Das Verweilen in einer Quarantäne erreget schon für sich selber eine

ähnliche Stimmung als jene ist, in der sich ein vielbeschäftigter Mann

befindet, wenn er an einem Tage, an welchem ihm Vieles und Wichtiges

zu thun obliegt, in einem fremden Nachtlager schon um Mitternacht auf

seinem Bette erwacht, und die ihm nöthige Erquickung des Schlafes nicht

wiederfinden kann. Er hört das einförmige Hin- und Herklappern des

Pendels der Wanduhr, vernimmt aus der Ferne das Rufen und Hörnerblasen

des Nachtwächters, wendet sich bald da bald dorthin in seinem Bette,

hebt das Haupt empor und legt es wieder nieder, aber so oft und so viel

er auch gegen das Fenster blickt, der Tag will nicht und immer noch

nicht kommen. Bei unsrer Quarantäne in Livorno kam noch Manches zum

Verlust der Zeit hinzu, das, für die ersten Stunden wenigstens, die

unliebliche Stimmung vermehrte.

Wir waren jetzt dem hochummauerten Gebäude, welches mit seinen

Thürmen einer Festung gleicht, nahe gekommen; das schwere Gatterwerk

zog sich mit seinen rasselnden Ketten empor; das Fahrzeug wurde in

ein tiefgemauertes Bassin hineingelassen in welches nur durch den

verschließbaren Kanal das Meer hineintritt, das aber sonst nach allen

Seiten von hohen Mauern umgeben ist. Oben auf einer Terrasse die an die

Mauer gränzt stunden bereits die Frauen und Kinder der beiden Kaufleute

welche von Syra an unsre Reise- und Leidensgefährten waren; die Männer

hatten ihnen schon von der Rhede aus ihre Ankunft gemeldet. Auch manche

der andren Mitreisenden sahen dort Freunde und Freundinnen, die sie

fröhlich bewillkommneten. Dieser Anblick war ein erfreulicher, dazu

gesellte sich aber ein andrer, von sehr entgegengesetzter Wirkung.

