Ein besondres Vorrecht empfangen hier die Töchter vor den Söhnen

dadurch, daß die Nachlassenschaft des Vaters fast ganz auf die

Töchter und zwar zumeist auf die älteste von ihnen übergeht. Während

deshalb der Jüngling, auch wenn sein Vater nicht unbemittelt war,

gewöhnlich nichts Andres zur Begründung seines künftigen Haushaltes

in den Händen hat, als das, was er sich durch seine Seedienste oder

kleine Handelsgeschäfte erwarb, bringt ihm seine Frau, wenn sie die

Erbin eines begüterten Vaters war, nicht nur den Besitz eines eignen

Haußes, sondern öfters noch so viel mit, daß sie ihm ein Schiff zu

kaufen vermag, wodurch er Geld und Güter sich erwirbt. Während der

Abwesenheit der Männer, deren Viele den Gefahren des Seelebens sehr

früh unterliegen, leben die Frauen ganz überaus sparsam und eingezogen

und auch wenn die Familie beisammen ist, scheint keine Verschwendung

statt zu finden. Ein Hauptvergnügen der wohlhabenden Bürger ist das

Zusammenkommen in einer Art von Europäisch eingerichtetem Kaffeehaus,

das nahe am Anfang der Stadt an der Straße von La Scala liegt. Man

erzählt sich da, beim Rauchen der Pfeife von seinen Reisen und

gemachten Geschäften. Die jüngeren Männer vergnügen sich im Freien mit

dem Spiele des Kugelwerfens, das die Muskeln außerordentlich stärkt

und übt. Die meisten Bürger von Patmos, welche zum wohlhabenderen

Mittelstand gehören, sprechen etwas Italienisch. Auch die Fränkische

Kleidung sieht man, statt der Griechischen Nationaltracht bei manchem

von ihnen, während die Frauen noch großenteils auch hierin der alten

Sitte treu geblieben sind; namentlich die abentheuerlich schöne

Kopfbedeckung beibehalten haben, die einer Grenadiermütze gleicht.

Zwar steht auch diese Insel dem Namen nach unter Türkischer

Oberherrschaft, wie sie jedoch schon vor dem Griechischen

Befreiungskriege manche besondre Vorrechte genoß, so hat sie seit der

glücklichen Beendigung desselben noch größere Begünstigungen erlangt.

Ein damals hochgeachtetes Vorrecht der früheren Zeit war schon dieses,

daß die Christen auf Patmos Glocken haben und läuten durften, deren

Ton auch uns hier zum ersten Male seitdem wir den Libanon verließen

wieder erfreute; anjetzt bemerken es die Bewohner von Patmos kaum noch

daß der Großsultan ihr Herr ist, denn obgleich sie an seine Kassen

jährlich einige hundert Gulden Abgaben zu entrichten haben, so stehen

ihnen doch zugleich so viele Mittel und Rechte zu Gebote um von jener

Summe allerhand Abzüge zu machen, daß am Ende des Jahres nur wenig in

baarem Gelde, das Meiste in Gegenrechnungen und Deficits abgetragen

wird; die letzteren nach jenem alten Sprichwort, daß, wo Nichts ist,

der Kaiser sein Recht verloren hat. Das Volk der kleinen, friedlichen

Insel wird durch eine selbst, aus seiner Mitte erwählte Obrigkeit,

nach eigenem Gebrauch und rechtlicher Sitte regiert; eine vorzüglich

hohe Auctorität sind die jedesmaligen Vorstände des Klosters, deren

jetzigem das Beste seiner Mitbürger ein wirkliches Anliegen scheint.

Die Gesammtzahl der Einwohner der kleinen Insel wurde uns zu vier- bis

fünftausend bestimmt; unter diesen sind neuerdings manche Einwandrer

aus andren Inseln und Gegenden des benachbarten Festlandes, die sich

vornämlich in La Scala angesiedelt haben. Das weibliche Geschlecht

soll in so großem Maaße die Ueberzahl bilden, daß man vier bis

fünf Bewohnerinnen gegen einen Bewohner rechnet. Von dem stärkeren

Geschlecht rafft allerdings das Meer, dessen Wogen von Kindheit an

seine zweite Heimath sind, alljährlich eine Anzahl von Opfern hinweg,

ein andrer Grund aber des ungleichen Zahlenverhältnisses der beiden

Geschlechter scheint in der Neigung der Patmoser auch zum Dienst auf

fremden Schiffen und zu dem Verweilen in andren Gegenden zu liegen.

