Sinnen machte, dann fühle ich mich noch immer von einer leisen
Anwandlung jenes schwärmerischen Entzückens ergriffen, mit welchem die
Bekenner des Islams dieses vielsäulige Irem, diese wie Eden prächtige,
von dem Propheten dreimal selig gesprochene Hauptstadt Syriens preisen.
Die drei Jungfrauen des Himmels, welche Allah zur Beseligung des
Paradieses geschaffen: Schönheit, Fülle und Weisheit, giengen einst
wandeln auf Erden, daß sie die Stätte fänden, welche vormals des
unsterblichen Edens sterbliche Schwester war; sie wandelten lange und
suchten, da aber wo der Weisheit es zu seyn beliebte, da mochte die
Schönheit nicht wohnen; wo die Fülle am meisten sich daheim fühlte,
da mißfiel es der Weisheit. Da sprach die Weisheit zu den beiden
Schwestern: laßt uns vereinzelt mit dem Flug der Schwingen durchziehen
Meer und Land, nach dreien Tagen begegnen wir uns im Thal von Mina,
dann sagt jede von uns wo sie das Eden der Erde gefunden. Und da die
Dreie sich begrüßten im Thal von Mina da sagte die Schönheit: Edens
Abglanz ist Scham[166], denn auf keinen andren Ort der Erde fällt so
herrlich der Strahl der Schönheit von Allahs Angesicht. Die Fülle
sagte: Edens irdische Schwester ist Dimischk[167], denn keine andre
Stätte duftet so mächtig nach Allahs schaffender Fülle. Die Weisheit
rief: das Paradies Gottes bei den Menschen ist Damaskus, denn nirgends
wie hier hat Allah solche Gedanken und Worte der Weisheit auf Herzen
und Lippen der Menschen ergossen. Da beschlossen die Schwestern daß
sie bei Damaskus drei Zelte ihrer Wanderschaft errichten wollten; die
Fülle schlug das ihre auf in den Tausenden der Fruchtgärten und in den
Gassen der Stadt; die Schönheit spannte ihr Zelt hinüber vom tönenden
Findschaquell bis über die vielsäulige Moschee der Ommiaden; die
Weisheit wählte sich zur Stätte der Ruhe, zu der sie oft zurückkehrte,
das Grabmahl des Mohijeddin Al Arabi[168]. Darum ist Damaskus ein Becher
in welchen die Fülle aller Segnungen ihre Kräfte ergeußt, die Schönheit
bekränzt ihn mit dem Liebreiz der menschlichen Anmuth, die Weisheit
hält ihn und reicht dem Trinker ihn dar mit Gedanken des göttlichen
Besinnens.
In der That es scheint so als habe diese Stadt, eine Fürstin unter
den ältesten Städten der Erde, den Becher der Berauschung, der auch
sie, wie viele der Andern trunken machte, mit etwas größerer Mäßigung
genossen als jene, denn sie allein stehet noch als eine wohlhabende
und kräftiger gesunde Herrin des Haußes da, während Ninive, Babylon,
Memphis und tausende der andern Fürstenstädte von der Erde verschwanden
oder krank und siech sind; während Jerusalem zu einer verarmten,
elenden Wittwe geworden ist, deren Kinder nach Brod gehen. Lebt
vielleicht dieses Damaskus noch fortwährend von dem Erbtheil das der
Glaube, dessen Wunsche niemals seine Erfüllung fehlt, ihm zugedacht
hatte[169], bis daß ihm, dem Glauben, obwohl er erstorbenen Leibes
geschienen, selber wieder der Erbe des Landes geboren seyn wird?
