unsrer kleinen Reisegesellschaft eine Zertheilung für etliche Tage
bevor. Die Gegend der Cedern des Libanon sollte gesehen, zugleich
auch der südliche Verlauf des großen Thales, wenigstens bis zu der
altberühmten Stätte von Noahs Grabe und zu dem herrlich gelegnen
Sachile besucht werden. Zu den Beschwerden des ersteren Weges in der
jetzigen Jahreszeit, wo noch der Schnee die Höhen und Schluchten des
Gebirges bedeckte, waren nicht Alle von uns geschickt und bereitwillig.
Die Freundin Elisabeth litt schon seit etlichen Tagen an einem
fieberhaften Uebelbefinden; Herr Franz hatte sich von den Folgen
seines Sturzes vom Maulthiere noch nicht ganz erholt; mich bewegte das
Verlangen so bald als möglich eine Schiffsgelegenheit zu finden, die
uns von Beirut nach Athen führen könnte. Während der angeblich langen
Dauer einer Reise nach den Cedern, womit unsre Mucker uns erschreckt
hatten, mochte in Beirut manches bequeme Fahrzeug ankommen und wieder
abgehen, welches, wenn man zur rechten Zeit die Gelegenheit erfaßte,
uns zur baldigen Heimkehr -- denn nach dieser sehnte ich mich nun
herzlich -- behülflich seyn konnte. Es wurde deshalb beschlossen daß
die beiden muntren, auf dieser ganzen Reise so behülflich gewesnen
Freunde: +Dr.+ Roth und +Dr.+ Erdl, in Begleitung des
Dragomans Herrn Mühlenhoff, und des einen, landeskundigen Muckers
die Reise nach den Cedern machen, wir Andern aber den nächsten,
und freilich für diesmal bequemeren Weg über Sachile nach Beirut
einschlagen sollten. Die Reise nach den Cedern, welche die erstere
Abtheilung unsrer Gesellschaft machte, lasse ich hernach den +Dr.+
Johannes Roth aus eigner Erfahrung und darum mit eignen Worten
erzählen; ich beschreibe indeß hier den alltäglicheren Verlauf des
Weges den ich in Begleitung der beiden Mitpilgerinnen so wie des Herrn
Franz und Herrn Bernatz von Baalbeck nach Beirut machte.
Unsre Freunde hatten ihren Taglauf mit der Sonne zugleich angetreten,
wir Andren verweilten etliche Stunden länger, um noch einmal die Ruinen
und einige andre Gegenstände der nächsten Umgebung zu sehen. Während
Bernatz bei der Tempelburg mit Zeichnen beschäftigt war stieg ich in
südöstlicher Richtung am Abhange des Gebirges hinan, indem ich anfangs
dem Laufe eines Bächleins (Dschusch) folgte. Es zeigten sich hier neben
den seltneren, manche Gewächse welche mit vaterländischen Arten ganz
nahe verwandt oder dieselben waren[184]. Auf einer Anhöhe, ganz nahe
über der Stadt betrachtete ich die Ruinen einer Moschee und die neben
ihr gelegnen Felsengräben, in denen so manches Geschlecht der Menschen
seine Todten mag begraben haben. Zuerst vom Abhange des Berges, dann
unten, vom Saume des Hügels auf dem die Tempelburg stehet, zuletzt
oben auf dieser selber, unter den majestätisch schönen sechs Säulen
stehend, faßte ich noch einmal das großartige Bild eines in Trümmern
liegenden künstlichen Paradieses ins Auge. Ja, auch hier, bei der
letzten, herrlichen Palingenesie des alten, Syrischen Sonnentempels
durch die Hand der Römer regte sich zuletzt noch, in riesiger Kraft das
Bestreben des Heidenthumes das verlorene Paradies, dessen Herrlichkeit
doch zunächst eine geistige war und auch nur im Geiste wieder errungen
werden kann, durch ein Geschäft der leiblichen Hand zurückzurufen.
