festlichsten des Landes wie seiner Bewohner gehört, traten wir die
Reise in das Thal der Thäler, das in Westen der Antilibanon, in Osten
der Libanon begränzet, und nach dem in seiner Mitte liegenden Baalbeck
an. Die Stimmung meines Herzens war anfangs keine festliche, keine
so fröhliche und friedliche wie sie zum ersten Mai sich reimte. Denn
als wir von den guten Vätern des Klosters, vor allem von meinem guten
Padre Präsidente nach der Morgenandacht einen herzlichen, dankbaren
Abschied genommen hatten, glaubte ich, nach der Verabredung mit unsren
Muckern, alsogleich aufsitzen und fortreiten zu können; da wir aber
zum Kloster heraustraten, waren zwar die Maulthiere in der Nähe, von
den Muckern aber fehlten jetzt zwei, dann wenigstens noch einer:
der Führer von ihnen Allen. Ich gieng indeß, nach der Weise meiner
alten Ungedult voraus, kam halben Weges nach Salehiah, wartete und
wartete, kehrte indeß, klüger geworden durch das Schicksal meines
Vorausgehens auf der Reise nach Jericho, wieder nach dem Thor der
Stadt und zuletzt sogar nach dem Vorplatz vor dem Kloster zurück, wo
ich, zu meinem großen Erstaunen die Maulthiere noch immer unaufgepackt
stehen fand, weil jetzt zwar der Hauptmucker bei der Hand war, zugleich
aber die Nebenmucker fehlten, deren Geschäft das Aufpacken ist. Zu
diesem Ungemach machte der Kabasch des Klosters, der schon bei der
Hand war um uns das Geleite zu geben, damit er zu dem letzten und
allerletzten Endlohn den er bekommen noch einen aller-allerletzten
sich verdienen möge, ein so lustiges Gesicht, daß ich mich über den
Menschen fast eben so sehr ärgerte als über die trägen Mucker. Ich lief
noch einmal, um wenigstens den unvernünftigen Maulthieren ein gutes
Beispiel zu geben unvernünftig voraus, diesmal zwar nicht so weit als
das erste Mal, damit ich desto eher zurückkehren könne, und da ich
nun endlich alle drei Mucker, beschäftigt bereits mit dem Aufpacken
und um halb acht Uhr auch fertig zur Weiterreise fand, zankte ich
mit ihnen, so gut ich dieses auf Arabisch verstund, bloß bis hinaus
an den Türkischen Gottesacker, bei welchem auch der heute zur Unzeit
lustig gewesene Kabasch, nachdem er eben wegen dieser Lustigkeit nur
noch eine Kleinigkeit bekommen, uns verließ. Bald aber gab es noch
eine andre Veranlassung zum Bruch des Friedens mit dem lieben ersten
Mai. Die Mucker hatten bisher immer gesagt, der Umweg über die Cedern
des Libanon werde die Ankunft in Beirut nur um zwei Tage verspäten;
jetzt auf einmal vermehrten sich, in der Aussage ihres Mundes,
die zwei Tage auf Fünfe. So war die Stimmung meiner Seele von der
lieblichen Temperatur des ersten Mais in jene des letzten Novembers
hinübergerückt, und ich schäme mich noch heute meiner Verstimmung
vor meinen Reisegefährten, noch mehr aber vor dem Angesicht eines
Andern, der auch das innerste Geheimniß der unzufriednen, undankbaren
Menschenherzen siehet. Der freundliche Mr. Farren und seine Gemahlin
hatten mich eingeladen mit meiner ganzen Reisegesellschaft bei ihnen
ein Frühstück einzunehmen; ich hatte dieses zwar schon gestern nicht
zugesagt, heute aber, in dieser Stimmung des Herzens, hätte ich es
ohnehin nicht vermocht in solche geistig friedliche, heitre Augen zu
blicken, als die des Farrenschen Ehepaares sind. Dazu kam auch noch,
daß unsre Mucker, als sie mein eiliges Wesen bemerkten, es geäußert
hatten, daß es zwar möglich, aber sehr schwer sey in zwei Tagen nach
Baalbeck zu kommen, für dessen künstliche Wunderwerke ich so gern den
ganzen, dritten Tag zur Beschauung gewinnen wollte. Damit deshalb der
Grund des Verzuges wenigstens nicht uns zugeschrieben werden möge,
zogen wir einen mehr links gelegnen Weg, in einiger Entfernung von des
guten Mr. Farrens Landhause, den mein Herz mit inniger Liebe segnete,
vorüber.
