Uns war es in Syra recht wohl geworden. Bei dem guten Hildner

hatten wir eine Hausordnung gefunden, welche in allen Stücken der

unsrigen, in der Heimath glich; am Morgen sucht zuerst die Seele die

Strahlen ihrer Sonne auf, von der sie Wärme, Licht und Belebung nimmt,

dann macht sie sich auf zum Tagwerk welches ihr obliegt. Dem Leibe

widerfährt die nöthige Pflege und Wartung, doch also daß er nicht

beschwert und durch ihn auch die Seele gehemmt wird; am Mittage wie

am Abend erfreut man sich im Beisammenseyn und traulichen Gespräch

mit den Freunden. Das kleine, stille Haus, im Gärtlein der blühenden

Rosen, welches unser Freund Sandersky mit seiner lieblich blühenden

Neuvermählten bewohnte, nahm uns manche Stunde in seinen Frieden auf,

der ein unveränderlich bleibender ist, weil er aus einem andren als nur

äußerem Quell kommt. Mit dem trefflichen Robertson knüpften wir außer

dem innersten Bande des Wechselverkehres der Herzen auch noch ein mehr

äußeres des wissenschaftlichen Verkehres an, denn dieser vielseitig

gebildete Gelehrte hat namentlich auch sehr tüchtige Kenntnisse in der

Naturgeschichte und theilte uns aus seiner reichen Conchyliensammlung

sehr schätzbare Gegenstände für die unsrige mit. Mit ihm und seiner

liebenswürdigen Familie brachten wir manche gute, schöne Stunde zu.

Und wo wäre ein Tag vergangen an dem uns der gutherzige Herr Erlacher

nicht neue Beweise von seiner aufopfernd treuen Liebe und unermüdlichen

Gefälligkeit gegeben hätte! So hätten wir Anlockungen genug gehabt für

eine Verlängerung des Aufenthaltes in Syra; ein Zug aber war dennoch

mächtiger, das war der nach Athen und dann noch weiter zur Heimath; wir

unterließen es deshalb nicht gleich vom ersten Tage unsers Austrittes

aus der Quarantäne an, uns nach einer guten Schiffsgelegenheit für

Athen umzusehen.

Nach den bisherigen Erfahrungen die wir im Glück der Segelschifffahrt

gemacht hatten war es uns nicht zu verdenken daß wir hier, auf der

Bahn der Dampfschiffe lieber mit einem von diesen weiter gegangen

wären. Leider war aber das Französische Dampfschiff welches den Weg

von Syra nach Athen macht noch vor unserm Austritt aus der Quarantäne

dorthin abgegangen und die Hoffnung auf die Ankunft eines schon längst

erwarteten Oesterreichischen Dampfschiffes, die uns, während der ganzen

Zeit unsers Aufenthaltes in Griechenland als ein angenehmes, für

diesmal jedoch täuschendes Traumbild vorschwebte, wollte auch nicht in

Erfüllung gehen; es blieb uns deshalb zuletzt doch keine andre Wahl als

die abermalige eines Segelschiffes.

Das Griechische Fahrzeug auf welchem wir Freitags den 29sten Juni kurz

vor Mittag aus dem Hafen von Syra abfuhren war das kleinste von allen

denen wir uns und »unser Glück« auf dieser ganzen Reise anvertraut

hatten. Es glich an Größe kaum einem jener besseren Segelschifflein

die man auf unsren kleineren Deutschen Landseen antrifft, hatte keine

eigentliche Kajüte, noch weniger eine Küche, und auf seinem Verdeck

war nur eben so viel Raum daß wir acht (Herr Homer und der andre junge

Grieche waren in Syra zurückgeblieben) so wie die drei Schiffsleute mit

ihrem kleinen Knaben darauf ziemlich enge gedrängt sitzen und selbst

zur Noth liegen konnten. Die schlecht verwahrten Krüge mit Vitriolöl

welche der Schiffsmann außer seinen andern Sachen laden wollte, wurden

zum Glück von unserm Freund Erlacher noch zur rechten Zeit bemerkt, und

dieser drang darauf daß jene gefahrdrohende Waare, da keine Zeit mehr

war sie besser zu verpacken, aus dem Fahrzeug entfernt würde.

