Wir giengen zuerst zu dem Wasserbehältniß, von dem ich vorhin sprach,

in welches eine Fülle des Wassers, das man vom Fuß des Garizim hieher

geleitet hat, sich ergießt und von da weiter durch mehrere Gegenden

der Stadt fließt. Von da stiegen wir hinan zu dem Abhange des Garizim,

von welchem aus man die Stadt, in ihrer ansehnlichen Längenausdehnung,

mit den hohen Minares und dem Gemisch der alten wie neuen Häußer am

besten überblickt. Hier theilten wir uns, damit die kurze Zeit zu

Wahrnehmungen der verschiednen Art so gut als möglich benutzt würde;

+Dr.+ Erdl mit dem Barometer stieg in Begleitung des Herrn Franz

hinan auf den Garizim um eine beiläufige Messung seiner Höhe zu

begründen; Herr Bernatz und ich blieben mit unsrem Griechischen Führer

in der Nähe des Thales und der Stadt. Jene beiden stiegen zwar bis weit

über die Weingärten und Oelbaumpflanzungen des Bergabhanges hinauf; sie

genossen hier weithin der Aussicht über die Gebirge Ephraims und Judas,

sahen gegen Westen das Mittelmeer und ergötzten sich vornämlich an dem

Anblick des majestätischen Ebal so wie der in Nordost erscheinenden

Höhengruppen des Gebirges Gilboa, dennoch aber hatten sie den

eigentlichen Gipfel des Berges nicht erreicht. Die Höhe des Punktes,

den sie bestiegen hatten wurde nach ihren barometrischen Messungen zu

2398 oder beiläufig 2400 Par. Fuß berechnet, der eigentliche Gipfel mag

aber an Höhe dem Oelberg (zu 2500 Fuß) gleichkommen; unsre Herberge im

Griechischen Kloster liegt 1751 Fuß über dem Meeresspiegel.

Während unsre beiden Freunde die Luft des Gebirges athmeten, erquickten

wir andren beiden uns auf bequemere Weise hier an dem Lustgarten des

Landes. In den nördlicheren Gärten der Stadt stunden die Bäume der

Orangen und Citronen eben in voller Blüthe und strömten weithin, von

einem frischen Nordwestwind durchwehet den balsamischen Duft aus;

in dem Gebüsch am Wege wie an den Bäumen der Gärten hatte hin und

wieder die Granate, in dem purpurnen Gehäuße der Blüthe das Gold

der Staubfäden entfaltet; an dem alten Gemäuer, das vielleicht noch

aus den Zeiten des Römischen Herrscherreiches herstammt, klommen

die Stämme des Epheus empor. Fast alle Gärten waren heute der Feier

des Mohamedanischen Hohenneujahrfestes bestimmt; die Besitzerinnen

derselben, vor Allem aber die Kinder, saßen im Schatten der Bäume und

genossen, mit lauten Aeußerungen der Freude der süßen Speisen und des

geselligen Spieles. Außen vor den Gärten, nahe bei dem nordwestlichen

Ende der Stadt vergnügte sich ein Theil des ärmeren Volkes bei einem

gemauerten Brunnen, dem sein Wasser aus einer breiteren Schlucht des

Berges zuströmt.

So ergießt der hehre Garizim noch immer seine leiblichen Segnungen und

ihre Freuden, obgleich die Kinder des Landes die Quelle jener geistigen

Segnungen, deren Schattenbild die leiblichen sind, sich und Andren

großentheils verstopft und verdorben haben.