Gerade damals als wir in der Quarantäne von St. Leopold ankamen, in den

ersten Tagen des August 1837 war die Stelle des Commandanten dieser

Anstalt unbesetzt, sie wurde durch einen Lieutenant versehen, einen

ältlichen, hagren Mann, der mit einer nichtssagenden Gravität auf der

Terrasse stund um unsre Einfahrt zu beobachten. Kaum hatte dieser Herr

Lieutenant den Papagey und den kleinen Hund unsers Reisegefährten,

des Schauspielers und Sängers aus Malta bemerkt, als er mit lauter

Stimme herunterschrie: keine lebendigen Thiere dürften nicht in die

Quarantäne, weil sie die Cholera verbreiten könnten. Aber unser Sänger,

der sich gut aufs Reden verstund und sein vornehmstes Kleid angezogen

hatte, rief eben so laut wieder hinauf seinen ziemlich ungestümen

Wunsch wenigstens den Papagey behalten zu dürfen. Und sein Wunsch

wurde ihm gewährt. Als aber nun auch meine beiden anmuthigen, kleinen

Bull Bulls oder Orientalischen Nachtigallen welche die Leser schon aus

meiner Beschreibung von Akaba oder doch aus Herrn von Lamartines Reise

kennen zum Vorschein kamen, welche jeder in einem festverschlossenen

Käfich wohl verwahrt waren da schrie der Herr Lieutenant von neuem ich

sollte diese Vögel hinwegthun. Meine bescheidnen Gegenvorstellungen

und Bitten, statt ihn zu bewegen, brachten vielmehr den armen Mann in

solchen heftigen Zorn daß sein bleiches Gesicht ganz roth ward und daß

er zu einem der Quarantäneaufwärter, welche unsre Sachen in Empfang

nahmen, den Befehl herunterschrie er solle die lieben Vögelein erwürgen

und ins Wasser werfen. Wenn auch wirklich ein übertrieben ängstliches

Gesetz das die Ansteckung von der Cholera verhüten sollte zu diesem

Benehmen Anlaß gab, so war dennoch weder die Ausnahme die man mit dem

Papagey machte noch die rohe Weise in welcher jener Officier sich gegen

mich und unsre Freundin die Baronesse v. Waitz benahm zu billigen. So

mußte ich mich denn von meinen lieben, lieben Vögelein trennen; ich

entriß sie wenigstens dem Tod des Erwürgens indem ich sie schnell dem

jungen Offizier ins Boot gab, der uns vom Dampfschiff hieher begleitet

hatte. Der eine der beiden Bull Bulls, freilich, wie ich vermuthe der

ältere, zugleich aber zahmere, nicht der jüngere, hatte später das

Glück durch meinen Freund, den Schiffsarzt La Fosse in eine hohe,

theure Hand zu kommen; der vielgereiste Vogel hat seine Lebenstage in

auserlesenem Wohlstand in Versailles beschlossen; was aus dem andren,

den der junge Offizier in seine Pflege nahm, geworden ist, habe ich

nicht erfahren.

Von neuem that sich uns ein Thor auf; zwischen hohen Mauern führte

man uns weiter nach einem außerhalb dem eigentlichen Gebäude gelegnen

Raume: zu dem Ort unsres nunmehrigen, fünfwöchentlichen Aufenthaltes.

Dieser war ein dreieckiges Magazingebäude um welches ein schmaler

Rasensaum herumläuft, der von doppelten, ja nach einigen Seiten hin

drei- und vierfachen hohen Mauern umschlossen ist. In den innren

Hofräumen der eigentlichen Quarantänehäußer, davon überzeugten wir uns

später selber, waren bei unsrer Ankunft keine Zimmer für so viele und

so lang verweilende Gäste leer; jeder Raum war von Ankömmlingen aus

jenen Gegenden erfüllt, die man im Verdacht der Cholera hatte; selbst

von unsrem Magazingebäude konnte uns nur die eine, große Halle, die

einer Wagenremise glich, eingeräumt werden, die andren beiden Flügel,

deren einer schon von einer andren kleinen Gesellschaft besetzt war,

hatte man außen am Rasenplatz durch ausgespannte Seile gegen uns

abgesperrt.

Wir waren, wie schon erwähnt, unsrer neunzehn Personen, welche

jetzt in die geöffnete Halle hineintraten. Von dieser Zahl machten

wir selber, mit Herrn Mühlenhof, der in unsrer Gesellschaft sein

Deutsches Vaterland besuchen wollte, sieben aus, die beiden Kaufleute,

von denen ich vorhin sprach (es waren Brüder), welche von Geburt

Italiener, in Chios ein Handelshaus besaßen, machten neun; dazu kam

ein Neapolitanischer Consul aus Algier, ein Baron aus Malta mit

seinem kleinen Sohn und seinem Bedienten, der Sänger und seine Frau,

ein junger Adlicher aus Polen, ein Griechischer Handelsmann aus

Syra, endlich ein Israëlitischer Kaufmann aus Kairo, an den sich, um

die Heimreise frei zu haben, in der Form eines Bedienten der schon

erwähnte junge Italienische Schweizer angeschlossen hatte, den die

übrige Gesellschaft seiner lauten Stimme und kräftigen Gestalt wegen

den Bruder Bär nannte. Diesen wahrhaft gutwilligen Burschen, der uns

während unsrer Quarantänedauer von großem Nutzen war, hatte seine

Reiselust als Begleiter eines vornehmen Herrn vor etlichen Monaten nach

Aegypten geführt; die Liebe zum Vaterland zog ihn jetzt von dort wieder

zurück.

Mit gar sonderbaren Mienen traten diese neunzehn Personen in die

gewölbte Halle hinein in die sie jetzt, Männer und Frauen, Bekannte

und Unbekannte auf so viele Wochen zusammengesperrt werden sollten. Da

war nirgends eine schirmende Wand, hinter welcher das Eine vor dem

Andren etwa sich abgränzen konnte; das ganze Feld des mit Ziegelsteinen

gepflasterten Bodens war Gemeingut, Jeder mochte davon sich zueignen

was er konnte. Wir beiden, die Hausfrau und ich breiteten unsre alte

aus Semlin bis hieher gelangte sogenannte Matratze in einem Winkel

der Halle aus, über welchem sich ein kleines Fensterlein befand;

unsre Gränznachbarn nach der einen Seite waren die beiden Brüder,

die Handelsleute, nach der andren unser guter Bernatz; den uns

gegenüberstehenden Winkel hatte unsre Freundin, die Baronesse Waitz in

Besitz genommen, die Andren schlugen ihr Lager theils neben dem Thorweg

der Remise, theils in ihrem dunklen Hintergrunde, an den Wänden auf.

