Wir hatten auch auf dieser Reise manche vom Erdbeben niedergestürzte

Häußer angetroffen und ich war in früheren Jahren, auf einer Reise

durch die Schweiz, über die Stätte des wenig Jahre vorher unter

dem Bergsturz begrabenen Goldau gekommen. Einen solchen Gräuel der

Verwüstung als hier in Tiberias, hatte ich dennoch niemals vorhin

gesehen. Vielleicht war es Einbildung, vielleicht auch ein wirklicher

Aushauch der großen Gräberstätte, den die große Hitze dieser

Mittagsstunde aus der Tiefe hervorlockte, ich roch, da wir über die

Reihe der Schutthaufen, welche die Richtung des ehemaligen Bazars

bezeichneten hinüberstiegen, allenthalben den Geruch der Leichname

und der Verwesung. Desto wohler that es uns, da wir jetzt an einem

etwas freieren Platze, an dem es sich leichter athmete, in den

Schatten einer Bretterhütte traten die von einer Israëlitischen Familie

bewohnt ward. Zwar hätte es uns hier (nach dem Bericht mancher neuer

Reisender) nicht unerwartet kommen sollen, dennoch aber überraschte es

uns freudig, da die Wirthin der Hütte uns Deutsch anredete. Sie, wie

die Ihrigen so viel Deren bei dem Untergang der Stadt sich retteten

waren aus den Deutschen Provinzen von Polen gebürtig. Die gute Frau

ließ uns Wein, Brod und Eier käuflich ab, und erzählte uns dabei von

dem Unglück, das sie und ihr ganzes Haus betroffen hatte. Sie und die

eine ihrer Töchter, welche kaum vierzehn Jahre zählte, waren durch das

Erdbeben Wittwen geworden; Mann und Schwiegersohn wurden mit mehreren

andern Verwandten und Freunden unter den Trümmern der niederstürzenden

Häußer zerschmettert und begraben. Dasselbe Loos traf mehrere Hunderte

der Einwohner und eine noch größere Zahl wurde zwar nicht getödtet,

wohl aber mehr oder minder schwer verletzt. Die beiden Frauen hatten

sich als das Erdbeben (bald nach Mittag) kam gerade außerhalb des

Haußes befunden.

Während wir uns so mit unsrer gesprächigen Wirthin unterhielten

kamen einige Aschkenasim (so nennen sich hier die Polnischen Juden);

Landsleute und Bekannte der Familie in die Hütte herein. Der eine

von ihnen erwieß sich im Gebiet der Talmudischen Gelehrsamkeit

wohl erfahren; er hatte mehrere Europäische Länder gesehen, schien

namentlich in Holland wohl bekannt. Das merkwürdige Volk hält dieses

Tabaria oder Tiberias, nebst Jerusalem, Hebron und Safed für eine der

heiligsten Stätten der Erde, an welcher große Verheißungen haften.

In Tiberias, so erzählte uns der gelehrte Rabbiner sey schon vor

Christi Geburt eine Schule bestanden an welcher große Meister lehrten;

namentlich der ältere Hillel habe eine Zeit lang hier gelebt[152]. Nach

der Zerstörung von Jerusalem ward zuerst Safuri, dann aber Tiberias

für lange Zeit der Sitz des Jüdischen Sanhedrin oder hohen geistlichen

Rathes, und ein Sammelplatz solcher Forscher welche den Trost Israëls,

der schon gekommen war, in den Tröstungen einer tiefkünstlichen

Menschenweisheit suchten. Ein Werk, zum Theil schon der älteren Schule

von Tiberias, war die gedankenreiche Mischnah, welche manche Lehren

und Ueberlieferungen einer uralten Weisheit mit späteren Erfindungen

des Menschenwitzes vermischet. Wenn der Talmud lehret daß aus dem

See von Tiberias einst der verheißene Messias aufsteigen werde, da

ergehet es ihm wie der Schwalbe, die mit vergeblichem Abmühen über der

Fläche des Wassers auf und niederschwebt, auf dessen Grund, nach der

Erzählung der alten Fabel, ihr Schatz versank. Denn Er, der Verheißene

hat einst wirklich den See von Genezareth durch sein Naheseyn geweiht

und geheiligt; Er ist wahrhaft hier Seinem Volk durch göttliche

Wunder offenbar geworden und selbst nach seiner Auferstehung, da, bei

Tiberias, ihnen erschienen.

