des Sommers ein bösartiges Fieber sein Heerlager aufschlug und Tausende
der Bewohner dahin raffte, plötzlich der erfrischende Sturmwind aus
Norden hereinbricht, der die Luft reinigt und die Seuche verscheucht,
oder wenn über die wasserlose von der Hitze versengte Ebene endlich ein
starker Regenstrom sich ergießt, da vergisset der einheimische Hirt so
wie der hier verweilende Fremdling gern des gleichzeitigen Schadens den
der Sturm wie der anschwellende Strom an den Bäumen und Feldern gethan,
und gedenket mehr nur der Linderung der allgemeinen Noth des Landes,
welche ein solches Ereigniß brachte. Es vergleichet selbst das Buch der
Bücher den Geist aus Gott, aus dem das Leben geboren wird, mit dem
Sturmwinde, dessen Brausen der aufmerkende Sinn vernimmt auch ohne die
Stätte zu kennen, von welcher er kommt und dahin er fähret. Ein Bewegen
des Geistes der von oben kommt, gleich jenem des Sturmwindes der manche
noch unzeitige Frucht und manches Blatt von den Bäumen reisset, ja
ganze Wälder entwurzelt, ist dennoch in der Geschichte der Kreuzzüge
sichtbar; das Bewegen einer Kraft, welche allen künftigen Geschlechtern
nicht nur im Allgemeinen die Herrschermacht des Geistes im Menschen
über die Elemente der vergänglichen Leiblichkeit, sondern die
Verknüpfung dieser Macht mit einem Ewigen und Göttlichen bezeuget. Die
leibliche Stärke und der persönliche Muth der Helden des Abendlandes
waren es nicht, welche in den damaligen Völkern des Ostens jene Furcht
und Schrecken aufregten, in deren Geleite oft zehn dieser Helden
Hunderte der Feinde in die Flucht schlugen oder erlegten. Die Thaten
Wickers des Schwaben, des Löwenwürgers, die riesige Stärke Gottfrieds
und Balduins, wie der deutschen Ritter vor Iconium und des grünen
Spanischen Ritters vor Tyrus[124] und andre solche Züge konnten nur
Bewundrung, nicht lang andauernde Furcht in den hinter unbezwingbaren
Mauern gedeckten oder durch Tausende der Lanzen und Schilder
geschützten Feinden erwecken. Hatten doch auch die Türken solche Starke
unter sich, wie denn namentlich jene Gefangene, welche dem Kreuzesheere
bei der Belagerung von Jerusalem dienten, durch die eiserne Kraft mit
der sie beim Tragen und Heben der Lasten so viel leisteten, als sonst
vier andre Männer, das Staunen der Kreuzfahrer erregten. Auch nicht
jene bewundernswürdig kühnen Unternehmungen der Ritter, dergleichen das
von Balduin +I.+ war, da er durch das Peträische Arabien bis nach
Wadi Musa und bis in die Gegend des Sinai sein siegreiches Panier trug,
konnten die innre Ruhe des Reiches der Sarazenen und Türken auf lange
Zeit stören. Kühner noch und ungeheurer war selbst der abentheuerliche
Zug, welchen Rainald von Chatillon noch in jenen Tagen begann, da die
Macht der Christen in Syrien ihrer Auflösung ganz nahe war; jener
Zug nach Ailah (Akaba) am rothen Meer, dann auf den fremden, von ihm
erbeuteten Schiffen an die Küste von Aegypten und selbst von Arabien,
um Mekka und Medina zu zerstören oder zu erobern. Aber diese That, wie
die eines Muthwilligen der mit dem Stecken in einen wohlbevölkerten
Bienenstock stößt, hatte nur die Wuth der Feinde heftiger gereizt,
nicht ihren Muth erschüttert, und auf bemerkenswerthe Weise erfolgte
wenig Monate nach dem mislungenen Versuch einer Eroberung von Mekka und
Medina, die von Jerusalem durch das Heer Saladins[125]. Auch solche
Zeugnisse von der Gewalt des Geistes über den schon sterbenden Leib,
wie das war, welches der zum Tod verwundete Joscelin der ältere vor
Cressum gab[126], konnten den Mitlebenden wie der Nachwelt nicht als
etwas Höheres erscheinen denn die ähnliche That des sterbenden Sultans
Muley Maluk von Marocco. Das aber was von der Schaar der ausgehungerten
Schatten eines christlichen Heeres in Antiochia, welches mitten in
seinen Mauern, in der noch uneroberten Burg so wie außer den Mauern den
Feind hatte, vorausgieng, als dieselbe gegen das vielfach überlegene,
wohlversorgte Heer des Korboga den Ausfall wagte, das war nicht der
Sturm einer leiblichen Stärke und Tapferkeit, nicht ritterlicher
Muth, der Alles wagt, sondern es war die Macht eines kindlich festen
Vertrauens auf Gott, wie sie der Christenglaube dem Herzen giebt[127].
