Es sollte in diesem Lande jeder Tag für uns ein neues Fest werden,

auch der Donnerstag (20ste April), an welchem wir die Reise nach

dem majestätischen Carmel antraten, ward uns ein solches Fest. Wir

verließen Nazareth eine halbe Stunde nach sechs Uhr, unser Führer war

heute der freundliche Pater Giulio, ein Italiener. Der Weg führte uns

an dem Abhange des Bergkessels, der das Thal von Nazareth im Westen

umschließet, hinan; nach einer halben Stunde öffnete sich uns die

herrliche Aussicht in ein andres Thal, in dem wir das, mitten unter

seinen Ruinen noch sehr stattlich erscheinende Japhia (Japha) zu

unsrer Linken erblickten, bei welchem einzelne Palmen sich erheben.

Die hiesigen Christen nennen es St. Giacomo (St. Jacob) weil nach der

unter ihnen herrschenden Sage hier der Apostel Jacobus geboren ward.

Japhia war noch in den letzten Zeiten des jüdischen Reiches ein so

ansehnlicher Ort, daß Josephus der Historiker und Feldherr mit Sorgfalt

auf seine Befestigung Bedacht nahm und daß bei der Eroberung der

Stadt unter Vespasian 15000 Juden, als Vertheidiger derselben ihren

Tod fanden. Näher nach unserm Weg heran zeigte sich ein Dörflein das

unser Führer uns Makbey benannte (wahrscheinlich Magidel). Von dem

nordwestlichen Bergrand dieses Thales, an welchem er sich hinzieht,

steigt der Weg auf eine noch bedeutendere Höhe hinan als die zwischen

Nazareth und St. Jacob gelegene ist; nach unsern barometrischen

Messungen erreicht dieselbe an dem Punkte den der Weg berührt 1500

Fuß über dem Meeresspiegel. Von hier an ritten wir in ein enges Thal

hinab, dessen Bergabhänge von Gebüsch und Bäumen bekleidet waren,

dessen Grund voll der mannichfaltigsten Gewächse grünte und blühete.

Auf dieser zeigten sich (vor allem auf den Blüthen des +Carduus

leucographus+) die smaragdgrünen Cetonien mit gluthrothem Halse

(+Cetonia ignicollis+) in Menge. Auch eine große Schlange, wie

es schien vom Geschlecht der Schlinger (+Eryx+), ward gesehen;

der gute Pater Giulio, der sie für giftig hielt, wehrte meine jungen

Freunde von ihrem Fange ab. Wir traten jetzt abermals in jenes Gefilde

ein, das durch seine Fruchtbarkeit noch Zeugniß giebt von dem was

Palästina vormals war, und was es im Strahle des Segens, von welchem

Alles Gedeihen kommt, von neuem werden könnte. Felder voller Getraide

und Hülsengewächse, auch Baumwolle, sie alle nur nachlässig gepflegt,

künden durch den üppigen Wuchs ihrer Pflanzungen den reichen Ertrag

an; kleine Bächlein und Wassergräben durchziehen das grünende Gefilde,

das verhältnißmäßig mit vielen Ortschaften bebaut ist. In einem Dorfe

(Geida?) das statt der Mauern die natürliche Schutzwehr der stachlichen

Opuntienfeigen umgiebt, hielten wir an, um uns an dem Frühstück der

sauren Milch zu erquicken. Es sah vor und in den Häußern so staubig und

schmutzig aus, daß wir uns nicht entschließen konnten einen Fuß auf den

Boden zu setzen; wir genossen unsren Labetrunk auf dem Sattel sitzend.

Desto wohler wurde es uns da wir jenseit der Felder von Geida, das

auf einem niedrigen Hügel liegt, wieder hinabkamen in das fruchtbare

Gefilde und noch mehr da wir aus diesem hinanstiegen auf den grünenden

Höhenzug, der von Ost gegen West durch das Land streicht. Gegen den

Carmel, mit dessen Richtung die seinige fast einen rechten Winkel

bildet, ist dieser Hügelrücken der jüngeren Anschwemmungen freilich nur

sehr niedrig; gegen die Ebene der Meeresküste aber so bedeutend, daß

sich auf seiner Höhe eine unvergleichlich schöne Aussicht eröffnet.