Wir verlangten aus dem engen Bretterhaus, in welchen es viele, schon

von früheren Reisenden in dieser Gegend angetroffene Unbequemlichkeiten

gab, hinaus an den schönen See und an seine reinlichen, grünen Ufer.

Jenseit des Thores, vor welchem große, dicke Blätterstämme der

Opuntienfeigen, bedeckt mit gelben Blüthen stunden, wendeten wir uns

südwärts am Ufer hinab, nach der Gegend des schönen, neuen, ganz in

Europäischer Weise eingerichteten Badehaußes, das Ibrahim Pascha über

den dortigen berühmten heißen Quellen hat erbauen lassen. Es war

eigentlich schon in Jerusalem und Nazareth unser Vorsatz und Plan

gewesen in jenem bequemen Gebäude zu übernachten, das für viele Gäste

Raum darbietet; in Tiberias aber erfuhren wir daß ein Türkischer

Pascha, der die Badekur gebraucht, für sich und sein zahlreiches

Gefolge den größesten Theil der Zimmer eingenommen habe und beschlossen

deßhalb unser Lager, zu welchem die beiden Frauen in Begleitung des

Herrn Mühlenhof und der Mucker schon vorauszogen, außen vor der Stadt,

im Freien aufzuschlagen. Wenn man von der Stadt hinweg, nach jenem Bade

hingehet, sieht man an der Seite des Weges viele ansehnliche Ruinen

von Tempeln und Palästen aus der römischen Zeit. Von dem einen dieser

Gebäude stehen noch die Mauern, deren zum Theil aus älteren Trümmern

zusammengesetzte Masse freilich eine spätere, neuere Wiedererrichtung

des Werkes andeutet. Weiterhin zeigen sich noch mehrere, aufrecht

stehende Säulen von einem vormaligen Portikus. Vielleicht sind dieses

noch Reste jener ersten Stadt, welche Herodes Antipas bei den Wohnungen

der Fischer begründete und die er dem Tiberius zu Ehren mit dem Namen

benannte, den sie bis auf unsre Tage behalten hat.

Wir nahten uns dem Ufer des Sees und einige der jungen Freunde

genossen seiner reinigenden Fluth, während wir Andren am Ufer

uns beschäftigten. Die Gebirge zu beiden Seiten empfangen durch

ihre vielen tiefen Schluchten und durch die gähen Abhänge eine so

malerisch schöne Form, wie kaum an einem andren mir bekannten See.