Mitten in ein hehres Eden, das hier die Natur im Thale des Libanon
begründet, legte der Mensch die Grundsteine zu einem Eden seiner
Kunst. Doch vergeblich. Wenn sich auch an diese dachlos nach dem
blauen Himmel emporstarrenden Säulen Gedanken der Menschenhoffnungen
und Menschenpläne, wie Fäden des Herbstgespinstes an die dürren
Zweige eines Baumes anknüpften, und noch jetzt das Wohlgefallen an
dem menschlich Schönen sie daran anspinnt, der Sturmwind des nächsten
Tages zerriß sie dennoch und zerreißt sie noch immer. So tief auch das
Heidenthum, als es jetzt den Gipfel seiner Macht erstiegen den Grund
grub und so stark die Unterlage geschienen auf die es das Werk seiner
Herrlichkeit stellte, das Erdbeben eines Gerichtes, welches über die
Völker kam grub noch tiefer und war stärker als die Grundlage der
Göttertempel und Herrscherpalläste. Noch tiefer aber und mächtiger
als das Erdbeben eines göttlichen Zorngerichtes senkte sich ein Keim
der Liebe und des Hoffens, der von oben kam, in den armen verödeten
Boden der Völkergeschichte; neben all diesen, gar bald wieder in
Trümmer gesunkenen Paradiesen der künstlichen Hand, legte der Geist
des Menschen im Verborgenen den Grund zu einem Eden, dessen Blüthen
niemals welken, dessen Tempel kein Erdbeben zerreißt; das Verlorene
ward wieder gebracht, das Hoffen und Sehnen aller Zeiten und Völker
ward erfüllt, denn der Christenglaube war von neuem eine Hütte Gottes
bei den Menschen geworden.
Es war gegen acht Uhr als wir uns in Frieden von unsrem Wirthe, dem
Griechischen Bischof verabschiedeten und in dem weiten, herrlichen
Thale hinabzogen. Wir hatten uns mehr gegen die Westseite desselben
gewendet, und fanden da bald einen ebenen, im grünenden Grunde
hinlaufenden Weg. Der Himmel war von besondrer Klarheit; zu unsrer
Rechten glänzten die Schneemassen des Libanon, zur Linken zeigten
sich an den Abhängen und in den Schluchten des Antilibanon, von
dichtbelaubten Bäumen umgeben, die Dörfer und Ortschaften. Noch vor
Mittag begegneten wir einem kleinen Heerlager der wandernden Beduinen,
welche mit ihren zahlreichen Ziegen- und Schaafheerden so wie mit den
Schaaren ihrer schönen, starken Kamele aus den Niederungen, wo sie
den Winter zugebracht hatten, wieder hinanzogen nach den Alpenwiesen
des Gebirges. Die eine Horde dieser Nomaden war so eben im Begriff
mitten in dem grasreichen Thale ihre Zelte aufzuschlagen; ihre Heerden
hatten schon von dem reichen Weideplatz Besitz genommen; andre Schaaren
waren noch in Bewegung. Es gab uns dieser Anblick zu jenem Bild der
Erinnerung das uns der 29ste October des vorhergehenden Jahres in
die Seele geprägt hatte ein unterhaltendes Gegenstück; damals kamen
die Züge der Hirtenstämme vom Gebirge zurück nach der Meeresküste,
jetzt hatten sie umgekehrt ihre Richtung nach den Höhen genommen.
Wenn ich hierbei an die muntre Fröhlichkeit unsrer vaterländischen
Alpenhirten und Sennerinnen dachte, die beim Auszug auf die Alpen in
mannichfachen Liedern laut wird, und den stummen, schweigenden Ernst
dieser Asiatischen Hirten damit verglich, prieß ich mich glücklich
einem Lande anzugehören welches in allen Dingen viel mehr und größere
Ursache hat sich zu freuen als zu trauern. Denn Jene dort wohnen in
Frieden und in der Fülle Dessen das Leib und Seele glücklich machet,
über diesen hier schwebt ohne Aufhören wie ein drohendes Gewölk die
Furcht. Denn wenn die Ermüdung vom Tagwerk voll Sehnen das Obdach des
Zeltes oder der Hütte suchte und das Auge des Bewohners dieser schönen
Einöden sich schloß, da erhebt, mitten in der Stille der Nacht ein
Geschrei der Todesschrecken seine Stimme. Oder wenn der Hunger seine
Hand ausstrecken will, nach dem im Schweiß des Angesichtes erarbeiteten
Brode, da hat dieß ein Andrer schon hinweggenommen, welcher schneidet
das er nicht gesäet, erntet das er nicht gepflanzet hat; ihre Jünglinge
frisset das Schwert im fremden Lande; jene welche daheim blieben raffet
die Pest dahin; Unfrieden verfolgt sie im Thale und ereilt sie im
Gebirge. Darum sey mir gesegnet du theures, friedliches Vaterland.
