Auch die Ueberreste der Bauwerke in der Nähe der Akropolis, die ich am

ersten Abend nur im Dämmerungsscheine gesehen, betrachtete ich später

genauer, beim Licht des Tages. In südöstlicher Richtung von dem schon

erwähnten Odeion des Herodes Attikus lag jenes frühere welches Perikles

nach der Form des Zeltes des Xerxes erbauen und mit einem Kuppeldach

überwölben lassen, damit das Volk, ruhend auf den amphitheatralischen

Sitzen hier die Werke der Dichter und die Aussprüche der Archonten

vernähme. Es ist nicht viel mehr als die Stätte von diesem zu seiner

Zeit schönsten Odeion auszumitteln, das schon Aristion, bei der

Belagerung der Stadt durch Sulla hatte niederbrennen lassen.

Mehr dagegen findet sich noch zu sehen auf dem südwestlich von der

Akropolis gelegnen Hügel des Museion, der einst die Tempel des Herkules

und der Artemis trug. Es stehet hier wenigstens noch großentheils

ein Werk aus der Römischen Zeit: das Denkmal jenes Philopappus, der

aus dem Geschlecht der Syrischen Herrscher entsprossen, durch Kaiser

Trajan die Würde eines Römischen Consuls empfangen hatte und in Athen

seine Tage beschloß. Von diesem Hügel aus konnten freilich, wie dies

Perikles wollte, der ihn zum öffentlichen Lustgange bestimmt hatte,

die Athenienser die Hauptstütze ihrer Macht, die Flotte in den beiden

Häfen Piräus und Phaleron sehr gut überblicken. Mit einem jedoch viel

höherem Interesse als an dem Monument des Philopappus verweilt das

Auge eines Freundes des klassischen Alterthumes an der noch jetzt

vorhandnen Rednerbühne der Pnyx, welche in den Felsen des etwas

nördlich vom Museion, westlich der Akropolis gelegnen Hügel gehauen

ist. Er gedenkt hier der Bewegungen welche das Wort der feurigen Rede

aus Demosthenes Munde hervorgerufen, so wie anderer Thaten des Wortes.

Außer und nächst den an der Akropolis verübten Barbareien hat der

Freund der Baukunst am meisten jene Verheerungen zu beklagen welche

die Werke trafen deren einzelne noch fortwährend imposante Reste unten

in der Ebene an der Südostseite der Akropolis gesehen werden. Hier

stund das Wunderwerk jenes Tempels des Olympischen Herrschers und der

andren Göttergestalten, das Pantheon von Athen. Vier Stadien betrug

der Umfang des Riesengebäudes dessen Bau schon die Pisistratiden

begonnen, Perikles und nachmals Kaiser Augustus fortgeführt, Hadrian

aber vollendet hatte. Hundert und zwanzig Säulen aus dem seltnen

Phrygischen Marmor zierten das Aeußere und nicht minder herrlich war

das Innre durch die Meisterwerke der Kunst; auf die Gebäude selber war

bis zu seiner Vollendung die Summe von 15 Millionen Thalern verwendet

worden. Seitdem Sulla, noch mehr aber Alarich, der Gothenkönig, die

Bahn gebrochen, hat sich eine ganze Fluth der Verheerungen, namentlich

über diesen Lustgarten der Künste ergossen. Jene Säulen welche noch

stehen gehören zu den schönsten aus der Korinthischen Ordnung welche

man kennt; sie sind von weißem Marmor gehauen, ihr Durchmesser beträgt

gegen sechs Fuß, die Höhe nahe zehnmal so viel; auf einigen der Säulen

ruhen noch die prachtvollen Architrave. Oben auf dem Gipfel, in der

Entablatur einer dieser Säulen hat vormals ein christlicher Einsiedler

seine Wohnung gehabt. Nicht fern von den Resten des Olympieion findet

sich das Thor oder der Triumphbogen des Kaiser Hadrian so wie die

Stätten des Aegeian und Pythion.

