Immer höher hinan zog sich der Weg über grünende Bergauen, auf

denen bald vereinzelter, bald dichter zu Gruppen kleiner Wäldchen

zusammengedrängt Valoniaeichen und alte Terebinthen stehen. Die Höhe

betrug da wo die ersten Eichen stunden, schon 2027 Fuß über dem

Meeresspiegel. In den blühenden Gesträuchen des Azerol-Weisdornes sang

eine Nachtigall; mit dem Ohre zugleich wurde das Auge und die Hand

des Sammlers ergötzt durch das Auffinden des hier in Menge blühenden

wunderschön geformten Indischen Salbei (+Salvia indica+). Von dem

blumenreichen Hügel herab begegnete uns ein Zug buntfarbig gemischter

Leute; Beduinen, Männer wie Frauen, mit kostbaren Kopftüchern,

unter ihnen etliche Mohren, Aegyptische Soldaten und Leute in der

Landestracht, dabei ein armes, unsern Zigeunern gleichendes Gesindel.

Sie schienen von einem Feste oder, wenn es dergleichen hier gäbe,

von einem Markte zu kommen. Bald aber nahmen das Schweigen und die

hehre Stille wieder Besitz von dem herrlichen Lande, in welcher sie,

seitdem der Mensch es verlassen, als Herrscher walten. Wie die Flor

der Blumen hier aufblühet und welkt, ohne daß ein Kenner sie bemerkt

und ihre heilenden Kräfte benutzt, so steht das Chor der Gebirge, das

den Gesichtskreis umgiebt da, ohne daß ein hier verweilendes für diese

Schönheit empfängliches Menschenauge seiner sich freut. Sie machen auf

das Auge des Vorüberreisenden denselben Eindruck, den auf sein Ohr

die Harmonieen eines Conzertes machen würden, zu welchem sich eine

Gesellschaft von Tonkünstlern außen im einsamen Felde, wo kein Gedräng

des neugierigen Volkes sie stört, versammlete. Wie reich und prächtig

steigen dort in Süden die grünenden, waldigen Berge von Dscholan empor,

vor uns in Nordosten erhebt sich in seiner ausgezeichnet rundlichen

Form der Berg der Eber (Tell el Khanzyr); von Norden her leuchtet im

Schein der Sonne der blendend weiße Schnee des großen Hermon oder

Antilibanon.

Wir hielten noch vor Mittag bei einem Dorf der Turkomannen, Nowaran,

das zwischen alten Gemäuern, in einem Walde von Wallnuß und

Eichenbäumen liegt. Es ist das Nuara, bei welchem die gegen Zenki mit

dem Reich der Christen verbündeten Damascenischen Truppen im Jahr 1139

ihrer Bundesgenossen warteten[163]. Anjetzt gehört ein geübtes Auge

dazu, um aus den Trümmern und Steinhaufen zu errathen, daß hier einst

eine Stadt stund. Die Bewohner und Bewohnerinnen des Oertleins, das nur

aus wenigen Hütten besteht, schienen nach ihrer Art sehr vergnügt und

wohlhabend; wir erhielten hier Buttermilch und Brod in Menge; ein alter

Türke aus Damaskus, der sich bei der Jacobsbrücke zu uns gesellt hatte,

war ungebeten unser Gast und während wir Andren mit Löffeln aßen oder

die saure Milch tranken, langte er mit den Händen in die große hölzerne

Schüssel, uns hiermit stillschweigend lehrend wie man, wenn sie nicht

zu heiß ist, auch ohne Löffel Suppe essen könne.

