Messenien, mit dem alten Königssitz des Nestor; das herrliche Elis ein

vormaliges Mutterland der Weisheit und der Furcht der Götter und das

vielbesungene Arkadia lagen weit hinter uns, gleich einem undeutlichen,

blauen Gewölk, als wir am Sonntagsmorgen den 23sten Juli beim Aufgang

der Sonne herauftraten auf das Verdeck. Es war vergeblich selbst mit

dem Fernrohr die ohngefähre Gegend des heiligsten der Jupiterhaine: die

Stätte von Olympia aufzusuchen, wo, im uralten, Dorischen Tempelgebäude

das geistvollste Werk der bildenden Kunst des Alterthumes, das Bild

des Olympischen Jupiter von Phidias stund. Das geistvollste; denn

in den Mienen der Göttergestalt waren der Ausdruck der erbarmenden

Milde und der allvermögenden Herrschermacht auf solche Weise vereint,

daß im Geist des Betrachtenden jene Zuversicht erwachte, die zum

Beten: zum Annahen des Menschlichen an ein Göttliches den festen Muth

giebt, so daß man Jene als glücklich pries die noch vor ihrem Ende

das Jupiterbild zu Olympia gesehen. Und mochte denn immer das schöne

Arkadia und Olympia, das vormals den Hellenen einen festen Anhalt

gewährte[212] für die Erkenntniß der Räume, der Zeiten und in gewisser

Hinsicht selbst Dessen, was über Raum und Zelt stehet, unserm Auge

entschwinden; kennt doch das Herz Etwas das schöner ist denn Arkadia,

fester bleibend als die Maaße von Raum und Zeit zu Olympia.

Bis zum Mittag hatte sich auch der letzte, unsichre Umriß des Landes

unserm Blick entzogen, wir sahen nur Meer und Himmel; ein frischer

Gegenwind wehete uns noch immer Kühlung zu, hemmte aber auch zugleich

den Lauf des Schiffes. Am andern Tage hatte diese Hemmung aufgehört,

wir rückten rascher vorwärts, sahen aber auch heute noch kein Land, als

wir jedoch am Dienstag den 25sten Juli erwachten, da lag Malta, die

kleine und doch so kräftige Schutzwehr gegen die Macht der Barbaren uns

schon deutlich vor Augen.

Malta macht, von ferne gesehen nicht jenen imposanten Eindruck, der

mit dem Anblick mehrerer jener Inseln verbunden war an denen wir

bisher vorüber kamen; es hat keine hochansteigenden Gebirge, sondern

nur mäßige Höhen. So wie man aber näher kommt macht sich die Größe und

Macht des menschlichen Fleißes bemerklich, und lässet den Mangel der

Naturgröße vergessen. Gleicht doch die ganze kleine Insel durch die

verhältnißmäßige Ueberzahl ihrer Einwohner, Dörfer und Häußer einer

volkreichen Vorstadt zu jener kleinen Hauptstadt welche durch ihre

riesenhaften Befestigungswerke die Heldin des benachbarten Meeres ist;

denn derselbe Flächenraum auf welchen in Norwegen drei, ja selbst in

England nur 152 Einwohner kommen, zählt in Malta deren 1103 (die ganze

Insel 120000). Darum ist auch jedes Flecklein des Bodens zum Anbau

benutzt und obgleich jetzt, in der heißesten Zeit des Jahres, die Höhen

und Hügelabhänge einen großen Theil jenes Grünes, welches die Insel

sechs Monate lang überkleidet, verloren hatten, bemerkte man dennoch

überall die reichen Pflanzungen der Bäume, unter denen jene der süßen

Orangen die häufigsten sind.

