in den Gärten und Feldern zwischen den Ruinen herum und genossen
hierbei der erhaben schönen Aussicht über die grünenden Thäler und
Höhen. Die Umgegend von Samaria ist unvergleichbar reicher und
fruchtbarer als die von Jerusalem, und wenn der Mensch hier nur
im geringsten Maaße seine Pflicht gegen die Natur erfüllte, dann
würde diese Gegend eine hundertfach größere Zahl der Bewohner mit
den köstlichsten Früchten ihres Bodens ernähren und erquicken. Bei
einer der niedren Hütten, die noch zu den reinlichsten des armen
Ortes gehörte, setzten wir uns auf ein Marmorstück das zu einem
Troge für das Vieh zugehauen war. An seiner Außenfläche hatte sich
ein Theil des kunstreichen halberhabenen Laubwerks erhalten. Es sind
keine erhebenden Erinnerungen die sich an den Anblick der Reste des
Herodianischen Sebaste knüpfen; ein Gefühl, wie dasselbe die Schwüle
eines heißen Mittages erregt, beengt die Seele wenn sie an die alte
Geschichte dieser Residenz des Ahab und der andren ihm gleichgesinnten
Könige Israëls denkt. Aber mitten durch diese Schwüle bricht, wie ein
kühlender Sturmwind, die Erinnerung an die Thaten Elisa, des Mannes
Gottes herein, welcher mächtiger und fester begründet denn die Säule
Baals, dort auf dem Berge, seinem Volk eine Denksäule war des Namens
und der Wundermacht Jehovahs. Es ist nun eine Theurung andrer Art über
das arme Samaria gekommen als jene war, aus welcher der Herr durch den
Mund des Elisa die unerwartet plötzliche Rettung verhieß und Hülfe
gewährte[104]; möchte doch auch an dieser Stätte das Erstorbene, wie
jener Leichnam, den die Träger auf die Gebeine Elisas warfen, wieder
aufleben und auf seinen Füßen stehen[105].
Wir giengen wieder hinunter ins Thal, zu unsrer Reisegesellschaft.
Es war heiß geworden und die Oelbäume gewährten nur wenig Schatten.
Der Herrschervogel des Landes: ein Aasgeier, welcher in träger Ruhe
auf den Zweigen einer halberstorbenen Terebinthe saß, zusammen mit
dem widrigen Geruche den die Hitze der Mittagsstunden im Boden des
Thales weckte, erinnerten an Tod und Verwesung; es war uns wohl da
wir wieder auf unsren breitsattlichen Thieren saßen, und von hinnen
zogen[106]. Wir nahmen unsre Richtung gegen Norden, betrachteten noch
einmal den herrlich grünenden Hügel des alten Samaria und die an
seinem nördlichen Abhange stehenden Säulen, dann aber huben wir, in
fröhlicher Erwartung Dessen, das kommen sollte, die Augen auf zu den
Höhen, die vor uns lagen. Ein ziemlich ansehnliches Dorf, bei welchem
wir uns mit saurer Milch statt des Mittagsmahles erquickten, wurde uns
Birke genannt, doch findet sich dieser Name auf keiner Karte und bleibt
uns deshalb zweifelhaft. Von hier zog sich unser Weg zuerst in einer
Schlucht, an dem Bette eines Regenbaches, dann sehr steil nach der Höhe
eines ansehnlichen Berges hinan, auf welchem wir, zu unsrer großen
Freude in Westen wieder das Mittelmeer erblickten. Ein frischer Wind
wehete uns hier entgegen und machte die ermüdeten Augen wieder hell
und klar. Es ist da eine Lustwarte des Landes von der man weithin über
Israëls Reich, vom Meere bis zu den Gebirgen des Jordans schauen kann.
Auch in den Büchern der Heldenthaten wird diese Gegend verherrlicht;
denn nicht fern von unserm Wege sahen wir die Trümmerhaufen hoch auf
ihrem Felsenhügel liegen, welche die Stätte des alten Bethulia, des
späteren Sannur bezeichnen. Hier lebte Judith, die Heldin und Retterin
ihres Volkes, die mit kühner That die Macht der Assyrer von Jerusalem
abwandte und zu Schanden machte.
