Während ich so da saß und ruhete, bald den See und seine Felsenufer

betrachtend, bald hinausblickend nach dem Wege, auf welchem die

Gefährten kommen sollten, trat ein Mann in armseliger Arabischer

Kleidung aus dem Gebüsch heraus und vor mich hin. Sein schwarzbraunes

Gesicht wie der Hals waren durch Narben entstellt, welche der struppige

dunkle Bart nur unvollkommen verdeckte, er mußte schon im harten

Gefecht gewesen seyn. Die Art wie mich der Mann mit seinem dunklen,

unruhigen Auge ansahe, erweckte kein Zutrauen; es war mir aber in

diesem Augenblick gegeben ihm sehr ruhig entgegen zu blicken. Er maß

mich vom Kopf zu Fuß, ich ihn auch; er hatte keine Waffen als sein

kurzes, dolchartiges Messer, ich hatte nichts als meine Hände, nicht

einmal einen Stock oder geognostischen Hammer. Ich habe selten einen

solchen Ausdruck von roher Habsucht in Augen und Mienen eines Menschen

gesehen als der war womit der Mann auf meine Taschen deutete und

ungestüm Geld (Flusch) verlangte. Ich hatte zwar dergleichen bei mir

fand es aber nicht rathsam ihm meinen Beutel sehen zu lassen; deutete

deßhalb nur auf den Weg nach Tiberias hin und sagte ihm, daß wenn meine

Begleiter kämen er etwas Geld haben solle. Er sah sich unruhig um, da

aber der Weg so weit man ihn überblicken konnte, ohne Menschen war,

begann er seine ungestümen Forderungen bald von neuem, drang näher

heran und schien mich am Leibe packen zu wollen. Da siehe, in demselben

Augenblick ward meine Reisegesellschaft freilich noch in weiter Ferne

diesseits des Felsenvorsprunges sichtbar; Herr Mühlenhof und Herr Franz

in ihrer stattlichen Türkischen Kleidung, Mohamed in seiner rothen

Aegyptischen Soldatenjacke, dazu die Doctoren Roth und Erdl mit Herrn

Bernatz, die meisten mit Flinten bewaffnet; ich beugte mich zur Seite

und rief »siehst du denn nicht daß sie kommen?« Mein Araber sah sich

von neuem um; sein Ungestüm war gebrochen; er zwang die Mienen zu einer

Art von Lächeln, redete mich als Effendi an und erzählte mir etwas von

welchem ich, was übrigens sein Aussehen bezeugte, nur so viel verstund,

daß er sehr arm und hungrig sey. Ich sagte ihm von neuem: wenn diese

kommen sollst du einen Piaster haben. Er schien lange ungewiß was er

thun, ob warten oder davon laufen sollte, und sahe mich dazwischen

immer fragend an, da ihm aber meine Mienen keine Furcht einzuflößen

schienen, blieb er in einiger Entfernung vom Wege stehen. Die Freunde

kamen endlich; durch die Langsamkeit der Mucker beim Aufbrechen waren

sie so verspätet worden; ich stieg auf mein Maulthier und da der Araber

sahe, daß Keiner eine feindselige Bewegung gegen ihn machte, gesellte

er sich, als sey nichts geschehen, zu uns. Er erhielt jetzt von mir

sein Almosen und ich ließ ihn durch den Dragoman fragen, bei welcher

Gelegenheit er diese Wunden am Gesicht und Hals empfangen habe? Da

erzählte der Mann, hier in dieser Gegend sey es gefährlich zu reisen

und er selber sey einmal von Räubern angefallen und fast erschlagen

worden. Ich möchte indeß nicht entscheiden wer bei jener Gelegenheit

der Angreifende oder Angegriffene gewesen. Das Gewissen des Mannes

schien wenigstens nicht das sauberste; denn obgleich er anfangs Lust

bezeugt hatte uns gegen ein Botenlohn zu den Ruinen zu führen, die sich

rechts vom Wege im Walde finden sollen, entwich er doch plötzlich,

da in El Medschel, wo wir Milch tranken, ein etwas ansehnlicher

aussehender Mann, den wir für den Scheikh des Dorfes hielten, gegen uns

hinkam.