Als wir an dem Eingang zum südlichen Hafen der Stadt vorüberfuhren

sahen wir dort das (wie uns schien) Wrack eines Dampfschiffes

am Strande liegen mit dessen Ausbessrung so eben viele Menschen

beschäftigt waren. Wir bedauerten die Unglücklichen die auf dem

schadhaften Fahrzeug gekommen waren oder weiter gehen sollten, ahndeten

aber nicht daß wir selber diese Bedauernswürdigen seyn würden, denn wir

hatten uns ja schon in Syra die Fahrt auf dem Minos bis nach Livorno

ausbedungen. Der überraschend schöne Anblick der Meeresfeste und Stadt

Valetta, der wir uns jetzt näherten, ließ uns indeß das arme Wrack des

Schiffes bald vergessen. Diese zehnfach ummauerten Mauern und vielfach

verbollwerkten Bollwerke sehen nicht aus als seyen sie wie andres

Gemäuer aus Stücken der Steinmasse zusammengefügt, sondern als wären

sie aus nur einer Masse, wie aus weißlichem Erz gegossen.

Das Glöcklein, beim Marienbilde auf der Mauer kündete begrüßend und

warnend zugleich die Ankunft unsers Schiffes an, als dieses jetzt noch

vor zehn Uhr des Morgens in den Quarantänehafen hineinfuhr; zu unsrer

Rechten lag, von einzelnen Baumgärten umgeben, das mächtige Gebäude der

Quarantäne, welches einer kleinen für sich bestehenden Stadt gleicht,

deren Häußer Palläste sind; vor uns und zu unsrer Linken das noch

prachtvollere Valetta, in dessen gerade, zum Theil steil emporsteigende

Gassen man von unten hineinblicken kann. Oben auf der Anhöhe zeigte

sich Civita vecchia, nach der herrschenden Sage an jener Stätte an

welcher Publius der Oberste der Insel sein Landgut hatte, als hier

der vielthätige durch viele Gefährlichkeiten zu Wasser wie zu Lande

gegangene Apostel Paulus aus dem Schiffbruch gerettet ans Land

kam[213].

Die hiesige Quarantäneanstalt, welche seit der Englischen Besitznahme

der Insel ihre jetzige Form erhielt, darf wohl unter allen andern als

die großartigst und vollkommenst eingerichtete betrachtet werden.

Bei all' ihrer großen Strenge gewährt sie den in ihr eingeschlossnen

Reisenden so viele Erleichterung als wohl schwerlich irgend eine

andre Quarantäne, und die Strenge, welche sie übt, that sehr noth,

da noch in dem ersten Jahrzehend des jetzigen Jahrhunderts die Pest,

durch Afrikanische Schiffe hieher gebracht, so heftige Einbrüche in

die Bevölkerung der Insel machte, daß bei dem einen derselben zwanzig

tausend Menschen unterlagen. Das arme Malta hatte übrigens gerade in

jenen Tagen da wir in seinem Hafen lagen einen eben so verheerenden und

gefährlichen Feind in seinem Innrem als die Pest ist, deren Gefahr es

durch die Quarantäne von seinen Wohnungen entfernt hielt: die Cholera

raffte täglich eine Menge von Opfern hin; mitten unter dem Geläute der

andern Glocken vernahm man am häufigsten jenes der Sterbeglöckchen.

Wir waren noch nicht lange im Hafen angekommen da besuchten uns in

einem Boote, das übrigens dem Schiffe nur wenig nahen durfte, einige

Landsleute und Freunde, denen Herr Franz unsre Ankunft gemeldet

hatte. Unter den Besuchenden war der treffliche Herr Schlienz der auf

vielfache Weise seine freundliche Bereitwilligkeit zeigte uns gefällig

zu seyn. Hier in Malta löste sich denn auch schon ein wesentliches

Glied von der Kette unsrer Reisegesellschaft ab; der gute Herr Franz,

dessen früherer Aufenthaltsort bereits in La Valetta gewesen war, mußte

nun in seine alten Verhältnisse zurückkehren und begab sich, um dies so

bald als möglich zu können, in die hiesige Quarantäne. So hatte schon

einer von uns die sichre Ruhestätte der Heimath gefunden.

