günstiger Wind der zwar anfangs noch schwach war, dennoch aber unser
schwerfälliges Fahrzeug sehr merklich gegen Knidos (Messi) hinführte.
Schon gegen fünf Uhr ward der noch immer günstige Wind so heftig daß er
unser Schiff mit der Schnelle eines Dampfschiffes beflügelte; wie ein
Vogel strich es an dem schönen Nisyros vorüber, das von der Ebene an
bis hinauf zu seiner von Seeräubern erbauten Burg wie ein großer üppig
grünender Baumgarten erscheint, und bald sahen wir Cos (Istankoi) ganz
nahe vor uns liegen. Aber der sturmartige Wind war nur der Vorläufer
einer übermächtigeren Bewegung der Elemente; Gewitterwolken waren am
Horizont aufgestiegen; ein Theil des abendlichen Himmels zuckte in
beständigen Blitzen; die hohen Wogen spielten mit unserm Schiffe wie
mit einem Balle; die Brandung an den Felsenklippen übertönte fast
den Laut des bald näheren bald ferneren Donners. Man hatte zuletzt
alle Segel einziehen müssen, denn die treibende Kraft des Wassers
bedurfte nicht der Hülfe des Windes um uns vorwärts zu stoßen. Unter
solchen Umständen war es unmöglich an Stanchio zu landen; mit großer
Anstrengung suchte man ein freieres Meer zu gewinnen und man sagte uns
später daß wir in dieser Stunde in großer Gefahr gewesen seyen.
Die Abenddämmerung brach an, der alte Obersteuermann dessen
kräftiger und verständiger Lenkung des Steuerruders wir heute viel
zu danken hatten, war in den wenigen Augenblicken, in denen er vom
Untersteuermann sich ablösen ließ, hinabgegangen in die Kajüte und
hatte da vor dem Bild des Schutzpatrons mehr Lampen als gewöhnlich
und immer noch mehrere angezündet; der Capitän blätterte und studirte
sehr angelegentlich in seinen großen Seekarten; ich hatte die gute,
in Wassersnöthen etwas ängstliche Hausfrau vermocht hinabzugehen in
die Kajüte damit sie das Blitzen der Wolken und das Toben der Wellen
nicht mehr sähe. Während der wenigen Minuten in denen ich mich noch
länger auf dem Verdeck hielt (denn auch mich hatte der Schwindel der
Seekrankheit ergriffen) trat der Kapitän zu uns hin und erklärte daß
er es bei diesem Ungewitter auch nicht mehr rathsam fände den Lauf
gegen Patmos und sein Meer voller Klippen fortzusetzen, zur Förderung
unsrer Fahrt sey es ohnehin vortheilhafter geraden Weges nach Syra zu
gehen, wo wir, wenn dieser Wind uns nur einen Theil der Nacht bliebe,
am andern Morgen bei guter Zeit landen könnten. Und so ergaben wir uns
denn darein, Patmos auch diesmal nicht zu sehen, und suchten, auch um
die Bewegungen des Schiffsvolkes nicht zu hindern, unsre Lagerstätten.
Das Schwanken des Schiffes, das Anschlagen der tobenden Wogen, die
ihren Regenschauer über das Verdeck ausgossen, ließen uns nicht
einschlafen, und mich namentlich hielt noch ein andrer Nachtgedanke
wach. Der Lieblingsjünger des Herrn, der dort in der einsamen Stätte
ein Leben des Gebetes und der Gemeinschaft mit seinem Gott gelebt: St.
Johannes der Apostel, den noch jetzt ein frommer, im Orient wurzelnder
Glaube wie einen, in näherem Verbande mit der Kirche Fortlebenden
betrachtet, vereinte, mit der reichen Liebe seines Gemüthes zugleich
jenen Ernst gegen die Uebertreter, welcher es verbeut diese zu Hauße
zu nehmen, ja selbst nur zu begrüßen[197]. Ich war mir, selbst noch
auf dieser Reise, so vieler Unlauterkeiten und Uebereilungen bewußt,
daß ichs von Herzen erkannte: auch ich bin ein Solcher, den wohl der
von meiner Seele innig geliebte Apostel nicht hätte in seinem Hauße
aufnehmen und begrüßen sollen. Das will mir die Stimme sagen, mit dem
dräuenden Wetter vom Herrn, das mich nun schon zum zweiten Male von
der geweihten Wohnstätte des Jüngers hinwegschleudert. Ich will auch
dießmal mit einem, Gott gebe ernstlich beschämten und gedemüthigten
Herzen, an der lieben Insel vorübergehen, weiß ich doch, daß noch
eine andre erbarmende Liebe über mir waltet, welche reicher, stärker,
unermeßlicher ist, als selbst die eines heiligen Apostels: die Liebe
des Herrn, meines Arztes. Ja, bei Ihm vor Allem ist Gnade und
Vergebung!