Wir lernten Familien kennen, deren Hausväter mit ihren ältern Söhnen

für beständig in irgend einer Stadt des benachbarten Kleinasiatischen

Festlandes leben, wo sie ein für sie vorteilhaftes Handelsgeschäft oder

Gewerbe treiben, während die Mutter mit den Töchtern in der Heimath das

einsame Leben einer Wittwe führt.

Patmos hat nur zwei bewohnte Ortschaften; die eine von diesen ist die

untere, kleine Hafenstadt La Scala, die andere die eigentliche, um das

Kloster angebaute Stadt. Vormals soll der größte Theil der Bevölkerung

unten bei La Scala am Meeresstrand gewohnt haben, an welchem man

auch noch jetzt manche Reste von Gebäuden bemerkt; die beständigen

Ueberfälle von Seeräubern scheuchten jedoch das arme Volk hinauf

auf den Berg, in die Nähe und in den Schutz des mächtig befestigten

Klosters, das im Nothfall einer großen Zahl von ihnen, ja Allen in

seinen für Piraten unbezwingbaren Mauern Zuflucht gewährte. Ein Thurm

des Klosters diente in jener Zeit der beständigen Unsicherheit zur

Warte, von welcher aus ein bestellter Wächter weithin, nach allen

Seiten das Meer betrachtete und die Annäherung jedes verdächtigen

Schiffes alsbald verkündete. Noch jetzt ist dieser Thurm ein Punkt der

Fernsicht über das Meer und seine Inselgruppen, bei dem der Fremde

mit freudiger Bewundrung verweilt, denn während man in Norden Samos,

Furni und Ikaros, in Süden Leros und Kalymna erblickt, nimmt man in

Osten die Umrisse einzelner Gebirge des Asiatischen Festlandes wahr.

Uns jedoch zog es jetzt nach keinem dieser Punkte mehr hin, wir waren

froh daß wir den Süden und Osten für diesmal hinter uns hatten und

sahen mit Verlangen nach der deutlich, ihrem ganzen Umfange nach vor

Augen liegenden kleinen Insel Amorgos hin, die uns schon aus dem lieben

befreundeten Lande entgegenblickte.

Recht im vollesten Maße genossen wir noch das geistige und leibliche

Ausruhen in dem hehren Patmos, so wie die Beweise der Freundlichkeit

seiner Bewohner, Mittwochs den 7ten Juni, welches zugleich der Vorabend

vor dem hiesigen Himmelfahrtsfeste war. Ich hatte mich bald nach

Sonnenaufgang in Gesellschaft meiner Hausfrau aufgemacht um einige

Theile der Umgegend der Stadt zu sehen, dahin wir noch nicht gekommen

waren. Wenn diese vielen kleinen Kapellen, die an der grünenderen,

sanfter nach dem Meere abfallenden Süd- und Südwestseite des Eilandes

stehen, ein Ausdruck der Gegenliebe sind, zu Ihm, den uns der Apostel,

an den hier jeder Schritt erinnert, als die Liebe kennen lehret, dann

dürfen wir ihre Erbauer und Erhalter sehr glücklich preisen. Wohl

gewählt, zur Erweckung des dankbaren Wohlgefallens an den Werken des

Herrn erscheint die Stelle von jedem dieser Kirchlein; wenn das eine in

der Mitte der Felder, deren Erndtezeit jetzt gekommen war, das andre

am grünenden Wiesengrunde, der aus der Thalschlucht heraufsteigt, ein

drittes auf der Spitze der Felsen steht, zu dessen Fuß das Meer mit all

seinen Gaben sich ausbreitet.

Der Sohn einer hiesigen, ansehnlichen Familie studirte damals in

München und war auch mein Zuhörer gewesen. Wir wurden heute in sein

Elternhaus, zu seiner Mutter und seinen Schwestern (denn der Vater

wohnt in Scala nuova bei Ephesus) eingeladen und es ward uns sehr

wohl unter dem Obdach dieses Haußes, dessen Bewohnerinnen mit der

äußren Wohlgestalt zugleich die innre der geistigen Anmuth verliehen

ist. Ich konnte die Fragen der sorgsamen Mutter auf eine für sie sehr

beruhigende Weise beantworten.