El Medschel, das ist der jetzige Name von Magdala, bei welchem noch

zu den Zeiten der Kreuzzüge eine ansehnliche Burg stund, ist jetzt

ein Dorf, das aus elenden Hütten besteht, aus denen dem Reisenden ein

Geruch der Unreinlichkeit entgegenkommt. Wir mochten nicht von unsern

Thieren absteigen und den von Unrath entstellten Boden betreten, und

auch die saure Milch, die wir im hölzernen Gefäß von einer Araberin

bekamen, würde der Eckel zurückgewiesen haben, wenn nicht der große

Durst und der Hunger gesagt hätten: behalte sie. Indeß bemerkten wir

später, daß wir zufällig gerade bei den elendesten Hütten (es waren die

nächsten am Wege) Halt gemacht hatten. Wir verweilten hier so lange bis

Herr Bernatz eine Zeichnung des Ortes und seiner Umgegend entworfen

hatte, was in etwa einer halben Stunde geschehen war. Die Umgegend wird

interessant durch ihren Hintergrund der Felsenwände, welche voller

natürlicher wie künstlicher Hölen sind; mehrere alte starke Gemäuer

bezeichnen den vormaligen Umfang und die Bedeutenheit von Magdala.

Das westliche Ufer der nördlichen Hälfte des Sees vor und jenseits El

Medschel ist überaus fruchtbar und mit Gebüsch und Bäumen, dazwischen,

nach dem Strande hin, mit Saatfeldern bedeckt. Es scheint hier

vor andern Gegenden ein Lieblingsaufenthalt der wilden Tauben und

Turteltauben; wir sahen sie zu vielen Hunderten und hörten ihre Stimme;

sie schienen in dieser Zeit seiner reifenden Früchte vorzüglich gern

auf dem Nebek oder Thederbaum, einer Art des Rhamnus zu verweilen.

Ein altes Kastell unweit Medschel hat seinen Namen Kalaat Hamam oder

Taubenkastell von den vielen in seinen Mauert nistenden Tauben, ja

ein ganzes Thal, an das dieses Kastell gränzt, heißt das Wadi Hamam

oder Taubenthal. Die große Fruchtbarkeit der Gegend ist vor allem eine

Folge der vielen Bäche und Quellen, die aus dem westlichen Höhenrande

hervorbrechen. Schon vor, noch mehr aber jenseits (nordwärts) von

Medschel kamen wir über mehrere kleine und größere Bäche, unter denen

jener, den man, bald nachdem man das Dorf verlassen in der Mitte des

Dickichts passirt, der ansehnlichste ist, so daß er wohl für einen

kleinen Fluß gelten könnte. Dieser kommt durch das breite, vielfach

gekrümmte Hattinthal (Wadi Hattin) herab und sein Wasser muß durch

Aufnahme mehrerer warmer Quellen eine erhöhte Temperatur haben, denn

wir sahen es in den Morgen- und selbst in den Vormittagsstunden, da wo

es aus den basaltreichen Klüften sich herabstürzt, rauchen, wie ein

am Boden ausgeschüttetes, warmes Wasser. Da wo wir, nahe an seiner

Mündung, über das Flüßlein kamen, ließ uns weder seine Temperatur noch

sein Geschmack einen Unterschied von andern, gewöhnlichen Bächen dieses

warmen Landes bemerken.

Nicht weit jenseit des Flußes aus dem Hattinthal sollten, nach der

Versichrung eines unsrer älteren Mucker Ruinen von Gebäuden seyn. Wir

konnten sie nicht auffinden. Die treffliche Karte von Berghaus setzt

in diese Gegend die Stätte des alten Genezareth, von welchem der ganze

See einen seiner Namen hatte. Oben am Abhange der westlichen Berge

ward ein Dorf oder Flecken sichtbar, Sendschol genannt. Zuletzt über

eine fruchtbare Ebene an einem verfallenen Gebäude (vormaligem Khan)

vorüber, kamen wir bei einem Bächlein an die unansehnlichen Ruinen

von Tel Hum, welche nach der Aussage unsrer Mucker so wie nach der

Beschreibung die man uns in Nazareth und Tiberias gegeben die Stätte

von Capernaum andeuten sollten. Wie unverkennbar haben sich doch

jene Worte des Wehes, das der Mund der Wahrheit über Capernaum, über

Bethsaida und Charizim aussprach, bewährt! ihre Stätte kennet niemand

mit Sicherheit; ihr Name ist von der Erde verschwunden.

