Wir hatten sechs Stunden (von 9-3 Uhr) hier zugebracht; es war Zeit,

Nahrung zu suchen. Ein ziemlich abschüssiger Weg, der uns bald diesen

Platz, Zeuge der ehemaligen Herrlichkeit des Gebirges aus dem Gesichte

brachte, führt nach Betscherri, das an der vorhin erwähnten tiefen

Schlucht des Nahr Kodischa, gegenüber von Kaffra sehr anmuthig gelegen

ist. Wir wurden von dem Schech-Belet nicht wie Fremde, sondern wie

lang erwartete Freunde aufgenommen. Was das Haus vermochte wurde

aufgetragen. In der angenehmen Gesellschaft des Italieners +Dr.+

Gaëtano Gaëtani, der sich in diesem Distrikte als praktischer Arzt

niedergelassen, und der reicheren Einwohner dieses und der nächsten

Dörfer brachten wir vergnügte Stunden zu; doch noch eine Unruhe nach

Beseitigung so vieler Gefahren war uns zurückgeblieben: die um das

Schicksal unseres krank zurückgelassenen Muckers. Auch diese wurde

gehoben durch die Ankunft desselben, der nicht wenig verwundert war,

daß wir allein so weit gekommen. -- Herr +Dr.+ Gaëtani führte

uns zu einigen seiner Patienten, die Verlangen nach unserem Besuche

getragen hatten. Abends kam noch eine große Anzahl Kranker in unsere

Wohnung, die uns genug zu thun gaben. Glücklicherweise hatten wir von

einigen wichtigen Arzneimitteln noch so viel übrig, daß wir unserm

Freunde davon mittheilen konnten; er befand sich nehmlich in nicht

geringer Verlegenheit, da seine Arzneimittel ausgegangen, und neue,

erwartete Lieferungen aus Beirut (dem nächsten Platze, wo sich eine

Apotheke befindet und dennoch 1¹⁄₂ Tagereisen entfernt) ausgeblieben

waren. Uebrigens ist hier der Gesundheitszustand vortrefflich; von Pest

und Cholera weiß man nichts; Lungenleiden, bedingt durch die scharfe,

reine Luft, sind die einzige Landplage.

Hier konnten wir wieder einmal ruhig schlafen; prächtige Teppiche und

Divanpolster wurden uns ausgebreitet in dem allgemeinen Familienzimmer,

das früher wie das ganze Haus ein etwas ärmliches Aussehen hatte,

während die Bewohner reich gekleidet einhergiengen. Mit Vergnügen

bemerkten wir, daß diese guten Leute, wie überhaupt alle Maroniten

des Gebirges, sich der Reinlichkeit viel mehr befleißigen, als ihre

moslemitischen Nachbarn. Auch die Polizei ist gut bestellt; der

angesehenste, oft auch nur der älteste Einwohner eines Dorfes ist

Richter oder Schech: mehrere dieser Schech Belet stehen unter dem

Schech eines größeren Ortes (ein solcher ist Schech Petrus in Eden, von

dem weiter unten die Rede seyn wird) der nur den Fürst des Libanon,

Emir Beschir, als höhere Auctorität über sich erkennt. Zwischen

den größeren Orten giebt es oft breite Straßen, freilich nur für

Saumthiere, und hölzerne Brücken über die bedeutenderen beständigen

Bäche. Schlanke Glockenthürme (ein wichtiges Vorrecht dieser ganz

christlichen Bevölkerung ist dieß, daß sie Glocken besitzen und beim

Gottesdienste gebrauchen dürfen) ragen auf vielen, unzugänglich

scheinenden Bergen der Nachbarschaft in die Höhe; zahlreiche Klöster

der Maroniten, Lateiner, Griechen, Armenier, oft nur wenig bevölkert

(in Betscherri ist ein Carmeliterkloster mit nur ~einem~

Pater) versehen neben den weniger reich ausgestatteten Kirchen der

Weltgeistlichen (Abunis) den Gottesdienst. Kein Moslem darf sich unter

den Maroniten des Berges niederlassen, oder Grundeigenthum erwerben;

keiner darf an einer Kirche, in welcher gerade Messe gelesen wird,

vorüberreiten; er muß absteigen. Das hässliche Wort »Giaur« (Ketzer)

gebrauchen hier die Christen verschiedener Confession gegeneinander.

