eine sandige Insel, oder ein ödes, felsiges Eiland mit etlichen
Fischerhütten, wo man den Hunger stillen konnte, ein erquicklicher
Ausruhepunkt gewesen seyn; darum war die Freude doppelt groß, da wir
uns mitten in einen Lustwald versetzt sahen, schön und reich wie uns
die Beschreibung des Alterthumes die Umgebung der Tempel des Apoll oder
der Diana schildert.
~Cacamo~, vielleicht das Symena der Alten, liegt an einer
vieltheiligen Bucht welche gegen Südost von einer lang sich
hinziehenden Insel (Kakara?), nach Nord und Nordwest von der felsigen
Küste des Festlandes umgränzt wird. Von beiden Seiten, von dem Lande
wie von der Insel treten Vorgebirge und Riffe in das Meer, wodurch die
Wasserstraße desselben bald sich verengt, zur Breite eines Stromes,
bald aber sich wieder erweitert, zur Gestalt eines Sees. Der Sturm
konnte unser Schiff, da wo dieses vor Anker lag, nicht berühren; die
hohen Wogen welche außen vor der Bucht brausten hatten sich dort
innen in kleine, niedre Wellen verwandelt deren Plätschern gegen
den Felsen kaum vernehmbar war. Schon dieses, das Gefühl der Ruhe
und der Sicherheit, nach der vorhergehenden Unruhe, war etwas sehr
Wohlthätiges, aber die beiden Tage der ländlichen Erholung die wir in
Cacamo zubrachten, gewährten uns auch überdieß noch manchen Genuß, den
wir gerade hier in der Wüste der Gewässer nicht erwartet hatten.
Einige unsrer Matrosen fuhren in dem kleinen Boote nach der
nordöstlichen Küste hinüber, um dort aus einer Art von Schöpfbrunnen
Trinkwasser einzunehmen; wir begleiteten sie und nahmen auch unsre
arme, kleine Ziege mit uns, die schon so todesmatt vor Hunger war, daß
sie nicht mehr stehen konnte. Noch ehe die Matrosen ihren Wasserplatz
erreichten ließen wir uns an dem felsigen, dicht mit grünem Gebüsch
bewachsnen Ufer aussetzen; denn hier zog uns ein Gegenstand mächtig zu
sich hin, der uns deutlich wahrnehmen ließ daß wir uns auf klassischem
Boden befänden. Es waren die Ruinen einer weit ausgedehnten Nekropolis;
Sarkophagen von bedeutender Größe und nicht geringer Schönheit, in
solcher Menge, wie wir sie auf dieser Reise noch nicht beisammen
gesehen hatten. Wir setzten zuerst unsre kleine Ziege unter dem grünen
Gesträuch der Thymeläen und der Terebinthen ans Land; das arme Thier,
anfangs noch am Boden liegend, fieng sogleich an zu fressen und in
wenigen Minuten kamen seine Kräfte so weit wieder, daß es mit wankenden
Schritten sich selber ein passendes Futter aufsuchen konnte. Wir indeß
stiegen auf beschwerlichem Wege über das Gehäufe der Trümmergesteine
hinan, nach einigen der augenfälligsten Grabmähler. Auf einem von
diesen, das von einer Art von Hof umgränzt wird, welcher in den
Felsen gehauen ist, zeigt sich das Bild des Herkules mit der Keule,
in halberhabener Arbeit; an vielen bemerkt man Spuren Griechischer
Inschriften; diese sind jedoch so verstümmelt und verwittert daß man
nur einzelne Buchstaben zu erkennen vermag. Fast alle sind gewaltsam
geöffnet, und der Ort des Einbruches noch erkennbar, während bei andren
der herausgenommene Stein so gut wieder eingefügt ist, daß man sie auf
den ersten Blick für ungeöffnet halten könnte. Ein Matrose von einem
zweimastigen Griechischen Schiffe, das mit uns fast zu gleicher Zeit
in Cacamo eingelaufen war, erzählte uns am darauf folgenden Tage daß
vor zwei Jahren ein Englisches Linienschiff hier vor Anker gelegen sey
um die Küstengegend zu untersuchen und zu vermessen. Und da sollte
denn die Mannschaft jenes Schiffes jene (gewiß schon von mancher
früheren Hand geöffneten) Sarkophagen aufgebrochen haben. Ja der gute
Mann wollte noch mehr wissen: daß nämlich jene Engländer, die sich
aufs Schatzgraben verstunden, bei jener Gelegenheit mehrere Millionen
Zechinen gefunden und erbeutet hätten. Er erzählte dieses zunächst dem
+Dr.+ Erdl und da er diesen bei den Ruinen eines alten, viereckten
Gebäudes sitzen fand, dessen eine Wand aus einem einzigen Steine
besteht, fragte er ihn wie alt dieser Bau sey und um wie viel Fuß die
Erbauer solcher mächtiger Werke größer gewesen wären als die jetzigen
Menschen.