Nahe zur Rechten unsers Weges sahen wir die mit Wasser gefüllte
Schlucht, aus welcher der Leontes seinen Ursprung nimmt; die Gewässer
des thauenden Schnees ergossen sich jetzt reichlicher denn in der Zeit
des Sommers vom Libanon herunter in das Thal; die Bächlein die sich
da vereinen waren gefüllt, tiefer liegende Stellen des Wiesengrundes
überschwemmt. Wie hehr ward jetzt, besonders nach Mittag, die Aussicht
gegen Süden in das prachtvolle Thal und auf die Schneemassen des
Dschebel Scheikh der sich uns hier von seiner andren, westlichen Seite
zeigte, welche steiler und unwirthbarer aus der Ebene emporsteigt als
die östliche, an der wir auf dem Weg nach Damaskus vorüberkamen. Auch
der Dschebel Sanin, einer der höchsten Gipfel des Libanon trat uns
jetzt so nahe zur Seite, daß seine mächtigen Schneemassen Gedanken und
Bilder des Winters erweckten; während unten im Thale der warme Frühling
seinen Blumenteppich zu unsern Füßen ausbreitete.
Ein Mann in vornehmer Türkischer Kleidung, es war ein Pascha, ritt
kurz vor Kerak mit seinem ansehnlichen Gefolge an uns vorüber. Unser
Auge ergötzte sich an dem Anblick seiner schönen Rosse, aber dieses
Ergötzen war von kurzer Dauer; denn diese glänzende, bunte Schaar
der Reiter flog wie vom Winde bewegt an uns vorüber; jene waren schon
in das Städtlein hinein, da es uns schien als stünden wir mit unsern
Maulthieren noch an demselben Flecke des Feldes. Auch wir kamen indeß,
freilich fast eine halbe Stunde später nach und genossen wenigstens mit
den Augen das Fest, das für diesen vornehmen Gast bereitet war. Denn
außen vor der Stadt, auf einem grünenden Rasenplatze waren Teppiche
gedeckt; ganze Haufen der frischen Arabischen Kuchenbrode waren an
den Plätzen wo die Gäste sich niederlassen sollten hingelegt und nach
der Zahl dieser kleinen Kuchenthürme mußte eine sehr große Menge von
Tischgenossen hier erwartet werden; es schien ein Fest, an welchem ein
großer Theil der Bewohner von Kerak Theil haben sollte. Auch in den
Gassen und Bazars der kleinen Stadt war Alles in lebhafter Bewegung;
eine Mannichfaltigkeit der verkäuflichen Dinge (besonders viel buntes,
irdenes Geschirr) war da zu sehen und zu haben; das Volk festlich
geputzt.
An Kerak knüpft die sagenreiche Geschichte dieses Landes einen jener
goldnen Fäden, von deren Gewebe die ganze Umgegend des Libanon bis
gen Damaskus umsponnen ist. Hier bei Kerak soll Noahs, des Altvaters
Grab seyn. Das Gebäude, welches das angebliche, mehr denn zehn Fuß
lange und etwa drei Fuß breite Grabmahl umfasset, liegt an der Südseite
der Stadt, nahe bei einer Moschee und bei den Trümmern einer, ihrer
Inschrift nach, Römischen Grabstätte. Seit Jahrhunderten ist es ein Ort
der Verehrung nicht nur für die Bekenner des Islams, sondern auch für
die Maroniten und Drusen; Timur-Chan, als er auf seinem Heereszug nach
Damaskus in das Thal von Baalbeck kam, wallfahrtete ehrfurchtsvoll
hieher nach Noahs Grabe. Uebrigens hat dieses Gebäude wegen seiner
großen Länge und geringen Breite kein Ehrfurcht erregendes Aussehen:
der vorüberreisende Europäer wird durch die Form desselben viel
eher an einen Kegelschub seines Vaterlandes, denn an einen Ort der
Todtenbestattung erinnert.