Es giebt Gegenden der Erde, so wie Zeiten der Geschichte des einzelnen
Menschen und ganzer Völker, in denen die Fülle der Lebenskräfte gleich
wie über ihre Dämme getreten ist, und wo sich mit jeder That das
Vermögen zum Thun, mit dem Genuß das Sehnen steigert. Ein solcher Ort
ist Damaskus; ein solcher Moment in der Geschichte des Ganzen ist die
Einzelgeschichte dieser Stadt. Vier Gewächse der Erde, so sagt der
Bewohner von Damaskus, stritten um den Rang unter den Kräutern: der
Weinstock, die Rose, die Olive und die Dattel. Der Weinstock sprach:
ich bin der Herrscher, denn meiner bewegenden Gewalt an den Herzen
der Menschen kommt keine andre Kraft gleich. Die Rose sagte: mir
gebührt der Rang, denn wie die meinige rührt keine andre Schönheit
der Blumen das Auge des Menschen. Der Oelbaum fragte, welche Milde
und Lieblichkeit eurer Früchte käme den meinigen gleich? die Dattel
antwortete: ich bin süßer als der Wein, milder als die Olive. Da
riefen die vier Streitenden zur hohen Platane: sage uns, du viel
tausendjährige, älteste, welchem Gewächs gebührt der Preis. Die Platane
sprach: »der Saft des Mohns bewegt mächtiger noch als der des Weines
das Herz des Menschen, die Trunkenheit die er macht ist tiefer und
wunderlicher als die von der Traube; sein Purpur, wenn er über ganze
weite Gefilde sich ergießt, rührt mächtiger die Sinnen als die zarte
Röthung der vereinzelten Rose; sein Oel ist lieblich wie das der Olive;
die Biene spricht zum Mohn: dein Honig schmeckt mir süßer als der
der Dattel.« Was der Weinstock unter den Gewächsen, das ist Istambul
(Konstantinopel) unter den Städten; was die Rose, das ist Brusa; was
die Olive, Adrianopel; Kairo gleicht der Dattel; Damaskus, die Stadt
der Feigen, läßt mit dem Mohn sich vergleichen, denn wer Damaskus
genossen der hat die Freuden von Stambul, von Brusa, von Adrianopel und
Kairo, ja mehr denn in allen war empfunden.
Lassen wir den lobpreisenden Inhalt der Lieder, die etwa noch
jetzt, wenn die Karawanen der Pilgrime, die nach Mekka ziehen in
dem »Paradiesesduftenden« Scham sich versammeln, durch seine Gassen
ertönen, rücksichtlich seiner innern Wahrheit dahin gestellt seyn; so
viel bleibt gewiß: daß auch der christliche Pilgrim des Westens, wenn
er der Herrscherin der Syrischen Städte sich naht und ihre Geschichte
kennt, von einem ganz besondern, gleich wie ein Geruch der starken
Salben aufregendem Gefühl sich ergriffen findet. Denn es sind nicht
nur die Essenzen aus Rosen oder der Balsam aus Mekka, welche die alte,
mächtige Städtefürstin noch jetzt in Menge in sich führt und in die
Länder der Erde verbreitet, was ihren Moscheen, Pallästen und Gassen
diesen eigenthümlichen Duft, wie aus den Locken eines Gesalbten
ertheilet, sondern dieser Duft ist noch ein andrer, geistiger.
Damaskus, wie jeder Leser und Freund der Dichter des Orients dies weiß,
ist die gesangreiche und vielbesungene; sie war und ist selbst noch
jetzt das ersehnte Ziel der Jünger, die wie Sadi nach Weisheit suchen;
hier war das eine der Thore durch das die Verlangenden in den Tempel
der Geheimlehren der Mystik des Orients eingiengen. -- Was ist Mystik?
Es ist eine Trunkenheit der Liebe, welche, wie Petrus auf dem Thabor,
nicht weiß was sie sagt, wohl aber deutlich fühlt und empfindet was sie
will und sucht. Das Wallen und Flammen der Liebe ist ein doppeltes:
das eine gehet hin, bewegt sich nach Dem, das es schon gesehen hat und
kennt; das andre regt sich und bewegt sich, es weiß noch selber nicht
wornach. Der größte der Mystiker unter Denen, welche das gesehen und
kannten, wornach die Liebe verlangte, war Johannes der Evangelist. Der
Geist aber, der das Sehnen das noch im Suchen ist, wenn es auch wie die
Nachtigall nur in Tönen statt in Worten spricht, nicht misverstehet,
der wird auch dem Mystiker aus Samos wie dem Mystiker hier am Barada
und andren »Liebestrunkenen des Orients« nicht ungern zuhören, wenn
ihre Lippen von dem ertönen was des innren Lebens Anfang und Endziel
ist.