Das Meer nordwärts von Kaipha erscheint hier so nahe, daß wir wähnten

wir würden es schon gegen Mittag erreichen, später fanden wir jedoch

daß der Taglauf von Nazareth nach Kaipha auf der Höhe von Tell Scheik

Beraik noch nicht einmal halb vollendet war, denn wir hatten bis

hieher, mit dem kurzen Aufenthalt in Geida nur 3¹⁄₂ Stunden Zeit

gebraucht; von der Höhe aber durch die Ebene des Kison bis nach Kaipha

dehnte sich der Weg, allerdings durch viele Krümmungen, welche der

Lauf des Wassers nöthig machte, noch über fünf Stunden aus.

Ein Wald der Eichen, welche freilich nicht so dicht stehen wie in den

heimatlichen Wäldern, und die von ungleich niedrigerem Wuchse sind

als die Edel- und Steineiche des deutschen Vaterlandes[132], gewährt

manchem Vogel einen bequemen Wohnsitz. In ganz besondrer Menge sahen

wir hier die Mandelkrähe (+Coracias garrula+) deren blauliches

Gefieder, wenn sie in den Zweigen der Bäume ruhete oder über den Hügel

flog, im Widerschein der Sonne einen angenehmeren Eindruck aufs Auge

als das Geschrei der Alten und Jungen auf die Ohren machte.