Zwischen den Gärten hindurch nahmen wir jetzt den Weg zu dem am

Westende der Stadt gelegenen, angeblichen Grabe des Eleasar, des

Sohnes Aarons. Eine spätere Sage des Landes hat die Stätte dieses

hohenpriesterlichen Grabes hieher verlegt, obgleich die älteste

wahrhaftigste Kunde als den Ort der Beisetzung Gibea Pinehas

bezeichnet[92]. Da indeß das später lebende Geschlecht öfters seine

Volkssagen an Gegenden des Landes knüpft, welche auf irgend eine andre

Weise historisch bedeutend und sehenswerth sind, hatten wir dennoch

beschlossen das Denkmal des Nebi oder Propheten zu sehen. Seine Stätte

wird in einem Türkischen Hauße gezeigt, das von einem Garten umgeben

ist, in welchem blühende Orangenbäume neben dem Gebüsch der Rosen

und des Geisblattes ihren Schatten auf zerstreute Marmortrümmer der

alten Zeit warfen. Als die Stätte des Grabes wurde uns ein Mauerwerk

der offenbar neueren Zeit bezeichnet, das in einem gewölbten Gemach

des Haußes steht. Ein altes Türkisches Weib, das zur Familie des

Hausbesitzers zu gehören schien, hatte von einem Theil jenes Gemaches

Besitz genommen; mit einem Schelten, das sich durch ein kleines

Geschenk gern besänftigen ließ, öffnete sie uns die Thüre zum Innren.

Während mein junger Freund Bernatz zeichnete, wandelte mich die Lust

an den alten Thurm an der Mauer des Gartens zu besteigen. Das letzte

Erdbeben hatte in seinem Innren solche Verheerungen angerichtet, daß,

wie ich später erfuhr, seitdem noch niemand wieder auf seine Höhe

hinaufgekommen war. Auch mein Griechischer Begleiter, der mir ein Stück

Weges gefolgt war, kehrte da er die Zertrümmerung sahe wieder um; der

oberste Theil der Wendeltreppe fand sich eingestürzt; das letzte Ende

des Weges, beim Hinaufsteigen auf den Kranz des Thurmes mußte mühsam

erklommen werden. Ich konnte aber nun auch dort oben einige Zeit

allein bleiben mit meinen Sinnen und Gedanken und mit der Aussicht

über das herrliche Thal und seine Bergwände. Wie sonderbar stehen

jene vielen, uralten Grabeshöhlen, welche in die Felswände des Ebal

gehauen sind, den neulich entstandenen Türkischen Gartenhäußern und

Madnehs gegenüber! Durch welche Wetterwolken hat sich das Licht, das

von oben kam, getrübt und gebrochen, wie es im Laufe der wechslenden

Jahrhunderte auf die Wasser von Sichem herabfiel. Hier in der Nähe war

Mores Hain, in welchem Abraham, da der Herr ihn hatte gehen heißen aus

seinem Lande und von seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hauße,

zuerst als Gast und Pilgrim wohnete; hier war es, wo er dem Namen

Jehovahs, dem Herrn der ihm erschienen war, einen Altar errichtete[93];