Von Kerak aus wendet sich der Weg durch ein kleines, schönes Thal
am Bache hinan, der mehrere Mühlen in Bewegung setzt, und das mit
Wohnungen der Menschen so wie mit Weinbergen und Gärten bepflanzt
ist[185], gegen Sachile. Diese kleine Stadt liegt auf dem Felsenhügel,
zu welchem ein sehr steil angehender, schmutziger Hohlweg hinanführt.
So beschwerlich und ungünstig sich aber auch dieser Eingang anließ,
so erschien uns dennoch das Städtlein selber, da es endlich erstiegen
war, desto gastlicher und freundlicher. Es war erst halb fünf Uhr des
Nachmittags als wir unter das Obdach des Maronitenklosters einritten,
in welchem unsre Mucker (sie selber als Maroniten) sehr wohl bekannt
und an das wir überdieß von Damaskus aus empfohlen waren. Die guten
Väter des Klosters (es wohnten nur ihrer vier in demselben) empfiengen
uns mit großer Freundlichkeit und wiesen uns sogleich das große
Ehrenzimmer des Gebäudes zur Wohnung und zum Nachtlager an. Während
aber die Zubereitungen zu einem Abend- und Mittagessen getroffen
wurden, nach welchem freilich unser seit heute früh unbeschäftigt
gebliebener Magen einiges Verlangen trug, giengen wir noch hinaus in
das freie Feld, welches festlich angethan war, wie eine Braut. Denn
an den Rändern der Felder wie der Gärten und am Abhange des Hügels
stunden die Rosenstöcke, die ich noch nie in größerer Menge beisammen
gesehn, in voller Blüthe; der Weinstock hatte sich mit all seinen
Blättern geschmückt und seine Blüthentrauben machten aus dem Verborgnen
sich auf; im Gebüsch der blühenden Granaten ließ eine Nachtigall sich
hören. So feierten wir da, lustwandelnd zwischen den Rosengärten, dann
sitzend im Schatten eines Wallnußbaumes die letzten Nachmittagsstunden
des schönen Himmelfahrtsfestes. Nahe vor uns lag in einer mächtigen
Spalte des Gebirges, durch die sich ein Bach hindurch reißt, das
ansehnlich große, Griechische Kloster des heiligen Elias; von seinem
kleinen Thurme ertönte die Vesperglocke und bald stimmten in ihren Ton
noch viele Glocken der christlichen Klöster und Kirchen, in der Stadt
und in ihrer Umgegend ein. Wie süß und lieblich dieser Ton unsrem Ohre
war, wie sehr er unser Herz bewegte und erhub, das könnte nur Der
mit uns fühlen, welcher so lange als wir keine christlichen Glocken
gehört. Es war uns als würde uns heute ein großes Fest unsres Lebens
eingeläutet: das Fest des Wiedereingehens in das eigentliche Vaterland:
in die Gemeinde der Christen, und wie uns vor fast acht Monaten das
Abendgeläute in Semlin mit Wehmuth erfüllte, so ergoß das heutige, des
lieben Himmelfahrtstages in unser Herz ein solches Gefühl des seligsten
Friedens und der Freude als selbst ich, der ich schon so oft in meinem
Leben fröhlich gewesen, kaum jemals in höherem Maaße empfunden. Es war
uns nach so mancher, seit acht Monaten überstandnen, Tageslast und
Gefahr wie Solchen, die aus großen Wassern und aus dem Brausen der
Wogen hinaustraten ans sichre Land und mit besondrer Kraft wurden von
uns die Worte unsrer heutigen Tageslosung erfahren: Die Er zu Lande
gebracht hat nach ihrem Wunsche, die sollen dem Herrn danken und Ihn
bei der Gemeine preisen (Psalm 107, V. 30-32).