Gegen Morgen schien das Meer etwas beruhigter; das Schiff schwankte
nicht mehr so stark; die Wogen schlugen nicht mehr so laut an seine
Seite; ich schlief noch ein wenig ein. Da ich aber nun hinaufkam aufs
Verdeck und fragte: ob wir wohl bald in Syra oder doch bei Paros seyen,
da zeigte man mir, vom Glanze der Morgensonne beleuchtet, Patmos, das
schon ganz nahe vor uns lag. Der unbeständige Wind hatte seine Richtung
wieder verändert, statt unser Schiff noch weiter nordwestwärts gegen
Syra hin zu fördern, hatte er uns wieder nach Osten verschlagen, und
hier in der Nähe von Patmos fast verlassen, denn gerade schien es
als würde abermals eine Windstille uns im Angesicht des ersehnten
Zieles fest halten. Dennoch gieng es, wenn auch langsam, vorwärts;
schon zeigte uns unser Capitän die Gegend, wo neben andern Häußern
der hochgelegnen Stadt das seinige sich befand, so wie das Kloster,
das durch seine Lage und seine Bauart ganz einer Akropolis gleicht.
Auch unten am Ufer (wir kamen zu der Insel von Südwest und Süden
her) zeigten uns die Matrosen allerhand Gegenstände, auf welche die
phantastische Volkssage einer späteren Zeit ihren Schimmer wirft. Der
eine, große Fels, der, von ferne gesehen, eine ohngefähre Menschenfigur
nachäfft, soll ein Erinnerungszeichen an den Dämon (Teufel) seyn, dem
das Volk der Insel, ehe St. Johannes diese betrat, göttliche Verehrung
bezeugte, weil er eine Menge dämonische Wunder verrichtet, sogar Todte
erweckt habe. Auch vor den Augen des Apostels wollte er ein solches
Wunder thun, »da habe ihn dieser durch seine höhere Macht selber in ein
Todtes, in diese schwarze Felsenmasse verwandelt, die noch jetzt von
unheilbringender Natur sey, indem sie allen, sonst eßbaren Seethieren,
die an ihr sich ansaugten, einen unerträglich widerwärtigen Geschmack
und giftige Eigenschaften ertheile.« Auch ein andrer Fels, die
versteinerte Jungfrau genannt, sollte durch eine Verwandlung entstanden
seyn, welchen der Fluch der Mutter über eine ungehorsame Tochter
herbeiführte, die, gegen das ausdrückliche Verbot der Mutter, an einem
Fasttag hinabgegangen war ans Meer, um da einen Fisch zu fangen. So
suchten die Seeleute sich und uns die lange Zeit des Verzuges zu
verkürzen bis wir endlich aus einer Bucht in die andre zum Hafen von la
Scala gelangten, in welchem unser Schiff noch vor Mittag Anker warf.
Wir ließen uns bald möglichst hinübersetzen ans Land; aber auch hier,
fast vor der Thüre der Häußer, mußten wir noch einige Gedult üben. Der
Aufseher der hiesigen, sogenannten Quarantäne, der vielleicht oben in
der Stadt war, mußte erst gerufen werden, um zu entscheiden ob wir ans
Land (auf dem wir freilich bereits saßen und stunden) dürften gelassen
werden oder nicht? Der gute Mann, da er endlich kam, fand keine Schuld,
noch Verdacht der Pest oder Cholera an uns; der Capitän, der sich
schon vorher, als Bürger der Stadt manche kleine Ueberschreitung der
Quarantäneregeln hatte zu Schulden kommen lassen, wurde, nach wenig
Worten und einer, nur mit scheinbarer Vorsicht geschehenen Besichtigung
seiner Papiere, durch traulichen Handschlag begrüßt; wir durften gehen,
wohin wir mochten.
Wohin hätten wir aber in diesem Augenblick, nach dem Mangel den wir
seit zwei Tagen auf unserm Schiffe ausgestanden, lieber gehen mögen als
nach einer Locanda oder Garküche, deren mehrere hier zu sehen waren, um
vor allem nur einen Bissen Brodes zu essen. Und in der wohlbestellten
Locanda, in deren offenstehende Thüre wir zuerst hineinblickten und
dann auch hineintraten, war mehr zu haben denn bloßes Brod; es gab da
Käse, Sardellen und recht wohlschmeckenden Samoswein.
