als eingewanderter Fremdling stehet, kam uns die Gastfreundschaft
entgegen; wir wurden wie im Triumph der Liebe in das Haus des
Cabinetsrathes Brandis geführt. Ich hatte diesen theuren Freund
vor neun Jahren (im Jahr 1828) bei den neun vom Feuer der Tiefe
durchwärmten Heilquellen von Karlsbad persönlich kennen gelernt, jetzt
fand ich ihn wieder in der Nähe des »neunquelligen« (Enneakrune)
Wasserbrunnens Kallirhoë, in einem Lande in welchem sein Geist seit
Jahren sich heimathlich niedergelassen, aus dessen Tiefen und Höhen er
schon längst die reifesten, köstlichsten Früchte gesammlet so wie über
das Meer geführt hatte. Ich fand diesen glücklichen Forscher der Tiefe,
der außer den gewöhnlichen Früchten des Landes auch den »verborgenen
Schatz im Acker« gefunden mit seiner edlen, gleichgesinnten Hausfrau
und all seinen lieben Kindern, hier, im fremden Lande, vergnügt und
fröhlich; der Ungunst der äußern Wärme, wenn sie dem zarten Körper zu
heftig und feindlich werden wollte, hatte in dem kindlich treuen Herzen
die Wärme einer Liebe heilsam entgegengewirkt und das Gleichgewicht
gehalten, die dem jugendlichen Manne galt der die Seele des
neubegründeten Königreiches ist, und welcher der Liebe Aller werth ist.
Die theilnehmende Güte meines Freundes Brandis und all der Seinigen
ist mir lieblicher gewesen und erquicklicher als etwa dem durstenden
Wandrer das Wasser der Quelle Kallirhoë, denn sie war lauterer noch und
reiner als Kallirhoës Brunnen, wärmer und noch mehr von Heilkräften
durchdrungen als Karlsbads Sprudel; in diesem Hauße und mit seinen
Bewohnern lebte ich, während meines Aufenthaltes in Athen am öftersten
und meisten.
Ich war aber kaum unter dem Obdach des Freundes angekommen, da fand
mich dort die huldvolle Vorsorge auf, die mir schon über das Meer,
bis nach Beirut entgegengekommen war; die Vorsorge eines Herzens,
dessen liebstes Anliegen es ist Menschen froh und glücklich zu machen
und welches bei den Gedanken an das Wohl der Tausende, denen es zum
Herrscher bestellt ward, auch des unbedeutendsten Einzelnen nicht
vergißt. Ich sollte noch heute die Wohnung beziehen und die Pflege
derselben genießen, welche Seine Majestät, der König Otto für mich
bestimmt hatte. Für heute zog ich es vor in dem Hauße des Freundes zu
bleiben, dem ich mich schon von Syra aus als Gast angekündigt hatte;
schon für den andren Tag nahm ich jedoch das huldvolle Anerbieten des
Königlichen Gastfreundes an. Auch die Freude des Wiedersehens sparte
ich mir für den andern Tag auf.
Ein kräftiger Regen, in dieser Jahreszeit in Attika eine seltnere
Erscheinung, hatte das Land erfrischt; ich gieng, geführt von meinem
Freunde, noch am Abend durch die Stadt, hinan zu dem westlich von der
Akropolis gelegnen Hügel, auf welchem einst die Stätte der Pnyx war.