Der Tempel des Theseus, welcher dem Fremdling der von Westen, vom

Meere herkommt zuerst ins Auge fällt weil er an der Westseite der

Stadt stehet, ist zugleich am meisten geeignet jene hohe Achtung zu

erregen welche der alten Mutterstadt der Künste gebühret. Er ist wo

nicht das am besten, doch eines der best-erhaltenen Bauwerke seiner

Art in Griechenland; seine 34 Säulen, in Dorischer Ordnung stehen

noch aufrecht; ein großer Theil des Fries, an welchem der Kampf der

Centauren und Lapythen dargestellt ist, wird fortwährend in seiner

alten Pracht und Schönheit gesehen.

In dem Umfange der jetzigen Stadt selber zeigen sich der wohlerhaltene

achteckige Thurm oder Tempel der Winde, dessen Vitruvius erwähnt; die

Stoa des Hadrian, die am Marktplatze stehet und noch manche andre

Reste. Von jenen langen Mauern, welche an ihren Enden spitzwinklich

zulaufend nach der einen Seite den Piräus, nach der andren den Hafen

Phaleron umfaßten und mit der Stadt verbanden, zeigen sich nur wenige

undeutliche Spuren; schon Sulla ließ sie niederreißen um sich ihrer

Gesteine, bei der Belagerung der Stadt, zur Ausfüllung der Gräben zu

bedienen; die seit diesen und den vielfältigen späteren Verheerungen

übrig gebliebenen Grundlagen und Reste sind meist unter dem Ansatz

des Sandes und der Dammerde verborgen. Zweimal besuchte ich, in

Gesellschaft theurer Freunde das ostwärts von der Stadt, gegen den

Hymettusberg hin, in der halbmondförmigen Schlucht des Felsenhügels

angelegte Stadium des Herodes Attikus, welches von solchem Umfange war

daß Kaiser Hadrian in ihm das Volk mit dem Schauspiel eines Wettkampfes

vergnügen konnte, bei welchem tausend wilde Thiere die Rennbahn

betraten. Anjetzt ist die Gegend jenes alten Stadiums für viele der

Unsrigen ein Ort der wehmüthigsten Erinnerungen. Es findet sich dort

ein Gottesacker, in dessen Boden manche Seele, die uns theuer war,

das Gewand der leiblichen Hülle niedergelegt hat. Tief betrübte mich

die einfache Inschrift auf einem der neuesten Gräber: sie nannte den

Namen der Gemahlin meines theuren Freundes des Grafen Saporta und nicht

minder bewegte mich der Anblick eines andern Denkmales, es war das der

Tochter meines verehrten Savigni, die nur kurze Zeit das Glück des

geliebten, edlen Gemahles war, dem sie hieher über das Meer folgte. In

geringer Entfernung von dem Stadium so wie von dem Kirchhofe bewohnt

ein Deutscher Ansiedler das Landhaus, dessen Umgegend er mit Deutschem

Fleiße angebaut und fruchtbar gemacht hat. Seine reinliche Wohnung wird

öfters von den Landsleuten aus der Stadt besucht.

Ueberhaupt fand sich, wenigstens damals, wo ich in Athen war, in der

Stadt selber so wie in ihrer ganzen Umgegend eine so große Menge der

Landsleute, daß man öfters versucht werden konnte sich in eine Deutsche

Stadt versetzt zu wähnen. In den Gassen Bayerisches Militär, Deutsche

Handwerker, Künstler, Beamtete; dazwischen auch gar manche Müssiggänger

so wie solche Leute die aus allen Gegenden von Deutschland zusammen

gelaufen waren und welche eben so wie sie zu Hauße nicht gut gethan

auch hier es nicht thun mochten. Ein Strom, der wenn die Frühlingsregen

fallen und der Schnee im Gebirge schmilzt über Thal und Ebene sich

ergießt, pflegt eben jederzeit in seinem Wasser, das aus reinem Quelle

kam, eine Menge des Sandes und Unrathes zu führen, der von den Feldern

wieder hinweggeräumt werden muß.