Denn mehr denn die Entdeckung der »heiligen Lanze« hatte das Wort
des frommen Erzbischofes Ademar von Puy jene Begeisterung geweckt
die über Alles siegt. Diese Begeisterung eines Glaubens der die Welt
überwindet war es, welche, wie wir früher erwähnten, das wohlbefestigte
und von einer überlegneren Schaar der streitbaren Männer vertheidigte
Jerusalem, so wie so manche andre feste Stadt in die Gewalt der
Christen brachte; sie war es, welche das funfzehnmal größere Heer des
Sultan Afdan in Gottfrieds und der Seinigen Hand gab[128]; welche
zuerst Balduins +I.+ stolzen Sinn selber, dann aber durch ihn das
übermächtige Heer der Feinde bei Askalon demüthigte, den Sarazenen
bei Joppe (im Jahr 1102) den Sieg entriß und drei Jahre hernach bei
Rama die siebenmal stärkere Macht der Heiden brach. Und wer möchte die
Kraft eines festen, treuen Christenglaubens verkennen, mit welcher
der achtzehnjährige, von den Qualen seiner unheilbaren Krankheit[129]
fast aufgelöste König Balduin +IV.+, an der Spitze von 370
Geharnischten dem Heere Saladins, das außer den schwerer Bewaffneten
26000 leicht bewaffnete Reiter zählte, bei Ramla (am 25. Nov. 1177)
entgegengieng und dieses schlug. Als damals der jugendliche Held,
dessen Loos ein Leben der beständigen Schmerzen war, im Angesicht
des unübersehbar weit ausgedehnten Lagers der Feinde von seinem Wagen
stieg, vor dem heiligen Kreuz sich niederwarf und mit Gebet und Thränen
die Hülfe von oben erflehte, da ergriff der Anblick die Streiter
für das Kreuz mit solcher Macht, daß sie ein Treuseyn bis zum Tode
beschwuren und diesem Gelübde gewärtig den Sieg errangen[130].
Wie dort den Jüngling, fast erstorbenen Leibes, und durch sein
Beispiel die kleine Schaar seiner Streiter der Christenglaube mit der
Kraft der Ueberwinder erfüllte, so that dasselbe unter vielen andren
Fällen dieser Glaube an dem gottbegeisterten Greise, der Deutschlands
höchsten Herrscherthron zierte: an dem fast siebenzigjährigen Friedrich
Barbarossa. Dieser Sieger in so vielen Schlachten hatte keinen
schwereren Kampf gekämpft, keinen herrlicheren Sieg errungen als den
letzten seines Lebens, den Sieg bei Iconium, weil er in ihm, mehr
denn in seinem ganzen Leben durch Wort wie durch die That den Namen
Dessen verherrlichte für dessen Reich er jetzt kämpfte. Es ist eine
andre, höhere Theilnahme als jene gewöhnliche, welche das Anhören
oder Lesen der Kunde jenes schweren Heldenkampfes erregt, womit der
Christ die Geschichte des Heereszuges Friedrichs durch das Land des
Sultans von Iconien betrachtet. Als nach den unausgesetzten Kämpfen
mit den mordgierigen Feinden und mit der Lebensgefahr der Gebirgswege
von Laodicea bis jenseits Philomelium endlich auch noch mit erneuter
Kraft der Mangel an allen Lebensmitteln hereinbrach, so daß viele der
Besseren im Heere von Ermattung gelähmt Waffen und Habe den kräftigeren
Genossen gaben und am Boden liegend den Tod von Feindeshand
erwarteten; als zu gleicher Zeit das furchtbar übermächtige Heer des
Sultans sich zur Schlacht des nächsten Tages rüstete und aufstellte,
da erwieß sich auch an der Schaar der fast zum Tode ermatteten,
christlichen Kämpfer die Wahrheit jenes Spruches, daß der Mensch nicht
vom Brod allein lebe und Stärkung empfange, sondern von einem jeglichen
Worte das durch den Mund Gottes gehet. Es war der Tag der Pfingsten
