Deutlicher noch als Akka oder Ptolemais liegen, vom Kloster des Carmel

aus die imposanten Ruinen von Atlit, dem christlichen Pilgerkastell

vor Augen. Diese Burg war schon in den ersten Zeiten der christlichen

Herrschaft in Palästina, auf einem zwischen Kaipha und Cäsarea gelegnem

Vorgebirge, zum Schutz und Dienst der Pilgrime angelegt worden; die

Tempelritter hatten darauf den verfallenen Bau im Jahre 1218 wieder

erneut, ihn mit festen Mauern und Thürmen umgeben und aufs Tapferste

vertheidigt. Atlit nebst Tortosa waren auch später, selbst nach dem

Verlust von Ptolemais die beiden letzten Punkte an denen sich das

Panier des Kreuzes gegen die Uebermacht der Feinde noch aufrecht

erhielt. Doch nur kurze Zeit dauerte dieser letzte Todeskampf der

Tapferkeit, denn schon zehn Wochen nach dem Untergang von Akka (am

30sten Juli 1291) ward Atlit, etliche Tage nachher auch Tortosa von

dem Häuflein seiner Vertheidiger verlassen, von Aschrafs Schaaren

eingenommen und zerstört. Wie ein Heldenleichnam mit zerhauener Rüstung

liegt die edle Burg auf ihrem Meeresfelsen da. Einsame Pilger und

Seefahrer, wenn sie vom Sturm an diese grünende Küste verschlagen in

der Nähe der Ruinen übernachten, vernehmen, wie die Sage des Landes

will, das Rauschen des Windes in dem zerrissenen Gemäuer wie ein Geheul

oder wie Töne der Todtenklage. Und obgleich das Ohr ähnliche Töne bei

mancher alten Bergruine hören würde, wenn der Sturm in hiezu günstiger

Richtung durch die Spalten der Mauern streicht, so hat dennoch das Lied

der Klage gerade an diese Gegend hin ein größeres Heimathsrecht als an

die meisten andern Gegenden der Erde; denn der Carmel setzet diesseits

wie jenseits seinen Fuß in Ebenen, da schon manches menschlich

Hochanstrebende heruntergesunken ist zur Gleichheit des Bodens aus dem

es erwachsen war. Nennt uns doch das Wort eines Sehers der göttlichen

Rathschlüsse, eben so wie die Geschichte jenes frommen Königes, in

dessen Geist noch einmal, zuletzt, die geistige Herrlichkeit des

sichtbaren Königreiches David sich kund that, das Gefilde Megiddo, am

Fuße des Carmel so wie Hadad Rimmon als einen vorbildlichen Ort, selbst

jener seligen, heilbringenden Klage, die einst in der Stadt der Städte

erwachen soll[138]. Ja der Berg von Mageddon oder Megiddo, Harmageddon

(der Carmel) soll in der Zeiten fernkünftiger noch einmal ein Ort

der Entscheidung werden, bei deren plötzlichem, unvorhergesehenem

Hereinbrechen es gut seyn wird, daß Jeder seine Kleider -- das was er

empfieng und hat, fest halte[139]. So vermag der Pilgrim die schönen

Fruchtgefilde des Carmel nicht zu betrachten, und, so leiblich wohl

es ihm hier geworden, sie nicht zu verlassen, ohne einen Stachel der

wehmüthig ernsten Erinnerungen in seinem Herzen mit hiwegzutragen,

welcher zum Eilen auf dem Wege antreibt.

Der gute, geistvolle Padre Matteo, den Gott noch lange als eine

Zierde seines Klosters erhalten möge, war schon gegen sieben Uhr am

Morgen, ganz allein (so groß ist jetzt die Sicherheit des Landes)