Von hier gieng es, einen großen Theil des Vormittages und auch noch

des Nachmittages hindurch von einem Hauße der hiesigen Bekannten zum

andren. Denn da nach einer vielleicht niemals recht ernst gemeinten

Versichrung des Capitäns die Abfahrt am morgenden Abend geschehen

sollte und wir dem Hauße des guten Mannes unmittelbar vor einer

vielleicht langen Trennung von den Seinigen keine Unruhe machen

wollten, beschlossen wir noch heute Abschied zu nehmen und die Nacht

auf dem Schiffe zuzubringen. Ueberall aber wohin ich kam, im Kloster

und bei den Herren des Stadtmagistrats, die mich besucht und zu sich

eingeladen hatten sollte ich Bewirthung annehmen; wenigstens doch

Süßigkeiten und Getränke. Das gute Patmos wollte mir bis zur letzten

Stunde beweisen daß es aus freiem, innern Antriebe und eigner Neigung

jenem Lobe nachtrachtet, welches der Apostel, dessen Andenken es

sich geweiht hat, Gajo, dem Lieben, dem Gastfreien und in ihm der

christlichen Gastfreundlichkeit selber ertheilt. Auch von der guten,

edlen Hausfrau unsers Capitäns (er selber war unten im Hafen) hatten

wir jetzt herzlich dankbaren Abschied genommen und zogen den so oft

betretenen Steinweg nach La Scala hinunter. Ich wendete mich rechts,

zu dem mir so lieb gewordnen Kloster der Apokalypse, das über der

Grotte des heiligen Johannes stehet, und stieg, von Keinem bemerkt,

die Treppen hinab, zu dem Kirchlein der Grotte. So still und einsam

wie heute hatte ich es noch niemals da getroffen. Ich betrachtete den

Inhalt der ersten Capitel der Offenbarung Johannis, dann schauete ich

aus dem kleinen Fenster des Kirchleins hinunter nach dem tempelartigen

Gebäu der Felsen und nach dem in ihrer Mitte ruhenden Wasser der

Meeresbucht. »Ja, Herr, du bist würdig zu nehmen Preis und Ehre und

Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen

haben sie das Wesen und sind geschaffen«[200].

Ich stund noch auf dem platten Dache bei der Johannisschule und sahe

da die Sonne untergehen über dem Hügel. Auch hier durfte ich heute

ganz allein seyn, und mich noch einmal recht darüber freuen daß es mir

gelungen war nach Patmos zu kommen. Es ist doch ganz besonders schön

auf diesem Eilande das uns manche Erdbeschreiber nur mit wenig Worten

als einen dürren, nackten Felsen bezeichnen. Meinem Auge erschienst du

anders, du hehre, aus dem Feuer der Tiefe geborene und mit einem Feuer

aus der Höhe getaufte Felsenveste und du wärest eine Stätte ganz nach

meinem (sonderbaren) Geschmacke. Ja, ich meine daß einem Manne, der

neben dem Nutzen und Dienst für den Nächsten die Stille und das einsame

Verweilen in einer zur Erhebung und zur Freude an den Werken Gottes

aufregenden, majestätisch-schönen Natur liebt, das Loos eines seinem

Amte gewachsenen Lehrers, an der St. Johannisschule zu Patmos als eines

der schönsten erscheinen müßte, welches ein Sterblicher sich wünschen

könnte.

