Herrn Thesee zum Gasthof zurück. Der Aufenthalt in den schwülen
Zimmern war, nach so langem Verweilen in der freien Luft, schwer zu
ertragen: wir giengen hinaus durch das nahe beim Gasthof gelegne
nordöstliche Thor der Landseite, auf den Türkischen Begräbnißplatz,
dessen Nachbarschaft einen der schönsten Punkte der Aussicht über Land
und Meer gewährt. Ohnehin sind zur Beschauung des hehren Libanon,
welcher hier seinen Fuß im Meere badet, dort aber den Scheitel in die
beständige Wohnung des Schnees erhebt, in dieser Gegend der Küste die
Nachmittagsstunden die besten, weil dann alle seine Schluchten und
Kuppen im vollen Glanz der Sonne stehen. Denn Beirut gleichet seiner
Lage nach einem Hauße, dessen Fronte mit all ihren Fenstern gegen
Westen stehet und auf welches deshalb die Strahlen der Nachmittags-
und Abendsonne in voller Stärke auftreffen, darum ist es auch hier,
wie dieß der Fremde gar bald empfindet, so gewaltig heiß. Doch von
dieser Hitze hatten wir jetzt, in den ersten Tagen des Maies nur
noch wenig zu leiden, wir genossen deshalb in ungestörterem Maße die
Schönheiten dieser Gegend, welche einem goldnen Gefäß gleichet in
welches der Libanon die ganze Fülle seiner Naturgaben hineinströmen
lässet. Wie ein Hausvater, dessen Scheitel die schneeweiße Locke des
Alters bedeckt, und dessen höchste Lust es ist den Kindern und Enkeln
Nahrung und Erquickungen zu reichen, steht dieser herrliche Berg da;
sein Hochrücken träget die nützliche Bürde des Holzes, unter seinen
Armen hält er die vollen Garben des Getraides, in seinen Händen die
Becher des köstlichsten Weines und des Oeles, zu seinen Füßen sind
die goldnen Früchte der Hesperiden hingeschüttet. Wie uns überhaupt
alle die vorzüglichsten Früchte der Gärten und Felder, alle unsere
edleren Hausthiere aus dem Vaterland unsers eignen Geschlechtes, aus
Asien herüber kamen, aus welchem sie der Mensch auf seinen Wanderungen
über die andern Länder der Erde, mit sich zuerst nach unserm Abendland
brachte und von da sie mitnahm, selbst über das Meer hinüber nach der
andern Halbkugel; so kann man namentlich hier, am Fuße des Libanon,
einen Inbegriff aller Gaben unsers Haushaltes in solcher Kraft und
Fülle beisammen sehen, wie an wenig andern Orten der Erde. Unten an
der heißen Küste ist ein Land der Palmen, der Orangen und aller der
edelsten Südfrüchte; weiter hinan gedeihet das Obst, vor allem aber der
Wein aufs Herrlichste; auf die Waldungen der Oelbäume folgen die der
Pistazien, der Wallnüsse, zuletzt die Arten des kräftigsten Getraides.
Und wie sich hier fast alle Gewächse der Gärten und Felder mit
veredelteren Kräften zeigen, so hat selbst am Libanon das unscheinbare
Geschlecht der Fichten seine höchste Form: die Ceder entwickelt.
Als wir hier waren stund, namentlich in der Nähe des Türkischen
Begräbnißplatzes die Menge der Azedarachbäume in voller Blüthe; in
der Luft schwirrten mit lautem Geschrei, die unzählbaren Schaaren des
buntfarbigen Bienenfressers; im schattigeren Gebüsch und im Dickig der
Bäume hörte man noch den Gesang des Bullud oder der Orientalischen
Nachtigall, der uns schon bei Akaba, am rothen Meere durch seinen
volltönigen Wohlklang erfreute.