Wir trafen schon heute, am ersten Nachmittag unsers Hierseyns jene
Griechischen Pilgrime, die der Zweimaster in ihr Vaterland zurückführen
sollte, in der Nähe des Schöpfbrunnens, der sich nahe bei der
Nekropolis findet. Sie kamen von Jerusalem und hatten sich schon vor
länger denn drei Wochen in Jaffa eingeschifft. Ihre Fahrt war mithin
auch nicht begünstigter gewesen denn die Unsrige. Der eine von diesen
Pilgrimen bot mir alte Münzen, meist von Rhodus zum Verkauf an, hielt
sie aber im Preis so hoch daß ich nicht mit ihm des Handels einig
wurde.
Wir saßen und wandelten noch einige Zeit dort in der blühenden und
grünenden Einsamkeit der Gräber. In solcher Umgebung spricht selbst
die Asche der Todten mehr von der Hoffnung des ewigen Lebens und einer
alles erneuernden Wiederbringung des Leibes, als von den Kämpfen des
Sterbens. Auch unter Diesen, die man dort schlafen legte, hatten
wohl Manche das Geheimwort einer Hoffnung vernommen, die auf ein
noch künftiges Heil gerichtet war; einer Hoffnung, welche Den, der
sie auf rechte Weise ins Herz faßte nicht zu schanden werden lässet.
Es hatte sich abermals über unser Erwarten so gefügt daß wir den
Sabbathsvorabend in einer äußren Stille und Ruhe zubringen durften
welche auch die Seele zum Erfassen und Empfinden jenes Friedens
geschickter macht, der ein uralter, von der Menschenseele so oft
verscherzter Segen des Sabbathes ist.
Unsre Matrosen, nachdem sie uns ans Schiff gebracht hatten, machten
sich noch zu einer andern Fahrt auf, nach dem kleinen von Griechen
bewohnten Dorfe, das jenseit eines Felsenvorsprunges, etwas ostwärts
von der Nekropolis liegt. Sie wollten dort Lebensmittel für uns und für
sich einkaufen. Einige unsrer jungen Reisegefährten begleiteten sie und
nahmen die kleine Ziege mit sich, welche wir, um sie nicht wieder dem
Hungertod auszusetzen, hier zu lassen beschlossen. Eine junge Griechin
nahm das Geschenk mit Freuden an und versprach das schöne Thier
treulich zu pflegen bis es groß und alt wäre, damit sie durch dasselbe
vielleicht eine ganze Nachkommenschaft solcher Ziegen gewinnen könne.
Unsre Freunde brachten einen Ueberfluß an Lebensmitteln mit sich, von
denen wir uns schon heute ein nach den Entbehrungen der letzten Tage
sehr gedeihliches Abendessen bereiteten.
