Gestalt der Länder und Städte der Erde, wandelbar und veränderlich
ist noch vielmehr die Aussicht die der Pilgrim von einem schnell
vorüberziehenden Schifflein genießt. Da lag uns schon an der
südwestlichsten Küstengegend von Italien Rhegium (das jetzige Reggio)
vor Augen, ein Ort den man verwundert fragen möchte: wie? bist du auch
noch da? du alter Blutfleck an der Felsenwand des Länderrisses; du arme
so oft von Menschenhand und der Macht der Elemente darniedergeschlagene
und immer wieder aufgestandene, auf Geheiß des Götterspruches
begründete Stadt. Denn als das Orakel zu Delphi jenen zehnten Theil
der jungen Mannschaft, welche die Stadt Chalcis in Euböa dem Gott als
Sühnopfer geweiht hatte, hieher sendete, daß sie am Thore der Länder
eine Wohnstätte fänden, da hatte es das Leben und den Wohlstand der
künftigen Stadt an eine Wetterscheide gestellt, über welcher viele und
furchtbare Ungewitter der Zeiten sich entluden. Die jugendliche Blüthe
der Stadt zertrat schon der Tyrann Dionys, als der Spott der freien
Bürger seinen Zorn gereizt hatte; neue Ströme des Blutes floßen in
den Kämpfen mit den Bruttiern und noch mehr in dem Krieg mit Pyrrhus,
als die eignen Verbündeten, die Besatzung der Campaner welche die
Römer in die Mauern gelegt hatten fast alle Männer und Jünglinge des
Ortes verrätherisch ermordete; wiederum neue Wunden schlug der Krieg
mit Hannibal, der die Gegend besetzt hielt, tödtlichere fast noch
der Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla, und so haben auch später
abwechslend bald der Krieg, bald Erdbeben und verheerende Seuchen auf
das arme Reggio sich geworfen, ohne seinen Namen und seine Wurzeln zu
vertilgen. Als sollte uns dieser Ort des Zerreissens (denn als solchen
bezeichnet ihn sein alter Name Rhegium) es bezeugen daß auch das
Zerrissene und Zerschlagene immer wieder gebaut werden könne und solle,
so lange der Verderber, der es traf, mehr nur ein äußrer, nicht ein
Alles auflösender innrer ist.
Noch jetzt ist da wo die Alten unweit Rhegium den Ort der Ueberfahrt
von Italien nach Sizilien festgestellt hatten, bei der Columna rhegia,
nordwärts hinan gegen Sciglia das Posthaus, von welchem man hinüber
nach der Insel gefördert wird. Sollte doch, nach einer alten Sage,
selbst ein Rudel von Hirschkühen einst an dieser Stelle den Uebergang
schwimmend über die Meerenge versucht haben. Doch das Auge wurde
bald wieder von den Gegenständen des Ufers zur Rechten hinweggezogen
zu den ungleich schöneren, bedeutenderen des linken Sizilianischen
Ufers. Da lag vor uns in der Form der Sichel ausgebreitet das reiche
Messina[214], umkränzt, wie der Saum eines Bechers der Lust mit
dem Grün der Orangen- und Obstgärten, der Wein- und Oelberge. Die
schöne, wohlgebaute Stadt hatte damals einen Gallentrank statt des
berauschenden Weines ihrer Sinnenfreuden zu kosten bekommen; die
Cholera wüthete in ihr mit furchtbarer Gewalt; ein Abscheu all ihrer
Nachbarn übte sie dennoch selber noch immer die Absperre gegen andre,
fremde Schiffe, so daß fast aller Verkehr nach außen ihr genommen
war. Darum herrschte in dem Hafen eine Stille wie vor dem Haus eines
tödtlich Kranken; die daran gränzenden Plätze und Gassen waren leer von
Menschen.
Selbst die Gegend des Leuchtthurmes von Messina verdient eine
Betrachtung. Es wird hier am Meere jener noch fortwährend im Wachsen
begriffene Sandstein gefunden, der sich aus so eben noch beweglichen
Sandkörnern bildet, welche von der sie zusammenkittenden Flüssigkeit
und ihren kieselkalkigen Absätzen ergriffen, in Kurzem zum Conglomerat
sich gestalten.