Sie bestehen, ihrer Hauptmasse nach aus Kalkstein, wahrscheinlich

von mehreren der früher erwähnten Formationen, vorzugsweise aber aus

Kreidekalk, an dessen Abhängen wie in den Schluchten der Basalt (mit

zeolithaltigem Mandelstein und Basalttuff) auftritt. Ein tiefblauer

Himmel zieht sich über den klaren, dunklen See hin, dessen Fluth mit

ihren vielen lebendigen Bewohnern schon seit vielen Jahrhunderten ein

ununterbrochenes Hall- und Jubeljahr feiert, denn als wir hier waren

wurde die Stille des Sees durch keinen einzigen darüber hinfahrenden

Fischerkahn gestört, indem es, für uns bedauernswürdig genug, am Umfang

des ganzen Ufers keinen gab. Dennoch ist, namentlich bei Tiberias,

die Menge der Fische so groß, daß man sich ihrer mit Leichtigkeit

durch Hamen und Netze in den Buchten bemächtigt. Wir konnten, obgleich

wir es bestellt hatten, keine erhalten, weil, wie es schien der

Fischer für den ansehnlichen Pascha im Badehaus zu sehr beschäftigt

war; Hasselquist bestättigte durch seine eigne Beobachtung eine

Bemerkung die schon der alte, Jüdische Geschichtsschreiber Josephus

machte[153], daß sich in dem Wasser des Sees (und nach Josephus im

Quell von Capernaum) dieselben Formen der Fische finden wie im Nil

und dem See Mareotis. Wir sammleten am Ufer, an dessen seichteren

Stellen das Wasser von etwas salzigem Geschmack ist, die Schaalen

derselben Süßwasserschnecken die wir schon früher in der Nähe der

Jordansmündung und am todten Meere gefunden. Die freilich fast aller

ihrer vormaligen Zierden beraubte Pflanzenwelt um Tiberias bezeugt

es, daß die Ufer dieses Sees, wenn man sie nur recht benutzen wollte,

ein natürliches Treibhaus zu seyn vermöchten, in welchem die Gewächse

Aegyptens und selbst Arabiens gedeihen würden. Die Dattelpalme, obwohl

sehr vereinzelt, stehet eben so kräftig da wie um Akaba und Alexandria;

von dem Balsamstrauch, welchen der viel und glücklich forschende

Burkhardt hier antraf, konnten wir weder selber eine Spur finden noch

auch von Andren erfragen. Die tiefe Lage jedoch des Thales, noch

unter dem Meeresniveau; der Schutz, welchen ihm die hohen Gebirge in

Norden und Osten gegen die kältesten Winde gewähren, die Menge des

wärmeren Wassers, das sich nördlich von Tiberias in ganzen Bächen in

den See ergießt würde gewiß, einzelne Stellen wenigstens des Ufers,

für Anpflanzungen der Arabischen Amyris-Arten wie des Myrrhenstrauches

geschickt machen. Uebrigens soll der Winter auch in Tiberias zuweilen

kalte Stunden und Tage haben; doch gehört die Erscheinung des Schnees

unten am Ufer zu den großen Seltenheiten.

Wenn einmal künftig von diesem hehren Paradiese, über dessen stillen,

tiefen See ein Geist der himmlischen Gedanken und Erinnerungen schwebt,

während in seinem Wasser die erhaben schönste Natur ihr Angesicht

spiegelt, noch zwei Unheil drohende Wetterwolken: der Krieg und die

Pest werden hinweggezogen seyn, dann wird, bei der großen Erleichterung

der Meeresfahrten durch die Dampfschiffe, das Wasser der Heilquellen

dieses Sees ein Sammelplatz vieler Leidenden aus dem Abendlande

werden, die in der Heimath vergeblich nach Hülfe suchten. Denn es

ist nicht allein die eigenthümliche Kraft des Wassers der hießigen

heißen Quellen, deren Bestandtheile an jene des Carlsbades erinnern,

auch nicht bloß die hohe Temperatur desselben (48° Reaumur) was die

Heilung namentlich der Gicht und ähnlicher Krankheiten bewirken würde,

sondern vor allem die anhaltend hohe Temperatur der Tage und Nächte,

während einer langen Reihe der Tage und Monate. Und für den Christen

der sich der großen Vergangenheit dieser Gegenden erinnerte könnten die

Heilquellen am See Gennezareth ein Bethesda seyn, dessen Wasser ein

Engel anrührt und mit Kräften der oberen Welt erfüllt.

Herr Franz hatte es übernommen bis zum Bade hinzugehen und dasselbe

auch für uns zu betrachten. Er fand im Gefolge des Pascha's einen

jungen, Griechischen Arzt, welcher deutsch sprach, weil er seine

Studien zum Theil in Deutschland gemacht hatte. Ich bedauerte später

sehr diese Bekanntschaft versäumt zu haben. Das Wasser des Quells das

er mitbrachte enthält Salz, so wie hydrothionsaures Eisen. An dem Rande

der Quellen so wie am Boden der Gefäße setzt sich Schwefel so wie

Kalksinter, von Eisenoxyd roth gefärbt ab.