Es gehört schon in dem gewöhnlichen, ruhigen Verlauf des Lebens,
zu Hauße, im lieben Vaterlande zu den besondren Vergnügungen des
Sonntages, wenn man ihn nach einer arbeitsvollen Woche, draussen auf
einem Dörflein, zwischen den waldbewachsnen Felsen feiern darf. Da
hört man am Morgen, bald nach dem ersten Zwitschern der Schwalbe das
Geläute der Frühglocke und ehe noch die Nachtigall ihr Morgenlied
vollendete, tönen die Glocken die zum Morgengottesdienst rufen;
drinnen im Kirchlein bricht der Strahl der Sonne durch das Fenster
beim Altar herein und auch ein innres Licht der Freude, das Leib und
Seele durchdringt, ist aufgegangen; das Leben hat sein Alltagsgewand
abgelegt; wie ein schweres Dach sind die Sorgen und Unruhen der Woche
hinweggenommen; ungehemmt sonnt sich das Pflänzlein der Ewigkeit, das
im Dunkel nicht gedeihen kann in dem vollen Glanze einer Sonne der
Geisterwelt. Vieles von dem das ein Frühlingssonntag in einem Dörflein
der Heimath schon von selber mit sich bringt, vermißten wir freilich
in Cacamo; man hörte hier keine Frühglocken, kein Geläute das zum
Gottesdienst rief, nirgends war eine Kirche der Christen zu sehen.
Als wir aber heraustraten aufs Verdeck da erschienen uns die wilden
Felsen mit ihrem dunkelgrünen Laubwald und Gebüsch, in der Frische
des Morgenthaues und im Glanz des anbrechenden Tages wie verklärt;
selbst unser Schiffsvolk hatte ein sonntägliches Gewand angethan;
der abnehmende Mond stund hoch am Himmel. Im Anblick der Nekropolis,
deren weiße Sarkophagen aus dem Gebüsch der Daphne hervorschimmerten,
empfieng selbst der Inhalt des heutigen Evangeliums, das den Blick
hinüber in die Welt, jenseit des Grabes eröffnet, eine ganz besonders
eindringende Kraft und wir erfuhren auch dießmal daß der innre Frieden,
den die Feier des Sabbathes in die Seele ausgießt, nicht an die Mauern
der Kirche allein gebunden sey.
Bald nach sieben Uhr ließen wir uns ans Land führen, an welchem wir
einen großen Theil des heutigen Tages zubringen wollten. Nach einem
kurzen Verweilen in der Gegend der gestern besehenen Nekropolis begaben
wir uns nach dem Griechischen Dörflein um von dort die ansehnliche,
alte Burg zu besteigen, welche uns ostwärts von unsrem Ankerplatz
ins Auge fiel. Wir besuchten unsre kleine Syrische Ziege, bei der
Hütte der armen Bäuerin, die den hungermatten Fremdling bei sich
aufgenommen hatte. Das Thier konnte auch jetzt nicht stehen, sondern
lag wiederkäuend im Schatten eines Baumes weil es das langentbehrte
Futter in zu großen Uebermaß genossen hatte. Die Kinder der Bäuerin
freuten sich ungemein an dem schönen Thiere, zu dem sie liebkosend sich
hingesetzt hatten. Unter dem Schatten eines Terpentinbaumes, dessen
kleine, ölgebende Früchte schon anfiengen sich zu röthen, genossen auch
wir ein Frühstück der süßen Milch und des frischen Brodes und stiegen
dann den Hügel zur Burg hinan. An seinem Abhange, noch mehr aber in
der Nähe der Akropolis selber stehen die Reste mehrerer alter, zum
Theil prächtig gewesner Gebäude. Von ihrer vormaligen Schönheit und
Festigkeit zeugen zum Theil noch die Portale mit gerinneten Säulen;
die Trümmer des Frieses; die starken Gewölbe und Bögen. Die Burg ist
von vormals starken, jetzt aber sehr verfallenen Mauern umgeben. Eine
zerbrochen daliegende, eiserne Kanone bezeugt daß man auch hier mit
Waffen der neueren Kriegskunst kämpfte; im Innren der Burg selber aber
erinnert namentlich das sehr gut erhaltene, kleine Amphitheater an
Zeiten die noch kein Krachen der Kanonen hörten. Ein kleines, am Hügel
gelegnes Gebäude schien, wenn auch seine ursprüngliche Bestimmung eine
andre war, als Kirchlein oder Kapelle im Dienst des Christenthumes
gewesen zu seyn.
