noch alle Seile der Liebe aufgespannt um wenigstens unsre dankbare
Erinnerung an die Küste des schönen Attikas unzerreißbar fest zu
knüpfen. Und das Herz ist ja ohnehin diesem lieben Manne treu verbunden
und wird es ihm bleiben, denn seine Güte hat viel für mich und meine
jungen Freunde gethan. Unser theurer Brandis kam, nach vollendetem
Taggeschäft auch noch einmal zum Piräus um uns das Geleite seiner Liebe
zu unsrem Schiffe zu geben. Wir bestiegen dieses bald nach acht Uhr des
Abends, um neun Uhr spannten wir die Segel und fuhren ab.
Es war als sollten wir jetzt auf einmal auch den vollen Genuß einer
glücklichen Seefahrt empfinden, wie wir bisher so manche Bitterkeit
des Segelns mit ungünstigem Winde erfahren hatten. Der Vollmond
beleuchtete aus blauem, klaren Himmel die stille Fluth; ein mäßiger
Wind (es war unser alter Bekannter und Begleiter aus Westen, der uns
aber gerade dießmal gut zu statten kam) stund uns in Pupa und trieb
uns mit geschwellten Segeln von hinnen; das Schiff war mit allen
Bequemlichkeiten für Reisende versehen. Freilich hatte diese ganz
besondre Gunst des Windes keine sehr lange Ausdauer denn während wir
auf unsrem Schiffe ruheten, hatte auch er sich zur Ruhe gelegt und
wollte sich am andren Tage nicht recht dazu bequemen unserm Fahrzeug
die gewöhnliche Vorspann zu leisten. Dennoch rückten wir auch durch
das schwache Lüftchen, das von Zeit zu Zeit mit dem Segel spielte,
etwas weiter und hatten auf diese Weise Gelegenheit das Vorgebirge von
Sunium, so wie Keos und Thermia (Kythnos) zwischen denen beiden wir
diesmal hinsteuerten genauer zu sehen, auch war die Gesellschaft, die
mit uns im Schiffe fuhr, keine unangenehme. Wir andern Alle fanden uns
in freudiger Stimmung, weil uns nun auch der letzte Wunsch den wir auf
dieser Reise hatten, Athen zu sehen, so glücklich gelungen war, nur
einer der Freunde, unser guter Doctor Erdl, litt an einem leichten
Anfall von Fieber, und mochte in mehrern Tagen nichts genießen. Am
Abend (des 18ten) kam uns wieder ein Wind aus Norden zu Hülfe der
jenseits Thermia führte und als wir am 19ten erwachten hatten wir das
vertrauliche Syra, die Wohnung der Freunde schon nahe vor Augen, so daß
wir vor zehn Uhr Vormittags im Hafen ankern konnten. Noch ehe wir dieß
thaten bemerkte Herr Erlacher, der damals ein kleines Häuslein am Hafen
bewohnte unser Schiff, und kam uns, sobald wir gelandet, mit einem
Boote entgegen das uns und alle unsre Geräthschaften hinüberbrachte in
die noch leer stehenden Räume des Magazinhaußes, in welchem dießmal
wir Alle unsre Wohnung nahmen, da Freund Hildner mit seiner Familie
einen Landaufenthalt bezogen hatte, und ohnehin der Aufenthalt, bis zum
Abgang des Dampfbootes, nur ein sehr kurzer werden sollte.