(3. Mai 1190); das Pilgerheer ruhete an einer wüsten Stätte, die nicht
einmal Schatten, geschweige andre Lindrung des Elendes darbot, da
brach ihnen der fromme Bischof von Würzburg das Brod des Lebens. Als
dieser mit freudigem Muthe jene Gnade prieß, welche an diesem heiligen
Tage der Gemeinde des Herrn die Gabe des heiligen Geistes verliehen,
da erinnerte er zugleich daran, daß seit jenem Tage der beseligende
Glaube am mächtigsten durch die Thaten der Blutzeugen und der Kämpfer,
welche treu blieben bis zum Tode, festgegründet und verbreitet worden
sey. Dieser Glaube ist es der die Schmerzen des Todes überwindet,
zugleich aber auch jene Kraft giebt, in welcher Einer Tausend und
Zweie zehn Tausend in die Flucht zu jagen vermögen, »darum (so
sprach er) vertrauet auf den Herrn.« Da nun auch der ergraute Kaiser
Worte sprach, welche der Christenglaube der Menschenzunge leihet,
da ergriff ein freudiger Geist alle die Besseren im Heere; wie die
fröhlichen Gäste eines Fürstenmahles stimmten Alle ein Heldenlied in
Schwäbischer Weise an. Der Kampf des andren Tages war keine eigentliche
Schlacht zu nennen; er war das unwiderstehliche Hindurchbrechen eines
tödtenden Blitzes durch die mauerdichten Heerschaaren der Feinde. Aber
diese Mauer, wenn sie auch einen Riß bekommen, war deßhalb nicht
niedergestürzt, und da am Abend des hart durchkämpften Tages zu den
Beunruhigungen die der beständige Andrang der Turkomanen brachte, auch
noch in der sandigen Wüste die fast unerträgliche Pein des Durstes kam,
da wurden manche der Pilger so irre an Gott daß sie übergiengen zu den
Heiden und den Glauben verläugneten. Nicht so der alte Kaiser und die,
welche mit ihm gleiches Sinnes waren. Auch in unsrem Heere, so sprach
er, mußte der Waizen gesichtet werden von der Spreu; jene Kinder des
Verderbens mußten abfallen von uns, damit nicht durch sie der Segen
unsrer Heerfahrt gehindert und vernichtet werde. Und als an einem der
folgenden Tage das Heer der Christen zwar in etwas erquickt durch den
Genuß eines sumpfigen Wassers, dabei aber noch aller Noth des Hungers
dahingegeben war, und als nun der durch Glauben starke Kaiser auch den
letzten Antrag des Sultans den Frieden wie den Markt der Lebensmittel
um ein Lösegeld von dreihundert Zentnern Silbers zu gewähren, als
seiner und der christlichen Ritterschaft des Kreuzes unwürdig
zurückgewiesen hatte, da siegte dennoch über den fast allgemeinen
Kleinmuth des Heeres der Rath der Helden, das wohlbefestigte Iconium
nicht, wie Viele wollten, vorüberzugehen, sondern diese von andren
Heeren der Kreuzfahrer vergeblich belagerte Stadt zu erobern. Was
anders als der Christenglaube konnte einer Schaar der Halberstorbenen,
die ohne alles Belagerungsgeräthe war, diesen Riesengedanken des
Heldenmuthes eingeben und sein Gelingen möglich machen! Galt es da
nicht, am Freitag, den 18ten Mai, ein Treuseyn bis zum Tode, da schon
am Morgen die Herolde das Gebot verkündeten: daß jeder Pilger, der noch
Lebensmittel besitze, mit seinem Mitbruder, welcher deren nicht habe,
sie theilen möge, weil sie am andern Tage ja alle gleich seyn würden,
entweder durch die Beute in Iconium oder durch die Palme der Sieger
im Himmel. Ein Treuseyn bis zum Tode, als der Kaiser den kleinen Rest
der Ritterschaaren, welcher nur noch aus Tausend vollkommen gerüsteten
und mit Rossen versehenen Männern bestund, so theilte, daß die eine
