möge, weiß ich nicht; sein Pallast ließ es, wenigstens in dem Zustand
in welchem wir ihn sahen, auch nicht errathen. Die Treppe hinauf zu
dem oberen Stockwerk des Haußes, wo das bischöfliche Zimmer war,
konnte zwar noch mit Sicherheit bestiegen werden, oben aber mußte man
mit einiger Vorsicht von einem Balken zum andern steigen, denn wie an
einem noch im Bauen begriffenen Hauße fehlte zwischen den Balken das
Deckenwerk, welches die untere von der oberen Etage scheidet, so daß
man durch einen unvorsichtigen Schritt gar leicht aus dieser in jene
hätte versetzt werden können. Das Zimmer des Bischofs glich einer
unsrer (geringeren) Bauernstuben, es hatte Glasfenster; er selber
der Bischof empfieng uns mit gehaltner Gravität, doch freundlich,
und würde ohnfehlbar noch freundlicher gewesen seyn, wenn wir ihm,
nach der Sitte des Landes, so wie unsre Mucker es thaten, die Hand
hätten küssen wollen. In einem Nebengebäude, das mit der oberen
Etage des Haußes in Verbindung steht, wurden uns einige kleine,
übrigens reinliche Zimmer angewiesen, welche gewöhnlich dem andren
Geistlichen, welcher Gehülfe des Bischofs ist, zur Wohnung dienen. Die
Haushälterin des Bischofs besorgte uns, gegen baare Vorausbezahlung
ihrer Forderungen, Lebensmittel, und während unser Arabischer Knecht
das Mittagsessen unten im Hofe bereitete giengen wir aus um die ganz
nahe an dem bischöflichen Hauße gelegenen gewaltigen Ueberreste
des alten Sonnentempels zu besehen. Ich nannte diese vorhin eine
Ruinenburg; denn außerdem daß jene colossalen Trümmer der alten Pracht
und Herrlichkeit in späterer Zeit öfters die Stelle einer Festung
vertreten mußten um deren Besitz die Belagerer wie die Belagerten mit
heftigster Anstrengung und zerstörender Wuth sich stritten, glich
auch ursprünglich die Anlage der alten Bauwerke auf einem großenteils
aus ungeheurem Mauerwerk gebildeten oder von diesem umgränzten Hügel,
der Anlage einer Burg, in welcher nicht nur ein einzelnes, sondern
ein ganzes Chor von Tempelgebäuden, ein ganzes Heer von Säulengängen,
Hallen und Bildwerken versammelt war. Wir brachten den ganzen übrigen
Tag, mit Ausnahme der wenigen Minuten, welche das Mittagessen uns
hinwegnahm unter den Tempelruinen, mit ihrer genauen Betrachtung
und einige der Gefährten mit ihrer Zeichnung zu, besuchten sie dann
von neuem am andern Tage, deshalb verspare ich die Beschreibung des
Eindruckes den Baalbecks Sonnentempel auf die Seele macht, auf die
Geschichte des Nachmittages dieses Himmelfahrtvorabends, und verweile
mich zuerst bei einem kurzen Abriß der Gestalt des Fußgestelles, d. h.
der Umgegend des großen Ehrendenkmales das hier die Baukunst nicht nur
der alten (Römischen) sondern der älteren (Syrischen), ja der ältesten
der Völker sich gesetzt hat. Dieses Fußgestelle der nächsten Umgegend,
namentlich des jetzigen Baalbeck gleicht freilich, neben den noch
immer fest auf ihren Füßen stehenden Tempelsäulen, einem hölzernen
Gestelle, welches, so oft es auch erneut und gewechselt wurde, von
Würmern zerfressen, vom Moder aufgelöst ist.