auf seinem treuen Rößlein, statt des Schirmes der Waffen nur unter

dem des breitkrempigen Strohhutes gegen die Sonne, mit einem andren,

beßren Schirm aber in seinem Herzen fortgeritten nach Beiruth. Auch

wir nahmen, eine halbe Stunde nachher von den freundlichen Vätern des

Klosters Abschied. Wir verweilten diesmal nicht in dem schmutzigen

Kaipha, sondern genossen nur wieder in Geita, das uns von der Herreise

bekannt war, etwas Milch. In dem grünenden Gefilde wie in dem Engthale

gegen St. Jacob (Japhia) hinauf ergötzte sich unser Auge, das für Dinge

dieser Art vorzüglich empfänglich ist, an dem Anblick der zahllosen

Schaaren der jungen Immenvögel (+Merops apiaster+), welche, wie

es schien, seit wenig Tagen das Nest in den Felsenlöchern verlassen

hatten und nun laut jubelnd über uns hinflogen, während das grüne und

goldgelbe Gefieder dieser Paradiesesvögel des Westens im Strahl der

Sonne prachtvoll erglänzte. Bald nach fünf Uhr am Abend (nach etwa

9¹⁄₂ Stunden vom Ausritt am Morgen) kamen wir nach Nazareth zurück,

das uns zwar nicht jene Fülle der Europäischen Bequemlichkeiten,

wie das Kloster am Carmel, wohl aber eine noch erquicklichere und

friedlichere der Erinnerungen darbot.

Der 22ste April, ein Sonnabend, war in ausschließenderem Maße für den

Genuß dieser Erinnerungen bestimmt. Ich brachte, in Gesellschaft meiner

Hausfrau die Morgenstunden zuerst am Brunnen der Maria dann aber bei

den Höhlengräbern, gegenüber dem Hauße des Joseph zu, wo die Blüthen

der Granatbäume so eben ihren Purpurmantel über den goldnen Unterkleid

aufthaten und das bleichere Roth des Haleppinischen Cyclamen die

Abhänge der Felsen zierte. War nicht vielleicht hier diese Stätte des

Ernstes ein Lieblingsort des Verweilens Dessen, Dem das ernsteste Werk

des Menschenlebens oblag?

Die Kirche von Nazareth ist zugleich, außer den Zügen ihrer Geschichte,

welche nur vom Leben reden, eine Grabstätte manches trefflichen Helden.

Unter ihnen nennen wir nur den edlen Ritter Hugo von Tiberias, der,

ein Tod der Heiden, denen er Angesicht gegen Angesicht begegnete, bei

Cäsarea Philippi, als er dort ohne Panzer ritt, von einem Pfeil der

Sarazenen von hinten getroffen und getödtet ward. Auch ist hier das

Grab jener Erstlinge unter den heldenmüthigen Schlachtopfern des Jahres

1187, deren verstümmelte Leichname man am 1ten Mai, »an den man sonst

Rosen sammlet« vom Schlachtfelde in der Nähe des Thabor aufhub und

hier in der Marienkirche beisetzte. Am Nachmittag genossen wir noch,

auf einer der Höhen des Thalkessels, der an der Nordwestseite Nazareth

umgürtet, einer Aussicht, die bis über den Spiegel des Mittelmeeres

reichte.

Reise von Nazareth nach Damaskus.

Sonntags den 23sten April verließen wir die Friedensstätte die uns

auf einige Tage so vielfältig erfreut und erquickt hatte. Der Weg

führte uns rechts, am Griechischen Kloster vorbei, an dem Gebirge des

Kreidekalkes hinan, auf dessen Höhe der schneebedeckte Gipfel des

Antilibanon in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen wird. Hinabwärts, auf

