Oben am waldigen Gipfel war ich vorangegangen und hatte mich, ohne

dieß zu bemerken, von dem Wege, den meine Freunde nahmen, entfernt.

Doch wer würde auch da, in dem Lustgefilde des Thabor es innen werden,

daß er allein sey und einer menschlichen Unterredung begehren. Ist

doch hier jeder Odemzug, der mit dem Duft der balsamischen Gesträuche

zugleich in die Brust dringet, ist doch selbst der unmerkliche Schlag

des Herzens ein Sprechen des Lebens mit seinem Quell und Anfang.

Wenn dort, wo in das dunkle Grün der Wallnußbäume der schlanke

Azedarach seine lilafarbenen Blüthentrauben verwebt; wo mit dem Roth

der eben ausbrechenden Rose das gelbliche Weiß der Storaxblüthe sich

vermischet, oder wenn auch dort, wo am Stamme der alternden Pistazie

der Epheu emporklimmt und am Saum des Eichenwaldes die Gesträuche des

Alhaghi wie des Ladans grünen, der Anblick der zerstörten Klöster und

Christentempel ein Zug werden wollte, hinab zu Gedanken der Trauer,

dann wirket alsbald diesem abwärts gehenden der Zug eines »freudigen

Geistes« entgegen, der die Seele hoch emporhebt über alles Leid und

alle Trauer der Erde. Wie das Gold unter den andren Metallen, so ist

der Thabor der schönste unter allen Bergen der Erde; gleich einem

Thautropfen auf dem Blatt der Rose, der auf seiner klaren Fläche den

blauen Himmel und den Strahl der Sonne abspiegelt, stehet der »heilige

Berg« da über der grünenden Ebene von Esdrälon und die Erinnerungen die

in dem Schatten seiner Eichen erwachen sind herrlicher als der Strahl

der Sonne und das Blau des Himmels im Spiegel des Thautropfens. Aber

auch ohne diese Erinnerungen würde der bloße natürliche Eindruck, den

dort die blühende grünende Nähe wie die weithin sichtbare Ferne auf die

Sinnen machet, in jedem Wandrer der den Thabor besteigt einen Nachhall

der Worte: »hier ist gut seyn« erregen. An sich selber erscheint

die Höhe von 1748 Par. Fuß, bis zu welcher der Berg der Berge nach

unsrer barometrischen Messung über den Meeresspiegel emporragt, keine

sehr bedeutende. Abgesehen jedoch davon daß die Thalsohle unterhalb

Dabury nur 438 Fuß Höhe hat und daß mithin die Linie des senkrechten

Aufsteigens von hier an bis zum Scheitel über 1300 Fuß misset, ragt

auch dieser Scheitel um mehr denn 200 Fuß über die Berge seiner

Nachbarschaft, und die Aussicht von seiner Höhe fußet am Spiegel

des Tiberiassees auf einer Tiefe welche um mehr denn 535 Fuß unter

das Meeresniveau gesenkt ist. Die senkrechte Linie der Erhebung vom

Ufer jenes nachbarlichen Sees bis zum Gipfel des Thabor kommt mithin

nahe an 2300 Fuß. Es ist jedoch vor allem die Stellung, in der Mitte

zwischen der wunderbaren Tiefe in Nordosten, den großen Höhen in

Norden und an dem Thore der weiten Thalklüfte zwischen dem Carmel und

dem Gebirgsstock Gilboas, zwischen Ephraims und Judäas Höhen, was

der Aussicht vom Thabor ihre ganz besondre Kraft giebt. Denn auf den

scharfen dunklen Farbenton, den der Anblick des Tiberiassees und der

mitten innen liegenden Ebene giebt, antwortet wie das Echo von einer

fernen Gebirgswand das blendende Weiß des Schnees auf dem Gipfel des

Antilibanon; neben das tiefe, dunkle Blau der Berge Ephraims und Judäas

stellt sich das bleiche Grün der Berge Gilboas und des nachbarlichen

kleinen Hermon hin.