Ich stieg, von meinen Gefährten getrennt, noch allein am Fuße des

Uferabhanges hinan und genoß da der Aussicht nach dem See und den

gegenüberliegenden Gebirgen. Wie lieblich mag es sich einst dort auf

jenen grünen Hügeln gewohnt haben, da Sein Ruf ausgieng über Berg und

Thal, in alle umliegende Oerter, da Tausende kamen um Sein Wort zu

hören und Seine Thaten zu sehen: jene Thaten der Erbarmung welche

Blinden das Gesicht, Tauben das Gehör, den Lahmen die Kraft der

Bewegung, den leiblich wie geistig Toden das Leben wieder brachten.

Dort in Norden am See lag Capernaum, in welchem der Herr so oft und

lange verweilte, daß es seine Stadt hieß; nicht weit von da waren die

Orte der Geburt und des Wohnens von Petrus und Andreas, von Jacobus

und Johannes, wie von Maria der Magdalenerin. Welche andre Gegend der

Erde hat auf so kleinen Raum von wenig Stunden solche Früchte, nicht

nur für ~ein~ Land und ~ein~ Volk, sondern für ~alle~

Länder und Völker und Zeiten getragen. Wem schon bei dem Anblick von

Siena und dem Genuß seiner hehren Aussicht, wem in Assisi und Urbino,

oder in Präneste das Herz wärmer schlug, bei den Erinnerungen, welche,

wie Schmetterlinge an duftenden Blumen, an der Schönheit des Ortes

hafteten, was muß der fühlen bei dem Anblick des schönsten der Seen,

an welchem nicht Kräfte der gottbegeisterten Menschen, sondern der

Gottheit selber sichtbarlich sich ergiengen.

Der Heimweg führte mich nahe bei den Zelten der Mohamedanischen

Bewohner des zerstörten Tiberias vorbei, welche hier den Wiederaufbau

ihrer Häußer und Hütten abwarten. Ihre Feuer dampften, die Frauen

bereiteten die Abendkost, während die Männer, Tabak rauchend, da saßen.

Friede sey mit euren Zelten! und möge euch bald ein festerer Wohnsitz

des Friedens, der nie vergeht, noch auf Erden gegeben werden als Häußer

es sind, von Menschenhand erbaut. Und ihr dort, in den bretternen

Hütten, die ihr treu den Vorschriften der Väter, über den Schuttgräbern

der Stadt, wie auf Saphets und Jerusalems Trümmern und in Hebron[154]

zu Jehovah betet, daß der Trost Israëls zu euch komme, möge Er, der

Verheißene und Erbetene, der Aufgang aus der Höhe, euch bald besuchen.

An diesem Abend traf den größeren Theil unsrer kleinen

Reisegesellschaft das Loos eines allgemeinen, langen Herumirrens.