Von der Höhe des Gebirges führte unser Weg tief und steil hinab in
ein Felsenthal, das durch seine Gestalt und seinen grünenden Grund an
die vaterländischen Thäler erinnerte. Es begegneten uns Schaaren der
Griechischen Pilgrime; auch ein alter Türke, mit seinen Frauen, auf
schönen Pferden reitend. Bei einem Dorfe das uns Arabah genannt wurde
stillte ein Arabisches Bauernweib unsren Durst, mit dem Wasser das sie
aus dem nahe bei den Häußern gelegnen Brunnen schöpfte. Wir zogen
weiter im Schatten der Felsenwände durch ein enges, grünendes Thal hin,
das sehr reich an seltnen Insekten und Pflanzen war. An seinem Ende lag
von Baumpflanzungen umgeben das stattlich aussehende Dschennin (Ginäa)
vor uns, in der weiten von Gilboas Bergen begränzten Ebene. Hier endet
die Landschaft von Samaria und jene von Galiläa beginnt.
* * * * *
Das Uebernachten im Freien hatte für uns einen solchen Reiz gewonnen,
daß wir auch heute uns nicht entschließen konnten in dem Städtlein
einzukehren, sondern wir wählten uns nahe bei diesem den Schirm und
Schatten eines alten Feigenbaumes zu unsrer Ruhestätte, welche an ein
Dickicht der Bäume und Gesträuche angränzte, durch das ein kleines
Bächlein seinen Lauf nimmt. Brod und Milch, dazu auch einige Eier
empfiengen wir aus dem Orte. Für das Auge bot Dschennin, außer dem
Anblick der ansehnlichen Moschee und den Ruinen eines christlichen
Klosters nichts dar, das die Aufmerksamkeit hätte an sich ziehen
können; statt der Mauern, von denen sich die verfallenen Reste zeigen,
ist der Ort von einem Dickig der stachlichen Opuntienfeige umzogen.
Wenn aber auch dem Auge hier nicht viel Unterhaltung ward, so empfieng
diese doch das Ohr, denn ein Brautzug der in Dchennin statt fand ließ
weithin über die nächtlich stille Ebene seine Jubeltriller der Frauen
und die gellend laute Musik vernehmen; auch ein sonderbares Geschrei
vorüberziehender Vögel hörten wir in dieser Nacht, das uns an die alte
Sage vom wilden Heer erinnerte. -- Die Höhe unsers Nachtlagers über dem
Meeresspiegel ergab sich aus den Messungen zu 515 Par. Fuß.
Dienstags den 18ten April waren wir schon mit Sonnenaufgang zur
Weiterreise gerüstet und bald nach sechs Uhr fanden wir uns in der
weiten, grünenden Ebene von Jesreel; auf dem Blumengefilde von
Esdrelom. Es ist dieß eine Gegend, an welcher das Auge des Fremdlinges
und Pilgrims sich nicht satt sehen kann, er mag nun zunächst den
Reichthum des Bodens oder die Schönheit der benachbarten Gebirge, oder
die an ihren Fuß und in den Thälern zerstreuten Orte betrachten und
hierbei ihrer Geschichten gedenken. Dabei war der Morgen so schön,
die Luft so balsamisch, in unsren Gliedern ein solches Gefühl von
Leichtigkeit, daß es uns, auch wenn wir, wie dieß hier meist geschahe
zu Fuße durch die blumigen Felder hingiengen, so zu Muthe war, als
würden wir von der sanften, weichen Luft getragen. Am meisten fiel
das von der Morgensonne beleuchtete Gebirge Gilboas zu unsrer Rechten
ins Auge und in der Erinnerung wachte der Klaggesang Davids um Saul
und Jonathan auf. »Die Zierde Israël ist auf deinen Höhen erschlagen,
wie sind die Helden gefallen! Sagets nicht an zu Gath, verkündet es
nicht auf den Gassen zu Asdod, daß sich nicht freuen die Töchter
der Philister, daß nicht frohlocken die Töchter der Unbeschnittnen.