Den 6ten Mai Morgens fanden wir wieder Viele von der gestrigen

Tischgesellschaft um uns versammelt. Für die äußerst gastfreie

Bewirthung nahm man natürlich keinerlei Geschenk an, selbst die Diener

widerstanden lange. Mit mündlichen Aufträgen des Schech an seinen

Vorgesetzten den Schech Petrus von Eden versehen, verließen wir diesen

uns sehr lieb gewordenen Ort. Der Herr Doctor begleitete uns eine

weite Strecke zu Fuße. Wir schlugen die Straße nach Eden ein, die von

Betscherri aus wieder in die Höhe führt; denn es liegt jener Ort 132

Fuß höher als dieser[187]. Längs der einen Seite der Straße, links,

welche von einem tiefen Abgrunde, dem Flußbette des Kodischa, begleitet

wird, lief eine 3′ hohe Mauer aus aufgeschichteten Basaltbrocken (oft

schöne, wohl erhaltene Säulen); auf der andern Seite setzten uns

unfruchtbare, steile Felsen, die augenscheinlich hie und da künstlich

gesprengt waren, durch die Menge der in ihnen enthaltenen Petrefakten

(besonders aus der Ordnung der Gasteropoden) in Erstaunen.

Nach 1¹⁄₂ Stunden erblickten wir Eden, welches wohl, wie auch sein

Name besagt, einen Vergleich mit den gepriesensten Gegenden der Erde

aushalten mag. Auf einem Kegel erbaut, der nach Süden und Westen

außerordentlich steil abfällt, vereinigt es alle jene Annehmlichkeiten

in sich, durch welche einzelne unserer Alpendörfer für wenige Monate

im Jahre sich auszeichnen. Nur in sehr strengen Wintern liegt hier

der Schnee zwei Monate; zehn Monate ist der Himmel beständig heiter;

von der Hitze der nicht fernen Meeresküste ist nichts zu spüren; laue

Seewinde mäßigen die frische Luft, welche die benachbarten Schneeberge

aushauchen. Die Vegetation ist sehr üppig; gegen Norden, wo der Abfall

sanfter ist, kann man kaum ein unbenütztes Plätzchen sehen; selbst der

nicht unbelebte Weg nach Sibbaihl (von uns nur »Siwah« gehört) war mit

einem Teppich wohlbekannter Gräser bedeckt. Wallnußbäume von solcher

Stärke und Höhe hatten wir noch nicht gesehen; auch die Weinberge

zeigten Stöcke von seltener Ausdehnung. Ueber alle Beschreibung

herrlich ist die Aussicht gegen Westen in das Meer, gegen Südwest in

die wilden, mit prächtigen Klöstern (Kanobin, das in der Nähe einen

sehenswerthen Wasserfall hat) gekrönten Schluchten. Fröhlichkeit

herrscht im Dorfe; kein Bettler, kein Müssiggänger, keine Gassenjungen

belästigen mit Zudringlichkeit den Fremden. --

Wir hielten unter einem Wallnußbaume vor dem Dorfe an, und ließen uns

Brod und Wein herausbringen, weil wir einem langen Aufenthalte bei dem

gastfreien Petrus ausweichen wollten. Allein da wir von mehreren Seiten

sehr dringend an ihn gewiesen waren, auch früher von ihm viel gehört

hatten, entschlossen wir uns endlich seine Bekanntschaft zu suchen.

Und wir hatten keineswegs die Verzögerung zu bereuen. Er empfieng uns

in einem großen Zimmer, umgeben von seinen Söhnen und Schwiegersöhnen,

alle auf Sesseln sitzend. Wir wurden auf ein hohes Kanapee nach

Europäischer Form gesetzt. Nach der stillen Begrüßung und der

stillschweigend eingenommenen Begrüßungscollation (wie gewöhnlich aus

Süßigkeiten, frischem Wasser mit Racki, und Tabak bestehend) fieng er

endlich an, uns zu befragen nach unsern Geschäften, nach unsern Plänen;