Findschas Strom, aus dem Felsen herausquellend, an dem wir heute nahe
vorüberkamen, zeigt noch dieselbe Kraft, wie damals als des deutschen
Königes, Konrads +III.+ Kraft hier wie ein Alles durchbrechender
Bergstrom sich aufmachte und zuerst durch die Schaaren der
Französischen dann durch die vordersten Reihen der Pullanen-Schaaren
vordringend, den Wald der feindlichen Lanzen und Schwerter durchriß,
und so dem Panier des Kreuzes Luft machte[175]. Möchte noch jetzt in
seinem Volke ein solcher Heldeneifer für Dasselbe Panier seyn.
Wir erfuhren von neuem die Kraft des Geleites der unsichtbaren
Schaaren, da in einer der steil bergabgehenden, halsbrechend steinigen
Gassen des oberen Städtchens von Salehieh das Maulthier des Herrn
Franz, welches durch das Geschrei eines jungen Hundes, den mein
Maulthier getreten hatte, scheu geworden war, seinen Reiter auf
wahrhaft gefährliche Weise abwarf, so daß dieser gelähmt und halb
bewußtlos da lag und dennoch nach einiger Zeit unbeschädigt wieder mit
uns weiter ziehen konnte.
Auf der Höhe der Berge lösen sich ja alle Wetterwolken zuerst in
leichte Nebel, dann in heitres Himmelsblau auf; welche Menschenseele
sollte nicht da oben auf dem Berge, vor und jenseits dem Rabua-Passe
heiter und froh werden, wo man das ganze Thal von Gutha, die grünende
Fluth der Gärten und in ihrer Mitte das große Damaskus, mit all seinen
Thürmen und Häußern vor Augen hat. Diesen Höhen des Westens zeigt sich
ohnfehlbar die Syrische Hauptstadt in ihrer schönsten, anmuthigsten
Gestalt, als wollte sie noch jetzt zu der Stätte des Thurmes am Libanon
aufschauen der nun nicht mehr, künftig aber wieder gegen Damaskus
siehet.
Der Weg gehet dort steil hinauf an den Felsenwänden, deren Gebirgsart
Jurakalk ist; jenseits des Höhensattels senkt er sich wieder in
das Thal des Barrada, dessen Ufer von hohen Pappeln, Wallnuß-,
Feigen- und andern Bäumen grünen. Dazwischen sieht man Oelbaum- und
Weinpflanzungen, Gärten voller Orangen und Obstbäume[176]. Es zeigen
sich, hinanwärts am Fluße mehrere Ortschaften und ziemlich wohlgebaute,
vereinzelte Häußer; ich glaubte mich in eines der schönsten Engthäler
versetzt welche am +Lago maggiore+ hinanführen nach den Alpen.
In der That jenem Feldhauptmann der Syrer (Naëman) war es nicht zu
verdenken, wenn er das Wasser des Pharphar (Barrada) so hoch stellte.
Seine krystallene Klarheit, das Grün der Ufer, die Schönheit seiner
Thäler, geben diesem Fluße, der gleich einer Gazelle des Gebirges
raschen Laufes nach der Ebene von Gutha eilt, eine Schönheit, wie sie
wenig andre Flüsse haben. Wie fruchtbar und angebaut könnte dieses
quellenreiche Thal bis hinan auf die kahlen Berge seyn, wenn der
Fleiß des Menschen es in seine erhaltende Pflege nähme, statt (durch
Ausrotten der Wälder und Gebüsche) seinen natürlichen Wohlstand an der
Wurzel anzugreifen und zu vernichten.
Die Richtung unsers Weges blieb im Ganzen der des Flußes treu; wir
sahen diesen meist in geringer Tiefe neben dem Bergabhang strömen; die
mäßige Geschwindigkeit in der sich unsre kleine Karawane fortbewegte
gab uns öfters Gelegenheit zu Fuße zu gehen. Nach zwei Uhr hielten wir
an dem Dorfe Hassenie oder Senie, wo wir uns mit Milch erquickten.
