Etwas weiter in Norden zeigte sich uns das hohe Felsengebirge von

Tenos (Tino) dessen Häupter mit Wolken bedeckt waren; ein Vorzeichen

der längeren Andauer des stürmischen Wetters. Einst war ein Tempel des

Poseidon, des Hülfreichen, die Zierde der Insel; jetzt erglänzet am

Abhang des Berges eine schöne christliche Kirche, die erst seit wenig

Jahren aus freiwilligen Gaben der Andacht erbaut wurde.

Auch die Stunden des Nachmittags waren fast vergangen. Syra, zuerst

mit der oberen Stadt, jetzt auch mit der untren lag deutlich vor uns;

der schöne Leuchtthurm vor dem Eingang des Hafens, das Werk eines

trefflichen vaterländischen Meisters, des Architekten Erlacher, war

uns ganz nahe, das Einlaufen in den Hafen wurde jedoch durch den noch

immer heftigen Wind so erschwert, daß wir lange Zeit in Ungewißheit

blieben ob wir in Syra landen oder die Weiterfahrt nach Athen versuchen

sollten. Die Ungewißheit jedoch ob man auch im Piräus eine Quarantäne

machen könne, oder ob man, wie uns dieß auf Patmos versichert worden

war, bei der jetzigen Pestgefahr mit einem aus dem Orient kommenden

Schiffe wieder zurück nach Syra würde gewiesen werden, gab zuletzt,

da der Wind etwas nachließ, den Ausschlag für das Einlaufen in den

Hafen von Syra, dessen Eingang nach manchem Hin- und Herkreuzen unsers

Fahrzeuges wir auch endlich, am Abend gegen sieben Uhr erreichten.

~Syra~, minder berühmt in den Zeiten des Alterthumes durch die

Geschichten und Thaten als durch die Gaben der Götter: durch seinen

Reichthum an Getraide und Wein, so wie an guten Weideplätzen für das

Vieh, nahm uns von jetzt an etliche Wochen in seine Pflege und theilte

uns so reichlich alle seine Naturgaben mit, daß uns diese Insel schon

deßhalb die liebste und wertheste wurde unter allen Cycladen; werther

als Delos und Naxos und denn alle andre Sitze der Götter und Heroën.

Aber hierzu kam noch ein andrer Reiz, durch den uns die schöne, reiche

Handelsstadt Syra gleich bei unsrer Einfahrt in ihren sichren Hafen

erfreute. Wir sahen und fanden uns hier, wenn auch noch nicht in,

doch bei einer Stadt, die sich in jedem ihrer einzelnen Züge als eine

Europäische kund gab; ja die Bauart der neuen, unmittelbar bei unserm

Landungsplatz gelegnen Häußer erinnerte uns so sehr an unser liebes

München, daß wir uns schon in einer Bayerischen Stadt zu befinden

glaubten. Und die Aehnlichkeit hatte uns nicht ganz getäuscht; diese

neuen Gebäude sind wirklich schon ein Stücklein von München, denn ihr

Plan wie ihre Ausführung ist aus dem Geiste eines praktisch tüchtigen,

kunstverständigen Münchner Architekten: des wackeren Erlacher

hervorgegangen.