Da lag denn die grasige Ebene des Kison und jenseits derselben der

vielgipfliche, von hundertfältigen größeren wie kleineren Schluchten

durchzogene Carmel vor uns. Dieser ist nicht so kahl wie die Gebirge

von Judäa, sondern an vielen Stellen von dichtem Gebüsch und Bäumen

bedeckt, dabei reich an Quellen. Aber selbst in diesem Gewand des

Lieblichen und der Fülle erregt dieser majestätische Berg durch seine

Klüfte, Höhlen und Felsenzinnen in dem Wandrer, der ihn zum ersten Male

sieht, ein Gefühl in welchen sich Bewundrung und Furcht vermischen. Es

ist als hätten sich durch diese unzähligen Spalten Kräfte und Mächte

der dunklen Tiefe den Weg heraus ans Tageslicht gebrochen; ein ganzes

Heer der Feinde wie der Schrecknisse der Natur vermöchte in diesen

Felsenklüften sich zu verbergen. In andrer Weise zwar als der Sinai

könnte auch gleich diesem der Carmel sich zu einem Aufenthalt solcher

Einsamen eignen, welche an sich und Andren das Werk des innren Lebens

mit »Furcht und Zittern« schaffen. Der merkwürdige Berg spricht, statt

in Worten, in der Zeichensprache seiner Gestaltungen den Inhalt des

alten Liedes aus »Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen.«

Unten im Thale des Kison weideten mehrere ansehnliche Heerden des

Viehes; der Stier ist hier von ungleich bedeutenderer Größe und Stärke

als in Judäa. Der Weg, welchen Anfangs unsere Mucker durch das hohe

Gras einschlugen, zeigte sich wegen des tiefen Sumpfes zu dem er uns

führte, in dieser Jahreszeit noch ungangbar; weiter hinabwärts setzten

wir ohne Schwierigkeit über den Kison, der hier kaum vierzig Fuß Breite

und dabei doch nur eine Tiefe von drei bis vier Fuß hat, so daß das

Wasser unsern Maulthieren nur an den halben Leib gieng. Wir nahmen

jetzt den Weg ganz nahe am Fuß des Carmel hin. Da, wo ein starker Quell

des reinen klaren Wassers wie ein Bach aus dem Felsen hervordringt,

ist die Stätte, an welcher Elias »der Eiferer um den Namen und die

Ehre Jehovahs« die Baalspfaffen schlachtete; weiter am Berge hinan,

in einer grünenden Schlucht wird die Stätte gezeigt, wo nach der Sage

des Landes jener Altar des Herrn stund, der zerbrochen war und den

Elias heilte; nicht weit davon die Stätte des andern Altares der durch

König und Volk dem Baal geweiht war. Ein Nachhall jenes richterlichen

Ernstes, der einst am Sinai mitten unter die Tanzenden um das goldne

Kalb trat, wird, wie ein Donner im Gebirge auch in der Geschichte des

Carmel vernommen. Möchten doch hieher treten und schauen alle Die,

deren Gott Baal, das große Licht, weder Feuer noch Leben hat, möchten

sie es versuchen und anrufen den Namen Baals von Morgen an bis an

den Mittag und um den Altar hinken den man gemacht hat; möchten sie,

wenn sie erfuhren daß da keine Stimme ist nach Antwort, zu ihrem Gott

welcher meditirt (dichtet)[133] noch lauter rufen und mit Steinen

sich ritzen oder auch als Hellseher weissagen bis zur Zeit des nahen

Abendes. Möchte es aber auch dann, wenn sie Baals Kräfte recht kennen

lernten, ihnen, seinen Priestern, eben so wie allem Volke vergönnt seyn

daß sie hinzugerufen würden zu dem Altar, bei welchem sie erführen daß

Er, der Herr, Gott ist, und bei welchem ihr Herz wieder zurückgewendet

würde zu Ihm. Denn siehe, ob auch in den Zeiten des Ahab Elias noch

allein übrig war ein Prophet des Herrn, und der Propheten des Baal

waren vierhundert und funfzig, jener der Astarte aber vierhundert Mann,

dennoch bekannte Er, der Gott Abrahams, Isaaks und Israëls sich zu der

Hoffnung und dem Vertrauen dieses einsam Zurückgebliebenen; die Antwort

auf die Stimme des Glaubens, die nicht zu menschlichen Götzen, sondern

zu Ihm, dem lebendigen Gott gen Himmel schriee, war ein Feuer welches

das Brandopfer des Altars wie alle Herzen des Volkes entzündete; ein

Feuer das weder Baal, der Gott des Dichtens noch der des Meditirens zu

geben vermag.

Da waren wir denn endlich, freilich um mehrere Stunden später als

uns die Aussicht vom Tell Scheik Beraik es zu verheissen geschienen

hatte, in Kaipha, der Küstenstadt am Ufer des Meeres, am westlichen

Fuße des Carmel, auf dessen Abhange das Kloster der Carmeliten schon

von ferne her sichres Obdach und gastliche Aufnahme verheißet. Der

abendländische Fremdling erkennt in diesem schmutzigen, armseligen,

allerdings noch ummauerten Oertlein kaum noch die Spuren jener für die

fränkischen Christen so wichtigen Feste, welche der edle Tankred, in

Gesellschaft des Löwenwürgers Wicker aus Schwaben im Jahr 1100 mit so

kräftigem Anlauf erobern mußte. Es ward dieses glückliche Ereigniß den

christlichen Kämpfern, gerade in der Zeit, in welcher die Nachricht

von Gottfrieds von Bouillon Tode sie tief gebeugt hatte, zur besondren

Stärkung; in unsren Tagen wäre das Hinwegnehmen dieses Oertleins von

so geringer Bedeutung, daß es kaum für den Verlust eines einzelnen

Kriegsschiffes entschädigen könnte. Wenn Kaipha derselbe Ort ist, den

uns Hieronymus in seinem Onomastikon bei der Erläutrung des Wortes

Japhet nennt, dann würde dasselbe aber so wie Jaffa oder Joppe an jene

alte Sage erinnern, daß Japhet, der Sohn Noahs hier, in dieser Gegend

der Küste Wohnungen für die Seinen begründete; wurde doch Joppe, eine

der Nachbarinnen von Kaipha, selbst von den heidnischen Schriftstellern

für älter gehalten als die Zeit der großen allgemeinen Fluth[134]. Wir

lassen dem freilich ansehnlicheren Jaffa so wie dem unansehnlichen

Kaipha sehr gerne jeden Ruhm der Alterthümlichkeit, den, vielleicht mit

Recht, jede wohl gelegne Küstenstadt dieses Landstriches sich zueignen

könnte, bekennen aber zugleich daß auf uns dieses Jüdische Gaba und

Griechische Porphyreon, so gut auch noch sein Hafen und so viel

besser gelegen als selbst der von Akko (Ptolemais) er seyn möge, nur

den Eindruck einer zerrissenen, von Würmern und Motten zerfressenen

Ritterfahne machte, dergleichen man als vormaliges Siegeszeichen in

mancher unsrer alten, heimathlichen Kirchen aufgepflanzt sieht.