Ein kräftiger Wind, der jedoch endlich einmal nicht mehr aus Westen,

sondern fast aus Norden kam und deshalb, als Seitenwind, die Fahrt

begünstigte, schwellte das kleine Segel unsers Schiffleins und führte

uns schnell zum Hafen hinaus. Zugleich aber nöthigte er uns, da wir

im freien Meere waren, die Fahrt nicht wie gewöhnlich um die Nord-

sondern um die Ost- und Südseite der Insel zu machen. Doch dieser

kleine Umweg wurde mit dem frischen Winde so schnell zurückgelegt, und

die nahe Aussicht auf das großartige, durch tiefe Schluchten getheilte

Felsengebäu von Syra, so wie auf Delos, dann der Fernblick auf die

Gebirge des in Süden gelegnen Paros und Antiparos gewährten dem Auge

so viel Unterhaltung, daß wir selber fröhlich wie die Cormorane, die

neben uns flogen und schwammen, über die Wogen hinschwebten. Etwas

anders wurde es uns freilich zu Muthe, da wir jetzt aus dem Schutz der

Insel heraustraten ins freiere Meer, wo der Nordwind ungehemmt auf

unser Schiff traf. Dieses legte sich zur Seite, so daß man nicht ohne

sich am Mastbaum anzuhalten aufrecht stehen konnte, dazu spritzten die

Wellen häufig über den erhobenen Rand des Fahrzeuges herein. Wir hatten

freilich hier gar Manches vor Augen, was uns über den schiefen Gang

unsers Schiffleins und seine Kleinheit hätte trösten können. Denn so

klein es auch war, blieb es doch immer noch ein Riesengebäu gegen jene

Kiste in welcher der Held Perseus in Gesellschaft seiner Mutter Danaë

dort an die Felseninsel, die wir erst südwestlich dann in Süden neben

uns liegen sahen, glücklich hinanschwamm. Denn hier war Seriphus, das

Eiland, welches mitten in seinen gähen, wilden Gebirgen den Reichthum

des magnetischen Eisens und selbst die Gaben der Felder und Weinberge

darbot, weil die versteinernde Kraft des Medusenhauptes in der Hand

des Perseus mit dem König Polydektes zugleich nur die hochstrebenden

Häupter, nicht die bescheidene Tiefe der Insel traf. In malerischer

Schönheit erhub sich, wie ein vereinsamter, grünender Berg selbst die

kleine Felseninsel Serpho Pulo (?) und konnte in Seelen, welche die

Stille lieben, das Sehnen erwecken, dort einmal mit einigen andern

gleichgesinnten Seelen Monate, ja Jahre lang zu leben und das niedliche

Eiland in einen grünenden Lustwald umzuwandeln. Aber so schön auch

der Anblick in die Ferne war und so klar und heiter der hohe blaue

Himmel über das Meer und seine Inseln sich wölbte; so stieg doch in

der Nähe, in dem kleinen Raume des Hauptes selber das trübende Gewölk

der Seekrankheit und ihres Schwindels auf. Das Beispiel von übler

Vorbedeutung war diesmal von der Jugend, von dem kleinen, vorher so

muntren Schiffsjungen ausgegangen und hatte sich, wenigstens zum Theil,

aufs Alter fortgepflanzt. Da wir aber bald nachher in den Schutz der

hochbergigen Insel Thermia (Kythnos) kamen wurde das Meer so still und

der Wind so unmerklich daß wir nur noch das Vergnügen, nicht mehr die

Beschwerden der kleinen, günstigen Seefahrt empfanden.