Die Stimmen der Redner welche einst hier von Dem zeugten was des Volkes
Recht und des Staates Bestes war, sind längst verstummt; doch in einer
nicht minder beredten Sprache der Gestalten und Zeichen reden diese,
von der Abenddämmrung beleuchteten Trümmer der Vorhallen und Tempel
der Akropolis von einer Würde und einer Macht des Menschengeistes,
welche, wenn sie sich selber recht erkennt und vom Aeußren zum Innren
wendet, nicht nur der einzelnen Republick sondern aller Völker Bestes
auf unvergängliche Weise zu begründen vermag. Nachdem wir nur einen
vorübergehenden Blick auf das Denkmal des Philopappus und die Stätte
des Museums gerichtet, giengen wir noch hinüber nach der Gegend in
welcher einst der Areopagus gewesen, in dessen Mitte der Apostel
Paulus dem hochgebildeten Volke der Athenienser »den unbekannten
Gott« verkündete, welchen sie unwissend verehrten. Den Gott welcher
der Menschen Geschlechtern Leben und Odem und Alles giebt, daß sie
den Herrn suchen sollten, ob sie ihn doch fühlen und finden möchten,
wiewohl er ja nicht ferne ist von einem Jeglichen unter uns. Und die
Rede des unbedeutend aussehenden Mannes, der, zum Gespött für viele
jener eingebildeten Weisen, die ihn hörten, das Gebot aussprach »Buße
zu thun,« und der von einem Unbekannten aus dem verachteten Judäa
erzählte, »den Gott von den Todten auferweckte und welcher einst den
Erdkreis richten wird mit Gerechtigkeit,« hatte dennoch in Manchem eine
andre Befriedigung gewirkt, als die der Neugier; dies bezeugten durch
ihr Beispiel Dionysius, der Areopagite und Damaris, die Erwählte.
Auch an dem Gemäuer, in welchem eine Sage vielleicht der späteren Zeit
das Gefängniß des Sokrates finden wollte, waren wir vorübergekommen und
hatten uns gefreut daß wenigstens das Andenken an den wahrhaft Weisen
von Athen noch im Herzen des Volkes lebt. Der Heimweg führte uns an der
Wohnung des Königes vorbei, welche in der jungen Anlage der Bäume und
Gesträuche gleich einem einfachen Landhauße dastehet. Sey uns gesegnet
du Haus, dessen Thore Gerechtigkeit sind und das auf den Säulen der
Liebe zu Gott und den Brüdern sicher ruhet. Du Haus, dessen Zierde
nicht ein Bildwerk von todtem Gestein, sondern das lebende Innre ist,
das deine Mauern umfassen.
Ich gieng am andern Morgen bei guter Zeit um Einiges von dem das ich
gestern nur im Scheine der Abenddämmerung gesehen bei hellem Tage zu
betrachten. Der Himmel war wolkenleer und klar, der gestrige kurze,
obwohl starke Regen hatte nur an wenig Stellen Spuren von Feuchtigkeit
hinterlassen. Ehe ich jedoch das erwähne was ich an diesem so wie in
den sechszehn darauf folgenden Tagen von dem alten Athen gesehen und
bei diesem Sehen empfunden, verweile ich zuerst noch bei Dem was mir
gleich am ersten Morgen nach meiner Ankunft das neue Athen gewährte.
Dieser erste Tag (es war der erste Juli) hat sich der Erinnerung mit
ähnlichen Empfindungen eingeprägt als etwa die eines Freundes der
Gärten sind, der einen jungen Baum in der Zeit der Blüthe sahe und der
nun, nach langer Abwesenheit, in der Mitte des Sommers ihn wiedersieht,
geziert mit seinen ersten, der Reife entgegengehenden Früchten.
Ich habe schon erwähnt mit welcher huldvollen Freundlichkeit der
König von Griechenland für mich gesorgt hatte da ich noch in Beirut
war, so wie gleich bei meiner Ankunft in seiner Stadt. Ich war früher
einer der unbedeutendsten Lehrer Sr. Majestät gewesen; dieser Prinz
hatte aber von seiner frühesten Jugend an ein treues und dankbares
Gedächtniß selbst für das Geringere und Unbedeutendere, und dieses
eben so glückliche als beglückende Gedächtniß hat ihn auch mitten
unter den Geschäften und Sorgen seines Fürstenthrones nicht verlassen.