der Nordostseite des Berges bleibt ein schmales, grünendes Wiesenthal

dem Weg zur Linken. Nach drei Viertelstunden, seit dem Aufbruche aus

Nazareth kamen wir an dem, von dem letzten Erdbeben ganz zerstörten

Raïneh vorüber, bald hernach tief hinab, auf einem beschwerlichen,

steinigen Wege, an den Hügel von Cana (in Galiläa) an dessen Fuße ein

schöner, von Gemäuer umfaßter reichlicher Quellbrunnen sein Gewässer

ergießt. Frauen und Mädchen waren hier mit dem Waschen von Gewändern

beschäftigt; weiter hinan am Hügel, im Dorfe selber, herrschte

sonntägliche Stille, denn wenn auch der dort wohnende Mensch nicht

freiwillig sich und seinem Lande die Ruhe gönnen wollte, so hatte ihm

dieselbe dennoch das Erdbeben aufgedrungen, das auch hier, obwohl

nicht so allgemein als in Raïneh, ein Brachfeld der Ruinen aus den

Menschenwohnungen gemacht hatte. Dennoch, wie ein Vater, der alle seine

Kinder und Enkel überlebte, wohnt noch im Munde des hiesigen Volkes

die Erinnerung an jene, wenn auch nicht höchste, doch dem Herzen des

hilfebedürftigen Pilgrims in der täglichen Noth des Lebens so nahe

tretende That des Herrn, durch welche die Hochzeit zu Cana verherrlicht

ward. Die Kunde der dort verweilenden Christen wollte noch, unter den

Ruinen, die Stätte des Haußes bezeichnen, in welchem der Herr, durch

seine Gegenwart ein Fest der Erdenfreuden mit einer Vorahndung der

Kräfte der Himmelsfreuden durchstrahlte.

Jenseits Cana wendet sich der Weg nach dem Tiberiassee in ein breites

Thal, dessen Bergwände zur Rechten wie zur Linken aus Kreidekalk

gebildet sind, während sich in seiner Mitte an vielen Stellen der

Basalt, in kleine Säulen gesondert, zeigt. In dem Kalkgebirge sieht

man von Zeit zu Zeit natürliche, auch wohl durch Menschenhand

erweiterte Grotten. Das grünende Gefilde, das noch jetzt ohne Pflege

der Menschenhand, ein Feld der verwilderten Waizenähren, freilich

untermischt mit zahllosen Disteln ist, wird von der christlichen Sage

als jenes erkannt und verehrt, auf welchem die Jünger am Sabbath

Aehren rauften und ihr Korn zur Stillung des Hungers genossen[140]. An

einigen Stellen des Weges sieht man den herrlichen Thabor, der sich

hier ansehnlich als mächtiger Selbstherrscher über die Ebene erhebt.

Nahe zur Linken des Weges stehet der seltsam tafelförmig geformte Berg

der Seligkeiten, mit seinen beiden aufwärts gebognen Enden, wie der

kleine Thron eines Mächtigen da, dessen Fußschemel der Erde Feste ist.

In ihm verehrt die christliche Kunde des Landes jene Stätte, da der

Herr zu dem vielen Volke, das ihm aus Galiläa, aus den zehn Städten,

von Jerusalem und dem Jüdischen Lande, so wie aus den Gegenden jenseit

des Jordans nachgefolgt war von den Seligkeiten sprach, welche den

geistlich Armen, den hienieden Leid tragenden, den nach Gerechtigkeit

dürstenden, den Barmherzigen und Friedfertigen, denen die reines

Herzens sind und welche um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden in

der Ewigkeit der Ewigkeiten aufbehalten sind[141].

Vielleicht daß Viele jener Leidtragenden, welche dort, am Fuße des

Berges der Seligkeiten, am 4ten Juli 1187 das Loos traf, daß sie in der

Schlacht von Hittin die Hoffnungen ihres scheinbar so wohl begründeten

Christenglaubens zu Schanden werden und den Trost ihrer Augen dahin

schwinden sahen, jener unvergänglichere, fester stehende Trost ergriff,

den die Predigt vom Berge ihren Hörern gab. Wenn man übrigens die Angst

und Schrecknisse recht erkennen will, welche hier, auf der Ebene von

Hittin, mächtiger noch und furchtbarer als die Geschosse und Waffen

der Feinde auf das Heer der Christen eindrangen, dann muß man selber

diese Gegend, in der Zeit des Sommers besucht haben. Wir, schon heute,

am 23sten April fanden die Hitze in der Vormittagsstunde auf der Ebene

diesseits Hittin fast unerträglich. Clarke, der im Juli da vorbeikam,

beobachtete selbst im Schatten eine Wärme von 100 Grad Fahrenheit (30°

R.), so daß der sonst so unermüdliche Sammler sich zu jeder kleinen

Bewegung verdrossen und wie gelähmt fühlte. Und hier auf diesem

schattenlosen Felde war es wo in der heißesten Zeit des Jahres (am 4ten

und 5ten Juli 1187) das Heer der christlichen Streiter in dem heißen

Kampf mit Saladin unterlag.