Unser Fahrzeug kam so nahe an das Ufer des mit warmen Heilquellen

gesegneten Thermia hin, daß wir meinten der Schiffsmann wolle hier vor

Anker gehen. Das Geläute einer Abendglocke tönte über das Meer her;

wir hätten gern auf dem sichren Boden des Landes übernachtet, denn

der abnehmende Mond, wenige Tage vor dem Neumond, der erst in den

Morgenstunden aufgieng, konnte bei der nächtlichen Fahrt uns wenig

Erleichterung gewähren. Der Bootsmann aber versicherte uns daß es keine

Gefahr habe, denn er und seine Gefährten wüßten noch besser Bescheid

auf dem Meere als auf dem Boden der Insel und der Wind werde bald sich

legen. Daß er hierin recht gehabt erfuhren wir bald, als wir aus dem

Schirm der Berge wieder hinauskamen auf das freiere Meer, denn die Luft

wie die Wogen waren nach Sonnenuntergang ruhiger geworden; das Schiff

stund wieder fast gerade aufrecht und glitt, auch von dem schwächeren

Winde in seinem Laufe begünstigt, sanfter über die vom Sternenlicht

beleuchteten Wogen. Wir genossen auf unserem Verdecke, angeweht von dem

erfrischenden Nordwind, des ruhigsten Schlafes.

Doch wer hätte hier, in diesem Lande auch nur eine Stunde des hellen

Tages verschlafen mögen; in dem Lande wo jeder Berg und jedes Thal

Erinnerungen an jene Stunden der Jünglingsjahre aufrufet, welche aus

der Geschichte Griechenlands und seiner Thaten die Nahrung einer

Begeisterung nahmen die noch den ergrauenden Mann auf dem Wege des

wissenschaftlichen Forschens und des Denkens nach seinem Maaße kräftig

macht und erhält. Der Tag fieng kaum an zu dämmern da erhub ich mich

vom Lager und gieng auf die vergnügliche Wandrung der Augen aus.

Hinter uns schon, fast in Osten, zeigte sich noch die vormals wegen

ihrer Naturfülle gepriesene Insel Ceos, deren Fruchtbarkeit auch in

andern Erzeugungen groß war als in denen der Felder, denn auf ihr

waren namentlich die Dichter Simonides und Bacchylides geboren. Fern

in Norden erhub sich, wie ein blauliches Gewölk das hohe Gebirge Oche

(jetzt St. Elias) an der Südspitze von Euböa (Negropont) aus den

Fluthen; ein bedeutungsvoller Denk- und Gränzstein in Griechenlands

älterer Geschichte, denn an dem Felsenfuß jenes Gebirges, der sich

als Landspitze von Kaphareus (Capo doro) ins Meer herabstreckt und an

den Klippen die weiterhin an der Nordostseite der Insel stehen, brach

sich zuerst das Ungewitter der Barbarenmacht, welches Griechenlands

geistigem Streben den Untergang drohte. Dort ward ein Theil der

Persischen Seemacht vom Sturm zerschmettert; ein Vorzeigen jenes Endes,

das bald nachher bei Salamis fast die ganze Flotte ereilte. Aber auch

Agamemnons, des besungenen Königes Schiffe, fanden bei der siegreichen

Heimkehr von Troja an jener Felsenküste ihren Untergang. -- Der

Morgen erglänzte heller; er beleuchtete uns das nahe vor uns liegende

Vorgebirge von Sunium (Capo Colonni), an welchem, in dem ansehnlichen

Demos von Sunium ein berühmter Tempel der Athene stund. Auch bei dem

alten Namen jenes Vorgebirges tönte, wie ein Gesang aus dem Walde,

manche durch die Gefühle der Jünglingsjahre belebte Erinnerung mit.

Die Sonne trat herauf über die dunkelgrünen Höhen; wir hatten Sunium

umschifft, da erhub sich, zur großen Begünstigung unsrer Fahrt ein

frischer Ostwind. Und siehe dort lag Aegina die Insel vor uns, die

alte Pflegerin der Künste, die Ernährerin eines vielthätigen Volkes

das mit den Ameisen nicht nur den alten Namen sondern die sinnige

Geschäftigkeit gemeinsam hatte. Auch Salamis trat nun deutlicher ins

Auge, und anfangs kaum für uns erkennbar, schied sich allmälig die

Akropolis von Athen als bestimmte Gestaltung aus den blaulichen Massen

der Berge und der Ebene. Fast zu gleicher Zeit sahen wir dann auch den

Wald der Mastbäume und die mächtigen Linienschiffe, welche gerade

um diese Zeit England und Frankreich im Hafen des Piräus und in der

Meerenge bei Salamis vor Anker liegen hatten. Zu jenen vorragenderen

Gebäuden des Gewässers waren eine Menge andre von mittlerer Größe, so

wie kleinere gesellt.

