Auch heute, Sonnabends den 6ten Mai, weckten uns die Morgenglocken.

Es ist als wollten sich hier, den Bekennern des Islams gegenüber

welche jenen erwecklichen Klang aus ihren Gränzen verscheuchen die

nachbarlichen Christen schadlos halten für die Entbehrung: man hört

meines Bedünkens in wenigen Gegenden so oft den erfreulichen Ton der

Glocken, als hier unter den Maroniten, bei denen jedes Kirchlein nicht

nur eine, sondern viele Glocken und Glöcklein hat. Der Weg, den wir

bald nach unserm Aufbruch aus dem Nachtlager, hinabwärts über den

steilen Abhang des Gebirges antraten, war so überflüssig bestreut von

rolligem Gesteine, und hin und wieder so uneben durch die auf ihm

lagernden, mächtigeren Felsenstücke, daß das Fortkommen der Reiter viel

bedenklicher war als das jederzeit sichre der Fußgänger. Dennoch hatte

ich mich durch Trägheit verleiten lassen auf dem Maulthier sitzen zu

bleiben, bis ein Sturz desselben, bei welchem auch ich zu Boden kam,

mich vorsichtiger machte.

In einem Khan, darinnen ein christlicher Wirth war, (man nannte uns

das Oertlein Gheheli), genossen wir das Frühstück. Ein Derwisch, von

ungesetzlichem Durst ergriffen, wollte durchaus, nicht nur an dem

Frühstück des Brodes das ihm gern vergönnt wurde, sondern des ihm

verbotenen Weines Theil nehmen. Es schien nicht als ob er sich den

Verweis, den wir ihm über die Versündigung an einem ihm als heilig

geltenden Gesetz gaben, sonderlich zu Herzen nähme.

Endlich lag denn die Ebene am Meere und das stattliche Beirut, mit

seinen hohen Minares vor uns. Der letzte Theil des Weges gesellt

sich an kleinen Waldungen von +Pinus bruttia+ hinabsteigend

unten in der Ebene zu dem Flüßlein, das mit Beirut gleichen Namen

führt, dann zieht er sich neben reichen Maulbeerpflanzungen hin,

über den tiefsandigen Boden gegen das Thor der Stadt. Aus einer der

Maulbeerbaumpflanzungen trat uns ein Weib entgegen, welches uns einlud

in den Hütten von Rohr das uns vielleicht neue Geschäft der Wartung

der Seidenwürmer und die Behandlung ihrer Gespinste zu sehen. Für

diesmal hatten wir nur wenig Zeit diesem Hauptgewerbe der Bewohner von

Beirut unsre Aufmerksamkeit zu schenken; wir eilten dem, in solcher

Mittagshitze wie die heutige war, doppelt ersehnten Obdach zu und kamen

gegen 12 Uhr des Mittags in dem Italienischen Gasthause des Herrn

Battista an, das uns schon von vielen Seiten als ein gut gelegener,

wohleingerichteter Ausruheort empfohlen war.

So hatte nun die eine Abtheilung unsrer kleinen Reisegesellschaft den

Hafen, zwar nicht des Einlaufens aber doch des Auslaufens erreicht; am

Meere, das ja die Küste auch der lieben Europäischen Heimath umfluthet.

Ehe ich jedoch von dem Ruheorte, der uns noch einige Wochen lang an der

Syrischen Küste Pflege gab, etwas Weitres sage, will ich zuerst die

andre Abtheilung der Pilgercarawane auf ihrem Wege zu den Cedern des

Libanon und von diesen hieher nach Beirut begleiten. Ich lasse hierbei,

wie schon erwähnt, meinen lieben jungen Freund, den +Dr.+ Roth mit

seinen anspruchslosen, treuen Worten erzählen.

Reise zu den Cedern des Libanon, beschrieben von +Dr.+ Johannes

Roth.

Wir verließen Baalbeck früh Morgens den 4ten Mai 1837 in der Absicht,

auf dem höchsten für Lastthiere noch gangbaren Saumpfad des Libanon

den Cedernhain und die als paradiesische Gegenden längst bekannten

westlichen Abhänge dieses majestätischen Gebirges zu besuchen. Nur in

kleiner Anzahl: drei Reisende (m. v. S. 335) und ein Mucker, dem die

Maulthiere gehörten, welche die Reisenden und ihr Gepäck trugen, hatten

wir uns auf den Weg gemacht, wohl voraussehend, welche Schwierigkeiten

dieser hohe Paß, eben so hoch wie die höchste Kunststraße von Europa,

das Stilfser-Wormser Joch, uns bereiten würde.