Hälfte, geführt von dem Herzog von Schwaben, Iconium in stürmischer
Eile nehmen, die andren fünfhundert aber, an deren Spitze der alte,
kaiserliche Held selber war, den Kampf mit der ungeheuren Uebermacht
des Feindesheeres bestehen sollte, ohne daß die eine Schaar um die
andere sich kümmern, oder auch in der größten Noth sie zur Hülfe rufen
solle. Und als nun wirklich nicht allein durch ein unbegreifliches
Wunder der Tapferkeit sondern des christlichen Glaubensmuthes Herzog
Friedrich, zugleich mit den fliehenden Türken in die Stadt eingedrungen
war, da galt es abermals bei der andern Hälfte der Schaar und bei
ihrem Herrscher ein treues Festhalten an jener Hoffnung, welche nie zu
schanden werden lässet. Im ungleichen Kampfe mit den in unermeßlicher
Zahl andringenden Feinden war der Arm der Ritter wie ihres Führers
ermattet, ihr Muth fast gebrochen, nur die Siegespalme der Martyrer
schien nahe; schon hatten die Bischöfe und Priester, der Schlachtbank
sich darbietend, die Stolen über ihre Schultern gelegt. Da rief der
Kaiser, angeweht von neuer Kraft der Begeistrung: »Was weilen wir hier
und grämen uns; Christus siegt, Christus regiert, Christus führet
uns. Kommt, meine Heergesellen die ihr aus dem (irdischen) Reiche der
Heimath zoget, daß ihr mit eurem Blute das Reich des Himmels erlangtet«
und er selber voran wie ein Löwe brach in das Heer der Heiden ein,
seine Ritter ihm nach über die Leichname der erschlagenen Feinde, bis
in die Thore Iconiums.
Dieses that und vermochte der Glaube der Christen; Schwabenland,
dieß vermochte einer deiner Helden in der Kraft jenes Glaubens, von
welchem du dich nicht wie Etliche aus der Schaar deiner Väter, am
14ten Mai 1190 durch die schwere Pein des Durstes nach Wasser sondern
durch ein aus Trunkenheit erzeugtes Gelüste nach den Seifenblasen der
Weltweisheit willst abtrünnig machen lassen.
Aber auch der einfältige Glaube eines vereinsamten Pilgrimes dieser
späteren Tage könnte bei dem Anblick des Kalykadnus, in der Ebene
von Seleucia, oder des Feldes der Disteln und Dornen, im Osten des
Thabor zwar nicht abtrünnig werden und fallen, doch fast strauchlen
oder erschrecken. War es nicht dort, am Kalykadnus, wo der Sieger bei
Iconium, der Held, nicht bloß der Schlachten sondern des Glaubens,
Barbarossa seinen Lauf endete, wenige Tage nach dem durch seine Hand
dem Reiche der Christen ein neues, großes Heil aufgieng? Schon am
10ten Juni 1190 erlosch hier die Flamme des in keinem Kampfe besiegten
Feuers, das wie die aufgehende Sonne dem geheiligten Lande einen neuen
Tag zu bringen schien, in dem Wasser eines Bergstromes. Und da, am
Fuße des Thabor, auf dem Felde bei Hittin, war schon einige Jahre
früher die Palme des Sieges, die der Christenglaube unter Strömen des
edelsten Heldenblutes im Lande der Verheißung aufgepflanzt hatte, wie
durch einen Sturmwind entwurzelt und dahingerafft worden. Was wollte
dieser richterliche Ernst, was wollte die allvernichtende Strenge bei
einem Werke, das wenigstens im Glauben begonnen, wenn auch nicht in
der Weise jenes Glaubens dessen erste Früchte Demuth und Liebe sind,
fortgeführt war?
Man erzählt von einer Schaar von Schiffbrüchigen, welche schon im
Anblick des heimathlichen Hafens ein Sturm ergriff, der das Fahrzeug
zertrümmerte und den mit Noth Geretteten nur das nackte Leben ließ.