hier schlug Jacob, da er aus Mesopotamien zurückkam, sein Lager auf und

erkaufte für sich und die Seinen das Feld auf welchem der Altar stund

»des starken Gottes Israëls«[94]; hier erneuerte das Volk, das Josua

zum letzten Male vor sich versammlete, den Bund mit Gott und gelobte

dreimal das Festhalten an Jehovah und seinen Dienst: den Gehorsam

gegen Gottes Stimme[95]. Und dennoch ward dieses Sichem nicht bloß der

Ausgangspunkt der politischen, erdbürgerlichen Zerspaltungen der Stämme

Israëls unter Rehabeam[96], sondern der noch tiefer gehenden, geistigen

Spaltungen unter dem Priester Manasse[97]; der Wohnplatz eines tollen

Pöbels, welcher der Weisheit Feind war[98]. Auch das Wort vom Heil,

da es der Herr selber und dann seine Apostel dem Volk dieses Landes

verkündeten, ward zuerst freudig aufgenommen, dann von dem nämlichen

Volke (unter Justinians Regierung) blutig verfolgt; hier ist schnell

wechslend, wie die Bewegung des rinnenden Wassers, bald Jehovah, bald

Jupiter, Christus und Mohamed Herrscher der Seelen gewesen. Und jetzt

erscheint seit Jahrhunderten der Letztere, der Prophet des Irrthumes im

ungestörten Besitz seines geistigen Reiches! -- War etwa dort, gegen

den Ebal hin, wo sich ein dichtes Gebüsch aus der Schlucht hervordrängt

jene Eiche (Terebinthe) bei Sichem, unter welcher Jacob die fremden

Götter vergrub[99] und sind nun die vergrabenen wie der Wurzelausschlag

einer längst vermoderten Eiche, aus dem Boden hervorgestiegen auf

die Wipfel der Minares und in die Moscheen? Doch nein, es sind keine

fremden Götter, es ist dennoch Abrahams, auch ihres Vaters Gott, der

Gott der »große Wunder thut,« dem diese ohne Seinen eigentlichen Namen

zu kennen, Gottesdienst und Verehrung bezeugen. Er aber weiß und kennt

ihre Namen, und wie die Ströme von Garizims leiblichen, werden auch

die von seinem geistigen Segen einst wieder über das Land und seine

Bewohner sich ergießen.

Da ich herunterkam vom Thurme fand ich den Besitzer oder Aufseher des

Gartens und des Hauses, der bei unsrer Ankunft abwesend gewesen war,

wieder zurückgekehrt; der Mann war unwillig, daß ich auf den Thurm

gestiegen war, nicht etwa, so schien mir es, aus Theilnahme an meinem

Wohlbefinden, das vielleicht dabei hätte gefährdet werden können,

sondern aus jenem abergläubischen Mistrauen der Bewohner des Orients

gegen uns »listige« Franken, die überall wo sie in altes Gemäuer oder

in Grotten der Gräber kommen die hier verborgnen Schätze an sich

ziehen.