Uns würde es schon eine große Freude gewährt haben, wenn wir nur einige

Europäische Schiffe von mittlerer Größe, ja überhaupt nur Schiffe,

welche die Möglichkeit des Weiterkommens verbürgten, gefunden hätten,

hier aber sahen wir ein mächtiges, Englisches Linienschiff, zwei

Französische Dampfschiffe und an den vielen, ansehnlichen Fahrzeugen,

welche mit uns im Hafen lagen, bemerkten wir die Flaggen fast aller

Europäischen Nationen. Die ganze Stadt breitet sich am Abhange einer

Bucht des Gebirges amphitheatralisch aus; man erkennt es an ihr

deutlich daß sie ein Werk zweier verschiedener Zeiten, einer älteren

und einer neuesten ist. Denn während die Bewohner von Syra früher, in

beständiger Gefahr der räuberischen Ueberfälle der Piraten sich hoch

hinan auf den Berg gebaut hatten, wo die Altstadt, mit ihren großen

Kirchen und Klostergebäuden liegt, durften es die jetzigen Bewohner,

die unter dem Scepter ihres guten Königes in Frieden ruhen, wagen sich

ganz unten an der Küste anzusiedeln, wo sich, großentheils erst seit

dem Ende des Griechischen Befreiungskrieges die reiche, stattlich

aussehende Neustadt begründet und erbaut hat. Syra ist seitdem ein

Ort des lebhaftesten Verkehres der Nationen, einer der wichtigsten

Handelsplätze des jungen Königreiches geworden; nicht nur die Zahl

sondern auch der Wohlstand seiner Bewohner hat sich mächtig vermehrt

und beides ist noch immerwährend im Wachsen.

Am Morgen des zwölften Juni wurde unser Verlangen mit fort zu reisen

aufs Lebendigste erregt, da wir das eine der beiden Französischen

Dampfschiffe nach Athen das andre nach Marseille abfahren sahen, doch

hielt uns die Quarantäne in ihren Banden und zugleich auch die Hoffnung

zurück daß späterhin ein Oesterreichisches Dampfschiff auf kürzestem

Wege uns zur Heimath fördern werde. Denn daß von Triest aus in Kurzem

ein solcher Wechselverkehr zwischen Oesterreich und Griechenland

angeknüpft werden sollte, das hatten wir schon in Beirut erfahren.

Wir hatten schon gestern, gleich nach unsrer Ankunft es versucht die

Quarantäne, sey es auf unsrem Schiffe oder baldmöglichst am Lande

anzutreten, hatten aber vor der Hand nur einen Guardian erhalten,

der seinen Aufenthalt in einem Boote nahm, das am Hintertheil unsers

Schiffes befestigt war. Das damals noch etwas kleine (seitdem viel

erweiterte) Quarantänehaus auf dem Lande war mit allen seinen

Nebengebäuden und Bretterhütten so erfüllt, daß uns vor mehren Tagen

kein Unterkommen in demselben konnte versprochen werden. Doch auch

schon ans Schiff kam uns die Liebe und Gefälligkeit der hiesigen

Freunde entgegen an die wir als Landsleute empfohlen waren und die uns

später unsern Aufenthalt in Syra so unvergeßlich angenehm machten; denn

schon heute besuchte uns Sandersky, von welchem ich später noch öfter

reden werde, und brachte den uns damals noch persönlich unbekannten

Herrn Erlacher mit sich. Auch auf andre Weise ließ es uns Syra gleich

am ersten Tage recht heimathlich wohl werden, denn wir fanden zu unsrer

leiblichen Erquickung eine Fülle der beßten Früchte, namentlich der

Kirschen, Aprikosen und Birnen. Doch sollten wir auch wieder daran

erinnert werden daß wir immer noch nicht daheim seyen auf dem guten,

sichern Boden des Vaterlandes, sondern auf dem unsichern Element des

Gewässers, denn da am Nachmittag der große, schöne Zweimaster, der

Alexander genannt, das erste Griechische Schiff, welches die Fahrt nach

Amerika versucht und glücklich vollendet hatte[201], mit vollen Segeln

in den Hafen einlief und wir uns so eben darüber freuen wollten daß er

uns so nahe zu Gesicht kam, stieß derselbe so gewaltig an den Schnabel

unsers armen, alten Fahrzeuges an, daß er dieses stark beschädigte.

Dazu erhub sich gegen Abend der Wind so heftig, daß wenigstens unser

Schifflein, in starkes Schwanken gerieth und diese unwillkommne

Bewegung auch während der Nacht beibehielt, während freilich die

größeren Schiffe, vor allem das Linienschiff von diesem Ungemach nur

wenig zu leiden hatten. Auch am andern Tage hielt der Sturm noch an

und war sogar noch heftiger geworden, so daß wir uns herzlich darüber

freuten daß wir uns nicht mehr auf dem freien Meere, sondern in einem

sichern Hafen befanden.