* * * * *
Die Aussicht von den freien Punkten des alten Schlosses, dessen
Aufseher uns ein Türke zu seyn schien, ist herrlich. Zunächst über
eine breite, allenthalben von waldigen Felsen umgebene Bucht auf der
Ostseite der Burg, an deren jenseitigem Ufer noch eine ungleich größere
Menge von Ruinen ins Auge fällt, als in der unmittelbaren Nähe von
Cacamo gefunden werden. Einige von uns fuhren später in einem Boot das
einem hiesigen Fischer gehörte hinüber an dieses Ufer und betrachteten
da die Reste eines kleinen, schönen Tempels so wie mehrere prachtvolle
Gebäude, vor allem aber die jenseitige Nekropolis, deren Ausdehnung und
Menge der schönen Sarkophagen auf die vormalige Nähe einer ansehnlichen
Ortschaft schließen lässet. Das Bett eines kleinen Winterstromes
scheint sich weit von Norden her nach dieser Bucht herein zu ziehen,
welche durch die Stille ihres klaren Meerwassers und durch die Gestalt
ihrer grünenden Ufer an einige unsrer schönsten Gebirgsseen erinnert.
Jene Meerenge mit ihren Buchten muß einst mit mehreren Städten oder
Flecken bebaut gewesen seyn, welche sich vielleicht durch die Nähe der
schönen Stadt Myra belebten. Diese Stadt, welche Theodosius +II.+
zur Hauptstadt von Lycien erhub wird zwar von Malte Brün[195] für
identisch mit Cacamo gehalten, doch spricht hiergegen der weite Abstand
beider Orte, welche nach der Behauptung unsers Capitäns so wie der
hiesigen Griechen drei bis vier Stunden beträgt. Die Griechen kennen
noch fortwährend die dortigen, sehr bedeutenden Ruinen, die in der Nähe
eines neueren Oertleins Strumita (gleich wie Ephesus bei Ajasaluk)
liegen, unter dem alten Namen Myra; nicht weit von dort ergießt sich
der kleine Fluß Limgrue (Limyris) ins Meer. Aus Myra brachten die
Venetianer im Jahr 1101 die Gebeine des h. Bischofes Nicolaus von Myra
und zweier seiner Vorgänger im Bisthum mit sich nach Hauße: als einzige
oder vorzüglichste Ausbeute ihres Zuges nach Palästina, wo sie Kaipha
erobern halfen.
Im Schatten der Bäume und eines Seitengebäudes, auf den verfallenen,
steinernen Stufen sitzend, lasen wir da die erste Epistel des Johannes.
Ja, es bleibt dabei, daß Dieser, von welchem die Gotteskraft der Liebe
zeuget, ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben.
Unten im Dörflein fanden wir auch die beiden jungen Doctoren die sich
in Wald und Gebüsch ergangen und manche schöne Erinnerungszeichen an
Cacamo mit sich gebracht hatten[196]. Bei unsrer Griechischen Bäuerin
genossen wir ein leichtes Mittagsmahl von Eiern, saßen und wandelten
dann noch lange in der Nähe des Dorfes im Gebüsch und am Ufer und
kehrten erst spät am Nachmittag nach dem Schiff zurück, wo wir auch
jetzt noch nicht ruhig sitzen blieben sondern nach einem nahe beim
Schiff gelegnen Felsenhügel uns überfahren ließen.
Schon heute Abend sahen wir unsre Schiffsleute Vorbereitungen zur
Abfahrt treffen. Der Capitän hatte im Dorfe lassen Brod backen, aber
so groß der Vorrath desselben uns schien, war er dennoch, wie sich
später zeigte für die unerwartet lange Dauer unsrer weiteren Fahrt
nicht ausreichend; auch Fleisch, mit welchem der Koch uns schon heute
gespeist hatte, Eier und einige lebendige Hüner waren aufgenommen
worden; so meinten wir bis nach Syra oder Athen ganz zureichend
ausgestattet zu seyn. Noch vor Tagesanbruch lichtete man die Anker; die
Segel stunden bereit, den Wind, der uns hinausführen sollte aus der
Meerenge, zu empfangen, er aber wollte lange nicht kommen; endlich,
anderthalb Stunden nach Sonnenaufgang machte sich ein Lüftlein vom
Gebirg auf und half uns wenigstens bis in die Nähe des Ausganges nach
dem Meere, dann aber mußte das Fahrzeug durch die Matrosen welche
sich bald an dieser, bald an der entgegengesetzten Seite auf die
Felsenklippen begaben, mühsam vollends hinausgezogen werden. Es hätte
dieses mühsamen Erzwingens der Weiterfahrt nicht bedurft, denn kaum
hatten wir das offne Meer erreicht da gebot uns dennoch der starke
Westwind, der sich um Mittag in heftigen Sturm verkehrte, von neuem
Stillstand; wir kreuzten und schwebten den ganzen Tag auf den Wogen
ohne die Nähe von Castell rosso zu erreichen; Mehrere von uns waren
seekrank. Auch in der Nacht, obgleich der Wind sich gelegt hatte, war
das Schwanken des Schiffes so mächtig, seine Wogen schlugen so heftig
an die Planken des Schiffes, daß der Schlaf meist verscheucht wurde.
