Allmälig füllten sich jetzt die Räume mit unsren Geräthschaften und mit

unsren Lebensvorräthen für die Reise, zu denen der gütige Herr Thesee

noch einen Korb voll köstlicher, süßer Orangen und eine große, mit

Stroh umflochtene Flasche voll trefflichen Weines gefügt hatte. Die

theilnehmende Aufmerksamkeit dieses Freundes erwieß sich auch dadurch,

daß er an diesem ganzen Tage, gleich als ob eine vornehme Herrschaft

im Abreisen begriffen sey die Griechische Flagge auf der Zinne des

Mauerthurmes wehen ließ, bei welchem seine Wohnung liegt. Und obgleich

wir uns, um den vielbeschäftigten Mann nicht noch einmal zu bemühen,

schon am Morgen bei ihm verabschiedet hatten, ließ er uns dennoch durch

seine Janitscharen, welche bei dem Transport unsrer Geräthschaften

überall Hülfe und Aufsicht geleistet hatten, sagen, daß er noch einmal

ans Schiff kommen werde um uns zu sehen und glückliche Reise zu

wünschen.

Mehrere unsrer am Lande gebliebenen Reisegefährten waren so klug

gewesen noch einmal zu Herrn Battista zu gehen und da zu essen.

Mich hatten die schaukelnden Bewegungen des Schiffes, deren ich

ganz entwöhnt war und wohl niemals ganz gewöhnen werde, so übersatt

gemacht, daß ich in nüchterner Trunkenheit mich am Bord festhalten

mußte, und daß mir die herrliche Aussicht nach dem Libanon und dem

reichen, grünenden Ufer gar bald selbst bei heitrem Himmel getrübt und

geschwärzt wurde. Doch wurden die Augen und Sinnen nach einigen Stunden

wieder hell.

Meine Hausfrau und ihre Freundin waren jetzt im Ehrengeleite des

Griechischen Herrn Consuls und seiner liebenswürdigen Nichte, so wie

der beiden Janitscharen gekommen, bald erschien auch der Capitän des

Schiffes und mit ihm alle noch am Lande verspätete Mitglieder unsrer

Reisegesellschaft. Mit dankbarer Liebe nahm ich Abschied von dem guten

Herrn Thesee der sich durch die vielen Beweise seiner uneigennützigen

Freundschaft ein unvergängliches Denkmal in meinem Herzen gesetzt

hat. Sein Boot fuhr ab, während man den Anker gelichtet und die Segel

aufgespannt hatte; mit Hülfe eines schwachen, vom Lande kommenden

Windes segelten auch wir, bald nach fünf Uhr des Abends ab. Mein Auge

konnte sich von dem Anblick des Landes nicht trennen, so lange es Tag

war; die Strahlen der untergehenden Sonne und dann der hellen Dämmrung

warfen noch lange einen rosenröthlichen Schimmer auf die Schneegipfel

des Libanon als die Gegend der Küste schon im Schatten schwebte; bald

aber war Alles entschwunden was uns an das liebe Land erinnerte, nur

der Widerschein des Mondes begleitete mit zitterndem Schritte den Gang

des Schiffes über die Wogen.

Unten in der Kajüte hatte der alte Steuermann das Lämplein vor

dem Bilde des Schutzheiligen des Schiffes: des heiligen Johannes

angezündet und schien uns erinnern zu wollen daß es Zeit sey über

die Anordnung unsrer Lagerstätten uns zu vereinen; in die, von einer

Unzahl lebendiger Bewohner schon eingenommene Kajüte hatte niemand

sonderliche Lust sich hinabzubegeben; endlich entschloß ich mich doch

unter mancherlei Vorsichtigkeitsmaßregeln den nächtlichen Kampf zu

bestehen und auch meine Hausfrau suchte sich an einer minder gefährlich

scheinenden Stelle dieses kleinen Räumleins eine Lagerstelle auf,

während die andern Alle es vorzogen lieber, in der warmen, heitren

Nacht auf dem Verdeck zu bleiben. Und wir Alle wurden bald durch das

gleichmäßige, sanfte Bewegen des Schiffes und den einförmigen Ton

der anschlagenden Wellen in einen gesunden, wenn auch zum Theil oft

unterbrochnen Schlaf gewiegt.