Unten in der kleinen Vorstadt des Hafens, in dem gewöhnlichen

Sammelplatz der Locanda, fand ich unsre ganze kleine Reisegesellschaft

beisammen. Der Mondschein begleitete uns bei der kurzen Fahrt hinüber

nach dem Schiffe, das wir festtäglich gereinigt und geschmückt, und

mit Ausnahme eines oder zweier Matrosen, die bei dem Geräthe zurück

bleiben mußten, von allen seinen gewöhnlichen Bewohnern verlassen

fanden. Die Nacht war so still und das Wasser so unbewegt daß wir

ganz gut in dem kleinen, schwimmenden Hauße ruheten, in dem wir so

manche Stunde der Angst zugebracht hatten. Früh am Morgen, bei dem

Geläute der Glöcklein und Glocken vom Berge, welche die schöne Feier

des heutigen Tages verkündeten, waren wir Alle schon auf dem Verdeck

und bald nachher auch am Lande. Ein Fahrzeug war angekommen mit

Engländern, welche, wie es schien, Patmos, so wie andre benachbarte

Inseln und Küstengegenden geometrisch untersuchten und namentlich die

Buchten und Hafenplätze genau in Augenschein nahmen; die Reisenden

hatten sich ein Zelt an der Landzunge aufgeschlagen, welche den Hafen

von La Scala von einer andren Meeresbucht des Eilandes scheidet, deren

Oeffnung gegen Nordwesten gerichtet ist. Auch jene Bucht, die wir uns

heute besahen, gewährt in der Mitte ihrer vulkanischen Felsenmassen

den Schiffen einen sichren Bergungsort gegen die meisten Stürme, und

öfters geschieht es daß Fahrzeuge denen der Wind das Einlaufen in den

größeren Hafen verwehrte in diesem kleineren ihre Zuflucht suchen, zu

welchem gerade dann die Annäherung am leichtesten ist, wenn sie an

dem andern, entgegengesetzten am schwersten wurde. Vormals war aber

auch jene unbewohnte, nordwestliche Bucht sehr oft ein Schlupfwinkel

für die Seeräuber, welche, wenn ihnen hier ein unvermerktes Landen

gelungen war, Schrecken und Raubmord über die arme Insel verbreiteten.

Von solcher Noth ist Patmos schon seit mehreren Jahren ganz verschont

geblieben, denn das Brüllen des englischen Löwen so wie der Flug des

nordischen Adlers hat jenes Raubgesindel geschreckt, und der Geruch der

Lilie, die am Strande des nördlichen Afrikas Wurzel gefaßt hat, ist ihm

ein Geruch zum Tode geworden.

Aus der Stadt fanden wir, da wir wieder zurückkamen zur Locanda,

mehrere herzliche Einladungen. Wir sollten doch, da ja für heute die

Abfahrt noch sehr ungewiß sey, diesen Tag noch oben zubringen. Auch

unsrem Capitän war es gar nicht recht daß wir sein Haus verlassen

hatten. Da uns jedoch bei dem heutigen, ganz besonders heißen Tage das

Hinansteigen auf den steilen Berg etwas sauer ankam, weil wir gern die

hier gesammelten Kräfte für die vermuthlichen Beschwerden der weitren

Seefahrt aufgespart hätten, und da wir überdieß unsrerseits keine

Veranlassung zu einem noch längern Verzug der Abreise geben wollten,

lehnten wir jene freundlichen Einladungen ab und beschlossen im Hafen

die nahe Abfahrt zu erwarten. Da kamen uns dann noch heute so wie am

andern Morgen noch allerhand Gaben: Käse, Körbe mit Festtagsbroden

und Kuchen, Wein, und aus dem Kloster, an dessen Armenschule ich ein

kleines Geschenk gegeben, ein Lamm zu. Am Nachmittag besuchten Einige

von uns noch einmal das Kloster der Apokalypse und die heilige Grotte,

so wie die andren Hölen des vulkanischen Felsengesteines, die in der

Nähe des Gebäudes sich finden.

Wir kehrten, zum letzten Nachtlager in Patmos, auf das Schiff zurück.

Ein lieblicher Gesang von jugendlichen Stimmen ertönte, wie es schien

uns zu Liebe, aus einem Boote, das beim Scheine des Mondes in der Nähe

unsres Schiffes hin und her ruderte. Die Töne giengen mit in unsre

Träume der Nacht hinüber; der ganze Aufenthalt auf Patmos erschien uns,

als wir am andern Mittage von der Insel schieden, wie ein Traum, in

welchem sich der Seele Gesichte und Erscheinungen der Engel zeigten.

Fahrt von Patmos nach Syra und Athen.

Es war, wie ich oben erwähnte, Freitags den 9ten Juni Mittag

geworden als endlich der Capitän und mit ihm der größte Theil unsres

Schiffsvolkes vom Lande, wo wir sie mit ihren Freunden seit vielen

Stunden stehen und trinken sahen, zu uns an Bord kamen und nun die

Anker aufgezogen wurden. Bis zu dem Augenblick wo man die Segel

aufspannte waren einige wackre Männer vom Stadtrath, die mich noch

zum Abschied besucht hatten, bei uns auf dem Schiffe geblieben, jetzt

sagten wir uns herzliches Lebewohl und jene zogen nach der nahen, wir

nach der fernen Heimath hin.

