ähnliche Stimmung als jene ist, in der sich ein vielbeschäftigter Mann
befindet, wenn er an einem Tage, an welchem ihm Vieles und Wichtiges
zu thun obliegt, in einem fremden Nachtlager schon um Mitternacht auf
seinem Bette erwacht, und die ihm nöthige Erquickung des Schlafes nicht
wiederfinden kann. Er hört das einförmige Hin- und Herklappern des
Pendels der Wanduhr, vernimmt aus der Ferne das Rufen und Hörnerblasen
des Nachtwächters, wendet sich bald da bald dorthin in seinem Bette,
hebt das Haupt empor und legt es wieder nieder, aber so oft und so viel
er auch gegen das Fenster blickt, der Tag will nicht und immer noch
nicht kommen. Bei unsrer Quarantäne in Livorno kam noch Manches zum
Verlust der Zeit hinzu, das, für die ersten Stunden wenigstens, die
unliebliche Stimmung vermehrte.
Wir waren jetzt dem hochummauerten Gebäude, welches mit seinen
Thürmen einer Festung gleicht, nahe gekommen; das schwere Gatterwerk
zog sich mit seinen rasselnden Ketten empor; das Fahrzeug wurde in
ein tiefgemauertes Bassin hineingelassen in welches nur durch den
verschließbaren Kanal das Meer hineintritt, das aber sonst nach allen
Seiten von hohen Mauern umgeben ist. Oben auf einer Terrasse die an die
Mauer gränzt stunden bereits die Frauen und Kinder der beiden Kaufleute
welche von Syra an unsre Reise- und Leidensgefährten waren; die Männer
hatten ihnen schon von der Rhede aus ihre Ankunft gemeldet. Auch manche
der andren Mitreisenden sahen dort Freunde und Freundinnen, die sie
fröhlich bewillkommneten. Dieser Anblick war ein erfreulicher, dazu
gesellte sich aber ein andrer, von sehr entgegengesetzter Wirkung.
Gerade damals als wir in der Quarantäne von St. Leopold ankamen, in den
ersten Tagen des August 1837 war die Stelle des Commandanten dieser
Anstalt unbesetzt, sie wurde durch einen Lieutenant versehen, einen
ältlichen, hagren Mann, der mit einer nichtssagenden Gravität auf der
Terrasse stund um unsre Einfahrt zu beobachten. Kaum hatte dieser Herr
Lieutenant den Papagey und den kleinen Hund unsers Reisegefährten,
des Schauspielers und Sängers aus Malta bemerkt, als er mit lauter
Stimme herunterschrie: keine lebendigen Thiere dürften nicht in die
Quarantäne, weil sie die Cholera verbreiten könnten. Aber unser Sänger,
der sich gut aufs Reden verstund und sein vornehmstes Kleid angezogen
hatte, rief eben so laut wieder hinauf seinen ziemlich ungestümen
Wunsch wenigstens den Papagey behalten zu dürfen. Und sein Wunsch
wurde ihm gewährt. Als aber nun auch meine beiden anmuthigen, kleinen
Bull Bulls oder Orientalischen Nachtigallen welche die Leser schon aus
meiner Beschreibung von Akaba oder doch aus Herrn von Lamartines Reise
kennen zum Vorschein kamen, welche jeder in einem festverschlossenen
Käfich wohl verwahrt waren da schrie der Herr Lieutenant von neuem ich
sollte diese Vögel hinwegthun. Meine bescheidnen Gegenvorstellungen
und Bitten, statt ihn zu bewegen, brachten vielmehr den armen Mann in
solchen heftigen Zorn daß sein bleiches Gesicht ganz roth ward und daß
er zu einem der Quarantäneaufwärter, welche unsre Sachen in Empfang
nahmen, den Befehl herunterschrie er solle die lieben Vögelein erwürgen
und ins Wasser werfen. Wenn auch wirklich ein übertrieben ängstliches
Gesetz das die Ansteckung von der Cholera verhüten sollte zu diesem
Benehmen Anlaß gab, so war dennoch weder die Ausnahme die man mit dem
Papagey machte noch die rohe Weise in welcher jener Officier sich gegen
mich und unsre Freundin die Baronesse v. Waitz benahm zu billigen. So
mußte ich mich denn von meinen lieben, lieben Vögelein trennen; ich
entriß sie wenigstens dem Tod des Erwürgens indem ich sie schnell dem
jungen Offizier ins Boot gab, der uns vom Dampfschiff hieher begleitet
hatte. Der eine der beiden Bull Bulls, freilich, wie ich vermuthe der
ältere, zugleich aber zahmere, nicht der jüngere, hatte später das
Glück durch meinen Freund, den Schiffsarzt La Fosse in eine hohe,
theure Hand zu kommen; der vielgereiste Vogel hat seine Lebenstage in
auserlesenem Wohlstand in Versailles beschlossen; was aus dem andren,
den der junge Offizier in seine Pflege nahm, geworden ist, habe ich
nicht erfahren.