Während die andren Alle jammerten und klagten, weil sie den mühsamen
Erwerb der ganzen Fahrt und langen Arbeit der Reise verloren hatten,
blieb nur Einer unter ihnen, ein Jüngling, ruhig und fröhlich. Der
Zweck meiner Fahrt, so sprach er, war es, von einem weisen Manne des
fernen Landes ein sichres Heilmittel zu erfahren gegen die lange,
schmerzliche Krankheit meiner Mutter; diese Gabe ist mir geworden,
und sie ist mir nicht zugleich mit den Waffen, Kleidern und andren
Gütern im Meere versunken, denn ich trage die Kunde des Heilmittels
für die kranke Mutter ~in mir~. -- Auch der scheinbar vergebliche
Kampf der abendländischen Christenkirche um die äußere Weihe, die an
geheiligter, sichtbarer Stätte empfangen werden sollte, hatte in ihren
Gliedern die Kraft einer innren Weihe geweckt, die an unsichtbarer
Stätte ruhet. Wie im Wasser des Jordans, das ein Pilgrim aus dem
heiligen Land brachte, der neugeborne, künftige Herrscher eines Landes;
so ward in dem Feuer, das die Kreuzzüge entzündet, der Geist jener
neuen Zeit getauft, welche seitdem über dem Occident aufgieng. Die
Begeistrung welche den Heldenlauf nach einer äußren Palme des Sieges zu
dem Lande des Aufganges gelenkt, blieb in den Völkern des Abendlandes
wach und erhub da ihr Auge nach einem andren, überall nahen, ewigen
Osten. Ihre Stimme, eben so mächtig als Gottfrieds und Balduins und
Barbarossa's Schlachtruf, wird nicht nur in Dantes Gesängen vernommen;
das Wehen ihres Panieres wird nicht nur in Cimabue's und Giotto's
Meisterwerken bemerkt: sondern ihr Bewegen drang bis in die innersten
Tiefen des Reiches des Geistes, bis zu dem Quell des Lebens, das aus
dem Glauben kommt. Wenn auch seit der Schlacht von Hittin die Schlüssel
zu jenem Jerusalem, welches irdisch und sichtbar ist, verloren giengen
und die fast sichere Hoffnung, sie wieder zu gewinnen mit Barbarossa
am Kalykadnus dahin war, so behielt doch das christliche Abendland
die Schlüssel und das Herrscherrecht für ein andres höheres Reich,
für jenes des geistigen Erkennens und Strebens, welches keine rohe,
leibliche Uebermacht seitdem ihm zu entreissen vermochte. Denn das
Banner dieser Macht ist mit dem Wort vom Leben zugleich ausgegangen aus
dem Abendlande nicht nur bis zum Thabor und Hermon und Oelberg, sondern
bis zu den fernsten Enden des Ostens und Westens; die Christenheit des
Abendlandes mit jener der Morgenländer verglichen erscheint noch immer,
in all' ihrem selbst verschuldeten Elend als eine wachende und lebende,
gegen eine schlafende oder erstorbene. Der junge Adler, wenn ihm auch
die Hirten des Feldes die Beute seines ersten Ausfluges entrissen, hat
doch seitdem den Gebrauch der Schwingen zum weitren Auszug über Meer
und Länder gelernt.
Eine kindlich fromme Sage, die sich in der Geschichte der Kreuzzüge
sehr oft wiederholt, erzählt von Erscheinungen einer Schaar von weißen
Rittern; himmlischer Streiter, welche aus der oberen Welt des Sieges
und der Kraft dem Heere der christlichen Kämpfer dann zu Hülfe kamen
und seine sinkende Kraft von neuem belebten und stärkten, wenn die Noth
am größesten war, ja wenn der Untergang unvermeidlich schien[131].