Donnerstags, den 15ten Juni konnten wir endlich das Schifflein, auf dem

wir zwar manche Noth ausgestanden aber auch viel Gutes genossen hatten,

verlassen, und ans Land, in die am jenseitigen Ende der Stadt und der

Meeresbucht gelegne Quarantäneanstalt ziehen. Bei diesem Auszug wurde

leider ein großer Korb, der den wichtigsten Theil unsrer geognostischen

Sammlung enthielt und der sich im untersten Raume des Schiffes befand,

dort vergessen und bis heute konnten wir ihn noch nicht wieder

bekommen. Denn das Fahrzeug begann noch in derselben Stunde in der man

uns ans Land gesetzt hatte, seine Abfahrt nach Smyrna.

Für Leute welche wie wir Monate lang an die Freuden des Wüstenlebens

gewohnt waren (welche wir ja nicht in der Wüste allein, sondern auch

auf der Reise durch Syrien und die Meisten von uns auch auf dem

Schiffe genossen hatten) konnte es keinen angenehmeren, erwünschteren

Quarantäneufenthalt geben als der damalige in Syra war. Denn da sich im

Innren des Gebäudes nur ein sehr ungenügender Raum für unsre zahlreiche

Gesellschaft vorfand, welche mit Herrn Homer und einem andern jungen

Griechen, der in Patmos zu uns gekommen war, aus zehn Personen bestund,

gab man uns sehr gern die Erlaubniß außen im Freien, am Meere, in einer

der Bretterhütten zu wohnen, welche damals einen ergänzenden Zusatz zu

dem etwas engen Quarantänehaus bildeten. Da uns aber mit der ziemlich

geräumigen Bretterhütte zugleich auch der freie Raum vor und zum Theil

selbst neben derselben zu unsrer Verfügung gestellt wurde, zogen wir

es, der Reinlichkeit wegen vor, außen im Freien am Tage zu wohnen und

bei Nacht zu schlafen; geschützt gegen die Sonnenstrahlen am Tage

und den Thau bei Nacht durch ein Segeltuch, welches Freund Erlacher

uns verschaffte und das von dem Dach unsrer Hütte nach der hintren

Dachseite einer andern gegenüberstehenden ausgespannt war. Uebrigens

fanden mehrere unsrer jungen Freunde selbst dieses Obdach zu beengend;

sie bereiteten sich ihr einfaches Lager auf dem Dache der Hütte und

schliefen da.

Wer sich eine recht lebendige Vorstellung von dem Wohlbehagen machen

wollte, das bei allen kleinen Unbequemlichkeiten ein solches »freies

Leben« als wir hier führten mit sich bringt, der müßte vorher etwas

von dem Unbehagen empfunden haben das mit dem verhältnismäßig so

langem Aufenthalt in dem engen, dumpfigen Raume unsers kleinen

Schiffleins verbunden war. Der Fels auf dem wir da stunden, saßen und

lagen schwankte doch nicht hin und her, sondern stund fest mitten im

Getös der anschlagenden Wellen; wir hatten keinen Mangel an irgend

einem Lebensbedürfniß zu besorgen, denn das reiche Syra und die in

ihm wohnenden Freunde versahen uns überflüssig mit den Gütern des

Landes; wir hatten einen freien Spielraum der Bewegung, zwar nicht

von einem Meere zum andern wohl aber von dem kleinen Felsen an, der

einige zwanzig Schritte ostwärts unsrer Hütte lag, bis hinab an das

fünf oder sechsmal weiter abgelegne niedrigere Ufer in Südwesten. War

doch diese kleine Felsenlandschaft die wir jetzt bewohnten selbst von

geognostischem Interesse, denn nur einige Schritte von unsrer Hütte

gieng ein Lager von schönem weißen Marmor, das sich im Gneisgebirge

findet, zu Tage aus. Dabei ließ es uns der tägliche Besuch der hiesigen

Landsleute und Freunde, die an unserm Felsen aussteigen und bis zu

einem kleinen Abstande sich uns nähern durften, kaum bemerken daß wir

von der Welt abgesperrt und abgeschlossen seyen.