Am Mittwoch den 17ten Mai sahen wir noch in großer Deutlichkeit und

seiner ganzen Ausdehnung von Nord nach Süd den Gebirgszug des Libanon;

die Gegenden der Syrischen und Phönizischen Küste zogen sich wie ein

blaulich-grüner Streifen an seinem Fuße hin. Nach wenig Stunden, als

die Sonne uns stärker ins Gesicht stund, verschwanden die niedrigeren

Gegenden der Küste wie ein Traumbild, und als nun der Wind, so schwach

er auch wehte, uns dennoch ein wenig weiter nach Westen führte,

sahen wir bald nur noch das Haupt des Libanon aus dem Bad der Wellen

hervorstehen. Das Meer ließ sich durch das schwache Lüftchen, welches

kaum noch am Segel bemerkbar war, in seiner tiefen Mittagsruhe nicht

stören; es wurde bald so glatt als ein Spiegel und nach Sonnenuntergang

trat gänzliche Windstille ein. Die warme, stille Nacht ward uns durch

das Mondlicht erhellt.

Am Morgen des 18ten Mais erhub sich wieder ein schwacher Lufthauch

der sich von Zeit zu Zeit in die Segel legte und uns ein wenig weiter

führte, dazwischen aber immer wieder aussetzte. Heute sahen wir die

Gebirge von Cypern deutlicher, welche Einige von unsern Reisegefährten

schon gestern Abend bemerkt haben wollten. In der Nacht war es zwar

windstill, das Meer aber dennoch bewegt, so daß wir ein starkes

Schaukeln des Schiffes spürten. Unsre jungen Freunde erzählten sich

beim Erwachen allerhand wunderliche Träume, welche dieses Bewegen

der Lagerstätte in ihnen aufgeschüttelt hatte. Uebrigens machte

es keinen besonders angenehmen Eindruck auf uns, da wir uns beim

Hinausschauen auf das Meer fast noch ganz auf demselben Flecke sahen

als gestern beim Anbruch der Nacht. Und selbst heute, Freitags den

19ten Mai sahe es, wenigstens am Vormittag, mit unsrem Fortkommen nicht

besonders tröstlich aus. Der Wind spielte zwar zuweilen ein wenig mit

unsern Segeln, dann aber, als beliebte ihm ein andres Spiel besser,

verließ er uns und regte an einer andern Stelle das Meer auf. Einige

Unterhaltung gewährten uns die Delphine, welche truppweise, in mehreren

Abtheilungen, an unserm Schiff vorbeischossen, auch Vögel flogen

über uns hin, denn das Land kam dennoch, wenn auch langsam näher. Am

Nachmittag wurde der Wind (aus Norden) etwas kräftiger; unser Capitän

vermuthete aus mehreren Zeichen einen nahen Sturm; das Meer kam nach

Sonnenuntergang in stärkere Bewegung, es bauete vor unsren Augen, als

wollte es uns an etwas in weiter Ferne Gesehenes erinnern, eine große

Pyramide, hundertfach größer als die des Cheops, statt der Steine aus

lauter Lichtmassen auf; denn der Widerschein des Mondes bildete auf den

Wogen einen langen Lichtstreifen der in der Ferne mächtig breit, gegen

das Schiff wie eine Pyramide sich zuspitzte. Nur bis gegen 11 Uhr des

Nachts hielt der Wind an, dann wurde es wieder ganz still.