Die Fahrt hinaus zum Hafen gieng vortrefflich von statten; der Wind

füllte die Segel und das Meer schien dabei ruhig; ein solcher guter

Anfang der Reise erfüllte uns mit den frohesten Hoffnungen. Anders aber

zeigte sich uns das mächtige Element, das im Schooß der Felsen so zahm

that, als wir wieder hinaus ins Freie kamen, wo dasselbe nicht mehr

bei der ruhenden Bergfeste ruhete, sondern mit dem unruhigen Sturm

sich bewegte. Da gesellte sich sogleich unser alter, wohlbekannter

Reisegefährte, der vaterländische Westwind zu unsrem Schiffe, der uns,

obgleich wir ihn nur als Seitenwind nahmen, mit seiner am Nachmittag

zunehmenden Heftigkeit gegen Samos hinführte, so nahe daß wir meinten

wir sollten auch auf dieser schönen Insel noch landen. Hierbei gieng

das Meer so hoch, daß die Wellen öfter über das Verdeck hereinschlugen.

Doch milderte sich gegen Sonnenuntergang dieser Ungestüm des Wetters

und die Nacht war ruhig; am Morgen beim Erwachen sahen wir neben uns in

Süden das gute Patmos, zur Rechten, in Norden, lag uns das lang sich

hinstreckende Ikaria.

* * * * *

Wenn, wie dieß sehr wahrscheinlich geschehen war, die zärtliche

Hausfrau unsers Capitäns heute, Sonnabends den zehnten Juni, das

Schiff ihres Gemahls mit dem Fernrohr in der Hand auf dem Meere einmal

aufgefunden hatte, da wurde es ihr nicht schwer seinen Lauf von Stunde

zu Stunde zu verfolgen, denn am ganzen Vormittag hatten wir so wenig

Wind daß wir fast an derselben Stelle blieben; betrachtend, bald das

Gebirge von Ikaria, mit seinen rinnenförmig herablaufenden Schluchten,

bald das Felseneiland von Patmos mit seinem Kloster und seiner Stadt.

Und als am Nachmittag von neuem der Westwind in ziemlicher Heftigkeit

sich erhub da nöthigte er das Schifflein statt gerade aus, zur Linken

(nach Süden) sich zu wenden und führte uns abermals, obwohl von

andrer Seite neben Patmos hinab, so daß wir gegen Abend Amorgos, die

Geburtsinsel des Dichters Simonides, obwohl in ziemlicher Ferne vor uns

hatten und zugleich die Gebirge von Naxos so wie den hohen Dimastesberg

auf Mykonos erblickten, den Denkstein des siegreichen Kampfes einer

Götterkraft mit der feindlichen Macht des Unteren, den Zeugen der

Thaten des Halbgottes, denn hier, am Fuße des Dimastes sollten nach den

Heldensagen des Alterthumes alle von Hercules erschlagene Centauren

begraben liegen. Bei dieser Querfahrt unsers Schiffleins waren wir

dennoch, dieß erkannten wir aus dem weiteren Abstande in welchem wir

nun Patmos in nordöstlicher Richtung hinter uns sahen, etwas weiter

gegen Westen vorgerückt. Noch vor Sonnenuntergang machte uns der

Capitän auf zwei nackte, schroff über das Meer herausstehende Felsen

aufmerksam, an denen sich die Brandung mit donnerndem Getöse brach.

Sie werden von den Schiffern dieses Meeres die »Ochsen« genannt und

ihre steinernen Hörner haben schon manches gute Schiff zerstoßen, denn

rings um sie her ist das Meer voll verborgner Klippen und Untiefen. Wir

kamen glücklich an diesen bösen Stieren vorüber, welche zum Glück für

die Seefahrer an ihren Weideplatz des Gewässers fest gebunden sind.

Der Wind legte sich nach Sonnenuntergang und der Mond erleuchtete das

Meer mit seinem milden Lichte. So gieng denn auch dieser Tag, ein

Gedächtnißtag des deutschen Volkes, denn er ist der Todestag seines

großen Barbarossa, zu Ende, und mit ihm die Woche, deren Anfang für uns

ein so saurer, der Fortgang aber ein so leichter und lieblicher gewesen

war. Mochte denn da immer das Ende auch wieder ein wenig langweilig

aussehen!