So fühlte denn auch ich, gleich in den ersten Stunden der schönen,
heitren Tage die ich in dem glänzenden Damaskus zubrachte, mich
hinübergeführt in die Heimath von Sadi's Rosengarten und in die Welt
der sinnvollen Bildersprache der Orientalischen Mystik. Als wir gleich
nach unsrer Ankunft im Speisezimmer des Klosters von den gastfreien
Vätern desselben begrüßt und bewirthet wurden, da waren alle meine
jungen Reisegefährten, in Folge der beiden letzten kalten Nächte nicht
wohl auf und ohne Eßlust; nur, wie dies der gute Padre Präsidente
mit Vergnügen bemerkte, ich, der Alte (+il vecchio+) war im
vergnüglichen Wohlsein und ließ das Essen, wie den vortrefflichen Wein
mir schmecken. So durfte ich denn auch den gesunden frohen Muth mit mir
zu den ersten Ausgängen in die Stadt und ihre nächste Umgegend nehmen.
Wie ganz anders findet der Fremdling aus Westen Damaskus in unsren
Tagen, als es die Reisenden der früheren Jahrzehende gefunden. Dimischk
war mit Recht bei den Christen wegen seiner Undultsamkeit und Härte
gegen den fremden Glauben und fremde Sitten verrufen; es durfte
früher kein Christ in den Gassen der Stadt anders als zu Fuß, später
wenigstens keiner zu Pferde sondern nur auf Eseln reitend sich blicken
lassen; seine Fränkische Kleidung würde ihm nicht nur den allgemeinen
Spott sondern die rohesten Mishandlungen des Pöbels zugezogen haben.
Vor allem dann, wann die fanatischen Schaaren der Mekkapilgrime aus dem
tiefesten Innren der Mohamedanischen Länder, zu denen nie ein Christ
des Abendlandes sich nahete, hier zusammenkamen und den Zug begannen,
oder, aus Mekka zurückkehrend, sein Ende feierten, dann durfte Keiner,
in dem sich der Christ erkennen ließ, auf den Gassen erscheinen. Doch
diesem allen hat Ibrahim Pascha's Machtspruch ein Ende gemacht. Da
die Bewohner von Damaskus bei ihm sich beklagten daß Franken, was
unerhört sey, sich unterwänden auf Rossen durch die Stadt zu reiten,
ein Recht das nur den Gläubigen des Islams zustehe, da antwortete
ihnen der Aegyptische Herrscher: wenn es euch als unverbrüchliches
Recht erscheint daß die Moslemen auf höheren Thieren sitzen denn die
Christen, wohlan so reitet ihr auf Kamelen durch die Gassen und laßt
den Christen die Pferde. Und so wurden von Ibrahim Pascha auch die
ersten Regungen der pöbelhaften Undultsamkeit der Damascener, als
diese auf einmal Franken in der eigenthümlichen Kleidung unter sich
sahen, durch ironische Aeußerungen wie durch polizeiliche Strenge
kräftig darniedergehalten. Hat doch Mehemed Ali die, wenn auch nicht
dem Namen, doch der That nach höchste Gewalt der Stadt in die Hände
eines katholischen Christen, des edlen Bakary Bey gelegt, der sich in
all seinem Thun und Wesen des Namens eines Christen würdig bezeugt.
Darum ward uns jenes Gefühl des Wohlbehagens, das die schöne Syrische
Hauptstadt für sich selber in jedem Besuchenden erregen muß, ungleich
mehr erleichtert als den früher hieher kommenden Europäern, in denen
dasselbe durch den Fremdenhaß der Bewohner und durch beständige
Furcht vor diesen gar sehr gestört wurde. Nicht bloß wir Männer
sondern auch die beiden Frauen durften in der Fränkischen Kleidung und
unverschleiert durch das Volksgedränge der Gassen und der Bazars dahin
gehen; man konnte ohne Furcht und ganz allein rings um die Stadt her
durch die Felder und über die Hügel wandeln und selbst das Annahen an
die Begräbnißstätten der berühmten Weisen und der heiligen Scheikhs
wurde uns nicht verwehrt.