Von neuem that sich uns ein Thor auf; zwischen hohen Mauern führte
man uns weiter nach einem außerhalb dem eigentlichen Gebäude gelegnen
Raume: zu dem Ort unsres nunmehrigen, fünfwöchentlichen Aufenthaltes.
Dieser war ein dreieckiges Magazingebäude um welches ein schmaler
Rasensaum herumläuft, der von doppelten, ja nach einigen Seiten hin
drei- und vierfachen hohen Mauern umschlossen ist. In den innren
Hofräumen der eigentlichen Quarantänehäußer, davon überzeugten wir uns
später selber, waren bei unsrer Ankunft keine Zimmer für so viele und
so lang verweilende Gäste leer; jeder Raum war von Ankömmlingen aus
jenen Gegenden erfüllt, die man im Verdacht der Cholera hatte; selbst
von unsrem Magazingebäude konnte uns nur die eine, große Halle, die
einer Wagenremise glich, eingeräumt werden, die andren beiden Flügel,
deren einer schon von einer andren kleinen Gesellschaft besetzt war,
hatte man außen am Rasenplatz durch ausgespannte Seile gegen uns
abgesperrt.
Wir waren, wie schon erwähnt, unsrer neunzehn Personen, welche
jetzt in die geöffnete Halle hineintraten. Von dieser Zahl machten
wir selber, mit Herrn Mühlenhof, der in unsrer Gesellschaft sein
Deutsches Vaterland besuchen wollte, sieben aus, die beiden Kaufleute,
von denen ich vorhin sprach (es waren Brüder), welche von Geburt
Italiener, in Chios ein Handelshaus besaßen, machten neun; dazu kam
ein Neapolitanischer Consul aus Algier, ein Baron aus Malta mit
seinem kleinen Sohn und seinem Bedienten, der Sänger und seine Frau,
ein junger Adlicher aus Polen, ein Griechischer Handelsmann aus
Syra, endlich ein Israëlitischer Kaufmann aus Kairo, an den sich, um
die Heimreise frei zu haben, in der Form eines Bedienten der schon
erwähnte junge Italienische Schweizer angeschlossen hatte, den die
übrige Gesellschaft seiner lauten Stimme und kräftigen Gestalt wegen
den Bruder Bär nannte. Diesen wahrhaft gutwilligen Burschen, der uns
während unsrer Quarantänedauer von großem Nutzen war, hatte seine
Reiselust als Begleiter eines vornehmen Herrn vor etlichen Monaten nach
Aegypten geführt; die Liebe zum Vaterland zog ihn jetzt von dort wieder
zurück.
Mit gar sonderbaren Mienen traten diese neunzehn Personen in die
gewölbte Halle hinein in die sie jetzt, Männer und Frauen, Bekannte
und Unbekannte auf so viele Wochen zusammengesperrt werden sollten. Da
war nirgends eine schirmende Wand, hinter welcher das Eine vor dem
Andren etwa sich abgränzen konnte; das ganze Feld des mit Ziegelsteinen
gepflasterten Bodens war Gemeingut, Jeder mochte davon sich zueignen
was er konnte. Wir beiden, die Hausfrau und ich breiteten unsre alte
aus Semlin bis hieher gelangte sogenannte Matratze in einem Winkel
der Halle aus, über welchem sich ein kleines Fensterlein befand;
unsre Gränznachbarn nach der einen Seite waren die beiden Brüder,
die Handelsleute, nach der andren unser guter Bernatz; den uns
gegenüberstehenden Winkel hatte unsre Freundin, die Baronesse Waitz in
Besitz genommen, die Andren schlugen ihr Lager theils neben dem Thorweg
der Remise, theils in ihrem dunklen Hintergrunde, an den Wänden auf.