An den Trümmern der vormaligen Herrlichkeit, die wir im Garten und

an einigen benachbarten Orten herumgestreut sahen, ließ sich kaum

erkennen zu welchem Ganzen sie vormals gehört hatten; ob diese

Säulentrümmer einst, da sie noch beisammen waren, die Vorhallen eines

Römerpallastes oder eines Tempels getragen hatten. Diese Bausteine,

seitdem man sie zuerst gehauen hatte, sind auch gar manchmal von

ihrer Stätte gerückt und zu andrem Bau zusammengefügt worden; jene

Marmorstücken, die vorhin ein Theil des Jupitertempels gewesen, haben

später das Obdach einer Christenkirche getragen. Ich gedachte, da

unser Führer auf dem Nachhausewege uns auf die Trümmer einer alten,

wie es schien ansehnlichen Christenkirche aufmerksam machte, eines

solchen geistigen Bausteines der vorhin einem Tempel, der hohen und

dennoch geistig menschlichen Weisheit eingefügt gewesen, dann aber,

diesem entrissen ein Werkstück wurde, das auf dem Ecksteine ruhend

den Tempel der ewigen, geistig göttlichen Weisheit bilden half. Ich

gedachte an einen meiner Lieblinge in der Geschichte der Kirche Jesu,

an ~Justinus~, den Blutzeugen, der in Sichem geboren und in alle

Tiefen und Höhen der Weisheit der alten Welt eingeführt, nachmals

aber, im Jahr 163 nach Christo zu Rom, unter Marcus Antoninus dem

Philosophen gemartert und enthauptet ward, weil er jene höchste,

einfältige Weisheit, bis zum Tode treu, als Wahrheit bekannte, welche

alle Höhen der Menschenweisheit zu Schanden machet. Dieser Sichemite

Justinus, hatte bei den Meistern der Stoa, dann bei den Peripatetikern,

den Pythagoräern und Platonikern noch immer nicht das gefunden was das

Sehnen des Menschengeistes nach einem bleibend Wahren stillt, obwohl

die Letzteren ihn, weil sie zu dem Sehnen eine Hoffnung gesellten, am

meisten nach dem Quell, den er suchte, hingeführt hatten. Da wandelt

er einst (es war zu Alexandria) nachsinnend über das große Räthsel

des Menschenlebens, dessen Geist ein ewiges Fragen ist, am Strand des

Meeres, und hier begegnet ihm ein ehrwürdiger Greis von so viel andrem

als gewöhnlichem Aussehen, daß sein ganzes Aufmerken auf ihn gezogen

wird. Der Jüngling wagt es, den Greis anzureden; er spricht zu ihm von

der Seligkeit der einsamen stillen Betrachtung. Der Alte erwiedert daß

nicht in der innern Beschauung, sondern in der nach außen gehenden

That die Beseligung des Geistes gefunden werde. Darauf redet jener

von seinem Sehnen Gott zu finden und zu erkennen und rühmet sich des

philosophischen Wissens, als des rechten, nächsten Weges zu diesem

Ziele; der Alte aber spricht dagegen von einer Weisheit, welche älter

ist denn die des Plato und des Aristoteles, von einem Worte das nicht

Menschen, welche nach Ihm forschten, sondern Er selber zum Geist des

Menschen gesprochen, und welches sicherlich saget, was Er der Herr sey,

und was der Mensch durch Ihn und zu Ihm werden solle. Nachdem auf diese

Weise der Alte den Jüngling hingewiesen auf die Bücher der Propheten,

eines, schon bei dem Geschlecht des damaligen Tages sehr verachteten

Volkes, und auf die Lehren und Berichte der Apostel, fügt er hinzu:

»vor allem bete, daß Gott selber dir die Thore des Lichtes aufthun

möge, denn sie können von Keinem erschauet werden dem es nicht von

Gott und seinem Christus gegeben wird.« Der Greis entfernte sich und

Justinus sahe ihn niemals wieder, aber ein Feuer der Liebe war in ihm

entzündet, das ihn hinführte zu den Schriften der Propheten, so wie zu

dem Umgang mit den Freunden Christi, und sein Glaube ward mit Kräften

der Ewigkeit gestärkt da er erfuhr und sahe an dem Beispiele der neben

ihm wandelnden Bekenner, wie selig es sich in und mit Christo lebt und

stirbt. Sey mir gesegnet du Baustein des Tempels, der nie vergeht,

Justinus der Blutzeuge. Auch Andre wie du können es von sich mit den

Worten jenes alten Liedes sagen: »Ich lief verirrt und war verblendet,

~ich suchte dich~ und fand dich nicht«; aber wenn dann auch diesen

Andren die »Thore desselben Lichtes« aufgethan wurden, das dir sich

kund that, wo blieben bei ihnen diese Treue bis zum Tode, dieser Ernst

der hindurchdringt zum Leben, welche in dir waren?

Es nahete der Abend, ich und mein Freund Bernatz, nachdem wir auf kurze

Zeit bei den Reisegefährten im Kloster zugesprochen und da gesehen

hatten, daß der Arabische Knecht zwar Vorräthe für das späte heutige

»Mittagsessen« eingekauft aber noch nicht zum Genießen zubereitet

hatte, eilten noch einmal hinaus zu Josephs Grabe und zum Brunnen der

Samariterin. Schon beim Hinausgehen aus dem östlichen Thore sahen

wir die Frauen und Kinder, denen die Sitte des Landes ein zeitiges

Nachhausegehen gebietet, auf dem Steige, der am Fuße des Garizim

hinführt, zur Stadt ziehen; die Nachbarschaft von Josephs Grabe war

jetzt für uns geräumt und zugänglich. Auch diese Ruhestätte der Gebeine

jenes Erzvaters, der sich lieber sein Grab in Palästina's unscheinbaren

Auen als bei Aegyptens Königstempeln gewählt hatte, ist, wie ich schon

vorhin erwähnte, aus wohlmeinender Ehrfurcht von den Mohamedanern

überbaut und zu einem Orte der Gottesverehrung erhoben worden. Wie

zwischen liebende Arme nimmt der Garizim die geheiligte Ruhestätte in

eine seiner grünenden Schluchten auf; am Saume des Granatengebüsches

stehet einsam die Königin des Thales, die weiße Lilie[100]. Sie, die

ungeschmückte Tochter des Landes, ist schöner als Salomos Pracht und

Aegyptens Herrlichkeit.

Noch einmal gingen wir am Feldrande hinunter, nach dem Brunnen Jacobs;

dem Brunnen der Samariterin. An unsrem Wege zeigte sich einige Male

das vermuthliche, jetzt grün bekleidete Gemäuer des alten Sichems.