Unser Capitän hatte, während wir unten am Hafen ruheten und aßen,
Botschaft nach der Stadt gesendet mit jenen Empfehlungsbriefen welche
der gütige Griechische Consul in Beirut mir dahin mitgegeben. Nach
einigen Stunden begrüßten uns mit herzlicher Einfalt einer der Männer
aus dem Magistrat der Stadt und ein Geschäftsführer des Klosters. Wir
stiegen mit diesen auf der gepflasterten Straße den hohen, steilen Berg
nach der Stadt hinan und besahen zuerst die seitwärts an diesem Wege
gelegne Grotte des heiligen Johannes mit der bei ihr gelegnen Schule.
Ein freundlicher Alter, von klugem Aussehen, begrüßte uns hier, und bot
uns nach Orientalischer Sitte die Süßigkeiten des Landes mit frischem
Wasser und Racky, dann Kaffee an. Die Wände der Schulstube waren mit
Landcharten und andern Materialien für den allgemein wissenschaftlichen
Unterricht bedeckt; die Schule, deren Lehrer sich zuweilen durch
rühmliche gelehrte Kenntnisse, namentlich in der Altgriechischen
Literatur vor Andren ihres Standes hervorthaten, hat den früheren
Menschenaltern mehrere tüchtige Geistliche und Geschäftsmänner erzogen;
sie wurde aus allen Gegenden Griechenlands von lehrbegierigen Schülern
besucht. Auch jetzt erhält sie sich noch in ihrem näheren Kreise einen
guten Ruf, obgleich sie mit den neuerdings besser eingerichteten
Schulen des eigentlichen Griechenlands auf keine Weise in die Schranken
treten kann.
Vor allem zog mich schon heute die in ein einfaches, kleines
Kirchengebäude eingeschlossene Grotte des heiligen Johannes an, mit
ihrer hehren Aussicht über die stillen, einsamen Buchten des Meeres
und ihre Felsenwände. Hier hat nach der wahrscheinlichen, auf uralter
Ueberlieferung beruhenden, aus dem Munde seiner frühesten Jünger
herkommenden Sage der Apostel während seiner Verbannungszeit auf
Patmos gewohnt; hier hat er seine Offenbarung der zukünftigen Dinge
empfangen. Heute war ich in dem ruhigen Genusse des hehren Ortes sehr
gestört, ich kehrte aber, während der Zeit unsers Aufenthaltes auf der
Insel täglich, oder auch wohl mehrere Male in einem Tage zu der Stätte
zurück, die mir eine der liebsten geworden ist, unter allen die ich auf
dieser ganzen Reise sahe. Ich saß dort zuweilen ganz allein auf der
hölzernen Bank in der Tiefe der Grotte, oder auch näher dem Fenster,
das den Hinabblick gewährt, in eine Gegend, deren erhabener Natur die
Majestät Gottes, die einst hier wandelte, ihre Fußtapfen vor vielen
andren sichtbarlich eingeprägt zu haben scheint. Ein Schweigen, das
zur Anbetung erhebt, geht da über das dunkle Gewände des Gebirges wie
über das Grün des Thales und das ruhende Wasser der Buchten; selbst die
Sichel der Schnitter, die sich am Bergabhange mit der Arbeit der Erndte
beschäftigten, regte sich, wie von Ehrfurcht gegen die heilige Grotte
gehalten, nur leise; in den schattigen Zweigen der Ceratonien wurde
kein Geschwätz der Cicaden vernommen.
Gleich bei unserm Hinaufkommen nach der Stadt, schon am ersten
Nachmittag unsers hiesigen Aufenthaltes besuchten wir auch das große
Kloster des h. Christodulos und seine Bewohner. Das Gebäude steht am
höchsten Punkte der Insel in so festem Schutze seiner hohen Mauern und
der steilen Felsenwände worauf diese gegründet sind, daß die Bewohner
der Stadt in früheren, stürmischen Zeiten hier gar oft Zuflucht und
Schutz gegen die Ueberfälle der Seeräuber und andrer Feinde fanden.