Die neuere Kunde des Schiffbaues und der Seefahrt thut wohl wenn sie

wie vormals die Bewohner Griechenlands nach Delos ihre Wallfahrten,

hier an diese Stätte die ausgezeichnetsten Repräsentanten ihrer Macht

und Geschicklichkeit sendet; denn das was dort bei Salamis durch

die Kunst des Seegefechtes errungen ward, ist für die Geschichte

aller gebildeten Völker werthvoller und wichtiger gewesen als jede

Silberflotte des Atlantischen Meeres, oder als irgend ein goldreiches

Land und großer Handelsgewinn: es war der Sieg des geistigen

Verständnisses der Menschennatur über den nur leiblich mächtigen

Unverstand.

Bald nach zehn Uhr stiegen wir im Piräus ans Land. Wer diesen Hafen

noch vor wenig Jahren gesehen und sein damaliges Bild treulich ins

Gedächtniß gefaßt hätte, der würde freilich diese stattlichen und

prachtvollen Gebäude, die breiten, wohlangelegten Gassen und das

muntre Gedränge der Menschen mit noch andern Augen betrachten als der

Fremdling, welcher sich der schon hoch aufgewachsnen Pflanzung des

neuen Friedensreiches freuen darf ohne den wüsten Acker, auf dem sie

gedeiht, jemals vorher gesehen zu haben. Als Lord Strangfort im Jahr

1821 hier im Piräus landete, da stunden nur einzelne elende Hütten

und Türkische Wachtposten da; er selbst, der edle Lord wurde zwar von

dem damaligen Türkischen Pascha von Athen zu Pferde nach der Stadt

abgeholt, seine Gemahlin aber mußte es sich gefallen lassen in einem

schwerfälligen Korbwagen, -- dem einzigen Fuhrwerk das in der Gegend

aufzutreiben gewesen, auf dem schlechten, steinigen Wege nachgeschleppt

zu werden. Jetzt ist die Vorstadt des Piräus an Schönheit und Wohlstand

der Bewohner jeder der schöneren Mittelstädte unsres Vaterlandes zu

vergleichen; zwischen ihr und dem anderthalb Stunden entfernten Athen

bildet eine gute, mit Bäumen bepflanzte Kunststraße die Verbindung;

fast zu jeder Stunde stehen Miethkutschen und Gesellschaftswägen bereit

um die Einheimischen wie die Fremden hinein zur Hauptstadt zu geleiten.

Wir suchten den liebevollen Freund aller Deutschen Reisenden, den Herrn

Apotheker Mahn auf, um ihn zu bitten daß er unsre Sachen in seinem

Hauße aufbewahren möge bis zu unsrer Abreise. Der gütige Mann, der noch

keinen von uns jemals gesehen und gekannt hatte, that viel mehr als

wir begehrten, er ließ das Ausladen unsrer Schiffsgüter besorgen und

nahm nicht bloß diese in sein Haus auf, sondern nöthigte auch uns in

demselben abzusteigen.

So gut es uns hier im Piräus bei dem wohlwollenden und

wohlunterrichteten Landsmann ergieng, hatten doch die Meisten

von uns ein lebhaftes Verlangen noch heute nach Athen zu kommen.

Einige der jungen Freunde waren vorausgeritten; ich mit den beiden

Reisegefährtinnen fuhr bald darauf ihnen nach. Und da stunden sie,

hell beleuchtet vom Glanze der Nachmittagssonne nahe vor mir, die noch

übrigen Herrlichkeiten des alten, geistig mächtigen Athens: die hehre

Akropolis, der untadelich schöne Tempel des Theseus und sonst manche

Trümmer welche mein Auge damals noch nicht zu unterscheiden wußte.