Während unsre Maulthiertreiber hier der nothwendigen Pflege ihrer
Thiere warteten giengen wir ein wenig voraus an einen Bergrand
hin, welcher eine freie Aussicht über das herrliche Thal und seine
Nachbarberge gewährt. Diese Gegend da müßte, so sollte man meinen,
in jeder empfänglichen Menschenseele Gedanken eines Liedes der
Begeisterung wecken; hat sie doch auch das Volk des Landes zu einer
Dichtung aufgeregt, welche dieses Thal mit Erinnerungszeichen an die
frühesten Tage der Geschichte bevölkert. Der steile Berg hier in Süden,
an dessen nördlichem Fuße Hassenie liegt, ist der Nebi Abel. »Kain, so
erzählt die alte Volkssage, nachdem er seinen Bruder am Altar auf den
Kasiun, bei Damaskus, wo damals das erste Elternpaar wohnte, erschlagen
hatte, trug den Leichnam des Ermordeten auf seinen Schultern und wußte
nicht was er mit dem Bruder anfangen sollte, dessen tiefer Schlaf
noch immer nicht weichen wollte, ja dessen Leib schon die Verwesung
anrührte. Wehklagend irrte er im Thale des Barrada und kam endlich
mit seiner grausenhaften Bürde hieher. Da sahe er wie ein Rabe, neben
welchem ein andrer, todter Rabe lag, mit seinem Schnabel ein Loch in
die Erde scharrte, worein er den Todten begrub, und dieser Anblick gab
ihm den Gedanken ein daß ein solcher tiefer Schlaf, wie der seines
Bruders, eines andren Lagers bedürfe als des gewöhnlichen; er grub
auf dem Berg eine Gruft zur Ruhestätte des Todten.« Oben auf der Höhe
stehen noch die Reste eines alten Tempels, der nach einer griechischen
Inschrift, welche Pococke an ihm entdeckte, in den Zeiten Lysanias
des Vierfürsten, mithin im dritten Jahrzehent unsrer christlichen
Zeitrechnung erbaut ward[177]. Denn hier in der Nähe von Senie,
wahrscheinlich aber auf der andern (linken) Seite des Flußes lag Abila,
von welcher die Provinz Abilene ihren Namen hatte. Das Lied eines
unsrer älteren Dichter »ihr Rosen blüht auf Abels Grabe zu einem Hain
empor,« nach der schönen Melodie eines vaterländischen Tonkünstlers,
in welcher ich es in meiner Kindheit öfters hatte singen hören, lebte
hier in der Seele auf, mit all den Erinnerungen an die kindlichen
Träume, welche damals Inhalt und Tonweise in mir aufregten. Lag nicht
schon in jenen Träumen eine Vorahndung Dessen was ich heute wirklich
sahe und erlebte? Zwar kein »Hain der Rosen« wie Abels Schwestern in
dem erwähnten Liede dies singen blühte da an dem sagenreichen Hügel,
wohl aber war der Bergrand mit den schönen, großen Blumen eines
prachtvollen +Glaucium+, von noch nie gesehener Art bedeckt; den
Schmuck des grünen Felsenabhanges erhöhten die zierlichen Blüthen der
schon früher einmal gefundnen +Salvia indica+.
Eine kleine Stunde weiter hinan im Thal kamen wir an El Suk vorüber.
Unsre Mucker wollten diesen Ort zur Nachtherberge wählen; uns schien
es noch zu früh zu solcher Wahl; in der Hoffnung daß auch weiter hinan
am Barrada, so wie bisher, ein Ort dem andren in geringer Entfernung
folgen werde, bestunden wir auf weitre Fortsetzung des Tagmarsches.