Als ich am Nachmittag nach unsrer Ankunft mit Freund Sandersky durch
die Gassen der Stadt gieng begegnete mir zu meiner großen Ueberraschung
jener junge Mönch aus dem Sinaikloster von welchem ich im zweiten
Bande (S. 329) erzählte, daß er, von Geburt ein Russe, früher Soldat
gewesen sey. Wir freuten uns beide des unvermutheten Wiedersehens und
begrüßten uns herzlich, denn dieser Mönch war mir unter allen jüngeren
Geistlichen des Klosters der liebste gewesen, schon deshalb weil er
sich am meisten und zutraulichsten uns genaht hatte. Er erzählte mir
daß er in Angelegenheiten seines Klosters diese Reise unternommen
habe, und im Verlauf des Gespräches erfuhr ich von ihm weiter daß es
ihm zur Fortsetzung seines Weges an den äußeren Mitteln fehle. Ich
legte nach Kräften ein nicht unansehnliches Geschenk in seine Hand, er
nahm dasselbe wie es schien mit Freuden an. Am andern Morgen kam er zu
Sandersky, brachte ihm das Geld wieder und äußerte: »er habe die Nacht
nicht schlafen können vor dem Gedanken daß er Geld von einem Manne
angenommen, der seines Irrglaubens wegen auf ewig verdammt sey. So
nöthig er das Geld zu seiner Reise brauchen könne bäte er doch Herrn
Sandersky er solle mir es wieder zustellen und mich ermahnen daß ich
mich doch zur Griechischen Kirche bekehren möge, welche allein hell
leuchte wie die Sonne. Da er auch hier in Erfahrung gebracht habe,
daß ich bei Sr. Majestät dem Könige Otto etwas gälte ließe er mich
sehr bitten ich möchte doch auch diesen ermahnen daß er sich von der
irrigen, Römischen Lehre zur Griechischen Kirche bekehren möge, weil
diese (er wiederholte den Ausdruck noch einmal) allein hell leuchte wie
die Sonne.«
Guter Mönch vom Sinai habe Dank für deine kindlich treumeinende Sorge
um mein »ewiges« Wohl; ich bin übrigens froh darüber daß dieses Wohl
nicht dem Gefäß einer besondren Kirchengemeinschaft sondern einer
Gemeinschaft der Kirche verheißen ist und daß es einzig und allein auf
die Gnade Dessen sich gründet welcher das Haupt, die Kraft und das
Leben Seiner Kirche ist: der Gemeinschaft Derer die von ganzem Herzen
an Ihn glauben und Ihm vertrauen. Wie ganz anders dachte und äußerte
sich, wie ich dieß früher erwähnte, über denselben Gegenstand mein
ehrwürdiger Freund, der Padre Präsidente in Damaskus. Ich hatte aber
öfters Gelegenheit zu bemerken daß unter allen Kirchengemeinschaften,
mit denen ich auf dieser Reise näher bekannt wurde, die ausschließend
undultsamste gegen andre Gemeinschaften die Koptische und nächst
dieser die Griechische sey. Wollen doch die Griechischen Geistlichen
nicht einmal die Taufe bei den andern Confessionen als eine wirklich
christliche gelten lassen; sie fordern von den Katholiken die sich
mit einer Griechin vermählen wollen daß sie, wenn sie die kirchliche
Einsegnung ihrer Ehe verlangen, sich noch einmal taufen lassen, weil
die sogenannte Taufe der Lateiner keine rechte sey. Was ich indeß
hier sagte gilt nur im Allgemeinen; die Ausnahmen der besseren Art
sind unter den geistig gebildeteren Griechen nicht selten und werden
immer häufiger. Leider wird jedoch auch hier der Weg vom Aberglauben,
zum gesunden, lebendigen Glauben, durch den Tod und die Verwesung des
Unglaubens gehen müssen.
Der schönste Tag den wir in Syra erlebten war, ohne allen Vergleich
der 20ste Juli, den wir mit dem theuren Hildner und seiner glücklichen
Familie auf dem Lande, in einem Dörflein zubrachten das auf der
Südseite der Insel an dem Abhange des Berges liegt. Seine Aussicht
beherrscht eine weite Strecke des Meeres und das Hochland von Paros
wie von Antiparos. Wir ruhten da im Schatten der Feigenbäume, aus
denen der hundertstimmige Gesang der Cicaden sich hören ließ und
der dichtbelaubten Ranken der Weinstöcke; die Aussicht die sich uns
im traulichen Gespräch eröffnete gieng weiter als nach Paros und
Antiparos, sie reichte weiter als Meer und Land, weiter als Zeit und
Stunde der Gegenwart und sie redete in Worten eines Liedes, dessen
Laute harmonischer sind und weiter hin ertönen als der hundertstimmige
Gesang der Cicaden. Der Abschied von solchen Freunden wie hier diese
waren, bewegt die Seele tief, er gleicht aber dem kräftigen Bewegen
eines Windes welcher das Schiff in seinem Laufe nach dem Hafen fördert
und bestärket; denn es ist in ihm, auch wenn der Abschied für das ganze
Leben galt, eine sichre Hoffnung des Wiederfindens.