Es war ein Unfall jener Art, dergleichen uns mehrere auf dieser Reise

begegneten, daß unser kunstverständiger Freund, der Maler Bernatz,

an dem Morgen an dem wir von Nazareth nach dem Thabor giengen, nicht

sogleich bei uns war, sondern in der Nachbargegend beschäftiget, erst

später uns nachkam, so daß er nur zur Zeichnung des Berges selber,

wie derselbe unten vom Thal des Kison erscheinet, nicht zu jener des

Panoramas der Aussicht, die man oben hat, Zeit gewinnen konnte. Ich

beschreibe deshalb nur in einigen Zügen die Hauptfäden des Gewebes der

Höhen und Tiefen das man von dem Berge aus überschaut. Tief in Süden

glaubten einige von uns den Spiegel des todten Meeres zu sehen, doch

war dieser Anblick, bei der Stellung der Sonne gegen das Auge höchst

ungewiß und undeutlich. Desto deutlicher war der des Genezarethsees und

eines Theiles des Jordansbeckens, dessen gegenüberstehende Höhenränder

wenigstens durch ihre Farben und Schatten sich unterscheiden. Vom

Jordan her ziehen sich in fast südwestlicher Richtung drei bis vier

Reihen von Bergrücken hinter und neben einander herüber, deren

südlichere mit dem Gebirg von Samaria sich verbinden, die nördlicheren

aber nach der Ebene Jesreel abfallen. Das Gebirge von Dscholan, im

Osten des Tiberiassees und des Jordans erscheinet, besonders in seinem

nördlicheren Verlaufe auch vom Thabor aus noch von bedeutender Höhe,

namentlich aber blickt man nach Saphet als auf einen höher gelegnen

Punkt hinan und selbst in West und Nordwesten von Nazareth stellt

sich das Gebirge als eine hohe Mauer vor die freie Aussicht nach dem

Mittelmeere, welche dennoch an einigen Stellen sich öffnet, so daß der

Thabor ein Anhaltspunkt für die genauesten trigonometrischen Messungen

der verschiednen Höhen jener Wasserspiegel des Ostens und Westens

werden könnte.

An den beschatteten Gemäuern der zerstörten Klöster vorüber, dann

über die freie, von hochwüchsigem, verwildertem Getraide hinweg und

durch eine Art von verfallenen Thorweg war ich meinen Reisegefährten

voran nach den Trümmern jener ansehnlichen Veste gekommen, welche

die Sarazenen gegen Anfang des dreizehnten Jahrhunderts als Zeichen

ihres nahe vollendeten Sieges über das Reich der Christen auf dem

Thabor erbauten. Auf einer Balustrade des alten Burggemäuers lag ein

schlafender Mann, in der Kleidung des hiesigen Arabischen Volkes; er

selber, der Schlafende, hätte kein Bedenken erregt, desto nöthiger

aber schien es mir zu forschen ob nicht wachende Männer derselben Art

im Gemäuer verborgen seyen, denn ich hatte nicht einmal einen Stock

zur Abwehr bei mir. Mein Bedenken wurde indeß gehoben da ich einen

Blick in das neben dem Schlafenden liegende Buch warf, welches mich in

ihm den Christen erkennen ließ, denn es war ein altes, christliches

Andachtsbuch in Syrischer Sprache. Der Mann erwachte und schien

anfangs über den Anblick eines neben ihm stehenden, fremden Menschen,

der in seinem Buche blätterte, etwas betroffen; mit verlangender Miene

sahe er nach seinem Schatz und steckte das Buch sogleich, da ich es ihm

zurückgab, in seinen Pilgersack, der ihm zum Kopfkissen gedient hatte.

Wir wurden indeß bald mit einander bekannt und später erfuhr ich von

ihm daß er hieher gekommen sey um vierzig Tage lang in der Einsamkeit

des Thaborgipfels zu wohnen und zu beten. Drei Viertheile dieser,

von ihm zu frommen Uebungen bestimmten Zeit waren schon vergangen,

das letzte Viertel, bis zur Feier des diesjährigen Osterfestes der

Orientalischen Christen war noch übrig; die Hirten und Dorfbewohner der

Nachbarschaft versorgten den Einsiedler von Zeit zu Zeit mit Brode;

sein Pilgersack enthielt einen Vorrath getrockneter Früchte; zum

Getränk diente ihm das Wasser einer Cisterne, nahe bei der Stätte der

zerstörten Eliaskirche.