Nach einem zweistündigen scharfen Ritte in nord-westlicher Richtung,

über die damals sehr sumpfige Ebene, erreichten wir den mit dichtem

Wald bedeckten Fuß des Gebirges. Durch zwei ärmliche, fast ganz

verlassene Dörfer hatte uns der Weg geführt; auf beiden Seiten lagen

noch mehrere, die zum Theil in ihrer nächsten Umgebung wohl bebaute

Getraidefelder sehen ließen. Rechts von der Straße, etwa ³⁄₄ Stunden

nach Baalbeck und so ziemlich am Fuß des Gebirges zeigte sich eine

einzeln stehende sehr große Säule, ähnlich jenen des Sonnentempels von

Baalbeck; hie und da zerstreut noch altes zerrissenes Gemäuer. Kaum

hatten wir den Wald betreten, da bekam unser Mucker einen Anfall seines

kalten Fiebers, das wir früher schon bei seinem ganz unregelmäßigen

Verlaufe vergebens zu heben versucht hatten. Er konnte sich auf

seinem Esel nicht mehr halten, und da für ihn ein forçirter Marsch

über die schneeigen Gipfel, wie wir ihn vorhatten, ganz unmöglich

schien, empfahl er uns der Leitung Gottes und blieb liegen, nicht

mehr antwortend auf unsere Fragen nach dem nächsten Wege. Da nun

bewohnte Orte ganz in der Nähe lagen, auch der Weg hier unten noch

ziemlich belebt war, nahmen wir keinen Anstand, ihn zu verlassen; wir

bezeichneten ihm die Orte, die wir besuchen und den Tag an welchem

wir in Beirut eintreffen wollten, nicht wähnend, daß er aus Sorge für

seine Thiere so bald uns einholen würde. Wir waren nun freilich ganz

ohne sichtbaren Führer; doch keineswegs muthlos. Herr Mühlenhoff, der

früher sowohl Baalbeck als den westlichen Abhang des Libanon besucht

hatte, war eines anderen Weges über das Gebirge gekommen; wir mußten

fürchten, daß bei zunehmender Höhe die ohnehin sehr sparsamen Wohnungen

der Menschen und noch mehr die wegeskundigen Wanderer abnehmen würden;

unser Mucker hatte früher schon bedeutende Zweifel geäußert, ob der

frisch gefallene Schnee überhaupt den Uebergang gestatten möchte;

auf jeden Fall müßten, sagte er, große Umwege genommen werden, die

auf 3¹⁄₂ Tagereisen wenigstens anzuschlagen seyen. Dieß hielten wir

damals für Uebertreibung unseres bequemen, furchtsamen Führers und

es zeigte sich im Verfolge, daß wir ihm nicht Unrecht gethan; jetzt

aber konnten wir nicht ohne einiges Grauen diese Schneemassen auf

den himmelanstrebenden Felsen betrachten. Dennoch versuchten wir es

unter solchen eben nicht sehr lockenden Aussichten die Reise allein

fortzusetzen.

Wir kamen bald zu einem sehr fest aussehenden Gehöfte mit wenigen

Bewohnern, denen wir unsern Kranken empfahlen. Die wildromantische

Gegend wurde noch durch einen kleinen See (Birket el Jenum nach der

Karte von Berghaus) in welchen sich Bäche von Schneewasser stürzten,

sehr verschönert. Dichter Wald von Eichen, Pappeln, Weiden, Fichten

(+Pinus Bruttia+), +Juniperus Oxycedrus+, und auf letzterem

eine neue Art +Viscum+ mit 2″ dickem Stamme, Tamarisken,

Gesträuche von +Crataegus+, +Cistus+ versperrten oft

den sehr schmalen Pfad; außer wenigen Exemplaren von +Emberiza

melanocephala+ sahen wir keinen Vogel; ein schwarzes Eichhörnchen

war das einzige Säugethier, und dieses kam uns nicht zum Schusse.