Wir hatten uns etwas spät auf den Rückweg gemacht; der Abend übereilte
uns, noch ehe wir die Stadt zu Gesicht bekamen. Doch wir giengen an
der Hand eines treuen Führers, unsers Freundes Sandersky, der schon am
Mittag uns nachgekommen war, zu dem lieblichen Ruhesitz.
Das Dampfschiff, welches man bereits gestern am Abend erwartet hatte,
kam erst heute, am 21sten Juli am Nachmittag; seine Abfahrt ward auf
Abend um neun Uhr festgesetzt. Wir freuten uns doppelt der sichren
Gelegenheit des Fortkommens, da die noch immer anhaltenden widrigen
Winde den Lauf eines Segelschiffes nach Westen sehr erschwert haben
würden. Ueberdieß hatten sich gerade damals noch andre Dinge ereignet,
welche das Fahren mit einem kleinen Segelschiffe bedenklich machen
konnten; die Seeräuber hatten wieder angefangen ihr altes, grausames
Gewerbe im benachbarten Meere zu betreiben; auf Chios hatte man die
Leichname von achtzehn Männern, denen die Köpfe abgehauen waren und
nahe dabei an der Küste ein ganz ausgeraubtes Schiff gefunden, das, wie
es schien aus Syrien oder Aegypten gekommen war.
Der Abend war gekommen, wir drückten den Freunden noch einmal dankbar
die Hand; der gute Herr Erlacher brachte uns und unsere Geräthschaften
an den Bord des Schiffes, von welchem schon längst der Rauch des
Dampfheerdes aufstieg; mit dem Schlage neun Uhr gab die Kanone das
letzte Anzeichen zur Abfahrt; die Räder griffen frisch in die Fluth
hinein und in wenig Minuten hatten wir die gastfreundliche Stadt und
ihren Hafen hinter uns.
III. Die Heimreise.
Fahrt nach Livorno.
Bei der Beschreibung unsrer fröhlichen, großentheils glücklichen
Heimreise werde ich mich, obgleich der Weg noch ein sehr weiter war und
durch gar manche sehenswürdige Gegenden gieng, sehr kurz fassen können;
denn Vieles von Dem was uns ganz neu war und das wir gern näher und
länger beschaut hätten, bekamen wir, weil die Quarantäne uns vom Lande
abschloß nur im Vorbeifahren zu sehen; Manches aber, das wir mit Muße
betrachten durften, wie Wolfratshaußen und Bayerbrunn hatten wir schon
bei andrer Gelegenheit zur Genüge gesehen.
Es ist eine schöne Sache um das Heimkehren, für Jeden der eine
Heimath hat und liebt, und schon der Gedanke daß es nun dem Hauße
zu gehet stimmt das Herz fröhlich und wohlgemuth; bei uns kam aber
noch vieles Andre hinzu das diese Stimmung erhöhte. Der Unterschied
zwischen einer solchen Fahrt mit einem Segelschiff als die unsrige
von Beirut nach Syra war, und zwischen einer Dampfschifffahrt ist ein
größerer denn jener der sich zwischen der Reise auf einem mit Ochsen
bespannten Karren und auf einem Eilwagen findet. Denn die Ochsen, wenn
auch langsam, ziehen doch weiter, und halten nur an den bestimmten
Stationen; das Schifflein aber, besonders wenn es ein so schlechter
Segler ist wie unser Patmoser es war, steht still, mitten im Meere,
auch wo gar keine Station ist, und niemand kann wissen auf wie viele
Tage oder selbst Wochen es so stehen bleiben wird. Ein Dampfschiff
dagegen kann zwar auch in seinem gewöhnlichen Lauf durch den Wind
gehemmt oder gefördert werden, im Ganzen jedoch gehet es immer vorwärts
auf seinem Wege, es mag Windstille oder ungünstiger Wind seyn; mit
großem Vergnügen und zuversichtlicher Erwartung lasen wir auf dem
gedruckten Passagierzettel die Tage bestimmt an denen wir in Malta,
dann in Livorno eintreffen sollten. Freilich mußten wir nun im Verlauf
dieser Heimreise über das Meer die Erfahrung machen daß man auf den
Dampf eben so wenig sicher rechnen dürfe denn auf den Wind, und daß das
was gedruckt, deshalb nicht immer wahr ist, dieß aber wußten wir damals
noch nicht wo wir uns am Bord des großen, schönen »Minos« ganz der
Freude hingaben endlich aus den Banden der Segel erlöst, auf schnellen,
unaufhaltsamen Rädern hinzugleiten.