gab uns Rathschläge, indem er allerlei Excursionen vorschlug, die er

selbst begleiten wolle; versprach uns weiße Bären (+Ursus syriacus

Ehrenb.+) die nicht selten seyen, aber wegen der allgemeinen

Entwaffnung und des mit Lebensstrafe belegten Verbotes der Führung von

Feuergewehr von Seite eines Rajah nur von uns selbst erlegt werden

könnten; bezeichnete uns einen nach Norden gelegenen, etwa drei Stunden

entfernten Berg, der ganz aus Ichthyolithen bestehe; zum Beweise davon

brachte er eine große, schöne Schaale von Kalkschiefer mit mehreren

Fischabdrücken herbei, die er uns schenken wollte zu denen, die wir

selbst noch an Ort und Stelle finden würden. Allein da wir uns nicht

aufhalten konnten, weil wir an einem bestimmten Tage, am 8ten Mai in

Beirut einzutreffen versprochen hatten, mußten wir diese freundlichen

Anerbietungen alle ablehnen.

Indessen war unvermerkt eine gedeckte Tafel hereingetragen worden;

alle Entschuldigungen, daß wir schon gegessen, daß wir heute erst kaum

zwei Stunden Weges gemacht u. s. w. halfen nichts; wir mußten uns

setzen. Speisen wurden aufgetragen, die wir seit unserem Abschiede aus

Europa nur selten an der Tafel reicher Franken gesehen: dabei war die

Bereitung so vortrefflich, wie wenn diese Kost ihre gewöhnliche wäre.

Es fiel uns auf daß Niemand mit uns aß; ein Theil der Gesellschaft

verließ sogar das Zimmer, und nur der alte Hausherr und sein jüngerer

Sohn, Jussuf, der bei einem Italienischen Missionare Italienisch und

Französisch gelernt hatte, und sich mit ziemlicher Leichtigkeit in

beiden Sprachen ausdrückte, blieben bei uns zurück, immer zusprechend

mit einer den Orientalen sonst nicht eigenthümlichen, in Deutschland

beliebten Art von Nöthigung. Das Tafelgedecke, ja die Tafel selbst

war Europäisch; Porzellanteller, Servietten, silbernes Besteck,

geschliffene Gläser, alles wie in einem größeren Fränkischen Gasthofe

der Levante. Er selbst gab uns bald Aufklärung über diese Nachahmung

Europäischer Sitte. Durch sein Haus gienge der Zug der Fremden auf den

Libanon; er nehme alle gerne auf, und glaube durch diese Ueberraschung

ihnen den Besuch angenehm zu machen; hauptsächlich habe ihn aber dazu

Sr. königl. Hoheit der Prinz Joinville von Frankreich veranlaßt,

der im vorigen Jahre auf seiner Reise in Syrien sein Haus mit einem

zweitägigen Besuche beehrt, und einem Familienfeste, der Verlobung

der ältesten Tochter des Haußes mit dem Schech eines benachbarten

Dorfes, als Zeuge des Bräutigams beigewohnt hatte. Bei Gelegenheit

dieser Feier erhielt das Haus Europäische Einrichtung; das Zimmer, in

welchem der Königssohn gewohnt, wird noch in demselben Zustande, in

welchem er es verlassen, bewahrt und nicht betreten. Kostbare Geschenke

Sr. königl. Hoheit, bestehend in Waffen aller Art, waren neulich den

männlichen nächsten Verwandten des Schech zugekommen; ein besonderer

Firman von Ibrahim Pascha erlaubte die Annahme und das Tragen des

sonst hochverpönten Schmuckes; wir arme, in den Augen unseres Wirthes

aber sehr vornehme Wanderer sollten nach unserer Rückkehr persönlich

dem »Sultan« den Dank der Familie ausdrücken, und ein Gegengeschenk

anbieten, das dem Vater theurer war, als sein »Augapfel,« seinen

obenerwähnten, 16 Jahre alten Sohn, Jussuf, an welchem der Prinz

Gefallen gefunden. Damals hatte sich der Vater nicht entschließen

können, sein Kind mit dem hohen Gönner ziehen zu lassen, der sich

erboten, für eine standesgemäße Erziehung zu sorgen, wir konnten die

Gründe nur ehren, welche den Greis bestimmt hatten, das lockende

Anerbieten des ritterlichen, Königlichen Jünglings dankbar abzulehnen.