Unzählige, theils parallell laufende, theils in einem rechten Winkel

abgehende Nebenwege zeigten an, daß hier der Reisende seinen Weg selbst

suchen, und die einmal festgesetzte Richtung auch durch dichtes Gebüsch

verfolgen müsse.

Wir stiegen höher; streckenweise konnten wir schon jetzt nicht mehr

reiten. Eine Caravane Maroniten, meistens Frauen, kam uns entgegen den

Berg herab; sie hatten ihre Esel mit dürrem Holze geladen. Holz ist

selbst an ihrem Wohnorte (ihr Beit lag zwei Tagereisen von hier im

Belad Baalbeck) nicht rar und Jedermanns Eigenthum; sie scheinen, da

sie keine Rückladung von Beirut, woher sie kamen, zu führen hatten,

zu dieser werthlosen Ladung ihre Zuflucht genommen zu haben, um nur

die Esel nicht leer gehen zu lassen, was, wie bekannt, von ihnen für

schädlich gehalten wird. Oder mußte vielleicht Holz eine kostbarere

Ladung vor den Augen der Wegelagerer bergen? Sonderbar war es immer,

hier Holz aufzunehmen.

Nach einem dreistündigen Ritte hatten wir endlich den bewaldeten

Theil des Berges überschritten; allein der schlimmste Theil war noch

übrig. Der Schnee, der vom letzten harten Winter und aus den jüngsten

Gewittertagen hier noch aufgehäuft lag, erfüllte die Schluchten, in

welchen allein das Hinanklimmen für die Maulthiere möglich war; mehrere

Male brach die Schneedecke unter ihnen, die uns Fußgänger leichter

trug; unsere vereinten Anstrengungen brachten sie immer wieder heraus.

Wir kamen wieder auf einen vom Schnee freien Platz, und fanden hier

zu unserer Verwunderung eine Schaafheerde gelagert; aus dem scheuen

Hirtenknaben war nichts herauszubringen, als daß man von hier aus an

die Cedern gelangen könne. Seine übrigen Worte waren selbst für Herrn

Mühlenhoff unverständlich. Die Aussicht war nun ziemlich frei; links,

in der Entfernung von etwa einer Stunde und in einer Höhe von 400

Fuß sahen wir das Joch, über welches, als das niederste der ganzen

Gebirgsreihe, unser Weg zu führen schien. Freilich war es ganz außer

unserer Richtung, viel zu sehr westlich; allein rechts führte kein Weg,

und schon der Gedanke in dieser Richtung sich einen eigenen Weg zu

suchen, konnte Schwindel erregen. Denn rechts lag uns der Hauptgipfel

des ganzen Stockes, der Djebbel Makmel (Höhe 12,000 Fuß), der von

dieser Seite unersteiglich ist; links waren auch bedeutende Höhen, doch

keine, die sich mit der rechts gelegenen hätte messen können. Einzelne

verkrüppelte, vom Winde zerbrochene Cedern, niedriges Gestrüppe noch

ohne Blätter deutete uns an, in welcher Höhe wir uns schon jetzt

befanden. Wir fühlten nur zu deutlich den Wechsel der Temperatur,

die im Thale von Baalbeck so angenehm und glücklich gemischt, hier

oben aber sehr rauh, und, wären wir geritten, zu rauh sich erzeigte.

Uebrigens waren nur einzelne Windstöße, die in dieser Höhe nirgends

gebrochen, aber allenthalben durch den thauenden Schnee abgekühlt

werden, so empfindlich für uns und die Thiere, deren ungewohnte

Anstrengung sich an ihrem unmäßigen Schweiße kund gab.

Noch ein kurzes Aufsteigen, und wir befanden uns auf dem höchsten

Punkte der Straße; der Barometer zeigte uns eine Höhe von 7154 Fuß

über dem Meere. Herrlich war schon weiter unten die Aussicht gewesen,

als wir bloß nach Südost in die lange Ebene von Cölesyrien durch

den Antilibanon scheinbar bis auf ¹⁄₂ Stunde Breite beengt, schauen

konnten; allein wer mag den Anblick beschreiben, der sich nun uns

darbot, auf dem Rücken eines Berges, der nach Westen an seinem vom

Meere bespülten Fuße den Sommer, in der Mitte den Frühling, oben den

Winter trug; nach Osten aber schwarze Wälder, begrenzt durch den

Schnee, und am Fuße wie Silberfäden die Wasser des Thales von Baalbeck.

