und statt der

»Freiheit« mußten die unruhigen Bürger Brüssels die »Freundschaft«

leben lassen!

Wallensteins Reinigung.

Gleich nach Erscheinen des »Wallenstein« machte sich der Wiener

Zensurbeamte und berüchtigte »Verhunzer« zahlreicher Klassiker,

Escherich, auch an eine »Bearbeitung« dieses Werkes. Aber selbst

ihm gelang es nicht, den widerspenstigen Stoff nach dem gewohnten

Zensurrezept zurechtzuschneidern, denn den Hauptanstoß konnte auch er

nicht beseitigen. Alle Begebenheiten der vaterländischen Geschichte,

deren »Ausschlag diesen Regenten nachtheilig ist«, jede Empörung

gegen einen Regenten überhaupt, war ja nach den Grundsätzen der

Burgtheaterzensur ausgeschlossen. Die »höhere Entscheidung« fiel denn

auch ablehnend aus. Ebenso ging es 1810, als die Hoftheaterdirektion

nur die »Piccolomini« der Zensur einreichte. Graf Metternich, der

spätere allmächtige Minister, erklärte seitens der geheimen Hof- und

Staatskanzlei, das Stück sei »keineswegs zur öffentlichen Darstellung

geeignet«.

Erst am 1. April 1814 durfte Schillers Meisterwerk »in die Kürze

gezogen und für einen Abend eingerichtet von H. W-r« auf dem

Burgtheater erscheinen, nachdem Hofrat Friedrich Gentz, die rechte Hand

Metternichs, das »von allen anstößigen Stellen gereinigte« Trauerspiel

noch einmal durchgesiebt und am 9. Februar zu Protokoll gegeben hatte,

daß man in politischer Hinsicht »gegen keine _einzelnen_ Stellen des

Stückes« in dieser Fassung mehr etwas erinnern könne. Die Bedenken

gegen das Ganze waren also auch jetzt nicht völlig beseitigt.

Das Vorspiel »Wallensteins Lager« aber war der Kapuzinerpredigt wegen

von Wiener Bühnen bis 1848 ausgeschlossen.

Maria Stuart -- Maria Antoinette.

Als Schillers »Maria Stuart« 1801 erschien, wurde sie in Österreich

sofort verboten, aber der Intelligenz »~erga schedam~« (gegen

persönlichen Erlaubnisschein) zur Lektüre gestattet; in den

»Gesammelten Werken« des Dichters beanstandete man sie nicht weiter.

Die Hinrichtung eines gekrönten Hauptes und die religiösen Elemente

des letzten Aktes schlossen Schillers Drama vom damaligen Wiener

Hofburgtheater natürlich aus.

In Prag wagte man sich gleichwohl schon am 17. Juni 1804 an die

Aufführung, und zwar nach einer Bearbeitung, die auch das Dresdener

Hoftheater angenommen hatte. Als aber daraufhin 1805 der Wiener

Polizeipräsident von Sumerau die Aufführung auch für Wien befürwortete,

stieß er auf den energischen Widerstand des Kaisers.

Die »Theater-Unternehmungs-Gesellschaft« streckte aber ihre Hände

auch nach »Maria Stuart« aus. Der Leiter des deutschen Schauspiels,

Graf Palffy, kam in immer erneuten Eingaben auf dieses Werk zurück.

Der Zensor von Haager sogar befürwortete die Aufführung, obgleich

die Hinrichtung Marias »an ein ähnliches unglückliches Ereignis der

jüngsten Vergangenheit« erinnere.

Doch der Kaiser blieb unzugänglich: an das Schicksal seiner Tante

Maria Antoinette wollte er nicht gemahnt sein. Haager wurde geradezu

beredt in der Verteidigung Schillers; die Haupttendenz des Stückes,

legte er 1812 dem Kaiser dar, könne zwar nicht verwischt werden, Marias

leichtsinniges Leben, die Geschichte ihrer vielen Männer und Liebhaber

komme zur Sprache, aber sie sei »ganz Reue und Ergebung und sterbe

auf dem Schafott als ein Opfer der neidischen und herrschsüchtigen

Elisabeth«; »die in katholischen Ländern nicht zuzulassenden, sehr

verwerflichen Szenen, wo sie kurz vor ihrem Tode beichtet«, seien

leicht zu beseitigen.