Unter den mächtigen Seestädten der westasiatischen Küste, in denen das
betriebsame Volk der Phönizier alle Gaben und Reichthümer der Länder
versammlete, hat sich Beirut noch am meisten einen Schatten des alten
Wohlstandes erhalten. Die andren Nachbarkolonien von Sidon, und sie
selber die Mutterstadt, die so reiche, große, sind in die tiefste
Unbedeutenheit versunken, denn wer könnte an dem armseligen Saida
noch eine Spur der Herrlichkeit bemerken, womit die Königin unter
allen Handelsstädten der alten Welt angethan war; wer sollte in dem
kleinem Sur das mächtige, reiche Tyrus wieder erkennen. Noch immer
nimmt sich aber Beirut mit seinen Mauern und Thürmen sehr stattlich
aus; dieses alte Berytus, dessen uraltes Herkommen und Wichtigkeit
Skylax (42) rühmet; welches nach Plinius Zeugniß die Pflegstätte einer
hochansehnlichen Rechtsschule war[188], in den Zeiten der Kreuzzüge ein
Spielball des Kriegsglückes, den dieses bald in die Hände der Christen,
bald wieder in die der Mohamedaner warf. Die Zahl der Bewohner der
jetzigen Stadt soll sich auf 9000 belaufen; es wohnen in ihr, unter
den Türken, Arabern und Drusen des Gebirges, sehr viele Christen der
Griechischen und Römischen Kirche; die Maroniten wie die Griechen haben
hier einen Erzbischof; auch die Zahl der Engländer und Amerikaner,
welche in Beirut und seiner Umgegend wohnen, ist nicht unansehnlich
und diese sind im Besitz einer englischen protestantischen Kapelle.
So fanden wir in dieser Seestadt, mitten unter dem Völkergemisch
der westasiatischen Küste einen Zusammenfluß aller Europäischen
Nationen und selbst jenes Welttheiles, der ein kräftiger Ableger der
Europäischen Lebenskräfte ist; am Hafen wie an öffentlichen Plätzen
vernahm man die verschiedensten Sprachen der Europäischen Länder,
mitten unter den Gesprächen der Araber und Türken. Das Hauptgeschäft
des hiesigen Volkes ist, wie schon erwähnt, die Zucht der Seidenwürmer
und die Verarbeitung ihrer Gespinste. Der größeste Theil der Umgegend
ist mit Maulbeerbäumen bepflanzt, jenem Gewächs, welches das traurige
Loos trifft daß es heute noch im vollen Schmuck der Blätter stehet,
morgen aber wie mitten im Winter von der Hand des Menschen entlaubt
ist. Diese Einrichtung fiel auch unserm Auge nicht wenig lästig, denn
wir fanden nach wenig Tagen auf jenen Lieblingswegen am Meere hin, die
uns anfangs den dichtesten Schatten gewährt hatten, keinen Schutz mehr
gegen die Strahlen der Sonne.
Beim Abendessen im Gasthof warf der St. Simonist, von welchem ich
schon sprach, sein Senkblei mitten in unsre Unterhaltungen aus, um
zu forschen ob unsre Gesinnungen und Ansichten für ihn ein fahrbares
Wasser darböten. Er war am Sinai und in den meisten Gegenden von Syrien
und Palästina, welche wir besucht hatten, gewesen, drückte sich aber
über die Absichten seiner Reise und über das was ihm in diesen Ländern
und den Erinnerungen welche sie wecken das Bedeutungsvolleste gewesen
sey so geheimnißvoll aus, daß wir ihn nicht verstanden. Wir dagegen
redeten über den nämlichen Gegenstand so unverholen und einfältiglich,
daß er bald sahe woran er mit uns sey und von nun an sich wenig mehr
mit uns zu schaffen machte.
Am Sonntag besuchte ich in Gesellschaft des freundlichen Herrn Thesee
den Kaiserlich Russischen Herrn Consul Chasseaud, an welchen ich auch
einen Empfehlungbrief hatte. Ich wohnte, mit herzlicher Theilnahme und
freudiger Erhebung dem Englischen Gottesdienste bei, der in seinem
Hauße gehalten ward. Schon an diesem Tage fand ich den theuren Eli
Smith, den berühmten Reisenden durch Armenien und nun auch durch die
Arabische Wüste und Palästina, wieder, den ich schon in Smyrna hatte
kennen gelernt. Durch ihn und bei ihm lernte ich die Herren Herbart,
Thompson und noch mehrere edle Amerikaner so wie Engländer kennen,
deren Begegnung mir für Geist und Herz ein unschätzbarer Gewinn war.