Auch bei unsrer Zurückkunft ins Kloster bemerkten wir recht daß wir
hier unter theilnehmenden, durch gemeinsame Taufe, durch gemeinsamen
Glauben mit uns verbundnen Seelen seyen. Es hatten sich im Hofe des
Klosters eine Menge der Frauen und Kinder der hiesigen katholischen
Maroniten versammlet, denen der Anblick fränkisch gekleideter
Pilgerinnen noch etwas Neues war. Es war aber nicht bloß ein Ausdruck
der gemeinen Neugierde, mit welchem sie sich zu meiner Hausfrau und zu
der kranken Freundin hindrängten, sondern die Augen Mehrerer von ihnen
waren voll Thränen der Liebe und der herzlichsten Theilnahme da sie
die beiden Pilgerinnen anblickten; es war als wollten sie wenigstens,
da sich die Sprachen der Zungen nicht verstunden, durch Mienen sagen:
seyd uns gesegnet. An diesen unverschleierten Frauen fiel uns Allen
nicht bloß der sonderbare hohe, einer abgestumpften Pyramide gleichende
Kopfputz und die Wohlgestalt so wie die Anmuth der Gesichtszüge auf,
sondern vor allem die blonde Farbe der Haut wie die blauen Augen, durch
welche Einige von ihnen ganz an die Gestalt unsrer vaterländischen
Frauen erinnerten. Auch die Kinder, welche die Mütter auf ihren Armen
trugen oder an der Hand führten, zeigten sich voll Zutrauen gegen die
fremd gekleideten Leute; sie reichten uns ohne Rückhalt die kleinen
Hände und keines unter ihnen störte durch Geschrei oder ungeberdiges
Benehmen die Stille dieser Abendstunden.
Sachile ist, namentlich seit der Aegyptischen Herrschaft über die
Landschaften des Libanon, ein vorherrschend von Christen bewohnter
Ort, deren Zahl auf fünf bis sechstausend geschätzt wird. Die meisten
von ihnen sind unirte Griechen; seit den letzten Jahren hat aber auch
die Zahl der (katholischen) Maroniten, deren Familien mehr und mehr
vom Gebirge sich hieher zogen, sehr zugenommen. Die Bewohner sind
ein fleißiges Völklein, das von dem Fertigen künstlicher Gewebe und
Färbereien, so wie vom Ertrag der Weinberge, der Feigen und Obstgärten
sich nährt. Unten im Thale, an dem von St. Elias herkommenden
Berdaunibache (oder Flüßlein) liegen mehrere Eisenhämmer.
Unser Arabischer Knecht Mohamed war nicht ohne einige Furcht in diese
ganz von Christen bewohnte Gegend eingetreten. Hatten wir doch selbst
bei dem sonst so gebildeten Freunde Hassan, jenem Türkischen Kaufmann
aus Smyrna, der uns von dort nach Alexandria begleitete, das seltsame
Vorurtheil gefunden daß es lebensgefährlich für jeden Mohamedaner sey
in Länder zu gehen wo lauter Christen wohnten, weil diese, sobald sie
inne würden daß der Fremde ein Bekenner des Islam sey, ihn sogleich
hinrichten ließen; um so weniger war denn unsrem armen Knecht eine
solche Furcht zu verargen. Er bat uns dringend, es ja nicht merken zu
lassen wes Glaubens er sey, an ihm solle das auch niemand bemerken. Und
hierinnen hatte er recht; denn auf der ganzen Reise welche er mit uns
machte hatten wir niemals Gelegenheit an ihm wahrzunehmen ob er ein
Türk, ein Christ, Jud oder Heide sey.