Wir hatten, während der ganzen Dauer unsrer hiesigen Quarantäne

beständig heitres Wetter, und wenn auch zuweilen die Gebirge von

Tenos, die wir wie das bedeutungsvolle Delos deutlich und nahe vor uns

sahen, sich mit den Verkündigern des stürmischen Wetters, mit Wolken

bedeckt zeigten, so konnten wir das mit vergnüglicher Ruhe beschauen,

denn der verstärkte Wind brachte uns nur liebliche Kühlung und gab dem

angenehmen Hall der Brandung, die neben uns an die Felsen schlug, eine

lautere Stimme. Selbst die Nächte waren in den ersten Tagen durch den

Schein des Vollmondes, später, wenigstens zum Theil, durch den des

abnehmenden Mondes erleuchtet.

Der Unteraufseher oder Sekretär bei der hiesigen Quarantäneanstalt

war gleich Anfangs sehr freundlich und gefällig gegen uns gewesen; er

wurde es in einem noch viel höherem Grade, da er hörte daß wir Freunde

und nahe Bekannte des Hofrath Thiersch in München seyen. Denn dieser

aufopfernd treue Freund des Griechischen Volkes und seiner höchsten

Angelegenheiten hat in ganz Griechenland und auch in jenen östlicheren

Gegenden (von Kleinasien) die von Griechen bewohnt sind so viele Fäden

der Bekanntschaft, mittelbar wie unmittelbar angeknüpft und in dem

Herzen so Vieler sich ein liebevolles Andenken begründet, daß wir bei

mehreren Gelegenheiten schon durch das Nennen seines Namens, noch mehr

aber durch das Vorzeigen eines allgemeinen Empfehlungsbriefes, womit

seine Güte für diese Reise uns versehen hatte, eine günstige Aufnahme

mitten in der Fremde fanden. Der Quarantäne-Inspector gehörte nicht

bloß zu den mittelbaren Bekannten unsers Münchner Freundes, sondern

kannte ihn persönlich und war ein warmer, herzlicher Verehrer von ihm.

Die vierzehn Tage unsrer Quarantäne, von denen wir vier auf dem Schiffe

verweilt hatten die andern zehn aber auf unsrem luftigen Landsitze

zubrachten, verflossen uns schnell und leicht. Ehe am Morgen die Sonne

aufgieng stunden wir gewöhnlich schon auf unsrem »Lug ins Land«: unsrem

kleinen Felsen, von welchem man die herrliche Aussicht nach Tenos und

Delos, so wie zunächst vor uns über den Hafen und über die Stadt hatte.