Nahe bei den Ruinen des angeblichen Capernaum, die wir um 11 Uhr

Vormittags erreicht hatten, bei dem Quell, hatte sich eine Schaar der

Pilger gelagert, die noch zum Osterfest der orientalischen Christen

nach Jerusalem ziehen wollte. Wir wendeten uns jetzt wieder etwas links

(südwestlich) und zogen dann über den anfangs wellenförmig dann steiler

ansteigenden Abhang des nördlichen Bergkessels nach dem Khan Dschob

Yusef, oder dem Khan des Josephsbrunnens. An vielen Stellen unsers

Weges kamen wir über eine alte, kunstreich gepflasterte Straße, gleich

jenen alten Römischen, denen man in Italien so oft begegnet. Es schien

uns diese ein sichres Anzeichen davon, daß einst in dem Thale, von

dem sie heraufführt auf die Höhe, eine ansehnliche Stadt (Capernaum)

gestanden habe.

Schon auf dem Wege nach dem Josephsbrunnen hatten wir eine herrliche

Aussicht nach dem Tiberiassee und seinen Ufern. Ich hatte mich auf dem

Sattel des Maulthieres, obgleich die Mucker mich darüber verlachten,

rückwärts gesetzt, so daß ich unausgesetzt die hehre Gegend betrachten

konnte. Selbst das Augenmaß (so wenig ich mich, an mir selber allein,

auf seine Richtigkeit verlassen möchte) schien uns hier die Länge

des Sees nicht größer als die unsers Starenberger Sees, etwa zu fünf

Stunden anzudeuten, die Breite aber ist gleichmäßig größer als die

jenes vaterländischen Sees, sie mag wohl wenigstens oder mehr als

ein Drittel der Länge betragen. Unter den Bergen des östlichen Ufers

zeichnet sich der eine durch seine auffallender rundliche Form aus;

an dem Fuße dieses östlichen Kesselrandes läuft eine Ebene hin, auf

welcher gewiß das Reisen zu Fuße wie zu Pferde, so wie der Transport

durch Lastthiere weniger Schwierigkeit haben würde als an der

westlichen Seite. Und es wird ja die Zeit kommen, wo alle diese Lande

voll werden Seiner Ehre, wie der Segnungen Seiner Güte; dann wird Er,

der Herr, wieder, wie in den Tagen Seines Fleisches Tausenden das Brod

brechen auf diesen noch immer so fruchtbaren, aber vereinsamten Hügeln

und Bergen.

Bei dem sogenannten Josephsbrunnen, dessen Stätte wir nach einem

etwas mehr als anderthalbstündigem Aufsteigen von der Ebene am See

erreichten, stehet noch das freilich sehr in Verfall gerathene

Gemäuer eines Sarazenischen Herberghaußes für Reisende oder Khans.

Wenn nicht die Unterscheidung der Sarazenischen und Altfränkischen

oder Gothischen Bauwerke so vielen Schwierigkeiten unterläge, würde

ich keinen Anstand nehmen die erste Anlage des Gebäudes den Zeiten

der Kreuzzüge und des christlichen Königreiches von Jerusalem

zuzuschreiben. Eine teichähnliche Cisterne, deren Boden sehr mit Binsen

bewachsen war, und die nur wenig Wasser enthielt, findet sich außerhalb

(nordwärts) von der Caravanserei; in den Ringmauern von dieser selber

ein Schöpfbrunnen. Dieser oder wie unser Maronitischer Mucker, der

schon so oft diesen Weg gemacht hatte, es wollte, ein andrer, auf der

östlichen Anhöhe gelegner, halbverschütteter Brunnen, sollte, nach

einer späteren Sage des Landes derselbe gewesen seyn, in welchen die

Söhne Jacobs ihren Bruder Joseph hineinwarfen, bis sie an die Schaar

der vorüberziehenden Ismaëliter ihn verkauften. Doch stehet diese

(vorzüglich unter den Mohamedanern herrschende) Sage mit den Worten der

Schrift im Widerspruch, denn nach diesen war Dothan, an dem Abhange

der Gebirge Gilboas gegen den Jordan hin, nordostwärts von Sindschil

(unsrem letzten Nachtlager vor Nazareth) der Ort an welchem Joseph, von

Sichem aus, seinen Brüdern begegnete, von ihnen in den Brunnen gesenkt

und dann verkauft wurde[157].