Das eigentliche Volk von Athen scheint noch immer bildsam und von

kräftiger Beweglichkeit und wird gewiß, wenn es erst die alte Haut

abgestoßen hat, mitten unter den andren auf dem Wege der geistigen

Bildung weiter fortgeschrittenen Völker eine ehrenvolle Gestalt

annehmen. Wie die Juden müssen auch die Griechen einen Keim der

Hoffnung in sich führen und noch zu etwas Großem, vielleicht nahe,

Künftigem aufbehalten seyn. Denn wie unter den Insekten nur jene Mütter

den Winter überleben welche die befruchteten Keime eines künftigen

Geschlechtes in sich tragen, die andern aber sterben; so sind die

Nachkommen Israëls so wie die Griechen durch alle Wetter der Trübsale

und blutigen Ausrottungskriege gegangen, ohne ihnen zu erliegen,

während viele andre Völker unter ungleich minder schwerem Drucke ihren

Bestand, ihre Sprache und angestammte Form ganz verloren, und sich

aufgelöst haben. Daß aber die Griechen noch immer nicht aufhörten das

zu seyn was sie waren, beweist, außer der sich ziemlich treu gebliebnen

Sprache jene Physiognomie ihres ganzen Wesens, in deren Zügen sich, wie

bei äußerlich ähnlichen, wenn auch an Geist sehr unähnlichen Enkeln

und Urenkeln die Züge der Ahnen wiederholen. Unter dem Volk von Athen

(abgesehen von den höher Gebildeten, welche ohnehin keinen fremden

Maßstab zu scheuen haben) finden sich häufig die trefflichsten äußren

wie innern Anlagen mit kräftigem Fleiß und Gewerblust vereint. Der

Wohlstand der Stadt wächst durch den immer häufiger werdenden Besuch

der wohlbemittelten Fremden; das Land giebt in hinreichender Fülle sein

Gewächs; Sicherheit und Ordnung breiten ihren schirmenden Fittich über

den jungen Staat.

Unter den besuchenden Fremden, welche in den Tagen meines hiesigen

Aufenthaltes nach Athen kamen um sich an seinem Wiederauferstehen aus

der Vernichtung zu freuen, war einer, der durch sein unerwartetes

Erscheinen meinen Genuß an Athen in ganz besondrem Maße erhöhte. Es war

ein Freund und Mitgenosse der schönen, fruchtbaren Jugendjahre, die ich

an der Schule zu Weimar und nachmals in Jena verlebte: der Ritter von

Haase aus Paris, den die gelehrte Welt als einen ihrer umfassendsten,

gründlichsten Sprachforscher, namentlich im Gebiet der Griechischen

klassischen Literatur kennt und ehrt. Ich hatte durch Rudhart erfahren

daß Haase schon im Piräus sey, wo er aus Malta kommend, eine kurze

Cholera-Quarantäne aushalten müsse. Diese Quarantäne war indeß noch

kürzer geworden als man anfangs sie bestimmt hatte; ich fand den alten

Freund, den ich seit fünf und dreißig Jahren nicht mehr gesehen auf

einmal vor einer Zimmerthür des französischen Hotels stehen, das auch

mir zur Wohnung angewiesen war. Er hatte keine Ahndung davon daß ich

hier seyn könne; ich aber, da ich ihn in der Nähe wußte erkannte ihn,

weniger an den Zügen des Gesichtes als an der wohlbekannten Stellung

und Bewegung, so wie, bei dem Begrüßen, an seiner Stimme. Meine Frage:

»kennst du mich noch?« blieb zwar anfangs unbeantwortet, aber nach

wenig Augenblicken waren wir wieder, obwohl leiblich in Athen, im

Geiste beisammen in Weimar, wo zuerst in unsern Herzen der Zug der

begeisterten Theilnahme an Athens Geschichte und Thaten erwacht und

genährt worden war; der Zug, der uns jetzt beide an dem Ziele unsers

damaligen Sehnens und Strebens wieder zusammenführte.