Das Abendessen war jetzt bereit, an dem wir Alle, außer der armen
Freundin, welche krank auf ihrem Lager blieb, einen eifrigen Antheil
nahmen. Die Maronitinnen der Nachbarschaft hatten ganze Krüge voll
Wein und andre Lebensmittel herbeigebracht um den Vätern des
Klosters die Bewirthung ihrer Gäste zu erleichtern. Wir saßen auf
den Polstern des Bodens; genossen der guten auf Europäische Weise
zugerichteten Suppe so wie der gesottenen und gebratenen Hühner, sammt
der aus den Früchten des Landes bereiteten Süßigkeiten, vor allem
aber des köstlichen, feurigen Weines, von welchem es mir schien als
hätte ich niemals in meinem Leben einen besseren genossen. Der gute
Klostergeistliche, der als Wirth mit uns Theil nahm am Mahle mußte
etwas von der Sitte des Anstoßens der Trinkgläser, bei uns Europäern
gehört haben, oder diese Sitte ist eine hier einheimische; er stieß
fast jede Minute mit seinem zinnernen Becher an die unsrigen an und
suchte uns nach seiner wohlmeinenden Weise zum Genießen der Gaben des
Landes aufzufordern. Hätten wir nicht mit einiger Vorsicht den Becher
gehandhabt, den er so gern uns von neuem füllte, dann hätte uns dieser
Abend leicht ein Erinnrer werden können an einen Zug aus der Geschichte
des Altvaters Noah, dessen Grab die Sage in die Nachbarschaft des
gastfreien Sachile versetzt. Geschieht es ja ohnehin den menschlich
höchsten und besten Gefühlen, dergleichen die unsrigen am heutigen
Nachmittag zu seyn schienen, so gar leicht, daß ihre Flamme, wie jene
der brennenden Wachskerze zwar zuerst ein Weichwerden und Schmelzen,
dann aber ein widerliches Hinablaufen der Masse des Lichtes nach dem
Leuchter erzeugt, wodurch dieser befleckt, das Licht aber selber
verunstaltet wird. Doch bei aller Vorsicht im Genuße fühlten wir
wenigstens daß dieser Wein vom Libanon einen ungewöhnlich festen
Schlaf mache und diese Wirkung des köstlichen Getränkes hätte uns in
der Nacht gar leicht gefährlich werden können. Denn durch eine kleine
Unvorsichtigkeit war das Docht der Lampe, die in einer Vertiefung der
Wand brannte, zu weit hervorgezogen worden; eine glimmende Schnuppe
derselben war auf die wollene Decke gefallen unter welcher wir beide,
die Hausfrau und ich schliefen; die Decke hatte sich entzündet, das
Zimmer war mit dickem Rauch erfüllt, ich aber erwachte erst als die
Gluth an meine Füße traf und mit Mühe wurde das Feuer durch das Wasser
der großen Krüge gelöscht, die zu unsrem Glück im Zimmer stunden.
Am Freitag, den fünften Mai, fand uns der anbrechende Morgen, den das
lieblich tönende Geläute der christlichen Betglocken ankündete, schon
auf der Terrasse des Haußes. Auch unsre Mucker waren ungewöhnlich
zeitig zur Weiterreise bereit; die kranke Freundin fühlte sich durch
die freilich fieberhaft unterbrochene Ruhe der Nacht erleichtert. Einer
der Geistlichen, ich weiß nicht gewiß ob des unsrigen oder eines andren
Maronitenklosters hatte mit uns denselben Weg zu machen; wir nahmen
Abschied von unsern gastfreien Wirthen und von den schon so früh wieder
im Hofe des Klosters versammelten Maronitinnen, die, wie es schien,
noch einmal die fremden Pilgerinnen begrüßen wollten und traten dann um
6 Uhr des Morgens den Weg der Weiterreise an, der uns zuerst, in fast
östlicher Richtung die Anhöhe hinanführte, dann aber bald hernach gegen
Südwest und West sich wendete. Ich gieng mit dem Klostergeistlichen,
der sich zu uns gesellt hatte, zu Fuße voran; der Tag war schon in den
Morgenstunden sehr heiß. In ganz besondrer Klarheit zeigte sich uns,
da wir über die quellenreichen Anhöhen hinanstiegen noch einmal, heute
vielleicht für mein Auge zum letzten Male der im weißen Gewand seines
Schnees erglänzende große Hermon (Dschebel Scheikh), von welchem der
Jordan hinabquillt in das werthe Land. Palästinas Gebirge und Auen; die
hinter dem Schleier der blauen Höhen verborgenen Höhen; sie riefen noch
einmal dem Pilgrim ihren Abschiedsgruß und Segen auf seine Weiterreise
zu.