Die Mucker hatten mit uns ausgemacht daß sie nordwärts von der Stadt

einen Lagerplatz wählen und daß wir da uns treffen wollten. Wir

hatten versäumt uns näher nach diesem Punkte des Wiedervereinens zu

erkundigen, da wir es für unmöglich hielten denselben zu verfehlen, und

Fünfe von uns hatten, wie schon erwähnt, ihren Auslauf in südlicher

Richtung am See hinab genommen. Aber auch diese Fünfe hatten sich

vereinzelt und von einander zerstreut, denn H. Bernatz, der Maler

hatte sich einen Ruhepunkt gesucht um da Tiberias sammt seinem See zu

zeichnen; Herr Franz hatte die Sendung nach dem Badehaus des Ibrahim

Pascha übernommen, +Dr.+ Roth und +Dr.+ Erdl weilten am Ufer

des Sees, ich selber, nachdem ich kurze Zeit bei ihnen geblieben,

hatte mich weiter hinangezogen nach dem Bergabhange und nach seinem

zeolithhaltigen, basaltischen Gebilden. Die Sonne war schon längst

hinter die westlichen Gebirge hinabgegangen, die Höhen des Ostens

röthete der Abend, da ich am Thore vorüberkam und den Weg des Suchens

nach der Lagerstätte nordwärts von der Stadt antrat. Ich blickte rechts

und links vom Wege in jede Schlucht, an den meisten Stellen konnte man

den ganzen Abhang des Berges von seiner Höhe an bis zum Ufer des Sees

überblicken, und wo dieß nicht möglich war da suchte ich zur Rechten

oder zur Linken einen Standpunkt auf, der die freie Aussicht gewährte,

und nur unmittelbar an der Stadtmauer hatte ich dieses zu thun

versäumt. Der Abend dunkelte schon über das Thal und den See herein,

ich war weiter denn eine halbe Stunde Weges gegangen, hatte zuletzt

nach oben und nach unten die Schluchten durchkreuzt, da begegnete mir

der bei vielfältigen Gelegenheiten dieser Art hülfreich gewesene,

treue Bernatz der mich von seinem Felsensitze aus die Richtung gegen

Magdala hin hatte nehmen sehen und mehr um mich, als um den Lagerplatz

zu finden mir nachgeeilt war. Diese stille, redliche Seele hat, dieß

erfuhr ich öfter, die Gabe empfangen den rechten Weg zu finden. Er

führte mich, nachdem wir beide noch einmal, so viel die Dämmrung dieß

erlaubte, nach beiden Seiten die Gegend durchforscht hatten, zur Stadt

zurück, weil wir dort, wie er ganz richtig bemerkte am leichteren

den Lagerplatz von zehn Maulthieren und vor allen von einigen, jedem

Auge auffallend gekleideten, Europäischen Frauen erfahren würden. Er

hatte sich nicht geirrt. Ein Türke, der in der Nähe des Stadtthores

saß, zeigte uns einen steilen, ganz in der Nähe der Stadtmauern

hinabführenden Fußweg; kaum hatten wir den Felsenvorsprung erreicht,

der die freie Aussicht nach dem untren Theile des Abhanges und nach

dem See hemmte, da sahen wir zwischen dem Gebüsch, auf grünenden Rasen

unsre Maulthiere und die beiden Mitpilgerinnen. Für die andren noch in

der Irre gehenden Reisegefährten wurde nun sogleich besser gesorgt;

einer der trägen Mucker, die schon lange auf ihrem Lager ruheten,

mußte in Begleitung des Herrn Mühlenhof hinansteigen an die Anhöhe,

über welche der Weg führt, und auf das Nachforschen nach den Fehlenden

ausgehen und noch vor Einbruch der Nacht hatten wir die Freude uns Alle

wieder vereint zu sehen.

Diese Lagerstätte da, so schwer sie uns auch zu finden gewesen, war

freilich des Aufsuchens werth; sie war eine der schönsten die wir auf

der ganzen Reise getroffen. Zwar bot sie keine ebene, sondern eine

stark abwärts geneigte Fläche zum Liegen dar, denn die bequemste Stelle

des Ortes hatten bereits die Mucker mit ihren Maulthieren eingenommen.

Doch diese kleine Erschwerung für das Ausruhen des Rückens wurde

schnell und leicht vergessen, wenn das oft sich wieder öffnende Auge,

da jetzt der Mond über dem Gebirge aufgegangen war, an dem Anblick

des beleuchteten Seespiegels oder an dem Wipfel der Palme, den der

Nachtwind bewegte, ausruhete, und wie eine Stimme des Traumes das leise

Plätschern des Wassers sich vernehmen ließ. Zuletzt kam, mit dem Thau

der Nacht, der das Angesicht erfrischte, auch der erquickende Schlaf.

Ich erwachte (Montags am 24ten April) schon mit Anbruch des Tages. Ein

Vogel (der Stimme nach schien er eine Blaudrossel) sang auf den Zinnen

des benachbarten Thurmes sein Morgenlied, eine Sylvie mit leiseren

Tönen stimmte aus den Zweigen des Nebekbaumes in den Gesang ein, das

frische Wasser des Sees machte beim Waschen Augen wie Angesicht munter.

Der Himmel zeigte sich etwas getrübt, ohne jedoch mit Regen zu drohen,

ein mäßiger Wind aus Südwest bewegte die Fläche des Wassers. Mir war es

unmöglich die Vorbereitungen unsrer langsamen Mucker zur Weiterreise

abzuwarten; während diese ihren Thieren das Morgenfutter gaben machte

ich mich auf, um auf dem einsamen Wege am See hin mit meinen Gedanken

allein zu seyn.