Sonnabends den 20sten Mai hatten wir einen großen Genuß. Cypern, die

reiche, schöne Insel, nach Sizilien selbst an Umfang und Flächeninhalt

die zweite des Mittelmeeres, lag ganz deutlich und nahe vor unsern

Augen und breitete vor uns seine schönen, fruchtbaren Thäler so wie

die grünenden Höhen aus. Wie schmerzlich mußte es gerade uns, den

Freunden solcher Forschungen seyn, daß wir an dieser Insel, die schon

von den ältesten Zeiten als ein Paradies der Naturforschung anerkannt

war, kaum landen, geschweige auf ihr uns ergehen durften. Denn die

Quarantäne hatte auch um diese schöne Insel gegen alle Schiffe die

aus dem Morgenland kamen ein eisernes Gitterwerk gezogen, durch

welches der Reisende wie ein vorüberziehender, hungernder Vogel auf

die reife Traube, die von einem Netz umsponnen ist, nur vergeblich

sehnende Blicke werfen konnte. Das was wir zuerst, gerade in Norden

vor uns sahen war die Gegend von Larnaka, in dessen Nachbarschaft

das alte Citium lag; eine von den neun alten Hauptstädten der Insel,

deren ansehnliche Ruinen wir deutlich zu erkennen vermochten. Hier

starb Cimon, der Athenienser, gleich nach Eroberung der, während der

Zeit der Perserkriege von einem eigenen König beherrschten Stadt;

hier ward Zeno, der Begründer der Stoischen Schule und Apollonius der

Arzt geboren. An dem alten Namen dieser bedeutenden Handelsstadt, an

Citium wollte schon Josephus die Abstammung von dem nach älteren, in

der heiligen Schrift vorkommenden Namen Chitim[193] erkennen, und noch

jetzt heißt das benachbarte Vorgebirge gegen Westen Cap Chiti. Wir

sahen ziemlich viele Schiffe auf der Rhede liegen.

Das Gebirge von Cypern erscheint von hier aus gesehen in besondrer

Schönheit; denn da sein Hauptrücken fast in der Richtung von Ost gegen

West mitten durch die Insel verläuft, sieht man denselben von Süden

aus, fast in seiner ganzen Ausdehnung. Gegen das Cap Chiti und die

Bucht von Larnaka zieht sich ein hoher, zum Theil schroff abfallender

Seitenzweig des Hochrückens nach Süden herunter; der höchste Gipfel

des ganzen Gebirges ist der Kreuzberg (+monte croce+) der sich

auf der westlichen Hälfte der Insel erhebt und welchen wir den ganzen

Tag vor Augen hatten. Zwar hat die vormalige Zierde dieser Gebirge,

jener dichte Wuchs der Wälder durch welchen sich die Cultur des Landes

in der ältesten Zeit nur mühsam ihre Bahn brach, so unmöglich dieß

vielleicht den Alten geschienen hätte, großenteils der verheerenden

Wuth einer spätern Barbarei, vornämlich der Türkischen weichen müssen;

dennoch sieht man noch immer an vielen Stellen der Insel Waldungen

und Buschwerk. Vormals lieferte Cypern das Zimmerholz für ganze

Flotten der Schiffe, und noch jetzt giebt es seinen Bewohnern für die

Errichtung ihrer kleinen Fahrzeuge das nöthige Holzwerk und dabei

Brennmateriales die Fülle. Denn wenn auch die Hochwaldungen zum großen

Theil verschwunden sind so bleibt dennoch Cypern ein Eldorado, ein Ziel

des Sehnens und Suchens für den Botaniker wie für den Mineralogen, und

gewiß auch in einem verhältnißmäßig nicht viel minder reichem Maaße

für den Zoologen. Wer den Plinius gelesen, der wird sich erinnern

daß kaum ein andres Land der Erde so oft als Fundort der Arten des

edlen Gesteines, der Metalle, der Erden, der heilbringenden Gewächse

genannt ist denn Cypern. Hatte doch das Kupfer von dieser Insel, auf

der es sich in ungemeiner Fülle fand und noch finden ließe, einen

seiner Beinamen, so wie einige selbst den Namen der Zypresse aus

demselben Stamme ableiten wollten. Die Heilkünstler des Alterthumes,

wenn sie die Stoffe zu ihren wirksamsten Arzneien weithin, über Land

und Meer aufsuchten, verweilten in keiner andern Gegend so lange und

mit so günstigem Erfolge, denn in Cypern und Creta; ein Erklärer

oder Uebersetzer des Dioscorides sollte mit den Büchern dieses alten

Kräuterkenners in der Hand vor allem nur die Gebirge und Thäler von

Cypern durchwandeln; denn wie in einen Brennpunkt versammeln sich

hier die Strahlen der Kleinasiatischen, der Syrischen und selbst der

Nordafrikanischen Flora. Es wäre uns bei all' unsrer Armuth, fast

leichter angekommen bei den offenstehenden Thüren eines Schatzhaußes

des Crösus als bei solcher Insel, mit leeren Händen vorüberzuziehen.