Nun aber, nachdem er von uns eine kurze Schilderung der Bodenkultur

in Europa gehört, und der Schulen, in welchen alle Künste gelehrt und

geübt würden, die auch dieser Gegend vielfachen Nutzen bringen könnten,

entschloß er sich, durch uns seinen Sohn der Gnade seines Königlichen

Gönners zu empfehlen. Unsere Vorstellung, daß wir wohl schwerlich so

bald »das Angesicht des Sultans« sehen würden, daß er selbst eine viel

nähere Mittelsperson in dem Französischen Consul in Beirut haben könnte

u. s. w. wurde nicht beachtet; um ihn nicht zu betrüben, übernahmen wir

den Auftrag mit der +reservatio mentalis+, ihn unausgeführt zu

lassen, wenn nicht die unwahrscheinlichste der Begegnungen uns in die

Nähe des Prinzen führen sollte.

Das Gespräch verbreitete sich bald über den politischen Zustand

Europas, uns gleich unbekannt, wie ihm; die Hauptbegebenheiten der

letzten Jahrzehente interessirten ihn sehr. Immer zutraulicher geworden

stellte er wiederholt an uns die Bitte, länger bei ihm zu verweilen,

und suchte uns, die wir seinem trefflichen Weine alle Ehre angedeihen

ließen, dadurch zurückzuhalten, daß er uns einen Wein von 1755 aus

seinem Keller versprach.

Beim Abschiede verkündigte uns unser gütiger Gastwirth, daß eben ein

Bote nach Sibbaihl (3 Stunden von hier) abgegangen sey, um uns dort bei

dem Schech Tobia (Dhobbye), seinem Vetter, anzukündigen und Herberge zu

machen. Ein Kavaß sollte mit uns gehen; wozu? unter diesem friedlichen

Volke; nur um unserm etwas armseligen Aufzuge mehr Ansehen zu geben.

Wir hatten uns so lange in Eden verweilt, daß allerdings Sibbaihl für

unser Nachtlager nicht mehr zu nahe war. Wir stiegen anfangs tief hinab

immer zwischen Gärten; allein bald mußten wir desto höher wieder hinauf

(zum Dschebbel Arneto?). Auf dem höchsten Punkte dieses Berges hörte

die Cultur auf, doch keineswegs die Vegetation, welche sich hier um so

besser in ihrer Eigenthümlichkeit zeigen konnte. Jenseits des Berges

gieng es in ein tiefes Thal; eine ganz unbewohnte, verlassene Wildniß,

durch welche unser Weg führte. Bis dicht vor Sibbaihl erstreckt sich

ein junger, ziemlich dünner Wald von +Pinus Bruttia+ vermischt

mit mehreren Laubhölzern (+Quercus+, +Pistacia+). Zahlreiche

Quellen, deren Lauf üppiges Oleandergebüsch bezeichnet, bewässern

hinlänglich den fetten Boden, von dem man nicht einsieht, warum er

brach liegt. Unter andern Pflanzen sahen wir hier eine prachtvolle,

wahrscheinlich neue +Phlomis+. Schöne Ichthyolithen und andere

Petrefakten bedeckten den holperigen Weg.

Wir waren bei dem Schech Tobia angekündigt; deßwegen ritten wir

sogleich nach seiner Wohnung, welche abgesondert vom Dorfe auf einem

Hügel liegt, mit prächtiger Aussicht. Der Hausherr war auf einige Tage

weggereist; seine beiden Brüder aber, wovon der eine ein Abbuni, nahmen

uns in seinem Namen mit der größten Gastfreiheit auf. Wir speißten

mit der Familie; das Gespräch wäre gewiß eben so unterhaltend und

lehrreich geworden als in Eden und Betscherri, wenn sich hier nur wie

dort ein Mann gefunden hätte, der neben seiner Muttersprache noch etwas

Französisch oder Italiänisch gesprochen hätte; allein da dieß nicht

der Fall war, mußte die ganze Conversation durch Herrn Mühlenhoff als

Dragoman geleitet werden. Einer unsrer Wirthe hatte die Güte uns mit

der hiesigen sehr einfachen Weise bekannt zu machen, den köstlichen

Wein dieser Gegend (in der Levante unter dem Namen +Vino d'oro+

bekannt) zu bereiten; eine Methode, die freilich bei unsrem Gewächse

keine Anwendung finden kann.