Die Meerenge wird von hier an gegen Norden so schmal daß sie nur noch
einem großen Strome gleicht. Und da waren wir an Skylla und Charybdis,
die selbst nach den Homerischen Zeiten den Schiffern noch gefährlich,
jetzt aber mittelst der Anschwemmung und des Hinwegspülens durchs
Gewässer, so wie die Klippen bei Skylla selbst durch die Menschenhand
so gefahrlos geworden sind, daß der ortskundige Fischer bei Tage und
stillem Wetter mit dem kleinsten Fahrzeuge sich ihnen nahen darf. Bei
der Skylla lag vormals am Ufer der gegen die Seeräuber befestigte Ort
Scylläum, der, mit dem an Siziliens Küste gegenüberliegenden Vorgebirge
Pelorum die Dardanellen der Alten bildete. Jene Veste welche Anaxilaos
der Beherrscher von Rhegium auf dem Felsen des jetzigen Oertleins
Sciglia erbauen ließ, trotzet noch jetzt, mit ihrem festgefügten
Grundgemäuer der Verheerung der Zeiten, obgleich diese Gegend an
den Erschütterungen des Erdbebens, welche Sizilien trafen, sehr oft
nachbarlichen Antheil nehmen mußte. Denn das furchtbare Erdbeben von
1783 pflanzte offenbar seine vom Aetna (der äußerlich in Ruhe schien)
ausgehenden Stöße tief unter dem Meere in dem hier granitischen Gebirge
nach Italien fort. Das Gewässer der Meerenge ward damals von unten her
so stark bewegt daß an jenen Schiffen, die gerade in der Richtung des
Erdstoßes stunden, die Kanonen mehrere Zoll hoch von ihren Laffetten
emporsprangen[215]. Die jüngern Lagen der Gebirge glitten damals hier,
an der Italienischen Küste wie ein abstürzendes Dach von der Unterlage
des Granits herunter, namentlich stürzte da bei Sciglio ein Theil des
Berges ins Meer, dessen aufwallende Fluthen 1450 Menschen mit sich
hinabrissen zur Tiefe.
Die Brandung an den vormals so gefürchteten Klippen der Skylla ist
noch jetzt, wegen der Meeresströmung welche dort sich bewegt, auch
bei ruhigem Meere heftig; der kleine Strudel zur Linken (westwärts)
gegen das Cap Peloro hin ist der schwache Ueberrest der vielbesungenen
Charybdis. Wir waren jetzt beiden, der Skylla und Charybdis entgangen,
das Schiff zog seine Bahn hinaus, nach dem Tyrrhenischen Meere; zu
unsrer Seite in Osten begränzte den Horizont das Festland der Südspitze
von Italien, gegen Westen und Süden zog sich die nördliche Küste
von Sizilien hin, über welche das blauliche, Nebrodische Gebirge
emporsteigt. Es war Mittag schon vorüber, da wir aus der Mündung
der Messenischen Meerenge hinausfuhren ins Freie. Unser Schiff nahm
seine Richtung nordwestwärts nach den Liparischen Inseln. Diese
Feuergebilde zeigen Formen, welche Jedem, der noch keine vulkanischen
Gebirge sahe als etwas Neues auffallen. Namentlich sind die kleineren
Klippenmassen so zackig und von großen Löchern durchbrochen, daß sie
wie Phantasiegebilde erscheinen: gleich Hallen und Thorwegen die man
für den kühlenden Luftstrom durch den Felsen brach. Wenn der Sturm aus
Westen in voller Gewalt über das Tyrrhenische Meer hereinbricht dann
mag in diesen kolossalen Aeolsharfen sein Geheul, so wie das Rauschen
der Wogen weithin genug tönen, wehe aber dann jedem kleineren Fahrzeug
das solchem Conzert der grausenhaften Naturstimmen sich nahet.