Da wir uns hier zum ersten Male, seit langer Zeit, wieder in einer

Küstenstadt sahen, die mit den Europäischen Seestädten in fortwährendem

Verkehr steht, da wir überdieß schon im Türkischen Bazar Englischen

und Italienischen Seeleuten begegneten, welche dort in und außer den

Kaffeehäußern sich herumtrieben, hofften wir etwas voreilig in Kaipha

alle Mittel zur anständig Europäischen Befriedigung des Hungers und

Durstes zu finden, die uns weniger um unsert- als um des freundlichen

Padre Giulio willen erwünscht gewesen wären. Der Grieche aber, bei dem

wir in der Nähe des Arsenals (?) einkehrten bot uns statt des Weines

ein aus verdorbenem Traubensaft und mancherlei Zusatz bereitetes

Getränk, dabei zur Speise faulich schon von ferne riechende, noch

übler aber in der Nähe schmeckende gesalzene Fische und eine Art von

Käse dar, bei welcher es ungewiß erschien ob sie zu den uralten,

merkwürdigen Versteinerungen des Carmel gehöre, oder ein, seit den

Zeiten der Menschen bereitetes Ding sey.

Der Weg nach dem Kloster am Carmel, unter dessen Dache, sobald wir

Kaipha gesehen hatten, wir nach dem Rathe des Padre Giulio die

Nachtherberge zu suchen beschlossen, ist auf Europäische Weise zum

Aufsteigen erleichtert, und führt ziemlich bequem am Abhange des Berges

hinan. Zur Linken hat man die öfters von Höhlen durchzogene Felsenwand

des Meeres, zur Rechten die herrliche Aussicht nach der Kisonsmündung

und nach dem uns heimathlich ansprechenden, darum sehr lieben,

Mittelmeer.