Ich spreche zuerst Einiges von der natürlichen Lage und der Umgegend
von Damaskus. Jene Sage daß um das Gebiet von Scham der Winter und der
Sommer einen beständigen Kreistanz machen, so daß der Frühling die
tiefere Ebene nach Osten betrete, wenn der Winter auf der Höhe des
Kasiun sich niederlasse, und der Frühling auf den Bergen seinen Einzug
halte, wenn die Bäume der heißen, wasserlosen Ebene winterlich verdorrt
sind, mag in gewissem Maße gegründet erscheinen, doch ist Damaskus
selber, mit all seinen herrlichen Gärten keinesweges die Wohnstätte
eines beständigen Frühlinges. Es liegt fast eben so hoch über dem
Meer als Jerusalem (2186 P. F.), dabei um 1³⁄₄ Grad nördlicher denn
dieses und die Nachbarschaft des Antilibanongipfels so wie seines
ewigen Schnees gewährt zwar dem Auge einen erhebenden Anblick und die
Segnungen der frischen Wasser kommen vom Gebirg her, zugleich aber
macht von diesen Höhen die Kälte des Winters nicht selten Ueberfälle
ins Thal, welche hier in der Pflanzenwelt Verheerung, bei den Bewohnern
Schrecken verbreiten. Wir selber, wie bereits erwähnt worden, litten
auf der Hochebene von Damaskus noch in den letzten Tagen des Aprils an
Kälte, und jenes Heer der Kreuzfahrer das im Winter des Jahres 1129,
nach der schimpflichen Niederlage der Seinigen, wohlgerüstet, um die
Schmach zu rächen, gegen Damaskus zog, ward nicht durch das Schwert
der Feinde sondern durch plötzlich, nach einem heftigen Gewitter
einfallende Kälte und starken Schnee zurückgetrieben. Dennoch muß, dies
bezeugten uns die einzelnen, freilich in geschützter Lage stehenden
Dattelpalmen, die dickstämmigen Orangen- und Citronenbäume, der Storax
und der hohe Nebeckbaum, so wie die (Persischen) Zierpflanzen der
Gärten die mittlere Temperatur der Gegend eine bedeutend hohe seyn.
Jene Gabe der Natur die dem Bewohner des wärmeren Morgenlandes als eine
der höchsten, wünschenswerthesten erscheint: das frische Wasser, ist
wohl wenig größeren Städten der Erde in solcher Fülle, Klarheit und
solchen Wohlgeschmack mitgetheilt als dieser Syrischen Hauptstadt.
Der Pharpharfluß, dessen alter Name noch in den jetzigen (Barrada)
zu erkennen ist, umfasset und durchströmt die große Stadt mit sieben
Armen, deren Wasser in eine unzählbare Menge von Gräben und Kanälen
sich vertheilt; zu jenen sieben Versorgern kommt der glücklichen
Landschaft noch der achte: die Quelle Findschah, die sich als starker
Bach, mit lautem Rauschen aus der Felsenkluft eines Lustgartens
ergießt und bald nachher mit dem Barrada sich vereint. Ein solches
Zusammenwirken der väterlich belebenden Wärme und des mütterlich
nährenden Wassers, wie hier, begünstigt dann jene Fülle der Zeugungen
des Pflanzenreiches, welche den Fremdling, auch wenn derselbe aus den
fruchtbarsten Ländern von Europa kam, als etwas noch nie Gesehenes
erscheint. Durch Wälder der hohen Eichen und Buchen oder auch der
Kastanien ist er wohl auch in seiner Heimath Stunden ja Meilen weit
gekommen; Wälder aber der edelsten Fruchtbäume, welche, einer am
andren, eine Fläche von sechs bis sieben Quadratmeilen bedecken, und
hierbei so hoch und dickstämmig sind als die um Damaskus, sind ihm dort
niemals begegnet. Wie Aphrodyte dem Meere, so ist die schöne Fürstin
der Städte einer Fluth des Gewächsreiches entstiegen, deren Fülle
überall aus ihren Locken herabträufelt, wo sie stehet oder ruhet; denn
mitten in den Gassen, in allen Höfen und Vorplätzen der Häußer bricht
das übermächtige Grün hervor und lässet selbst die Menschengebäude
der volkreichen Stadt öfters nur wie Vorhallen oder Umzäunungen der
Gärten erscheinen. Der vorherrschendere Baum der Gartenwaldungen,
welche die Stadt umgeben, ist der Aprikosenbaum, dessen Früchte hier
größer, saftvoller und süßer gedeihen als vielleicht irgendwo anders.