Er empfieng mich mit jener Liebe, welche der reichste Schatz seines
Herzens ist, und von deren tief verborgenem Quell nur Die wissen welche
dieses Herz mehr und näher kennen lernten. Es ist kein Bach, welcher
weithin vernehmbar rauscht und braust, sondern welcher im stillen Laufe
die Felder und Auen tränkt durch die sein Weg gehet. Der Glanz welchen
das Selbstvertrauen um sich wirft blendet öfters, wie das Licht der
heißen Mittagssonne, und besticht das Auge des Beobachters; es giebt
aber ein Vertrauen höherer Art denn das meist so eitle Selbstvertrauen,
welches keinen blendenden Glanz um sich wirft, das aber die Schritte
eines Wandrers über gefahrvolle, steile Bahn sichrer und daurender
beleuchtet als das Selbstvertrauen. Es sind, so sprach einst ein Weiser
des Orients zu dem Erstgeborenen eines Thrones, zwei Engel, deren einen
sich der Fürst erbitten darf an dem Tage da Gott ihn zum Herrscher
weiht, der eine wird dir voran gehen und das Angesicht der Völker vor
dir beugen, der andre wird bei dir bleiben und dich leiten an seiner
Hand, daß deine Füße sicher gehen, bis zu den Thoren des Paradieses.
Erwählest du dir jenen dann siehe auf den Boden daß du nicht fällst,
denn dein Glück ist nicht bei dir sondern glänzet vor dir her und
dein Lohn erwächset aus dem Boden. Erwählst du den andern dann siehe
aufwärts, denn dein Glück ist nur in dir, dein Lohn ist nicht nahe vor
sondern ~über~ dir.
Es waren Augenblicke wie ich sie öfters in dem Naheseyn dieser
Seele genossen. Ein Gefühl des Friedens, wie dasselbe ein gutes
Gewissen, beides vor Gott und den Menschen dem Herzen verleihet, und
ein Lebensodem der Liebe zu Gott und den Brüdern gehet von jenem
Gewürzgarten aus, der in der Stille solcher Stunden welche das
Alltagslicht nicht beleuchtet, am meisten und kräftigsten seinen Duft
giebt; dem Wandrer im Garten wird es wohl dabei.
Ich trat wieder hinaus ins Freie; mein Weg um die Stadt führte mich
vorüber an einer jungen Pflanzung der Oelbäume. Dies ist der Baum womit
Athene, die gepriesene Pflegerin der Stadt die Landschaft von Athen
beglückte. Als die Göttin, mit eigner Hand, den jungen Sprößling der
Olive, den künftigen Geber des Wohlstandes hieher gesetzt hatte, da
kamen bald hernach einige Fremdlinge aus Westen und Norden: zeigt uns,
so sprachen sie, zu den Bewohnern des Landes, die Gabe der Göttin.
Und diese zeigten ihnen den jungen Baum, unscheinbar dastehend,
mit Blättern, gleich jenen des nordischen Weidenbaumes. Wir kennen
das Gewächs sprachen die Fremdlinge, den Ruhm aber seiner Früchte
und seines Holzes vernahmen wir niemals. Der Frühling war da, die
hundertblättrige Rose, die neben dem Oelbaume stund, prangte mit ihren
purpurnen Blumen; der zarte Fremdling aber prunkte nicht mit seinen
Blüthen, aus denen die Biene in stiller Freude ihren Honig nahm. Als
aber die Zeit der Früchte kam, da trug der Sprößling, den Athene über
das Meer hieher brachte, die Olive, welche zu des Landes beständigem
Nutz und Dienst war und sein Holz ward kräftiger und fester denn selbst
jenes der Eiche; die Rose aber trug nur Hagebutten und blieb ein
Gebüsch, denn mit dem Oelbaum war die Kraft und der Segen der Göttin,
in dem Rosenstrauch nur eine Kraft des von Adonis Blute gerötheten
Bodens.
An demselben Abend lernte ich auch noch die jugendliche Königin kennen,
welche ihres Gemahles wie des Landes Freude ist. Und wie sollte nicht
auch das junge Athen im Sinne des alten an einer solchen lieblichen
Erscheinung sich freuen. Die Schutzherrin des Letzteren, Pallas Athene
war heldenmüthig, kräftig und tapfer, so wie reich zugleich an
Verständniß; wo fester Wille mit Milde des erkennenden Geistes sich
vereinen, da ist das Bürgerrecht in Athen kein zufällig gekommenes,
sondern ein rechtmäßig gebührendes und angestammtes. Eine allbedenkende
Vorsorge hat in diesem Königlichen Paare den fröhlichen Gesang der
Hymnen zu der gedankenvollen Stille der dämmernden Frühe gesellt,
damit die Kraft des Gesanges durch die Stille gehoben, die stille
Morgenstunde aber durch den Gesang beredt und sprechend werde.