Wer sollte nicht überrascht werden, wenn er da, am Abhange des

majestätisch-erschrecklichen Carmels das überaus schöne neue

Kloster der gastfreien Mönche sieht, und noch mehr, wenn er in sein

Innres hineintritt. Freilich hat schon von selber, hier an seinem

westlichen Abhange nach dem Meere hin, der hehre Berg alle Mienen des

richterlichen Ernstes abgelegt; er erscheint daselbst wie ein vormals

furchtbares Schwert, dessen Eisen durch die Hand des Friedens in

nutzbare Hacke und Pflug umgewandelt wurde; aber bei alle dem hätten

wir in der vor wenig Jahren noch so armen Behausung der Carmeliter

keine solche heimathlich bequeme und vornehme Einrichtung erwartet,

als wir da wirklich vorfanden. Das neue Klostergebäude, damals,

wo wir es sahen, noch nicht ganz vollendet, gleicht einem jener

reichen, zu ähnlichem Zweck bestimmten Gebäuden, dergleichen sonst

in unserm deutschen Vaterlande so viele waren; es erinnert an irgend

eines jener nun verlassenen Klöster, wie Banz, wie Triefenstein, wie

Pollingen gewesen sind. Dieser äußre Wohlstand ist nicht durch große

Geschenke aus dem Abendlande, oder durch bedeutende Fonds, die etwa

das noch immer nicht sehr reiche Kloster besäße, begründet worden,

sondern vor allem durch die kluge Anwendung, welche der treffliche,

haushälterische, geistvolle Padre Matteo eine Reihe von Jahren hindurch

von den auswärtigen Gaben, so wie von den Vergünstigungen machte, die

Ibrahim Pascha den Mönchen gewährte. Ein Saal, wie in einer unsrer

gefürsteten Abteien, Zimmer, die auch für anspruchsreichere Gäste

aus den höheren Ständen nichts zu wünschen übrig lassen, dabei eine

Küche, welche die Fülle der Naturerzeugnisse die das benachbarte Meer

und das fruchtbare Thal alltäglich darbieten, aufs Beste zu benutzen

weiß, sind Vorzüge des Klosters auf dem Carmel, worin kein andres

Kloster von Syrien ihm gleichkommt, und welche schon manchen reichen

Gast aus England und Frankreich hieher gezogen haben. In der That, ich

wüßte keinen Ort, den ich Reisenden, welche aus den gemäßigteren oder

nördlicheren Gegenden von Europa nach Palästina kommen, so vorzugsweise

zu ihrem ersten Aufenthaltsorte empfehlen möchte als das Kloster am

Carmel. Seine Lage, in mäßiger, freier Höhe, welche der kühle Luftstrom

vom Hochgebirge des Libanon und Antilibanon auch in der heißen Zeit

des Sommers, abwechslend mit dem erfrischenden Seewinde besucht, das

reiche Grün der neuen Anlagen und die Vortrefflichkeit des Wassers

macht diese schöne Pilgerherberge der Lateinischen Christen so gesund,

daß man selten, auch in den Jahreszeiten der bösartigen Fieber, von

Unpäßlichkeiten der Bewohner des Carmels hört. Ja die Kranken aus der

sumpfreichen Ebene genesen und erholen sich bald wieder, wenn sie auf

einige Zeit auf die Höhe des Carmel ziehen, welche außer den andren

Vortheilen, wodurch sie zu einem Pflegehaus sich eignet, auch den

gewährt, daß sie ein Gewürzgarten oder eine Apotheke der Natur ist,

dergleichen wenig andre gefunden werden. Denn die Flora des Carmels ist

eine der reichsten und mannichfaltigsten, welche in diesen Gegenden

vorkommt, weil sie die Formen des Gebirges mit jenen der Thäler und

des Meeresstrandes vereint[135] und eben so regt sich in dieser

vielartigen Blumenwelt eine solche Menge der selteneren, buntfarbigen

Insekten, daß der Sammler hier ein ganzes Jahr hindurch eine reichlich

lohnende, anmuthige Beschäftigung finden würde.

Das Kloster des Carmel liegt nach unsern barometrischen Messungen nur

582 Fuß über dem Spiegel des Mittelmeeres, am nordwestlichen Abhange

des Berges, der sich von dort an vielleicht noch einmal so hoch,

bis an 1200 Fuß und darüber erheben mag. Die Aussicht ist nur gegen

Südost und Osten durch die vorstehende Höhe beschränkt; nach Norden

und Nordosten zeigen sich die schneebedeckten Gipfel des Libanon und

Antilibanon, nach Westen hat man das Mittelmeer, in Süden die Ebene

der Meeresküste bei Atlit und gegen das Gefilde von Cäsarea hin vor

Augen. Am anziehendsten ist der Anblick der Bucht, die sich gegen Akre

(Ptolemais) hinzieht und jener der grünenden, fruchtbaren Abhänge des

Libanon welche weiter in Norden zum Meere sich senken. Akre liegt so

nahe vor Augen, daß man seine Mauern, ansehnlicheren Gebäude und die

Mastbäume der Schiffe im Hafen unterscheidet und das kleine, in seiner

Wirkung treffliche Frauenhofersche Fernrohr, das wir bei uns trugen,

ließ uns bei der Betrachtung jener merkwürdigen Stadt noch mehr ins

Einzelne gehen.