Bald nach Sonnenuntergang stürmte uns wieder der Westwind entgegen,
der uns so zurückhielt, daß wir, bei allem Hin- und Herkreuzen nur
wenig über Castell rosso hinauskamen. In jener fast fortwährend
seekranken Stimmung, in der wir uns befanden, war uns die Bemerkung
unsers Capitäns: daß dieser heftige Wind wohl noch acht Tage anhalten
könne, keine sonderlich tröstliche; aber wie unzuverläßig dergleichen
menschliche Voraussagungen seyen das zeigte uns schon der heutige Tag,
denn der Sturm legte sich bald nach Mittag. Auch am darauf folgenden
Tage, Mittwochs den 31sten Mai hatten wir nur in den Vormittagsstunden
mit dem ungünstigen Winde zu kämpfen und als wahre Kreuzritter gegen
ihn zu kreuzen; am Nachmittag waren Luft und Meer still und ruhig.
Zugleich erfreute uns hier ein prachtvolles Panorama, das die nahe
Küste uns aufthat. Tief im Lande sahe man die hohe Gebirgskette des
Taurus mit ihren zackigen, von Schnee bedeckten Gipfeln sich von Ost
gegen Westen hinziehen und auf einer Anhöhe, ganz nahe an der Küste
zeigten sich die sehr augenfälligen Ruinen von Patara, dem Delphi des
Ostens. Denn hier fand sich jener Hain und Tempel des Apollo, dessen
Orakel das berühmteste in Kleinasien war. Seine Enthüllungen des
Verborgenen und Künftigen, seine Aussprüche und Beantwortungen der
Fragen wurden für eben so tief eindringend und treffend gehalten als
die des Apolls zu Delphi, und, gleich als ob der Gott in verschiednen
Zeiten des Jahres seinen Aufenthalt wechsle, hielt man dafür daß
die beßte Zeit um Weissagungen zu vernehmen für Delphi der Sommer
für Patara aber der Winter sey. In Westen der Anhöhe, auf der die
großartigen Ruinen von Patara prangen, fällt der kleine, Lycische
Xanthus ins Meer, an dessen Mündung die Stadt Xanthus lag, die durch
einen in hoher Achtung stehenden Tempel des Sarpedon berühmt war.
Bei Patara selber fand sich in alten Zeiten ein vortrefflicher,
jetzt von den Anwürfen des Meeres verschütteter Hafen. Durch diesen
wurde sie, eben so wie Myra, zu einem jener Landungsplätze an denen
der Apostel Paulus auf einigen seiner Reisen verweilte, so daß ihr
Name noch jetzt in dem Herzen des Freundes der heiligen Geschichte
liebliche Erinnerungen weckt. -- Mit der Aussicht in Norden verband
sich auch eine nach Westen, denn man konnte in weiter Ferne die Gebirge
von Rhodus wahrnehmen. Doch vor allem anziehend war der Anblick der
majestätischen Tauruskette und jener von Patara, dessen wir genossen
bis ihn die einbrechende Nacht uns entzog. Diese blieb still; wir
konnten heute ziemlich ruhig schlafen.