Es wurden da die seit gestern angekommenen Segel- und Dampfschiffe

gemustert und auch in den übrigen Stunden des Tages sahen wir dort

öfters den Bewegungen und Geschäften der aus- und einlaufenden Schiffe

oder dem Manövre der Englischen Seeleute auf dem großen, im Hafen vor

Anker liegenden, Englischen Kriegsschiffe zu. Hierauf begaben wir uns,

zusammensitzend unter dem Obdache des Segeltuches, auf die Reise in

ferne Länder und Jahrtausende, namentlich ergötzten wir uns während

der Morgenstunden unsrer Landquarantäne an dem gemeinsamen Lesen des

Buches Hiob. Dann gieng jeder an sein Tagesgeschäft: +Dr.+ Erdl

beobachtete und zeichnete die kleinen Seethiere, deren uns das Meer zu

unsern Füßen eine ganze Fülle darbot, Andre nahmen sich der Durchsicht

und der sorgfältigen Pflege der mitgebrachten Pflanzensammlungen

und der übrigen Naturalien an, noch andre schrieben Briefe und

ergänzten ihre Tagebücher. Bei Gelegenheit der Durchsicht unsrer

Naturaliensammlungen fanden wir zu unsrem großen Leidwesen daß uns

manche der Pflanzen, besonders aus der Gegend des Thabor und des Carmel

ganz verschimmelt und verdorben und daß auch viele der gesammelten

Insekten zu Grunde gegangen waren; eine nothwendige Folge des langen

Verbleibens in dem dumpfig feuchten Schiffsraume unsers Patmoser

Fahrzeuges. Doch die Hauptsachen waren gerettet und erhalten, vor allem

die Schätze welche die Seele auf dieser Reise in ihr Innres aufgenommen

hatte; es war uns bis hieher geholfen worden und dieser Hülfe durften

wir ja auch für den noch übrigen Theil der Reise freudig entgegen

sehen.

Unsre jungen Freunde besorgten sich ihre Küche selber; abwechslend war

heute der Eine von ihnen, morgen der Andre Koch und Kellner; für uns

beide kochte die Hausfrau. Und wenn nun der Nachmittag kam da blickten

wir verlangend auf den Hafen hinaus, ob nicht ein kleines Fahrzeug

sich gegen uns herbewegte das einen oder mehrere der lieben Landsleute

an Bord hätte. Diese Hoffnung wurde auch niemals getäuscht; denn am

Abend nach vollbrachtem Tagwerk kam entweder Freund Sandersky oder

der heitre Erlacher und in ihrer Gesellschaft öfters auch der theure

Hildner, nicht selten begleitet von seiner treulich für uns besorgten

Hausfrau und von Frau Sandersky. Das Geläute der Vesperglocken aus der

Stadt, und manches schöne, Deutsche Lied half uns dann in den späteren

Abendstunden unsern Tag fröhlich beschließen; wer es wünschte der

konnte auch noch durch ein Bad im Meer leiblich sich erquicken.

Am letzten Abend unsrer Abgeschlossenheit in der Quarantäne gab uns die

benachbarte Stadt noch, ohne dieß zu wissen ein festliches Schauspiel.

Es war der Vorabend von dem St. Johannisfeste; da hatten die

Lateinischen Christen, welche oben auf der Höhe des Berges, in und bei

ihrem dortigen Kloster wohnen, eine Menge kleiner Lustfeuer entzündet,

welche eine prachtvolle Illumination hervorbrachten.

Wir hatten bereits in den letzten Tagen unsre kleine Habe und

Wandergeräthschaften, nachdem sie allen Vorsichtsmasregeln der

Quarantäne unterzogen worden, für den Abzug bereit gemacht; schon am

frühen Morgen des 25sten Juni kamen unsre treuen Freunde Sandersky und

Erlacher um uns und unsre Sachen, zu Lande wie zu Wasser nach der Stadt

abzuholen. Der gefällige Quarantäne-Inspector that es nicht anders:

wir mußten noch mit ihm frühstücken. Die meisten Schiffe im Hafen, zu

welchem wir zuerst giengen um unsre Angelegenheit mit der Mauth in

Ordnung zu bringen, waren heute zum Johannisfest prächtig geschmückt,

denn alle Fahrzeuge aus den westlicheren Ländern von Europa hatten

ihre schönsten Flaggen aufgezogen. In der Stadt selber hatte sich

die liebevolle Vorsorge der Freunde in unsre Pflege getheilt: meine

Hausfrau und ich nahmen in Hildners Hauße, die Freundin Elisabeth bei

Frau Sandersky, die übrigen Reisegefährten bei dem guten Erlacher die

Wohnung. Uns ward die Freude zu Theil an dem heutigen Sonntage, nach

so langer Zeit wieder zum ersten Male, einem Deutschen Gottesdienste

beizuwohnen.