Die Reisegefährten, bei denen auch meine Hausfrau sich befand, waren

indeß herbeigekommen, wir genossen nun gemeinsam der Aussicht am

Gemäuer der Feste, deren einzelne Punkte, so weit dieß nöthig war,

der Syrische Christ und ein Mann aus Dabury, der mit den Freunden

gekommen war, uns benannten und erläuterten. Zu unsren Füßen, im

Thale das zwischen dem Thabor und Hermon sich hinziehet, liegt jenes

Nain, an dessen Thore einst der Herr den Sohn der Wittwe aus den

Todten zurückrief; nicht weit hiervon ein andres Oertlein erinnert auf

andre Weise an den gewaltsamen Einbruch einer lebenden Gewalt in das

Reich der Todten: es ist Endor, wo die Magierin den Geist Samuels des

Propheten gewaltsam heraufführte vor Sauls Angesicht. Siegreicher

jedoch und göttlich hehrer denn selbst zu Nain brach die Macht des

ewigen Lebens in das Reich der Sterblichkeit hier, auf dem Thaborgipfel

herein, da Er selber, des Lichtes und des Lebens ewiger Anfang sich vor

den Augen der drei erwählten Jünger verklärte, also daß sein Angesicht

leuchtete wie die Sonne und seine Kleider hell wurden wie der Blitz.