Jede Familie pflegte gewöhnlich ihre kostbarsten und werthvollesten
Sachen in das Kloster zur Verwahrung zu geben und nur für den
Augenblick des Gebrauches von dort zu holen, und noch jetzt hat sich
diese Gewohnheit erhalten. Die einst so vielgerühmte Bibliothek des
Klosters sahen wir an einem andern Tage. Sie ist ihrer bedeutendsten
Manuscripte schon längst beraubt; was man uns zeigte, das waren
Abschriften der Werke der Griechischen Kirchenväter; Geschichten der
Heiligen und Märtyrer; Fragmente von alten mit kostbarem und zierlichen
Fleiße gemachten Abschriften von einzelnen Theilen der heiligen
Schrift, so wie vollständige Copien, namentlich von dem Evangelium
und der Offenbarung Johannis; Psalmen mit uralten Notenzeichen; eine
Paraphrase vom Buche Hiob mit hinein gemalten Bildern, wie wir eine
ähnliche, jedoch schönere in der Bibliothek des Klosters am Sinai
gesehen hatten. Neben den Griechischen Manuscripten und gedruckten
Büchern von theologischem Inhalte, fanden sich, wie durch den übel
angebrachten Scherz eines reisenden Franzosen oder Engländers,
Französische Journale so wie einige Englische, und in beiden Sprachen
einige andere, sehr wenig hieher passende, zum Theil nichtswürdige
Schriften.
Unser gastfreier Capitän Kallos hatte uns genöthigt das Nachtlager in
seinem Hauße zu nehmen, das eine schöne Lage an der höchsten Stelle
der eigentlichen Stadt einnimmt. Von dem platten Dache überblickten
wir den größten Theil der Insel und ein weites Gebiet des Meeres; die
zärtliche, jugendliche Hausfrau des Capitäns pflegte, wie dieser uns
erzähle, auf diesem Dache, während der oft langen Abwesenheit ihres
Mannes, mit dem Fernrohr in der Hand die Schiffe zu betrachten, und zu
forschen ob nicht das ihres lieben Gemahles darunter sey. Unsre Zimmer
gränzten unmittelbar an jenes Dach an, auf dem wir noch am Abend, beim
Lichte der Mondsichel die erfrischende Luft athmeten. -- Nach der
beschwerlichen Seereise und der höchst unbequemen Schlafstätte im engen
Schiffe that uns die schöne Wohnung und gute Pflege auf der Insel des
heiligen Johannes ganz besonders wohl. Es war als hätte die sorgsam
liebende Hand eines Bruders uns hier die Herberge bestellt.
Wir brachten, zuletzt gegen unsren Willen, vier volle Tage, vom Montag
bis zum Freitag auf dem wahrhaft hehren Eilande zu; denn am Donnerstag
war das Himmelfahrtsfest der Griechen; dieses wollte unser Schiffsvolk
mit Recht nicht auf dem Meere, sondern in der lieben Heimath feiern.
Diese Zeit wurde von uns nach allen Kräften benutzt um die Insel und
ihre Bewohner kennen zu lernen.
Das Gebirge, woraus Patmos besteht, scheint vulkanischer Abkunft, man
sieht da nach allen Seiten dieselben, namentlich trachytischen und
basaltischen Gebirgsarten wie an den erloschenen oder auch an den
noch thätigen Vulkanen von Europa[198]. Der große Hafen der Insel
erscheint als ein ehemaliger Krater, dessen gähe, hohe Bergwände den
hier eingelaufenen Schiffen einen kräftigen Schutz gegen die Winde
gewähren. Außer diesem verlaufen sich noch eine Menge kleinerer
Meeresbuchten zwischen den ausgebreiteten Felsenarmen der Insel,
welche durch ihre Einsamkeit und Stille zu einem längeren Verweilen
einladen. Mehrere von diesen tragen die Spuren einer ursprünglich
trichter- (krater-) förmigen Gestalt an sich. Die dunkle (schwärzliche)
Färbung der Felsenmassen, das tiefe Blau des in ihrem Schutze ruhenden
Meereswassers, das Grün der einzelnen Schluchten, die sich von dem
Gebirge herabziehen, giebt der Landschaft einen Anstrich des Ernstes
mit unbeschreiblicher Milde vermischt.
Vom Hafen aus fällt die Form des Hauptgebirgskernes der Insel
am deutlichsten ins Auge. Man kann, wie ich dieß schon bei der
Beschreibung unsrer ersten Vorüberreise an Patmos erwähnte, den Umriß
dieses Centralgebirges mit der Gestalt eines mit halbausgebreiteten
Schwingen sitzenden, brütenden Adlers vergleichen. An den mittleren
Körper, auf dessen Haupte das festungsartige Kloster des h.