Das Französische Dampfschiff, der Minos genannt, dessen sehr zufriedene
Bewohner wir jetzt geworden waren, gab uns allerdings durch seine
ganze Einrichtung so wie durch das Benehmen der wackren Männer, denen
seine Leitung anvertraut war die volleste Veranlassung zu dieser
Zufriedenheit. Wir hatten, aus mehreren Gründen, uns nicht für den
ersten, sondern für den zweiten Platz einschreiben lassen; unsre jungen
Freunde sogar auf den dritten, der auf dem Verdeck ist. Außerdem aber,
daß die zweite Kajüte aufs Anständigste und Bequemste eingerichtet und
an ihrem Tische reichlich und vortrefflich bedient war, ließen auch
die Herren Officiere des Schiffes niemals (wie dieß wohl anderwärts
der Fall gewesen) es uns entgelten oder fühlen daß wir als »reisende
Gelehrte« uns zur billigen Mittelstraße halten mußten. Es kam uns
auch hier jene Achtung zu statten, welche die gebildeten Franzosen so
allgemein der Wissenschaft wie der Kunst bezeugen, denn der wackre
Capitän hatte kaum erfahren daß ein wissenschaftliches Interesse uns
auf dieser Reise begleitet habe, als er durch seine lebhafte Theilnahme
und Freundlichkeit bezeugte, daß er selber für dieses Interesse voll
Sinn sey. Seine Höflichkeit gegen uns gieng so weit, daß er beständig
den Lieutenant des Schiffes, einen kenntnißreichen Mann, der sich auch
als Schriftsteller über das Seewesen bekannt gemacht hat, in unsrer
Gesellschaft und zu unsrer Unterhaltung mit uns speisen ließ, während
er selber in der ersten Kajüte die Stelle des Wirthes vertrat. Auch
der Arzt des Schiffes näherte sich uns sehr freundlich und während
unsers ganzen Aufenthaltes auf dem Minos hatten nur unsre jungen
Reisegefährten zuweilen eine gerechte Klage über den Koch zu führen,
welcher diesen dritten Tisch allzusehr vernachläßigte.
Als wir am 22sten Juli des Morgens, kurz vor Sonnenaufgang herauftraten
aufs Verdeck, da bemerkten wir keine Spur mehr von der Stätte unsres
gestrigen Verweilens: von Syra. Hinter uns schon lagen die Inseln
Seriphus (Seripho) und Siphnos (Sifano); in weiter Ferne zeigten
sich am nördlichen Horizont die blaulichen Höhen von Argolis und von
der Insel Hydra, dem Wohnsitze der tapferen Seekämpfer, während der
Zeiten des letzten Befreiungskrieges; vor uns in Westen sahen wir
den mächtigen Höhenzug des Parnon im alten Laconien (Maina), den
Verkündiger jener mächtigen Kräfte die sich in der Natur des Landes
und in Spartas alten Bewohnern regten. Anfangs noch ziemlich fern,
bald aber immer näher und deutlicher erblickten wir in südöstlicher,
später in östlicher Richtung die Inseln Milo und Antimilo neben uns.