Der Bogen Jonathan wich nie zurück, das Schwert Saul ist nie leer
wiedergekommen; Saul und Jonathan liebreich und holdselig in ihrem
Leben sind auch im Tode nicht geschieden; sie waren leichter denn
die Adler und stärker denn die Löwen. Ihr Töchter Israël weinet über
Saul. -- Jonathan ist auf (Gilboa's) Höhen erschlagen. Mir ist wehe um
dich, mein Bruder Jonathan; gar wonnig warst du mir; deine Liebe ist
mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist. Wie sind die Helden
gefallen und die Streitbaren umgekommen!«[107]
Am Fuße der schönen, wellenförmig gerundeten, von grünen Einbuchtungen
durchzogenen Gebirge Gilboas liegt Zerin, das alte Jesreel, der Ort auf
dessen Namen ein Gewicht der vielen großen Blutschulden aber auch der
Verheißungen ruhet[108]. Hier in der Nähe bei Ain (am Quell Tubania)
lagen Israëls Heere vor der unglücklichen Schlacht mit den Philistern,
in welcher Saul und seine Söhne fielen. Auch am Abhange der westlichen
Berge, welche dem Gilboa gegenüber die schöne Ebene begränzen, zeigten
sich im Glanz der Morgensonne mehrere Ortschaften deren eine unsre
Mucker uns Sili, die andre Om el Bachem (Mutter der Kohle) nannten;
dort weiter gegen Norden lag auch Thaanach, die Denkstätte von Baraks
Siege über das Heer der Canaiter und über Sissera den Feldhauptmann.
Wenn von Gilboas Höhen das Klagelied ertönet über Israëls blutigen
Jammer und den Tod seiner Helden, dann antwortet ihm gegenüber auf
den Hügeln von Thaanach der Triumphgesang des Barak und der Debora,
der Mutter in Israël: »Die Könige kamen und stritten, da stritten
die Könige Canaan, zu Thaanach am Wasser Megiddo; sie nahmen nicht
Silbers Gewinn. -- Vom Himmel ward wider sie gestritten; die Sterne in
ihren Bahnen stritten wider Sissera. Der Bach Kison wälzte sie, der
altberühmte Bach, der Bach Kison. Tritt meine Seele auf die Starken.
Da rasselten der Pferde Füße vor dem Zagen; dem Zagen ihrer mächtigen
Reiter. -- Also müssen umkommen, Herr, alle deine Feinde! Die Ihn aber
lieb haben müssen seyn wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht[109].«
Ein andrer Anblick that sich weiterhin unsern Augen auf, mächtig und
hehr wie ein Ferngesicht der von oben kommenden Begeisterung. Die
Berge Gilboas zogen sich allmälig zurück, die Höhen des Hermon traten
jenseit des Thales hervor und hinter und neben denselben erhub sich,
wer sollte ihn an seiner vor allen Bergen ausgezeichneten Form nicht
erkannt haben, -- der Thabor. Bei diesem Anblick erwachte in der Seele
das Lied Ethans des Esrahiten[110]. Ich will singen von der Gnade des
Herrn ewiglich und seine Wahrheit verkündigen mit meinem Munde für
und für. -- Herr Gott Zebaoth, wer ist wie du ein mächtiger Gott? und
deine Wahrheit ist um dich her. Norden und Süden hast du geschaffen,
~Thabor und Hermon jauchzen in deinem Namen~. Gerechtigkeit und
Gericht ist deines Stuhles Festung; Gnade und Wahrheit sind vor deinem
Angesicht. Wohl dem Volke, das (Dir) frohlocken kann. Sie werden über
deinen Namen täglich fröhlich seyn, denn du bist der Ruhm ihrer
Stärke.«
Auf dem Gipfel des Hermon stehet eine Moschee, deren ansehnliches
Gebäude weithin über das Land sichtbar ist; unten im Thale aber, am
Fuße des Höhenzuges des Hermon zeigte sich, minder augenfällig als die
Moschee des Berggipfels, aber dennoch eine lieblichere Erscheinung,
zur Rechten unsers Weges Sulim, das Sunem der heiligen Schrift. Hier
lebte die Sunanitin, die Freundin des Mannes Gottes Elisa, die der Herr
fröhlich machte und tief betrübte, und welcher er wiedergab was er ihr
genommen, durch seine wunderbare Hand, weil sie nicht abließ vom Hoffen
und vom Glauben[111].