Christodulos und die umgebende Stadt liegen, schließen sich symmetrisch
zu beiden Seiten, wie Flügel, zwei etwas niedrigere Berge an, die sich
hinab nach dem Meere ausbreiten; wie Spitzen der Schwungfedern und
des übrigen Gefieders laufen zuletzt von ihnen die noch niedrigeren
Felsenwände aus.
Wer, mit einigem Rechte, zu den Hauptschönheiten einer Gegend die
schattigen Waldungen zählt, dem muß freilich Patmos Vieles zu
wünschen übrig lassen; denn keinen eigentlichen Wald, ja nicht
einmal ein Wäldchen giebt es hier. Die Schiffe bringen das Brenn-
und Bauholz eben so wie das meiste Getraide zur täglichen Nahrung
aus andern Gegenden her, und als während des Griechischen Aufstandes
lange Zeit keine Schiffe von der Insel ausliefen waren die Bewohner
genöthigt die wenigen wildwachsenden Bäume und die einzelnen Dickige
des Strauchwerkes abzuhauen, um, während des Winters, die nöthige
Feuerung zu haben. Wurzelausschläge von +Quercus coccifera+ und
+Ilex+ verriethen noch den ehemaligen Standort ihrer Stämme;
von Gesträuchen zeigte sich das Gebüsch der Gartenrose (+Rosa
centifolia+) deren Blüthenzeit schon vorüber war, so wie die
kretische Ladane (+Cistus creticus+) und das Gestrüpp des
+Spartium villosum+. Von andern Gewächsen und zum Theil blühend
das goldgefleckte Bilsenkraut (+Hyoscyamus aureus+), der kretische
Natternkopf (+Echium creticum+), das weichhaarige Geranium,
das stachliche Poterium (+Poterium spinosum+) u. a.[199]. Aber
wenn auch die freie Natur, ohne die Hülfe des Menschen der auch so
noch schönen Insel keine schattigen Waldungen gewährt, so werden
diese dennoch, bis zu einem gewissen Grade durch die Gärten und
Weinbergpflanzungen ersetzt die sich oben bei der Stadt, noch mehr
aber in den Schluchten des Gebirges finden. In ziemlicher Menge wächst
an den Felsrändern der Johannisbrodbaum (+Ceratonia siliqua+);
den Gärten gewährt der Wallnußbaum neben einigen Arten der Obstbäume
Schatten; der Wein welcher auf Patmos wächst gehört zu den feurigsten,
wohlschmeckendsten Weinsorten der Griechischen Inseln, und die Bewohner
verstehen die Kunst ihn mehrere Jahre aufzubehalten und hierdurch
noch zu veredeln. An Getraidearten baut man Waizen und Gerste, doch
nicht in hinreichender Menge für die Zahl der Bewohner und für die
Verproviantirung der eignen so wie der fremden Schiffe, welche nicht
selten, besonders in dem großen Hafen von La Scala einkaufen. Es
bestehet daher ein Hauptgewerbe der Schiffe von Patmos in der Zufuhr
von Getraide, vornämlich aus den Häfen des schwarzen Meeres, was
dann zum Theil wieder in andre Gegenden ausgeführt und dort verkauft
wird. An Thieren erhielten wir ein schönes, ziemlich großes wildes
Kaninchen, welches ein Bewohner der hiesigen Felsenklüfte ist, auch
das große, Griechische Rebhuhn sahen wir. In den Zeiten der Wandrung
wird dieses Eiland von mancherlei Zugvögeln besucht. An Fischen, und
zwar den mannichfaltigsten Arten, ist Ueberfluß; von Conchylien sahen
wir nur die allenthalben in diesen Küstengegenden gemeinen. Unter den
hier gefundenen Insekten zeichnen sich einige Arten aus der Familie
der Myrmeleonen aus. Von Hausthieren sind die bedeutendsten die
Ziege und das Schaaf, aus deren Milch ein sehr guter, berühmter Käse
bereitet wird. Esel und Maulesel dienen beim Transport und beim Reiten
hinauf nach der Stadt und hinab nach dem Hafen statt der hier nicht
gebräuchlichen Wägen.