Etwas, so wenig es auch war, durften wir dennoch mitnehmen. Nach drei

Uhr des Nachmittags kamen wir endlich an die Bucht von Limasol, wo

unser Schiff Anker warf um Wasser und Lebensmittel einzunehmen. Wir

ließen uns überfahren an den von hohen Staketen umzäunten Platz der

Quarantäne, über dessen Gränze es nicht erlaubt war hinauszugehen.

Durften wir doch auf diese Weise den Boden von Cypern betreten

und konnten mit eignen Augen wenigstens einige Geschiebe seiner

Gebirgsarten sehen und aufsammeln. Was wir sahen waren fast lauter

Trümmer von Urgebirgen: Gneus und Glimmerschiefer, häufiger noch die

Hornblendehaltigen Trapparten. Unter den zertrümmerten Schaalen der

Seeschnecken zeigten sich auch die der zarten Schlechtpurpurschnecke

(+Janthina fragilis+) die wir an der Küste von Beirut gesehen

hatten.

Die hiesigen Griechischen Unterhändler machten sich unsre Abtrennung

von dem eigentlichen Markt der Lebensmittel zu nutze; sie ließen

sich für die getrockneten Fische, für Eier, Brod und Wein von

uns ungewöhnlich viel bezahlen, obgleich von allen Reisenden die

Wohlfeilheit von Limasol gerühmt wird. Dafür waren es aber auch die

Brosamen von einer alten Göttertafel; denn hier bei Limasol lag einst

das uralte, hochberühmte Amathus, bei welchem Aphrodite mit besonderem

Wohlgefallen verweilte. Hier prangten einst die Tempel des Jupiter wie

der Venus und des Adonis; der Ort war reich durch seinen köstlichen

Wein und seine Kupferminen. Noch jetzt wächst, fast nur bei Limasol und

in seiner Nachbarschaft jener süße, feurige Wein, den man in Europa

unter den ausschließenderen Namen des Cypernweines kennt, denn der

Wein den man in den meisten andern Gegenden der Insel baut gleicht

an Geschmack und Güte kaum dem gewöhnlichen, rothen Tischwein der

Provençe. Da wo das alte Amathus gestanden, einige oder etliche Stunden

ostwärts von unserm Ankerplatz sieht man noch Ruinen. Das jetzige

Limasol ist nach allen Seiten von Gärten und Weinpflanzungen umgeben;

mitten im Schatten hoher Zypressen, Feigen und Maulbeerbäume prangen

stattlich aussehende Landhäußer; nahe beim Ufer stehen einige hohe

Dattelnpalmen. Unter den meist niedern Gebäuden des längs dem Strande

sich ausbreitenden Städtchens zeichnen sich zwei Moscheen und eine Art

von Fort aus.