Denn hier war es wo Moses und Elias in der Klarheit des Himmels Ihm

erschienen und mit Ihm redeten von dem Ausgang, welchen Er sollte

erfüllen zu Jerusalem, während mächtiger noch denn Moses und Elias

und alle Kräfte der Himmlischen die Stimme des ewigen Vaters selber

zeugete aus der Wolke, von Ihm, dem geliebten Sohne, »den wir hören,

auf dessen Wort wir merken sollen«[113]. Als damals Petrus, ergriffen

und dahingenommen von der Entzückung des Himmels sprach: Herr, hier

ists gut seyn; lasset uns drei Hütten machen, dir eine, Mosi und Elias

eine, da wußte er nicht was er redete. Wußten vielleicht, so fragt uns

da unten in der nachbarlichen Ebene das Schlachtfeld von Hittin, auch

jene Kämpfer für die sichtbare Herrschergewalt des Christenthumes,

welche den Wunsch des Jüngers Jahrhunderte hernach erfüllten und hier

an dem Orte da es gut seyn ist nicht bloß Hütten sondern Tempel der

Andacht errichteten, auch nicht was sie machten? In der That, der

Jünger der jetzigen Tage, wenn er hier, auf der Höhe des Thabor mit

dem Geist der Geschichte sich unterredet, blickt in ähnliche Dunkel

hinein als die waren, welche »die Tage der Erfüllung in Jerusalem«

vor den Augen der ersten Jünger verhüllten. Welche Gegend vermag

schmerzlichere Erinnerungen in der Seele des abendländischen Christen

zu wecken denn diese da, über welcher sich jener begeisternde Glanz der

Morgenröthe, der den Heldendrang der Kreuzzüge weckte, auflößte in ein

armseliges Nebelgewölk, aus dem sich Blut ergoß, das, wie es schien,

keinen schlafenden Keim des Lebens in dem benetzten Boden weckte,

sondern vergeblich dahin gegeben war. Und dennoch, wenn auch Jene, die

das Sehnen nach der Heimath der ewigen Palmen ergriff und dahinnahm,

als sie da, auf dem Boden des heiligen Landes, von welchem die Liebe

bezeugt: hier ist gut seyn, die bleibenden Hütten eines sichtbaren

Herrscherreiches erbauen wollten, es nicht wußten was sie thaten, so

wußte dieß doch Er, welcher des Sehnens Ursprung und Endziel war. Wie

das innre Bewegen, das im Herbst die Schaaren der wandernden Vögel mit

unwiderstehlicher Gewalt ergreift und über Land und Meer dahinführt,

wie der Trieb der Säfte, der in den Tagen des Frühlinges die Tausende

der Blüthen aus dem Fruchtbaum herausdrängt ans Licht, an welchem die

meisten, gleich einer vergeblichen Ueberfülle verblühen und abfallen,

ohne Frucht zu tragen, wie jeder Zug des Instinktes im niedreren

Reiche der Sichtbarkeit ein Walten der Kraft ist, die das Wesen der

Leiblichkeit begründete und beherrscht, so war auch jenes Bewegen,

das die Menschenseelen zu dem Werk der Kreuzzüge dahinriß, nicht von

unten her, sondern es kam von oben, aus einem Anwehen des Geistes, der

dem Menschen im Anfang den lebendigen Odem gab. Auch jene Zeit war

nach ihrem Maaße eine solche, in welcher, wie der Mund der Wahrheit

von einer andern höheren Zeit bezeugte, das Himmelreich Gewalt litt,

und die ihm Gewalt thaten die rissen es an sich[114]. Wird nicht mit

den Tausenden der Blüthen, die wie eine Fülle der Verschwendung sich

herausdrängen und als ein vergebliches Wirken der Natur dahinströmen

auch jene tiefere innerlichere Kraft des Baumes wach, welche die Knospe

weckt aus der die Frucht erwächset, die dann fest und daheim am Stamme

bleibt? Oder ist etwa die Aufregung, welche den jungen Schwarm der

Bienen zur Begründung des neuen Staates treibt, nur für jene Auswandrer

da und wird sie nicht zugleich für die im Stocke zurückbleibende Menge

ein Sporn und Antrieb zur neuen, verstärkten Thätigkeit?