Könnte nur die That den Dank für die Freundlichkeit und Güte dieser
Männer besser aussprechen als die Zunge es vermochte. Meine Stimmung in
Beirut war die eines Reisenden, der so eben sein Zelt abbrach und der
schon mit dem einen Fuß im Steigbügel steht, während noch ein theurer
Freund, unversehens über das Feld kommt und ihn begrüßt. Mein Herz war
in der That nicht mehr bei mir in Syrien, da ich nach vollendeter Reise
durch Palästina hier an der Küste stund, jeden Augenblick zur Abreise
bereit, sondern es war schon vorausgeflogen nach der lieben Heimath.
* * * * *
Die Woche vergieng unter den Beschäftigungen des Briefschreibens und
allerhand Vorbereitungen zur Reise. Die jungen Freunde, geschmückt,
statt des Lorbeers mit den noch seltneren Zweigen und Früchten der
Ceder, waren, wie wir vorhin sahen, wieder zu uns gekommen; die
Freundin mit ihrer felsenfesten Natur hatte sich, bis gegen Ende der
Woche so weit wieder erholt, daß sie das Zimmer und Haus verlassen,
und auch die Umgegend von Beirut sehen konnte. Wenn der Morgen und
Vormittag zu den etwa nöthigen Geschäften der Hand verwendet waren,
dann brachten wir den Abend an dem reichen Meeresstrande und bei den
Resten des Phönizischen wie des Griechischen Alterthumes dieser Küste
oder bei Herrn Thesee zu, dessen Wohnung, auf den alten Festungswerken
der Stadt, eine herrliche Aussicht über die Landschaft darbietet.
Eben dieser unermüdlich gefällige Freund bereitete uns auch noch
einen seltenen Genuß der Sinnen, als er mich und meine jungen Freunde
am Tag vor Pfingsten, der nach unserm Calender der 13te Mai war, zu
einer nationalen Feier des ersten Mais (denn der Griechische Calender
hat sich hinter dem eigentlichen Lauf der Sonne um etwas verspätet)
nach St. Dimitri einlud. Unter dem Schatten der Bäume, an einem
Punkte welcher die unvergleichlichste Aussicht über die Gegend der
Küste, so wie über die Stadt und weit hinaus nach dem Meere gewährt,
waren Haufen von abgehauenen Zweigen, mit Teppichen bedeckt und mit
Rosen bestreut zu Ruhesitzen, ein andrer, größerer Haufen von Aesten
und Blüthenzweigen, auf ähnliche Weise zu einem Tisch umgestaltet,
an welchem man uns die edelsten Gaben des Landes, namentlich einen
achtzigjährigen Cyperwein (Herr Thesee ist selbst ein Cypriot) darbot.
Wir tranken da aufs Wohl des jungen Königes, dessen Andenken auch alte
Herzen erwärmt und begeistert, und auf die meines hochgeliebten Königes
von Bayern. Die Stimmung der kleinen Gesellschaft war so fröhlich,
als sie es bei einem Maifeste in solcher Gegend und Umgebung zu seyn
vermag. Auf dem Rückwege zeigte uns noch unser gütiger Führer und
Gastfreund das von Bäumen umschattete Gartenhaus in welchem Lamartine
so manche Stunden des Genusses, wie des tiefsten Leides und Schmerzens
verlebt hatte. Da wurde im vervielfachten Maße jene Theilnahme wach,
die in uns das Lesen seiner Beschreibung des Aufenthaltes in Beirut
erregt hatte.