Uns Andren schien dieses Glück auf einmal in eine weitere Ferne

zurückzuweichen. Der Kapitän hatte bald nach unsrer Ankunft, in

Begleitung der andern Officiere die Barke bestiegen um einem

Französischen Admiral, welcher als Botschafter seiner Regierung

nach Konstantinopel gieng, seinen Besuch zu machen. Dieser Herr war

mit seiner Familie und dem zu ihm gehörigen Dienstpersonale auf dem

Dampfschiff Sesostris, dem nämlichen das wir in seinem hülflosen

Zustande hatten auf der Rhede liegen sehen, von Marseille aufgefahren;

bei Katanea war Etwas an der Maschine gebrochen; nur mit Mühe hatte man

das Fahrzeug bis hieher gebracht, und da, wie der Admiral versicherte,

seine Sendung Eil hatte legte er sogleich auf das nächste in Malta

ankommende, seiner Regierung zugehörige Dampfschiff Beschlag, welches

unglücklicher Weise gerade unser Minos war. Uns blieb nun keine andre

Wahl übrig als entweder hier in Malta unsre Quarantäne auszuhalten oder

mit dem freilich zur Noth wieder hergestellten, immerhin aber noch sehr

gebrechlichen Sesostris die Weiterreise zu wagen.

Als der Herr Capitän mit dieser unerwarteten Botschaft von Sr.

Excellenz dem Gesandten an Bord kam entstund ein fast allgemeines

Geschrei des Unmuthes aller Passagiere gegen ihn. Man wollte es als

einen Bruch des früher eingegangenen Vertrages betrachten, wenn man

uns auf einmal statt uns nach Livorno oder Marseille zu bringen,

hier in Malta absetzte; eine Gesellschaft von 38 Passagieren aber

bereden zu wollen, sich mit all ihren Gütern und was mehr denn

Alles, mit ihrem Leben einem schadhaften Schiffe auszusetzen, sey

noch unverantwortlicher. Der Capitän zuckte die Achseln, erklärte

zu wiederholten Malen wie leid es ihm thäte daß er in diesem Falle,

als Offizier, nur den Befehl seines Admirals berücksichtigen dürfe,

gab uns aber zugleich die Versichrung daß wir bei der freilich nicht

vollkommenen, jedoch für diese Seereise ausreichenden Wiederherstellung

des Sesostris weder Gefahr noch Schaden leiden würden, denn in dem

Falle daß die Fahrt etwas länger als zum gewöhnlich anzunehmenden

äußersten Termin dauern sollte, würde die Regierung auf unsern

Schadenersatz denken. Ungeachtet aller dieser Versicherungen war

dennoch eine Spannung zwischen dem größesten Theil der Passagiere und

den Offizieren eingetreten; selbst unser guter, alter Lieutenant kam

nicht mehr an unsern Tisch.