Vier volle Tage weilten wir jetzt noch in Syra, das uns nach allen

Seiten hin die jungen, frischen Lebenskeime des neubegründeten

Königreiches kennen lehrte. Die Keime, nicht bloß des äußren

Wohlstandes und des Gedeihens aller bürgerlichen Gewerbe, sondern

vor allem jenes innren, auf welchem der äußere allein sein festes,

sicheres Bestehen finden kann: die Anfänge und Erstlingsblüthen einer

höheren Volksbildung. Unser theurer Freund und Landsmann Hildner, in

dessen Umgange ich den größten Theil der letzten vier Tage in Syra

zubrachte, ist selber einer der Vorsteher jener Volksschulen, deren

Wirksamkeit schon in den wenigen Jahren ihres Bestehens eine so reich

gesegnete war. Mit ihm gemeinsam arbeitete der treffliche Robertson,

ein Amerikaner an dem schönen Werk der Jugendbildung und auch das

hiesige sehr wohlbestellte, gute Gymnasium hat unter seinen Lehrern

einen Deutschen, den gelehrten Philologen und begabten Schulmann:

+Dr.+ Fabricius. Mit Freund Hildner und auch ohne ihn besuchte

ich fast täglich die Volksschulen, welche der wohlthätige Eifer edler

Menschenfreunde des fernen Auslandes begründet hat und die sich des

besondern Schutzes Sr. Majestät ihres hochsinnigen Königes zu erfreuen

haben. Die Unterrichtsanstalten für beide Geschlechter, für Knaben und

Mädchen sind getrennt, jede von ihnen ist in mehrere Klassen getheilt;

die Lehrer und Lehrerinnen sind mit Ausnahme des Vorstandes sämmtlich

Griechen; die meisten von ihnen sind aus Syra selbst gebürtig und

vornämlich ist darauf Bedacht genommen daß der Religionsunterricht von

Männern ertheilt werde die zu derselben Kirchengemeinschaft gehören als

die Kinder; fast ausschließend mithin von Griechischen Christen. Der

übrige Unterricht umfasset alle jene Gegenstände welche am allgemein

anerkanntesten zum Nutzen und zum Dienst des bürgerlichen Lebens

und seiner Geschäfte gereichen und deren Kenntniß das begründet was

man im Allgemeinen als höhere Bildung des Bürgerstandes bezeichnen

kann; es sind dieselben Gegenstände die an jeder unsrer besseren,

vollkommener eingerichteten Bürgerschulen gelehrt werden. Die Methode

des Unterrichts ist im Ganzen die Lancastersche welche ich hier mit

so viel Verstand und Consequenz angewendet und durchgeführt sahe als

ich kaum anderwärts dieses gefunden. Namentlich machte mir in der

Schule meines Freundes Hildner ein kleiner Knabe große Freude, der

durch Fleiß und Talent in der Arithmetik so wie in andren verwandten

Fächern so hoch unter den Mitschülern seiner Klasse hinangerückt war,

daß er in der obersten Abtheilung von dieser das Amt des Vormannes oder

Aufsehers begleitete, der die um viele Jahre älteren Knaben fragte und

ihnen Aufgaben ertheilte und nach ihren jedesmaligen Leistungen sie

anordnete. Der Kleine that dieses bei aller kindlichen Bescheidenheit

mit einer solchen Art von Haltung und fast möchte man sagen von Würde,

daß man nicht ohne ein besondres Wohlgefallen ihm zusehen und zuhören

konnte.

Wer nur einmal und ohne vorgefaßte Meinung diese Schulen betrachtete

der wird es überall hindurch fühlen und bemerken daß in ihnen die

besten, kräftigsten Mittel zur Veredlung und Bildung der jungen

Seelen in Wirksamkeit gesetzt sind; denn man siehet da ein Feld der

aufkeimenden fröhlich gedeihenden Anlagen an denen jedes gute Auge

sein Wohlgefallen hat, am meisten das Auge jenes Gärtners der auch das

große, vormals so fruchtbare Brachfeld dieses Landes wieder zu Gärten

der Segnungen umgestalten will. Wer die Vorsteher und Lehrer näher

kennen lernte der wird bald in ihnen den Geist jener uneigennützigsten,

reinsten Menschenliebe ehren müssen, welcher nichts anders will als das

Glück der Brüder, welches ohne wahre, geistige Bildung und Erkenntniß

nicht bestehen kann.