Der Boden des Gefildes Jesreel oder Esdrälon ist ein Feld des
Getraides, dessen Samen keine Menschenhand aussäet, dessen reife
Aehren kein Schnitter erntet. Denn wenigstens der größeste Theil des
Getraides, in dessen hohen Halmen die Maulthiere bis an den halben Leib
verdeckt gehen, säet sich von selber aus den reifen Aehren aus, deren
Ueberfülle kein Bewohner des Landes benutzt und genießt. Die Heerden
der Schafe und Ziegen so wie der Stiere, treten in diesem verwilderten
Saatfelde der Natur mehr nieder als sie abweiden; der Eber vom Thabor
und Carmel wühlet ungescheucht und verborgen hinter dem hochwüchsigen
Grün den fetten Boden um und zuweilen erschleicht in diesem Versteck
des Grünes auch der Leopard, wenn der Hunger ihn vom Gebirg
herabführte, ein Thier der Heerde. Unter den hohen Halmen der Gräser
zeigen sich die buntfarbigsten Blumen namentlich aus der Familie der
Liliengewächse, aus der wir hier einige neue, noch unbeschriebene Arten
fanden und sammleten. Bei einem Zeltendorfe der Beduinen, welches etwas
seitwärts von unserm Wege lag, erquickten wir uns reichlich an der
vortrefflichen, sauren Schafmilch. Langsam schleicht hier ein Wasser
durch den sumpfigen Grund, das gegen Nordwesten, dem Kison zuströmt.
Mittag war schon vorüber da wir uns dem Ufer des altberühmten langsam
fließenden Kison naheten, der so wie er an dieser Stätte und zu dieser
Jahreszeit erscheint bei uns zu Lande kaum den Namen eines Flußes
empfangen würde. Dennoch geht er an manchen Stellen, wo sein Bett sich
in den fruchtbaren Grund grub, so tief und schlammig als die Unstrut.
Fast unmittelbar jenseits der Furth des hier seichteren Flüßleins
steigt der Weg berganwärts, zuerst eine reichliche halbe Stunde
ziemlich steil und beschwerlich, dann zieht er sich ohngefähr eben so
lang (abermals eine reichliche halbe Stunde) neben einer grünenden
Schlucht, welche ein wenig Wasser hat, allmäliger aufwärts nach der
Höhe, die jedoch nicht der eigentliche Gipfel des Berges, sondern
nur der höchste Punkt der Straße ist. Hier findet sich ein Brunnen,
an welchem unsre Maulthiertreiber ihre Thiere tränkten; Pilgrime die
zum Osterfeste zogen und von denen uns auf unsrem heutigen Wege schon
ganze Schaaren begegnet waren, weilten hier, unter ihnen eine Frau,
an welcher wir die seltsame Sitte des Nasenschmuckes (Ringe mit edlem
Gestein, die am rechten Nasenflügel befestigt waren) bemerkten.
Von der Höhe am Brunnen senkt sich der Bergabhang allmälig gegen
Norden hinab. Ich war vorausgegangen; im nahen Anblick von Nazareth,
bei einer kleinen, natürlichen Grotte, wartete ich der Freunde. Die
Hausfrau hatte in der grünen Bergschlucht jenseits des Brunnen eine
lebendige Landschildkröte gefangen, die wir später wohlbehalten mit ins
Vaterlande brachten und der Hand eines lieben Freundes übergaben; unter
den Pflanzen, welche die jungen Freunde am Berge gesammelt hatten,
prangten die gelben ansehnlichen Blüten des Acanthus. Wir kamen auf
Sturmwindsflügeln nach dem stillen, guten Nazareth; denn ein Orkan
aus Südost, welcher ganze Wolken voll Staub und Sand mit sich führte,
hatte sich aufgemacht und trieb uns zur Eile an, welcher er, da wir
ihn zum Glück im Rücken hatten, sogar günstig war. Das große Gebäude
des Lateinischen Klosters, das einer Veste gleicht, war bald erreicht;
die Väter desselben waren so eben zum Nachmittags-Gottesdienst in der
Kirche versammelt; dennoch fanden wir Männer ohne Schwierigkeit Zutritt
unter das feste Obdach des Klosters, während die beiden Frauen, weil
hier strenge Clausur ist, noch im Hofe unter dem beweglichen Obdach
der Staub- und Sandwolken, das der Sturm bald aufbaute, bald wieder
niederriß, verweilen mußten. Endlich kam der Prior; wir überreichten
unsre Empfehlungsschreiben aus Jerusalem und fanden die herzlichste
Aufnahme. Für uns Männer war freilich bald ein Unterkommen in einem
Seitengebäude des Klosters selber gefunden, aber mit der Aufnahme
der beiden weiblichen Pilgrime hatte es dießmal große Schwierigkeit.