In Malta die Quarantäne zu machen, das war in diesem Augenblick für

einen Reisenden, der nach Deutschland gehen wollte, im höchsten Grade

unvortheilhaft. Denn bei der zwecklos ängstlichen Absperre welche die

einzelnen Italienischen Staaten damals noch aus Furcht vor der Cholera

gegen einander und gegen alle auswärtige, im Verdacht der Ansteckung

stehenden Gegenden übten, hätten wir, weil in Malta die Cholera

wüthete, auch nach einer hier glücklich überstandnen Quarantäne gegen

die Pest, in jedem Hafen an der Westküste des Landes uns einer neuen

Quarantäne gegen die Cholera unterwerfen müssen. Ja selbst diese zweite

Hemmung der Reise, wenn wir sie im Neapolitanischen bestanden hätten,

wäre vergebens gewesen, denn wenigstens eine dritte der Art hätte uns

an der Römischen Gränze erwartet. Als deshalb der sachverständigste

unter allen Passagieren, ein Amerikanischer Schiffscapitän, der ein

erfahrener Seemann zu seyn schien im Auftrag der Andren mit unsrem

Capitän die Fahrt nach dem Dampfschiff Sesostris gemacht, und dieses

beschaut hatte und als auch dieser seinen Mitreisenden die Versichrung

gab daß man sich unbedenklich dem Fahrzeug anvertrauen dürfe, wurde

von Allen die Weiterreise beschlossen. Statt daß jedoch diese sogleich

hätte angetreten werden sollen, mußten wir es uns gefallen lassen,

nicht nur den heutigen sondern auch den folgenden Tag vor Anker liegen

zu bleiben, und zu der Beschwerde welche die große Hitze in dem still

liegenden Schiff uns brachte kam noch die andre, daß man das Schiff

für die unerwartete neue Ausdehnung der Reise mit Steinkohlenvorräthen

versehen mußte, von denen am zweiten Tage mehrere hundert Tonnen

geladen wurden. Eine geringe Entschädigung für den Verlust der Zeit

war es, daß wir durch die vom Kohlenstaub verdunkelte heiße Luft das

nahe, mächtige Valetta mit seiner Engelsburg und seinen Festungswerken

betrachten durften, an denen im Jahr 1565 die Wuth der Türken sich

gebrochen, und welches die Wohnstätte so manches tapfern Ritters der

frühern Zeit gewesen. Konnten wir doch nicht einmal ein Boot haben um

wenigstens so weit die Quarantänegränze es erlaubte im Meer zu fahren.

Dennoch waren die Stunden des letzten Abends auf dem Minos nicht ohne

Genuß. Das Einladen der Kohlen war vorüber, Ordnung und Stille wieder

hergestellt; die Abendröthe zog sich über den Hügel der christlichen

Altstadt (Civita vecchia).

Erst spät am Abend waren alle Vorkehrungen zur Aufnahme des neuen

vornehmen Gastes im Minos getroffen; unsre Geräthschaften stunden

bereit; ich nahm einen dankbaren Abschied von dem ohne seine Schuld mit

uns in Misverhältniß gerathenen, wahrhaft wohlwollendem Capitän und

seinen Offizieren. Man lud uns gegen zehn Uhr des Nachts Alle, noch

dazu mit einem großen Theil unsrer Sachen in ein Fahrzeug, welches für

solche Last kaum zureichend war; das Meer gieng ziemlich hoch, die

Wellen spritzten öfters über den Bord des Bootes herein. Doch auch

dieser schwere Uebergang wurde glücklich bestanden; nach etwa zwanzig

Minuten fanden wir uns auf dem Verdeck des, abgesehen von dem Zustande

seiner Maschine wohl eingerichteten, großen Dampfschiffes welches den

Namen des schnellen, weithin fahrenden Aegyptischen Welteroberers trug,

ohne gerade viel von seinen Eigenschaften und Kräften zu besitzen.

Wir fanden bei unsrer Ankunft schon eine kleine Maltesische Besatzung

im Schiffe: einige Familien aus Valetta die sich aus Furcht vor der

Cholera nach Toskana flüchten wollten; ein Einfall, der, wie sich

später zeigte, gerade nicht der glücklichste war. Namentlich hatte das

schönste Nebengemach der zweiten Kajüte ein Italienischer Sänger mit

seiner Familie eingenommen, welche Letztere aus seiner Frau, einem

kleinen Hund und einem großen, lautstimmigen Arras-Papagey bestund.

Das dienende Personal des Schiffes machte, namentlich uns Passagieren

vom zweiten Range, als wir so spät sie noch in ihrer Ruhe störten,

kein freundliches Gesicht; auch wir selber waren zum Theil an diesem

Abend in keiner freundlichen Laune. Doch der vergangene Tag mit seinem

Kohlenstaub und Meeresschaum ward bald verschlafen. -- Um ein Uhr des

Morgens lichtete man die Anker; wir hörten es kaum, denn bald wiegte

uns das einförmige Geräusch der Räder von neuem in süßen Schlummer.