Jenseit Nowaran naheten wir uns dem schon erwähnten rundlichen,

waldbewachsnen Eberhügel (Tell el Khanzyr) bis auf sehr geringe

Entfernung, ließen ihn zur Rechten und fanden uns bald hernach auf

einer Hochebene, welche nach unsern barometrischen Messungen mehr denn

2800 Fuß über dem Meeresspiegel, mithin 3300 Fuß über dem Tiberiassee

liegt. Der frische Wind, der uns von Norden her entgegenkam, war

anfangs noch erquickend und wohlthätig, erst etwas später verstärkte

er sich zum kalten Sturm, der unsrem Gefühl, im Gegensatz zu der

großen Wärme die wir in den letztvergangenen Tagen erdultet hatten,

ziemlich empfindlich fiel. Ein gemauertes Wasserbehältniß, an welchem

der Weg noch vor Tell Abu Nedy vorüberführt, verdient die Beachtung

des Reisenden. Es wird von Seetzen mit Recht für die Quelle Phiala

gehalten, aus der nach Josephus und Hieronymus der Jordan seinen

eigentlichen Ursprung nimmt. Der heutige Name des kleinen Teiches,

dem sein Wasser aus mehrern Quellen zuströmt, ist Birket Ram oder Abu

Ermeil. Noch jetzt ist dieser vormals heilige Brunnen zu gewissen

Zeiten ein Versammlungsort des Volkes aus der ganzen weiteren Umgegend;

als ob dem Jordan schon von seinem ersten Ursprung an eine geistige

Kraft der Anziehung für Menschen und Völker innenwohnte.

Obgleich kaum merklich, erhebt sich der Weg auch jenseits Phiala

noch immer bis in die Gegend eines Hügels, an welchem das Grabmahl

des Mohamedanischen Heiligen Abu Nedy mit mehreren Häußern sich

findet. Jenseit dieses Punktes fängt die Landschaft an sich ein wenig

abwärts (gegen Norden) zu senken. Gegen drei Uhr des Nachmittags lag

das stattlich aussehende Kanneytra vor uns, mit seinem ansehnlichen

Khan, der einem großen vaterländischen Meierhof glich, und mit

seiner Moschee. Da hier eine Hauptstation der Karawanen ist, welche

dem Verkehr zwischen Damaskus und Ptolemais dienen oder aus andren

südwestlichen Gegenden von Palästina kommen, hätten wir in dem Khan

eine sehr geräumige, sogar durch ein Dach geschützte Herberge gefunden;

ein Blick aber auf den mit Stroh und thierischen Unrath bedeckten Boden

des größeren Innenraumes und in die nicht viel sauberer aussehenden,

für die Menschen bestimmten Lagerstellen scheuchte uns bald wieder

hinweg ins Freie und wenigstens der eine Mucker, so ungern er es that,

mußte uns mit den Thieren die unser Gepäck trugen, hinaus vor das Dorf

begleiten. Ich hatte die Eichenbäume, welche nordwärts von Kanneytra,

in einiger Entfernung von dem Orte gesehen wurden, zu unsrem Nachtlager

ausersehen, bemerkte aber bald daß die Protestation, welche unser

Mucker gegen diesen Vorsatz einlegte, eine wohlgegründete war, denn das

Auge hatte sich auf dieser weiten Hochebene getäuscht; je weiter wir

kamen desto mehr bemerkten wir daß die Bäume noch sehr fern stünden. So

mußten wir uns zuletzt entschließen hinter einem alten Gemäuer Halt zu

machen, welches so niedrig war, daß man kaum im Liegen gegen den Wind

würde geschützt gewesen seyn, auch wenn dieser nicht gerade von der

offen stehenden Seite hergekommen wäre.