Das Erdbeben vom 1ten Januar hatte das Pilgerhaus, das an der
gegenüberstehenden Seite des Hofes zur Aufnahme solcher Gäste bestimmt
gewesen war, ganz niedergestürzt, und obgleich an seinem Wiederaufbau
rüstig gearbeitet wurde, fand sich doch noch kein einziges bewohnbares
Zimmer in ihm. Indeß brachte man die beiden vorläufig unter ein Obdach
und bald wurde ihnen in einem andren kleinen Häuslein des Klosterhofes
das Zimmer eingeräumt, welches gewöhnlich ein Schreiber oder
Rechnungsführer des Klosters bewohnte, der gerade verreist war. Dieses
wurde dann während unsers Aufenthaltes in Nazareth unser gemeinsames
Speisezimmer am Mittag und Abend, und bei Nacht die Ruhestätte der
Reisegefährtinnen. Ein Umstand erschien mir bei der Geschichte dieser
kleinen Unbequemlichkeiten und ihrer Veranlassung denkwürdig. Nach
einem früheren Plan unsrer Reise, nach welchem wir zuerst Palästina,
dann Aegypten und den Sinai besuchen wollten, ein Plan der noch in
Smyrna uns vorschwebte hatten wir die Adventszeit in Jerusalem,
Weihnachten in Bethlehem, das neue Jahr in Nazareth zubringen wollen.
Wäre dieser Plan durch eine passende Schiffsgelegenheit begünstigt
worden und gelungen, dann hätte uns, menschlich gesprochen, das
Erdbeben vom ersten Januar gerade in der Mittagsstunde in dem Zimmer
des damals zusammengestürzten Pilgerhaußes beisammengefunden, und
in demselben Augenblick wo auch ein Theil des niederbrechenden
Portales der Kirche mehrere unter ihm stehende Kinder und Erwachsene
zerschmetterte, auch uns unter den Trümmern begraben können.
Der Sturm hatte sich gelegt, der Himmel war wieder heiter geworden; wir
beschlossen noch heute unsern Antrittsbesuch in der Stadt und ihrer
Umgegend zu machen. Nazareth liegt in dem muldenförmig ansteigenden
(westlichen) Ende eines Thales des Kreidekalkes, dessen rundliche
Höhen in vielfache Schluchten getheilt sind und das gegen Osten
allmälig zur Ebene abfällt. Die Höhe des Thales über dem Meere misset
da, wo Nazareth liegt, 821, jene der Ebene am westlichen Fuße des
Thabor 439 Par. Fuß. Dagegen steigen die Höhen, welche zunächst der
Stadt in Westen, Südwest und Nordwest das Thal umgürten, bis zu einer
Höhe von 1500 bis 1600 Fuß an und gewähren die Aussicht zugleich
nach dem beschneiten Gipfel des Libanon und Antilibanon und nach dem
Spiegel des Mittelmeeres. Ich habe an wenig andern Gegenden die Züge
der Freundlichkeit und Milde mit jenen des hohen Ernstes so vereint
gefunden als an der von Nazareth; das blumenreiche Thal ist eine
immer jugendliche Mutter, welche nur der Pflege und Ernährung ihres
Lieblinges: des Menschen gedenkt, das Gebirge ein lehrender Vater,
der den Blick auf die Höhen wie auf die Tiefen hinleitet. Die Palme,
obwohl vereinzelt, gedeihet in Nazareth, besser aber noch die Orange,
die gewürzhafte Feige, der Oelbaum, die Granate, unter den Früchten des
Feldes aber die Baumwolle. Das Thal, gegen Nord und West geschützt,
stehet dennoch den Nordost- und Ostwinden offen, und, wenn auch nur
selten, wird dennoch in einzelnen Jahren und auf einzelne Tage die
Kälte des Winters für die nur schlecht gegen sie geschützten Bewohner
empfindlich.