Der Abend, in solcher Gegend, war auch für das schönste Gebäude

der Erde zu schön, er wollte im Freien genossen seyn. Unsre kleine

Reisegesellschaft trennte sich, zur bessren Durchmusterung der

Gegend in mehrere kleine Abtheilungen, deren eine ich selber, in

Gesellschaft meiner Hausfrau bildete. Wir besahen uns zuerst das

ansehnliche Gebäude, das in der Nähe des Klosters am Bergabhange

steht und welches Ibrahim Pascha den Mönchen des Carmel zur besseren

Aufnahme und Versorgung der Pilgrime, so wie im Nothfall der Kranken

geschenkt hat. Eine kleine, damals noch jugendliche Anlage von Bäumen

und Gebüschen, weiterhin Gärten und Weinberge breiten sich über den

Berg aus; die scheinbare Leichtigkeit, mit welcher die eine der

grünenden sanftabfallenden Schluchten nach dem Meer hinabzuführen

versprach, verleitete uns nach ihr den Weg einzuschlagen. Ich hätte

gerne wenigstens den langsameren, für den Sammler umgänglicheren

Bewohnern der Meeresbucht, den Schnecken und Muscheln einen Besuch

gemacht, weil mich schon der Name Porphyrion, womit die Griechen die

Stadt Kaipha benannten, zu der Vermuthung berechtigte, daß hier in der

Nähe wenigstens die gemeinste Purpur gebende Schnecke, die +Janthina

fragilis+ häufig seyn müsse. Wir stunden indeß bald von unsrem

Vorhaben ab als wir fanden, daß der gewählte Weg weder so bequem noch

das Meer so bald erreichbar sey, als von oben es geschienen. Desto

mehr vergnügten wir uns dann oben, in der Nähe des Klosters, mit dem

Fange eines seltnen, häufig an den Blumen sitzenden roth und schwarz

gestreiften Käferleins, das zum Geschlecht der Hoplien gehört.

Die Sonne senkte sich in das ruhige Meer, der Vollmond stieg über dem

Gebirge auf; wir begaben uns zu unsrer Gesellschaft in das schöne,

gemeinsame Gastzimmer, wo uns die guten Väter außer dem trefflichen

Abendessen, dergleichen wir seit unsrer Abreise aus Aegypten noch

keines genossen hatten, auch noch durch ihre muntere, lehrreiche

Unterhaltung sehr vergnügten. In dem Zimmer das für mich und meine

Hausfrau zur Nachtruhe bestimmt war, bewunderte ich die lange nicht

gesehenen beiden Himmelbetten, die schönen Vorhänge, das Sofa und

alle Gegenstände der gewöhnlichen Europäischen Bequemlichkeit wie

ganz außerordentliche Erscheinungen. Sie bildeten mit den Umgebungen

in denen wir uns nun seit etlichen Monaten befunden hatten einen so

auffallenden Contrast, daß sie uns ganz wie neu erschienen. Eine

Augenlust andrer, höherer Art hätte ich jedoch heute noch genießen

können und sollen, wenn ich, wie schäme ich mich das zu bekennen,

daran gedacht hätte. Es trat heute eine totale Mondfinsterniß ein,

freilich für die Gegend des Carmels etwas später (der Tageszeit

nach) als für unser deutsches Vaterland. Zwar war ich mit keiner

hinlänglich zuverläßigen Uhr noch mit andren Apparaten zur Benutzung

dieses Ereignisses für geographische Ortsbestimmung versehen, und

die Ermüdung durch die mancherlei Anstrengungen des vorhergehenden

Tages war groß, dennoch würde die Betrachtung einer solchen, auf mich

jederzeit mächtig wirkenden Erscheinung, hier am Carmel von ganz

besondrem Interesse gewesen seyn.

Das erste was uns an dem herrlichen Morgen, Freitags den 21sten April,

ins Auge fiel war das von der aufgehenden Sonne beleuchtete Meer, über

dessen Fläche Schiffe, in vollen Segeln dahinzogen. Bei diesem Anblick

mischte sich der Zug des Verlangens nach der lieben Heimath mit jenem

der uns noch an dem werthen Lande fest hielt. Es giebt indeß eine

Heimath die überall nahe und leicht zu finden ist, auf den Höhen des

Carmels eben so wie in der Nachbarschaft der Bayerischen Alpen und des

Fichtelgebirges; so oft man in diese Heimath eintritt hat man alle die

Seelen bei sich deren man gern gedenkt.

Wir hatten schon gestern die Kirche des Klosters und die zu ihr

gehörigen Stätten gesehen, welche die christliche Andacht hier verehrt.

Das Gebäude ist einfach und schön; die kleine Kapelle in der wir der

Morgenandacht beiwohnten ist unter der Ebene der neuen Hauptkirche,

in einer vormaligen Felsengrotte; das Marienbild am Altar der oberen

Kirche ist sehr kunstreich aus Holz geschnitzt, ungleich höheren

Kunstwerth hat aber ein andres, von einem Spanischen Meister aus Holz

gearbeitetes Werk, das in der Sakristei aufbewahrt wird. Es stellt

dieses den Elias dar, mit einem Flammenschwert in seiner Rechten,

das gegen einen Baalspfaffen gerichtet ist, der zu den Füßen des

Propheten liegt. Der Ausdruck des edlen Zornes und göttlichen Eifers

im schönen Angesicht des Elias bildet einen auffallenden Contrast

mit jenem der gemeinen Wuth und der Verzweiflung im Angesicht des

falschen Propheten. Außerhalb dem Klostergebäude wird noch eine andre

Grotte, als die Wohnstätte des Elisa gezeigt, in welcher die Sunanitim,

gebeugt von mütterlichen Jammer über den Tod des Sohnes den Mann Gottes

aufsuchte[136].