Zwar ein großer Theil dieser Früchte wird von den Damascenern, nach
einer sonderbaren Liebhaberei der Orientalen am jugendlich Unreifen,
noch grün verzehrt, und schon jetzt am Ende des April sahen wir sie
(als einen Festgenuß ihrer Ostertage) dergleichen Fruchtansätze von
der Größe einer kleinen Kirsche essen, dennoch erreicht noch eine
solche Fülle jener Früchte die volle Zeit der Reife, daß Damaskus mit
seinem getrockneten »Mischmisch« und mit dem gallertartig eingedickten,
dann kuchenartig fest gewordnen Saft seiner Aprikosen die Länder vom
Euphrat bis zum Nil, die Städte vom Bosporus bis an das rothe Meer
versorgt[170]. Dieses Nahrungsmittel begleitet den Hadschi auf seiner
mühsamen Wallfahrt nach Mekka, den wohlhabenderen Beduinen auf seinen
Wandrungen in die Wüste. Außer den Aprikosen sind alle unsre edelsten
Arten der Obstbäume und beerentragenden Gesträuche, alle Arten der
Nüsse (vornämlich der Wallnußbaum) so wie die ächte Pistazie, um
Damaskus zu Hauße, und mit jenen landsmännlichen Gewächsen mischt
sich reichlich gedeihend der Granat- und Feigenbaum, die Orangen, der
Lotusbaum und die mannichfachsten Arten der Melonen, der Kürbisse,
der Gurken, der Solaneen, des Hibisch so wie aller edleren Gemüse und
Gartengewächse des wärmeren Abend- wie Morgenlandes. Der Wein von
Damaskus vermag an Feuer und Lieblichkeit mit den edleren Weinen von
Frankreich und Spanien zu wetteifern, und würde, bei gleich guter
Behandlung den edelsten jener Länder gleich kommen; das Oel der Oliven
aus der Landschaft wird als ganz besonders fein gepriesen; der Bau der
Baumwolle, des Flachses, des Hanfes, der Färberröthe, des Tabakes, des
Ricinus (zur Oelbereitung) und der meisten Getraidearten so wie der
mannichfachsten Hülsengewächse, lohnet die Mühe der Menschenhand durch
eine ungemeine Ergiebigkeit des Bodens. Was jedoch die vormals hier
einheimische, wilde Pflanzenwelt betrifft, so verhält sich es damit wie
in Aegypten; sie ist durch die uralte Cultur des Bodens rings um die
Stadt her sehr beschränkt, ja an vielen Orten fast vertilgt worden, so
daß man ihre Nachkommen zum Theil in weiter Ferne von den Mauern, an
den Abhängen der Berge, oder in dem Bette des Flusses aufsuchen muß.
Doch es ist nicht die Gestalt der Aecker und Gärten, mit ihren Bäumen
und Kräutern, welche das Aufmerken des Hadschi an sich ziehet, der
das herrliche Scham zum ersten Male begrüßt, um von hier den Zug nach
dem Grabe des Propheten zu beginnen; sondern das Thal von Gutha, in
welchem Damaskus liegt, wird für sein Auge noch von einem andren Reiz
der Schönheit bestrahlt als jener der Gärten und Felder ist. Wem sollte
nicht, wenn er von Süden oder von Osten her durch die Ebene kommt, der
sonderbar gestaltete, altarförmige Berg, in Norden der Stadt ins Auge
fallen; ist es nicht als wollte er schon durch die Züge seines Umrisses
an etwas Bedeutungsvolles erinnern das auf seiner Höhe sich zugetragen?
Eine Kunde des Landes, man weiß nicht woher noch aus welchen fernen
Zeiten sie ist, erzählt von diesem Berge, daß auf ihm das erste Opfer
dem Tode gefallen sey, welcher durch Schuld des Menschen zum Herrscher
geworden erst auf Golgatha besiegt ward. Dort hat, so berichtet die
Sage, von Abels Altar, und weiterhin am Abhange von Cains die Gabe des
Lämmleins und der Feldfrüchte geflammt; auf diesem Berge sahe das erste
Elternpaar die erste Frucht der Sünde; hier erfuhr der Mensch zuerst
daß er sterben müsse, denn auf diesem Berge Kasiun erschlug Cain seinen
Bruder Abel. Daher komme, so spricht die Sage weiter, der uralte Name
Damaskus, der einen Blutbecher oder Teich des Blutes bedeute.
Aber außer Abels Todesstätte, welche die Bekenner des Islams auf
dem Kasiunberge suchen, umfasset Damaskus und seine Umgegend die
Grabstätten von vierzig Jüngern des Propheten; jene von einer Menge
ihrer gepriesensten Mystiker, Rechtsgelehrten und frommen Scheikhs;
die der beiden an Geist und Gemüth hochbegabten Herrscher des
Mohamedanischen Morgenlandes: Nureddins und Saladins[171]. Und erinnert
nicht, eben so wie der Kasiun, vor den Thoren der Stadt, so in ihrem
Innren das größte Heiligthum, das sie in der Moschee der Ommiaden, dem
Wunder der Baukunst bewahrt, an einen Mord, verübt an ihm, welchen die
Kunde des Islams noch näher stehet denn Abel, an Osman, den Sammler
des Korans? Denn jene, wie die Mohamedaner glauben, eigenhändig von
diesem verabfaßte Abschrift des Korans ist zugleich mit den noch jetzt
sichtbaren Flecken seines Blutes bezeichnet, da ihn, im Muschhaf
lesend, der Stahl des Mörders traf.