In dieser lieblichen Sage spricht sich der Glaube aus an einen Bund
der Seelen, welche hinübergiengen zu der Stätte des ewigen Friedens,
mit jenen, die noch auf dem mühevollen Pilgerwege nach jener oberen
Heimath sind. Es giebt Mächte der oberen Welt, welche für das Reich
wirken und streiten, wie Mächte der unteren; es giebt eine Gemeinschaft
der Heiligen deren lebende Glieder nicht Alle das vergängliche Leben
des Fleisches leben. Der Tod wie das Unterliegen auf einer niedreren
Stufe des Seyns, wird zu einem Aufleben und einem Siege in dem höheren
Reiche; der sterbende Glaubensheld weckte nicht nur öfters durch sein
Sterben in den Seelen seiner Mörder ein neues, höheres Leben, sondern
in dem Augenblick wo ihn das Schwert der Feinde aus dem Dienst eines
sichtbaren Banners der Streiter für das Reich hinwegriß, trat er in die
Reihen der Streiter, die unter dem Schirm eines unsichtbaren Banners
ohne Aufhören Triumphe feiern. Welche große Zahl der vollwichtigen
Garben aus der Mitte des Unkrautes, zur Zeit der Kreuzzüge in die
ewigen Scheuren gesammlet wurden, das soll uns einst der große Tag
der Erndte lehren. Der Glaube welcher nicht nur für das eigne Leben,
sondern für das Leben Aller ringt, welche Glieder sind an dem einen,
lebendigen Haupte, hat auch damals die Keime einer Palme in den mit
Blut befruchteten Grund gelegt, deren eigentliche Wurzel, umgekehrt wie
die Gewächse der Sichtbarkeit nicht in dem irdischen Boden, sondern in
dem Reiche der oberen, himmlischen Kräfte stehet, während die Zweige,
mit ihren Blättern, die zur Gesundheit der Heiden dienen, hinaus ragen
in das Reich des leiblich-sichtbaren Lebens.
Wem sollte nicht gerade hier auf dem Berg der Berge, auf dem Gipfel
des Thabor der Gedanke an ein beständiges Naheseyn des Himmlischen und
Göttlichen bei dem Leben der Mühe und der Grabstätten, sich aufdringen?
Moses und Elias, in ihrer Mitte Er selber welcher eher war denn beide,
lassen da noch fortwährend einen Strahl jenes Entzückens auf die Seele,
auch des ärmsten Jüngers fallen, das hier an dieser Stätte einst Petrum
und Johannem und Jacobum ergriff; die Stimme aus der Wolke: »den sollt
ihr hören« bezeugt sich da noch immer durch innre Bewegungen und
Kräfte, welche in das selige Seyn der Ewigkeit hinüberragen.
»Ja, hier ist gut seyn« so rief auch der Mund noch einmal aus, als das
Auge von einem Ende des hehren Gesichtskreises: von Judäas bis zu des
Libanons, von Gileads bis zu des Carmels Höhen sich ergangen hatte, und
des Sehens nimmer satt den Lauf immer von neuem begann und fortführte.
Mich wandelte ein Sehnen an, mit dem einsamen Syrischen Christen nicht
bloß noch Stunden, sondern Tage und Wochen auf dem Berge zu bleiben.
Von Zeit zu Zeit aus der weiteren Aussicht zurückkehrend, besahen
wir uns auch das, was hier näher vor Augen und zu unsern Füßen lag.
Diese Mauern, die noch jetzt in bedeutender Stärke eine Schutzwehr
des steilen Abhanges bilden, mögen wohl noch zum Theil ein Rest der
Befestigungswerke seyn, welche Josephus, der Geschichtsschreiber, im
Kampfe für sein Volk, hier, am Itabyrion gegen die Macht der Römer
anlegte und in vierzig Tagen vollendete. Ein Werk der gesegneten
Hand die in Palästina überall »Erbauung« zu stiften bemüht war, die
Kirche der drei Apostel Petrus, Johannes und Jacobus erstund schon in
den Zeiten der Kaiserin Helena auf dem Thabor und damals hatte sich
um diesen Tempel eine kleine von Christen bewohnte Stadt angebaut.
Mönche aus dem Griechischen Orden der Basilianer haußten später in dem
Kloster des heiligen Elias; Mönche aus Clugny begründeten das Kloster
der Abendländischen Christen. Die Letzteren hatten ihr Haus der Höhe
nur wenige Jahre bewohnt als im Jahr 1113 auf das Gebot des Sultans
von Damaskus ein Heer der Sarazenen ins Land kam, das seine Gräuel
der Verwüstung auch über den Berg der Verklärung ausschüttete, dessen
Kloster es verheerte und die Mönche ermordete. Vier und siebenzig Jahre
nachher, im Jahr 1187, drei Tage vor der unglücklichen Schlacht von
Hittin ward dieser hehre Thabor mit dem Nachbarlande zugleich zu einem
unheildrohenden Vorzeichen für das Reich der Christen, denn auch seine
Friedenswohnungen hatte damals die Mordfackel der Feinde entzündet.