Nirgends blieb unser ärztlicher Stand unbekannt; auch hier verstrich

der Abend unter Konsultationen wegen wirklicher und wegen eingebildeter

Uebel. Es scheint aber diese Gegend schon nicht mehr so gesund zu seyn,

wie das luftige Eden; wir sahen Schwindsüchtige, Gichtbrüchige, mit

Flechten und Geschwüren Behaftete. Sibbaihl liegt 2344 Fuß über dem

Meere. Wohlstand scheint hier nicht so allgemein verbreitet, obgleich

die Lage weit günstiger ist für den Landbau und für den Verkauf

der Feldfrüchte wegen der Nähe des Seehafens. Ein sehr allgemeines,

beliebtes Heilmittel für alle möglichen Krankheiten sind hier Seebäder;

Tripolis soll schöne stark besuchte Anstalten dazu darbieten, die unter

der Aufsicht eines Militärarztes stehen.

Dieser Tag war für uns ein Ruhetag gewesen; im Ganzen nur 5 Stunden

Weges zu machen, und so wenig in unserem Geschäfte zu arbeiten, war uns

ungewohnt geworden. Dazu kam noch die beispiellose Gastfreundschaft

(mit belästigender Aufmerksamkeit) welche uns jeder Sorge für Nahrung

und Herberge überhob, und welche ganz geeignet war, uns auf einige Zeit

vergessen zu lassen, daß wir hier nur Fremdlinge seyen. Hätten vollends

noch die übrigen lieben Reisegefährten, die unsrer schon in Beirut

harrten, diesen Feiertag mit uns zubringen können, wie vollkommen wäre

dann unsre und der Gastwirthe Freude gewesen! Wir mußten viel von

ihnen erzählen; besonders die Frauen bedauerten sehr, daß ihnen die

so seltene Ehre der Bewirthung von Fränkischen Damen, die dießmal so

leicht hätte zu Theil werden können, entgangen sey.

Den 7ten Mai Morgens verließen wir erst ziemlich spät Sibbaihl.

Ungeachtet unsrer Bitte hatte man es unterlassen, uns zur Frühmesse

aufzuwecken: wir mußten warten, bis unsre Wirthe aus der nahen

Kirche zurückkamen. Man sah dem guten Abbuni, Bruder des abwesenden

Hausherrn, wohl an, daß ihm die Fortsetzung unsrer Reise (als eine

Arbeit) am Sonntage nicht gefalle. -- Von Sibbaihl abwärts gegen die

Küste von Tripolis wurde die Gegend sehr öde; nur wenige Dörfer, wie

ausgestorben, weil die Bewohner in den Kirchen versammelt waren; sehr

ausgedehnte Pflanzungen von Maulbeerbäumen, die, abgeblättert, einen

unerquicklichen Anblick gewährten, eben so, wie in Welsch-Tyrol und der

Lombardei im Spätsommer die Eschen und Ornen an den Landstraßen; doch

gaben sie uns einen Begriff von der Ausdehnung, in welcher hier die

noch nicht lange eingeführte Seidenzucht betrieben wird.

Wir mußten, um über einen angeschwollenen Fluß (Abu Ali) zu kommen,

über welchen nur ~eine~ Brücke zwei Stunden vor Tripolis führt,

uns dieser Stadt so sehr nähern, welche zu besuchen keine Zeit mehr

war; ein Umweg von wenigstens vier Stunden. Da wir noch ziemlich hoch

standen, konnten wir sehr gut die in der nördlichen Bai gelagerten

Inselgruppen sehen; auch viele große und kleine Segel am Horizonte.