Dieser erste Juli sollte mir eben nach vielen Seiten ein Tag des
Wiedersehens werden. Ich fand damals auch in Athen den theuren Mann,
an dessen kräftigem, reichbegabten Geiste, an dessen redlichem,
wohlwollenden Gemüth ich mich schon im Vaterlande oft erfreut und
gestärkt hatte, Ignaz von Rudhart. Viele welche ehemals die lebendigen,
auch den trägeren Sinn der Zuhörer aufweckenden Vorträge dieses
seltnen Mannes an der Universität Würzburg hörten[203], noch ungleich
mehrere aber die ihn mit Theilnahme auf dem Wege seines öffentlichen
Wirkens bei den vaterländischen Ständeversammlungen begleiteten, haben
an ihm eine hohe Gabe der äußeren Beredsamkeit, die für Alle ist,
bewundert[204]; seine Freunde aber, die wie ich, das Glück hatten
seinem Herzen näher zu kommen, lernten an ihm noch die Gabe einer
andren, höheren Wohlredenheit kennen. Dieß war die unwiderstehliche
Beredsamkeit seines ganzen, durch und durch von warmer Liebe und Eifer
für das Rechte und Gute durchdrungenen Wesens; eine Beredsamkeit die
sich in jeder Miene, jeder Aeußerung, jeder That kund gab. Die Milde
seines Urtheiles, wenn er im Kreise vertrauter Freunde über anders,
ja feindselig Gesinnte sprach, sein bescheidnes Erwähnen der eignen
Leistungen, der ungebeugte, freudige Muth womit er in allen Hemmungen
aufrecht stund, die innre Wahrheit welche durch Alles was er that und
sprach hindurchblickte, gab den Stunden des Zusammenseyns mit Rudhart
eine Stimmung wie diese nur selten bei den Freuden des geselligen
Umganges empfunden wird. Gegen seine Freunde war er, ohne sich durch
ihre Schwächen stören zu lassen, ein aufopfernd treuer, liebevoller
Freund, seiner Familie ein Hausvater der in der Freude und dem Wohl
der Seinen seine eigne, liebste Lust und Freude fand. Rudhart war
damals, wo ich ihn in Athen traf erst seit wenig Monaten dem Rufe »zu
der obersten Stelle in der Verwaltung Griechenlandes« gefolgt und
sein Vaterland, vor allem die Bewohner jenes Bezirkes von Bayern in
welchem er seit 1831 das Amt eines Regierungs-Präsidenten verwaltete,
hatten ihn mit Schmerz hinweg ziehen sehen in das ferne Land, ahndend
vielleicht schon damals, daß sie sein Angesicht auf Erden nicht mehr
wiedersehen würden[205]. Auch mich ergriff eine bange Ahndung als ich
den theuren Freund bei meinem ersten Besuch in seinem Hauße krank im
Bette liegend fand. Und, um hier sogleich den Faden des Erzählens
über ein ganzes Jahr hinüber zu führen, das bange Vorgefühl gieng in
Erfüllung. Als Rudhart im darauf folgenden Frühling zum Vaterland
heimkehren wollte ȟberfiel ihn auf der See eine Krankheit; sie wurde
heftiger nachdem er in den Hafen eingelaufen war, und überwältigte ihn
am Gestade zu Triest (am 11ten May 1838). Den schweren Abschied von dem
Leben, das ihm durch die schätzenswerthesten Güter verschönert war, den
schwersten, von einer innig liebenden und geliebten Familie bestand er
mit der christlichen Fassung, die er nicht jetzt erst empfangen hatte.