Aber dreimal, 1810, 1812 und 1813, lehnte der Kaiser ab. Da versammelte

der Wiener Kongreß in der österreichischen Hauptstadt »beinahe alles,

was Europa Großes und Glänzendes enthält«; das fremde Publikum

verlangte »Spektakel, die eines so außerordentlichen Zeitpunktes doch

nicht ganz unwürdig seien«; die Finanzen des Hoftheaters waren aber so

herunter, daß Graf Palffy, seit März dieses Jahres alleiniger Pächter,

vor dem Ruin stand; in einer beweglichen Eingabe vom 25. September 1814

legte er seine mißliche Lage dem Kaiser dar und bat um die Freigabe

einer ganzen Reihe von Stücken, die »die Strenge der Zensurnormalien«

bisher verboten hatte. Darunter war »Maria Stuart«, und am 20. Oktober

gestattete endlich Kaiser Franz die Aufführung der Tragödie unter

der Bedingung, »daß alle in diesem dramatischen Werke vorkommenden

Anstößigkeiten sorgfältig gehoben und durchaus gestrichen werden«.

Daraufhin ging »Maria Stuart« am 29. Dezember 1814 in der Prager

Bearbeitung auf dem Wiener Burgtheater zum ersten Male in Szene, volle

vierzehn Jahre nach ihrer Uraufführung in Weimar.

7. Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur.

Die lästigen Autoren.

»Felix, oder: Die Laune des Zufalls« hieß ein Manuskript, das

ein unbekannter Autor im Jahre 1802 der Wiener Zensur für die

Leopoldstädter Bühne einreichte. Da es beanstandet wurde, ließ sich

der Verfasser die Mühe nicht verdrießen, es nach dem polizeilichen

Sittenkodex umzuarbeiten.

In neuer Aufmachung unterbreitete er es zum zweiten Male dem Zensor,

und dieser -- jedenfalls der alte Hägelin -- gab es seiner vorgesetzten

Behörde mit dem charakteristischen Stoßseufzer weiter: »Es ist ein

Jammer, was die Zensur in solchen Fällen von hier befindlichen Autoren

für Plagen auszustehen hat, weil diese jungen Leute ein kleines Geld

sich verdienen wollen.«

Anständigere Eselsohren.

Ausdrücke wie Ehebruch, Hörner tragen usw., die »keusche und gesittete

Ohren« beleidigen konnten, mußten auf dem Wiener Burgtheater

fortfallen. 1802 wurde in einem romantisch-komischen Singspiel »Das

Zauberschwert« auf Verlangen der Zensur »das Hirschgeweih, das der

Autor dem Knappen Pitschili gegeben hatte, in anständigere Eselsohren

verwandelt«.

Ein falscher Reim.

Von dem Freiherrn von Haager, der seit 1803 Hofrat, später

Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle in Wien war, erzählt der

österreichische Humorist Castelli: Er war so übel nicht, aber er

hatte seine eigenen kleinen Marotten. So durfte unter ihm der Ausruf

»O Gott!« nur auf den Hoftheatern gesprochen werden; in Stücken der

Vorstadtbühnen wurde der liebe Herrgott immer gestrichen und dafür »O

Himmel!« hingeschrieben. Am spaßigsten nahmen sich solche Korrekturen

an Stellen aus, die gereimt waren. Da hieß es z. B. in einem Drama

Castellis:

Treibe nicht mit Heil'gem Spott,

Und bedenk', es lebt ein Gott!

Der Zensor verbesserte kaltblütig:

Und bedenk', es lebt ein Himmel!

Ein Feind der Zweideutigkeiten.

Der gute alte Haager war auch, und gewiß mit vollem Recht, ein Feind

aller Zweideutigkeiten. Wo er eine witterte, suchte er ihr mindestens

ein Mäntelchen umzuhängen; er tat das aber meist so ungeschickt, daß

dadurch eine größere Zweideutigkeit zum Vorschein kam. So änderte er z.

B. »Sie besitzt einen weißen üppigen Busen« um in »Sie ist vorne sehr

schön gebaut«.

Selbst Anmerkungen des Soufflierbuchs, die nur den Schauspieler

betrafen und gar nicht gesprochen wurden, verletzten oft sein

Zartgefühl; so litt er nie die Worte: »Er küßt sie«, sondern

verbesserte dafür stets: »Er gibt ihr einen Kuß.«

Ottokar, Attila und Napoleon.

Als nach dem unglücklichen Frieden von Preßburg (26. Dez. 1805) die

Franzosen aus Wien abgezogen waren, schrieb der Hofschauspieler Ziegler

ein Stück »Thekla, die Wienerin«, das den Kampf Kaiser Rudolfs von

Habsburg gegen König Ottokar von Böhmen im Jahre 1278 zum Gegenstand

hatte.

Die Aufführung wurde aber am 30. April 1806 auf Geheiß des Kaisers

verboten, aus Furcht, die französische Botschaft könne in dem gehässig

geschilderten Ottokar und seinen Böhmen eine Anspielung auf Napoleon

und die Franzosen sehen.

Erst drei Jahre später, als Österreich aufs neue den Krieg gegen

Frankreich erklärt hatte (9. April 1809), wurde die Aufführung im

Burgtheater gestattet.

Hier Zensur - wer dort? Antworten von gestern auf Fragen von heute · 第 11 / 18 段