Baalbeck, das alte Baalgad und Baalhamon[180] der heiligen Schrift,
dessen noch jetzt bestehender, die Stadt des Baal oder Sonnengottes
bedeutender Name, nur auf kurze Zeit von dem griechischen, dasselbe
bedeutenden Namen Heliopolis verdrängt werden konnte, liegt an jenem
Giebelpunkt des mächtigen Libanonthales, welcher die Wetter- und
Wasserscheide zwischen dem nördlichen und südlichen Verlaufe von
diesem bildet. Einige Stunden im Norden von Baalbeck entspringt der
Orontes, der seinen Lauf nordwärts nimmt; wenige Stunden südwärts von
hier quillt der Leontes, der nach Süden läuft; der Bach aber der durch
Baalbeck fließt nimmt zwar auch seinen Lauf nach Süden, kann aber auf
der Ebene nicht den nöthigen Abfall zur regelmäßigen Fortsetzung seines
Laufes finden und versiegt deshalb in geringer Entfernung von hier,
an dem grünenden Boden. Die Höhe von Baalbeck über dem Meere ergab
sich nach unsern barometrischen Messungen zu 3572 Par. Fuß, wir waren
deshalb von der Thalgegend bei Zarain, bis zu der vollkommneren Ebene
bei Baalbeck aufwärts gestiegen. Die Breite der eigentlichen Thalsohle
zwischen dem Libanon und Antilibanon misset, hier in der Gegend von
Baalbeck nicht viel über eine deutsche Meile; die Gebirgswände zu
beiden Seiten steigen, gegen und mehr denn 8000 Fuß über dem Meere,
gegen 5000 Fuß über der Fläche des Bekaa empor; hier in der Breite
von Baalbeck ist allem Anscheine nach der Libanon, weiter nach Süden,
bei dem Dschebel Scheich der Antilibanon höher als sein Nachbar. Der
steilere Abfall ist an beiden Gebirgszügen nach Westen, der allmäliger
ansteigende gegen Osten gekehrt, so daß vom Thale aus der Antilibanon
nackter und wilder erscheint als der nach unten mit Feldern und auch
weiter hinan mit Wald und Gebüsch, an seinem Gipfel mit Schnee bedeckte
Libanon. Das Thal der Thäler, dieses alte Cölesyrien ist an seinem
Saume wie an den Abhängen der beiden Seiten, seltner an jenen tiefen
Stellen an welchen sich, während der Zeit des Regens und des thauenden
Schnees die Gewässer versammlen mit vielen Ortschaften angebaut.
Die Bewohner von diesen benutzen theils mit den hindurchziehenden
Nomadenschaaren der Turkomanen und Beduinen das reiche Weideland
des Thales zur Viehzucht; theils nährt sie der Ertrag der Aecker
an Baumwolle und Getraide, so wie der Bau der Maulbeerbäume (zur
Seidenzucht) und des Weines. Unter den Heerden sieht man am häufigsten
die langohrige Ziege mit langem Haar von mittlerer Feinheit; das Schaaf
mit der mehr oder minder entwickelten Anlage zum Fettschwanz; eine
sehr bedeutende Menge von Kühen; Esel und Maulthiere von besondrer
Schönheit, Pferde in verhältnißmäßig geringer Anzahl. Von den Bewohnern
von Baalbeck bilden ein reichliches Viertheil die Christen, deren Zahl
sich auf drei bis vierhundert belaufen mag; die übrigen, etwa sieben
bis achthundert Einwohner sind Mohamedaner, von dem früherhin, wegen
seines feindseligen Benehmens gegen die Fremden sehr verrufenen Stamme
der Metawelis[181]. Wir hatten nichts von ihnen zu leiden, auch kein
Emir, wenn anders einer im Orte war, gab sich die Mühe uns (wie manche
frühere Reisende) zu beunruhigen oder sich um uns zu bekümmern. Das
Alterthum rühmte die große Schönheit der Bewohnerinnen von Baalbeck;
die Männer haben etwas von dem Fleiße ihrer Nachbarn, der Damascener
an sich genommen, sie beschäftigen sich zum Theil mit dem Weben der
Baumwolle und der Seide.