Denn hier auf Jacobs Acker und in der Nähe von Josephs Grabe in

dem breiteren Thale waren Jacobs Hütten und die Stätte von Josuas

letztem Landtag; da sind die Felsenhöhen des Garizim von denen das

Volk die Verheißungen eines Segens vernahm, welche Berg und Thal,

Höhen und Tiefen mit ihren Alles befruchtenden Kräften erfüllen.

Andre, höhere Segnungen aber sprach Der aus, der hier am Brunnen mit

der Samaritanerin redete. -- Ja, gieb uns allewege solches Wasser,

damit der Durst, den das Sehen und Genießen aller Schönheiten und

Herrlichkeiten der Erde nicht vergnügen konnte, in Dir und durch Dich

gestillt werde.

Auf dem Heimwege, fast beim Untergang der Sonne, maßen wir noch die

Breite der Thalsohle unmittelbar bei der Stadt, und betrachteten

die Oelbaumpflanzungen am Fuße des Ebal. Es bleibt dennoch dabei,

daß, schon wegen der Menge seiner Quellen und seiner Lage gegen die

Himmelsgegend, der Abhang des Garizim ungleich fruchtbarer ist als der

des Ebal; oben auf der schattenlosen Höhe mögen beide sich gleich seyn.

Vom Brunnen Jacobs bis zum Thore der Stadt hatten wir, langsam gehend,

ohngefähr 20 Minuten Zeit gebraucht. In der Stadt fanden wir Schaaren

von Knaben, geführt von ihren Schulmeistern und einigen Derwischen,

welche Fahnen trugen, auf denen sich Mohameds und Hhosseyns Namenszüge

buntgestickt zeigten; sie sangen da, nach einer wohlklingenden Tonweise

Lieder, welche dem Fest entsprachen und empfiengen an den Häußern die

Gaben des Aschura.

Unsre, deshalb bedauernswürdigen Freunde hatten schon lange auf uns

mit dem abendlich späten Mittagsessen gewartet, welches von Mahomed,

nicht dem Propheten, sondern dem Arabischen Knechte seit länger als

einer Stunde gefertigt war. Wir führten unsre Entschuldigungen unter

den Fahnen Hhosseyns und Mohameds, denn wirklich hatte der Gesang

der Kinder, den man ja in allen Zungen und Zonen gerne hören mag,

unser Heimkommen so sehr verspätet. Die Güte der Freunde nahm diese

Entschuldigung an und ließ das Wohlwollen, das Alles versüßt, mit zum

halb erkalteten Mahle niedersitzen. Mit dem Aufsuchen des Lagers der

Ruhe, nach dem wir heute Alle uns sehnten, hätte es übrigens keiner

solchen Eile bedurft und es wäre besser und vergnüglicher gewesen wenn

wir uns noch beim Schein des Mondes in der Stadt und ihrer Umgegend

ergangen hätten. Denn als uns, denen das Lager unter den Vorhallen des

Kirchleins als Ehrenplatz zugekommen war, das Schlafen beliebte, da

beliebte den Tausenden der kleinen Insekten, welche die Gesellschaft

des Menschen suchen, das Wachen, und auch wir waren, gegen unsern

Willen genöthigt, den größten Theil der Nacht mit dieser thierischen

Gesellschaft wach zu bleiben.

So frühe wir auch, Montags den 17ten April schon munter gewesen

waren wurde es dennoch sechs Uhr des Morgens ehe sich alles zum

Aufbruch bereit fand. Ich war, mit einigen der Reisegefährten zu Fuß

vorausgegangen; der Griechische Führer von gestern hatte uns nebst

einem andern Griechen begleitet, um sich, ohne daß man im Kloster es

merken sollte, zu der schon erhaltnen Zugabe auf das gestrige Geschenk

noch eine Nachzugabe zu erbitten. Da er das Gebetene empfangen hatte

stellte er uns seinen Landsmann vor, als einen solchen der im Kloster

sehr gut bekannt sey und welcher gestern sehr gern mit ihm zugleich

uns würde begleitet haben, wenn er nicht gerade über Land gewesen

wäre. Auch dieser gute Wille mußte denn, wie billig, belohnt werden.