Das Meer war still, über seine spiegelnd glatte Fluth schwammen neben
unserm Schiffe die Schaaren der wohlgebildeten, blaulichen Velellen mit
aufgespannten Segeln, deren mehrere wir in einem kleinen, an langer
Stange befestigten Hamen fiengen. Vor uns lag jetzt der herrlichste
Leuchtthurm der Natur, der hohe Bergkegel des Stromboli, aus dessen
Krater am Tage ohne Aufhören der Rauch, bei Nacht aber die Feuersäule
emporsteigt, die den Schiffern dieser Meeresgegend schon aus weiter
Ferne zum Signal dient. Wir steuerten gerade auf diesen beständigen
Hochofen der Liparen zu und kamen kurz vor Sonnenuntergang so nahe
an seine Südseite daß wir den Bewohnern der wenigen Häußer, die bei
einer Kapelle, im Walde der Gärten stehen, hätten zurufen können. An
dieser Seite ist der Fuß des Berges mit einem Grün begleitet das durch
seine Frische die große Fruchtbarkeit des Bodens und das Daseyn jener
Quellen bezeugt die sich in den Hölen und Klüften des Gebirges aus den
aufsteigenden Wasserdämpfen bilden. Weiter hinan sind die bräunlichen
Felsenwände unfruchtbar und öde und nach allen Richtungen von Rissen
und Spalten durchzogen. Doch am interessantesten ist der Anblick der
nordwestlichen und nördlichen Seite. Hier erhebt sich der eigentliche
Schornstein des Berges: der verhältnißmäßig kleine, spitze Kegel des
Kraters, aus welchem in regelmäßig auf einander folgenden Momenten die
Ausbrüche des Rauches und Feuers, so wie die Auswürfe der glühenden
Steine geschehen. Schon Dolomieu, der den Stromboli bestieg und in den
kurzen Pausen der Ruhe in seinen Krater hinabblickte, bemerkte, daß die
stärkeren Aufwallungen in je sieben bis acht Minuten sich wiederholen.
Die Lava steigt dann wie eine siedende Masse im Felsenkessel empor, ein
Rauchdampf fährt voran, die Flamme leckt hoch hinauf, dann fahren die
Geschosse der Tiefe, die glühenden Steine mit der Lohe zugleich heraus
und werden öfters so weit hinan geschleudert, daß es gut ist wenn der
Beobachter einen abgelegneren Punkt, hoch über dem Krater erreichte.
Oefters hört man beim Ansteigen der Lava ein dumpfes Gepolter und
nicht selten kocht der alte Kessel, dessen Rand an vielen Stellen
zerbrochen ist, über, die Lava strömt dann am steilen Abhang herunter
und vermehrt da die langen Ströme, welche an dieser Seite der Insel den
ganzen Bergabhang mit ihren bald nach dem Erkalten schwarz gewordnen
Massen überkleiden. Im Winter und bei Stürmen, gerade dann wenn den
Schiffern des Meeres dieses Feuersignal am nöthigsten ist, sind die
Absätze kürzer; die Ausbrüche folgen sich dann bereits nach Pausen von
zwei Minuten; die Feuersäule ist breiter und steigt höher, die Gluth
der überfließenden Lavaströme wird dann schon aus weiter Ferne gesehen.
Auch bei manchen Ausbrüchen des Aetna war der Stromboli unruhiger als
gewöhnlich. Seit dem Jahr 299 vor Christo, wo dieser Berg seinen ersten
bekannten Ausbruch machte, treibt derselbe sein grauenhaftes Spiel des
Feuerwerkes beständig auf diese Weise.
Uns erregte der Anblick kein Grauen. Wir stunden mit der Uhr in der
Hand auf dem Verdeck und auf dem Dache der Offizierskajüte und
sahen mit Vergnügen daß Dolomieus Beobachtung über die regelmäßige
Aufeinanderfolge der Aufwallungen noch jetzt sich richtig erweist. In
je sieben bis acht Minuten fuhr die Lohe und mit ihr das glühend rothe
Gestein höher hinan, dann senkte sich die Flamme und leckte nur in
mehrmaligen Zwischenzeiten wie ein bald verlöschendes Licht herauf;
außer dem Hauptkrater drang öfters auch der Gluthrauch aus mehreren
Nebenöffnungen heraus; zuweilen kochte die Lava über und lief am Rande
des Kessels wie geschmolznes Eisen herab, doch nach wenig Minuten
erstarb der Schimmer dieser bald erstarrenden Massen.