Zwar die Gefühle und Gedanken die mich bei diesem Anblick ergriffen

waren wieder von andrer Art als jene, die mich bewegten als ich den

Thoren von Jerusalem mich nahete, aber auch sie waren von mächtig

erhebender Kraft und beide stunden in harmonischem Einklang. Denn es

sind zwei Wege auf denen die unvergänglichen Elemente des geistigen

Lebens der Völker hervorkamen und das leibliche Wesen durchdrangen;

der eine führte von oben, von dem Einen herab zu den Vielen, der

andre nahm seine Richtung von unten nach oben, von den Vielen zu dem

Einen. Zwar das Hinausdrängen der Pflanze aus dem Dunkel des warmen,

feuchten Bodens, nach einem belebenden, bekräftigenden Einfluß wäre

fruchtlos, käme nicht eine Sonne herauf die ihre Strahlen hinunter in

die Welt des Dunkels senkt; aber auch jenes Ringen der Creatur ist

für das erkennende Auge von hoher Bedeutung. Die Geschichte der alten

Welt zeigt uns vornämlich zwei Punkte und Städte der Erde an denen die

beiden Bewegungen, jene von göttlicher und die von menschlicher Art

recht sichtbarlich in das geistige Wesen der Menschennatur eingriffen;

der eine dieser Punkte ist Jerusalem, der andre ist Athen. Jerusalem

ist die Hauptstadt der Offenbarungen Gottes und dieses Vorrecht kann

ihr auch im entferntesten nicht durch irgend eine andre Stadt der

Erde streitig gemacht werden; sie ist in ihrer Art und Bestimmung die

Eine, der keine andre gleich stehet, denn in ihr hat sich das ewig

Eine, von welchem alles geistige Leben ausgehet und zu welchem es sich

hinringen will, mit erbarmender Liebe herabgesenkt zu dem menschlichen

Hoffen und Sehnen; dort ist die Sonne aufgegangen zu deren Strahl der

Pflanzenkeim sich hinausdrängt. Bei Athen zwar ist der Vorrang, der ihr

über die vielen andern Glanzpunkte von verwandter Art gebühret, welche

in der Geschichte der Völker erschienen, kein so ungetheilter und

unbestrittener, aber dennoch ist und bleibt er ein entschiedener. Das

augenfälligste jener Werke welche Athen in seiner Blüthenzeit sichtbar

hingestellt hatte waren die Propyläen: die Vorhallen zu dem Tempel,

in welchem die Weisheit in abbildlich-symbolischer Gestalt verehrt

ward. Der Fremdling aus fernem Lande, wenn er der Stadt sich nahete,

erblickte vor allem die hoch auf dem Felsenberg begründeten Propyläen

und noch jetzt fallen die Reste dieses herrlichen Bauwerkes schon aus

weiter Ferne ins Auge. Und mit Recht hatte die kunstmächtige Stadt

diese Säulenhallen als ein weithin sichtbares Panier ihrer geistigen

Herrscherkraft auf das Haupt ihres Burghügels aufgepflanzt, denn es

war darinnen am bedeutungsvollesten das ausgesprochen was das Vorrecht

und die Bestimmung Athens vor andren Städten der Erde gewesen, eine

Vorhalle zu werden durch welche das menschliche Erkennen und künstliche

Vermögen, wenn es nur redlich dem bewegenden Zuge treu bleibet, sich

annahet dem Erkennen und Neues schaffenden Vermögen einer göttlichen

Weisheit.

Mein Auge suchte, im Norden der Stadt jenen verödeten Hügel da Plato

gelehrt und jenseits, etwa in Osten desselben die Stätte jenes Demos

in welchem Sokrates geboren ward. Die Weisheit wie die Kunst in

Attika's Hauptstadt, so lange in beiden der Zug kräftig blieb der nach

dem Einen gehet welches des Forschens Ende und Ziel des Erkennens

ist; nach dem Einen, ewig Schönen, welches die Kunst der rechten Art

meinet und ahndet, auch ohne seinen Namen zu kennen, waren beide

auf dem Wege nach jenem Punkt des Begegnens an welchem der Strahl,

der von oben kommt das Menschliche mit den Kräften des Göttlichen

durchdringt. Griechenlands geistige Macht vergieng wie ein Rauch, als

ein selbstsüchtiger Sinn, welcher nicht mehr wollte und suchte das was

oben, sondern jenes was unten, was Schein und Lüge ist, auf die Flamme,

deren Kraft nach oben steiget, drückte und diese erstickte.