Uns und den Thieren hätte ein Ausruhen sehr wohlgethan; aber hier war

unseres Bleibens nicht. Wir hatten nur dürre Brodkuchen und Kaffee

bei uns; Brennholz war weit und breit nicht zu finden, ebensowenig

Nahrung für die Maulthiere; eine Nacht da ohne Feuer zuzubringen, war

nicht räthlich; es mußte um jeden Preis eine niedrigere, wirthlichere

Gegend gewonnen werden. Allein erst hier vermißten wir mit Schmerzen

die Führung eines mit der Oertlichkeit betrauten Mannes. Wir glaubten

zwar sehr gut zu sehen, welche Richtung wir zu nehmen hätten;

allein über jäh abfallende mit Gerölle bedeckte Wände, stellenweise

zerrissen von Schluchten voll Schnee, durfte man nicht hoffen, die vor

Ermattung zitternden Thiere lebend hinabzubringen. Für diese allein

war uns bange; denn wir selbst, ziemlich geübt im Bergsteigen, hatten

früher schon im Sinaitischen Gebirge eine ungleich furchtbarere, mit

Lebensgefahr vielfach verknüpfte Descension glücklich ausgeführt. Wir

versuchten nämlich damals in Begleitung unsers Freundes, des Mechanikus

Franz, von der Spitze des Sinai an seinem schroffen südlichen Abhange

herabzuklimmen, der fast nur dem Steinbocke zugänglich ist. Der Grund

dieses Unternehmens war, einen vollkommenen Anblick jenes Berges zu

genießen, dessen südlicher Abfall in die Hochebene herabsteigt, ohne

durch Vorberge, wie auf den andern Seiten, beengt und bedeckt zu

werden. Einige 100 Fuß tief gieng das Herabsteigen ziemlich gut; man

glitt über jähe Wände hin, die unten einen Vorsprung hatten. Allein

als wir dort angelangt waren, öffnete sich uns eine furchtbare Tiefe:

es wurde beschlossen, den Rückweg hinauf anzutreten, doch dieser war

nicht mehr möglich; der Versuch Stufen in den harten Syenit zu hauen,

scheiterte bald, da die Hämmer eher nachgaben als das Gestein, und

guter Rath war jetzt theuer. Endlich kamen wir überein das Gepäck

(Flinten, Taschen, Hämmer, Botanisirbüchsen u. s. w.) hinabzuwerfen;

jeder sollte sich einen eigenen Weg suchen, da zwei hintereinander

sich nicht helfen, wohl aber verderben konnten. Die Hauptmanier des

Herabklimmens war die, daß man mit den Händen an dem scharfen Kamme

einer hohen Wand, sich soweit als möglich herablassend, endlich den

Hängepunkt fahren ließ, und sehr schnell, oft übel zerrissen, an einem

Vorsprunge ankam, um hier das Wagestück von neuem zu beginnen. Wir

kamen glücklich hinab, der Schweizer zuerst. -- So gefährlich war es

zwar hier nicht; aber die gemietheten Thiere wichen immer wieder von

dem Abgrunde zurück. Doch gezwungen durch den Leitzaum fuhren sie mit

schrecklichem Sperren der Hinterfüße eine Strecke weit hinab, und

nahmen das Gerölle mit, das uns, die Vorangehenden sehr beschädigte.