Eine unerwartete Freude wurde uns zu Theil, als wir auf einmal unsern
treuen Reisegefährten durch die Wüste, den Herrn Krohn mit seinem
Arabischen Bedienten, den großen Koch Abd er Wached, in unsrem Gasthof
hereintreten sahen. Unser unermüdeter Freund hatte von Jerusalem aus
noch mehrere interessante Wanderungen, namentlich in die Gegenden
ostwärts vom Jordan gemacht und wollte jetzt mit einer der nächsten
Gelegenheiten wieder nach Alexandria gehen um sich auf einem dortigen
Dampfschiffe nach Europa einzuschiffen. Wir hätten, wie wir dieß
später erst einsahen, sehr wohl gethan diesem Beispiel zu folgen,
denn als wir mehrere Wochen nachher, nach überstandner Quarantäne
in Syra die Bekanntschaft des dortigen Russischen Herrn Consuls
machten erzählte uns dieser daß Herr Krohn noch ehe wir nach Syra
kamen und die Quarantäne antraten die seinige schon vollendet hatte
und abgereist war. Wir aber waren damals durch die Erfahrungen die
wir schon einmal mit der Segelschifffahrt gemacht hatten noch nicht
klug genug geworden; die Versicherung die wir von mehreren Seiten
hörten: daß jetzt im Mai die beste Zeit zur Ueberfahrt nach Europa
sey, weil man in dieser Jahreszeit fast mit Sicherheit auf günstigen
Wind rechnen könne, machte uns geneigt noch einmal den Versuch mit
einem Segelschiff zu machen. Hatten wir doch ein Beispiel, wie gut
ein solcher Versuch gelingen könne, ganz nahe vor uns. Denn eine
Deutsche Familie, deren Bekanntschaft wir zu unsrer großen Freude noch
in Beirut machten und mit welcher unsre Seelen bald ein innigeres
Band als das der bloßen Landsmannschaft verknüpfte, hatte erst vor
Kurzem den Weg von Marseille bis hieher mit einem Segelschiff in
sechs oder sieben Tagen zurückgelegt und dasselbe Glück konnte ja
auch uns zu Theil werden. Wozu dann, so dachten wir, den Umweg noch
einmal über Alexandria machen, da uns ja unsre gute Hoffnung den
geraderen Weg an Cypern vorüber nach Griechenland als einen eben so
schnell zu beendigenden vorspiegelte und überdieß eine solche Fahrt
nach unsrer Rechnung ungleich weniger kostete. Aus diesem Grunde
fuhren wir fort uns, wie wir gleich bei unsrer Ankunft gethan hatten,
nach einer guten Segelschiffgelegenheit umzuthun, und nachdem wir
schon etliche Fahrzeuge besehen, davon uns das eine, Türkische zu
klein, ein andres, Französisches zu theuer geschienen, wurden wir
zuletzt, noch vor Pfingsten mit einem Griechischen Capitän aus Patmos
handelseinig, welcher gleich nach den Festtagen mit uns unter Segel
zu gehen versprach und die Hoffnung gegen uns aussprach, daß wir gar
wohl in sechs bis sieben Tagen in Patmos und in neun bis zehn Tagen in
Athen landen könnten. So war denn abermals eine, wie es schien sichre
Hoffnung vorhanden die erhaben schöne Felseninsel Patmos, nach deren
Besuch mich schon auf der Herreise so sehr verlangt hatte, zu sehen und
zu betreten. Denn der Capitän Kallos hatte sein Haus und seine Familie
schon seit länger als einem Jahre nicht gesehen, eben so seine von
derselben Insel gebürtigen Schiffsleute; wenn sich der liebende Zug
nach der Heimath hätte zu einem günstigen Winde gestalten können, der
die Segel unsers Schiffes schwellte, wir wären allerdings in wenigen
Tagen von Syriens Küste nach Patmos gekommen.
Alle unsre Angelegenheiten waren geordnet; die wissenschaftliche
Ausbeute unsrer ganzen Landreise von Kairo bis Jerusalem, die wir von
Joppe aus zu Schiff hieher gesendet hatten war glücklich in unsern
Händen, und mit ihr zugleich auch jene die wir auf dem weitren Wege
von Jerusalem nach Damaskus und von da über den Libanon erworben. So
konnten wir in Ruhe dem Tage der Abfahrt entgegen sehen.