Noch war, außer einem alten, großen Tische und einigen zu ihm

gehörigen hölzernen Bänken keine Spur von Geräthschaften in unserm

großen, gemauerten Käfich, bald aber bevölkerten sich seine Räume mit

kleinen Tischen, Stühlen und für solche die es begehrten, mit einer

Art von einfachen Bettstellen. Wir beiden wünschten keine Erhöhung

der letzteren Art, sondern behielten das Lager am Boden, damit wir

am Abend das Blatt unsers Tisches, den wir dann umlegten, so wie die

umgestürzten Stühle auf welche Tücher gehangen wurden zu einer Art

von Zimmerwand benutzen könnten, über welche freilich Jeder, der noch

am Abend auf und nieder gieng hineinblicken konnte auf die, von der

nachbarlichen, hochstehenden Lampe der beiden Brüder beleuchteten

Schläfer. Dieses Vergnügen machten sich denn auch der Baron aus Malta

und der junge Israëlitische Kaufmann aus Kairo öfters.

Das erste, was die gute Hausfrau, nachdem die Matratze ausgebreitet

worden, that, war daß sie, mit Thränen in den Augen, denn diese

Behaußung gefiel ihr nicht, 35 Striche mit Bleistift an die Wand eines

kleinen Pfeilers zeichnete, damit sie an jedem Morgen, wenn wieder

eine Nacht dahin war, einen streichen könne. Denn nicht die Tage,

sondern die Nächte waren der schwerste Theil dieser Zeit. Am Tage, wenn

sich bald nach Sonnenaufgang unser festverriegelter Thorweg aufthat,

konnte man doch hinaustreten auf den freien Rasenplatz, wo man gerade

über sich einen Streifen des blauen Himmels sahe; zu unsrem kleinen

Fenster schien die Morgensonne herein; die Matratze wurde auf die

Seite geräumt und wir konnten da den kleinen Familientisch hinstellen

oder auch diesen hinaustragen ins Freie, um an ihm zu schreiben und

zu arbeiten. Am Mittag versorgte uns der Koch der Quarantäne mit

einem, für unsren nicht sehr verwöhnten Gaumen wohlanständigen Essen

und mit einem gut trinkbaren Weine; man durfte, in Begleitung eines

Aufsehers durch die innren Höfe bis zu dem Sprachgitter der Quarantäne

gehen, an welchem uns später öfters Freunde aus der Stadt besuchten;

die kühleren Stunden des Nachmittags wurden zu einem, freilich sehr

beschränkten Spaziergang auf dem schmalen Rasenplatze benutzt; der

Thee oder die Wassersuppe mit Weisbrod schmeckten dann vortrefflich.

Wenn aber nun der Abend kam da hatten freilich alle diese Vergnügungen

und Sinnenbelustigungen ein Ende. Meister Antonio, der Verschließer

kam mit seinem rasselnden Gebund der eisernen Schlüssel; er rief uns

zusammen, zählte uns ob wir noch alle da seyen, nahm trocken von

uns gute Nacht und gleich darauf klappte das Thor zu, man hörte den

Riegel vorschieben, das Vorlegeschloß klirren und so ließ man uns zehn

Stunden lang eingesperrt. Gewisse Unbequemlichkeiten welche ein so

lange daurendes Eingeschlossenseyn bei Nacht und die Nothwendigkeit

des Kleiderwechslens zu allen Zeiten mit sich brachten, lassen sich

besser errathen als beschreiben. Es mußte Vieles öffentlich vor dem

sechs und dreissig-äugigen Publikum geschehen was in die Kammer gehört.

Am wenigsten genirten sich bei diesem allen der Maltesische Sänger

und seine Frau so wie unsre Nachbarn, die beiden Brüder; in gewisser

Hinsicht erinnerte unser Zustand an einen paradiesischen. Doch hatten

unsre beiden Mitpilgerinnen durch ein großes, ausgespanntes Tuch sich

eine Art von schirmendem Gezelt gebildet.