Es war leicht vorauszusehen daß diese wohlgemeinten Unternehmungen der

Ausländer in einem gewissen Kreise des Volkes große Widerstrebungen

wecken mußten, welcher den Werth der geistigen Bildung verkannte, weil

diese selber ihm fremd war, und der bei dieser Verkennung dennoch kein

gutes Gewissen hatte, weil sein Stand allerdings geistige Bildung

forderte. Man sagte den Fremden, die zu einer andren christlichen

Gemeinschaft gehörten als das Volk des Landes, es nach, daß sie die

Absicht hätten das Ansehen der Religion zu untergraben; sie selber

glaubten Nichts oder seyen Ketzer, darum machten sie das was dem Volke

heilig sey bei jeder Gelegenheit zum Gespött. Diese feindseligen

Verläumdungen von Männern denen ihrer ganzen Denkungsart nach das

Heilige selber heilig und der Glaube das höchste, unantastbarste

Kleinod der Völker ist, verfehlte nicht seine Wirkung auf solche

Menschen welche nicht gewohnt sind eine auf eignes Forschen und

Erfahren gegründete Ueberzeugung zu haben, sondern welche in allen

Dingen ein Spiel der fremden Meinungen und Vorurtheile sind. Eine

Aufregung der gehäßigsten Art machte sich bei mehren Gelegenheiten Luft

und es kam ein oder etliche Male dahin, daß man die Schulen schließen

mußte um den Ausbruch roher Gewaltthätigkeiten zu verhüten, oder

daß die Eltern ihre Kinder von dem Besuch der Schule aus Furcht vor

Andern zurückhielten. Allmälig aber hat man sich davon überzeugt daß

jene Menschenfreunde, die sich der Jugendbildung so eifrig annahmen,

keine Proselytenmacher sind, sondern daß sie hieher kamen um einem

edlen Volke, an dessen Schicksalen alle gebildete Völker der Erde

lebendigen Antheil nahmen, im Kampfe gegen die Barbarei beizustehen,

in deren harten Banden dasselbe Jahrhunderte lang gefesselt lag. Denn

das Joch dieser Barbarei unter welchem Griechenland seufzte, war ein

doppeltes: ein äußres und ein innres und das letztere hatte mehr zur

Entartung des Volkscharakters gewirkt als das erstere. Ist das nun

nicht auch ein Befreiungskrieg und zwar der heiligste von allen, dessen

Kämpfe gegen das Joch der innern Barbarei gerichtet sind, und sind

jene Philhellenen, welche aus fernem Lande kamen um den Nachkommen

des Volkes, dem unsre Väter und wir die fruchtbarsten Elemente

des wissenschaftlichen Erkennens danken, in dem Kampfe gegen rohe

Unwissenheit und geistige Verlähmung beizustehen, nicht eben so hoher

Ehren werth als die, welche mit dem Schwert in der Hand Griechenlands

Befreiung vom äußeren Barbarenjoch erfechten halfen? In der That

jener innre Krieg ist nicht minder schwer und fordert nicht mindere

Opfer der Selbstverläugnung als der andre. Und wenn auch das Volk die

Bemühungen der einen wie der andren Art ihrer Freunde noch zuweilen

verkennen sollte; so hat es doch, namentlich in Beziehung auf die

Schulen der wahrhaft philhellenischen wie philanthropischen Fremdlinge

aus Erfahrung sich überzeugt daß der Besuch dieser Anstalten zum Besten

der Kinder gereichte, welche dadurch nicht bloß eben so gute Griechen

~geblieben~, sondern noch bessere ~geworden sind~ als sie

vorhin waren.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 32 / 41 段