Das ganze jetzige Baalbeck gleichet einem mächtig großen, verödeten
Pallast, in dessen von seinen alten Besitzern verlassenen Hallen
ein armes Gesindel einstweilen zur Miethe wohnt, bis die rechten
Eigenthümer sie von neuem beziehen. Abgesehen von dem was dieses
Baal-Gad oder Baal-Hamon in den Zeiten des Israëlitischen Reiches
gewesen, so fragt der Reisende, der seine verwüstete Stätte betritt:
wo ist die mächtige Stadt Baalbeck hingeschwunden, welche gegen Omar
den Khalifen so tapfer sich vertheidigte; welche in den Zeiten der
Kreuzzüge, ja selbst noch in jenen der Türkischen Oberherrschaft so
oft Gegenstand der Kämpfe, so oft belagert und gewonnen, dann wieder
verloren ward? Bis zur siebenten Woche hatten ihre festen Mauern und
ihre Vertheidiger den furchtbaren Anstürmen des Zenki (im Jahr 1139)
widerstanden und da die Stadt endlich erobert war, dauerte es noch
andre 11 Tage bis sich die feste Burg dem Tyrannen durch einen Vertrag
übergab, den dieser grausam brach, indem er die tapfren Vertheidiger
an Kreuze schlagen ließ. Wo ist das mächtige auch durch seine Schulen
der Morgenländischen Weisheit berühmte Baalbeck, in welchem der große
Saladin, dessen Vater Ejub hier Statthalter war, einige Jahre seiner
frühesten Jugend in stiller Betrachtung der Geschichten des Vergangenen
zubrachte?[182] Oder wenigstens die bürgerlich reiche Stadt, welche
Timurs Heeren (im Jahr 1401) auf lange Zeit Proviant gewährte. Von
welchem bedeutenden Umfang noch damals die Stadt gewesen sey, das
bezeugen die Grundlagen der Mauern und der fast ganz verschütteten
Wälle und Gräben. Zwischen den armseligen Hütten so wie neben den etwas
größeren, aber auch nicht viel schöneren Gebäuden, die sich namentlich
an der südlicheren Seite des Ortes finden, zeigen sich noch an vielen
Stellen die Trümmer der vormals mächtigen, prachtvollen Fürstenstadt.
Aus einer noch älteren Zeit als die blühendste des Sarazenenreiches
hat sich ein schöner runder Tempel mit Korinthischen Säulen erhalten,
aus der späteren ein schönes Bad; die beiden Moscheen haben durch das
letzte Erdbeben sehr gelitten.
Wir verlassen jedoch die ganz verarmte Erbin der alten Herrlichkeit und
Macht von Heliopolis und steigen über den mit Gras bewachsnen Hügel
des Schuttes hinan zu der Tempelburg, deren zerrissenes Gemäuer uns
da den Zutritt zum Innren gestattet. Hier ist es still und einsam;
kein Hirt des Dorfes und kein wandernder Beduine hat es gewagt unter
diesen Trümmern seine Hütte oder sein Zelt aufzuschlagen; wir sahen,
so lange wir dort verweilten niemals einen Menschen sich nahen, wir
waren ganz allein gelassen mit den Werken eines Geistes, der einst als
unumschränkter Herrscher dort gewaltet, wo seine Stätte nun nirgends
mehr gefunden wird. Es ist dieser hehre Geist der das jetzt lebende
Volk des Thales mit einem Gefühl der Furcht erfüllt, wenn es das
vermeintliche Werk der Genien (Dschennin) oder der unheildrohenden
Geister betrachtet, welche Salomo, der Herrscher über die Geisterwelt,
hier zu seinem Dienst und zur Erbauung seines Baal Hamon zusammenrief.
In der That jener Gedanke, der die Tempelburg von Baalbeck begründete,
übt noch jetzt eine übermächtige Gewalt über die Geister, er zwingt
und bindet diese, daß sie Theil nehmen müssen an seinem Emporfluge zur
inneren lebendigen Anschauung jenes Schönen, mit welchem die bedenkende
Weisheit überall sich bekleidet, wo sie dem sichtbaren Wesen sich
nahet.