Wir versuchten in den Klüften über den Schnee zu schleichen, allein

dieser war hier von der mächtigen Sonne zu sehr erweicht. Von Zeit zu

Zeit sahe man daselbst an Stellen, wo der Wind den Schnee weggefegt

hatte, ganz deutlich, daß allerdings hier ein zu anderer Jahreszeit

betretener Saumpfad sey. Schon brach der Abend herein; die Sonne

beleuchtete das Meer und die darauf gelagerten Wolken, welche wir für

Inseln zu halten geneigt waren, wenn in dieser Richtung (Küste von

Batrun) solche zu vermuthen gewesen wären; ein prächtiges Schauspiel,

zu dessen Betrachtung jedoch unsere nicht geringe Verlegenheit uns

wenig Muße ließ. Zugleich erkannte Herr Mühlenhoff die ganze Gegend

wieder; dort rechts, schon weit jenseits des von uns überstiegenen

Dschebbel Makmel liegt der Cedernhain; hier unten in der Tiefe zu

unsern Füßen Betscherri, Kanobin und andere paradiesisch gelegene

Ortschaften; das »heilige Thal« erschien uns hier als eine prächtige,

lachende Ebene. In der That, schon dieser Anblick allein wäre

hinreichend gewesen, uns für die bis jetzt erduldeten Beschwerden zu

entschädigen. --

Durch unablässige Versuche, oft mit unerwartetem Gelingen belohnt, oft

auch durch die bittere Nothwendigkeit, wieder umzukehren, vereitelt,

hatten wir endlich ein kleines Plateau gewonnen, das günstig gelegen,

uns schon die Nähe von Menschen verrieth; wir standen mitten auf einem

jungen, grünen Kornfelde. Dichte Finsterniß fiel auf uns herab wie ein

Regen; noch wenige Minuten und wir sahen nicht mehr vor unsere Füße.

Aus der Tiefe hörte man die Abendglocken; ja selbst Menschenstimmen,

Hundegebell und das Meckern der Ziegen glaubten wir zu vernehmen. Die

Nähe der Menschen beunruhigte uns jetzt sehr; wir mußten vermuthen,

daß sie uns entdecken und dann eine nicht geringe Buße, freilich nicht

mit Unrecht, für ihr verwüstetes Kornfeld nehmen würden. Denn es war

nun unmöglich geworden, weiter vorwärts zu gehen; ja nicht einmal aus

dem Felde hinaus, das die ganze Platte einnahm; unsere armen Thiere

fielen mit Gier über dieses kräftige, ihnen so nothwendige Futter her;

wir selbst nicht minder der Ruhe und der Nahrung bedürftig, streckten

uns nieder, nachdem die Maulthiere an große Steine angebunden waren, um

wenigstens einen Theil des Feldes vor der Verwüstung zu retten. Keiner

von uns mochte weder sich noch seinem Nächsten zumuthen, auch nur eine

Stunde Wache zu halten; über dem Essen der dürren Brodkuchen schliefen

wir ein, bei dem Murmeln eines zu unsern Häuptern herabrieselnden

Schneewassers.

Vergleichen wir unsern hier beschriebenen Weg mit der Karte von

Berghaus, die uns leider damals nicht zu Gebote stand, und dem darauf

verzeichneten Wege von Baalbeck nach den Cedern, so ergiebt sich,

daß wir mit Vermeidung von Deir el Achmar und Umgehung des durch El

Hermel bezeichneten Distriktes und von Ainette, gleich Anfangs zu weit

westlich statt fast gerade nördlich uns gehalten; daß wir dann von dem

Birket el Jemun (Liemun) auf einen selten besuchten Fußpfad gekommen,

der um und zum Theil noch über den Dschebbel Makmel führt; ein großer

Umweg, doch keineswegs unbelohnend.

Mit dem Grauen des nächsten Morgens (5ten Mai) waren wir, ziemlich

durchnäßt vom Thau, schon wieder reisefertig. Nichts hatte uns in

der Nachtruhe gestört als das Schellen der am Zaumzeuge unserer

Maulthiere angebrachten Glöckchen, welche uns so leicht verrathen

konnten. Allein sey es, daß der Ton nicht so klar und deutlich von

oben nach unten dringt, als umgekehrt, oder sey es, daß das sehr

seitwärts rechts gelegene nächste Dorf Hosran, aus welchem wir die

Stimmen vernahmen, nicht die Besitzer des von uns occupirten Feldes

enthielt; genug, wir wurden nicht gestört. Wir stiegen nun gemach

herab, hielten uns rechts in der Richtung des bemerkten Dorfes und

der von uns am vorigen Tage verfehlten Cedern. Bald kamen wir in

Baumgärten (Aprikosen, schon zeitigend, Pflaumen, Weinstöcke, Feigen,

Maulbeeren) und endlich nach wenigen Viertelstunden in das Dorf Hosran.

