Nachdem wir noch eine halbe Stunde lang durch das schöne Thal, das

sich hier mehr erweitert, gezogen waren, wendeten wir uns wieder zur

Linken (etwas westlich) und stiegen fast drei Viertelstunden lang

den Bergabhang hinan gegen Sindschil, das wir zu unsrem Ruheort für

die nächste Nacht erwählt hatten. Wir erreichten die Nähe des Dorfes

kurz vor Sonnenuntergang. Der Ort ist von Türken und Arabern bewohnt;

man bot uns, da wir kein Zelt hatten, freundlich den Vorplatz vor

der Moschee zur Stätte des Nachtlagers an, wir zogen es jedoch vor,

außen im Freien, auf einem von niedern Mauern umschlossenen, reichlich

grünendem Platze zu schlafen und schlugen hier unser Pilgerlager

auf[81]. In der That ein herrlicheres Schlafgemach als dieses konnte

nirgends gefunden werden. Die Abendsonne warf ihre Strahlen auf das

jenseit dem Thale in Ost und Nordost gelegne Gebirge, das in rundliche

Kuppen ausläuft, und von grünenden Schluchten und Flachthälern

durchzogen wird. In einer sattelförmigen Eintiefung der Höhen, fast

in Nordost von Sindschil zeigte sich Silun: das Silo der heiligen

Schrift, dessen Name eine Friedselige bedeutet. An diesem Ort eines

seligen Friedens hatte lange Zeit hindurch, von Josua bis auf Samuel

die Stiftshütte ihren geheiligten Wohnsitz, denn hier versammelte sich

unter dem Manne, den der Herr an Mosis Statt zum Retter und Führer des

Volkes erwählt hatte, die ganze Gemeine der Kinder Israël und richteten

daselbst die Stiftshütte auf, und das Land war ihnen unterworfen[82].

Und wem sollte nicht vor allem, bei dem Anblick von Silo die liebliche

Geschichte von Samuel dem Knaben einfallen[83]; die Geschichte jener

Hanna die dort bei dem Heiligthume des Herrn mit tiefbetrübtem Herzen

weinte und betete, und welcher der Gott Israëls gab ihre Bitte, die

sie von ihm gebeten hatte, nämlich einen Sohn der dem Herrn verlobt

war von Mutterleibe an. Dahin nach Silo brachte Hanna das Kind, sobald

es entwöhnet war, damit es vor dem Herrn und in seinem Dienste bleiben

möge sein Leben lang, und jedes Jahr wenn die Mutter Hanna hinaufzog

mit ihrem Manne Elkana von Ramathaim Zophim nach Silo, um daselbst ihr

Opfer zu opfern, brachte sie dem Knaben ein kleines Oberkleid mit und

sahe mit fröhlichem Herzen wie der Knabe gieng und nahm zu und war

angenehm bei Gott und bei den Menschen. Denn Er, der allein heilig ist,

hatte auch darinnen das Gebet der tief Betrübten und hoch Getrösteten

angesehen, daß Er die Füße des Ihm Geheiligten behütete, daß er nicht

verführt ward zu den Sünden der Söhne Eli; Er hatte ihn ausgesondert

und gerufen bei seinem Namen damit er ein Seher würde des Verborgenen

und Künftigen; ein Mund durch welchen der Herr sprach zu seinem Volk.

Mitten in dem Lande, das mir in meiner Kindheit als ein unerreichbar

fernes, fast wie jenseit des Grabes, im Himmel gelegenes Land der

Wunder erschienen war, wandelte mich an diesem Abend abermals ein

Gefühl auch des leiblichen Daheimseyns an. Ich weiß nicht mit welcher

Gegend meines lieben Muldenthales diese da, bei Silo, Aehnlichkeit

haben mag; mir war es aber als hätte ich ihr Vorbild schon in den

frühesten Tagen meines Lebens gesehen. Freilich gab es bei uns zu

Hauße, man mochte nun in Waldenburg oder in Glaucha, oder in Lößnitz

bei Hartenstein seyn, ordentliche Betten, darinnen ein Mensch Raum hat,

und diese Betten stunden unter einem Obdache, das weder der Thau des

Himmels noch der kühle Nachtwind anrührte, hier aber gab es nur eine

schmale Matratze, die für zwei Personen, sie mochten sich vorwärts oder

rückwärts legen, doch nur halbgenügenden Raum hatte und der Thau der

Nacht fiel ungehemmt auf das Gras worauf die Matratze lag, so wie auf

das Gesicht der Schlafenden. Auch hatte die nächste Umgegend unsers

heutigen Lagers in ihren Mienen viel Fremdartiges; denn weder in dem

guten Waldenburg noch auch in der Altstadt der Töpfer, die zu seinen

Füßen liegt, giebt es solche platte Dächer, wie in Sindschil, oder in

dem Dorfe unten im Thale das wir ganz nahe vor Augen hatten, auch sieht

man dort keine Moscheen noch Minares, sondern Gott Lob! christliche

Kirchen und Thürme. Dennoch dachte ich hier, in der Nähe von Silo und

Bethel, so lebendig als wäre ich in dir, deiner, du kleines Vaterland

in der Nähe des Muldenthales, und mein Herz sprach über euch, ihr

Bewohner des Fürstenschlosses in Waldenburg einen Segensgruß aus, den

ich auch hier nicht verschweigen will. Möge es in deiner Mitte, du

gesegnetes Fürstenhaus, in einer Zeit da des Herrn Wort theuer geworden

ist[84], niemals an Einem fehlen der von ganzem Herzen nach dem Herrn

frage und nach jener Wahrheit welche ewig bleibet.