Die Stadt selber glich damals, da wir sie sahen, einer von tiefem
Wehe heimgesuchten Trauernden, welche nach der alten Sitte des Landes
das Haupt mit Asche bestreut, auf den Haufen des Schuttes saß; denn
das große Erdbeben hatte ganze Häußer darniedergestürzt, andre aber
so zerrissen und baufällig gemacht, daß ihre leichtgebaute Schönheit
dahin war. Wir besahen zuerst die Stätte unsers Aufenthaltes: das
lateinische Kloster. Ein eignes Nebengebäude desselben ist zu einer
Schule eingerichtet, in welcher eine ziemliche Anzahl größerer und
kleinerer Schüler von etlichen Vätern des Klosters im Schreiben und
Lesen des Arabischen, im Rechnen und nebenbei auch im Italienischen
oder Spanischen unterrichtet werden. Die Kirche (der Verkündigung)
die in ihrer jetzigen Form nicht viel über hundert Jahre alt ist
hat einen verhältnißmäßig bedeutenden Umfang und ist von gefälliger
Bauart. Sie ist nur ein neuer Aufbau jener oft (namentlich im Jahr
1263) von Grund aus zerstörten und wieder aufgebauten älteren Kirche,
deren erste Grundlage Helena, die Mutter der Erbauung, an der Stelle
veranlaßte, an der einst das Haus der Maria gestanden. Das eigentliche
Heiligthum dieser Kirche ist jenes vormals unterirdische Gemach, in
welchem die christliche Andacht die Stätte der Erscheinung des Engels
und der Verkündigung verehrt; zwei Säulen, davon die eine in der Mitte
abgebrochen ist, bezeichnen die Orte wo Maria stund und wo der Engel
sie begrüßte. Außer diesem zeigen die Mönche noch ein andres Zimmer
oder Felsengemach, welches, während die erkohrene Jungfrau die heilige
Elisabeth besuchte, von einer Freundin bewohnt war. Etwas seitwärts
von der Stadt findet sich, am Fuße des ansehnlichen Griechischen
Klosters, in einer Schlucht des Gebirgsrandes, der Brunnen der Maria.
Sowohl dieses Kloster als auch seine nächste Umgebung waren voller
Griechischer Pilgrime; ganze Familien von diesen hatten im Schatten der
Bäume ihr Lager aufgeschlagen, denn Nazareth ist bei den Wallfahrten
ein Hauptpunkt des Ausruhens. In der Stadt selber wird in einer Art
von kleinen Kapelle die Stätte verehrt, da Josephs, des Pflegvaters
Haus stund, in welchem Jesus als Kind mit seinen Eltern lebte und ihnen
unterthan war. In einer Bergschlucht an der Südwestseite der Stadt wird
den Pilgrimen eine natürliche Grotte (Kapelle) gezeigt, in der sich,
gleich einem niedren Tische, eine Felsenplatte findet; hier sollte
der Herr auch nach seiner Auferstehung mehrmalen mit seinen Jüngern
verweilt haben. Gegen Abend kehrten wir ins Kloster zurück, in welchem
die guten Väter aufs Trefflichste für unsre Bewirthung gesorgt hatten.
Denn außer dem köstlichen Libanonwein trug man uns Fleisch vom wilden
Schweine auf, einer Thierart die in dieser Gegend nicht selten ist.
Auch nach dem Abendessen ergiengen wir uns noch während der Dämmrung
im Garten des Klosters, der zwar minder schön gelegen als jener von
St. Johann, dennoch eine nicht minder sorgfältige Pflege verräth. Die
Mönche von Nazareth bauen unter anderm auch Tabak an, aus welchem sie
eine Art von Spaniol bereiten, welcher dem besten Spanischen nicht
nachstehet.
Mittwochs, den 19ten April machten wir uns auf zum Besuch des Thabor.