Aber sollte nicht auch für den christlichen Pilgrim dieses prachtvolle
Damaskus eine Stätte des besondern Aufmerkens und des Wohlgefallens
seyn? Zwar, den Wahn der Bekenner des Islams, daß in der großen
Moschee der Ommiaden das selbst von ihnen verehrte Haupt Johannes des
Täufers sich finde, kann er nicht mit ihnen theilen; ist aber nicht für
ihn hier in Damaskus etwas geschehen das zu Abels Ermordung durch Cains
Hand der versöhnende Gegensatz und die Lösung des großen Räthsels ist,
welches da (nach der Kunde des Volkes) eine Unthat die aus der Wurzel
seines Geschlechts hervorgieng, ihm aufgab. Hier ward der Haß eines
späteren Cain, welcher vorhin, bei Stephanus, des ersten christlichen
Blutzeugen und bei vieler anderer Jünger Tode als solcher sich kund
gethan, durch ein Wunder der Erbarmung in eine Liebe umgeschaffen,
die sich selber, mit allem was sie hatte zu einem freiwilligen Opfer
dahingab, dessen Flamme feuriger war und lebenskräftiger als die
von Abels Altar. Hier in Damaskus ward Saulus der Verfolger und
Widersprecher in einen Nachfolger und Bekenner des Wortes vom Leben
umgewandelt.
Der erste Nachmittag unsers Aufenthaltes in der alten, Syrischen
Hauptstadt, war mir, wie dieß schon aus dem bisher Gesagten merklich
werden mag, ein Lustgang der Seele wie des Leibes unter den
immerblühenden Rosen dieses Landes. Hätte mich und einige der Freunde
die mit mir waren, nicht der sogenannte Janitschar des Klosters, ein
Türkisch gekleideter, christlicher Bürgersmann der Stadt geleitet, wir
hätten uns schwerlich aus dem Gewirr der volkreichen Straßen, wie aus
dem lieblich grünenden Labyrinth der Gärten und Baumpflanzungen, am
Umkreise der Mauern wieder nach Hauße gefunden.
Gleich in den ersten Stunden, noch mehr aber an dem stillen Abend den
ich mit dem Padre Präsidente des Spanischen Klosters zubrachte, bauete
ich mir da im Geist eine Hütte des innren Wohlbefindens, zu welcher
die Erinnerung gern und öfters zurückkehrt. Ich werde von jenem edlen
Spanier, wie von den andren Brüdern des Klosters nachher noch reden.
Auch dem Leibe that die Stille und Bequemlichkeit des friedlichen
Obdaches wohl und seit vielen Nächten hatten wir Alle keines so
erquicklichen Schlafes genossen als hier in den reinlichen Zimmern des
christlichen Conventes und Pilgerhaußes.
Freitags den 28sten April regten sich zwar bei den Reisegefährten noch
immer die Uebel, welche die Erkältung der vorletzten Nächte gewirkt
hatte; fast Alle husteten; +Dr.+ Erdl litt dabei an Beklemmung auf
der Brust, welcher er durch ein Cantharidenpflaster zu begegnen suchte,
aber demohnerachtet wollte keiner der Patienten zu Hauße bleiben,
da wir uns jetzt aufmachten die Stadt und ihre Bazars zu besehen.