Der Papagey unsers Kajütennachbars war noch früher wach als wir,

der Gesang aber mit welchem er die Morgendämmerung begrüßte, that

den Ohren keinesweges wohl. Wir hatten ein zu geringes Vertrauen zu

unserm »Sesostris« gehabt; als der leichte Nebel, der heute (am 27sten

Juli) des Morgens das Meer gegen Norden hin bedeckte, sich gesenkt

hatte, bemerkten wir zu unsrer großen Freude, freilich noch in weiter

Ferne, die Gebirge von Sizilien. Schon vor Mittag hatten wir den

deutlichen Anblick der fruchtbaren, mit einer Menge von Ortschaften

bebauten, südlichen Küste der großen, schönen Insel und näherten uns

dem Vorgebirge von Pachynum (Passaro). Wie gerne hätten wir an jener

südlichen Küste die Geburtsstadt des Empedokles, das noch in seinen

Trümmern mächtige Agrigent (Girgenti) wenigstens von fern gesehen,

aber unser Weg war ein andrer. Desto deutlicher und besser bekamen wir

jedoch im weitren Verlauf dieser Fahrt gerade jene Seite der Insel

zu Gesicht welche für uns die interessanteste war; die östliche, mit

dem Gebiet des mächtigsten der Europäischen Vulkane: des Aetna. Unser

Schiff hielt sich so nahe ans Land daß wir öfters jedes hohe Gemäuer ja

selbst die niedern Hütten der Fischer zu erkennen vermochten.

Das große Schauspiel das uns noch an diesem, mehr aber am folgenden

Tage die Insel gab wurde mit dem Anblick von Syrakus (Siragossa)

eröffnet. Wie unansehnlich erscheint die jetzige Stadt zwischen

den weithin ausgedehnten Ruinen ihrer Aeltermutter. Sie gleicht

einem armen, kleinen Kinde das sich in das vormals reiche, nun aber

zerrissene Gewand der hohen Ahnfrau versteckte, nirgends aber dieses

ausfüllt. Noch vor Abend lag das ansehnlich aussehende Catana (Catanea)

vor uns; die kühne Stadt, die ihren Fuß auf das Haupt eines feurigen

Drachen -- auf den unterirdischen Heerd des Aetna gesetzt hat, die

aber auch diese Kühnheit bei manchen Ausbrüchen der Macht der Tiefe

büßen mußte. Denn schon jener, der während der Regierung des Kaisers

Decius in der Mitte des dritten Jahrhunderts seine Lavaströme gegen

die volkreiche, mächtige Stadt ergoß, füllte mit diesen Strömen einen

großen Theil des vormals trefflichen Hafen aus; bei den furchtbaren

Eruptionen die im siebenten Jahrzehend des zwölften Jahrhunderts die

Insel verheerten, kamen allein in Catanea 16000 Menschen um; in der

letzten Hälfte des 17ten Jahrhunderts, bis gegen 1693 war die arme

Stadt, durch mehrmalen wiederkehrende Erdbeben, die der Vulkan erregte,

fast ganz in einen Schutthaufen verwandelt.

Von diesem Schauplatz der alten Verheerungen bis zu dem feurigen

Quell aus dem sie kamen: zum Aetna ist zwar noch eine Strecke Weges

von mehreren Meilen, aber dennoch lag der mächtige Berg in seinen

Umrissen schon vollkommen deutlich vor uns da. Nach dem vielen Neuen

und großartig Schönen das wir auf dieser ganzen Reise gesehen,

hätten wir nicht geglaubt daß uns der Anblick einer andern Gegend so

freudig überraschen, so entzücken könne als der von dem reizend und

zugleich erhaben schönem Sizilien. Herrlich war heute vor allem der

Sonnenuntergang. Drei Reihen von Bergen lagen vor uns; die vordersten,

niedrigsten, zunächst an der Küste deckte schon der abendliche

Schatten und ließ sie in dunkler Farbe erscheinen; die hinter ihnen

emporsteigenden höheren und höchsten, hellfarbigen, waren von einem

gluthrothen Strahl der Sonne geröthet, so daß sie wie ein geschmolzenes

Erz in der Lohe des Ofens auf dem feurigen Grunde des Abendrothes

erglänzten.