Wir hatten im weitren Verlaufe des Vormittags Gelegenheit genug den
Umriß jenes interessanten Eilandes (des alten Melos) zu betrachten, auf
welchem man dennoch, so großartig schön die zackigen Umrisse seiner
schroffen Felsenwände ins Auge fallen, nicht für immer wohnen möchte,
weil noch jetzt jene giftigen, von vulkanischem Feuer erzeugten Dämpfe
dem Boden entsteigen, durch welche dieser Geburtsort des Gottesläugners
Diagoras bei dem Alterthum berüchtigt war. Nach Plinius war die Insel,
wie selbst ihr Name Melos dieß anzudeuten schien, rund wie ein Apfel;
jene vulkanischen Erschütterungen aber, denen sie so häufig ausgesetzt
war, haben die vormaligen Umrisse des Ufers so verändert, daß sie jetzt
durch eine tief in ihr Innres hineintretende Bucht wie in zwei Hälften
getheilt ist, welche hakenförmig herauslaufen ins Meer und von denen
die südlichere hochgebirgiger ist denn die nördlichere. Vielleicht hat
zu dieser Umgestaltung eben so sehr ein neuer Anbau durch vulkanische
Kräfte, als der Einsturz des schon gebildeten Landes mitgewirkt; denn
auch die kleine Insel Antimilo, die uns als schwärzliche Felsenmasse
vor Augen lag, ist, vor noch nicht langer Zeit durch Kräfte des Feuers
gebildet worden. Milo hat, wie die meisten vulkanischen Gegenden
einen Boden, welcher der Erzeugung eines feurigen Weines und mehrerer
Südfrüchte ganz besonders günstig ist; in seinen tiefen Buchten
finden die Schiffe vor den Stürmen Schutz; das benachbarte Meer ist
reich an Fischen. Auf dieser Insel entdeckte Baron von Haller bei den
von ihm veranstalteten Ausgrabungen ein altes Amphitheater und zwei
Statuen. -- Nahe bei Milo zeigte sich uns Argentiere, das vormalige
Cimolus, das bei den Alten wegen seiner vermeintlich heilkräftigen
(Cimolischen) Erde gepriesen war; in dem ferneren Osten erhob sich das
felsige, eisenreiche Policandro (Pholegandros) dann Sikino (Sikinos)
und nur wenig deutlich das kleine Nio (Ios), das wir schon auf der
Reise von Patmos nach Syra wahrgenommen hatten. Wir warfen gerne
noch zum Abschied auf dieses Ios einen theilnehmenden Blick; dort
war, so erzählte die Sage, das Grab des Homer, dessen vermuthliche
Geburtsstätte so wie das Feld der Thaten wir gesehen hatten, welche der
alte Barde besingt.
Man hätte den ganzen Tag ohne Aufhören da stehen oder im Schatten des
ausgespannten Segeltuches sitzen und diese herrlichen Inselgruppen
beschauen mögen, die mit jeder Stunde in andrer Stellung und von neuen
Seiten sich zeigten, und im Ganzen thaten wir dieses auch so, denn wir
hielten uns nur so lange als nöthig war beim sogenannten Frühstück in
der Kajüte auf, um ja so bald als möglich wieder auf dem Schauplatze zu
seyn.
Wir bekamen schon vor Mittag einen starken Wind, nicht zum Begleiter,
sondern zum Gegner des Schiffes, denn er kam gerade daher, wo wir
hin wollten. Unser Dampfschiff gieng ihm dennoch, freilich mit etwas
langsamerem Schritte gerade entgegen, ohne des Hin- und Herkreuzens
zu bedürfen. Immer deutlicher tauchten in den Mittagsstunden die
Küstengegenden des alten Lakoniens aus der Tiefe auf; seine
Hochgebirge hatten wir schon längst im Auge gehabt. Jener südlichere
Theil des Höhenzuges, der auf dieser Fahrt den Schiffenden zugewendet
ist, war der Zarex der Alten; an der Küste, unweit den Ruinen des
vormaligen Epidaurus Limera, wo dem Aeskulap ein berühmter Tempel
geweiht war, liegt Malvasia, welches in späterer Zeit wenigstens
den Jüngern des Aeskulap zwar nicht Tempel, wohl aber Häußer bauen
half. Denn hier vornämlich wuchs jener feurige Wein, der von seinem
Geburtsort Malvasier genannt war und der durch seine verführerische
Süßigkeit manchen reichen Trinker in Europa dahin brachte daß er der
Kunst des Aeskulap zinspflichtig wurde. Die Venezianer, als sie im
Jahr 1690 Malvasia von den Türken erobert und von dort an einige Zeit
besessen hatten, waren vornämlich die Verführer dieses Weines und durch
ihn des trinklustigen Europas geworden.