Die Gegend durch welche wir jetzt kamen war von unbeschreiblicher
Schönheit. Nicht weit oberhalb El Suk traten wir, dem Laufe des Flußes
folgend, in ein enges Felsenthal ein, an dessen nördlichen Wänden
eine alte Stadt der Gräber sich ausbreitet. Die Grufthöhlen sind, wie
in Palästina tief in den Felsen gehauen; der Eingang bei vielen mit
kunstreichen Portalen geziert, an einigen Stellen der Felsenwände
sieht man halb erhabene Arbeiten; hie und da zeigen sich Trümmer von
Säulen und altes Gemäuer von Wohnungen oder Tempeln. Der Weg führt
über eine ziemlich neu aussehende festgemauerte Bogenbrücke an die
andre (nördliche) Seite des Flußes, der in diesem Engthale mehrere
Wasserfälle von großer Schönheit bildet, davon der eine von einer Höhe
von etwa funfzig Fuß senkrecht herabstürzt. Wie leid that es uns, da
wir jetzt auf die zwar grünende, aber baumlose Ebene hinaustraten
und nur in einer für heute unerreichbaren Ferne einige Ortschaften
erblickten, daß wir nicht in dem herrlichen Felsenthale bei den Ruinen
oder in der Nähe des Wasserfalles unser Nachtlager aufgeschlagen
hatten; dort hätte uns manche der natürlichen oder künstlichen Höhlen,
oder auch eine vorspringende Felsenwand Schutz gegen den Wind gewährt,
der uns hier auf der hohen, freien Ebene sehr unfreundlich anhauchte.
Dazu war der Ort, an dem wir, als der Tag sich neigte, endlich Halt
machten, keinesweges ein schöner, denn der Barrada floß weit von uns
in der tieferen Gegend des weiten Gefildes; das Schilf an seinem Ufer
erregte kein Verlangen uns in seiner feuchten Nähe zu betten; die Ebene
weiter gegen Nordwest erschien ziemlich einförmig, da wo wir lagerten
war ein ödes Steinfeld, auf welchem nur einzelne Grasarten kümmerlich
wuchsen[178].
Die Sonne war in einem Damm von Nebel untergegangen der gar bald seine
feuchten Schwingen über uns verbreitete und noch vor Mitternacht
in einen Regen sich auflöste, welcher, so fein er war, dennoch die
Decken und Mäntel gründlich durchnäßte, während wenigstens das Gesicht
unter dem Regenschirm einigen Schutz fand. Gegen Morgen zertheilten
sich die Wolken und die Sichel des abnehmenden Mondes stieg über das
Gebirge auf. Die Höhe unsers Lagerplatzes über dem Meere fand sich nach
unsern barometrischen Messungen, hier, im oberen Thale des Barrada zu
3530 Par. Fuß, sie war mithin nur um 100 Fuß geringer als jene des
Brockengipfels.
Dienstags den 2ten Mai bedurfte es nicht jenes Antreibens, das gestern
nöthig gewesen war, um den schwerfälligen Körper unsrer Karawane in
Bewegung zu setzen; es war Jeder von uns mit Vergnügen bereit das kühle
Lager zu verlassen. Deshalb fand uns heute schon die aufgehende Sonne
auf dem Wege nach dem ansehnlich aussehenden, mitten in Gärten und
Maulbeerbaumpflanzungen gelegnen Zebdeni (Sabbethani), das wir (indem
wir ein andres kleines Dorf zur Seite ließen) in anderthalb Stunden
nach unsrem Ausritt erreichten. Was wir durch unser zeitiges Aufbrechen
gewonnen hatten, das gieng dort durch eine unerwartete Hemmung wieder
verloren; einem unsrer Maulthiere war auf dem steinigen Wege das
Hufeisen entfallen, es mußte neu beschlagen werden, und hiezu war nicht
sogleich die kunstfertige Hand eines Schmiedes zu finden. Zebdeni ist
großentheils von Christen bewohnt und der Sitz eines Bischofs; der Ort
zeichnet sich durch Reinlichkeit und gute Bauart seiner Häußer aus. Da
unser gestriges Abendessen nur aus ein wenig Brod und schwarzem Kaffee
bestanden hatte, that uns hier ein Trunk Milch sehr wohl.