So hatten jene beiden Völker ein ähnliches Schicksal denen die

wichtigste Botschaft an die ganze Zukunft unsres Geschlechtes

anvertraut war und welche vormals die Inhaber der beiden höchsten

Kleinodien des Menschengeistes: der Offenbarung des Geistigen und des

begeisterten Sehnens nach dem Lichte gewesen. Judäas erwähltes Volk

versank in das tiefste Elend, weil es den Weg des Erbarmens, der von

oben her zu ihm gerichtet war, verkannte und von ihm sich feindlich

hinweg wendete; Griechenlands vorhin so hoch gestelltes Volk stürzte

in den Staub weil es die Richtung seines geistigen Bestrebens die

nach oben führte verließ, weil es mit der Liebe zum Lichte zugleich

das Suchen nach ihm, worin seine Bestimmung lag, aufgab. Es sind für

beide die Heilmittel bereit, das eine ist das gläubige Hören der

Stimme, das andre das gläubige Erkennen der Wahrheit; wenn einst diese

Heilmittel in ihrer göttlichen Kraft die beiden Angeln der Thüre des

Ostens erfassen und bewegen werden, dann wird diese seit Jahrhunderten

verschossene Thüre sich wieder aufthun und aus ihr hervorgehen das

Licht und Leben eines neuen, besseren Tages der Geschichte der Völker.

Und sollte nicht der Freund dieser Geschichte, der auf den endlichen

Sieg des Geistigen und Besseren hofft, in dem neuesten Schicksale

Griechenlands, in den ersten Regungen seines Wiedererwachens ein

Vorzeichen der besseren Zukunft erblicken; ist nicht namentlich

das Auferstehen Athens aus seiner Asche ein Beweis daß in unsrer

merkwürdigen Zeit auch dürre Todtengebeine mögen wieder mit Fleisch und

Adern bekleidet und lebendig werden? Ich trauete kaum meinen eignen

Augen da ich vor mir das jetzige Athen, mit seinen vielen stattlichen,

ja prächtigen Gebäuden und seinen zum Theil schon vollendeten

Gassen sahe. Stünden nicht mitten unter den schönen Häußern des neu

auflebenden Athens noch einzelne Hütten des alten, man würde kaum den

Beschreibungen trauen die uns viele glaubwürdige Reisende von dem

Zustande des vormaligen Lieblingssitzes der kunstreichen Athene gaben,

wie derselbe noch unmittelbar vor der Griechischen Revolution war. Ich

halte es, gerade hier, am Eingange meiner Betrachtung des Jetzigen und

Neuen für gut eine dieser Beschreibungen voranzusenden; es ist die des

Engländers Walsh, der im Anfang des Jahrs 1821 mit Lord Strangfort auf

dem Cambrian hier anlandete und die Stadt Minervas besuchte[202].

Um ein beiläufiges Bild von dem damaligen Athen zu haben denke man

sich eine Stadt in welcher weder eigentliche Straßen noch wahrhaft

städtische ~Häußer~ zu sehen waren; einen Raum von zwei

englischen Meilen im Umfange, mit einer armseligen Lehmmauer eingefaßt,

darinnen ein parthieenweises Gehäufe von Hütten, durch das sich einige

krumme, schmutzige Gäßchen hindurchwanden, welche nicht halb so breit

und so hübsch waren als das des elendesten Fischerortes in England. Zu

beiden Seiten dieser dunklen Gäßchen fanden sich baufällige Mauern, an

denen sich Thorwege wie Gefängnißthüren zeigten, mit eisernen Nägeln

beschlagen und mit eisernen Ketten verschlossen; dabei herrschte eine

Menschenleere und Stille, welche nur durch das widerliche Gebell eines

wilden Hundes, oder durch das Gerassel unterbrochen ward, das ein Türke

beim Auf- und Zuschließen seiner Hausthür mit der eisernen Thorkette

machte.