Wir blieben da auf unsrer dürren Steinwiese des Quarantäneplatzes

bis um 8 Uhr des Abends, dann aber, weil ein leichter Landwind sich

erhub, lichtete unser Schiffsvolk die Anker und wir bemühten uns, bei

hellem Vollmondsscheine um das, in niedrige Landzunge auslaufende

Cap Guta herum zu steuren. Bei dieser Gelegenheit war unser Fahrzeug,

wahrscheinlich durch die Schuld des jüngeren Steuermannes, der bei

Limasol auf unsre Gesundheit viel Wein getrunken hatte, einige Male

in naher Gefahr auf Untiefen aufzulaufen. Die Segel wurden meist

beigelegt und wir fuhren erst am andern Morgen, den 21sten Mai um

das Vorgebirge herum. Es war heute Sonntag und noch dazu das schöne

Dreifaltigkeitsfest; wir durften auch auf unsrem armen Schifflein es

erfahren daß das Brod des Lebens auf dem fernen Meere eben so wohl

schmeckt und so stärkend ist als daheim auf dem Lande. Das Wasser war

still und spiegelglatt; der Wind bis gegen 9 Uhr des Vormittags zwar

nicht ungünstig aber sehr schwach; dann aber erhub sich auf einmal, zu

unsrer großen Freude, um 9 Uhr ein so kräftiger und dabei vollkommen

günstiger Wind aus Südost als wir auf unsrer ganzen diesmaligen

Seereise noch nicht gehabt hatten; unser Schiff zog mit vollen Segeln

über den bewegteren Wasserspiegel, so daß wir in jeder Stunde fünf

Miglien zurücklegten und Cypern bald ziemlich weit hinter uns ließen.

Die Wirkungen eines solchen günstigen Windes auf die Reisenden zur See

sind überaus auffallend. Die Bewegung eines Schiffes das den Wind ganz

in Pupa (hinter sich) hat, sind, bei aller Schnelligkeit, gleichmäßig

und sanft; die rasche Bewegung durch die Atmosphäre, die Aufregung der

kühlen Meeresfluth erzeugen eine Frische welche alle Räume des Schiffes

so wie alle Glieder des Menschenleibes durchdringt. Doch genossen wir

heute dieser Erquickung nur kurze Zeit; schon um 1 Uhr legte sich der

Wind und bald trat eine gänzliche Windstille, mit großer Schwüle und

leichter Trübung der Luft ein.

Als wir am Montag den 22sten Mai uns wieder auf dem Verdeck fanden,

da erhub sich zwar ein Wind, und zwar ein ziemlich starker, aber

dieser war uns eben nicht förderlich denn er bließ uns gerade aus der

Richtung entgegen nach welcher wir hin wollten: aus Nordwest. Dieser,

unter andern Umständen so gute, vaterländische, nur gerade uns nicht

erwünschte Wind hielt den ganzen Tag an. Es kamen heute mehrmalen

einzelne Gesellschaften von hoch aufspringenden Delphinen an unser

Schiff; einer von den jungen Reisegefährten schoß auf ein großes Thier

dieser Art, das er auch verwundet zu haben schien. Nicht ohne Verdruß

und Aengstlichkeit sahen dieses unsre Schiffer, denn ihnen ist der

Delphin in gewissem Maaße ein geheiligtes Thier, dessen absichtliche

Verletzung, wie sie meinen, Gefahren und Unglück für die Seefahrer

nach sich zieht, und ich bin überzeugt daß diese guten Leute einen

Theil des verhältnißmäßig vielen Ungemachs das uns auf der weiteren,

gemeinschaftlichen Seereise traf, jenem verübten Frevel zuschrieben,

so wie auch (denn dieß ließ uns der alte Obersteuermann bei mehreren

Gelegenheiten merken) unserem »immerwährenden« Lesen und Schreiben.

Gegen Abend ließ der Wind nach und bald bekamen wir eine gänzliche

Windstille. Wir hatten diesen ganzen Tag kein Land, nur Meer und Himmel

gesehen.

Jener wackre Postillon, der dem armen Lohnkutscher seine Pferde

vorspannte und ihm den schweren Wagen, in welchem gar ungedultige

Reisende saßen, über den Berg führen half, wurde hierzu durch die

Gedult des Mannes bewogen, die ihn gerührt hatte. Denn als er in die

Nähe des Wagens kam, vor welchem die Pferde gelähmt von Müdigkeit

dastunden und aus welchem die Reisenden sehr heftig herausschimpften,

fragte er den Fuhrmann warum er sich so schimpfen lasse und worauf er

bei so später Nacht warte? Ich dulte, antwortete dieser, es gerne, denn

ich warte auf die Hülfe des Herrn.