Die ganze Höhe des Stromboliberges, bis zu seinem Gipfel ist zu 2700
Fuß gemessen; der Krater liegt noch ziemlich tief unter dem Gipfel,
doch ist die ältere Angabe seiner Höhe über dem Meeresspiegel, zu
nur 600 Fuß offenbar viel zu gering; das Augenmaaß schätzt sie auf
wenigstens zwei Drittel der Gesammthöhe.
Wir behielten dieses Schauspiel der stillen Nacht so lang als nur
möglich im Auge; zuletzt glimmte es uns nur noch wie das Licht eines
fernen Hochofens, oder wie das einer Fackel deren Schein bald dem Blick
sich entzieht, bald wieder sichtbar wird.
Der Himmel war etwas getrübt als wir am 29sten Juli des Morgens auf
das Verdeck traten, das vorüberziehende Gewölk streute sogar einzelne
Tröpflein von Regen aus; ein Sommertag jedoch des südlichen Italiens
läßt solche Erscheinungen nicht aufkommen, bald war die Aussicht
wieder frei. Die Räder unsers Dampfschiffes hatten in der vergangenen
Nacht nicht gefeiert; vergeblich sahen wir uns nach den Liparischen
Inseln um, auch nicht eine Spur war mehr von ihnen zu entdecken; wir
mußten wenigstens gegen vierzehn geographische Meilen nach Norden
vorgerückt seyn, da sich auch der Gipfel des Stromboli unserm Auge so
ganz entzogen hatte[216]. Vor uns in Norden und Osten lag in blaulicher
Ferne das fruchtbare, wald- und blumenreiche Lucanien, das reiche
Weideland des jetzigen Kalabriens; der erste Gegenstand den das Auge
mit Hülfe des Fernrohres an der Küste deutlich unterschied war das
Vorgebirge Palinurum (Palinuro) jenseit Burentum (Policastro), das noch
jetzt durch seinen Namen an des Aeneas Steuermann Palinurus erinnert,
welcher den süßen, schon im Schiffe begonnenen Schlaf hier vollends
im Meere ausschlief. Es wird dieses Vorgebirge durch die zwei Felsen
kenntlich welche wie die beiden Säulen eines Thores am Eingang der
Bucht sich gegenüber stehen. Näher als jenes des Palinurus trat unsrem
Auge einige Stunden nachher das Vorgebirge Posidion (jetzt Leucosa);
für den Freund des Alterthumes mehr durch seine Nachbarschaft denn als
Vorgebirge bedeutungsvoll und wichtig. Denn südwärts hiervon[217] lag
Hyele oder Elea, die alte Kolonie der Phokäer, von den Römern später
Velia genannt. Sie war der Geburtsort eines Dioscuren-Paares in der
Geschichte der Philosophie: der Pythagoräer Zeno und Parmenides, der
Begründer der Eleatischen Schule. Als eine kunstreiche Stadt lernen
wir diese alte Velia aus ihren schönen Münzen kennen. Doch anziehender
noch für den Freund der Kunst und nicht minder beachtenswerth für
den der Wissenschaft ist die Nachbarschaft der Küste welche in Norden
an das Vorgebirge Leucosa gränzt. Ihr näherer Anblick ward uns für
diesmal nicht gewährt, umsonst strengten wir die Augen selbst durch das
Fernrohr an um die herrlichen Tempel bei Pästum, die wohlerhaltensten
größeren Bauwerke ihrer Art in Europa zu erkennen, nur der weißliche,
hohe Alburnusberg (Monte di Postiglione) machte sich uns deutlich
bemerkbar. Auch die Gegend von Salern erschien uns am Rande des blauen
Meeres nur als ein etwas dunkleres blaues Gewölk, von Salern, das durch
seine hochberühmte Schule der Arzneikunde ein Cos des Abendlandes,
während der Zeiten des Mittelalters war; berühmt wie Cos durch seinen
Hippokrates, so durch die Meister Johann von Mailand und Matthäus
Platearius.