Jenseit Zebdeni, zuerst an einem Bächlein das sich in den Barrada
ergießt und viele kleine Wasserfälle bildet aufwärts, fiengen wir
an den Fuß des Antilibanon zu besteigen und nachdem wir ein Stück
Weges in nördlicher Richtung an diesem hingezogen waren, wendeten wir
uns, wie uns schien auf einem seltner besuchten Wege gegen Westen,
nach dem Hochrücken des Gebirges hinan. An mehreren Punkten unsres
Weges genossen wir einer herrlichen Aussicht zurück nach dem fern in
Südsüdwest gelegenen, uns so wohl bekannt gewordenen schneebedeckten
Dschebel Scheikh. Bald nach Mittag hatten wir die Höhe des Passes,
welche nach unsren barometrischen Messungen nur 4827 Par. Fuß betrug,
erstiegen. Wir fanden das Gebirge an dieser Stelle keineswegs kahl,
sondern wie wir anwärts zur Höhe durch ein grünendes[179], von
buschartig niedrigen Valonia-Eichen bewachsnes Thal gekommen waren, so
öffnete sich uns auch auf der andern Seite ein solches und zugleich
stellte sich uns, doch meist in Wolken gehüllt, in scheinbar großer
Nähe der majestätische Libanon vor Augen. Schon beim Aufsteigen nach
dem Bergpasse hatten die vorüberziehenden Wolken einzelne Regentropfen
auf uns herabfallen lassen, und da wir jetzt jenseits in ein reichlich
grünendes Thal kamen, das schon in das Hauptthal Bekaa mündet, da traf
uns zuerst ein gewöhnlicher Regen, dann ein mächtiger Regenguß, der uns
gar bald den Vorsatz, noch heute nach Baalbeck zu kommen hinweg spülte
und uns, nachdem wir noch über einige kleinere, wellenförmige Höhen
auf und abgestiegen waren, nöthigte, das Nachtlager schon um 3 Uhr
des Nachmittags in Zarain zu nehmen, einem von griechischen Christen
bewohnten Oertlein, welches auf einer kleinen, hüglichen Erhöhung des
Hauptthales von Baalbeck (im Thal Bekaa) liegt. Unsre Mucker zogen hier
anfangs, nach Obdach fragend, an mehrere Hütten, zuletzt wieß man uns
zum Geistlichen des kleinen Dorfes, der uns den kleinen Innenraum des
Kirchleins zum Nachtlager einräumte. Das Gebäude ist, mit Ausnahme der
niedren Lehmmauern über welche Balken gelegt sind, auf denen das Dach
ruht, ganz aus Holz erbaut und so leicht gedeckt, daß heute der Regen
an vielen Stellen hereindrang und kein Raum, den ein liegender Mensch
einnimmt, vollkommnen Schutz gegen die Nässe fand. Dazu war es sehr
dunkel, denn das Licht fiel nur durch die geöffnete Thüre und durch
ein oder etliche kleine Löcher herein, dergleichen sich an unsern
Viehställen finden. Die Andacht der guten Leute dieses Dörfleins muß
recht kindlich herzlich seyn, wenn sie sich durch eine solche Gestalt
der Stätte, die, weil sie Gott, der ein Gott der Ordnung heißt, geweiht
ist, doch auch äußerlich reinlich und anständig sein sollte, nicht
stören lässet. Selbst der Altar, eine viereckte Eintiefung in der
Lehmmauer, darin ein Lämplein vor einem kleinen, rußigen Bilde brannte,
erinnerte mehr an den offnen Wandschrank einer armen Bauernhütte, als
an das, was er vorstellen sollte. Dennoch, da wir ja in diesem Raum
nichts anders als den Bergungsort sahen und suchten, that uns der
Schutz gegen den Regen und das seit langer Zeit nicht mehr genossene
Fleisch der jungen Hühner, so wie der zwar trübe, doch angenehm
schmeckende Wein sehr wohl, und wenn es uns in dem dunklen, dumpfigen
Raum zu eng werden wollte traten wir in regenfreien Augenblicken
hinaus ins Freie und betrachteten den hehren, schneebedeckten Libanon,
über den die Wolken noch immer eilig dahin flogen. Einzelne Kranke
des Dorfes kamen, begehrten und erhielten von meinen jungen Freunden
Heilmittel und guten Rath. So vergieng der Rest des Nachmittags und
auch die Ruhe der Nacht, obgleich durch die Unbescheidenheit der
kleinen, in den Stroh- und Binsenmatten wohnenden Insekten sehr
gestört, that dennoch, auf die vorhergehende, noch schlechtere Nacht,
sehr wohl. Die Höhe unsres Nachtlagers in Zarain ergab sich aus der
Beobachtung des Barometerstandes beiläufig zu 3400 (3396) Fuß über dem
Meere.