Und doch war es nicht die Gluth der Sommersonne, es war nicht

die Qual des Durstes und des Hungers oder die Ueberlegenheit des

feindlichen Heeres was bei den Hörnern von Hittin[142] die Macht des

christlichen Königreiches auf immer zerbrach, sondern jenen Kämpfern

kam die Stunde des Unterganges, wie Wilhelm von Tyrus schon bei dem

ersten, von ihm richtig erkannten Vorzeichen des nahen Unglückes,

bei der Niederlage an der Jordansbrücke und der Zerstörung der dort

gelegnen Burg durch Saladin (im Spätjahr 1187) sagt, »weil der Herr

ihr Gott von ihnen gewichen war«[143]. Hatte doch schon damals der

gewöhnlichste, mächtigste Verderber der Menschen und Völker: der Geiz

das wohlgerüstete Heer der Pullanen in das Netz der Feinde und des

Todes geführt, denn das was die Ordnung des Heeres aufgelöst hatte war

abermals nur die Begier nach der Beute gewesen, welche die einzelnen,

flüchtigen Schaaren der Türken von sich warfen. Geiz war es und mit ihm

der andre mächtige Verderber der Völker, der selbstsüchtige Hochmuth

durch welchen der Knecht des Verderbens, der damalige Großmeister

der Templer, Odo von St. Amand sich versündigte. Zwar er selber, der

Stifter dieses Elendes, ward an jenem Tage gefangen und starb bald

nachher, von Keinem der ihn kannte betrauert in den Banden[144]; die

Blüthe seiner Ritterschaft mußte die Schuld des Meisters durch den

Tod bei der feindlichen Eroberung der Jordansveste büßen, aber dieser

Verlust an Heldenblut hatte den sonst so kräftigen, edlen Körper jenes

Ritterordens nur geschwächt, nicht, so scheint es, ihn gebessert. Denn

sprach nicht selbst ein Tempelritter aus edlem Geschlecht (Robert von

St. Alban) noch im Jahr des großen Unglückes (1187) durch seinen Abfall

vom Christenthum es aus, daß das äußre Zeichen des Kreuzes nicht vor

der innren Feindschaft gegen das Kreuz schütze; war es nicht abermals

das hochmüthige Selbstvertrauen eines starrsinnigen Großmeisters

der Templer, des Gerhard von Betford, welcher den Untergang seiner

Glaubensgenossen herbeiführte und beschleunigte? Denn dieser große

Meister in unheilbringenden Werken, dessen Ohr für jeden vernünftigen

Rath taub war, hatte schon am ersten Mai hundert und vierzig Ritter

und fünfhundert Fußknechte durch seinen unverständigen, planlosen

Kampf gegen die Uebermacht der Heiden, im Gefilde Esdrälon auf die

Schlachtbank geführt. Das Fußvolk, dem der Großmeister durch übereiltes

Voraneilen den Schutz der Ritter entzogen, war zuerst dem Schwert und

den Keulen der Feinde erlegen, die Ritter selber durch ihren Führer in

einen engen Raum gerathen an dem sie weder gegen die Türken anrennen

noch ihre Lanzen anlegen konnten. Da geschahe es daß diese Löwen im

Kampfe, welche, mit Ausnahme des Großmeisters, der in Gesellschaft nur

dreier Templer die Flucht ergriff, Alle die Siegespalme der Martyrer

dem schimpflichen Loos des Entfliehens vorzogen, zuletzt den leichten

Waffen der Feinde unterlagen, welche andre Male gleich Binsen vor

ihrem Schwert zersplittert waren. Unter den Gewaltigen, die an jenem

unglücklichen Tage fielen, war der edle Großmeister der Hospitaliter,

Roger du Moulin, vor allem aber der Schrecken aller Heidenschaaren,

der weiße Ritter Jacob von Mailly (aus Tours). Die Kraft dieses Mannes

erschien den Heiden als eine so wunderbare und übermenschliche, daß

sie zuletzt den noch in seinen Todeswunden Kämpfenden nicht mehr

zu nahen wagten, sondern nur aus der Ferne, wie einen belagerten

Thurm, durch steinerne Geschosse ihn zerschmetterten, ja daß sie

selbst den blutgemischten Staub von seinem Leichnam auf ihren Nacken

legten, um hierdurch, wie sie wähnten, Kräfte dieses Helden an sich

zu ziehen[145]. Aehnliche Wunder der Tapferkeit hatte der Mitkämpfer

des weißen Ritters, Heinrich der Hospitaliter noch im Sterben gethan.