Der vierzehente Mai, der werthe Tag der Pfingsten war gekommen und
auch ihn durfte ich noch in Ruh und Frieden an den Gränzen des
gelobten Landes feiern. Denn Berotha oder Beirut kann man noch als
eine Stadt des Landes der Verheißung betrachten nicht bloß weil sie
David dem Jüdischen Reiche unterwarf[189], sondern weil sie das Wort
der Weissagung, das auf noch fernkünftige Zeiten deutet unter den
Grenzstädten des heiligen Erbes nennet[190]. Es war noch früh am Morgen
und vom Gebirge her wehete eine erquickend kühlende Luft, als ich auf
einem Felsenvorsprung am Meere stehend dem Strahl der Sonne zusahe,
wie derselbe vom beschneiten Gipfel des Gebirges an bis zu seinem Fuß
eine Schlucht nach der andren von der Decke der Schatten enthüllte,
und die Farben der Waldungen, Felder und Gärten weckte. Statt der
Glocken, welche in dieser Stunde im lieben Vaterlande ertönen, läuteten
mir das hohe Fest die ans Ufer schlagenden Wogen ein. Ich gedachte
an die Zeiten einer geistigen Herrlichkeit, welche auch über diesem
Lande des Libanon einstmals aufgegangen war und dasselbe bedeckte, als
das Erbtheil aus den Hütten Sems und Japhets, die Erkenntniß Jehovahs
noch bei den Fürsten der Völker war. Damals, so spricht der Geist der
Weissagung von dem Könige von Tyrus[191], »warest du ein reinlich
Siegel, voller Weisheit und hoher Schönheit. Du warest im Lustgarten
Gottes und mit allerlei Edelsteinen geschmückt; ein ausgebreiteter,
deckender Cherub, den die Hand des Herrn auf den heiligen Berg Gottes
setzte, daß er da wandelte unter den feurigen Steinen: ohne Wandel
in deinem Thun; bis deine Missethat sich fand. Denn du bist voll
Frevels geworden durch deine große Handthierung (Handel) und hast dich
versündiget.« Und nicht bloß von einer vergangenen, auch von einer
noch künftigen geistigen Herrlichkeit dieses Landes redet das Wort
der Weissagung, wenn es verkündet daß der Libanon der vorhin welk
und entehrt stund wieder werden soll ein Fruchtgefilde, das mächtig
dastehet, gleich einem Walde[192].
Nach den festlichen Augenblicken außen am Meere begab ich mich wieder
in die Stadt und feierte dann den Tag der großen Thaten mit der
Englischen Gemeinde, in deren Kapelle ich eine Predigt hörte, welcher
man deutlich die Kräfte und das lebendige Bewegen des Geistes anmerkte,
von dessen Herabkommen zum Reiche der Sichtbarkeit sie zeugte.