Die Zahl der sogenannten Häußer oder großentheils Hütten wurde damals

auf 1500 angegeben, davon zwei Drittel den Griechen gehörten; die

Menge der Unterdrückten gegen die Unterdrücker war mithin groß genug.

Vielleicht war es ein Trost daß die armen Erniedrigten so Viele um sich

sahen, welche das gleiche Loos traf, denn der Anblick der damaligen

Demüthigung der Stadt und ihrer Bewohner betrübte den theilnehmenden

Reisenden fast auf jedem seiner Schritte. So fand Walsh am Tempel des

Theseus, dem wohl erhaltensten Bauwerke des alten, klassischen Athens

einige arme Griechen, welche unter Aufsicht zweier Türken Darmsaiten

machten. Die faulenden, furchtbar stinkenden Därme wurden an den

Marmorsäulen und Getäfel abgestrichen und von den an ihnen haftenden

Fasern und Darmzotten gereinigt, so daß der herrliche Tempel als der

Gegenstand des höchsten Eckels erschien. Die Türkischen Fabrikherren

kommandirten aus einiger Entfernung (um sich nicht zu verunreinigen)

die Griechischen Arbeiter, die mit sclavischer Unterwürfigkeit den

Worten und Winken ihrer Herren gehorchten. »Dieß war,« so fügt Walsh

hinzu, »der Zustand der Athener in ihrer eignen Stadt; dieß war die

Anwendung, welche sie von ihrem vollkommensten und schönsten Tempel

machten.« Wir lassen unsren Engländer noch einige Worte weiter sagen

über das damalige Athen, die uns vielleicht auch den innren Zustand

der Entmuthigung und Entgeistrung, der über seine Bewohner gekommen

war, etwas deutlicher vor Augen stellen können. Auch der Tempel der

Winde, so fährt er in seiner Erzählung fort, diente zu einem ganz

besondren Gebrauche: er war ein Tanzboden der im Kreise sich drehenden

Derwische. Besser war schon die sogenannte Laterne des Demosthenes

benutzt, denn hier hatte ein alter, freundlicher Franziskaner, der

Pater Paolo seine kleine Bibliothek und daneben sein Schlafzimmer

angelegt. Dieser Pater Paolo gab kurz hernach, in den Zeiten des

Befreiungskrieges ganz besondre Beweise von Geistesgegenwart und Muth.

Damals stack jene Furcht, welche die Mütter schon ihren kleinsten

Kindern einflösten, wenn sie ihnen zuriefen: »es kommt ein Türk« noch

so tief in den Griechen, daß dieselben, obgleich sie jetzt mit Waffen

versehen und an Zahl den Feinden überlegen waren, schon die Flucht

ergriffen, als einstmals nur ein Thor der Akropolis (in welche die

Türken sich zurückgezogen hatten) sich aufthat, und ein kleiner Haufe

von Negersclaven mit Sicheln hervorkam, um etwas Futter für das Vieh zu

holen. Bei dieser und mancher andren Gelegenheit sprach der Pater den

Flüchtlingen auf so wirksame Weise Muth ein, daß sie allmälich Stand

halten lernten. Und, so wollen wir hinzufügen, die darauf folgende

Zeit hat es gezeigt daß die geistige Kraft des Volkes nur gelähmt und

gefesselt, nicht erstorben war; denn sie kehrte bald zu Thaten des

ausdauernden Muthes wieder.

Aber wie aus so manchem »undankbaren« und untreuen Gedächtniß das

Bild des vormaligen Zustandes der Stadt ganz verschwunden ist, so ist

derselbe auch in der Wirklichkeit, nicht bloß im Bilde, vergangen und

verwandelt worden. Wir beschreiben nun das was uns in Athen geschahe

und was uns in ihm vor Augen kam.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 33 / 41 段