Dennoch war die Wetterwolke die sich im Frühling (April) des Jahres
1263 am Thabor aufzog noch ungleich furchtbarer als die, welche der
edle Held Saladin über das Land führte. Denn damals ließ Sultan Bibar,
dem jede Schonung aus Edelmuth fern war, die schöne Kirche auf dem
Thabor, gleich jenen zu Nazareth und zu Cabula von Grund aus zerstören
und bald nachher erhub sich der Wüthrich mit seinem Heer vom Fuße
dieses Berges, wo für einige Zeit sein Lager war, und erfüllte das
Land bis zum Ufer des Meeres mit Strömen des unschuldig vergossenen
Blutes der Christen, wie mit Flammen und Trümmern der Städte und
Dörfer. Seitdem hat der Glaube der Christen ferner keine Tempel von
Menschenhänden gemacht und keine Wohnungen der Andacht auf dem Thabor
begründet, nur jährlich einmal versammlet sich ein kleines Häuflein der
Lateinischen Christen zu dem Gottesdienste, welchen die Franziskaner
aus Bethlehem in einer Felsenhöle halten, die sie zur Capelle geweiht
haben; einige hundert Schritte von da begehen, in größerer Schaar, die
Griechischen Christen des Landes das Fest der Verklärung.
* * * * *
Wir hatten uns fast fünf Stunden auf dem Gipfel des heiligen Berges
verweilt; sie waren uns vergangen wie fünf Minuten. Der Syrische Christ
hatte meine Gefährten zu einer Art von natürlicher Cisterne: einer
Eintiefung im Felsen geführt, deren Wasserspiegel (denn wir hatten
nichts zum Schöpfen) nur durch einen kühnen Sprung zu erreichen war.
Durch das Feld des verwilderten Roggen (wenigstens herrscht diese
Getraideart hier wie in einigen Stellen der Ebene Esdrälon an Menge
über den Bartwaizen vor) und die Gebüsche des blühenden Storax, die
Hände erfüllt mit Sträußen der Blut-Immortelle und andrer, seltnerer
Pflanzen des Landes zogen wir fröhlichen Herzens wieder hinunter nach
Daburah, aus dessen von Bienen wie von Kühen (die da ihren Stall
haben) bewohnten Felsenhölen auch noch für uns heute die Segnungen
des gelobten Landes, Milch und Honig floßen. Die christliche Sage des
Landes will, daß hier bei Daburah die Stätte gewesen sey an welcher der
Herr als er mit den drei zu Zeugen erwählten Jüngern vom Berge wieder
hinabkam, das Gedränge des Volkes um die andren hier zurückgebliebenen
Jünger versammelt fand, unter ihnen den Vater mit dem mondsüchtigen
Sohne, dessen Leiden der noch schwache Glaube der Apostel nicht zu
überwinden vermocht hatte.
Ich machte, mit einem der jungen Freunde (mit Herrn Franz) auch den
Heimweg nach Nazareth wieder zu Fuße, und wir kamen früher zum Ziele
als die auf Maulthieren reitenden Gefährten. Wen sollten die Stunden
eines Frühlingstages, zugebracht auf dem Thabor, nicht verjüngen und
anziehen, nach seinem Maße, mit Kräften des Adlers, »der wieder jung
wird.« Auch nach dem Abendessen ergiengen wir uns noch gemeinsam beim
hellen Schein des Mondes, der fast voll war, im blumenreichen Thale
von Nazareth, am Brunnen der Maria. Zwar erinnert in diesem Städtlein
noch immer die kleine Moschee mit dem Minaret, der neben ihr wie ein
dürrer Stab emporraget, an die Herrschaft des Islams, doch ist diese
in unsern Tagen eine ungleich mildere und leichtere geworden als sie
in den Zeiten der früheren Reisenden war. Der Christ wandelt jetzt bei
Tage wie bei Nacht mit Sicherheit in einer Gegend, deren Bewohner ihrer
vorherrschenden Zahl nach Genossen oder Mitbekenner seines Glaubens
sind und auch die hiesigen (wenigen) Mohamedaner leben in gutem
Einverständniß mit den Christen.