Unsre jungen Reisegefährten hielten sich während des Tages meist unten
in La Scala, in einer ziemlich guten Locanda auf, in welcher auch wir
öfters aßen; bei Nacht aber schliefen sie auf dem Schiffe. Schon dieses
gab Veranlassung zu einem beständigen Verkehr zwischen uns und der
Meeresküste. +Dr.+ Roth war als Arzt von den Bewohnern der Stadt
sehr in Anspruch genommen und diese so wie die Mönche des Klosters
gewannen ihn so lieb daß sie ihn mit einer jährlichen Besoldung von
dreihundert Thalern zurückbehalten wollten. Für diese Summe hätte er
freilich nicht bloß alle Kranke der Insel, ohne auf weitre Vergeltung
Anspruch zu machen, behandeln, sondern auch alle dazu nöthigen Arzneien
herbeischaffen müssen. Obgleich unser junger Freund keine Neigung
bezeugte auf diesen Antrag einzugehen, hatte dennoch das Gerücht von
dieser Unterhandlung den größten Unmuth und Neid des Italienischen
(vorgeblichen) Apothekers erregt, der für Patmos die Stelle eines
Arztes vertritt.
Die Wanderungen durch die Höhen und Thäler der Insel gewährten einen
ganz besondren Genuß. Allerwärts stehen kleine Kirchen und Kapellen,
deren Stätten die fromme Sage mannichfache Bedeutung giebt. Hier
bei diesem Felsen war es etwa, wo der heilige Apostel einen Blinden
heilte; dort gab er dem todtkranken Sohne einer armen Mutter seine
Gesundheit wieder; hier an dieser Meeresbucht hat er, aus dem Ueberfluß
des Glaubens und der Liebe, ein Häuflein der Schiffbrüchigen gespeist
und gekleidet und sie durch seine Predigt vom Götzendienste zum
Christenthum bekehrt; dort auf jener einsamen Höhe pflegte er oft zum
Gebet sich zu sammeln; hier im Thale war es wo er den Schaaren der
Kinder und den Jünglingen von Christo dem Herrn erzählte; da an der
Küste segnete er, mit ihnen betend, zum letzten Male die Glieder der
kleinen, durch ihre zum höheren Leben geborenen Gemeinde, als er,
seiner Verbannung entlassen, nach Ephesus zurückkehrte. Auch von dem
Begründer des großen Klosters der Stadt, dem heiligen Christodulus der
in den Zeiten des Kaiser Alexius (gegen Ende des zehnten Jahrhunderts)
hieher auf die Insel kam und dessen Gebeine in der Kirche des Klosters
verwahrt werden, erzählt das Volk mancherlei an die Oertlichkeiten des
Eilandes geknüpfte Sagen.
Johannes, der Jünger des Herrn, hat bis auf unsre Zeit der Insel Patmos
ein geistiges Erbtheil, einen fortbestehenden Segen hinterlassen, der
sich an den Bewohnern zeigt. Die Insel ist nur von Christen bewohnt,
die sich nicht bloß (vorzüglich die Frauen) durch eine besonders
schöne Gestaltung des äußren Leibes, sondern auch der innren Natur
auszeichnen. Freundlichkeit, Demuth und Dienstfertigkeit scheinen bei
ihnen ziemlich allgemein zu herrschen. Während die Männer großentheils
das mühsame Geschäft der Schifffahrt, oder, (die Aermeren) der
Schwammfischerei betreiben, nähren die an Zahl sehr vorwaltenden Frauen
sich und die Kinder mit den kunstreichen Arbeiten ihrer fleißigen
Hände; denn solche Strickereien der Strümpfe und Mützen, an Feinheit
und Festigkeit werden kaum noch anderswo auf Erden gemacht, als die
sind, welche die Frauen in Patmos fertigen. Die Seeleute der Insel
rühmen sich mit Recht, daß aus ihrer Mitte, auch während der Zeit der
Zerrüttung durch die Griechische Revolution, niemals ein Seeräuber
hervorgegangen sey; die Frauen und Jungfrauen bewahren sich fortwährend
den guten Ruf der Keuschheit und Züchtigkeit; es ist noch jetzt fast
ohne Beispiel daß eine Wittwe sich wieder vermählt, denn man hält
dieses in Patmos nach 1. Timoth. 5, V. 12 für einen Bruch des ersten
Bundes, und eine junge Wittwe welche ich hier kennen lernte, eine
Schwester oder nahe Verwandtin der Frau unsers Capitäns schien mir in
der That eine solche zu seyn, wie sie der Apostel in der eben erwähnten
Stelle V. 5 beschreibt. Als ein äußres Zeichen der Zucht und Ehrbarkeit
der hiesigen Frauen kann man die musterhafte Reinlichkeit und Ordnung
betrachten, die wir in allen Häußern bemerkten. Für die Erziehung und
den Unterricht der Kinder wird nach bestem Wissen gesorgt.