Ein anscheinend reicher Mann, der uns zuerst begegnete, lud uns ein,

bei ihm abzutreten; allein wir verlangten nach den Cedern und nahmen

sehr gerne und dankbar seine Begleitung an. Im ganzen Dorfe, etwa 20

Häußer aus Stein enthaltend, wurde uns große Aufmerksamkeit erwiesen,

nicht sowohl als Fremden, die hieher nicht selten zu kommen scheinen,

als wegen unseres neuen Geleitsmannes. Durch ein Wasser, das, weil es

keine Brücke trug, unbeständig zu seyn schien, mußte gewatet werden;

auf einer Anhöhe, die wir erstiegen, lag ein artiges, aus 40 Häußern

bestehendes Dorf, Kaffra, das sich mit dichten Baumgärten ganz umgeben

hatte. Berg auf und ab, doch mehr aufwärts, fast gerade nördlich, über

reißende Bergströme und neben gähnenden Abgründen, gerade gegenüber von

Betscherri und dessen Fußpfad zu den Cedern, führte uns der Weg. Wo dem

Rollgesteine nur wenige Fuß festes Erdreich abgewonnen werden konnte,

ward dieses sorgfältig benützt. Die übrige Vegetation war auffallend

gering; besonders stärkeres, wild wachsendes Holz nicht zu sehen. Der

Graswuchs gedieh hier vortrefflich; man sah den übrigens künstlich

angelegten Wiesen es wohl an, daß nie die Sense über sie komme; die

vom Vieh verschont gebliebenen Halme des vorigen Jahres (oft noch eine

»rauschende Waldung«) dienen als Düngungsmittel.

Ueber ausgedehnte, sanft aufsteigende Wiesengründe kamen wir endlich

nach 1¹⁄₂ Stunden an den Eingang des Thales der Cedern. Dieß ist von

drei Seiten so ziemlich geschlossen; nur in Südwest fehlt die Wand,

welche den etwas engen, kaum ¹⁄₂ Stunde im Umkreise betragenden Raum,

zu einem Kessel und bei dem Wasserreichthume der hohen Schneeberge

wahrscheinlich zu einem See gestaltet hätte. Aus ihm stürzt sich ein

starker Bach in die Kluft, welche Kaffra von Betscherri scheidet, und

welche, breiter geworden und mehr Wasser führend, in nordwestlicher

Richtung bis an das Meer in der Nähe von Tripolis zu verfolgen ist, und

das »heilige Thal« bildet.