Auch von dem Dschob Yusef oder Josephsbrunnen zog sich unser Weg

noch hoch bergan. Wir hatten von hier eine herrliche Aussicht, nicht

bloß rückwärts nach dem Tiberiassee, sondern ganz nahe zu unsrer

Linken, auf das nordwestlich hoch auf den Bergen gelegne Saphet,

eine der vier heiligsten Stätten der Erde für die noch auf den Trost

Israëls hoffenden Juden. Aus der Ferne konnte man jenem vormals so

ansehnlichen, von den Tempelrittern so stark befestigten und mannhaft

vertheidigten Orte die Zerstörung nicht ansehen, welche das letzte,

große Erdbeben auch innerhalb seiner, noch immer stattlich aussehenden

Mauern angerichtet hatte. Nach einer Sage des Landes sollte dieses

Saphet oder Szaffad die Stadt seyn, die auf einem Berge liegt und

deshalb nicht verborgen bleiben kann, welche Christus der Herr, bei

diesen Worten seiner Bergpredigt vor Augen und im Sinne hatte[158].

Wir gedachten, da wir den gähen Felsenabhang jener alten Burg der

Kreuzfahrer betrachteten, an die Ströme von Blut der Tempelritter und

der andren christlichen Bewohner der damaligen Stadt, welche der

Wüthrich Bibar, im Jahr 1266 gegen Völkerrecht und Vertrag dort vergoß.

Die Gegend wird hier unbeschreiblich majestätisch, die Aussicht

gewaltig. So hoch man auch auf dem Bergrücken, über welchen die letzte

Strecke des Weges führt schon gestiegen ist, so hat man dennoch neben

sich als noch höher hinanragenden Gipfel den Dschebel Szafad (das

Gebirge Naphthali), an dessen südlichem Ende Safed liegt; während sich

gegen Süden der Tiberiassee Und die Jordansaue mit den Gebirgen und

Ebenen von Galiläa, Dscholan und Gilead (?) zeigen, erblickt man in

Norden den Meromsee und den Antilibanon der seinen grünenden Fuß in das

weite Thal von Paneas setzet und den beschneiten Gipfel zu den Wolken

gesellt. Mit dem Gefühl der Erhebung und des Wohlgefallens das dieser

Anblick weckte mischte sich heute in meinem Innren ein andres der

Wehmuth; es war als vernähme ich vom Gebirge des Antilibanon und vom

Meromsee, mitten unter den Tönen jenes ewigen Lobgesanges, den hier die

Majestät der Werke anstimmt, das Geläute der Todtenglocken. Vielleicht

hatte der seit langer Zeit entwohnte Anblick des umschleierten Himmels

auf diese Stimmung Einfluß; vielleicht war sie ein Nachhall des

Gedankens der mich schon bei dem Jacobsbrunnen beschäftigt hatte: des

Gedankens, daß ich nun ganz nahe am Ende der Reise durch das werthe,

heilige Land sey. Doch liegt auch in der Geschichte des Gebietes, das

hier der Pilger, gegen Norden hin überschaut, manches Element das zum

Ernst stimmen kann. Zwar dort rechts hinan vom Meromsee ist die Gegend

von Paneas (des alten Cäsarea Philippi) in der heiligen Geschichte noch

mit den Fußtapfen Dessen bezeichnet der durch sein sichtbarliches

Wandeln den ganzen Kreis der Erde geheiligt und gesegnet hat; aber nur

wenig zur Linken von da, im Norden des Sees ist die Stätte des alten

Lais oder Dan, des Ortes da zuerst ein ganzer Stamm des erwählten

Volkes von dem Herrn sich abwandte und dem durch doppelten Diebstahl

erworbenen Götzen anhieng[159] und wo später ganz Israël an Jerobeams

Kälberdienst sich versündigte[160]. Es hatte sich aber auch die Natur

der wahrhaft schönen Umgegend mit Geberden der tiefen Trauer und des

Elendes angethan; ein großer Theil der Ortschaften, zur Seite unsers

Weges, lagen, wie uns dieß ein Mann erzählte, der mit einem beladnen

Esel uns begegnete, seit dem letzten großen Erdbeben in Trümmern;