Er selber, der Anstifter dieses Unglücks, Gerhard von Betford war

erhalten worden, damit er nicht bloß wie am ersten Mai hundert und

vierzig, sondern fast die ganze edle Ritterschaft des heiligen Landes,

zweitausend an der Zahl mit ihren achtzehntausend Lanzenknechten und

einem ganzen Heer der Bogenschützen und leichten Reiter in die Hand

der Feinde geben sollte. Denn er vor allem war es, welcher den zum

Unglück gebornen König Veit (Guido), gegen den Rath aller verständiger

und landeskundiger Ritter überredete, die feste, glücklich gewählte

Stellung bei Sephoria zu verlassen und in solcher Jahreszeit hieher

zu ziehen auf das wasserlose Steinfeld bei Hittin. Als sich da am

vierten Juli in der Nacht das schon von der Hitze des Tages und durch

den beständigen Andrang der Feinde, so wie durch das Entbehren aller

leiblichen Erquickung gelähmte Heer auf der dürren Höhe eines felsigen

und unwegsamen Berges gelagert hatte, da blieben zwar Alle in den

Waffen, weil sie in jedem Augenblick den Angriff der Feinde erwarteten,

nur Wenige aber waren noch vermögend auch nur vom Boden sich zu

erheben. Die Qual dieser Nacht, welche für den größesten Theil der

Kämpfer die letzte ihres Lebens war, wurde auch noch dadurch vermehrt,

daß die Türken aus Stroh und zusammengerafftem Gesträuch rings um die

eng zusammengedrängte Schaar der Christen Feuer entzündeten deren

Rauch und glühend heißer Dampf die Unsrigen fast erstickte. Auch am

Morgen des entscheidenden Schlachttages hatten die ermatteten Streiter

statt der Feinde, welche, um die schweren Reiter und ihre vom Durst

fast gelähmten Rosse noch mehr zu entkräften, dem Kampfe beständig

auswichen, nur diese Feuer von angezündetem Stroh neben sich, deren

Gluth und Rauch der Wind ihnen ins Gesicht trieb. Da erlag endlich,

nachdem das Fußvolk zu seinem eignen Verderben sich auf die Höhe eines

Berges zusammengedrängt hatte, die so oft siegreich gewesene Kraft

der christlichen Ritterschaaren, nur Raimund von Tripolis mit wenig

Andern entgieng dem Verderben, die andren Alle, wie edle Hirsche die

man matt zum Tode gehetzt, wurden von dem Schlachtmesser der Feinde

gefällt oder von diesen gefangen. Zum letzten Male hatten an diesem

Tage die Christen unter dem Panier des heiligen Kreuzes gekämpft,

das in so mancher Schlacht sie zu Wundern des gläubigen Heldenmuthes

begeisterte. Der Bischof von Ptolemais, dem der unwürdige Heraklias

der damals zum Verderben des Christenglaubens den Patriarchenstuhl von

Jerusalem besaß[146], statt seiner zum Träger des Kreuzholzes ernannt

hatte, sank, von einem feindlichen Pfeil getroffen und übergab sterbend

das Heiligthum dem Bischof von Lidda, dem jedoch auch im Gedräng der

Schlacht es entrissen und seitdem nie wieder aufgefunden wurde. Das

bedauernswerthe Heer hatte schon längst jene innre Macht des Glaubens

verloren, welche dem Gebet vor jenem heiligen Kreuze seine siegreiche

Kraft gab, darum war der äußre Verlust nur eine Folge des innren und

jener war nicht der größere von beiden.

Dort im Anblick des Tiberiassees und der Berge von Gilead war damals

der Macht der Christen im Orient die tiefe Wunde geschlagen, welche

fortan kein Balsam aus Gilead zu heilen vermochte. Er selber, der

rathlose König Veit von Jerusalem, mit ihm der größte Theil der

Fürsten und Herren seines Reiches waren in die Gefangenschaft des

Feindes gefallen, die Ritterschaft lag erschlagen oder theilte das

gleiche Loos. Hierbei erwachte dennoch in den gefangenen Templern

und Hospitalitern als man sie, weil sie selber dem Feinde niemals

Pardon gaben, zum Tode führte, die Flamme des Heldenglaubens, denn

sie drängten sich freudig, wie zu einem Siegesmahle, zum Tode, und

die fromme Sage des Landes bemerkte selbst noch an den Leichnamen

dieser Martyrer wundervolle Zeichen einer göttlichen Beachtung[147].