Von anziehender Gestalt erschien uns, vor dem Hintergrund des höheren
Gebirges und des Meeres das Vorgebirge St. Angelo (Malea). Statt des
Haines der vormals hier den kleinen, stillen See beschattete, mag
sich freilich dort nur noch ein niedres Gebüsch erzeugen. Dennoch,
wie groß sie auch seyn möge, kann die Verändrung und Entstellung,
welche die Jahrhunderte an der Küstengegend von Malea geübt, in keinem
Vergleich stehen mit jener, welche den vormaligen Wonnesitz Cythera,
das jetzige Cerigo betroffen. Dieser Geburtsort der Liebesgöttin,
besungen im uralten, geheimnißvollen Liede, war in frühester Zeit der
Geschichte Griechenlandes eine Niederlassung der Phönizier, und durch
sie ein Ausgangspunkt der Gewerbthätigkeit so wie ein fortwährender Ort
des Begegnens zwischen den Völkern des Westens und Ostens. Auf dem
höchsten Gebirge der Insel lag der Tempel der Venus Urania, begründet
von den frühesten Einwanderern aus den Ländern des Aufganges, unter
den Tempeln von Hellas einer der ältesten und heiligsten[210]. So wie
in späterer Zeit dieses Kythera als ein Schlüssel des Peloponnesos
betrachtet war dessen Besitz die Argiver den Phöniziern, die
Lacedämonier den Argivern, jenen aber auf einige Zeit die Athener
entrissen, bis diese, beim unglücklichen Ausgang des Peloponnesischen
Krieges, die wichtige Insel den Spartanern zurückgeben mußten, so ist
es nicht unwahrscheinlich daß Kythera auch in den ältesten Zeiten
der Wanderungen der Völkerstämme aus dem gemeinsamen Geburtsland des
Ostens herüber nach Europa, eines der Thore gewesen sey, welche den
Ansiedlern den Zugang zu den wilden Wald- und Gebirgsgegenden des
Griechischen Festlandes möglich machten. Ihre Häfen waren noch in den
Zeiten der Lacedämonischen Herrschaft von solcher Wichtigkeit daß
der Zustand derselben alljährlich von obrigkeitlichen Gesandten des
Freistaates untersucht wurde; denn hieher kamen die reichbeladnen
Schiffe aus Libyen und Aegypten. Die Insel selber war damals reich
durch ihre Erzeugnisse der Viehzucht und des Landbaues; berühmt durch
ihren Wein und die getrockneten Trauben, durch Oel, Honig und Wachs
wie durch trefflichen Käse; ihre Bewohner in hohem Wohlstand durch
Handel und Fleiß der Hände. Und was ist jetzt aus diesem alten Lustsitz
der Liebesgöttin geworden? Ein ödes, rauhes Felsennest, das nur etwa
noch durch die Schwärme der Turteltauben, welche in der Herbstzeit auf
ihrem Zuge in ungeheurer Menge hieherkommen, an den Dienst der Venus
erinnert. Gleich als wollte uns auch diese Verwandlung bezeugen daß der
sinnliche Liebreiz, auch wenn er in die Gestalt des Göttlichen sich
verkleidete, ein vergänglicher sey.
Aber die Aphrodite von Cythera war ursprünglich keine bloß irdische,
sie war eine Himmlische: eine Urania. Hehr sind dennoch und anziehend
diese schön geformten Gebirge, welche nach einer Behauptung der Alten
sehr schönen Porphyr enthalten sollen, weshalb auch die Insel den
Namen der porphyrenen (Porphyrusa) geführt habe[211]. Und wie leicht
könnte sie wieder im andern Sinne eine Urania werden, wenn diese alte
Felsenwarte des Jonischen Meeres durch die Anlage einer Sternwarte
zu einem Sitz der beobachtenden Astronomie, und, wozu gerade sie die
günstigste Gelegenheit darböte, der Meteorologie geweiht würde.