Es war noch so zeitig am Nachmittag (kaum halb vier Uhr) daß wir gute

Gelegenheit hatten uns in der Gebirgseinöde, auf der wir uns befanden,

recht vollständig umzusehen. Die sehr unansehnlichen Mauerstücke,

die sich in der Nähe von Kanneytra zeigen, werden von Burkhardt für

die Reste einer alten Stadt (Canatha) gehalten[164], sie haben indeß

nicht das Ansehen des hohen Alterthumes oder müssen geringen Gebäuden

angehört haben. Merkwürdiger als die alten und neuen Menschenwohnungen

des Ortes ist die Landschaft, auf welcher er steht. Kanneytra und die

an dasselbe gränzende Ebene ist der Rücken des Dschebel Heisch, der

sich hier gegen Norden, gegen den Gipfel des Antilibanon hin zu senken

scheint. Wahrscheinlich befindet sich das Auge des Beobachters gerade

hier am Gesenke einer jener wellenförmig ansteigenden und kaum merklich

wieder sich senkenden Höhen, deren lang fortlaufende Reihe den Dschebel

Heisch bildet. Wir glaubten uns nahe am Fuße des mit Schnee bedeckten

Dschebel Scheikh oder großen Hermon und das Auge ließ sich schwer davon

überzeugen, daß zwischen unsrer Lagerstätte und jenem glänzend weißen

Gebirgsriesen eine Strecke von acht Stunden Weges innen läge. Wenn

aber auch nicht am Fuße fanden wir uns doch auf dem Fußgestelle des

Antilibanon; denn als solches läßt sich der Dschebel Heisch betrachten.

Und so groß der Genuß, den diese Stellung und Nachbarschaft uns

gewährte, unter andern Umständen würde gewesen seyn, etwa wenn wir das

majestätisch schöne Gebirge aus dem Fenster eines Haußes, wie das auf

dem Rigikulm oder auch nur aus der Hütte eines Vogelstellers hätten

beschauen dürfen; so war dennoch für diesmal mit der Lust eine nicht

unbedeutende Last verbunden. Denn der Wind, der mit jedem Augenblick

heftiger wurde, wehte so schneidend kalt, obgleich aus Südwesten

her, daß wir uns aus dem heißen Sommer des Tiberiassees und des

Jordansthales an die Gränze des Winters gerückt fühlten und daß ich,

um an meinem Tagebuch schreiben und den Anblick des Antilibanon ruhig

genießen zu können, hinter ein Gebüsch (den Wurzelausschlag eines alten

Eichenstammes) mich retten mußte. Wie viel kälter auch diese Landschaft

seyn müsse denn jene, durch welche wir bisher gekommen waren, das

bezeugte uns die Vegetation, die gegen der von Palästina wie um einen

ganzen Monat zurück schien. Dennoch beträgt die Höhe unsrer Lagerstätte

über dem Meere nach unsern barometrischen Messungen nur gegen 2850 Fuß.

Herr Mühlenhof mit den beiden andren Muckern und dem Arabischen Knecht,

die im Dorfe das Geschäft des Einkaufes besorgt hatten, kamen jetzt mit

einem Lämmlein und etlichen Broden zurück. Das Thier wurde geschlachtet

und die Mahlzeit bereitet, welche freilich, da der Wind die ruhige

Wirksamkeit des Feuers hinderte, noch sehr roh und stark nach Rauche

schmeckte, überdieß auch für so viele hungernde Gäste nur spärlich

ausreichte. Denn außerdem daß der Metzger aus Kanneytra einen Theil des

Lämmleins als Schlächterlohn in Anspruch nahm, waren wir mit dem alten

Türken, der zu den Muckern als Gast sich gesellte, unsrer dreizehn

an dieser Abendtafel des Blachfeldes, welche deshalb bald nach ihrem

Beginnen wieder aufgehoben wurde. Nach den Freuden der Tafel schickten

wir uns an die Freuden des Lagers zu genießen. Wir hatten nach unsrem

Schlafgemach nicht weit zu gehen; Jeder von uns saß schon am Boden, auf

der Stelle wo er zu schlafen gedachte. Es gehörte jedoch, da wir jetzt

lagen und vergeblich versucht hatten den Regenschirm als Schutzwehr

gegen den Sturm aufzustellen, wenig Scharfsinn zu der Bemerkung die

Einer machte: »daß es sehr kalt sey,« und Mancher der Reisegefährten

wäre wohl in diesem Augenblick lieber in der kalten Herberge bei

München gewesen als hier in der Nachbarschaft der hochberühmten

Jordansquelle Phiala.

Anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang legte sich der Sturmwind,

zugleich aber stieg ein Nebel auf, so schnell wie ein Rauch vom Ofen

und so dicht wie wir ihn im Vaterland beim Beginnen oder am Ende des

Winters, im November und März zu sehen gewohnt sind. Der Nebel war

aber nicht wie ein gewöhnlicher, sondern er ließ so bereitwillig und

in solcher Menge sein Wasser fallen und dieses war von so frischem

Anfühlen, daß wir bald wieder zu den vom Sturmwind niedergeworfnen

Regenschirmen griffen, und diese noch mit Tüchern bedeckten um sie

etwas wasserhaltiger zu machen. So war doch wenigstens das Gesicht,

bei Einigen durch die Schirme bei Andren durch Tücher oder den Mantel

bedeckt und wir hatten es recht gut, denn Keinen von uns quälte, Gott

Lob, ein böses Gewissen, keiner litt an leiblichem Schmerz, kein Feind,

weder Türken noch Sarazenen verfolgten uns, kein Recensent wußte von

uns. Und obgleich der unzulänglich befestigte Regenschirm durch sein

Umfallen von Zeit zu Zeit uns weckte, erbeuteten wir dennoch so viel

des flüchtigen Schlafes, daß wir am Morgen gestärkt und sehr gern das

nicht sehr anziehende Lager verließen.

Mittwochs am 26sten April, es war mein Geburtstag, saßen wir bald nach

sechs Uhr auf unsern Thieren. Der Boden war vom nächtlichen Nebel oder

Regen so durchnäßt, daß die gewöhnliche Lust zum Fußgehen, so groß auch

die Kälte war die zur Bewegung antrieb, nicht aufkommen konnte; zum

ersten Male, so weit ich mich in meinem Leben zurückerinnern konnte,

hatte ich keine Lust mich zu waschen, so viel auch Wasser in der Nähe

war. Doch der Nebel war vergangen, die Sonne spiegelte sich aus blauem

Himmel in den Thautropfen des Grases und da wir jetzt in die Nähe der

vereinzelten Eichen und Terebinthen kamen, da ließ sich von allen

Seiten der Frühlingsgesang der Vögel vernehmen. Da wachten auch in

meinem Herzen die Loblieder auf, die wie die Lerche zur Höhe, so zu Dem

sich emporheben, Der uns, wie es in einem Liede des seligen Gerhard

Terstegen heißet, »Schritt vor Schritt« aus der Unruhe des Lebens »zur

stillen Ewigkeit« geleitet. Und, wie August Herman Franke in einem

seiner Loblieder singt:

Es danken Dir die Himmelsheer'

O Herrscher aller Thronen.

und die auf Erden, Luft und Meer,

In deinem Schatten wohnen,

Die preisen Deine Schöpfermacht,

Die Alles, Alles wohlbedacht.

Gebt unserm Gott die Ehre.

Aber ich will es nicht läugnen, denn ein solches Wechselspiel der

Gedanken ist ja das beständige Loos unsers wandelbaren Herzens,

obgleich ich in einem andern Liede desselben gottbegeisterten Mannes,

in dem Liede: »Gott Lob, ein Schritt zur Ewigkeit ist abermals

vollendet,« die letzten Worte: »Fahr hin was heißet Stund und Zeit,

ich bin bald in der Ewigkeit« u. s. w., wie ich meinte mit rechter

innrer Wahrheit gesungen hatte, dachte ich einige Minuten darauf

keinesweges an die Ewigkeit, sondern an heute übers Jahr. Meinen alten

Magen, der so eben sein 57stes Lebensjahr antreten sollte, hungerte

nämlich sehr; und obgleich ich ihm vorhielt daß er ja erst gestern

Abend Lämmleinsbraten gegessen habe, wollte er sich doch nicht darauf

besinnen, sondern gab mir nur die Gedanken ein: heute übers Jahr werde

ich doch, wills Gott, keinen solchen Hunger leiden müssen wie da vor

Damaskus, denn den Tag vorher, am 25sten April ist meine silberne

Hochzeit und heute übers Jahr mein Geburtstag, an welchem die gute

Hausfrau in München, wo Alles zu haben ist, ihren silbernen Eheherrn

gewiß satt füttern wird.