Ein Göttliches jedoch von andrer Art als wohl in den meisten der

erschlagenen oder gefangenen Christen that sich an jenem Helden

kund, der zum Werkzeug des großen Zorngerichtes ausersehen, an der

Spitze der Feinde stund: an Saladin. Dieser, wie dieß selbst die

Christen bezeugten, überhub sich nicht, wie dieß so oft von ihren

Heerführern geschehen, seines Sieges, sondern da er die große Menge

der erschlagenen und gefangenen Christen erblickte, gab er, mit

betend emporgehobenen Händen Gott die Ehre, dessen Furcht in seinem

Herzen war. Denn daß dieses so sey, bezeugte der Held durch seine

Freundlichkeit und Milde gegen die meisten der Gefangenen, unter

denen nur den Rainald von Chatillon für seinen treulosen Bruch des

Waffenstillstandes die wohlverdiente Rache traf. In der That es

widerfuhr wenigstens bei dem Unterliegen unter Saladins Waffen der

Christenheit des Morgenlandes das, was jene Könige der Amoriter, Sebah

und Zalmuna von Gideon sich erbeten[148]; der welcher sie darnieder

schlug war kein schwacher Knabe, sondern ein rechter Mann, dem das

Schwert wie das Scepter wohl anstunden. Du aber, du Schaar der Jünger

Dessen der das Schwert nicht auszuziehen, sondern einzustecken befahl,

der selbst den Thaten des tödlichsten Hasses, welche der Feind übte,

nur mit Werken der Segnungen entgegentrat und dasselbe zu thun auch

den Seinen befahl[149]; du wirst niemals durch eiserne noch bleierne

Waffen das Reich deines Herrn vermehren oder seinem Namen Siege

erwerben. Sieger aber wirst du allezeit seyn, und das Feld behalten,

wenn du, statt der eisernen oder stählernen Kampfgeräthe dich anthust

mit dem Harnisch des Glaubens und der Liebe, mit dem Leben der

Hoffnung zur Seligkeit, umgürtet an den Lenden mit Wahrheit[150]. Wie

konnten selbst diese Könige der Pullanen dem Glauben, dessen Namen sie

führten, Achtung erwerben und wie mußten sie in den Augen der Heiden

im Vergleich mit Männern aus ihrer Mitte, wie der wahrheitliebende

Saladin war, erscheinen, wenn sie heute in der Stunde der Noth die

heiligsten Eide schwuren, morgen aber, statt lieber gleich Regulus in

die Gefangenschaft zurückzugehen, von ihren Priestern sich dieser Eide

entbinden ließen, und so jedes Wort, das ein Christ spricht, der Lüge

verdächtig machten[151].

In mehr als einem Sinne war es uns dort auf der Ebene bei Hittin heiß

und beklommen zu Muthe geworden; es that uns wohl, da wir jetzt den

Abhang der Ebene erreichten, von welchem das Auge ungehemmt hinabblickt

nach dem See von Tiberias und seinen grünenden Uferbergen. Auf eine

unerwartete Weise sieht man hier, mitten in der Ebene von so geringer

Erhebung über dem Meere eine Tiefe sich öffnen, die dem Wandrer einen

Fernanblick auf den See, wie von einem hohen Gebirge vorspiegelt.

Jene Reisenden aber, welche dieser Täuschung des Auges vertrauend den

unvergleichlichen Tiberiassee als einen See der Hochalpen beschrieben,

hatten es außer Acht gelassen daß die Höhe seiner Randberge diesen

nicht für sich selber, sondern nur im Vergleich mit der tiefen,

außerordentlichen Senkung seines Wasserspiegel zukomme. Denn der

von der Ebene etwas ansteigende Rand der Höhen, welche gegen Cana

und Nazareth hin den Kessel des Sees umgränzen, liegt nach unsren

barometrischen Messungen nur 504 Par. Fuß über, der See selber aber 535

Fuß unter dem Niveau des Meeres, so daß allerdings die Höhe von der man

hinabblickt über 1000 Fuß misset.