So sehr man auch in einer solchen Nachbarschaft in Versuchung kommt
die Männer zu beneiden, die in einer kleinen Fischerbarke sitzend
mit günstigem Winde (von Westen her kommend) der Küste zusteuern
um dort zu verweilen, weil ja hier jedes Vorgebirge und jede Insel
Beachtenswerthes enthält, hat es dennoch auch etwas sehr Reizendes,
gleich einem Adler an den Herrlichkeiten eines Landes wie dieses ist
vorüber zu schweben, und den mächtigen Eindruck eines Gesammtbildes
derselben in die Seele aufzunehmen. Da in Norden lag jetzt, jenseit
Cythera der weite Laconische Meerbusen neben uns; vor uns die lange
Gebirgskette des Taygetos die sich zuletzt mit dem Vorgebirge Tänarium
(Matapan) ins Meer senkt. Sey uns begrüßt, dort in der bergumsäumten,
weiten Ebene in Norden du altes Vaterland der Männer, welche mit der
vollkommnen Herrschaft über die andren Glieder des Leibes auch jene
über die Zunge, dieses unbändigsten und gefahrbringendsten Gliedes zu
vereinen wußten. Dein schöner, kräftiger Strom Eurotas verschwindet
im Gebirge, und es scheint nun aus zu seyn mit seinem Laufe; nachmals
aber, bei Skirites dringt er wieder hervor ans Licht des Tages, bricht
sich die Bahn durch das enge Thal der Felsen und strömt dann weiterhin,
in dem Bette das ein sorgsamer König ihm gegraben, seine Segnungen über
das ganze Land aus: so mag auch dein kräftiges Bewegen für einige Zeit
aus dem Tagesschein der Geschichte verschwunden seyn, dennoch wird
es sich wieder Bahn machen und in gemildertem Laufe dem Ziele aller
Völkerthaten zuströmen. Denn daß noch Kraft der Männer in deinem Volke
wohnt, das bezeugte mir die Bekanntschaft mit einem deiner greisen
Helden und Landesväter, die ich in Athen machte.
Die tiefere Küstengegend am Ausfluß des Eurotas, deren fruchtbarer
Boden den Leibeignen von Sparta, den Heloten zum Anbau und Wohnorte
angewiesen war, und die Stätte des Hafens von Trinasus (Colochina)
entzogen sich durch ihre Abgelegenheit dem Auge; desto deutlicher
aber kam uns, schon in einer späteren Stunde des Tages das Vorgebirge
Tänarium zu Gesichte, dessen Felsengestade zum großen Theil ein
schwarzer Marmor bildet, welcher wie der Bundesgenosse des Eisens:
der Schleifstein von Tänarium, bei dem Alterthume in hoher Achtung
war. Hier stund vormals jener Tempel des Poseidon und bei ihm jener
Hain zu dessen Schatten der Wandrer nicht ohne Furcht und Grauen sich
nahete, denn nahe hierbei war die Höhle welche zu der Geheimstätte
der bleibenden Schatten: zum Reiche der Todten führte; hier war es wo
Herakles den kühnen Eingang wagte, als er den Cerberus aus der Wohnung
der Grabesschrecken hervorzog an das nie gesehene Licht; hier gieng
Orpheus den Weg der Hoffnung und des ungestillten Sehnens.
Die untergehende Sonne beleuchtete uns, so wie wir jetzt weiter kamen,
auch noch die Westseite des Vorgebirges, auf welche zugleich die
Dichtung der Vorzeit einen verklärenden Schein fallen lässet. Denn
dort bei Känopolis (Kaino) ward Arion durch den Delphin, den die Macht
der Töne gerührt ans Land gebracht; weiter hinan gegen Norden, auf der
Felsenklippe von Pephno (Peckno) war die Geburtsstätte der Dioskuren.
Wie ein Klang der fernen Abendglocken tönte das Rauschen der Wogen an
unserm Schiffe; der schöne Sonnabend, an den Küsten des Peloponnesus
gieng zu Ende.