Ich kann mich nicht überzeugen, daß die Tempelruinen von Baalbeck ganz
und gar zu einem Werk der Römischen Baukunst aus den Zeiten Antonins
des Frommen gehört haben sollten, sondern bin hierin der Meinung eines
vaterländischen Forschers und Schriftstellers über diesen Gegenstand,
daß, eben so wie die Korinthische Säulenordnung keine Erfindung erst
der Griechen, sondern eine ungleich ältere der Völker von Syrien war,
auch der Tempel von Baalbeck schon zum Theil, und vielleicht seinen
Umrissen nach als ein Werk dieser älteren, einheimischen Baukunst
bestanden hatte, ehe die Römer aus dem Zustand seiner Verheerung
ihn von neuem aufrichteten, und ihm das Gepräge ihrer eignen Kunst
aufdrückten, die eine Schülerin vieler Zeiten und Völker war. Der
Tempel dieses Heliopolis ist ein Syrischer Herrscher, welchen, da er
in Armuth versunken war, die Herrscherin Roma mit ihrer Gunst beehrte
und ihn mit dem prächtigsten Gewand ihres Bürgerrechtes bekleidete.
Sollte Rom in dieser abgelegnen Ferne eines fremden Welttheiles ein
Werk begründet und ausgeführt haben, dem, in gewisser Hinsicht, keines
in seinem eignen, vaterländischen Gebiet zu vergleichen ist?
Die Ruinen von Baalbeck sind so oft und trefflich beschrieben, dazu
auch abgebildet worden, daß ich mich bei ihrer Beschreibung kurz
fassen darf. Die hohe Plattform oder der künstliche, aus riesenhaften
Werkstücken begründete und zusammengefügte Hügel, worauf die Reste der
Tempel stehen, hat durch seine spätere Umgestaltung zur Akropolis,
die Form eines ungleichseitigen Viereckes bekommen, dessen längster
Durchmesser über 1200 Par. Fuß beträgt. Zunächst waren es zwei Tempel
welche die Römische Baukunst hier aus altem und neuen Material
dargestellt hatte oder darstellen wollte: der eine von ihr wirklich
vollendete war ein Tempel der Sonne oder des Baal, der andre, ungleich
größere sollte ein Pantheon, allen Gottheiten von Heliopolis gewidmet
seyn. Jene sechs majestätischen Säulen, welche dem Auge schon bei dem
ersten Anblick der Tempelburg aus der Ferne auffallen, und bei denen
es auch in der Nähe am liebsten verweilt, waren Theile vom Peristyl
des größeren Tempels, dessen südliche Seite sie, in Gesellschaft mit
vier andren ihrer längst gefallenen Gefährten zierten. Nach ihnen hin
hatten wir zuerst unsre Richtung genommen und zwischen ihnen dastehend
hat man auch die beste Ansicht von der nördlichen und westlichen
Aussenseite des kleineren, vollendeten Tempels, der gerade im Süden
des größeren stund. Doch wie sehr muß man sich hüten das Wort kleiner
nicht mißzudeuten. Dieses Wort kleiner das nur der Vergleich mit dem
andern, über 1000 Fuß langen Allgöttertempel an die Hand gab, wird
hier von einem Bauwerke gebraucht das zu den größesten seiner Art
gehört. Freilich stehen von jenen vierzehn Säulen welche die nördliche
Außenseite dieses Sonnentempels zierten nur noch neun, von den vierzehn
der südlichen Seite vier, von den achten der Westseite nur noch drei,
dennoch gewähren diese einen ziemlich deutlichen Begriff von der
ursprünglichen Schönheit des Peristyls. Namentlich erkennt man noch an
der gegen feindliches Anstürmen geschützter gewesenen nördlichen Seite
die ganze sorgfältige Ausführung des Fries und Carnies; die Lacunari
mit ihren netzförmig sich verwebenden Bildwerken sind hier zum Theil
noch so frisch wie sie aus der Hand des Meisters hervorgiengen.