Wie tief in den Zeiten der beginnenden Kreuzzüge der größere Theil der

Abendländischen Christenheit in die rohe Dumpfheit des Sinnengenusses

und in jene fanatische Blindheit versunken war, welche Belials

Thaten und Christi Werk mit einander verwechslet oder doch nicht zu

unterscheiden vermag, das beweist uns eben jener Abschaum der damals

neben den edleren Schaaren die das Kreuz nicht nur äußerlich sondern

auch innerlich trugen, von Westen her über den Osten sich ergoß. Eben

diesem Unrath, der nur zum Theil den geheiligten Boden besudelte meist

aber schon auf dem Wege zum Ziel dem eignen, innern Verderben unterlag,

wollen wir hier keinesweges das Wort reden sondern wie schon erwähnt,

an ihm nur erkennen wie hoch die allgemeine Krankheit gestiegen war

und wie, ohne ein neues Moment der Begeisterung und Belebung von oben

die Christenheit des Westens und ihre Herrscherreiche bald dasselbe

Loos des geistigen Verderbens würde getroffen haben, welchem jene des

Morgenlandes und das Reich der Byzantiner unterlagen. Denn wenn jenes

wilde Heer das im Jahr 1096 unter Wilhelm dem Zimmermann und dem Grafen

Enrico von Mainz, bestehend aus zweimalhundert Tausenden zu Fuß und

drei Tausenden zu Roß, aus Frankreich und Deutschland auszog, eine Gans

und eine Ziege vor sich hertrieb, welche vom Geist Gottes beseelt seyn

sollten und deshalb göttlich von ihm verehrt wurden[115], so bezeugte

es hierdurch nur, was es schon durch seine Gräuelthaten gethan, daß es

nicht von der Macht jenes Geistes geleitet sey, welcher aus der Kraft

des Kreuzes kommt und dieses liebt, sondern von der Macht jenes andern,

finstren Geistes, der das Kreuz hasset. Dieser Geist, welcher nicht

das Leben, sondern den Tod der Menschenseelen sucht und will, war es

auch, der jene fanatisch Rasenden vor Meßburg (Mosony) in Ungarn, als

ihre Uebermacht die Mauern der Stadt bereits gebrochen hatte und der

Muth der Belagerten entwichen war, plötzlich dem Verderben preis gab,

da sie, statt in die eroberte Stadt einzugehen von einem natürlich

unerklärlichen Schrecken dahingerissen innen hielten und in verworrener

Flucht sich über einander stürzten. Weder die gottbegeisterte Ziege

noch die heilige Gans konnten jetzt die Dahingegebenen vor dem

Schwert der Rache retten, das an ihnen die Tausende der gräulichen

Blutschulden, die sie schon auf ihrem Zug durch Deutschland auf sich

geladen, heimsuchte. Auch Gottschalks Heeresgesindel, das etwas

früher auf der Ebene von Belgrad unterlag und Petrus des Einsiedlers

mit Walthers ohne Habe unbändige Schaaren, welche zu Helenopolis das

Verderben ereilte, bewiesen durch ihre Thaten wie durch ihr Schicksal,

daß in dem größesten Theil von ihnen nicht jener bessere Geist wohne

und walte, der ein Geist der Zucht und Ordnung ist. Selbst jener

abentheuerlich ritterliche Sinn der im Jahre 1101, da schon durch

Gottfrieds von Bouillon und Balduins +I.+ Heldenmuth mitten im

Lande der Feinde ein Königreich Jerusalem begründet war, Tausende,

selbst der edlen Frauen und Jungfrauen aus Deutschland und Frankreich,

im Schutze der wackren Kämpfer unter Wilhelm von Nevers und Wilhelm von

Poitou zur Wallfahrt nach dem heiligen Lande bewog, war noch nicht der

rechte Geist des Christenglaubens und der Ordnung. Das blutige Loos der

Schlachtopfer, das jene vorhin so rüstigen Kämpfer am Halys traf und

das noch elendere, welches den noch jugendlichen Frauen und Jungfrauen

(unter ihnen war Ida von Oesterreich) in der Türkischen Gefangenschaft

begegnete, erscheint zum großen Theil als ein wohlverdientes[116]

und in Wilhelms von Poitou, des Troubadours Liedern, darinnen er

später, als er dem Untergang entronnen wieder daheim war, seine und

der Seinigen damaliges Schicksal besang, sprach sich fast nur jener

Leichtsinn des Menschenherzens aus, der selbst durch schweres Leid nur

auf kurze Zeit entmuthiget, nicht aber geheilt und gebessert wird[117].