Dem Leide über sein frühes Hinscheiden darf gegenüber die Betrachtung
stehen, daß er dem Geschick des Abnehmens, welches dem Starken härter
als dem Schwachen fällt, entrückt worden ist, und auf ihn angewandt
werden kann, was Göthe von dem im gleichen Alter hingerafften Johann
Winkelmann sagt: ~Er hat als ein Mann gelebt und ist als ein
vollständiger Mann von hinnen gegangen[206].~«
Ich habe viel und dennoch nicht Genügendes von meinem theuren Freunde
gesprochen; die Liebe hat mich reden gemacht ohne mir die Gabe des
rechten, angemessenen Ausdruckes zu geben; lebte Rudhart noch ich
hätte nicht Solches von ihm zu sagen gewagt und könnte er da jenseits
von meinen Worten wissen er würde, wie er auf Erden gethan die Schwäche
des alten Freundes mit Nachsicht ertragen. Ueber Rudhart ist viel
Unschickliches gesprochen worden von Denen im Auslande die ihn nicht
kannten; darum möge auch das vielleicht ungeschickte Wort eines Solchen
gehört werden, der ihn kannte.
Ich bin es dem Leser schuldig ihn von Dem, was zunächst mich und den
Kreis meiner persönlichen Zuneigungen angehet, hinaus zu geleiten zu
dem, wohin der Zug der Wißbegier jeden Fremdling in Athen führen würde:
zu der Betrachtung der Ueberreste einer alten Welt der Künste, deren
vormalige Hauptstadt hier war.
Wir hatten kaum von der Wohnung Besitz genommen welche eine huldvolle
Vorsorge für unser hiesiges Wohlbefinden uns bestimmt hatte, da giengen
einige von uns auf »Entdeckungen« des für unser Auge so neuen Alten
und Aeltesten aus. Damit ich jedoch meine Erzählung, welche ohnehin
nur eine Aufzählung der Namen des Gesehenen seyn kann, wenigstens im
Zusammenhange geben könne, beginne ich, ohne die Zeitfolge unsrer
Umgänge in der Stadt und ihrer Nachbarschaft sonderlich zu beachten,
mit einer Erwähnung des höchsten Punktes, der ~Akropolis~.
Der Weg führte uns durch das Agora- oder Neumarktthor, an welchem vier
alte, Dorische Säulen prangen und noch ein Markttarif aus den Zeiten
des Kaiser Hadrian gesehen wird, hinan zu dem Felsenhügel, auf dem
die Burg stehet. Im Vorübergehen warfen wir einen Blick hinab in das
Odeion des Herodes Attikus, von dem noch ein Theil der Mauern und die
in den Felsen des Hügels selber ausgehauenen Sitze vorhanden sind. Der
gewöhnlich verschlossene Zugang zur Akropolis wurde uns geöffnet; an
einem Soldatenwachthaus vorüber näherten wir uns dem vielgepriesenen
Bauwerk aus den Zeiten des Perikles: den Propyläen. Könnte Mnesikles,
der Baumeister dieser kostbaren Vorhallen, auf welche der Staat nach
unsrem Gelde nahe gegen fünf Millionen Gulden verwendet hatte, sein
Werk sehen, er würde mit Schmerz kaum den Grundgedanken wieder erkennen
der ihm bei seinem Bau vorschwebte; auf der andern Seite würde er
sich wundern daß nach alle dem was im Verlauf von zwei Jahrtausenden
über Athen kam noch so viel davon stehen bleiben konnte. Stufen von
weißem Marmor führten durch die offnen Säulenhallen, vorüber an der
Menge der hier aufgestellten Statuen und durch fünf Thore hinan zu den
höheren Theilen der Akropolis; der Fremdling welcher da hindurchgieng
fand in den Propyläen wie in den beiden, als Flügel an sie anstoßenden
Seitengebäuden einen Wettstreit aller bildenden Künste, die sich um
den Preis seines Beifalles bewarben. Noch jetzt wird der Schattenriß
der vormaligen Pracht an jenen sechs gewaltigen Marmorsäulen der
Dorischen Ordnung bemerkt, die an der Fronte sichtbar sind. Aber
diese Fronte hatte aufgehört das zu seyn was sie war, seitdem die
Hand der hier hausenden Barbaren die ganze Vorderseite durch ein grob
zusammengefügtes und dennoch festes Mauerwerk verschloß, während, wie
man meint schon in den Zeiten der Herrschaft der Fränkischen »Herzöge
von Athen« an dem einen, zur Rechten liegenden Seitenflügel der Thurm
aufgeführt wurde der mit den Propyläen selber so sonderbar kontrastirt.