Unser Weg, in vorherrschend nordöstlicher Richtung, zog sich immer

wieder lehnan, über mäßige, wellenförmige Höhen. Nach etwa einer

Stunde kamen wir durch die ansehnlichen Ueberreste eines aus Eichen

und Pistazienbäumen bestehenden Waldes. Nahe an unserm Wege zeigten

sich über dem grünenden, fruchtbaren Boden mehrere Basaltriffe und

Säulentrümmer. Man sieht Wiesen von Gebüsch umgränzt, so schön als

im lieben Vaterlande. Gegen Mittag um zwölf kamen wir an eine

Basaltniederlage von furchtbar ödem, wüsten Aussehen. Durch sie

zieht sich eine alte, riesenhaft angelegte Straße. Nach ein Uhr zog

sich der Weg etwas merklicher abwärts, dann über eine Brücke nach

dem festungsartig hochummauerten Oertchen ~Sasa~, an welchem

ein Bächlein (unsre Mucker nannten es auch Sasa) vorüberfließt und

vor dessen Thoren jenseit des Baches ein Wald von hohen Pappeln,

Weiden und Wallnußbäumen sich erhebt. Wir kamen hier vor zwei Uhr des

Nachmittags an; so lange hatten unsre Mägen sich gedulten müssen; nun

aber wurden sie auch reichlich durch Brod und saure Milch, die man aus

dem Dorfe heraus unter den Schatten eines Platanenbaumes uns brachte,

getröstet. Das was wir von Hügel herab für eine Citadelle oder ein

Commandantenhaus der vermeintlichen kleinen Festung gehalten hatten,

das war der große für die Reisenden wohl eingerichtete Khan; das

Oertlein hat überdieß einen ordentlichen Bazar, auf welchem für uns

diesmal das Lebben oder die saure Milch der Hauptartikel der Nachfrage

war. Selbst hier hatte das Erdbeben mehrere Häußer niedergeworfen,

deren Wiederaufbau freilich nicht viel kosten mochte. Die Höhe von Sasa

über dem Meere beträgt nach unsern Messungen 2788 Par. Fuß.

Wir verließen Sasa noch vor drei Uhr. Eine steinerne Brücke führte

uns über einen kleinen munter strömenden Fluß hinüber, an dessen

linker Seite der Weg von hier an eine Zeit lang bleibt. Die Gegend

läßt noch wenig von den Schönheiten bemerken zu deren Thoren sie sich

nahet. Zwar den beschneiten Dschebel Scheikh, den Königssitz des

ewigen Schnees hatten wir heute den ganzen Tag vor Augen gehabt; wir

bemerkten, namentlich von Sasa an, wie er uns allmälig zur Seite

unsers Weges (westwärts) trat und nach seiner Breite sichtbar wurde;

das Auge ergieng sich an seinem von der Sonne beleuchteten Gehänge

zuerst über die unteren grünenden (von Wald bedeckten) Vorberge, dann

über die kahleren Felsenwände bis hinan zum glänzend weißen Scheitel,

die unmittelbare Nachbarschaft unsers Weges bot aber wenig Unterhaltung

dar. Sie ist eine steinige, von seichten Thalschluchten durchzogene

Hochebene, in der sich der Fluß ein tiefes, an seinem Rande grünendes

Bett gebahnt hat; jenseit des Flußes in Osten erheben sich, wie die

Grabmähler auf einem Schlachtfelde des Nordens, über dem verödeten

Gefilde die Felsenmassen und Trümmerhaufen des Basaltes.