Der erste Juni wäre auch bei stürmischem Meere und ungünstigem Winde
ein Lust- und Freudentag gewesen, denn heute vor zwei und zwanzig
Jahren nahm ein Leben seinen Anfang das mir so wie Tausenden von Seelen
als ein Baum erscheinet, in dessen Schatten es gut zu wohnen ist, weil
an seinem Wesen die tiefgehende, den Grund festhaltende Wurzel des
Deutschen Eichbaumes mit der Milde der Griechischen Olive vereint ist;
der aufwärts nach dem Lichte gehende Wuchs der Palme mit den Kräften
der Nahrunggebenden, demüthig nach unten geneigten Aehre. Außer der
Freude aber, die schon das lebendigere Andenken an den werthen Fürsten
dieses Tages uns Allen gewährte, fieng sich auch gleich der Morgen
sehr glücklich für uns an, denn wir hatten endlich einmal günstigen
Wind. Zwar hielt dieser, anfangs aus Osten dann aus Nordost wehend
nur zwei Stunden lang an, dann kam wieder Windstille, wir waren
jedoch in diesen beiden Stunden weiter vorwärts gekommen als vorhin
in zwei Tagen, denn wir sahen nun Rhodus, die wohlbekannte Insel ganz
deutlich vor uns. Als wir am Mittag eine uns Allen theure Gesundheit
trinken wollten da wurde bemerkt daß das große Gefäß mit trefflichem
Wein, mit welchem die Gastfreundlichkeit des guten Herrn Thesee mich
versorgt hatte, fast leer war, obgleich ich während der beständigen
Neigung zur Seekrankheit es nur selten berührt hatte, und eine ähnliche
Bemerkung hatte sich unsern jungen Freunden in Beziehung auf das
Fäßchen mit Libanonwein aufgedrungen, das für sie in dem Schiffsraum
aufbewahrt wurde, in welchem die Matrosen ohne Aufhören bald Dieß
bald Jenes zu schaffen hatten, während von uns äußerst selten Jemand
hinunterkam. Gute, theilnehmende Seelen schienen da oft und viel auf
unsre oder wer weiß auf welche Gesundheit getrunken zu haben und wir
hätten es ihnen gern vergönnt, wenn sie uns dafür nur bessren Wind zum
Vorwärtskommen hätten machen können. Wir feierten den Festtag noch auf
andre Weise, indem wir am Abend unsre besten, schönsten Lieder sangen,
wie uns denn die ersten Worte die wir heute am Morgen lasen, zu »Lob-
und Freudengesängen« ermuntert hatten. Auch dem Auge wurde noch an
diesem Abend ein festliches Schauspiel zu Theil, denn wir sahen die
Gebirge der Kleinasiatischen Küste in wunderschöner Beleuchtung, und
erkannten schon in ziemlicher Deutlichkeit die gute Stadt Rhodus, in
der es uns so wohl gegangen war. Vor der untergehenden Sonne zeigten
sich (atmosphärische?) Erscheinungen welche durch ihr scheinbar
unverändertes Feststehen an einem bestimmten Punkte der Scheibe großen
Sonnenflecken glichen.
Während der ganzen Nacht vom 1sten auf den 2ten Juni hatte der
ungünstige Westwind angehalten, doch kamen wir mit Hin- und Herkreuzen
durch diesen Wind wenigstens so weit daß wir mit der Stadt, die wir
in deutlicher Nähe erblickten, parallel stunden. Wir aßen heute das
letzte Huhn gemeinschaftlich auf und auch die andern Lebensvorräthe
waren nahe am Ende; namentlich konnte man voraussehen daß der Wein
unsrer jungen Freunde kaum noch für den nächsten Tag ausreichen würde.
Und doch konnte man in Rhodus nicht einlaufen, theils weil der Wind
es nicht zuließ, theils aber auch weil so eben die Pest, wie man uns
dieß in Beirut und in Cacamo gesagt hatte, in der Stadt wüthete. Vor
Sonnenuntergang hatten wir noch einen Theil der Insel vor uns (bei
Trianda?) dessen Landschaft zu den malerisch schönsten gehört, welche
die fruchtbarste Phantasie sich träumen könnte. Das Oertlein meist
hinter Bäumen verborgen; Berge deren tafelförmig abgeschnittener Gipfel
von einem lichteren Grün begleitet ist mit welchem das dunkle Grün der
waldigen Schluchten und Thäler einen kräftigen Gegensatz bildet; an
manchen Stellen die ernsten Schattengestalten großartiger Ruinen.