Wir betraten den Cedernhain um 9 Uhr Vormittags. Lieblicher

Sonnenschein ließ uns die unmittelbare Nähe der herablaufenden

Schneefelder des östlichen »Grenzsteines« (dessen Spitze wenigstens

1000 Fuß höher gelegen ist, als dieses Thal) nicht empfinden. Starke

Thautropfen glitzten noch auf der Rasendecke des Waldsaumes, der

mit minderjährigen, der allgemeinen Form nach Wachholdergebüschen

gleichenden Cedern besäet war. Eine heilige Stille, nicht einmal durch

Vogelstimmen unterbrochen, nahm uns auf. Sehr nüchtern geworden an

Leib und Geist durch die Entbehrungen und Mühsale des vorigen Tages,

hatten wir gerade die rechte Stimmung, diese uralten, noch lebenden

Zeugen einer großen Zeit zu uns reden zu lassen, von den Tagen, die sie

gesehen. Bei einem der Gefährten trat noch ein anderes persönlicheres

Moment hinzu, das geeignet war, ihn besonders feierlich zu stimmen; er

feierte heute an dieser ~Stelle~ seinen 23sten Geburtstag. Der

Knechte Salomons waren heute nur drei ausgeschickt Holz zu fällen zum

Aufbau einer neuen Bundeslade in ihrem Innern. --

Queer von Nord nach Süd durchschneidet ein kleines, jetzt leeres

Wasserbette den Hain; hier wurde von unserem gefälligen Begleiter ein

Feuer zum Kochen des Kaffees angeschürt, zu dessen Unterhaltung wir

dürre Cedernreisser zusammentrugen. Bald gesellte sich zu uns ein

anderer freundlicher Maronite, der sich als Aufseher des Cedernhaines,

von Ibrahim Pascha selbst dazu ausersehen, zu erkennen gab. Er sprach

viel davon, daß es nicht erlaubt sei, hier frisches Holz zu hauen,

ja daß die umwohnenden Maroniten nicht einmal das dürre Holz nehmen

dürften; beklagte sehr den Muthwillen einiger Europäer, die jüngst

ihr Lagerfeuer an dem Fuße eines der ältesten Bäume so angebracht

hatten, daß die eine Hälfte desselben verkohlt, die andere in Folge

davon abgestanden war. Aus unsern Wunsch jedoch kletterte er mit uns

auf eine der jüngeren Cedern, hieb Aeste ab trotz des Verbotes, dessen

Beobachtung ihm als dem Aufseher am ersten obgelegen hätte, und zeigte

uns einen schicklichen Platz in einem alten Stamme, wo wir unsere

Namen zu einer großen Anzahl von kaum leserlichen Namen einschneiden

sollten; gewiß ein ziemlich vollständiges Verzeichnis derjenigen

Europäer, welche vielleicht seit einem Jahrhundert diese Gegend besucht

haben[186].

In der Mitte ist der Hain etwas lichter; hier stehen fünf, an Umfang (9

Fuß im Durchmesser) fast gleiche, für Salomons Zeitgenossen gehaltene

Cedern; die eine, welche dadurch, daß sie gespalten ist, und ihre

Spaltwände sehr weit klaffen, besonders dick erscheint, aber durch den

Blitz ihre Krone verloren hat, ist die heiligste von ihnen; unter ihr

steht ein Altar aus rohen, nur zusammengewälzten Steinen, an welchem

jährlich einmal, an dem Feste der Verklärung Christi, und sonst wohl

noch bei der Anwesenheit ausgezeichneter Fremder Messe gelesen wird.

Dieser Baum ist zugleich derjenige, welcher von den meisten Reisenden

immer eines kleinen Theiles seiner Rinde beraubt wird durch das

grausame, oft bis ins Holz fortgesetzte Einschneiden der Buchstaben,

die bei gutem Triebe des Baumes doch binnen wenigen Jahren unleserlich

geworden sind. Selbst auf den über der Erde befindlichen Wurzeln lasen

wir erst jüngst eingeschnittene Namen. Der übrigen, jüngeren Cedern,

die meist etwas höher sind, als jene fünf alten, mögen wohl 300 seyn.

Wir sammelten von ihnen Zapfen, die nicht am Zweige herabhängen,

sondern von ihm aufrecht getragen werden, und Harz, wovon sie eine gute

Quantität aus zahlreichen Rissen fließen lassen. In kurzer Zeit hatten

wir durch das Abhauen einiger kleiner Aeste gegen zwanzig solcher

vollkommen ausgebildeter, doch nicht ganz zeitiger Zapfen erhalten;

auch Holz wurde mitgenommen.

Der Boden des Haines war mit mancherlei Blumen geziert. Schade daß

das wenige Trockenpapier welches wir noch übrig hatten, uns abhielt,

mehr von ihnen einzulegen. Von ~neuen~ Pflanzen fanden sich hier

folgende: +Corydalis Erdelii Zuccar.+ nebst der +angustifolia

D. C.+, +Vinca libanotica Zuccar.+, +Moltkea libanotica

Zuccar.+, +Puschkinea libanotica Zuccar.+, +Gagea

libanotica Zuccar.+ und +minima+. Ferner ein +Thlaspi+,

+Alyssum+, +Bupleurum+, +Geranium+, +Lamium+,

+Salvia+ (+Horminum+), +Omphalodes+, +Cistus+ (drei

+Spec.+) +Anthericum+ (+graecum+). Der Heimath gedachten

wir bei dem Anblick vieler Gräser: +Aegilops ovata+, +Bromus

tectorum+, +lanuginosus+ u. a. +Hordeum bulbosum+.

Unerwartet gering war die zoologische Ausbeute; von Säugethieren,

Vögeln, Amphibien ließ sich nichts sehen; nur wenige +Coleoptera+,

die wir auch in andern Gegenden schon gesammelt, und +Diptera+ in

großer Zahl.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 25 / 41 段