Es war nicht der laute Morgengesang des einsamen Vogels auf dem Dache

der meine Brust wie die Sylvie in den Zweigen des Nebekbaumes zum

Mitsingen weckte; hier an diesem See wird in den Morgenstunden des

Tages der Gedanke des Herzens von selber zum Gesang; ein Lied des

Auferstehungsmorgens tönte von meinen Lippen; ich genoß fröhlich im

Geiste, wie ich es selten gewesen, eine Nachfeier des Osterfestes. Hier

an dem See bei Tiberias war es, wo sich (nach Johann. 21) Christus zum

dritten Male nach seiner Auferstehung seinen Jüngern offenbarte. Nach

der vergeblichen Arbeit der Nacht, da sie jetzt ihre Augen aufhuben,

siehe da stund Er, der Herr, am Ufer; sie aber wußten nicht daß es

Jesus war, bis Er sich ihnen kund gab durch die Wunderthat Seiner Hülfe

und Seines Erbarmens. Da erkannte ihn zuerst unter Allen der Jünger,

welchen Jesus lieb hatte, Petrus aber, den Andren voraneilend, gürtete

sein Gewand um sich und warf sich ins Meer. Und siehe, nicht nur das

Größere und Künftige allein, auch das Kleinere und Nähere hatte Er

bedacht, dessen vorsorgende Liebe eine höhere, inniglichere ist als

die der Mutter; die Jünger, da sie kamen und sahen fanden schon Kohlen

gelegt und Fische darauf und Brod; denn nicht nur der Geist sondern

auch der arme, bedürftige Leib sollte sich freuen der Nähe Gottes,

seines Heilandes. Vielleicht war es dann hier, gerade in dieser Bucht,

wo der Herr, der alle Dinge weiß, Petrum dreimal fragte, ob er ihn lieb

habe und ihm befahl zu weiden seine Schaafe wie seine Lämmer, zugleich

aber ihm verkündete das Loos jener Todesart, womit er einst, in seinen

späteren Tagen den Herrn preisen sollte. Die Worte: »folge mir nach«

die der Herr damals zu Petrus sprach, werden freilich das Herz jedes

Jüngers bewegen der die Geschichte der seligen Morgenstunden am See

Tiberias bei St. Johannes liest, der Lesende mag nun daheim oder in

der Fremde, in der Kammer des Daches oder auf dem Felde seyn. Dennoch

schien es mir als gäbe das Verweilen hier an dem Orte der Erscheinung

selber und der Anblick des hehren Sees den lieben Worten: »folge mir

nach« noch eine ganz besondre Kraft. Das träge Herz des alten Pilgrims

fühlte sich mächtiger als sonst durch das Wort gezogen; es hätte, wie

der Lieblingsjünger, der dem Zuge der Liebe, seinem Herrn zu folgen,

nicht widerstehen konnte, Ihm nachgehen mögen, wohin Er auch führte.

Mit der Erinnerung an den Morgen des Wiedersehens beim See Tiberias

erwachte an dieser Stätte noch eine andre. Dort, jenseits der Bucht

in die der Bach von Hottein sich ergießt, liegt Magdala, aus welcher

sie stammete, die Maria, welche erst eine tief im Elend Gebeugte,

dann eine reich Begnadigte und Erhöhete war[155]. Auch Sie hatte in

der Angst ihrer Seele Ihn kennen gelernt, ihren Heiland, als einen

Herrn der da hilft und der vom Tode errettet, und mit der dankbaren

Liebe war ihr eine Treue ins Herz gegeben, welche nicht mehr von Ihm

lassen wollte; welche bei Ihm blieb unter dem Kreuz, in den Schmerzen

des Todes und am Dunkel das Grabes. Darum geschahe es ihr, daß Er,

da sie mit schmerzlichem Sehnen nicht abließ selbst bei den Todten

ihn zu suchen, sie zuerst unter Allen bei ihrem Namen rief, und daß

sie Ihn sahe mit ihren Augen, Ihn, welcher todt war und siehe Er ist

lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. -- Ja auch hier, am See Genezareth,

in der einsamen Felsenbucht lautete das deutsche Osterlied: »Preis dem

Todesüberwinder« mit seiner Melodie der Triumphgesänge wohl und stimmte

das Herz freudig.