Als Ersatz für die Feier des ersten Juny, die ich vergeblich gehofft

hatte in Athen genießen zu können wurde mir hier die frohe Feier eines

andren Tages zu Theil der für alle Bayern ein Tag des Segens ist,

weil er dem Lande ein gar großes Glück gebracht; dies war der 8te

July. Seine Majestät der König Otto verlieh mir an diesem Tage ein

ehrenvolles Erinnerungszeichen an den Erlöser, dessen Ort der Geburt,

dessen Grab ich mit schon ergrauendem Haare und mannichfacher, nun

glücklich überstandner Beschwerde besucht hatte. Möchte ich mich jenes

Ehrenzeichens in dem Sinne würdig machen können, der in seinem Namen zu

liegen scheint.

Auch der naturhistorische Verein von Athen hielt an jenem Tage eine

öffentliche Sitzung und erlaubte mir derselben als ordentliches

Mitglied beizuwohnen. Ich fand da mehrere um die Wissenschaft und

um unser vaterländisches Museum verdiente Männer, namentlich den

+Dr.+ Buros und die trefflichen Landsleute und Freunde, von

denen ich nachher noch reden werde, die beiden Leibärzte Wibmer und

+Dr.+ Röser. Außer den Männern von Fach zeigten auch andre

hiesige Gelehrte und Männer der höheren Stände ihre Theilnahme an dem

neu begründeten, für die Zukunft viel versprechenden Institut. Die

naturgeschichtliche Sammlung ist zwar erst im Entstehen, sie enthält

aber bereits einen Schatz der vielleicht bald die Aufmerksamkeit aller

Naturforscher in Europa auf sich ziehen wird: dies sind die fossilen

Ueberreste von Landthieren die sich in einer, ganz in der Nähe von

Athen vorkommenden Knochenbreccie finden. Unter diesen Ueberresten

sind manche welche bisher unbekannten Thierarten der Vorwelt angehören.

Namentlich entdeckte auch Professor Andreas Wagner zu München in einem

kleinen Stück dieser Breccie das ein Bayerischer Soldat, der bei den

Ausgrabungen mit beschäftigt gewesen war, mit sich aus Griechenland

brachte, und an unser vaterländisches Museum verkaufte, den Oberkiefer

eines Affen; mithin eines Thiergeschlechtes von welchem man noch vor

wenig Jahren meinte daß es gar nicht unter den fossilen Thieren der

Vorzeit gefunden werde, und von welchem auch wirklich bisher nur noch

äußerst wenig Spuren unter den Antiquitäten der Erdfläche bemerkt

worden sind. So öffnet Athen durch seine Ausgrabungen nach zwei Seiten

hin einen Zutritt zur Erkenntniß der inhaltsreichen Geschichte seines

Landes, und während der Freund der Kunst eine Welt, die für ihn auf

immer untergegangen schien, aus ihrem Grabe auferstehen sieht, tritt

dem Freund der Natur, auf demselben klassischen Boden eine Vorzeit

der Lebendigen entgegen, deren Kunde noch niemals zu seinen Ohren

gekommen war. Das Gebäude für das zoologische Museum und für die

Sitzungen des naturhistorischen Vereins liegt an der Nordseite der

Stadt. Leider hatte ich, da ich schon während der Sitzung von einer

Kränklichkeit befallen wurde, die mich noch an demselben Tage das

Bett zu hüten nöthigte, keine Gelegenheit Alles nach Muße zu besehen;

dagegen besuchte ich mehrere Male den westwärts von der Stadt gelegnen

botanischen Garten, welcher unter der Aufsicht des kenntnißreichen und

geschickten +Dr.+ Fraas vor wenig Jahren erst eingerichtet und auf

dem Wege eines sehr guten Gedeihens ist. Als Mitgehülfe war bei diesem

Werke ein griechischer Geistlicher, ein Bruder meines Freundes, des

Griechischen Consuls Thesee in Beirut thätig.