Es war schon gegen Mittag als uns das Vorgebirge von Sorrento mit
seinen steil abfallenden Felsen und näher heran der Lagerplatz der
Wachtelnzüge auf ihrer Wanderschaft über das Meer: die Insel Capri zu
Gesicht kamen. Einige Stunden später that uns Italien eine andre Pforte
seiner Schatzkammer der Naturschönheiten auf; wir blickten hinein in
die Bucht von Neapel und begrüßten wenigstens von fern unsern alten
Bekannten, den Vesuv, über dessen Gipfel ein leichtes Gewölk des
Rauches schwebte. Auf Ischias schwärzlichen Felsen und fruchtbaren
Bergschluchten ruhete der Strahl der Abendsonne als wir daran
vorüberfuhren; in der Gegend des Eilandes Pandatoria (jetzt Ventotiene)
des Verbannungsortes der Augusteischen Julia so wie der Agrippina und
Octavia überfiel uns die Nacht.
Das ausgezeichnet gestaltete, für den Freund der Pflanzenkunde durch
seinen Reichthum anziehende Circaeische Vorgebirge (Monte Circello)
lag uns, jedoch deutlich erkennbar schon in Südosten, als wir am
schönen heitren Sonntagsmorgen, den 30sten Juli von neuem auf die Kunde
des Landes ausgingen. Wir waren ungleich näher zur Küste gekommen
als gestern; die Höhenzüge des Volskischen Gebirges mit dem sie
beherrschenden Monte Lupino, dann die Bergreihen von Albano zwischen
denen sich die Aussicht hinein in das grünende Land eröffnet, zogen
uns mächtig an; am mächtigsten jedoch die Herrscherin Roma, deren
Peterskirche einige der jüngeren Gefährten mit bloßen Augen, wir andern
durchs Fernrohr deutlich sahen. Wie viel lieber hätten wir dort, auch
in der ärmsten Locanda das sogenannte Frühstück (Mittagsbrod) genossen
als in unsrer Kajüte, in der wir uns übrigens nur wenige Minuten
aufhalten ließen.
Unsre Schiffsmänner hatten uns schon gestern gesagt daß wir heute an
einen Hafen der Küste hinanfahren und dort landen würden, denn die
Lebensvorräthe im Schiffe seyen zu Ende. Die guten Leute, in ihrem
täglichen Wohlleben wußten nicht was das heiße die Lebensvorräthe gehen
zu Ende; sie hatten noch eine Fülle der kräftigsten Eßwaaren, die uns
auf unsrer Reise durch die Wüste und auf der langen Seefahrt von Beirut
nach Patmos Leckerbissen gewesen wären, aber es fehlte für die Tafel
der Offiziere an delikatem Geflügel, guten Seefischen und Desertwein.
Der Ort den man zur Landung wählte war Civita vecchia. Wir hielten uns
im Angesicht der schönen Stadt und ihres Hafens den größten Theil des
Nachmittags auf; die alten Thürme und Burgfenster am Hafen sind von
stattlicher Bauart.
Es war schon nahe am Abend als das Boot das den Herrn Capitän und
einige seiner Offiziere an die Stadt, zu den Quarantäneschranken
geführt hatte mit seinen eingekauften Vorräthen zurückkam; ein starker
Wind hatte sich erhoben, das Meer gieng hoch, man suchte sobald als
möglich der gefährlichen Nähe der Küste zu entkommen.
Der vorletzte Tag unsrer Seefahrt und der letzte des Monates ward
uns noch ein sehr schwerer und gefahrvoller, vielleicht einer der
gefahrvollesten der ganzen Reise. Zwar der leichte Regen der am
Morgen fiel verzog sich bald; wir erfreuten uns an dem Anblick von
dem hochgebirgigen Elba und seiner schön gebauten Hafenstadt Porto
Ferrajo; uns zur Rechten lag das stattliche Piombino, fern in Westen
und Südwest erglänzten die weißen schneebedeckten Häupter von Korsika;
aber schon um 9 Uhr wehete uns von eben diesen prachtvollen Gebirgen
her ein frischer, in einzelnen Stößen kommender Wind an bei welchem
der Steuermann, nach allen Seiten umherblickend, den Kopf schüttelte.