Madscharah war ein Schutthaufen geworden; ein andres Dorf, aus welchem

einer unsrer Mucker Lebensmittel für uns holen wollte (Girseh?) war

nicht mehr vorhanden; die Felder des Getraides warteten dort umsonst

der pflegenden, ihre Fülle erntenden Menschenhand.

Unser Weg wendete sich jetzt mehr nach Osten, durch ein Gefilde das mit

blauen Lupinen und andern Blumen herrlich geschmückt war; wir stiegen

zu Fuß den steilen Abhang hinunter, an welchem wir die nahe Aussicht

hatten nach dem Jordansbette, von jenseit des Meromsees an bis dahin

wo sich dasselbe südlich in den Krümmungen des Gebirgsthales verliert,

das zum Tiberiassee hinläuft. Schon gegen vier Uhr des Nachmittags

hatten wir die Stätte, die zum heutigen Nachtlager bestimmt war: die

Jacobsbrücke erreicht. Hier war freilich eine der Fragen: woher

Brod nehmen in der Einöde? denn wir hatten außer der sauren Milch

in Magdala den ganzen Tag nichts genossen, und, vertrauend auf die

feste Versichrung unsrer Mucker daß sie uns auf dem Wege Lebensmittel

verschaffen wollten, mit keinen Vorräthen uns versorgt. Jene Frage

wurde indeß bald in befriedigender Weise beantwortet, denn wir fanden

in der Nähe der Brücke einige Arabische Familien, die, seitdem das

Erdbeben ihre Hütten zerstört hatte, hieher geflohen waren, wo sie

unter Zelten wohnten, durch diese erhielten wir Milch, Eier und später

auch etwas Brod.

Der Name, welchen das Volk des Landes schon seit einer Reihe von

Jahrhunderten der alten, steinernen Brücke gab, über die wir jetzt

hinüberzogen in das östliche Gebiet des Jordans, gründet sich auf die

Sage, daß hier der Ort gewesen sey wo Jacob, nach seiner Zurückkehr

aus Mesopotamien mit seinen Söhnen über den Fluß gegangen sey. Doch

findet diese Sage in den Worten der heiligen Schrift keine deutliche

Bestättigung; denn nach diesen war der Ort des ernsten Ringens im

Gebet, welches nicht abließ, bis es den Segen empfangen[161] die Furth

des Jabob, und von hier wendete sich das kleine Heer des Altvaters

zwar nördlich, wie dieß die Angabe des ersten Aufenthaltsortes im

diesseitigen Gebiet, Suchoth, vermuthen lässet, doch ist dieser

genannte Punkt, fast parallel mit Jesreel und Dschennin noch sehr

weit (über acht geographische Meilen) von der Jacobsbrücke abgelegen.

Dieses hinderte indeß die Seele des Pilgrims nicht an jenem Genusse,

den hier an dieser Stätte die Betrachtung der Geschichte von Jacobs

Heimkehr darbot. Auch für uns war der Jordan in gewisser Hinsicht

die Gränze, jenseits welcher wir aus dem Lande, das unserer Reise

letztes Ziel gewesen, uns hinaus begaben auf die, freilich noch durch

manche Umwege gehende Heimkehr nach dem Vaterland. Auch an uns war

auf den Wegen unsrer Wallfahrt viel und Großes geschehen; wir waren

wie auf Adlersfittigen getragen und vor allem Unglück bewahrt worden;