Nachdem der Fluß überschritten war (bei einer wohl eingerichteten

Getraidemühle), drehte sich plötzlich der Weg; wir zogen nun nach

Süden, dem verabredeten Sammelplatze näher. --

Durch mehrere Dörfer, worunter eines, Fer Hasir gegenüber von Amyun,

besonders schön gelegen ist, welche uns aber nicht einmal einige

Gläser Wein verkaufen konnten, führte der einförmige ganz schattenlose

Weg; endlich kamen wir hinter ein weit in das Meer hinausragendes

Vorgebirge (Ras el Schakka) auf seiner Spitze mit einem Kloster (Deir

Nurye Seida?) geziert. Wahrhaft prachtvoll ist das Thal, welches

hinter diesem Vorgebirge südlich gegen das Meer zieht, und in welchem

auf einem ungeheuern, von der linken Wand herabgestürzten, in der

Mitte des Thales liegenden Felsblocke ein uraltes, jetzt verfallenes

Schloß (Kalaat Meszabeha) erbauet ist. Hier fanden wir eine ganz

neue Spezies von +Aristolochia+. Der Tag neigte sich, als

wir Batrun, eine ziemlich beträchtliche Stadt, mit ganz gemischter

Bevölkerung, erreichten; nirgends hatten wir uns während dieser

Tagreise aufgehalten, weil die gewöhnlichsten Lebensmittel, nach denen

der Mucker vielmal ausgeschickt worden, nicht zu bekommen waren; daher

ließen wir uns hier auf offenem Markte speisen, und ritten dann noch

zur Stadt hinaus an ein am Meeresufer gelegenes Kaffeehaus. Zwischen

den Klippen des Strandes bereitete uns der Wirth ein Lager aus

Teppichen; und nachdem wir uns durch Kaffee und ein Seebad erfrischt,

legten wir uns nieder. Den 8ten Mai. Der lang nicht mehr gehörte,

wohlbekannte Edsan weckte uns auf zu der heutigen, längsten Tagereise.

Trotz der Protestation des Muckers ritten wir in einem Tage von hier

nach Beirut; eine Strecke, die fast einen halben Breitengrad einnimmt.

Der Weg läuft immer längs der Küste, und ist keineswegs reich an

schönen Ansichten; nur hin und wieder auf dem begleitenden Höhenzuge

castellartige Klöster. Eine bedeutende, ehemals befestigte Stadt

(uns nur Beit genannt) wahrscheinlich Djaebbehl, bietet noch etwas

Abwechslung. In einem Kaffeehauße (Berdj um Heisch) mußte ein Maulthier

beschlagen werden; daher ließen wir uns von dem Kaweh, der früher bei

dem englischen Consul in Beirut als Koch gedient, eine vortreffliche

Eierspeise bereiten. Große Züge Griechischer Pilgrime, die von

Jerusalem kamen, und uns erzählten, dort sey die Pest ausgebrochen,

hielten uns mannigmal an den vielen Brücken auf, die hier zu passiren

sind. Auch jener Französische Missionar, der uns auf dem Ausfluge an

den Jordan und das todte Meer begleitet hatte, und der in Eden wohnt,

begegnete uns hier.

Endlich um neun Uhr Abends kamen wir wohlbehalten in dem Gasthofe des

Herrn Battista in Beirut an.

Beirut.

Es war ein sehr gemischtes Gefühl mit welchem wir uns auf einmal wieder

in einem, ganz auf gewöhnliche, Europäische Weise eingerichtetem

Gasthofe aufgenommen sahen. Seit nahe drei Monaten hatten wir jede

Nacht entweder auf freiem Felde oder in Klöstern zugebracht, in

denen nicht der Eigenwille und die Gewohnheiten des Fremden, sondern

wie eine gute Mutter die Ordnung und Observanz des Haußes herrscht;