Damaskus und Kairo waren so oft und lange unter denselben Herrschern
vereint, das Volk der beiden Städte ist sich durch gemeinsame Sprache
und Religion verbunden und dennoch machen beide Städte einen überaus
verschiedenartigen Eindruck. Man hat, um den ersten Eindruck den
beide Städte machen durch einen Vergleich mit etwas näher Liegendem
zu verdeutlichen, Kairo das Paris des Morgenlandes genannt; Damaskus
möchte ich mit Madrid, nicht dem jetzigen, aufgelösten, sondern dem
früheren, noch fest bestehenden vergleichen. Das Leben der Kahiriner
bewegt sich, wie im flüchtigen Tanze, die Gestalt ihrer Stadt, in den
Einzelheiten ihrer Gebäude wie im Ganzen, trägt das, wodurch sie den
Sinnen imponirt, unverhüllt und äußerlich an sich, es hat bei den
Erbauern der einzelnen Häußer wie der Gassen ein gewisser ungebundener
Sinn geherrscht, der öfters wie ein Einfall der Laune erscheint und
große Mannichfaltigkeit begründet. Dagegen schreitet das Leben der
fleißigen Damascener ernsten, bedächtigen Schrittes einher, ihre Stadt
mit all ihren alten Pallästen, Moscheen und Khanen bewirkt nicht gleich
beim ersten, flüchtigen Sehen, wohl aber beim längeren Betrachten ihres
Innren, Beachtung und selbst Bewundrung; es hat bei dem Aufführen der
einzelnen Häußer wie der Gassen nicht ungebundene Freiheit und Willkühr
geherrscht, sondern feststehende Norm und Gesetz, daher erscheint hier
mehr Einförmigkeit als in Kairo und die Aegyptische Herrscherstadt hat
namentlich keine so lange, gerade, breite Straße aufzuweisen als die
lange Gasse von Damaskus ist. Dürfte man im Allgemeinen von dem Baustil
beider Städte reden, so könnte man sagen daß dieser sich verhalte
wie ihr Alter. Kairo ist ein Parvenu unter den Städten; Damaskus ist
von uraltem Adel und hat sich so unvermischt erhalten, daß es die
Ahnenprobe bestehen kann; denn damals als die Aegyptische Hauptstadt
in den Zeiten der Chalifen erst begründet und erbaut ward, hatte die
Syrische schon dreitausend Jahre bestanden und aus den Trümmern ihrer
Verheerungen immer wieder nach dem alten Urbild sich erneut. Darum ist
Kairo von (allerdings verhältnißmäßig alter) Sarazenischer Bauart;
in Damaskus waltet ein Nachhall jener noch viel älteren ja ältesten
Baukunst, welche das früheste Herrscherreich am Euphrat und Tigris
geübt. Jene sonderbar zeltförmige, wie die Mütze der Maronitinnen oder
wie ein Zuckerhut oben spitzig zulaufende Form der Lehmhütten, welche
die armen Fellahs der Gartenvorstädte von Damaskus bewohnen, findet
man weithin in den Ländern des Ostens verbreitet; die Gestalt der
eigentlichen, innren Stadt soll jener der Persischen gleichen.
Damaskus stehet an Umfang, an Zahl der Häußer wie der Bewohner, Kairo
nur wenig nach. Zwar sieht man auch in jenem große Strecken und ganze
Viertel, in denen eine Stille und Leblosigkeit herrscht wie in einer
verlassenen Stadt, und wo das Gras auf den Gassen wächst, doch rührt
dieser Schein der Unbewohntheit mehr von der sonderbaren Bauart der
Häußer als von wirklicher Menschenleere her. Die Häußer haben nämlich
nicht, wie in unsrem neugierigen Europa ihre Fenster vornen heraus
auf die Gassen, sondern hier sieht man häufig nur die leeren Wände,
während die bewohnten Zimmer mit ihren Fenstern, bedeckten Gängen
und schönen Terrassen nach dem geschlossnen Hof hin liegen, der bei
vielen mit Bäumen und Blumenbeeten geziert ist und in dessen Mitte
ein Springbrunnen oder laufendes Wasser plätschert. Auch ein Theil
der Arbeiter, wie viele der Weber, scheinen in diesen schattigen
Hintergebäuden ihr Werk zu treiben, während andre die vorderen Räume
ganzer langer Gassen besetzt halten und namentlich die Bazars von einem
großen Gedränge der Menschen erfüllt sind, welches übrigens niemals
so laut noch so unruhig erscheinet, als das der Bazars von Kairo. Die
eigentliche, innre Stadt ist von mächtig hohen, dicken Mauern umgeben,
an denen eine Menge Thürme und Zinnen sich erheben; die Gassen haben
zu beiden Seiten für die Fußgänger erhöhte Trottoirs, sind aber dabei
zum Theil so eng, daß, wenn ein beladnes Kamel hindurch geht, man nur
mit Mühe den Stößen, die seine Bürde nach beiden Seiten austheilt, sich
entziehen kann.