Das jetzige Volk nennt ihn den Thurm des Odysseus, weil in ihm der
berüchtigte Mann der Revolution und des spätern Aufruhrs, der sich den
alten Namen Odysseus gegeben, gefangen saß und bei einem mißlungenen
Versuch zu entfliehen sich da hinab zu todt stürzte. So erfährt der
Reisende gleich bei seiner Ankunft in die Akropolis was hier seit des
Pausanias Zeiten, dessen Beschreibung er in seiner Hand oder in seinem
Haupte trägt, sich begeben hat; Pallas, die Schutzherrin war auf lange
von hinnen gezogen und hatte den später hier eingezognen Geschlechtern
nicht ihre Gedanken des Schönen und der kunstreichen Weisheit sondern
nur die alten Waffenrüstungen dagelassen, welche jedoch diese Erben
nicht, wie die Göttin gethan, zum Zerstören des Reiches der Barbarei
sondern zur Begründung und Ausbreitung desselben verwendeten. Der
jetzige Eingang in das tiefe Innre der Akropolis führt zur Rechten
der Propyläen, zwischen dem Thurm des Odysseus und dem kleinen Tempel
der »ungeflügelten Siegesgöttin« hindurch. Dieser Tempel ist, um
dieß im vorbeigehen zu erwähnen, ein Fund der neuesten Zeit gewesen;
seit mehreren Menschenaltern hatte ihn kein Reisender mehr gesehen,
da entdeckte man den größesten Theil seiner Bestandteile auf einmal
bei dem Hinwegräumen der Grundlage einer Türkischen Batterie, mit
welcher dieselben ganz überbaut waren. Wohl möchte man wünschen daß
die Türken, welche in allen Ländern ihres Reiches so Manches überbaut
haben das künftig einmal wieder an den lichten Tag kommen wird, auch
das höchste Meisterwerk welches vielleicht die Griechische Baukunst
hervorgebracht hat: den Parthenon oder Jungfrauentempel ganz überbaut
hätten. Dann hätte keine Bombe der Venezianer das Pulvermagazin zu
entzünden vermocht, welches die Türken im Innern des Tempels angelegt
hatten, in welchem vormals das Meisterwerk des Phidias, das hohe
Standbild der Minerva, aus Gold und Elfenbein bereitet in der Mitte
aller jener Kunstwerke stund, deren eines allein mehr werth gewesen
denn alle Türkischen Pulvermagazine zusammen genommen. Auch hätte kein
edler Lord Elgin einen Theil der noch übrigen Prachtwerke des Tempels
aus der Türkischen in die freilich anständigere, aber schwerer wieder
aufzulösende Englische Gefangenschaft führen können.
Das was noch jetzt vom Parthenon übrig geblieben ist und vor Augen
steht ist so vielfältig beschrieben und aufs treueste abgebildet
worden, daß es ein nutzloser Versuch seyn würde die Aufmerksamkeit
des Lesers durch eine neue, ohnehin nur Umrisse gebende Beschreibung
fest halten zu wollen. Wie Herkules, als kräftiger, aber keineswegs
idealisch schöner Mann, neben dem Bilde eines jugendlichen Apolls, dem
Verein aller Reize einer göttlichen Jugend, so würde sich vielleicht
selbst die riesenhafte Tempelburg von Baalbeck neben dem Parthenon
ausnehmen, wenn beide noch unzerstört da stünden. Bis zum Jahr 1687
hatte sich dieses vollendetste Bauwerk der Blüthenzeit Athens noch
großentheils unzerstört erhalten.