Noch war, außer einem alten, großen Tische und einigen zu ihm
gehörigen hölzernen Bänken keine Spur von Geräthschaften in unserm
großen, gemauerten Käfich, bald aber bevölkerten sich seine Räume mit
kleinen Tischen, Stühlen und für solche die es begehrten, mit einer
Art von einfachen Bettstellen. Wir beiden wünschten keine Erhöhung
der letzteren Art, sondern behielten das Lager am Boden, damit wir
am Abend das Blatt unsers Tisches, den wir dann umlegten, so wie die
umgestürzten Stühle auf welche Tücher gehangen wurden zu einer Art
von Zimmerwand benutzen könnten, über welche freilich Jeder, der noch
am Abend auf und nieder gieng hineinblicken konnte auf die, von der
nachbarlichen, hochstehenden Lampe der beiden Brüder beleuchteten
Schläfer. Dieses Vergnügen machten sich denn auch der Baron aus Malta
und der junge Israëlitische Kaufmann aus Kairo öfters.
Das erste, was die gute Hausfrau, nachdem die Matratze ausgebreitet
worden, that, war daß sie, mit Thränen in den Augen, denn diese
Behaußung gefiel ihr nicht, 35 Striche mit Bleistift an die Wand eines
kleinen Pfeilers zeichnete, damit sie an jedem Morgen, wenn wieder
eine Nacht dahin war, einen streichen könne. Denn nicht die Tage,
sondern die Nächte waren der schwerste Theil dieser Zeit. Am Tage, wenn
sich bald nach Sonnenaufgang unser festverriegelter Thorweg aufthat,
konnte man doch hinaustreten auf den freien Rasenplatz, wo man gerade
über sich einen Streifen des blauen Himmels sahe; zu unsrem kleinen
Fenster schien die Morgensonne herein; die Matratze wurde auf die
Seite geräumt und wir konnten da den kleinen Familientisch hinstellen
oder auch diesen hinaustragen ins Freie, um an ihm zu schreiben und
zu arbeiten. Am Mittag versorgte uns der Koch der Quarantäne mit
einem, für unsren nicht sehr verwöhnten Gaumen wohlanständigen Essen
und mit einem gut trinkbaren Weine; man durfte, in Begleitung eines
Aufsehers durch die innren Höfe bis zu dem Sprachgitter der Quarantäne
gehen, an welchem uns später öfters Freunde aus der Stadt besuchten;
die kühleren Stunden des Nachmittags wurden zu einem, freilich sehr
beschränkten Spaziergang auf dem schmalen Rasenplatze benutzt; der
Thee oder die Wassersuppe mit Weisbrod schmeckten dann vortrefflich.
Wenn aber nun der Abend kam da hatten freilich alle diese Vergnügungen
und Sinnenbelustigungen ein Ende. Meister Antonio, der Verschließer
kam mit seinem rasselnden Gebund der eisernen Schlüssel; er rief uns
zusammen, zählte uns ob wir noch alle da seyen, nahm trocken von
uns gute Nacht und gleich darauf klappte das Thor zu, man hörte den
Riegel vorschieben, das Vorlegeschloß klirren und so ließ man uns zehn
Stunden lang eingesperrt. Gewisse Unbequemlichkeiten welche ein so
lange daurendes Eingeschlossenseyn bei Nacht und die Nothwendigkeit
des Kleiderwechslens zu allen Zeiten mit sich brachten, lassen sich
besser errathen als beschreiben. Es mußte Vieles öffentlich vor dem
sechs und dreissig-äugigen Publikum geschehen was in die Kammer gehört.
Am wenigsten genirten sich bei diesem allen der Maltesische Sänger
und seine Frau so wie unsre Nachbarn, die beiden Brüder; in gewisser
Hinsicht erinnerte unser Zustand an einen paradiesischen. Doch hatten
unsre beiden Mitpilgerinnen durch ein großes, ausgespanntes Tuch sich
eine Art von schirmendem Gezelt gebildet.