Indeß waren unsre Mucker mit der übrigen Reisegesellschaft gekommen

und wir zogen, theils reitend, theils zu Fuße gehend im Thale, das

in fast nordwestlicher Richtung verläuft, weiter. Hier ist Wasser in

solcher Fülle, daß, wenn Menschenhände da wären diese Segnungen zu

benutzen und sie in verständiger Art über das Gefilde zu leiten, das

ganze, umliegende Land gar bald aus einer üppig grünenden Wildniß

der Bäume, Gräser und Sumpfgewächse ein schöner Garten werden müßte.

Auch aus den Bergabhängen zur Rechten des Weges, die vom Ebal sich

fortsetzen, dringen jetzt reichliche Quellen hervor; das Wasser zum

Bach geworden, staucht sich an vielen Stellen des Thales zum Sumpf oder

zu kleinen seichten Teichen an. Nach fünf Viertelstunden kamen wir bei

Beit Ajaba (unsre Mucker nannten es Betiba) an einer Wasserleitung mit

12 Bögen vorüber, welche noch jetzt Wasser führt. Wir ließen diese

zur Linken und wendeten uns dann, in mehr nördlicher Richtung rechts

hinan auf das Gebirge über dessen einzelne Höhenabsätze wir fast

eine Stunde lang hinzogen, dann tief hinabstiegen in das Kesselthal

von Samaria oder Sebaste. Die vormalige Stadt, so wie das armselige

Oertlein Sibusti oder Schomrom, das anjetzt ihre Stätte einnimmt, lag

auf einem Hügel welcher, namentlich gegen Nordost, Nord und Nordwest

sehr steil aus dem Thale aufsteigt, und großentheils mit herrlichem

Baumwuchs bekleidet ist. Unten im Thale, vor dem Fuße des Stadthügels

kamen wir an einer Wasserleitung vorüber, welche noch jetzt einem

Mühlrad sein Aufschlagwasser zuführt; nicht weit von da bemerkt man

das Gemäuer eines alten Wasserbehältnisses oder Teiches. Wir ließen

unsre Maulthiere sammt ihren Führern im Schatten der alten Oelbäume,

während wir selber unsren Weg hinauf nach dem Hügel und zwar zuerst

nach dem, noch jetzt in seinen Trümmern mächtigen Gebäude nahmen,

das schon aus der Ferne unsre Aufmerksamkeit angezogen hatte. Es war

dieses vormals eine christliche Kirche, welche durch das Material

aus dem sie zusammengefügt ist, so wie durch Form und Größe als eine

der beachtenswerthesten aus der christlichen Herrscherzeit dieses

Landes erscheint. Ist sie doch schon an dieser Stelle, und durch

ihre Bedeutung, ein höchst merkwürdiges Gebäude. Samaria, seitdem

Amri der König von Israël sie begründet[101] eine königliche Feste

der Stämme Israëls, war dennoch zu seinem höchsten Glanze, zu seiner

Würde einer Königin der Städte erst durch Herodes den Großen, dem

Augustus sie wieder gab, gelangt. Hier stund jener goldne Palast, hier

waren die Tempel von Herodes erbaut, deren Herrlichkeit mit jener

der Paläste und Tempel von Rom wetteiferten. Es war ein Sohn dieses

großen Herodes, von Malthace der Samaritanerin: Herodes Antipas, der

Vierfürst von Galiläa, welcher den vor seinen Augen geringen, aber

»guten Mann« Johannes den Täufer[102] zu Machaerus, im Lande jenseit

des Jordans hinrichten ließ; er selber jener Herodes der Große, der

Mörder der unschuldigen Erstlinge zu Bethlehem, hatte hier in Samaria

das Blut der beiden Söhne, seiner aus Argwohn gemordeten Gemahlin

Mariamne vergossen[103]. Und von wem reden nun seit anderthalb

Jahrtausenden diese Marmorsäulen und Quader, die vormals das Dach von

Herodes goldnem Pallast und seinen abgöttischen Tempeln getragen?