Auch Symi hätten wir begrüßen können; denn da uns der Westwind bei der
jetzigen Richtung unsers Schiffes als Seitenwind förderlich war, kamen
wir am Sonnabend den dritten Juni nahe an jener Insel und an Knidos
vorüber. Wie gern wären wir am Lande gewesen, denn es hatte heute
nur sehr schmale Bissen gegeben, da auch der aus Cacamo mitgenommene
Brodvorrath zu Ende war. Unser Capitän vertröstete uns auf Cos
(Stanchio) wo er mit großer Sicherheit am andren Morgen Anker zu werfen
hoffte und wo ja eine Fülle aller Lebensmittel zu erwarten stund. Für
meine beiden jungen Aerzte und auch für mich hatte der Gedanke, die
Geburtsinsel des großen Altmeisters unsrer Kunst: des Hippokrates zu
sehen etwas sehr Anlockendes und wir ergaben uns gern in das Loos des
heutigen Hungers, in Hoffnung der morgen zu erwartenden Sättigung.
Aber die Sicherheit mit welcher unser Capitän Kallos von den
Begegnissen des andern Morgens gesprochen hatte, zeigte sich doch,
als dieser erwünschte Morgen kam, als eine unsichre und täuschende.
Schon während der Nacht hatte sich häufig die Windstille angemeldet;
bei Sonnenaufgang nahm sie völligen Besitz vom Meere und schien
Herrscherin dieses Tages werden zu wollen. Zugleich trübte sich der
Himmel und es drohete mit Regen. Da saßen wir denn, nach einer fast
dreiwöchentlichen Fahrt, fast wieder an derselben Stelle fest, wo wir
schon auf der Hinreise von Smyrna nach Aegypten von widrigen Winden
und Windstille waren festgehalten worden; denn in unverrückbarer
Gleichförmigkeit blieb zu unsrer Linken (südwärts), die nordwestliche
Seite von Rhodos, zu unsrer Rechten (nordwärts) das durch die Hinfahrt
und ein mehrtägiges Verweilen an seinem Fuße so wohlbekannte Gebirge
von Symi stehen. Aber es war heute der Tag des Herrn; wir hatten in dem
Worte der Friedensbotschaft das auf diesen (zweiten Trinitatis-Sonntag)
gerichtet ist von Einem gelesen, dessen erbarmendes Mitleid ohne
Aufhören ausgehet das Verirrte und Verlorene zu suchen; diesmal waren
wir auch leiblich Verirrte auf dem weiten Meere, die gern in der
Heimath gewesen wären, und konnten doch aus der Wüste des Wassers den
Weg nicht herausfinden; der Glaube gedachte es würde schon wer kommen
der uns heraushälfe; in meinem Herzen war die zuversichtliche Hoffnung
erwacht: noch heute werde uns Hülfe von dem Herrn kommen.
Bis zu den ersten Stunden des Nachmittags sahe es freilich nicht
so aus als sollte die Hoffnung erfüllt werden. Denn wenn sich auch
unser Schiff durch die Strömung des Wassers bewegt zuweilen ein wenig
drehete, so blieben doch Rhodos und Symi, so wie der Felsenarm der
Küste bei Knidos immer an derselben Stelle und in derselben Nähe.
Dazu bekam die stille, beschauliche Stellung in der wir verharrten
noch eine ganz eigenthümliche Farbe durch das Gefühl von Nüchternheit
welches wir empfanden. Denn da das eßbar erscheinende Brod im Schiffe
gänzlich aufgebraucht war, wurde aus den untersten Räumen, einer alten
Kiste das uneßbar scheinende hervorgesucht: jenes verdorbene und zur
Seite geworfene das unsre Schiffer zum Futter der Schweine und Hüner
aufbehalten hatten. Freilich war da vielleicht manches auch von unsren
Mahlzeiten zu Boden gefallene Bröcklein darunter, aber das meiste war
doch wurmig und schimmlig, dazu staubig und schmutzig, bekam deshalb,
ins Wasser geweicht einen Beigeschmack, welcher verschaffte daß man
sich nicht der Unmäßigkeit hingab.