Die Wände des Tempels innerhalb des Peristyls stehen in kunstloser
Einfachheit da, nur an den vier Ecken treten die prachtvollen Pilaster
hervor und wie schön das Carnies gewesen, das erkennt man am besten,
wenn man unterhalb des Burghügels stehend, die Südseite des Tempels
betrachtet. Vom Portikus, im Osten des Gebäudes haben sich nur vier
Säulen erhalten. Ursprünglich bestund derselbe aus zwei Reihen
derselben, welche gerinnet waren, mit Ausnahme der beiden äußersten an
jeder Seite, deren Schäfte gleich jenen der Säulen des Peristyls glatt
sind. Ueber die eben erwähnten, noch stehenden Säulen des Portikus
haben die Sarazenen einen Citadellenthurm errichtet und zugleich das
Tempelthor durch eine plumpe Mauer verbaut; ein niedrer Eingang, der
eher einem Loche gleicht, führt durch diese hinein vor das Portal,
an welchem der Korinthische Baustyl Alles, was ihm an Verzierungen
zu Gebote stund, fast überreich und dennoch in symmetrisch-schönem
Einklange angebracht hat. Der Schlußstein des Portals ist durch
die Kraft des Erdbebens aus seiner Anfügung losgerissen worden; er
hängt, nur mit seiner oberen Hälfte noch zwischen den Nachbarsteinen
festgehalten, drohend über das Haupt des Eintretenden herunter; ihn
zierte das halberhabene Bild eines Adlers und zu dessen rechter und
linker Seite ein geflügelter Genius. Ranken des Weines, unter dessen
Blättern kleine Liebesgötter lauschen, untermischt mit Kornähren,
scheinen, als Zierrathen dieses Einganges die Kräfte der belebenden
Sonne andeuten zu sollen. Wenn auch diesem schönen Eingang entsprechend
das Innre des Tempels mit seinen sechs gerinneten, mit der Wand
verbundnen Säulen an jeder Seite, und seinen prachtvollen Bögen noch
jetzt als sehr bedeutungsvoll ins Auge fällt, so gehet doch diesem
Innren jede Spur seiner vormaligen Hauptzierde ab; Baal ist gefallen;
sein Altar zwischen den beiden prachtvollen Bögen an der dem Eingang
entgegengesetzten Seite ist verschwunden. Doch findet sich auch von
den beiden Reihen der Säulen, welche Theodosius setzen ließ, als er
den Baalstempel in eine Christenkirche umwandelte, seit länger als
einem Jahrhundert keine deutliche Spur mehr, während der wunderliche,
Sarazenische Anbau, zu dessen obern Raum eine Treppe hinanführt, mit
seinen grell gegen die Korinthische Bauart abstechenden Spitzbögen,
beider dahingesunkner Herrlichkeiten zu spotten scheint.
Der größere, der schon erwähnte Allgöttertempel von Baalbeck steht
höher als der des Baal, auf einer gewölbten Grundlage. Zu seinem
Haupteingang der in Osten war, giengen Stufen hinan; zur Rechten wie
zur Linken des äußeren Portikus prachtvolle Pavillons; darauf ein
achteckiger, jenseit desselben ein viereckter Hof (über 300 Fuß lang
wie breit) dann abermals Stufen, die, unter dem doppelten Säulengang
zum eigentlichen innren Portikus des Tempels führten, welchen mehrere
Reihen von Säulen, deren Höhe zwischen 50 bis 60 Fuß maß, trugen,
während ein Peristyl seine Außenseite verherrlichte, an dessen Nord-
wie an der Südseite sechszehn, an der Westseite acht Säulen von
derselben Höhe ihre Stellung angewiesen war. Die Länge des ganzen
Tempels von Ost gegen West misset gegen 1000 Fuß.
Aber dieses Werk von so großartigem Umriß und Bauplan scheint zu seiner
Zeit ein ähnliches Schicksal gehabt zu haben als der Dom zu Köln und
manches andre Meisterstück der Gothischen Baukunst; es ist angefangen
und nicht vollendet worden. Um zuerst das zu erwähnen was der Verlauf
der Zeit und was Barbarenhände an ihm zerstört und verändert haben,
so ist die große Treppe die zum Eingang führte zerstört, vor diesem
selber aber eine sehr contrastirende, moderne Mauer gezogen worden.