Jetzt aber, es war der Mittag schon vorüber, hatten wir, nach manchem
gähen, gefahrdrohenden Absturz des Gebirges, über den der Weg auf
rolligem Gesteine kaum für die Maulthiere gangbar war, den Dschebel
Riehan, einen Hochrücken des Libanon erreicht, der uns in der That ein
Neues vor Augen stellte, dergleichen wir niemals vorhin gesehen. Neben
uns öffnete sich zur Rechten ein tief einschneidendes Kesselthal des
Gebirges, dessen Abhänge mit Waldungen bedeckt sind. Der Baum, welcher
diese Waldungen vorherrschend zu bilden scheint, ist eine Fichtenart,
die bisher unter dem Namen der Halepinischen Fichte (+Pinus
halepensis+) mitbegriffen war, neuerdings aber als +Pinus
bruttia+ erkannt worden ist. Die Abhänge des Thales sind mit vielen
Ortschaften bebaut, in denen Maronitische Christen wohnen. Hier und
an mehreren andren Stellen unsers heutigen Weges begegneten uns viele
Drusen.
Dort lag das Mittelmeer vor uns, in solcher fernen Tiefe, daß das
Auge seiner eignen Wahrnehmung ungewiß ward, denn das was Tiefe und
Wasserspiegel ist, das erschien uns wie ein Wolkendamm, der über der
Ebene emporsteigt. Ich selber, der ich das Meer noch niemals von einer
solchen Höhe gesehen, zweifelte daran, ob das, was ich hier sahe, ein
Gebilde der Luft oder ob Wasser sey. Allmälig aber überzeugte sich
jedoch das Auge, daß diese blaue, scheinbar anwärts steigende Fläche,
das liebe, uns schon als etwas Vaterländisches erscheinende Mittelmeer
sey, und zuletzt konnten wir selbst im Hafen von Beirut, die Masten der
Schiffe unterscheiden.
Unser freundlicher Begleiter, der Maronitische Geistliche, wendete
sich jetzt, da wir nach mancher Hinabsenkung und Wiedererhebung des
Weges die letzte Anhöhe des heutigen Tagmarsches hinaufziehen wollten,
zur Linken (gegen Südwest), wo er, in einem geistlichen Obdach der
Maroniten sein Nachtlager fand, während wir andern die gewöhnliche
Station des Weges, den Khan Hhussein aufsuchten, den wir schon vor fünf
Uhr erreichten.
Einem Nachtlager in den untern Räumen des Khans, und selbst auf
dem grasigen Boden des Gartens, wo ein andrer Reisender sein Zelt
aufgeschlagen hatte, wurde die Ruhestätte auf dem platten Dache eines
der Nebengebäude vorgezogen. Wir ergiengen uns noch auf einer der
benachbarten Anhöhen, von welcher aus wir das Meer und die Mastbäume
der Schiffe im Hafen von und in der Bucht bei Beirut ungleich
deutlicher als an dem früher erwähnten Punkte der Meeresaussicht sehen
konnten. Vielleicht, so gab uns das seit gestern lebendiger erwachte
Heimweh nach dem lieben Vaterlande die Gedanken ein, liegt unter diesen
Schiffen, deren Mastbäume wir da sehen, schon jenes vor Anker, das uns
weiter zur Heimath fördern soll.
Da wo wir am Felsenrand des Hügels hineingiengen fand sich die
Arabische Mandel (+Amygdalus arabica+) und die Horminum Salbei
(+Salvia Horminum+); die Gebirgsart selber (der Libanonkalkstein),
war an einigen Stellen voll von Versteinerungen, namentlich von
Mytuliten. Gar lieblich ward uns auch der heutige Tag durch die
christlichen Abendgebetglocken eines im benachbarten Thale liegenden
Dörfleins zur Ruhe geläutet, und diese Ruhe, die uns der Ton
verkündete, war dort auf dem platten Dache wo Keiner uns, so wie
gestern zum Essen und Trinken nöthigte, gar erquicklich und süß.