In jener Mittagsstunde in welcher wir über den grünenden Abhang

hinabstiegen nach dem herrlichen See, von welchem, wenn man ihn einmal

vor sich hat, es nicht möglich ist das Auge wieder hinwegzuwenden,

dachten wir nicht an solche geographische Vergleiche und Erörterungen;

der Ostwind, der vom Gebirge jenseits des Sees kam, wehete uns mit

erfrischender Kraft an; Gedanken des Friedens und der Sabbathsstille,

wie sie heute, am Tage des Herrn, in der Seele erwachen, die in dem

Heiligthum Seines Tempels Sein gedachte, kamen uns hier wie Boten aus

der Höhe entgegen. Die fromme Sage der hiesigen Christen will, daß hier

an diesem grasreichen Abhange die Stätte sey, da Christus der Herr mit

wenigen Broden und Fischlein die hungernden Tausende speiste. Sollte

diese Stätte, wie dieß v. Raumer aus den Worten der Schrift selber

gezeigt hat, auch nicht hier, sondern am jenseitigen Abhange der Berge

zu suchen seyn, gewißlich ist und bleibt dieser See und seine ganze

Umgegend, auf jedem Schritte den der Pilger thut, bei jedem Blicke den

er auf sie richtet, eine Gedenkstätte der vielen, großen Wunder des

Erbarmens. Und wenn auch nicht unmittelbar der Leib, so wurde doch hier

in der Kraft der Erinnerungen der Geist, so wie durch ihn der Leib

erquickt und gestärkt durch jene innre Speise, die aus dem Worte kommt.

Ja, wie es in dem alten Liede: »Wie wohl ist mir o Freund der Seelen,«

das Einige von uns beim Hinuntersteigen über den balsamisch duftenden

Wiesengrund sangen, heißet: »Du bist mein Himmel schon auf Erden, wer

sollte nicht vergnüget werden, der in Dir findet Ruh und Lust.«

Die Pflanzenwelt ist am oberen Theile des Abhanges im Ganzen noch

dieselbe, die sich in der Ebene um Nazareth und am Fuß des Carmel

zeigt; tiefer hinab bemerkten wir Formen, die der Umgegend von Jericho

und dem unteren Jordan eigenthümlich sind. Auf der Oberfläche des

Berges erscheint öfters Basalt von kuglicher Absondrung.

Die Meisten von uns waren von den Maulthieren abgestiegen, denn der

Abhang ist sehr steil, und das Hinabsteigen bis zum Ufer des Sees

dauerte eine ganze Stunde. Da lag denn, unmittelbar vor uns, das

vormals so herrliche Tiberias, als ein Gehäufe der Trümmer, gräßlich

anzusehen. Das Erdbeben, am ersten Tage des Jahres hatte die Häußer

wie die Hütten der Bewohner alle einander gleich gemacht; Hohes wie

Niedriges lag, von gelblichem Staube bedeckt, zusammengestürzt.

Doch hatte sich noch der größere Theil der Ringmauern mit ihren

Thürmen, sowie die Hauptmauern des Kastelles aufrecht stehend, wenn

auch vielfach zerrissen, erhalten. Sie sind das Werk einer kräftiger

bauenden Zeit; vielleicht noch der Tage Gottfrieds von Bouillon, der im

Jahr 1109 die Mauern von Tiberias errichtete. Ein Zug von Kamelen, der,

wie es schien mit Baumaterial beladen zur Stadt geführt wurde, wollte

durchaus nicht neben den Ruinen der äußren Häußer vorbei, zum Thore

hineingehen. Die Türkischen Bewohner der Stadt hatten seit den Tagen

des Schreckens ihre Behaußung in Zelten, außen vor der Westseite der

Stadt aufgeschlagen, einer unsrer Mucker versprach uns dennoch, mitten

unter den Schutthaufen der gewesenen Stadt Lebensmittel und Obdach zu

verschaffen, bei den hiesigen Israëliten, welche den ihnen vielfach

heiligen Boden von Tiberias nicht verlassen hatten, sondern da über dem

Schutte, unter welchem viele der Ihrigen vom Erdbeben begraben lagen,

leicht gebaute, bretterne Hütten bewohnten.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 16 / 41 段