Mein kleines Uebelbefinden, das eine Folge der schnellen Verändrung

seyn mochte, welche in meiner bisher gewohnten Diät vor sich gieng,

als ich hieher in die Ueberfülle der Gastfreundschaft kam, verlor sich

schnell. Ich hatte aber auch einen Arzt der in noch viel andren und

schwereren Fällen als dieser war mir Hülfe und Rath würde geschafft

haben; einen Arzt dessen bloßer Anblick und dessen Nähe mir schon

Vertrauen weckten, weil er außer jener Erkenntniß der Menschennatur und

des ihr Heilsamen, die den Jüngern des Hippokrates geziemt, auch jenes

Arkanum kennt und täglich anwendet, wodurch Hippokrates zum großen

und glücklichen Arzt wurde[209]. Dieser liebe Freund und Arzt war der

Leibmedicus +Dr.+ Röser, den ich, weil er dem Hauße von Brandis

gegenüber wohnte, dort täglich sahe, der mir aber auch außerdem, so

viel seine kostbare Zeit es erlaubte, ein heitrer Führer wurde, dessen

Sinn für alles Gute und Bedeutsame empfänglich und dessen Herz immer

bereit ist von der Fülle des Selbstempfundnen reichlich mitzutheilen.

In Hinsicht auf solche geistig in Griechenland einheimische, wahrhaft

ortskundige Führer hätte ich es überhaupt zu keiner Zeit und an keinem

Orte besser treffen können als gerade damals hier in Athen. Denn

wer hätte mir Mehr und Tieferes über die ganze jetzige Stellung des

Morgenlandes zu den Ländern des Westens, über Griechenlands Gegenwart

und Hoffnungen mitzutheilen vermocht als der verehrte Forscher und

Herold »des Ostens« der geistvolle, edle Ritter von Prokesch. Er hatte

mich schon in seinen Werken auf meiner Reise begleitet und durch seine

frischen Ansichten von dem Leben und der Geschichte der Morgenländer

erfreut, jetzt kam ich zu der Quelle dieser Anschauungen selber. Auch

im anmuthigen Kreise seiner Familie und in seiner Wirksamkeit als K. K.

Oesterreichischer Gesandter fand ich ihn so anziehend und liebenswürdig

als er sich mir in seinen Schriften gezeigt hatte. Eben so lernte ich

an dem Gesandten unsers eignen Hofes, dem Herrn Grafen von Waldkirch

durch die Beweise von theilnehmender Güte und Gastfreundlichkeit welche

er mir gab, einen Mann kennen, der sich nicht nur auf die Kunde des

Landes und seines Geschäftskreises trefflich versteht, sondern auch auf

jene noch liebenswürdigere Kunst Andre zu erfreuen und theilnehmend zu

unterstützen.

In dieses Geschäft der Freundschafts-Erweisungen gegen den alten

Landsmann und Hadschi theilten sich aber noch Viele. Vor Allen zeigte

sich darinnen unermüdet der meinem Herzen vielfach theure Graf Saporta,

dem Gott alle seine mir bewiesne Liebe vergelten möge; und in das

meinem Ohre so wohllautende Conzert der freundlichen Stimmen die mich

in Athen begrüßten stimmten mehrere der hohen Offiziere und Beamteten,

namentlich die Herren v. Burkhard, v. Wehmeier und Baron von Ow; der

treffliche Leibmedicus +Dr.+ v. Wibmer, der Geheimsecretär v.

Stengel den wir als glücklichen Gemahl einer liebenswürdigen jungen

Griechin wiederfanden, und eine große Zahl der jüngeren Freunde, unter

denen ich manche meiner lieben, gewesnen Zuhörer aus Erlangen und

München antraf. In dem Hauße des schon durch frühere Bekanntschaft nahe

befreundeten Hofprediger Meier, in welchem meine jungen Reisegefährten

gastfreie Aufnahme gefunden, brachten auch wir manche stille Stunde des

innren wie äußren Ausruhens zu; mein junger Freund +Dr.+ Zehler

aus Nürnberg war erfindungsreich in allen Arten der Gefälligkeiten;

Professor Roß der gelehrte, an Geist und Herzen tüchtige Mann; der

edle Leeves und sein Freund Wenger, denen wir hier zum dritten Male

auf unsrer Reise begegneten, und so manche andre hier wohnende Fremde

trugen Alle das ihrige dazu bei um mich fühlen zu lassen daß es eine

Landsmannschaft des Geistes gebe, welche an keine politischen Gränzen

gebunden ist. An diese geistige Landsmannschaft schloß sich denn auch

mancher edle Grieche an, vornämlich der treffliche +Dr.+ Schinas,

damals Rector der Universität Athen, mit welchen ich so gerne noch mehr

und länger zusammengelebt hätte.