In den ersten Nächten hatte einige ängstlichere Seelen unter unsrer
Gesellschaft der Gedanke gepeinigt, daß wir hier so weit abgeschlossen
seyen von menschlicher Hülfe; denn unsre Quarantänewärter, welche am
Tage immer bei uns blieben, schliefen bei Nacht in einem ziemlich
weit von uns abgelegnen Thurme. Es ereignete sich indeß in unsrer
Gesellschaft, während der ganzen fünf Wochen niemals etwas, das
schleunige Hülfe erfordert hätte; allmälig fanden sich Alle in die
freilich etwas neue Lage, welche, namentlich gegen die Freiheit der
Wüste sehr abstach.
Die Strichlein an der Wand, anfangs so erschrecklich für das Auge,
nahmen endlich doch merklicher ab; die Tage die wir in der Quarantäne
zubrachten sind auch für unser Leben keine unbezeichneten (+sine
linea+) oder nutzlosen gewesen. Meine näheren Bekannten und Freunde
wissen es daß ich in Livorno nicht unfleißig war, ja daß ich sogar
verhältnißmäßig recht viel gearbeitet habe. Eben so waren meine jungen,
Münchner Reisegefährten vom Morgen bis zum Abend thätig; die beiden
Doctoren im Zergliedern und Skeletiren von Seethieren, die sie aus
der Stadt erhielten, Herr Bernatz in der Ausführung mancher seiner
Zeichnungen. Ich nahm schon am frühen Morgen mein Arbeitstischlein,
trug es hinaus in den Schatten des Gebäudes und arbeitete bis zum
Mittag, dann, nach kurzer Ruhe wieder bis etwa eine Stunde vor
Sonnenuntergang. Wie wohl that dann das Auf- und Niedergehen auf
dem freilich bald zum graslosen Fußsteig gewordnen Rasenplatze; wie
wohl der Anblick des Monte nero mit seiner Kirche und seinen schönen
Landhäußern; wie erheiternd war das Gespräch mit den Freunden und
Gefährten. Die Sonntage waren ohnehin dem innren und äußren Ausruhen
geweiht; sie gaben hier in der Fremde eben so wie in der Heimath dem
Geiste Stärkung für die ganze Woche.
Kam doch auch sonst noch manche ermunternde Abwechslung in das
alltägliche Einerlei des hiesigen Aufenthaltes. Die fremde
Reisegesellschaft, die wir bei unsrer Ankunft neben uns in einem
andren Theile des Magazingebäudes vorfanden, bestehend aus einem
trefflichen Künstler, der aus einem nördlichen Lande stammt, seit
mehreren Jahren aber in Italien wohnt; aus seinem jungen Gefährten und
einem Italienischen Arzte, hatte die Zeit ihrer (sogenannten Cholera-)
Quarantäne schon fast überstanden als wir die unsrige antraten. Ueber
die durch Stricke bezeichnete Gränze unsers Gebietes hinüber hatten
wir noch manche angenehme Unterhaltung mit ihnen. Als diese Nachbarn
ihrer Haft entlassen wurden und auszogen, ward uns das Glück zu Theil
auch in ihrem bisherigen Gebiet uns ergehen, ja, was das Schönste
war, die Terrasse des Gebäudes besteigen zu dürfen von welcher wir
die herrlichste Aussicht aufs Gebirge, wie nach der Stadt und dem
Meere genossen. Freilich dauerte dieses Glück nur einen Tag, denn am
andren schon kamen neunzehn neue Bewohner in dieses Seitengebäude: ein
armes Volk aus Tunis, das schon einmal in Malta die Quarantäne gemacht
hatte, hier aber wegen der Cholera, noch andre 18 Tage lang eingesperrt
wurde. Es war ein Gemisch aus Männern, Frauen und Kindern; Türken und
Christen, die Letzteren großentheils von Geburt Maltheser, die in Tunis
ihren nothdürftigen Lebensunterhalt gesucht und gefunden hatten und
auf der beabsichtigten Heimkehr dorthin von Stürmen waren verschlagen
worden. Sie hatten die Quarantäne von Livorno gewählt, weil für den
Aufenthalt in dieser, vermöge einer wohlthätigen Stiftung nichts
bezahlt wird; ihre Bedienung und einfache Küche besorgten sie selber.