Und was Andres als dieser Leichtsinn, gepaart mit dem Hochmuth, der

Herrschsucht und dem Geize des natürlichen Menschen war es, was die

Thaten auch jener Kreuzfahrer deren Anlauf ein besserer gewesen,

befleckte und sie hemmte, mitten auf dem Weg ihrer Siege. Kaum war

die furchtbare Noth, welche das große Heer der Kreuzfahrer unter

Gottfrieds von Bouillon Leitung auf ihrem Zuge durch Bithynien und

Phrygien betroffen und in welcher fast die Hälfte der Streiter

erlegen waren, vorüber, da ergab sich die noch gerettete Hälfte vor

Antiochien, in der Trunkenheit des Leichtsinnes solchen Schwelgereien

und Sinneslüsten, wie sie vormals nur das verdorbene Heidenthum geübt

hatte[118]. Ein unedles Feuer der Herrsucht und des Neides entzündete

sich selbst in Balduins sonst ritterlich edlem Herzen, da er Boëmunds

Banner, durch Tankreds tapfre Hand auf die Mauern von Tarsus gepflanzt

erblickte[119], und solche verderbliche Aufwallungen des Hochmuthes

und der Herrschsucht der Heerführer lähmten späterhin fast auf jedem

Schritte den Fortgang der christlichen Waffen. Erniedrigender jedoch

und Unheil bringender als selbst die Herrschsucht zeigte sich bei

Tausenden von Gelegenheiten der Geiz der Wallbrüder, wenn sie, nicht

gewarnt durch das Unglück das bei solchem Anlaß schon so oft über ihre

Schaaren gekommen war, immer nur zunächst der Beute gedachten und

hierbei nicht selten das Schwert, statt gegen den noch unbesiegten

Feind, gegen die Brüder selber wendeten. Die stets sich wiederholende

Folge eines solchen Beginnens war die, daß der Feind, welcher dem Muth

der Christen, so lange ihr Herz noch ungetheilt bei dem Kampfe für das

Kreuz war, nicht zu widerstehen vermochte, sein Schwert zurückkehrte

gegen die getheilten und hierdurch ohnmächtiger gewordnen Herzen, und

die tödtete oder gefangen nahm, welche schon vorhin im Geize todt oder

schimpflich gefangen lagen. Hätte doch die Raubgier selbst der tapfren

Templer den christlichen Heere fast den Sieg entrissen und alle Früchte

einer wie übermenschlichen Anstrengung und des vielen vergossenen

Blutes der Kämpfer vernichtet und vergeblich gemacht, als im Jahre

1153 unter Balduin +III.+ die festen Mauern des so oft belagerten

Askalons endlich gebrochen und nun der Eingang in die Stadt den tapfren

Belagerern geöffnet war. Denn damit die reiche Beute der Stadt nur ihm

und seinen Rittern zu Theil werde, hatte Bernhard der Großmeister alle

Andre, die außer ihm und seiner Schaar durch die Bresche eindringen

wollten, gewaltsam zurücktreiben lassen, mußte jedoch, denn der edle

Geist der vorhin den Sieg gab, war von ihm gewichen, alsbald der

Uebermacht der Askaloniten unterliegen[120], und diese schlossen von

neuem den Riß der Mauer, welche ohne eine Macht von oben, die über die

Heiden eine unbegreifliche Furcht und Schrecken ausgoß, nie in die

Hände der Christen gekommen wäre.

So hatte, dieß bezeugte später noch vielmehr der Fall von Ptolemais,

des letzten Bollwerkes der christlichen Streiter im Lande der

Verheissung, selbst jene Orden, die wie es anfangs geschienen nicht

sich selber und ihr Eigenes, sondern nur die Sache des Reiches Christi

suchten, und die um dieser Sache willen in so mancher Schlacht ihr

Leben dahingaben, jene geistige Seuche ergriffen der so viele Seelen

der Menschen, die unter dem Panier des Kreuzes nach den heiligen

Stätten zogen, unterlagen. Die Pullanen, das heißt die unmittelbaren

Nachkommen jener Helden, welche das geliebte Land mit ihrem Blute und

tausendfachen Mühen wiedergewonnen hatten, waren nach wenig Jahren

so in Wollust und Dumpfheit der sinnlichen Gelüste entartet, daß

nicht viel fehlte sie wären den entarteten, treulosen Byzantinern

und andern Griechen des Orients an innrer Verdorbenheit gleich

gekommen. Denn wie sich gegen den armen, von den Griechen verrathenen

Rest von Conrads und Ludwigs +VII.+ Kreuzesheer bei Attalia

(im Jahr 1148) die Türken ungleich menschlicher und milder benahmen

als die Griechischen sogenannten Christen[121]; so erwiesen sich

auch später die »Ungläubigen« öfters treuer, edler und brüderlich

liebevoller gegen die fremden, ihnen feindseligen Kreuzfahrer, als

das niederträchtig feige, verkäufliche Volk der Pullanen, zu dessen

Beistand und Vertheidigung doch die Fremden gekommen waren. Und wohl

dem Fränkischen Namen und der Ehre seiner Ritterschaft, wenn die Kunde

der Geschichte nur von den Griechen und den Pullanen und nicht auch in

Beziehung auf ihn es bekennen müßte, daß bei den Ungläubigen öfters

jener Geist der Großmuth und Milde, welcher selbst des besiegten

Feindes schont und der Hülflosen sich erbarmt; jener Geist der edlen

Zucht und Ordnung, welcher mit Recht als eine der höchsten Gaben des

Christenglaubens gepriesen wird, mehr gewaltet hätte als bei den

Verehrern des Kreuzes. Wie geistig größer und höher erscheint Saladin

als Richard Löwenherz[122], dessen natürliche Tapferkeit mit Recht

unsre Lieder preisen. Sagt uns doch diese Geschichte ganzer Heere,

wie die Geschichte der Einzelnen, in alter wie in neuer Zeit, daß der

Besuch der heiligen Stätten, der ritterliche Feuereifer für das heilige

Land das Herz an sich selber weder heilig noch gerecht mache. Denn

selbst jener hochsinnige, jugendliche Held, Sigurd der Norwegische

Königsohn, dessen christlicher Edelmuth, dessen sich selber vergessende

Uneigennützigkeit, Demuth und Milde als hohes Vorbild den andren

Kreuzfahrern leuchtete, versank, da er mit dem Lorbeer nicht nur der

vielen Siege, sondern mit der Palme und Weihe des Besuches der heiligen

Stätten in sein Land zurückkehrte, hier gar bald in den Abgrund der

schnöden Wollust und der Laster[123]. Und so löste sich noch vielmehr

bei Andren die heilige Flamme, welche, so geistig hoch sie geschienen,

dennoch nur durch sichtbar Vergängliches entzündet und genährt war, in

qualmenden Rauch und Asche auf.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 13 / 41 段