In Gesellschaft eines ortskundigen in der Geschichte des Landes wohl

erfahrenen Mönches bestiegen wir jetzt das platte Dach des Klosters

und genossen da noch einmal der hehren Aussicht. Gegen Norden gewendet

steigt der Blick von den Alpenhöhen des Libanon herab über die herrlich

grünende, Tyrische Leiter (am Abhange des Gebirges) bis zu dem von

Palmen umgebenen Akre (Akko) oder Ptolemais, dessen Geschichte den

christlichen Fremdling an so manche Kämpfe der Seinen um die Palme

erinnert, obgleich hierbei aus den Strömen des vergossenen Blutes

nur geistige wie leibliche Seuchen, keine daurenden Siegespalmen

aufgiengen. Zwar die Herrschaft des Heidenthumes, welche hier im

Jahr 103 vor Christo, als Ptolomäus Lathurus die Stadt dem jüdischen

Reiche entriß sich festsetzte, wurde später durch den geistigen Sieg

des Christenglaubens über die Seelen der Völker verdrängt, doch hatte

schon im Jahr 638 Omar der Chalif von neuem das Panier des Islams über

Ptolemais aufgepflanzt, welche nun wieder im Munde des Volkes so wie

sie anfangs geheißen: Akka, d. h. die Gedrückte und Zerbrochene wurde.

Ein Name den sie auch mit Recht führen und behalten mag. Denn obgleich

im Jahr 1104, am Feste der Himmelfahrt, nach zwanzigtägiger Belagerung

das Heer der Christen siegreich in die Stadt einzog, so ergab

sich diese dennoch schon am 9ten Juli 1187, nicht durch Sturm oder

Schwert, sondern nur durch Furcht und Schrecken überwunden in Saladins

siegreiche Hände. Desto schwerer und langwieriger war der Kampf der

Christen vor diesen wohlbefestigten und tapfer vertheidigten Thoren,

welche dennoch am 12ten Juli 1191 von neuem ihnen sich aufthun mußten.

Schon damals befleckte einer ihrer Helden, Richard Löwenherz den Namen

und Ruhm des Christenglaubens durch jene unmenschliche Grausamkeit

womit er einige Tausend, ihm auf Vertrag übergebene Gefangene ermorden

ließ. Eine That, welche hundert Jahre nachher, als am 20sten Mai der

Sultan Malek al Aschraf Akka eroberte durch eine fast dreißigfältige

Zahl der gemordeten Christen furchtbar gerochen wurde[137]. Und möchte

dennoch der Christ, bei der Geschichte dieses Schreckentages, an

welchem der letzte Schatten der christlichen Herrschaft in Palästina

vollends sich auflöste, nur die Grausamkeit der barbarischen Feinde,

welche nicht wußten was sie thaten, nicht auch die Ruchlosigkeit

der eignen Glaubensgenossen anzuklagen haben. Denn in der That wenn

irgend eine Stadt, durch das innre Verderben ihrer Menschenseelen dem

Gerichte reif erschien, so war dieß das damalige Ptolemais, in welchem

die abendländische Christenheit, nachdem jetzt das Werk das ihr in

den Kreuzzügen oblag, vollendet war, fast nur noch den verdorbenen

Auswurf ihrer Kräfte zurückgelassen hatte: ein Volk unter sich selber

uneins und voll Hasses, ohne Treue und Glauben, in alle Laster jenes

Heidenthumes versunken, welche es bekämpfte, ja in noch niedrigere und

schwerere denn diese. Akka, die Zerbrochene, nachdem sie zur Noth

wieder geheilt war, blieb dann in ihrem ungestörten Ohnmachtschlummer,

bis sie daraus durch die Einnahme der Türken im Jahr 1517 geweckt

wurde. Auch diese Herrschaft saß über dreihundert Jahre auf dem

Schatten der alten Größe fest, bis die Aegyptischen Heere im Jahr 1832

die Stadt von neuem verheerten und einnahmen.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 15 / 41 段