unsre Seele, wenn sie dessen gedachte, was sie auf der Pilgerschaft

an Erkenntnissen und lebendigen Erfahrungen empfangen hatte, konnte

wohl mit dem Altvater Jacob ausrufen: »Ich bin zu gering aller

Barmherzigkeit und aller Treue die du an mir gethan hast.«

Der Lauf des Jordans, so kurz er im Ganzen ist, hat von seinem

Anfange bis zu seinem Ende, etwas höchst Bedeutungsvolles und

Außerordentliches. Welchem andern namhaften Fluß der Erde ist wie ihm

sein Lauf unter dem Spiegel des Meeres angewiesen; welches rinnende

Gewässer zieht seine Bahn durch solche majestätisch schöne Auen als

diese da sind am Merom und im Thal von Paneas; welches hat eine

herrlichere Stätte des Ursprunges, als die dort ist am Antilibanon,

bei welcher schon die pythisch begeisterte Ahndung des Heidenthums ein

besondres Naheseyn der Kräfte des Geistigen und Göttlichen verspürte.

Wir waren sehr begierig die verhältnißmäßige Höhe des Jordans

hier an der Jacobsbrücke zu der des Tiberiassees und des unteren

Jordansspiegels in dem Gebiet von Jericho zu erfahren, aber der allem

Anschein nach schon an sich tiefe Barometerstand der mit der heutigen

trüben Wittrung, die sich am Abend in einen leichten Regen auflöste,

in Beziehung stund machte unsre Messung etwas unsicher. Wir fanden

nach dieser die Höhe unsrer Lagerstätte bei der Jacobsbrücke 378, die

des Jordans gegen 350 Fuß über dem Meeresspiegel; ein Unterschied von

mehr denn 880 Fuß gegen die Lage des Tiberiassees, was für die geringe

Entfernung zwischen beiden Punkten ein Gefäll des Flusses ergäbe,

welches das unsrer Isar zwischen Mittenwald und Länggries (682 F.)

noch überträfe. Uebrigens ist allerdings der Lauf des Jordans hier ein

reissend schneller und sein Gefäll bis zum Einfluß in den See mag ein

sehr bedeutendes seyn.

Der Fluß ernährt hier, außer andern Wassergewächsen in großer Menge

das Papyrusschilf (+Cyperus Papyrus+), das zu sehr ansehnlicher

Höhe erwächst. Weiter hinab am Ufer fanden sich Stämme des Zakkumbaumes

(+Eleagnus angustifolius+) und des Dornrhamnus (+Rhamnus spina

Christi+), dazwischen das blühende Gesträuch des Oleanders.

Die Brücke selber, die unsrer Betrachtung am nächsten lag, ist gegen

sechzig Schritte lang und wird von vier Bögen getragen; sie ist von

alter, fester Bauart; die Breite des Flußbettes beträgt nicht viel mehr

denn halb so viel als die Länge der Brücke (gegen 80 Fuß) seine Tiefe

nur an wenig Stellen über vier Fuß. Von dem einst so bedeutungsvollen,

festen Kastell, das die Kreuzfahrer, wie wir früher erwähnten, unter

Balduin +IV.+ diesseits (westlich) der Jacobsbrücke begründeten

und das die Templer nur kurze Zeit, bis zur Erstürmung desselben

durch Saladin besetzt hielten, sieht man nur noch einige wenige

alte Gemäuer; auch das Haus ist verschwunden, in welchem sonst die

Türkischen Zolleinnehmer wohnten, welche von jedem Pilgrim der über

die Brücke kam eine ansehnliche Abgabe erhuben, denn diese Besteurung

der Reisenden hatte zu unsrer Zeit, unter Aegyptischer Herrschaft

aufgehört. Desto ansehnlicher sind die Gemäuer der großen Karawanserei

die an der Ostseite noch jetzt zum Nachtlager der Karawanen dient. Sie

enthält unter andrem ein ziemlich großes, aus schwarzem, basaltischen

Gestein fest gemauertes vierecktes Behältniß, das, weil es tiefer als

der übrige Boden liegt, als eine Art von vormaligem Wasserbehältniß

erscheinen könnte. Die Hauptgebirgsart der Gegend durch die wir

vom Tiberiassee bis hieher kamen ist Kalk (Kreidekalk?) an vielen

Stellen aber, wie namentlich hier am Jordan, zeigt sich Basalt. Der

Meromsee bildet, so wie wir ihn heute und am andern Morgen sahen, eine

zusammenhängende Wasserfläche und das viele Schilf und Papyrusrohr das

in ihm wächst läßt auf keine große Tiefe desselben schließen.