weder die Wüste noch die Klöster hatten uns durch einen allzugroßen

Ueberfluß in Versuchung zur Unmäßigkeit geführt; eine ernste Stille und

Abgeschiedenheit von dem Getümmel der Städte war, mit wenigen Ausnahmen

unsre beständige Begleiterin gewesen. Hier nun, im Gasthofe der Herrn

Battista, fanden wir alle Räume von Fremden angefüllt; kaum daß wir

für uns und die kranke Freundin noch ein Zimmer bekamen das durch

einen bretternen Verschlag nicht seiner Länge oder Breite, sondern

seiner Höhe nach abgetheilt war, etwa so wie der Stall eines Rosses

oder Nützlichen Stieres, wo sich oben ein Verschlag zur Aufbewahrung

des Heues findet. Denn in der That jene Stiege, durch welche man

aus der untern Etage des Zimmers in die obere gelangte, war, wenn

auch nicht ihrer Gestalt, doch ihrer Unbequemlichkeit nach von einer

Stallleiter nicht sehr weit verschieden. Doch war unmittelbar neben

unsrer Zwillingsstube ein andres, recht anständig mit Sofa und

Polsterstühlen versehenes Zimmer, zur Aufnahme der Besuchenden, und

weil dieses Zimmer für alle Gäste des Haußes zu gemeinsamem Gebrauch

war, konnten auch wir während des Tages in ihm verweilen. Unsren

jungen Reisegefährten wurde ein kleines Haus, nicht fern vom Gasthofe,

zur Wohnung angewiesen. Da waren wir nun freilich wieder unsre eignen

Herren, welchen es frei stund zu thun und zu lassen, so wie von

allerhand käuflichen Dingen zu begehren was sie wollten. Aber gleich

am ersten Mittag, an der Wirthstafel, wie war da Alles so anders als

in der Wüste und in den Klöstern! Der Magen wollte anfangs nichts mehr

wissen von dieser belästigenden Ueberfülle der Speisen, denn der Genuß

ließ Trägheit und Stumpfheit zurück; das Geschwätz der Gäste bei Tische

(es waren Französische Offiziere in Aegyptischem Dienste, Kaufleute

aus sehr verschiednen Ländern, ein St. Simonist und ein Künstler)

war dem Kreise unsrer bisherigen Anschauungen und Unterhaltungen so

fremd, daß es uns vorkam als ob wir von der freien Aussicht die der

hohe Münsterthurm in Straßburg gewährt, hinabträten in die dunklen,

engen Räume, durch die man wieder hinabsteigt auf das Steinpflaster

der Gassen. Dennoch gesellte sich zu dem Allem der Gedanke: daß wir

nun endlich wieder am Anfang der großen Brücke des Gewässers stünden,

die uns aus dem fremden Welttheile hinüber führen sollte in den eignen

und zuletzt in das kleine, liebe Land der Väter. Dieser Zug, hinüber

nach dem heimathlichen Altar und Heerd war nun so lebhaft erwacht,

daß ich gleich nach Tische mich aufmachte um meine Empfehlungsbriefe

abzugeben und zugleich durch die Herrn Consuln, an welche sie lauteten,

mich zu erkundigen ob ein Schiff vor Anker läge das uns, gleich nach

dem Pfingstfeste, denn dieses wollten wir gern am Lande feiern, nach

Griechenland führen könne.

Wie freudig wurde ich überrascht da ich zu dem Griechischen

Herrn Consul Thesee kam und mir dieser ein Schreiben seines

Königlichen Ministeriums aus Athen mittheilte, welches mittelst des

General-Consulats in Alexandria an alle Griechische Consulate der

bedeutenderen Küstenstädte Syriens ergangen war; ein Schreiben worinnen

sich die huldvollste Vorsorge Seiner Majestät des an Gemüth so reich

und hochbegabten Königes Otto für seinen alten Lehrer aussprach. Dieses

Schreiben dem ich schon in Beirut so viele Freuden verdankte, ward mir

ein Zug mehr, hin zu der Stätte des jugendlichen Herrscherthrones,

der das Panier des Friedens, Athenes Oelzweig wieder anpflanzet

und feststellt, aus einer Stätte welcher die äußren Segnungen des

Christenthumes: bürgerliche Ordnung, Frieden und Sicherheit ganz

fremd geworden waren. Von den vielen Erweisungen gastfreundlicher

Zuvorkommenheit, Dienstfertigkeit und Güte, womit mir Herr Thesee

meinen Aufenthalt in Beirut lieb und angenehm machte, werde ich

nachher reden. Auch der Oesterreichische Consul Herr Laurella, den

ich gleich am ersten Tage besuchte, bemühte sich auf alle Weise mir

und meinen Reisegefährten gefällig und bei allen Angelegenheiten

unsrer Reise behülflich zu seyn. Vor der Hand war noch keine passende

Schiffsgelegenheit für uns da.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 26 / 41 段