Das Anschlagen der Wellen an die Seiten des Schiffes, so wie das

unerwünschte Schwanken desselben, das nach Mitternacht stärker wurde,

hatten uns errathen lassen daß der Wind sich wieder erhoben habe, da

jedoch alle Segel eingezogen waren konnte uns derselbe nicht hindern

an derselben Stelle des Meeres hin und her zu kreuzen, so daß wir

am Morgen, Sonntags den 11ten Juni uns wenigstens nicht rückwärts

getrieben, sondern immer noch in ziemlicher Nähe der beiden bösen

Ochsen sahen. Aber mit dem hellen Tage zugleich konnte auch wieder

das zwar nicht sehr erfreuliche aber dennoch förderliche Kreuz unsrer

bisherigen Seefahrt: das Kreuzen beginnen, denn es bleibt dabei daß

widriger Wind, wenn er nicht über das Maaß der kämpfenden Kräfte

geht, im Leiblichen wie im Geistigen immerhin ungleich besser und

förderlicher ist denn die böse Windstille. So ließen wir uns denn,

indem wir die Vorspann des ungestümen Westwindes bald von der rechten,

bald von der linken Seite in die schief aufgespannten Segel nahmen,

jetzt nach Nordnord- dann nach Südsüdwesten führen und kamen auf diese

Weise dennoch von Stunde zu Stunde näher nach dem Ziele (in Westen)

hin. Freilich hatten wir den längst ersehnten Ruhepunkt des heutigen

Tages, die Insel Syra schon früh um neun Uhr gesehen und erreichten

ihren Hafen erst mit vieler Anstrengung am Abend um sieben, aber die

heutige Fuhre, so sehr sie durch Umwege gieng, war keinesweges für das

Aufmerken ermüdend, sondern im hohen Grade unterhaltend, denn hier

in diesem Chore der schönen Inseln, deren fast jede ein Lied von den

Thaten der Heroën oder von dem bedeutungsvollen Wandel der Götter

auf Erden singet, findet das Auge, wie die Erinnerung an die längst

vergangenen Zeiten an jedem Punkte eine neue Unterhaltung. Waren wir

doch nun auch über die Gränze des gefahrvollen Ikarischen Meeres

hinübergerückt, in das Aegäische und in jene Gränzen des Gewässers, bei

welchen Europa und zugleich die Herrschaft eines unsren Seelen theuren,

vaterländischen Königes beginnt; wir fanden uns in dem Gebiet der

Sporaden und bald nachher in jenem der Cykladen.

Die erste Insel an welcher wir heute in ziemlicher Nähe

vorüberkreuzten, war Stenosa, jenes vormals allgemein gefürchtete

Felsennest der Seeräuber, welches bei aller Wildheit nicht ohne Reize

seiner Natur erscheinet. Doch wie eine Fürstin in ihrem Schmucke, neben

dem Weib eines Zigeunerhauptmannes erhebt sich, unfern von Stenosa, das

reiche Naxos, an dessen Ufern uns das Wasserglück des heutigen Tages

ganz nahe vorbeiführte. Mit Recht prägte diese Insel die symbolische

Göttergestalt des Glückes, ein Füllhorn haltend auf ihre Münzen,

denn jene Güter des Erdenglückes, welche der Boden erzeugt: Getraide

und Früchte der Bäume so wie der Reben gedeihen noch immer auf ihr

in Menge und namentlich stehet der Wein von Naxos in hohem Rufe der

Güte. Sie war dem Alterthum ein Miniaturbild des reichen Siciliens und

als solches Klein-Sicilien benannt. An ihre Gebirgshöhen knüpft sich

der erste Ring der Kette der Sagen, von dem Ausgang der Bacchischen

Begeisterung durch die Länder und Völker; hier wird Dionysos mit

Ariadne vermählt; ein dennoch hochstrebender Irrwahn des Geistes mit

dem Sehnen der Menschenseele. Die Gestalt der Insel, mit ihren meist

grün bekleideten Bergabhängen und Thälern ist mild und freundlich.