Es fing an zu dunkeln, nur der feurige Rauch über dem Gipfel des

Aetna machte uns die Gegend des Berges und den Umriß seines Gipfels

noch deutlich; mit Schmerz nahmen wir von der Gegend Abschied, welche

uns, so fürchteten wir, am andern Morgen schon weit hinweggerückt

seyn konnte und giengen, um einige Stunden zu ruhen, hinab nach der

Kajüte. Unsre Sorge, um den Anblick dieser für uns so bedeutungsvollen

Gegend zu kommen, zeigte sich indeß bald als eine ungegründete.

Wie ich schon erwähnte hatte unser Dampfschiff auf seiner Herreise

gerade in derselben Gegend in der wir jetzt uns befanden den Unfall

erlitten, dessen Folgen noch jetzt nicht ganz gehoben waren. Ein Mann

der zu dem höheren Dienstpersonal des Sesostris gehörte sagte uns am

andern Tage selber, daß weder der Steuermann noch der Capitän mit

dieser Gegend des Meeres so vollkommen vertraut seyen daß man bei

Nacht die Weiterfahrt hätte wagen dürfen; die Meerenge von Sizilien

mit ihren uralt berüchtigten Felsenklippen der Skylla und Charybdis

sey zwar bei ruhigem Wetter und am hellen Tage selbst für kleine

Fahrzeuge nicht gefährlich, könne aber wohl dieses bei Nacht für ein

Dampfschiff werden. Dieses wohlgegründete Bedenken unsres Kapitäns kam

uns gerade diesmal sehr zu statten; schon am späteren Abend, noch vor

dem Einschlafen bemerkten wir daß die Maschine in ihren Arbeiten sehr

nachließ, und als wir am andern Morgen, um ja nichts zu versäumen,

schon beim ersten Grauen des Tages auf das Verdeck traten, da lag der

gewaltige Aetna unmittelbar vor unsern Augen; wir hatten in der ganzen

vergangenen Nacht nur wenige Stunden Weges zurückgelegt.

Die zunehmende Helle des Tages beleuchtete jetzt zuerst den kolbigen

Gipfel des Berges mit seinen vereinzelten Schneefeldern, stieg dann

tiefer herab auf die verödeten Felsenmassen der Lava, zwischen denen

hin und wieder ein leichtes Grün gesehen wird, und kam zuletzt

herunter zu der reichen, paradiesisch schönen Gegend der Küste, und

der waldreichen Thäler. Der Aetna steigt zu einer Höhe von nahe 10500

Fuß an, der Winter weicht deshalb niemals ganz von seinem Gipfel; über

alle andren Theile der Insel ragt er als König und Herrscher hervor.

Und er ist dieses auch im vollesten Maaße, denn sein Reich gehet nicht

bloß so weit der Umkreis seinem eignen Riesenkörpers reichet oder über

die zunächst an seinem Fuß gelegnen niedern Berge und Thäler, sondern

es breitet sich auch in der verborgnen Tiefe weithin aus, von einem

Ende des großen Eilandes zum andren und selbst bis unter den Boden

des Meeres. Er ist der uralte Werkmeister der Insel, welcher durch

die Kraft seines Feuers einen großen Theil ihrer Bergfesten angelegt

und gestaltet und durch seine Asche mit fruchtbarem Boden bekleidet

hat; welcher der Insel fortwährend Vieles gab aber auch bei andrer

Gelegenheit ihr fast eben so viel wieder nahm. Diese reiche Landschaft

zu seinen Füßen mit all ihren Städten und Dörfern, mit den Landhäußern,

Klöstern und Kirchen, welche von jedem Hügel und aus jeder grünenden

Schlucht herabblicken, sind mit all ihrem äußeren Wohlstand beständig

wie »an ein feurig Rad geschmiedet«; es ergehet ihnen wie den Dienern

eines mächtigen Herrn, dessen unbändiger, unruhiger Geist ohne Aufhören

an kriegerische Thaten denkt; heute sind sie, denn es ist gerade

Frieden, an der reichen Tafel ihres Herrschers reich und fröhlich;