Von den Pavillons, an den Seiten des Portikus sind die der rechten
Seite noch in ziemlich gutem Stande und hier fallen dem Auge namentlich
die vierseitigen Korinthischen nach oben sich verdünnenden Säulen
auf, welche an die Aegyptische Bauart erinnern. Das Bildhauerwerk
am großen Portal, das an jeder Seite einen kleinen Eingang hatte;
das an der Verbindungsmauer zwischen beiden Pavillons, eben so wie
der achtseitige Vorhof scheinen unvollendet geblieben zu seyn; desto
prachtvoller ausgeführt sind dagegen die Zellen und Exedren an den
Seiten des großen Vorhofes (für die Priester und Magier) so wie
die zur Aufstellung von Götterstatuen bestimmten Nischen, die sich
zwischen den Zellen und Exedren finden. An einem der unvergleichlich
schönen Friese zeigt sich das bekannte Bildwerk so vieler Aegyptischer
Tempel: die Weltkugel mit Schwingen zwischen Schlangen und nahe bei
dieser Stelle zeigen sich Trümmer von Säulen aus schönem Aegyptischen
Granit. Die Central-Colonnade, welche die Reisenden in den letzten
Jahrzehenden des 17ten Jahrhunderts noch sahen ist verschwunden; nur
ihre Plattform ist noch vorhanden; ein weitläufiges, halbrundes Bauwerk
der Mohamedanischen Herrscher des Landes hat die Basen von 8 Säulen,
welche die erste Reihe der Colonnade bildeten, in sich aufgenommen.
Zu den Säulen an der Südseite des Peristyls des Tempels gehörten
dann eben jene sechs noch stehenden, welche, wie schon erwähnt das
Imposanteste und Herrlichste sind, was von dem alten Baalbeck noch
übrig blieb, denn, um mit Lord Lindsays Worten[183] zu reden, man mag
diese Säulen aus der Nähe oder aus der Ferne betrachten, immer erregen
sie durch ihre Anmuth und Vollendung, an welcher auch der geübteste
Kunstsinn nichts vermisset noch auszusetzen findet, ein gleiches Gefühl
der liebenden Bewundrung. Noch zu Pocockes Zeiten stunden, statt der
jetzigen sechs, neun solcher Säulen des Peristyls, seitdem ist selbst
ein Theil der Plattform barbarisch hinweggebrochen worden, doch
lassen sich in allem noch von siebenzehn Säulen des ganzen Peristyls
die Spuren erkennen. Vielleicht daß niemals die ganze Zahl derselben,
welche die Symmetrie des Gebäudes erfordert hätte, vollendet war,
und daß, wie dieß Lord Lindsay vermuthet, jene riesenhaften, mehr
denn 60 Fuß langen Steinblöcke, von denen wir schon oben sprachen,
die eigentliche Bestimmung hatten zu den etwa noch fehlenden Säulen
verarbeitet zu werden.
Wie schon das Alterthum die beiden Werke des Homer, die Iliade und
die Odyssee, jene mit der aufgehenden, diese mit der niedergehenden
Sonne verglichen, so vergleicht der treffliche Lindsay Palmyra mit
dem Aufgang, Baalbeck mit dem Untergange des herrlichen Gestirnes
des Tages. Und in der That, in vielfacher Hinsicht erinnert dieses
Heliopolis auch so wie es in seinem spätesten, Römischen Gewand uns vor
Augen steht an eine Stunde des Dahinscheidens bei deren Betrachtung der
Geist des Pilgrims lieber noch oder mit reicherem Genuße verweilt als
bei dem Anblick des jugendlich aufstrebenden Lebens. Ist nicht jene
Kraft der Menschenseele, welche hier in den Tagen ihrer noch minder
schuldbefleckten Jugend »dem unbekannten Gotte« Tempel erbaute zuerst
wie ein verirrtes Kind in dem Hauße des gütigen Pflegers, so unter der
näheren Leitung Dessen gewesen, dem sie unwissend Dienst erzeigte, und
regt sich nicht selbst noch in dem ehrfurchtsvollen Beachten eines