Abermals, nachdem wir gegen Nordwest steurend, das nördliche Ende

von Naxos umschifft hatten, wendeten wir uns etwas südwärts, gegen

Paros, zu der Marmorinsel, der Geburtsstätte des Jambendichters

Archilochos. Wie diese Insel für die bildende Kunst in alter wie in

späterer Zeit eine Fundgrube des köstlichsten Materials gewesen, so

ward sie dieses auch für die Geschichte, denn hier auf Paros fand der

glückselige Arundel jene Marmortafeln, auf welchen in kurzen Zügen die

Hauptmomente der Geschichte Griechenlands, von Kekrops bis auf die Tage

des Archonten Diognetos von Athen, zugleich mit der Angabe der Zeiten,

verzeichnet stunden; jene Marmortafeln der Parischen Chronik, welche

eine neue Zugabe zu dem alten, wohlbegründeten Ruhm der Universität

Oxford wurden, als der edle Graf, ihr Entdecker, sie derselben übergab.

Schon in den Morgenstunden des heutigen Tages hatten wir gegen Nordwest

und dann gegen Norden hin den herrschenden Mittelpunkt der zwölf

Cycladischen Inseln, Delos mit seinem erhabenen Cynthusberge vor Augen

gehabt. Das viel gepriesene, den Völkern des Alterthumes hochwerthe

Eiland, dessen Tempel und heiligen Haine ein Vereinigungsort des ganzen

Griechischen Volkes und die Lust seiner Augen waren. Wie Naxos als ein

Ausgangspunkt des Bewegens der Bacchischen Begeistrung, so war Delos

als ein Quellpunkt der höhern, Pythischen Inspiration gepriesen. Hier

waren Apoll und Artemis geboren; hier ertheilte Phöbus die hellesten,

deutlichsten seiner Göttersprüche. Nicht durch Mauern oder durch Schild

und Waffen vieler Wächter war das kleine, leicht zugängliche Delos

mit allen Kostbarkeiten und Schätzen seiner Tempel gegen feindliche

Angriffe und Räubereien geschützt, sondern durch jene Heiligkeit des

Ortes, welche Jahrhunderte lang als eine unverletzliche galt, bis in

den Tagen eines beginnenden Verfalles der Religion und der Ehrfurcht

vor dem Gesetz Menophanes, der Feldherr des Mithridates seine Hand an

die geweihete Stätte legte, die Tempel des Apollo und der Latona ihrer

Schätze beraubte und dann sie, wie die Stadt zerstörte, deren Bewohner

vom Schwert erschlagen oder gefangen geführt wurden. Und was gab diesem

Delos seine Heiligkeit in den Augen der Völker? War es nicht der

unausreißbar tief in dem Menschenherzen wurzelnde Glaube an ein Annahen

des Göttlichen zu dem Geist des Menschen? ein Annahen das diesen mit

jener wunderbaren Kraft erfüllt, durch welche der Seher eine Welt des

Oberen und Künftigen erkennt und vernimmt, von denen das leibliche

Auge wie das leibliche Ohr nichts bemerken. Der Glaube an eine Macht

des allbedenkenden Geistes durch welchen die Sichtbarkeit entstund,

und einer Begeistrung, durch welche jedes gute Werk der Menschenhand

begonnen und vollendet wird. Und das, was jener Glaube der alten Völker

auch hier in Delos, »der Offenbaren« nur im verhüllten Bilde gesehen,

das hat sich einem späteren Geschlecht im klaren Worte offenbart,

dessen Kraft und Schätze kein Menophanes hinwegnehmen, dessen

Heiligthümer keine Hand der Barbaren aus Pontus und Asia zerstören

kann.

Das schöne Delos, die Meisterin in Erz vor allen andern benachbarten

Inseln, hat von seinen gepriesenen Herrlichkeiten nur eine kunstreiche

Steinmasse der Trümmer aufzuweisen, welche noch jetzt die hohe

Schönheit der Bauwerke errathen lassen, von denen sie herstammen.

Dieses Eiland auf dessen heiligem Boden vormals keine Gräber waren,

denn alle seine Todten wurden auf der südwärts von Delos gelegnen

kleinen Insel Rheneia beerdigt, war damals, als wir es sahen, der

Standort einer Quarantäne geworden, dahin man während der in Poros

ausgebrochenen Pest solche Schiffe verwieß, deren Mannschaft oder Güter

im Verdacht der Verpestung stunden.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 31 / 41 段