Wir wandelten oben auf der Höhe des Parthenon. Hier, wie an andern
jetzt wieder frei gewordnen Punkten der Akropolis hat man einen
Ueberblick über Athen und seine Umgegend, vom Gebirge bis zum Meere und
seinen nachbarlichen Inseln, der sein Bild auf unvergeßliche Weise der
Erinnerung einprägt. Denn es ist die große, lebenskräftige Geschichte
des Landes und seiner vormaligen Bewohner, welche diesem Bilde eine
Lebhaftigkeit der Farben verleihet, die keine Zeit zu verlöschen
vermag. Dort in Westen Salamis, und die Denkzeichen an Athens äußre
Herrschermacht, hier näher gegen Norden, fast neben dem Hügel von
Kolonos heiligem Haine, die Stätten der Akademie und des Lyceums wo
Plato, Aristoteles und Theophrast die Lehren der Weisheit verkündeten;
da in Osten die Gegend von Sokrates kleinem Geburtsort und freilich
auch, fast in derselben Richtung, an dem nun fast versiegten Ilissus,
die Stätte von Epikurs Zaubergärten des Sinnentaumels.
Einen sonderbaren Eindruck macht auf den ersten Blick ein andres
Tempelgebäude das sich im Raume der Akropolis findet: das Erechteion.
Wie ein großer Meister der Tonkunst scheinbare Dissonanzen zu einer
entzückenden Harmonie verschmilzt, so hat hier der Geist der Kunst
scheinbar unsymmetrische Gebäudemassen zu einem Ganzen vereint,
welches in wundervoller Herrlichkeit dastehet. Die Säulenhalle auf
der Morgenseite; die Wand mit Fenstern in Westen, unter welcher zwei
kleine Thüren zu unterirdischen Räumen führen; in Norden eine über das
gewöhnliche Maaß vorspringende Halle, mit einer herrlich verzierten,
blinden Thüre, in Süden eine andre vormals von sechs Karyatiden
(Bildern der anmuthigen Jungfräulichkeit) getragene Halle, diese
Theile, deren keiner dem andern gleicht, bilden das mit einer Fülle
der halberhabenen Arbeiten gezierte Aeußere des Erechteions. Drei der
Karyatiden stehen noch aufrecht; eine lag gefallen am Boden, eine, in
Gesellschaft einer Ecksäule des Tempels entführte Lord Elgin in das
Britische Museum, die sechste, von Thorwaldsen kunstreich ergänzt,
stehet in der reichen Sammlung des Römischen Vatikans.
Vom südlichen Rande der Akropolis beschaueten wir noch, wenigstens die
Stätte an welcher vormals das dem Dionysos geweihte, bis auf wenige
Spuren verschwundne Haupttheater, zu den Füßen des Parthenons, am
Abhange des Felsen stund. Dieses Gebäude wurde von den Kunstkennern des
Alterthumes als das schönste seiner Art gepriesen. Es war durch eine
Mauer mit der Akropolis verbunden.
* * * * *
Mit besondrer Freude sahen wir die seit etlichen Jahren begonnenen
und mit zwar sparsam zugemessenen Mitteln doch mit desto größerer
Umsicht fortgesetzten Arbeiten der Ausgrabungen und der Restaurationen
der Trümmer der Akropolis. Wie es gelungen ist, den kleinen Tempel
der Nike apteros, dessen Bestandtheile freilich noch großentheils
vorhanden waren, wieder herzustellen, so daß er eine Lust der Augen
für jeden Freund der Baukunst ist, und wie man Hoffnung schöpfen
darf daß auch der noch daran fehlende Fries des östlichen Portikus,
aus dem Brittischen Museum, wohin er durch Lord Elgin geführt ward,
einst wieder kommen werde[207], so erregt selbst Das, was bisher zur
Restauration des Erechteion und des Parthenon mit glücklichem Erfolg
geschehen, die Erwartung daß ein kommendes Zeitalter wenigstens die
Gehäuße worinnen die Meisterwerke der großen Kunst der Griechen
verwahrt waren von neuem auferstanden sehen werde. Möge dann auch
ein Segen der auf das Land und seine Verwaltung kam einen neuen
Opisthodomus bei der Akropolis oder wo sonst in Athen nach seinem
Maaße eben so reichlich ausstatten als in den Zeiten des blühendsten
Wohlstandes jenes Schatzhaus dies war, das als Hintergebäude an den
Parthenon sich anschloß[208].