In den ersten Nächten hatte einige ängstlichere Seelen unter unsrer

Gesellschaft der Gedanke gepeinigt, daß wir hier so weit abgeschlossen

seyen von menschlicher Hülfe; denn unsre Quarantänewärter, welche am

Tage immer bei uns blieben, schliefen bei Nacht in einem ziemlich

weit von uns abgelegnen Thurme. Es ereignete sich indeß in unsrer

Gesellschaft, während der ganzen fünf Wochen niemals etwas, das

schleunige Hülfe erfordert hätte; allmälig fanden sich Alle in die

freilich etwas neue Lage, welche, namentlich gegen die Freiheit der

Wüste sehr abstach.

Die Strichlein an der Wand, anfangs so erschrecklich für das Auge,

nahmen endlich doch merklicher ab; die Tage die wir in der Quarantäne

zubrachten sind auch für unser Leben keine unbezeichneten (+sine

linea+) oder nutzlosen gewesen. Meine näheren Bekannten und Freunde

wissen es daß ich in Livorno nicht unfleißig war, ja daß ich sogar

verhältnißmäßig recht viel gearbeitet habe. Eben so waren meine jungen,

Münchner Reisegefährten vom Morgen bis zum Abend thätig; die beiden

Doctoren im Zergliedern und Skeletiren von Seethieren, die sie aus

der Stadt erhielten, Herr Bernatz in der Ausführung mancher seiner

Zeichnungen. Ich nahm schon am frühen Morgen mein Arbeitstischlein,

trug es hinaus in den Schatten des Gebäudes und arbeitete bis zum

Mittag, dann, nach kurzer Ruhe wieder bis etwa eine Stunde vor

Sonnenuntergang. Wie wohl that dann das Auf- und Niedergehen auf

dem freilich bald zum graslosen Fußsteig gewordnen Rasenplatze; wie

wohl der Anblick des Monte nero mit seiner Kirche und seinen schönen

Landhäußern; wie erheiternd war das Gespräch mit den Freunden und

Gefährten. Die Sonntage waren ohnehin dem innren und äußren Ausruhen

geweiht; sie gaben hier in der Fremde eben so wie in der Heimath dem

Geiste Stärkung für die ganze Woche.

Kam doch auch sonst noch manche ermunternde Abwechslung in das

alltägliche Einerlei des hiesigen Aufenthaltes. Die fremde

Reisegesellschaft, die wir bei unsrer Ankunft neben uns in einem

andren Theile des Magazingebäudes vorfanden, bestehend aus einem

trefflichen Künstler, der aus einem nördlichen Lande stammt, seit

mehreren Jahren aber in Italien wohnt; aus seinem jungen Gefährten und

einem Italienischen Arzte, hatte die Zeit ihrer (sogenannten Cholera-)

Quarantäne schon fast überstanden als wir die unsrige antraten. Ueber

die durch Stricke bezeichnete Gränze unsers Gebietes hinüber hatten

wir noch manche angenehme Unterhaltung mit ihnen. Als diese Nachbarn

ihrer Haft entlassen wurden und auszogen, ward uns das Glück zu Theil

auch in ihrem bisherigen Gebiet uns ergehen, ja, was das Schönste

war, die Terrasse des Gebäudes besteigen zu dürfen von welcher wir

die herrlichste Aussicht aufs Gebirge, wie nach der Stadt und dem

Meere genossen. Freilich dauerte dieses Glück nur einen Tag, denn am

andren schon kamen neunzehn neue Bewohner in dieses Seitengebäude: ein

armes Volk aus Tunis, das schon einmal in Malta die Quarantäne gemacht

hatte, hier aber wegen der Cholera, noch andre 18 Tage lang eingesperrt

wurde. Es war ein Gemisch aus Männern, Frauen und Kindern; Türken und

Christen, die Letzteren großentheils von Geburt Maltheser, die in Tunis

ihren nothdürftigen Lebensunterhalt gesucht und gefunden hatten und

auf der beabsichtigten Heimkehr dorthin von Stürmen waren verschlagen

worden. Sie hatten die Quarantäne von Livorno gewählt, weil für den

Aufenthalt in dieser, vermöge einer wohlthätigen Stiftung nichts

bezahlt wird; ihre Bedienung und einfache Küche besorgten sie selber.