Als wir am Mittwoch den 3ten Mai, am Tage vor dem Himmelfahrtsfest
unsrer Abendländischen Christengemeinschaften, früh um 6 Uhr im großen,
breiten Thal Bekaa hinaufritten, da schienen uns die vielen, obwohl
leichten Gewölke und Nebel welche bald zu unsrer Seite, bald über uns
dahinzogen und zum Theil in Regentropfen sich auflößten, keinen heitren
Tag zu versprechen. Dazu war auch der Boden an vielen Stellen von der
Fluth des gestrigen Regens überschwemmt. Doch schon nach einer Stunde
hatte die Sonne gesiegt, die Nebel des Thales hatten sich zerstreut,
die Wolken ins Gebirge geflüchtet, wo sie, eine nach der andern, dem
Auge entschwanden.
Wir hatten nun volle Gelegenheit das majestätisch schöne Thal zu
betrachten, welches schon sein alter Name Bekaa (Bikath) als »Thal« im
ausschließenderen Sinne als ein Thal der Thäler bezeichnet. Wo anders
fände sich eine solche majestätische Umhegung der Gebirge als da in
dieser grünenden Breite, zwischen dem Libanon und Antilibanon. Dieser,
zu unsrer Rechten, trug auf seinem Hochrücken, dessen höchster Punkt
nach Süden auf den Dschebel Scheikh fällt, nur noch eine leichte Decke
von Schnee; der Frühling wollte sich da schon von seinem Lager erheben
und die Decke von sich werfen; oben am Libanon aber, zu unsrer Linken
(in Westen des großen Thales) schlief die Natur, unter der dichteren
Schneedecke noch einen festeren Morgenschlaf, während unten im Bekaa,
die grünende Saat schon den Grundriß der Aehren entworfen hatte. Wenn
man für jene Erzählung des Marco Polo von der silenischen Weihe der
Assassinen zu ihrem künftigen, blutigen Tagwerk die passendste Stätte
suchen wollte, dann meine ich wohl, könnte man sie hier, im Thale von
Baalbeck finden. Ein von Mauern umhegter Raum, dort am klaren Bache
des Leontes, mitten in der Zeit des Frühlings oder Sommers, könnte
dem Jünglinge, der in den Jahren der aufstrebenden Sinnlichkeit von
einem Schlaftrunk berauscht in den Garten der blühenden und Früchte
tragenden Bäume versetzt würde, und dort an den künstlichen Brunnen des
Weines und des Honiges, mitten unter dem lieblichen Spiel der Saiten
und beim Gesange der schönen Jungfrauen erwachte, allerdings glauben
machen er sey in die himmlischen Räume des Paradieses versetzt. Er
könnte in seiner Seele, der Getäuschte, wenn er abermals im künstlichen
Schlafzustand aus dem Paradiesgarten hinausgebracht würde auf den Boden
der Alltäglichkeit, ein Heimweh davontragen, das ihn zu allen Thaten
bereitwillig machte, welche ihm, nach der Lehre des Alten vom Berge die
Rückkehr und beständige, niemals wieder endende Einkehr in das Paradies
zusicherten, dessen Freuden er so eben nur kosten durfte. Und dennoch
hatte in dieser erhabenst schönsten Einsiedelei, welche die Natur auf
Erden sich erbaute, hier in dem von den Armen des Libanon umfaßten
Thale der Thäler nicht die Silenische Begeistrung, sondern lange vor
ihr und bleibender, dies beweist die Fortdauer ihrer unzerstörbaren
Werke, die höhere, Pythische Sitz und Stimme; ehe das Bewegen des
Geistes der Völkergeschichte nach Westen, wie nach Süden und Norden
ausgieng, da hat es hier im Thal von Baalbeck, dem erhabenst stillsten
der Erde, alle seine Kräfte zu einer geheimen Berathung versammlet. Und
ein Werk der Begeisterung, welche bei diesem hohen Rathe den Vorsitz
führte, war die erste Grundlage des nachmals sogenannten Sonnentempels
von Baalbeck.