Jene Hülfe, die sich uns am Dienstag Morgen, den 23sten Mai nahete und

uns einen frischen Seitenwind vorspannnte, der das Schiff doch wieder

eine kleine Strecke vorwärts brachte, konnte in der That hierzu weder

durch unsre (wenigstens nicht durch meine) Gelassenheit noch durch

den Glauben bewogen seyn; denn von dem rechtschaffenen Glauben heißt

es ja, daß er Gedult wirke[194], und meine Seele war seit etlichen

Tagen durch Ungedult ganz entstellt, weil wir noch immer wie die

gestrigen Sonnenbeobachtungen unsers Capitäns gezeigt hatten, zwischen

dem fünf und sechs und dreißigsten Grade der Breite und dem acht-

und neun und vierzigsten Grade der Länge herumschwebten. Darum war

es recht gut daß die Gelassenheit noch etwas besser geprüft wurde,

damit ihr vermeintlicher Inhaber erkennen lerne auf wie schwachen

Füßen sie stehe. Denn das ist gewiß, eine bessere Schule der Gedult

für ungebärdige Reisende kann es nicht geben als die Fahrt auf einem

Segelschiff. Da hatte uns nun heute Morgen die Vorspann des Windes

wieder um etliche Meilen weiter gebracht, auf einmal verließ die Luft

unser Segel und wir stunden abermals unbeweglich still auf einem

Flecke, da im Meere, wo wir doch gar nichts zu thun hatten! Dazu war

heute auch der Himmel etwas getrübt und die Luft sehr schwüle.

Lieber ein Sturmwind als gar kein Wind, sagten gestern Mehrere von

uns, zu denen selbst ich unbesonnener Weise gehörte, und nun schien es

als könnte auch dazu Rath werden. Der Mond war in der Nacht glühend

roth (Sturm bedeutend) aufgegangen, nach 2 Uhr des Morgens ließ

sich ein Brausen, wie das eines fernen Donners vernehmen, welches

immer näher kam und lauter wurde bis plötzlich ein heftiger, aus

Süden kommender Windstoß die Segel ergriff und das Schiff so auf die

Seite legte, daß die meisten nicht fest gemachten Gegenstände ins

Bewegen geriethen. Das Schiffsvolk sprang auf, man hörte schreien

und laufen; die Segel einziehen, und, da der Wind gemäßigter wurde

wieder aufspannen; eine halbe Stunde lang hielt das Bewegen der Luft

an, welches uns ein Stück Weges gegen Norden hinschob, dann kam unsre

gewöhnliche, langweilige Gesellschafterin: die Windstille wieder, sammt

der großen Mittagsschwüle. Am Abend, da es kühl ward auf dem Verdeck,

saßen wir beisammen auf den leeren Hünersteigen und erzählten uns

Geschichtlein, worauf besonders Herr Franz sich sehr wohl versteht.

Um 11 Uhr ergötzte uns ein Feuerwerk des Gewässers: das Leuchten des

Meeres. Die Nacht war wieder ganz windstill; ob wir weiter gekommen

seyen konnten wir freilich beim Umherblicken am Morgen des 25sten Mais

nicht wissen, denn so wie gestern sahen wir auch heute nichts denn

Himmel und Meer; nirgends ein Land das dem Auge zum Anhaltspunkt dienen

konnte. Und doch schien sich der heutige Tag nicht übel anzulassen,

denn mit dem Emporsteigen der Sonne erhub sich ein heftiger Seitenwind,

der anderthalb Stunden anhielt und uns wieder sieben bis acht Seemeilen

weiter brachte, dann wurde die Luft von neuem so schwach daß ein

Schubkärner, auch wenn er jede Viertelstunde einmal eingekehrt oder

ausgeruht hätte, dennoch viel weiter gekommen wäre als unser Schiff.