unveränderlich feststehenden Gesetzes, in der Bewegung der Gestirne
ein Anerkennen Dessen, der allein ewig derselbe ist? Aber das verirrte
Kind, da es nun mündig geworden, fieng an den Weg der Rettung, der
sich ihm darbot, für ein Verirren; sein Verlaufen aber aus dem
Vaterhauße für den Richtweg zu seinem Glück zu halten; da verkehrte
sich das kindlich bräutliche Sehnen nach jenem nicht Erscheinenden
(Unscheinbaren) das der Sonne ihren Glanz und ihre lebenfördernde Kraft
giebt in eine dämonische Brunst, zu Jenem, welches des Irrweges Anfang
und Führer war. Siehe, auch hier in Baalbeck war ein wilder Dienst der
Aphrodite; auch hier hat jener Baal-Moloch gewaltet, dem die Wollust
(denn wer ist grausamer denn sie) die eignen Kinder geopfert. Zuletzt,
in der Nähe des Todes, pflegt der Wahnsinn zu enden; die Erfahrung der
Aerzte und Forscher der Seelenkunde bezeugt es, daß Menschenseelen,
wenn sie vorhin Jahre lang in den krankhaften Banden eines Irrwahnes
gewesen, einige Wochen oder Monate vor ihrem Sterben wieder zum
Bewußtsein Dessen gelangten was sie wirklich waren und sind. Auch hier
in Baalbeck gelangte zuletzt die alte Welt des Heidenthumes wieder zur
Erinnerung an Das, was einst das Sehnen und der Leitstern ihrer Jugend
gewesen; es sagte durch die Werke dieser Tempel zu Dem, nach welchem
einst, in der schuldloseren Zeit seiner Jugend das Sehnen gegangen:
»ja, Du bist schön.«
Ich will meine eigne, kindische Achtung der Bauwerke von Baalbeck,
als der letzten Thaten oder Worte eines Sterbenden nicht läugnen; ich
hätte es nicht über mich vermögen können mit Hammer oder Meisel ein
Stücklein des noch Bestehenden abzuschlagen. Von den am Boden (zwischen
der Westseite des Sonnentempels und der Citadellenmauer) liegenden
doppelt und zehnfach zertrümmerten Trümmern der Säulen nahm ich etwas
und zergliederte es dem Auge: es ist, wie das ganze Baumaterial der
Tempel zu Baalbeck jener dem körnigen Kalkstein (weissen Marmor)
sehr ähnlich sehende, an manchen Orten an Versteinerungen sehr reiche
(Jura?) Kalkstein, aus welchem der größeste Theil des Antilibanon wie
des Libanon bestehet. Die Baumeister der Tempel entnahmen die meisten
ihrer Materialien aus den nachbarlichen Steinbrüchen, von denen wir
schon vorhin sprachen.
Noch ein Ausblick zu den schneebedeckten Gipfeln des Libanon und
seines gegenüberstehenden Nachbars, welche wie die beiden Genien, die
zur Rechten und Linken neben dem Adler am halbgestürzten Portalstein
des Sonnentempels schweben, von unvergänglicherem Wesen sind denn
diese Herrlichkeiten der Menschenhand, die das große Thal zieren;
dann verließen wir für heute die Burg der Tempel. Ein Loblied Dessen
schwebte, bei dem Betrachten dieser wunderbaren Gebirgshalle der Erde
auf unsern Lippen, Dessen Güte, auch wenn die Berge weichen, und die
Hügel hinfallen, ewig und unverändert Dieselbe bleibt. Die Lerchen
sangen mit uns, aufsteigend über die Getraidefelder, das Abendlied,
da wir jetzt, nachdem wir noch von allen Seiten den künstlichen
Hügel der Ruinen umgangen und seine drei riesenhaften (60füßigen)
Werkstücke an der Südwestseite gemessen hatten, nach Hauße giengen zu
unsrem reinlichen und bequemen Nachtlager, das uns heute durch die
wahrhaft erquickliche Ruhe die es gewährte für die Entbehrungen zweier
vorgehenden Nächte, und etliche meiner Reisegefährten auch für die der
nächstkünftigen Nacht entschädigen mußte.