Den Mittag brachte ich im Hauße und in der Familie des gütigen
Herrn Laurella, sehr vergnügt und lehrreich zu; denn die Gäste mit
denen ich hier zusammentraf hatten zum Theil gar manche Städte und
Länder gesehen. Einer der Gegenstände unsers Tischgespräches war die
Bestätigung der Nachricht, die wir schon in Damaskus und auch in unserm
Gasthofe gehört hatten daß kurz nach unsrer Abreise von Jerusalem
dort die Pest ausgebrochen sey. Am Nachmittag und bis gegen Abend
zeigte mir ein ortskundiger Freund noch einige Merkwürdigkeiten der
Stadt die ich bisher nur flüchtig oder gar noch nicht betrachtet
hatte. Von dem alten, Griechischen so wie Römischen Berytus sind,
wie schon erwähnt, nur noch wenige Reste vorhanden; namentlich in
der Gegend des Hafens und an der nördlich von der Stadt gelegnen
Küste, Stücken von altem Mosaik-Steinpflaster, vereinzelte Säulen und
Säulentrümmer, auch südwärts von der Stadt Reste von Gebäuden so wie
von den Befestigungswerken des Hafens. Die Burg von Berytus, die sich
durch außerordentliche Festigkeit und durch große Pracht in ihrem
Innern auszeichnete, zerstörte und schleifte der Feldherr des Sultan
Aschraf, der Pascha Schadschai im Jahr 1291, bald nach dem Fall von
Ptolemais. Als damals die (meist christlichen) Bewohner, erschreckt
durch das Unglück der Ihrigen sich zur Uebergabe bereit zeigten, lockte
sie jener Pascha durch das Versprechen aus ihren festen Mauern heraus,
daß, wenn sie ihm zutraulich entgegen kämen, ihrer aller geschont
werden sollte, brach aber alsbald den Vertrag als die Wehrlosen, in
feierlichem Zuge zu ihm hinauskamen und ließ die Leichtgläubigen tödten
oder in Fesseln legen. Er übte hierdurch, vielleicht ohne es zu wissen
nur eine furchtbare Wiedervergeltung für den gleichen Bruch der Treue,
den sich bei der ersten Eroberung der Stadt durch Balduin +I.+,
im Jahre 1110 die Christen gegen die Sarazenen hatten zu Schulden
kommen lassen. Denn auch damals war dem armen Volk der Stadt freier
Abzug verheißen, die Pisaner aber, sammt den Provençalen überfielen,
so sehr dieß gegen den Willen der edlern Kreuzfahrer war, mörderisch
die entwaffnete Menge und bedeckten die Gassen der eroberten Stadt mit
unschuldigem Blute. Noch einmal, gegen Anfang des 17ten Jahrhunderts
ward Beirut von dem zweideutigen Glanze einer politischen Bedeutenheit
bestrahlt, als der letzte Zerstörer von Baalbeck, der große Emir der
Drusen, Fachreddin hier so wie in Sidon seine Residenz hatte. Die noch
immer sehr schönen, altertümlichen Mauern der Stadt mögen wohl noch zum
Theil aus den Zeiten der Kreuzzüge zurückgeblieben seyn; namentlich
wissen wir daß die Christen unter Balduin +IV.+ eine ganz besondre
Sorgfalt und große Summen auf die Befestigung von Beirut verwendeten.
Sehr vergeblich; denn wenige Jahre nachher ward die wohlverwahrte Stadt
durch Saladin gewonnen und den Christen entrissen.
Am Tage vor der Abreise sammlete die Güte der hiesigen Freunde ein
ganzes Heer von zum Theil lebenden Liebesgaben um uns. Der so vielfach
um uns bemüht gewesene Griechische Consul Herr Thesee hatte uns eine
junge, schöne Ziege mit langen, hängenden Ohren und mit langem,
glänzend schwarzen, ziemlich feinen Haare geschenkt, dazu ein Paar
schneeweiße Lachtauben, zwei treffliche Singvögel, einige Körbe mit
ächten Pistazien und noch sonst mancherlei Erquickungen auf die
Reise; aus dem Garten unsrer Amerikanischen Freunde hatten wir einige
lebendige Chamäleons und eine ganze Kiste voll schöner Versteinerungen
und Mineralien vom Libanon zum Geschenk erhalten. So girrte, meckerte
und sang, flatterte und kroch ein ganzes Völklein von Lebendigen um
uns her, das bestimmt war uns hinaus auf das Meer, und, wo möglich,
zum Theil wenigstens ins Vaterland zu begleiten. Noch einmal besuchten
wir, zum Abschied die Freunde und erwarteten nun mit Sehnsucht die
Abreise, denn unser diesmaliges Tagwerk im Morgenlande war vollendet;
wir sehnten uns wie ein Taglöhner in den heißen Stunden des Nachmittags
nach dem Schatten der Dämmrung, hinüber nach dem Heimathlande des
Abends. Auch fieng wirklich nach etlichen Tagen die Hitze an uns sehr
fühlbar und lästig zu werden, vielleicht auch deßhalb weil wir das
sicherste Schutzmittel gegen die auflösende Wirkung der Hitze, unsre
bisherige sehr einfache Diät gegen eine andre vertauscht hatten,
die uns selbst vor unsrer Reise, in der Heimath als eine schwer zu
ertragende erschienen seyn würde.