Als auch diese achtzehntägige Nachbarschaft ihre Zeit ausgehalten

hatte, durften wir von neuem den oberen Theil des Gebäudes besteigen,

und diese Vergünstigung blieb uns für die letzten Tage unsers

Aufhaltes unverkürzt. -- Unter einer gewissen, kleinen Gesellschaft,

welche mit uns zu gleicher Zeit in der Quarantäne war, befand sich

ein Italienischer Gelehrter, der sich der Gewohnheit des Opiumessens

ergeben hatte. Es war nicht uninteressant (wenn auch unerfreulich)

an diesem Manne die Folgen jener üblen Gewohnheit zu beobachten. Am

Morgen schlich er gebückt und traurig einher; schon im Verlauf des

Vormittages, nachdem er eine ziemliche Portion seines aufregenden

Giftes genommen, wurde er munter und gesprächig; nach Mittag gerieth er

in eine wahrhaft bockssprüngige (Silenische) Lustigkeit, alle Muskeln

des Angesichtes geriethen in lachende Zuckungen, man hörte dann manche

witzige und gescheite Einfälle aus seinem Munde, welche das Unglück

des Mannes nur um so mehr bedauern ließen. Einmal in der Nacht, da

sein ganzer Opiumvorrath ausgegangen war, erhub er, von furchtbaren

Schmerzen im Magen gepeinigt, ein sehr lautes, ängstliches Geschrei;

der Quarantänewächter mußte herbei und noch in derselben Stunde der

Nacht ihm Opium, von dem Arzt verschaffen.

Eine ungemeine Erleichterung gewährte uns auch hier, in unsrem

abgelegnen St. Leopoldsspital die Güte der Freunde. Der edle,

wohlwollende K. Bayerische Consul, Herr Gebhardt in Livorno und sein

trefflicher junger Freund, Herr Buchner aus München besuchten uns sehr

oft an dem Sprachgitter der Quarantäne und nahmen sich unsrer, so wie

aller unsrer Bedürfnisse mit der unermüdlichsten, uneigennützigsten

Freundlichkeit an. Eine große Freude machte uns auch unser lieber

Landsmann und Freund, +Dr.+ Höfler, der in Florenz als sehr

geachteter Arzt lebt durch seinen unerwarteten Besuch; +Dr.+ Meier

der vielseitig gebildete Pädagog, der sich um das Volksschulwesen in

Livorno anerkennenswerthe Verdienste erworben hat, gewährte uns manche

angenehme Unterhaltung, wenn er nach vollbrachtem Tagwerk zu uns heraus

kam; auch der Kurfürstlich Hessische Consul zeigte sich uns gefällig.

Mit herzlicher Dankbarkeit gedenke ich aller dieser »Freunde in der

Noth.«

Wie ich schon erwähnte bestand ein Theil unsrer Reisegesellschaft aus

Flüchtlingen, die der Cholera in Malta ausweichen wollten. Namentlich

war der Baron aus Malta von einem bedauernswürdig ängstlichen Naturell.

Er hatte zu Hauße seine Frau und mehrere Kinder verlassen, nur um seine

eigne Haut aus der Gefahr zu retten; wie groß war daher das Entsetzen

des armen Mannes, da auf einmal die Nachricht kam und täglich mehr

sich bestättigte, daß in Livorno selber die Cholera ausgebrochen sey

und viele Opfer hinwegraffe. Ein Theil der Quarantänegefährten fand die

Aengstlichkeit des armen Mannes so unterhaltend und belustigend, daß

er sichs zum Geschäft machte sie durch die übertriebensten Gerüchte

noch zu vermehren. Denn diese Leute, welche sich nicht so wie wir durch

Arbeit zu vergnügen wußten, vertrieben sich die Langeweile großentheils

dadurch daß sie die beiden Furchtsamsten und dabei lächerlich

geizigsten Männer der Gesellschaft: den Maltesischen Baron und den

jungen, Aegyptischen Israëliten, der noch dazu den großen, reichen

Mann spielen wollte, auf jede Weise neckten. Auch der Maltesische

Sänger trug unwillkürlich, und ohne daß sie ihn zu necken brauchten

zur Belustigung dieser schwer Gelangweilten bei, indem er an jedem

Tage drei- bis viermal seine bunten Sommerkleider wechslete um uns all

seine Pracht sehen zu lassen, und dabei immer durch seine Mienen uns zu

fragen schien: bin ich nicht der schöne, der berühmte Sänger?