Im Hauße meines Freundes Brandis konnte man öfters am Abend eine

Gesellschaft der Männer finden, welche das gemeinsame Interesse an

dem Studium der Griechischen Klassiker und der Geschichte des Landes

vereint; ein fröhlicher Kreis von meist jungen Deutschen versammelte

sich auch, während der kühleren Abendstunden außen im Freien, in einer

Deutschen Gartenwirthschaft welche den Namen: zum grünen Baum führte.

Unter den vielen schönen Tagen die wir in Athen verlebten, zeichneten

sich ganz besonders die Sonntage aus. Man konnte da mit einer

Deutschen, christlichen Gemeinde sich erbauen und auf diese Weise das

höchste, oft so schmerzlich vermißte Glück des Vaterlandes genießen;

der Nachmittag und Abend wurde dann auch auf heimathliche Art mit

Freunden zugebracht. An einem dieser Sonntags-Nachmittage besuchten

wir mit der Familie des theuren Brandis und mit Freund Röser

jenseit des alten Keramikos oder der Töpfervorstadt den verödeten,

mit einzelnen Oelbäumen bepflanzten Hügel des Akademos: die Stätte

der Akademie von Athen. Es waren andre, unvergänglichere Gefäße als

die des nachbarlichen Keramikos: Gefäße der Ehre und Verherrlichung

im Haushalt der ewigen Weisheit welche hier unter den Säulenhallen

und im Schatten der hohen Platanen gebildet wurden. Hier hat Plato

gewandelt und gelehrt: der hehre Gast und Fremdling aus einer Welt,

deren sichtbare Verwirklichung eine damals noch zukünftige war; der

Prophet im Gewande der Weltweisheit, welcher den Vorschmack eines

göttlichen Glaubens und Schauens schon in dem redlich von ihm erfaßten

Werke des menschlichen Erkennens empfunden. Die beiden Arme, jener des

tiefsinnigen Sehnens des Menschengeistes nach dem lebendigen Erfassen

der ewigen Wahrheit, der sich nach oben ausstreckt, und der andre

eines göttlichen Entgegenkommens der von oben nach unten herabreichet,

sind sich in Seelen wie Platos Seele war zu allen Zeiten nahe gewesen,

und sie werden sich einst die Hände reichen zum unauflöslichen Bunde.

Auch die Stätte des Lykeions, da der große »Meister Derer welche

wissen,« Aristoteles gewandelt und gelehrt, ward von uns mit innigster

Theilnahme betrachtet.

An dem Nachmittage eines andern Sonntages machten wir uns mit der

Familie unsers theuren Brandis auf um an der Hand dieses Führers die

hehre Aussicht vom Gipfel des Pentelicon zu schauen. Wir kamen am Abend

bis zum Fuße des Berges, ruheten, während der Stunden der warmen,

schönen Sommernacht im Freien, in der Nähe einer Hütte, und waren schon

in den ersten Stunden der Frühe oben auf der Höhe. Der unbeschreiblich

schöne, klare Morgen hatte noch von dem gestern vergangenen Sabbath die

Kräfte seines Friedens geliehen; alle diese Höhen und Thäler feierten,

von der aufgehenden Sonne beleuchtet, gleich Heroën welche erst

gestern ein Werk des ewigen Ruhmes und des Heiles der Völker siegreich

vollbrachten, und welche nun festlich geschmückt neben den Altären der

Götter anbeten. Erschien doch der leichte Duft welcher dort von den

waldigen blauen Höhen von Euboea (Negropont) aufstieg selber wie der

Rauch vom Opfer des Altares und hier, nahe unter uns, lag Marathons

Schlachtfeld, auf welchem Athens Helden im blutigen Kampfe mit der

Macht der Barbaren das erste Werk der großen Thaten vollbrachten zu

denen Minervas Stadt unter den Völkern bestimmt war. Dort in Südwesten

erinnerte jede Bucht, jeder Felsenvorsprung der Insel Salamis an die

Geschichte eines zweiten großen Tagwerkes der Städtekönigin; die

Gebirge von Platäa, nur wenig weiter in Norden reden von einem dritten;