Der Weg führt, am Marienbrunnen vorüber, den hohen Berg hinan, jenseits
welchem ein zweiter Bergkessel sich dem Auge eröffnet, der mit jenem
von Nazareth nach der Ebene Esdrälon sich hinabsenkt. Wir zogen am
Abhange des Berges neben diesem Bergkessel hin, dann senkt sich der Weg
hinab nach einem niedrigeren Bergsattel, der die Verbindung zweier,
einander gegenüberstehender Höhen bildet. Sein gras- und buschreicher
Boden wird von Aegilopseichen beschattet, deren dicht belaubte Zweige
sich weithin ausbreiten; in den Gebüschen sangen Vögel, von dem
Geschlecht unsrer einheimischen Sänger, ihr Morgenlied. Wir hatten, von
Nazareth hieher, anderthalb Stunden Zeit gebraucht.
Eine Wanderung durch eine Gegend wie diese hier, in den Morgenstunden
eines Frühlingstages, müßte in jedem, auch dem historisch unwerthesten
Welttheile, Herz und Sinnen beleben und erquicken; wenn sich aber zu
den aufregenden Eindrücken auf die äußren Sinnen, im Innren der Gedanke
gesellt, daß hier durch diesen grünenden Eichengrund der Weg zum Thabor
gehet, daß dieses da die Auen und Berge von Galiläa sind, auf denen der
Fuß Dessen, durch welchen alle Gegenden und Völker der Erde gesegnet
sind, in den Tagen Seines Fleisches am öftersten wandelte, dann wird
mit dem Leibe zugleich auch die Seele sich erheben und der Geist sich
freuen an einem Naheseyn, dessen Kräfte zwar überall, hier aber in
besondrer Stärke ihn berühren. Wenn auch nicht die Stätte der längst
zerstörten Kirche von Kabula, wie die christliche Sage des Landes
dieses bestimmte, der Ort des Gebirges war, wo der Herr nach seiner
Auferstehung fünfhundert Jüngern auf einmal erschien und ihren Glauben
stärkte; so war doch gewiß eine dieser nachbarlichen Höhen die Stelle
jenes seligen Wiedersehens.
Der letzte Theil des Weges zieht sich über einen sanften Abhang nach
der Ebene des Kison hinab, auf welcher sich der Thabor, abgeschieden
von allen Nachbarbergen wie ein Altar im Felde erhebt. Dieser Nasiräer
unter den Bergen trägt schon in seiner auffallend symmetrischen
(runden) Form ein Gepräge des Außerordentlichen: Fragte man den Pilgrim
aus fremden Lande, der noch nie eine Beschreibung vom Thabor hörte oder
las, indem man ihn hinstellte auf die Ebene vor den Karmel und
Gilboa's Höhen, vor Hermon und Hermonim: welche von allen diesen Höhen
hältst du für den heiligen Berg?[112] er würde ohnfehlbar auf diese
einsam im Felde stehende, grünende Felsenwarte hindeuten. Denn wie dem
Angesicht eines Menschen, welcher zur That der höheren Begeisterung
bestimmt war, glaubt man diesem Itabyrion es anzusehen, daß Der,
welcher ihm seine Gestalt gab, mit ihm Gedanken einer künftigen
Verherrlichung hatte.
Nur wenig über das Thal und das Bette des Kison erhöht liegen zwei
Ortschaften, am Fuß des Berges nachbarlich beisammen, in der einen
(nördlicheren) von diesen, ~Dabury~ genannt, verweilten wir
einige Augenblicke um uns an der gewöhnlichen Gabe des Landes, an
geronnener Milch zu erquicken, dann setzten wir unsre Füße weiter.
Ueber und neben manchen Trümmern älterer wie neuerer Gebäude (Dabury
hatte in alter Zeit auch eine Christenkirche) giengen wir anfangs
allmäliger aufwärts durch die Felder; das stärkere Ansteigen beginnt
erst da, wo sich auf dem breiteren Fußgestell des unteren Drittels
(?) des Berges sein eigentliches rundliches, mit Wald und Gebüsch
begränztes Haupt erhebt, dessen Scheitel eine nur wenig gegen Westen
gesenkte Ebene bildet. Das Aufsteigen von Dabury bis zum östlichsten
(höchsten) Punkt des Scheitels hatte gegen 1¹⁄₂ Stunden gedauert; die
Gebirgsart, aus welcher der Thabor besteht, ist Kreidekalk.