Als auch diese achtzehntägige Nachbarschaft ihre Zeit ausgehalten
hatte, durften wir von neuem den oberen Theil des Gebäudes besteigen,
und diese Vergünstigung blieb uns für die letzten Tage unsers
Aufhaltes unverkürzt. -- Unter einer gewissen, kleinen Gesellschaft,
welche mit uns zu gleicher Zeit in der Quarantäne war, befand sich
ein Italienischer Gelehrter, der sich der Gewohnheit des Opiumessens
ergeben hatte. Es war nicht uninteressant (wenn auch unerfreulich)
an diesem Manne die Folgen jener üblen Gewohnheit zu beobachten. Am
Morgen schlich er gebückt und traurig einher; schon im Verlauf des
Vormittages, nachdem er eine ziemliche Portion seines aufregenden
Giftes genommen, wurde er munter und gesprächig; nach Mittag gerieth er
in eine wahrhaft bockssprüngige (Silenische) Lustigkeit, alle Muskeln
des Angesichtes geriethen in lachende Zuckungen, man hörte dann manche
witzige und gescheite Einfälle aus seinem Munde, welche das Unglück
des Mannes nur um so mehr bedauern ließen. Einmal in der Nacht, da
sein ganzer Opiumvorrath ausgegangen war, erhub er, von furchtbaren
Schmerzen im Magen gepeinigt, ein sehr lautes, ängstliches Geschrei;
der Quarantänewächter mußte herbei und noch in derselben Stunde der
Nacht ihm Opium, von dem Arzt verschaffen.
Eine ungemeine Erleichterung gewährte uns auch hier, in unsrem
abgelegnen St. Leopoldsspital die Güte der Freunde. Der edle,
wohlwollende K. Bayerische Consul, Herr Gebhardt in Livorno und sein
trefflicher junger Freund, Herr Buchner aus München besuchten uns sehr
oft an dem Sprachgitter der Quarantäne und nahmen sich unsrer, so wie
aller unsrer Bedürfnisse mit der unermüdlichsten, uneigennützigsten
Freundlichkeit an. Eine große Freude machte uns auch unser lieber
Landsmann und Freund, +Dr.+ Höfler, der in Florenz als sehr
geachteter Arzt lebt durch seinen unerwarteten Besuch; +Dr.+ Meier
der vielseitig gebildete Pädagog, der sich um das Volksschulwesen in
Livorno anerkennenswerthe Verdienste erworben hat, gewährte uns manche
angenehme Unterhaltung, wenn er nach vollbrachtem Tagwerk zu uns heraus
kam; auch der Kurfürstlich Hessische Consul zeigte sich uns gefällig.
Mit herzlicher Dankbarkeit gedenke ich aller dieser »Freunde in der
Noth.«
Wie ich schon erwähnte bestand ein Theil unsrer Reisegesellschaft aus
Flüchtlingen, die der Cholera in Malta ausweichen wollten. Namentlich
war der Baron aus Malta von einem bedauernswürdig ängstlichen Naturell.
Er hatte zu Hauße seine Frau und mehrere Kinder verlassen, nur um seine
eigne Haut aus der Gefahr zu retten; wie groß war daher das Entsetzen
des armen Mannes, da auf einmal die Nachricht kam und täglich mehr
sich bestättigte, daß in Livorno selber die Cholera ausgebrochen sey
und viele Opfer hinwegraffe. Ein Theil der Quarantänegefährten fand die
Aengstlichkeit des armen Mannes so unterhaltend und belustigend, daß
er sichs zum Geschäft machte sie durch die übertriebensten Gerüchte
noch zu vermehren. Denn diese Leute, welche sich nicht so wie wir durch
Arbeit zu vergnügen wußten, vertrieben sich die Langeweile großentheils
dadurch daß sie die beiden Furchtsamsten und dabei lächerlich
geizigsten Männer der Gesellschaft: den Maltesischen Baron und den
jungen, Aegyptischen Israëliten, der noch dazu den großen, reichen
Mann spielen wollte, auf jede Weise neckten. Auch der Maltesische
Sänger trug unwillkürlich, und ohne daß sie ihn zu necken brauchten
zur Belustigung dieser schwer Gelangweilten bei, indem er an jedem
Tage drei- bis viermal seine bunten Sommerkleider wechslete um uns all
seine Pracht sehen zu lassen, und dabei immer durch seine Mienen uns zu
fragen schien: bin ich nicht der schöne, der berühmte Sänger?