Es war noch kaum neun Uhr als wir Baalbeck mit seinen erhöht liegenden
Ruinen vor uns liegen sahen. Wir kamen auf dem Wege, den unsre Mucker
uns geführt hatten zuerst zu den Ueberresten eines rundlichen Gebäudes
(Tempels), dessen vormaliges Dach von acht schönen Sienitsäulen
getragen wurde, welche bis auf eine mit ihren einfachen Architraven
noch aufrecht stehen. Zwischen zweien von ihnen findet sich eine
Nische, vielleicht vormals zur Aufnahme des Götzenbildes bestimmt. Von
diesem Fremdling aus früherer Zeit, der uns zuerst in der Umgegend von
Baalbeck begrüßte, wendeten wir uns zu dem merkwürdigen Steinbruche
der in geringer Entfernung von dem Orte liegt. Aus seiner Felsenmasse
ist der größere Theil der Bausteine genommen, welche die Mauern und
Grundlage der mächtigen Ruinenburg bilden. In ihm liegt noch, aus
unbekannter Zeit ein schon ganz fertig gehauener Steinblock von
riesenhafter Größe. +Dr.+ Erdl maß ihn und fand seine Länge 71
Bayrische Fuß (20,7 franz. Meter) die Breite gegen achtzehn die Dicke
gegen vierzehn Fuß. Welche Kräfte mußten das seyn welche sich dem
Geschäft der Fortbewegung einer solchen Steinmasse gewachsen halten
konnten. Und daß sie dieß waren, daß sie wirklich solche Gewichte zu
bewegen vermochten, das zeigen die nicht viel kleineren Werkstücke
derselben Steinart, die sich, wie ich nachher erwähnen werde, in die
südwestliche Mauer der Ruinenburg eingefügt finden. Die Gebirgsart, in
welcher dieser große Steinbruch, so wie ein andrer weiter nach Süden
stehender angelegt sind, ist ein dichter Kalkstein, dessen Gefüge
sich an vielen Orten dem körnigen nähert. In den Felsenwänden bemerkt
man öfters natürliche, so wie künstlich erweiterte Grotten; vormalige
Stätten der Bestattung der Todten, so wie nach einer Volkssage der hier
lebenden Einsiedler.
Wir kamen noch vor eilf Uhr in das armselig neben den Ruinen seiner
vormaligen Herrlichkeit dastehende jetzige Baalbeck. Herr Mühlenhof war
vorausgeritten und hatte uns Wohnung bestellt im Hauße des Bischofes
der hiesigen unirten Griechen. Dieser Mann hat sich, wie dieß Herr
Mühlenhof auf einer seiner früheren Reisen erfahren, in eine ganz
besondre kriegerische, feindselige Stellung gegen Großbritannien
gesetzt, und hier in seinem einsamen Bekaa, geschirmt wie er meint von
den Gebirgsmauern des Libanon und Antilibanon wagt er es, auf seine
Weise, der Macht jenes geistig wie leiblich gewaltigen Reiches die
Stirn zu bieten. Er nimmt nie einen Engländer unter sein Dach auf;
Herr Mühlenhof war einst Zeuge eines Ausbruches seiner feindseligen
Erbittrung gegen einen wie es schien vornehmen Engländer; eines
Ausbruches der sich mit lautem Aufschreien und allerhand Scheltworten
Luft machte. Was der eigentliche Grund dieser Verstimmung sey konnten
wir nicht erfahren, denn daß er deßhalb jenem edlen Volke so gram sey,
weil einige englische Reisende an den Ruinen des Sonnentempels kleine
Verheerungen durch Hammer und Meisel angerichtet hatten, das ward uns
dadurch unwahrscheinlich, daß der Mann so gar kein Interesse an jenen
Alterthümern nahm. So feindselig aber der Bischof von Baalbeck gegen
die Engländer ist, so freundschaftlich gewogen ist er dagegen den
Franzosen, und Frankreich hat wenig so treue Alliirte als diesen da, im
mächtigen Thale des Libanon. Zum Glück ist der Mann kein sonderlicher
Geograph; es scheint er erkennt in ganz Europa nur zwei Mächte an: eine
schwarze, das ist ihm England, und eine weiße, das ist ihm Frankreich.
Als deshalb Herr Mühlenhof ihm auf seine Fragen versicherte daß wir
keine Engländer sondern Bayern seyen, was auch unser Arabischer
Firman bestättigte; als er ihm ferner sagte daß selbst jener Firman,
den ich aus meiner Heimath bei mir trage (mein Ministerialpaß), nicht
in Englischer sondern in Französischer Sprache abgefaßt sey, ließ
er uns ohne Weiteres als Weiße, d. h. als Franzosen gelten und sein
geistlicher Gehülfe, da er am Nachmittag einige Zeit unsrem (deutschen)
Gespräch zugehört hatte, äußerte gegen Herrn Mühlenhof daß ihm dieses
Hören der Französischen Sprache, obgleich er sie nicht ganz verstehe,
sehr angenehm sey.