Wir hätten allerdings zwischen den Ringmauern der alten Karawanserei

unser Nachtlager aufschlagen können, da indeß der Boden ihres

Steinpflasters von sehr unreinlichem Aussehen und das Gebäude ohne

Dach war, so daß wir innerhalb demselben eben so sehr dem Thau und

Regen ausgesetzt blieben als außerhalb, zogen wir eine grasreiche Wiese

in der Nähe des Jordansbettes zur Lagerstätte vor und blieben auch

diesem Vorsatz treu da sich am Abend ein leichter Regen ergoß, der

sich während der Nacht in einen ungemein starken Thau verwandelte. Wir

suchten uns zwar, wenigstens am Gesicht, durch Regenschirme, die wir in

schiefer Stellung hinlehnten, gegen diese Unbequemlichkeit zu verwahren

und versuchten es auch den Kopf durch übergespannte Tücher zu schirmen,

aber die Schwüle der eingeengten Luft wurde dabei so unerträglich,

daß wir es vorzogen vom Regen und Thau benetzt und von den kräftigen

Stichen der vielen, großen Mücken geneckt zu werden, als unter solcher

Bedeckung halb zu ersticken. Zu den besondren Unterhaltungen dieser

Nacht gehörte es auch noch daß die Maulthiere frei neben und über uns

herumschritten und daß die vielen Frösche der Nachbarschaft, als hätten

sie uns etwas Besondres zu sagen, ganz nahe bei unsren Ohren ihr lautes

Quacken erhuben. Der Anbruch des Morgens kam uns unter diesen Umständen

und nach solchem nächtlichen Bad in Regen und Thau sehr erwünscht; es

war weder an unsern Decken noch an unserm Gewand ein trocknes Flecklein

zu finden, doch hatte sich das Herz jene (vergnügliche) Trockenheit

erhalten, die ein Philosoph des griechischen Alterthumes (Herakleitos)

als den wünschenswerthesten Gesundheitszustand der Menschenseele

beschreibt.

So traten wir denn nun, als bald nach 6 Uhr des Morgens unsre kleine

Karawane in Bewegung kam, den Weg, der anfangs sehr steil am Gebirg

hinanstieg, nach einem Gränzland des alten Canaan an, das nur zum Theil

in die Geschichte des gelobten Landes und seiner Bewohner verwebt ist.

Die Landschaft durch welche uns die heutige und noch zum Theil die

morgende Tagreise führen sollte, gehörte noch zu Christi Zeiten zu

Basan, das durch seine Fruchtbarkeit so berühmt und gepriesen war; im

engeren Sinne bildete es die Provinz Ituräa in welcher zu den Zeiten

Johannis des Täufers, Philippus, der Bruder des Herodes, Vierfürst war.

Die Meisten von uns stiegen nicht bloß die erste sehr steile Bergwand,

welche hier das Jordansthal begränzt, zu Fuße hinan, sondern, da wir

hierbei den Muckern und ihren Thieren weit voraus kamen, blieben wir

auch weiterhin, bis gegen Mittag, meist zu Fuße. Das etwas schwere

Ansteigen, zum Theil auf einer Art von Steinpflaster, das neben einem

sumpfigen Grunde hinführt, dauert noch nicht drei Viertelstunden und

die Mühe des Steigens wird auf jedem Punkte an dem man Halt macht

durch die herrliche Aussicht nach dem nahen Meromsee und dem Thale von

Paneas reichlich aufgewogen[162]. Der Weg zieht sich jetzt minder steil

berganwärts und es wird nun eine Stelle erreicht, welche einen weiten

Ueberblick über den See von Tiberias und einen Theil des Jordansthales

gewährt. Sey mir noch einmal gesegnet du heiliges Land durch das der

Jordan fleußt, du Land der Turteltauben am See Gennezareth; die Stimme

des Sehnens und des Hoffens, welche dort der Geist vernahm, verkündigte

es daß du mit all deinen Lieblichkeiten nur ein Schatten und Vorbild

bist von jenem Heim der ewigen Verheißung an welchem der Weg des

Pilgrims und Fremdlings der Erde sein Ziel und Ende hat.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 18 / 41 段