die Gegend aber dort von Eleusis bezeugt es, daß nach allem Genuß des

Ruhmes der glücklich vollbrachten Thaten, wie durch allen Glanz der

Künste und Erdenweisheit dennoch ein Sehnen in der Menschenbrust, das

stärkste von allen, ungestillt blieb, welches, bis der Morgenglanz

aufgieng, nur in der Tiefe der, Gedanken und Hoffnungen gebährenden,

Nacht seine Lindrung fand.

Der Kern des Gebirgszuges, von welchem der Pentelikon ein vereinzelter

Gipfel ist, bestehet aus Gneus, in welchem vornämlich hier der

körnige Kalkstein (weiße Marmor) in mächtigen Massen auftritt.

In dem Steinbruche des Berges fanden wir viele Arbeiter unter

sachverständigen Aufsehern beschäftigt, welche das Baumaterial zu dem

schönen, nach Gärtners Plane würdevoll sich erhebenden Königsschlosse

zurichteten, welches mitten unter Gartenanlagen auf dem herrlichsten

Hügel der Stadt angelegt ist.

Zum Besteigen des honigreichen Hymettus, im Osten der Stadt konnte ich

keine Zeit gewinnen, wohl aber brachte ich mit meinem Freund Röser an

den Ufern des Ilissus, der von jenem Gebirg entspringt und an seinem

Fuße den Lauf nimmt, einen unvergeßlichen Nachmittag zu. Wohl uns, daß

wir eine andre Begeistrung der liebenden Freundschaft kannten als jene

war an welche die in dem lieblichen Thal gelegene Stätte von Epikurs

Gärten erinnert.

Den Mittag des letzten Sonntages hatte ich im Familienkreise des

theuren Rudhart zugebracht. Es waltete mitten in den heitren Stunden

dieses letzten Beisammenseyns ein Gefühl von Wehmuth, wie es Menschen

ergreift, die auf lange Zeit sich trennen müssen. Und die Trennung

welche uns bevorstund war die längste von allen. Wir brachten auch noch

zusammen den Abend im Piräus und auf dem vom Monde beleuchteten Meere

zu; erst spät trennten wir uns um uns am andern Tage noch einmal, dann

aber niemals wieder zu sehen.

Wir hatten lange genug vergeblich auf die längst verheißene Ankunft

eines Oesterreichischen Dampfschiffes gewartet -- des ersten das die

unmittelbare Verbindung zwischen Griechenland und Triest anknüpfen

sollte; endlich mußten wir uns, wenn wir nicht noch einmal unser Glück

auf einem schlechten Segelschifflein versuchen wollten, entschließen,

nach Syra zurückzukehren um von dort mit einem Französischen

Dampfschiffe, nach Livorno zu gehen. Denn der Ausbruch der Pest in

Poros und die Furcht vor der langen, bei der Heimkehr abzuhaltenden

Quarantäne hatte gerade damals den Verkehr mit den Küsten des

Adriatischen Meeres sehr gelähmt. So rüsteten wir uns denn zur Abfahrt

mit dem gewöhnlichen Postschiff aus Syra, welches am 17ten Juli des

Abends den Piräus verlassen wollte. Noch einmal beurlaubten wir uns und

nahmen Abschied von Allen die uns das neue Athen so theuer gemacht und

verherrlicht hatten. Segen und Frieden sey mit deinen Pallästen und

Hütten, du gutes Athen; es gieng uns wohl in dir, obgleich das Heimweh

nach dem lieben Vaterlande, das zuletzt mit Macht erwachte, die Seele

gefangen nahm und unwiderstehlichen Zuges hinwegriß.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 35 / 41 段