Ich war auf meinem Wege am See hin oft stehen geblieben, dann wieder

mit eiligem Schritte vorwärts gegangen; an einer jener Stellen bei

der ich schnell durch das Gebüsch und hohe Gras dringen wollte,

wurde mein Fuß bewahrt daß ich nicht in eine Art von Cisterne oder

unterirdische Felsenkammer fiel, deren Anblick mich damals in den

Stunden der freudigen Aufregung nicht erschreckte, später aber in der

lebhaften Erinnerung oft schaudern machte. Denn welcher Mensch würde

den Halbzerschmetterten da unten gesucht und gefunden haben.

Schon aus einiger Entfernung fiel mir, da ich jetzt näher kam an die

Bucht von Szermedein, bei welcher ein Bach von warmen Wasser in den

See fällt, unten am Ufer und am Abhang des Hügels ein rosenfarbiger

Schimmer ins Auge; es war ein Wald oder vielmehr Buschwerk von

blühendem Oleander. Ich habe an diesem schönen Gewächs, welches

Hasselquist für den Baum, gepflanzt an den Wasserbächen hält, von

welchem die heilige Schrift redet[156], immer ein Wohlgefallen gehabt;

eine solche Lust der Augen, wie hier am Tiberiassee hatte mir aber

dasselbe noch niemals gewährt. Wenn man aber auch in der günstigsten

Zeit des Jahres, wo selbst in unsrer Heimath dieser schöne Fremdling

seine rosenfarbigen Blüthen aufthut, alle Oleanderbäume der Gärten

und Häußer einer unsrer größesten, blumenliebenden Städte an einem

gemeinsamen Orte zusammenstellen wollte, sie würden keinen solchen weit

ausgebreiteten Teppich bilden als diese Gebüsche am Genezarethsee, die

wie ein Morgenroth der Tiefe über Thal und Hügel sich hinwegziehen.

Ich hatte beide Hände voller Blüthensträuße, die ich wie einen

Festtagsschmuck mit mir nahm.

Der starke Bach von warmen Wasser, von welchem ich schon vorhin sprach,

kommt, in einem Abstand von etwa einer halben Stunde von Tiberias, aus

einer Felsenhöhle hervor, und ist da wo er herauskommt in ein Gemäuer

gefaßt, welches von alter Bauart zu seyn scheint. Ich hatte kein

Thermometer bei mir; dem Gefühle nach schien mir die Wärme des Wassers

mehrere zwanzig Grad Reaumur zu seyn; dasselbe schmeckte ziemlich stark

nach Eisen mit nur weniger Beimischung von Salz. Da wo die Grotte sich

öffnet, aus welcher der Bach mit lautem Rauschen herausstürzt, öffnet

sich von Westen herab ein Thal, dessen Wände Kalkstein sind. Nahe

dabei, am Seeufer, stehen einige ärmliche Hütten. Ich gieng jetzt durch

das dichte Gebüsch, aus welchem Nebekbäume sich erheben, hinan zum Wege

der Maulthiere, auf welchem meine Reisegefährten kommen mußten. Auf

einem Felsenhügel, jenseit des Thales, der eine weite Aussicht über

den Weg von Tiberias her gewährte, setzte ich mich nieder um hier die

Freunde zu erwarten, denn der Tag, obgleich der Himmel bedeckt war,

fieng an heiß zu werden durch den Wind aus Süden. Von den Felsen wie

aus dem Gebüsch ließ sich die Stimme der wilden Tauben vernehmen, die

in ganzen Schaaren an mir vorüberflogen. Mir war inniglich wohl und

still zu Muthe.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 17 / 41 段