Und Jeder von uns wäre lieber am Lande mit einem Schubkärner zu Fuße

gegangen und hätte sogar selber mit ziehen oder schieben helfen,

als hier im Schiff gesessen; denn der Karrenschieber hätte doch

wahrscheinlich ein hinreichendes Stück Brod für uns gehabt, in unsrem

Fahrzeug aber waren die Lebensmittel so zusammengegangen daß außer den

rohen Zwiebeln und eingesalznen Oliven, welche die gewöhnliche Kost

unsrer jungen Freunde ausmachten, und außer etlichen Orangen sammt

dem schwarzen Kaffee für uns Aeltere, nichts zu essen da war als ein

sehr wurmstichiger Schiffszwieback, der unseren verwöhnten Gaumen

damals noch gar nicht schmecken wollte. Am meisten war bei dieser Noth

die arme, junge Ziege zu bedauern, welche durchaus nichts als Grünes

fressen wollte, und, da uns dieses ausgieng, und auch keine Rüben

oder rohen Kartoffeln mehr da waren, langsam hinsiechte. Die beiden

Chamäleons hatten den kurzen Lebenslauf schon überstanden und ihr

Grab in einer Weingeistflasche gefunden; die scheeweißen Lachtauben

hatten Eier, über denen sie zärtlich brüteten; die beiden Bull Bulls

waren munter und sangen uns noch zuweilen ihre Lieder. In der Nacht

leuchtete das Meer wieder sehr schön; +Dr.+ Erdl, der einige

Tropfen der leuchtenden Flüssigkeit sammt ihren kleinen phosphorischen

Thierlein durch den Eimer aufschöpfen wollte, gerieth in Gefahr, da

ein plötzlich erwachender Windstoß das Schiff stark auf die Seite

legte. Dieser Windstoß, dem bald noch mehrere Gefährten folgten, war

der Vortrab des Sturmes den wir am Freitag den 26sten Mai bekamen, und

welcher am Mittag so heftig aufstund, daß keiner von uns den Mangel der

Lebensmittel fühlte, weil die Eßlust bei allen vergangen war. Doch so

lästig uns dieser neue Reisegefährte erschien, der, weil er gerade aus

Westen kam, das Schifflein, statt vorwärts nach Europa, vielmehr wieder

rückwärts führte nach Asien, so brachte er unsern Augen dennoch einen

großen Trost, nach welchem es sich lange vergebens gesehnt hatte: wir

sahen schon am Morgen, noch deutlicher aber in jeder weitren Stunde,

die Küste von Lycien und dann die Bucht von Castell rosso vor uns,

in welcher unser Capitän einzulaufen beschloß. Obgleich das heftige

Bewegen des Schiffes auch in uns die Bewegung des Schwindels geweckt

hatte, so daß uns das Aufrechtstehen schwer ankam, wollte doch jeder

gern Zeuge des erwünschten Augenblickes seyn in welchem das Schiff den

sichern Hafen erreichte. Und da waren wir denn schon am Eingang der

Bucht, der zu beiden Seiten durch felsige Vorgebirge umschlossen wird:

noch einige Minuten günstiger Wind und wir sind darinnen. Aber diese

Minuten wurden uns nicht, denn da wir eben einlaufen wollten kam ein

heftiger Windstoß aus Nordost, der uns von neuem zurückschleuderte

ins Meer. Noch ein und etliche Male wurde das Landen versucht, es

gelang aber nicht; wir mußten, da jetzt der Abend kam, das offnere

Meer suchen, auf dem wir die ganze Nacht auf und nieder geworfen

wurden. Auch am Sonnabend den 27sten Mai, als uns der 31ste Psalm die

Worte zugerufen »seyd getrost und unverzagt Alle, die ihr des Herrn

harret,« schien anfangs die Hülfe noch sehr fern, denn eine Stunde lang

mislangen alle mühsamen Versuche Castell rosso zu erreichen. Da gab

endlich unser Capitän dem Sturmwind nach und ließ von ihm das Schiff

mit vollem Segel gegen Osten treiben, so daß wir in drei Viertelstunden

einen großen Weg bis in die Nähe von Cacamo machten. Hier aber schien

es als erhielte der Wind Contreordre, denn nach einer kurzen Windstille

kamen Stöße aus Osten die uns noch einmal mit nach Castell rosso zu

nehmen versprachen. Doch siegte zuletzt wieder der vaterländische Wind

aus Westen der uns gerade im günstigsten Augenblick zu Hülfe kam, so

daß wir bald nach 9 Uhr des Vormittags wohlbehalten und innig froh in

die Meerenge und in den sichren Hafen von Cacamo einliefen, welcher

drei bis vier Stunden westwärts von Myra, der vormaligen Hauptstadt von

Lycien, gelegen ist.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 28 / 41 段