Dennoch, so sehr dem unmittelbar vor Augen liegenden die Anmuth

mangelt, ist diese Gegend in Hoffnung schön. Denn da wir etwa

anderthalb Stunden weit über die allmälig sich senkende Ebene gezogen

waren zeigte sich uns, im Glanze der abendlichen Sonne, wie eine

grünende Insel die Umgegend von Damaskus, umschirmt von den Warten

ihrer Berge.

Der Wind hatte sich wieder stärker erhoben und bließ ziemlich kalt, wir

wollten anfangs, um auf die vorhergehende, fast schlaflose Nacht etwas

länger zu ruhen, schon jenseit Sasa uns ein Feldlager suchen, da aber

nirgends ein Schutz gegen den Wind zu finden war, zogen wir vollends

auf der Ebene hinab bis zu einem alten, weitläufigen, am Seybaranyfluß

gelegnen Gebäude: dem Khan el Scheikh. Unmittelbar bei den Mauern von

diesen stehet ein hochwüchsiger Wald von Pappeln; hinter diesem und

jenseit des Flusses, über den eine hölzerne Brücke führte, lagerten

wir uns, neben und zwischen dicken Stämmen des Bauholzes auf einem

Rasenplatze, zufrieden daß wir uns hier doch einigermaßen vor dem

Winde geschützt fanden. Es fehlte dieser Lagerstätte nicht an Stoff

zu mannichfacher Unterhaltung. In einem Kanal des Flußes zeigte sich

in Menge eine Art von Flußschildkröte (+Emys+), welche dieser

Landschaft so wie dem Gebiet des Euphrat eigenthümlich ist; da sich die

Sonne zum Untergang neigte kamen ganze Schaaren des gold-grünen Merops

gezogen, die im Dickig der Zweige das Nachtlager suchten. Bei all dem

Neuen und Schönen aber, das die grünende Herberge darbot, fieng ich

erst heute an einen Verlust, der mir übrigens schon am vorhergehenden

Tage zugestoßen war, recht schmerzlich zu empfinden: jenen der

Berghaußischen Karte von Syrien, die mir mit der Grimm'schen zugleich

gestern, wahrscheinlich schon bei Nowaran, durch Schuld der Mucker

welche den Reisesack öffneten, verloren gegangen war. Die Berghaußische

Karte war mir durch ihre große Genauigkeit und Ausführlichkeit schon

in Palästina, wo doch noch immer so viele Unsicherheit herrscht, ein

unschätzbarer Begleiter gewesen; in der Umgegend von Damaskus und bei

der ferneren Reise durch die Gegenden des Antilibanon und Libanon

hätte sie mir durch die außerordentliche Treue mit welcher sie diese

Landschaft darstellt noch viel mehr zu geben vermocht. Doch mußte man

in diesen Unfall sich fügen.

Die Höhe unsers Nachtlagers über dem Meere ergab sich aus den

barometrischen Messungen zu 2455 Fuß. Schon in der Nacht, noch mehr

aber gegen Morgen vor Sonnenaufgang wurde es bei dem häufig fallenden

Thau sehr merklich kalt. Selbst an unsrem ziemlich geschützten

Lagerplatz zeigte das Thermometer bei Sonnenaufgang nur 3 Grad

R. über dem Gefrierpunkt; weiter nach der freien Fläche hin hatte

es gereift und wie kalt diese Nacht gewesen das verrieth uns, als

wir in den wärmeren Stunden des Tages zu den Gärten von Damaskus

kamen, das Aussehen der Wallnußbäume, deren junge, zarte Blätter und

Blüthenkätzlein an Stellen die dem Winde offen stunden vom Froste wie

gebrüht und geschwärzt waren. Doch die Sonne stieg klar und rein am

blauen Himmel empor und weckte am Boden die Wärme, in den Zweigen aber

den vielstimmigen, lauten Gesang der Vögel auf, aus deren Chor auch das

Lied einer Nachtigall hervortönte; wir verließen bald nach sechs Uhr

unsre Lagerstätte.