Noch ehe wir die Ursache davon erkannten wurde das Signal gegeben zum
Einziehen aller Segel und was beweglich war am Schiffe, das wurde,
so weit dieß möglich, befestigt. Um 10¹⁄₂ Uhr war der Sturm da, der
stärkste den ich jemals auf dem Meere erlebt hatte. So hoch und groß
uns auch bisher unser Schiff geschienen, (es war auch wirklich nebst
dem Minos das hochgebauteste Schiff das wir auf dieser Reise bestiegen)
die Wogen die sich gegen uns herwälzten waren dennoch viel höher und
größer, und wenn auch nicht der ganze Körper dieser Berge des Gewässers
über uns herfiel und uns bedeckte, so stürzte doch der schaumbedeckte
Gipfel derselben über das Verdeck her und ergoß sich strömend bis
hinunter in die Kajüte. Das Schiff stürzte und hub sich bald hinab
bald hinauf über die Tiefen und Höhen des Wassers, wie ein zum Tode
verwundetes, geängstetes Roß; bald war das eine dann das andre Rad
hoch über oder tief unter den Wellen. Selbst die schwerbeweglichsten
Dinge verrückten sich und stießen mit lautem Gepolter gegeneinander,
noch mehr thaten dies die leichteren Geräthschaften der Kajüte. Die
Mannschaft des Schiffes arbeitete kräftig, die Stimmen des Capitäns
und des Steuermannes tönten laut, der Sturm aber war noch lauter, man
vernahm nicht mehr die eigne Stimme, es war als ob nicht flüssige
Wellen sondern ein Bergsturz mit seinem rollenden Gestein an die
Planken des Schiffes hinanschlügen. Dazwischen wähnte das getäuschte
Ohr zugleich mit dem Geheul des Windes das Hülfegeschrei von Menschen
zu hören, die mit dem Tode kämpften; der Wasserstaub der Wellen, die
sich am Bord zerschlugen, verdeckte jegliche Aussicht. Doch auch diese
Taufe der Angst und Noth gieng vorüber; mehrere Stunden lang hatte
der Kapitän die Richtung gegen Livorno hin (von welchem wir nur noch
acht Seemeilen entfernt waren) zu behaupten gesucht, nun aber war
die Gefahr, daß uns der Sturm gegen die Küste schleudern würde, zu
groß; er ließ das Schiff zurück nach Elba wenden, damit es hinter den
Bergeshöhen von diesen den sichren Hafen fände.
Es war als hätte zu gleicher Zeit auch der Sturmwind das Signal
empfangen seinem Laufe Einhalt zu thun, denn seine Heftigkeit
verminderte sich, und als wir hinter die Insel traten fanden wir es
hier so still als seyen wir schon im Hafen. Wie aus schweren Banden
entlassen erhuben sich Herz und Sinnen, und die letztern wurden
reichlich getröstet und erfreut durch den ganz nahen Anblick der
mächtig schönen Hochgebirge von Elba, vor allem aber durch den von
Porto Lunghone in dessen stille Bucht unser Capitän einlief um hier
wo möglich zu ankern. Ich habe wenig so würdige Gegenstände für die
Kunst eines Landschaftsmalers gesehen als dieses Porto Lunghone;
namentlich hat sich die kleine Kirche, die an der tief ins Gebirge
hineinschneidenden Schlucht liegt den erhaben schönsten Standpunkt
gewählt, und die ganze Bucht mit ihren grünenden Bergabhängen und dem
hohen Chor der nackten Gebirgsgipfel erscheint der Seele, welche solche
Hülfe und Rettung erfuhr als heute wir, wie ein Tempel, dessen hehres
Gewölbe Gedanken des Lobes und Preises weckt.
Wir konnten leider nicht in dem romantischen Porto Lunghone bleiben;
denn hinein in den Hafen, der keine Quarantänestation ist, durften wir
nicht, außen aber in der Bucht war kein Ankergrund. Noch einmal setzten
sich dann die von dem heutigen Sturme vielfach verletzten Räder und
Maschinen in Bewegung und schon nach einer halben Stunde ankerten wir
bei dem kleinen Porto Rio, an dem wir vorhin stolz vorüber gefahren
waren.