+II.+ Reise nach Griechenland.
Die Seefahrt nach Patmos.
Unter allen den Thieren welche wir mit uns an Bord nahmen war eines
am Dienstag den 17ten Mai, des Morgens, schon lange wach, als die
andren noch schliefen; es war das älteste und hässlichste von allen,
obgleich es nicht in einem Vogelkäfig wie die weißen Tauben oder
in einem durchsichtigen Glase wie die Chamäleons, sondern in dem
undurchsichtigen Herzen gehegt wurde; denn das böse Thier welches
ich meine, war meine Ungedult. Ich war schon sehr früh beim Hafen;
mir schien es als ob die Sonne heute viel zeitiger anfienge heiß zu
machen denn jemals sonst und zwar recht unerträglich heiß; bis um neun
Uhr hielt ich es noch am Lande, in der Nähe des Bureaus des Freundes
Laurella aus, dann aber, als die Matrosen unsers Schiffes wieder eine
Ladung Waaren und zugleich mehrere uns zugehörige Kisten vom Lande
abholten, konnte ich es nicht mehr aushalten; ich setzte mich mit einem
der jungen Freunde ins Boot und fuhr hinüber nach dem Schiffe, obgleich
dieses, wie uns Alle, selbst die Matrosen versicherten, unter sechs bis
sieben Stunden noch nicht abgehen konnte.
Da war ich dann, in Gesellschaft zweien der jungen Reisegefährten, denn
der eine war schon vor einer Stunde an Bord gegangen, um dort unsre
Sachen in Empfang zu nehmen, wenigstens um eine Viertelstunde Weges
(so weit lag unser Fahrzeug vom Lande) der Europäischen Küste näher
gekommen. Ich hatte jetzt Zeit mich recht nach Bequemlichkeit in dem
neuen Wohnhaus des Gewässers, das für längere Zeit als wir gerechnet
hatten unser Standort werden sollte, umzusehen. Das Griechische Schiff,
welches wir jetzt auch das unsrige nennen konnten, war viel kleiner als
das Türkische das uns von Smyrna nach Alexandria geführt hatte, indeß
sollte es ja auch keine so große Gesellschaft aufnehmen als jene unsrer
Hadschis gewesen war. Denn außer uns achten (der Arabische Knecht
Mohamed hatte sich in Beirut von uns verabschiedet um nach Aegypten
zurückzureisen) hatte sich bloß ein junger Grieche aus Smyrna, den wir
in Beirut kennen lernten und welcher den hochklassischen Namen Homer
führte als Passagier nach Athen eingefunden; das Schiffsvolk mit dem
Capitän und Steuermann überstieg auch nicht die poetische Neunzahl,
so daß wir zusammen nur achtzehn (Menschen) Seelen an Bord waren. Das
ganze Schiff, seine Kajüte und der größere der untren Räume, dann so
weit dieß die etwa nöthigen Geschäfte der Matrosen, beim Aufziehen und
Stellen der Segel erlaubte, das ganze Verdeck war mithin zunächst zu
unsrer Disposition da, denn der Waaren, welche unser Capitän für Smyrna
geladen hatte, schienen auch nicht viele zu seyn. Die Kajüte war klein,
aber sie wäre zum Aufenthalt am Tage wie zum Lagerplatz bei Nacht für
Mehrere einladend genug erschienen, wenn sich nicht selbst schon jetzt
am Tage in den Spalten des bretternen Getäfels die Menge der Wanzen
verrathen hätte. Dieselbe Qual der Schlafenden ließ auch der andre,
größere Schiffsraum erwarten, der einem Theil unsrer Reisegesellschaft
zur Lagerstätte angewiesen war, und hier, so wie an andren Stellen des
Fahrzeuges wurde es deutlich sichtbar, daß dieses keineswegs ein neues,
sondern ein ziemlich altes Bauwerk sey.