Aber auch jene Lustigmacher zogen die Segel ihrer scherzhaften Laune

ein, da jetzt die Cholera selbst, so sehr man dieß zu verheimlichen

suchte, näher zu uns heranrückte. Ein Reisender der aus einer Gegend

kam in welcher die Seuche wüthete, starb in unsrem Spital, in einem

ganz nahe an den Vorplatz unsres Magazinhaußes anstoßenden Theil des

Gebäudes; sein Leichnam wurde in dem kleinen Kirchhofe beigesetzt,

auf welchem schon ein andres Opfer jener Krankheit, eine junge Dame

von hohem Stande, lag, und an dessen eisernem Gitterthor ich, weil

mich hier gar niemand störte, öfters gearbeitet hatte. Wenn jetzt, da

unsre lange Quarantänezeit zu Ende gieng nur bei einem von uns ein

Uebelbefinden sich gezeigt hätte, wodurch er der Ansteckung verdächtig

geworden wäre, dann hätten wir andern Alle mit ihm von neuem gefangen

bleiben müssen.

Eine unbeschreibliche Wohlthat war es für uns in unsrem engen Gewahrsam

daß wir mehrere Wochen lang das schönste heitre Wetter genossen. In

der Nacht aber zum 27sten August brach ein sehr starkes Gewitter aus,

das durch sein furchtbares Donnern und Blitzen viele unsrer Gefährten,

hier, in dem verschlossenen, engen Raume sehr beängstigte. In den

darauf folgenden Tagen war ein so heftiger Sturm daß ich die Blätter

des Papiers auf denen ich schrieb durch darauf gelegte, schwere

Backsteine festhalten mußte; man hörte das Brausen und Getös der

Wellen, deren Schaum über die äußren Mauern spritzte und wie feiner

Regen auch über unsren Vorplatz hereindrang. Dennoch, so sagte man uns,

war dieser Sturm bei weitem nicht so heftig als jener vom 31sten Juli,

der uns bei Elba traf.

Bis auf eine waren jetzt (am 4ten September) die Linien an der Wand

gestrichen, noch eine einzige Nacht hatten wir in der Quarantäne

zu weilen; ich war mit allen hier angefangenen Arbeiten zu einem

glücklichen Ende gekommen; die freudig dankbaren Empfindungen des

letzten Nachmittages waren von einer solchen Art daß mir es schien

sie allein schon seyen der kleinen Pein des langen Gewahrsams werth

gewesen. Freilich wußten wir daß wir uns jetzt, um den unvermeidlichen

Durchgang durch das nördliche Gebiet des Kirchenstaates machen zu

können, noch einer vierzehntägigen Choleraquarantäne unterziehen

müßten; aber die große Liberalität der Toskanischen Regierung hatte es

den Fremden gestattet diese vierzehn Tage frei in dem schönen Florenz

und seiner Nachbarschaft zuzubringen; es waren mithin vielmehr Tage

der Vergnügung und der Erholung als der Beschwerde. Am letzten Abend

bewirtheten wir noch unsre ganze bisherige Gesellschaft sammt den

Guardianen mit einem kräftigen Weinpunsch und schliefen zum letzten

Male auf der Semliner Matratze, die sammt einigen andern weit gereisten

Geräthschaften schon am andren Tage einer armen Frau aus der gewesenen

Tunesischen Quarantänenachbarschaft eingehändigt wurde; denn das Leben

der freien wie der eingesperrten Wildniß war nun ganz zu Ende, das

gute, bequeme Alltagsleben nach heimathlicher Sitte wartete unsrer

schon draußen vor dem Thore des St. Leopold-Spitales.

Reise über Florenz nach München.

Mit dem Grauen des Tages kam man am 5ten September um uns zu wecken; es

hätte jedoch dieser Mühe nicht bedurft, denn die Meisten von uns waren

schon vor Freude wach. Außen im Freien warteten unsrer bereits die

Wägen; man rief den Gefährten noch ein herzliches Lebewohl zu und bald

war der gute »Käfich« mit all seinen Freuden und Leiden weit hinter

uns. In Livorno, wo wir noch den dortigen Freunden unsren herzlichen

Dank sagten begegneten uns, als wir in der Nähe eines Krankenhaußes

vorüber kamen, vier Särge, in welchen unter den gewöhnlichen

Vorsichtsmaßregeln die Leichname derer hinausgetragen wurden, welche in

der vergangenen Nacht an der Cholera gestorben waren.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 39 / 41 段