Wer es auch nicht wüßte daß diese Insel Aethalia oder Ilwa ein Land
sey »dessen Steine Eisen sind« und die Adern seiner Gebirge Erz, der
würde dies schon den Hügelwänden bei Porto Rio ansehen. Sie sind zum
Theil von dem Ocker des Eisens ganz durchdrungen und roth gefärbt und
doch sind sie nur ein oberflächlicher Abraum den die alten Fluthen
von den benachbarten höheren Gebirgen, den eigentlichen Lagerstätten
des Eisens machten. Zwar die sonderbare Rechnung welche le Chevalier
über das Alter des Bergbaues auf Elba macht, wobei es ihm, bei seiner
Heerde von Jahrtausenden die er auf den Blättern seiner Schrift
weiden lässet, auf eine Null mehr oder weniger nicht ankommt, möchte
wohl kein eigentlicher Kenner des Bergbaues unterschreiben, daß aber
schon die Phönicier und noch mehr die Karthaginenser hier einen sehr
kunstverständig angelegten Bergbau betrieben haben, und daß später die
Römer, die sonst gerade keine sehr tüchtigen Bergleute waren diesen
Bau fortführten, ist gewiß. Aus diesem großen Eisenwerk der Erde sind
zahllose Schwerter und Mordwaffen der Männer entnommen, darum war auch
Elba ein großer Magnet der den Lauf des großen Bewegers der Schwerter
und Mordwaffen nach sich hinlenkte. Neben den vielen Hunderttausenden
der Schwerter entstiegen diesem Gebirge auch unzählige Geräthschaften
des Landbaues; hätte der Mann des Schlachtgetümmels diese ergriffen
statt jener, wie vergnüglich hätte das Ende seines Lebens seyn können
auf dem schönen, wahrhaft anmuthigen und zugleich großartigen Elba.
Der erste August war wieder ein schöner, heitrer Sommertag; die Stürme
von gestern waren vorüber, an ihrer Stelle waltete die Windstille über
dem Meer; wir hätten schon mit Anbruch des Tages weiter gekonnt. Aber
an unserm Dampfschiff hatte der gestrige Sturm so hart herumgerückt
daß es nur durch ein Arbeiten und Hämmern von vielen Stunden wieder in
nothdürftigen Stand gesetzt werden konnte; erst kurz vor Mittag war
Alles zur Abreise bereit. Doch war nun auch das Ende unsrer Meeresfahrt
ein leichtes und ruhiges, denn obgleich das Meer noch stark bewegt war,
brachte uns das preßhafte Schiff dennoch bis gegen Abend auf die Rhede
von Livorno, und hat auch, wie wir später erfuhren, seinen übrigen Lauf
vollends bis Marseille, bei ruhigem Wetter glücklich zurückgelegt.
Daß es für den heutigen Tag zu spät sey noch in der Quarantäne ein
Unterkommen zu finden hatten wir wohl voraussehen können; die Nachricht
aber daß keines der beiden großen Quarantänehäußer zunächst bei der
Stadt uns aufzunehmen vermöge, sondern daß wir hinausmüßten in das fast
eine Stunde weit entfernte Hospital von St. Leopold, zugleich dann jene
daß die Zeit der Quarantäne nicht, wie wir gehofft hatten, mit drei
oder vier Wochen abgethan seyn werde, sondern zu 35 Tagen festgesetzt
sey, überraschte uns auf keine angenehme Weise. Der ehrliche Bursche
aus der Italienischen Schweiz der bisher unser Reisegefährte gewesen
und von dem ich nachher reden werde, lachte laut auf da er die
Nachricht hörte, denn einige der Unteraufseher bei St. Leopold waren
seine Landsleute und Verwandte; in mir aber erweckte sein Lachen einen
unziemlichen Zorn. Mehr als wir noch waren die Flüchtlinge aus Malta
zu bedauern, welche, wären sie mit einem andern Schiff gekommen nur
drei Wochen Quarantäne gehabt hätten, die aber nun mit uns in gleicher
Verdammniß stunden.
Endlich war, am zweiten August, des Morgens um acht Uhr die große Barke
da, welche unsre Geräthschaften und uns, neunzehn Personen an der
Zahl, nach der Quarantäne führen sollte; wir nahmen noch freundlichen
Abschied von den im Schiffe bleibenden bisherigen Gefährten, vor allem
von dem trefflichen Arzt des Schiffes, Herrn la Fosse, einem vielseitig
gebildeten Manne, mit welchem wir vertraute Bekanntschaft geschlossen
hatten, und von einem Freund aus Norden, den wir auf dieser Seereise
gefunden hatten.
Die Quarantäne in Livorno.