Der Fluß blieb uns wieder rechts, und nach einiger Zeit entfernten wir

uns von seinem mehr nach Osten gehenden Laufe und wendeten uns gerade

gegen Damaskus hin, dessen weiße Minares, als wir weiterhin kamen,

über den Wald der Bäume, gleich Mastbäumen der Schiffe über einen

grünenden See hervorragten. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir die

ansehnlich aussehende, vormals von Ebioniten bewohnte Ortschaft Kokab,

die vermuthliche Geburtsstätte des Barcochaba, jenes falschen Messias

der Juden, der im Jahre 133 nach Christo durch sein fanatisches Feuer

sein Volk und Vaterland zur offnen Empörung gegen die Römer entflammte

und hierdurch das Racheschwert der Herrscher über das arme Judäa

führte[165].

Zwischen unsren Muckern hatte sich ein Wettstreit entsponnen, welcher

sehr zu unsrem Vortheil gereichte, da derselbe unsren Lauf so

beschleunigte, daß wir den Weg, zu welchem sie, nach ihrer gewohnten

Langsamkeit, einen ganzen Tag würden gebraucht haben, schon in sechs

Stunden zurücklegten. Zwei von ihnen waren nämlich, mit einem Theil

der Reisegesellschaft, bei welchem die beiden jungen Doctoren waren,

vorausgeritten und hatten die Richtung über Dareya genommen, die sie

für näher hielten; der vornehmste der Mucker aber der den Weg zur

Linken, nahe bei El Aschrafe vorüber, für den besseren und geraderen

zum Lateinischen Kloster erklärt hatte, wollte beweisen daß er recht

habe, und da wir Andren uns seiner Führung überließen, trieb er die

Thiere so stark an, daß wir diese zum ersten Mal auf unsrer Reise aus

dem Schritte herausfallen und in Trab gerathen sahen. Bald nach zehn

Uhr kam jene Abtheilung der Gesellschaft, bei welcher ich mich befand,

bei den Gärten der Stadt an, durch welche wir länger als anderthalb

Stunden ritten. Ein sonderbar neues Schauspiel für die Augen gewährten

die Häußer der Vorstadt, die in zuckerhutförmigen Thürmchen enden und

wie die Mauern der Gärten von thoniger Erde gebaut sind. Wir hatten nur

kurze Zeit durch die Stadt zu reiten; schon vor zwölf Uhr waren wir bei

den Pforten des Franziskanerklosters. Die andre Abtheilung langte, zum

großen Triumph unsers Muckers, etwas später als wir beim Ziele an; sie

hatte einen zwei Stunden langen Weg durch die herrlichen Gärten gemacht

und war, auf dem Wege durch die lange gerade Gasse, welche man für jene

hält, die in der Apostelgeschichte »die richtige« heißt, eine Stunde

weit durch die Stadt, bis zu dem fast am andren Ende gelegnen Kloster

geritten.

Im Kloster fanden wir jene Strenge der Clausur, welche zwar nicht

uns Männer, wohl aber die beiden Begleiterinnen auf den Kreuzgang,

vor dem Hof des Gebäudes beschränkte. Hier gaben wir unsren offnen,

allgemeinen Empfehlungsbrief aus Jerusalem ab und alsbald führte man

mich und meine Reisegesellschafter hinein in den Speisesaal der Pilger,

während man den beiden Pilgerinnen zuerst in dem einen Nachbarhauße

Zimmer anwieß, dann aber, da sich diese Zimmer bereits von einer Unzahl

von Wanzen (als älteren Miethsleuten) bewohnt fanden, sie in das Haus

eines verheirateten Griechischen Geistlichen einführte, in dessen

Erdgeschoß sie ein bequemes und reinliches Unterkommen fanden.

Damaskus.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 19 / 41 段