Führen sie den Namen des großen Herodes oder seiner beiden hier

hingerichteten Söhne? -- Von diesen weiß die Kunde des Landes und

das seit Jahrhunderten hier lebende Volk kaum mehr die Namen noch

weniger die Thaten. Man sagt daß schon die Kaiserin Helena, gesegneten

Andenkens, da auf dem Hügel zu Samaria ein Kirchlein dem Namen jenes

geringen aber gerechten Mannes errichten ließ, dessen Haupt Herodes

der Sohn als Lohn für den vettelhaften Tanz einer fürstlichen Dirne

dahingab. Die Johanniterritter haben dann auf den Grund und Boden

des alten Kirchleins den ansehnlichen Tempel aus einem noch größeren

Trümmergehäufe der Herodianischen Herrlichkeit errichtet, dessen

Ruinen noch fortwährend das Vornehmste sind, an welchem die Kunde der

Eingebornen wie die Aufmerksamkeit der vorüberziehenden Fremdlinge

haftet. Denn von Johannes »dem Propheten« spricht der hiesige Araber

und Türke mit Verehrung und zeigt in einem, freilich wohl erst in

den Zeiten der christlichen Herrscher so mit Gemäuer und getäfeltem

Boden ausgestatteten unterirdischen Gemache, den angeblichen Ort, da

Johannes, der große Vorgänger, von Herodes Antipas sollte im Gefängniß

behalten und enthauptet worden seyn. Es findet auch bei dieser Kunde

jene Verwechslung der Seitenzahlen, im Buche der Oertlichkeiten der

Geschichte statt, von welcher wir früher (S. 95) sprachen. Eine

weisliche Zulassung jener höheren, ewigen Weisheit, die über dem Werke

der Ur- wie der Abschriften wachte; damit nicht über dem menschlich

eitlen Festhalten an der leblosen Zahl und Gestalt der Seiten der

Inhalt derselben übersehen und vergessen würde.

Die Ruinen der alten Kirche, in welche wir über die zerbrochene

Ringmauer und dann durch eine Art von Fensteröffnung hineinstiegen,

erinnern durch ihre Gestalt an die vaterländischen Christenkirchen

des 12ten und 13ten Jahrhunderts. In dem starken Gemäuer bemerkt man

allenthalben die eingeflickten Werkstücke, und, die nach Gutdünken

behauenen, architektonischen Bestandteile von früheren Gebäuden,

deren Erbauer nicht an eine Ehre dachten die vor Gott, sondern die

vor Menschen gilt. Von den Ruinen der Kirche stiegen wir weiter hinan

und herum an dem Hügel, namentlich zu jenen noch jetzt im Garten der

Feigenbäume aufrecht stehenden Säulen, die auf seinem Gipfel ins Auge

fallen. Wir zählten derselben, die am Boden liegenden mitgerechnet,

einige zwanzig. Uns schien es als hätten sie zu einem Vorhofe, wer weiß

von welchem Gebäude gehört; ihre alte Reihenfolge ist oft unterbrochen,

indem bald hier, bald da mehrere zerbrochen und hinweggenommen sind.

Höher als die Stätte dieser, eben nicht ausgezeichnet schönen Säulen

findet sich eine Plattform, auf der das eigentliche Hauptgebäude mag

begründet gewesen seyn. Ansehnlicher, an Zahl und Gestalt, so wie an

Ausdehnung ihrer Reihen erscheinen jene Säulen die sich am südlichen

Abhange des Hügels zeigen und auch am nördlichen Abhange, tiefer gegen

das Thal hin bemerkt man, gleich Schaaren von Müssiggängern, die noch

Keiner zu einem nützlichen Tagwerk dingte, solche dastehende Säulen.

Viele aber der schönsten Kapitäler von solchen Säulen und viele der

Marmorplatten sind von den jetzigen Herren des Weinberges von Schomrom:

von den Arabern und Türken zum Dienste des täglichen Bedürfnisses

benutzt und gedungen, denn sie sind Mauerstücke und Thürschwellen ihrer

armseligen Hütten und Ziegenställe geworden.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 11 / 41 段