morgen aber, ja vielleicht über Nacht, übereilt sie die Stimme der

Schrecken und die Todesgefahr der Schlacht. Wie herrlich grünend

stunden die Fluren, wie reich die Oel-, die Wein-, die Obstgärten von

Montepelieri, als im vierten Jahrzehend des sechszehenten Jahrhunderts

ein Feuerstrom aus dem Berge alle diese Auen und Gärten verbrannte und

das schöne Kloster der Benediktiner unter seinen Fluthen begrub; wer

hätte so nahe bei Nicolosi das Aufbrechen eines Kraters erwartet aus

dessen Munde der Flammentod im Jahr 1669 über die arme Stadt und ihre

Landschaft hervorbrach und Alles verheerte und verzehrte. Wie weit

hinweg vom Berge haben Palermo, Agrigent und Syrakus sich gebettet

und doch traf sie, eben so heftig als das näher gelegne Messina jener

zerschmetternde Schlag, der im letzten Jahrzehend des siebenzehnten

Jahrhunderts (1693) von dem unterirdischen Heerde des Berges ausgieng,

die ganze Insel erschütterte und mit Trümmern bestreuete. Sechszehn

Städte hatte damals das Erdbeben verwüstet, 93000 Menschen waren dabei

umgekommen, die Schaaren und Heerden der Thiere welche der Tod traf

hatte niemand gezählt. Und obgleich nun seit vielen Menschenaltern

die wilde Kraft des Feuerriesen sich gemäßigt zu haben scheint, kocht

dennoch ohne Aufhören in ihm die Gluth, und die Flammensäulen die

zuweilen aus ihm ausbrechen, wie der Rauch der aus ihm aufsteiget von

Tag zu Tage, bezeugen, daß die viel tausendjährige Arbeit in seinem

Innren noch nicht zu Ende sey.

Die Räder unsres Dampfschiffes hatten, sobald es Tag wurde wieder

angefangen kräftig zu arbeiten, die Sonne war aufgegangen und alle

Höhen und Thäler stunden in ihrem vollen Glanze; wir fuhren so nahe

am Lande hin daß wir selbst den Fischern bei ihrer Arbeit zusehen

und in die kleinen Kähne blicken konnten. Schon manche Ruine hatten

wir am Gestade bemerkt denn in diesem Lande der fabelhaften Cyklopen

und Lästrigonen haben viele kräftige Hände der Sikaner und Sikuler,

Helymer und Phönizier, Chalcidenser, Punier, Carthaginenser und Römer,

Sarazenen ja selbst Deutsche Herrscher gebaut; die mächtigsten,

auffallendsten Reste jedoch von alten Bauwerken kamen uns bei dem

herrlich gelegnem Taormina zu Gesichte. Die Sonne schien so hell in

das große, Römische Amphitheater hinein, auf die Bögen der alten

Wasserleitung und auf das Maurische Castell Mola, daß wir wenigstens

mit den Blicken über alle einzelne Theile uns zu ergehen vermochten,

und was das unbewaffnete Auge nicht erreichte, das fand das Fernrohr.

Südwärts von dem Felsen, auf dem Taormina sich gründete, war einst

die Stätte des Sizilischen Naxos, welches eine Kolonie der Dorischen

Naxier dort erbaute und das Dionys der Tyrann zerstörte.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 37 / 41 段