Aber auch jene Lustigmacher zogen die Segel ihrer scherzhaften Laune
ein, da jetzt die Cholera selbst, so sehr man dieß zu verheimlichen
suchte, näher zu uns heranrückte. Ein Reisender der aus einer Gegend
kam in welcher die Seuche wüthete, starb in unsrem Spital, in einem
ganz nahe an den Vorplatz unsres Magazinhaußes anstoßenden Theil des
Gebäudes; sein Leichnam wurde in dem kleinen Kirchhofe beigesetzt,
auf welchem schon ein andres Opfer jener Krankheit, eine junge Dame
von hohem Stande, lag, und an dessen eisernem Gitterthor ich, weil
mich hier gar niemand störte, öfters gearbeitet hatte. Wenn jetzt, da
unsre lange Quarantänezeit zu Ende gieng nur bei einem von uns ein
Uebelbefinden sich gezeigt hätte, wodurch er der Ansteckung verdächtig
geworden wäre, dann hätten wir andern Alle mit ihm von neuem gefangen
bleiben müssen.
Eine unbeschreibliche Wohlthat war es für uns in unsrem engen Gewahrsam
daß wir mehrere Wochen lang das schönste heitre Wetter genossen. In
der Nacht aber zum 27sten August brach ein sehr starkes Gewitter aus,
das durch sein furchtbares Donnern und Blitzen viele unsrer Gefährten,
hier, in dem verschlossenen, engen Raume sehr beängstigte. In den
darauf folgenden Tagen war ein so heftiger Sturm daß ich die Blätter
des Papiers auf denen ich schrieb durch darauf gelegte, schwere
Backsteine festhalten mußte; man hörte das Brausen und Getös der
Wellen, deren Schaum über die äußren Mauern spritzte und wie feiner
Regen auch über unsren Vorplatz hereindrang. Dennoch, so sagte man uns,
war dieser Sturm bei weitem nicht so heftig als jener vom 31sten Juli,
der uns bei Elba traf.
Bis auf eine waren jetzt (am 4ten September) die Linien an der Wand
gestrichen, noch eine einzige Nacht hatten wir in der Quarantäne
zu weilen; ich war mit allen hier angefangenen Arbeiten zu einem
glücklichen Ende gekommen; die freudig dankbaren Empfindungen des
letzten Nachmittages waren von einer solchen Art daß mir es schien
sie allein schon seyen der kleinen Pein des langen Gewahrsams werth
gewesen. Freilich wußten wir daß wir uns jetzt, um den unvermeidlichen
Durchgang durch das nördliche Gebiet des Kirchenstaates machen zu
können, noch einer vierzehntägigen Choleraquarantäne unterziehen
müßten; aber die große Liberalität der Toskanischen Regierung hatte es
den Fremden gestattet diese vierzehn Tage frei in dem schönen Florenz
und seiner Nachbarschaft zuzubringen; es waren mithin vielmehr Tage
der Vergnügung und der Erholung als der Beschwerde. Am letzten Abend
bewirtheten wir noch unsre ganze bisherige Gesellschaft sammt den
Guardianen mit einem kräftigen Weinpunsch und schliefen zum letzten
Male auf der Semliner Matratze, die sammt einigen andern weit gereisten
Geräthschaften schon am andren Tage einer armen Frau aus der gewesenen
Tunesischen Quarantänenachbarschaft eingehändigt wurde; denn das Leben
der freien wie der eingesperrten Wildniß war nun ganz zu Ende, das
gute, bequeme Alltagsleben nach heimathlicher Sitte wartete unsrer
schon draußen vor dem Thore des St. Leopold-Spitales.
Reise über Florenz nach München.
Mit dem Grauen des Tages kam man am 5ten September um uns zu wecken; es
hätte jedoch dieser Mühe nicht bedurft, denn die Meisten von uns waren
schon vor Freude wach. Außen im Freien warteten unsrer bereits die
Wägen; man rief den Gefährten noch ein herzliches Lebewohl zu und bald
war der gute »Käfich« mit all seinen Freuden und Leiden weit hinter
uns. In Livorno, wo wir noch den dortigen Freunden unsren herzlichen
Dank sagten begegneten uns, als wir in der Nähe eines Krankenhaußes
vorüber kamen, vier Särge, in welchen unter den gewöhnlichen
Vorsichtsmaßregeln die Leichname derer hinausgetragen wurden, welche in
der vergangenen Nacht an der Cholera gestorben waren.