Unten im Thale dämmerte schon der Abend; die Höhen von Silo beleuchtete

der Mond. Herr Mühlenhof war jetzt auch wieder zu uns gekommen; eine

Schaar der männlichen Bewohner des Dorfes, ihre Pfeifen rauchend, hatte

sich zu dem Feuer gesellt, an welchem unser Reis kochte, oder saß

ehrerbietig auf den niedern Mauern unsers Lagerplatzes und hörte dem

lauten Gespräch der Andren mit unsrem Arabischen Knechte und mit den

Muckern zu. Wir schliefen zuletzt mitten unter diesem Gespräch, wie bei

dem Murmeln eines Baches ein.

Wer in solcher Zeit des Jahres in diesem Lande unter freiem Himmel

schläft, der wird am Morgen doppelt gestärkt erwachen; denn der

erfrischende Thau, gewürzt von den Düften der blühenden Gesträuche,

benetzt sein Haupt und Angesicht. Ein erfrischender Thau noch von

andrer höherer Art war hier auf unser Auge gefallen, da es sich am

Sonntagsmorgen, den 16ten April dem anbrechenden Tage wieder aufthat,

das war die Erinnerung an die Geschichte des Landes das vor uns lag.

»Gewißlich ist der Herr an diesem Orte,«[85] das war der Gedanke mit

dem ich da, in der Nähe von Bethel erwachte und durch ein merkwürdiges

Zusammentreffen, das uns auf dieser Reise mehrmalen begegnete, war

es auch der Spruch der Tageslosung, den wir heute, am 16ten April

1837 aufschlugen. Wo viel Licht, da giebt es, so lange wir im Leibe

wallen auch starke Schatten; die innre Ruhe wurde in etwas durch die

Entdeckung eines Diebstahles gestört, der im Vaterlande, wo man Alles

so leicht wieder haben kann, von sehr geringer Bedeutung gewesen

wäre, hier aber in der Fremde nicht so erschien. Das, was dabei am

meisten zu bedauern war, lag nicht in dem kleinen Verluste, sondern

in der Richtung die unser Verdacht nahm. Wir argwöhnten daß einer der

Türkischen Bewohner des Dorfes der Dieb gewesen sey, wie sich aber

später mit größester Wahrscheinlichkeit ergab hatte uns ein alter

Mucker, der, ohne zu den unsrigen zu gehören, der Gesellschaft sich

anschloß, bestohlen; von heute an war er niemals mehr unter unsern

unmittelbaren Begleitern; wir trafen noch einmal mit ihm in Nazareth

zusammen, sahen ihn aber dann nicht mehr. Der Türkische Nasir, oder

Vorstand des Dorfes, der von dem Diebstahl gehört hatte, begleitete

uns, eines unsrer Thiere führend, eine Strecke Weges über das Dorf

hinaus und lehnte mit Ernst den Verdacht von den Leuten seines Dorfes

ab. Ich bekenne es aber mit Beschämung, daß ich dennoch seinen Reden

nicht glaubte, denn weil der alte Mucker, wenigstens dem Namen nach ein

Christ war, traute ich diesem gegen seine Glaubensgenossen ein Besseres

zu als den Mohamedanern.

Wir waren um 6 Uhr des Morgens aufgebrochen. Der Weg lenkt sich zuerst

in nordöstlicher Richtung über den steilen, steinigen Abhang wieder

hinab in das Thal, aus dem wir am gestrigen Abend heraufgestiegen

waren, dann an seiner andren (nördlichen) Seite wieder hinan auf den

Höhenzug, der es auf der andern Seite begränzt. Von dem Gipfel dieses

Bergrandes zieht sich der Weg über den steilen, steinigen Abhang

hinunter in ein schönes, fruchtbares Thal: in das von Libna, oder

Lebona. Nahe zu unsrer Rechten lag ein tiefer gemauerter Brunnen, in

ziemlicher Entfernung vom Orte; hier schöpften einige der Bewohnerinnen

Wasser, das sie, nach der Sitte des Landes in Schläuchen und Krügen

nach Hauße schleppten. Wir fragten sie scherzend, warum sie nicht

lieber ihre Männer, die ja stärker seyen als sie, dieß schwere Geschäft

verrichten ließen, die zunächst Gefragte antwortete: für unsre Männer

wäre es unziemlich, für die Frauen geziemt es sich.

Anderthalb Stunden nach unserm Ausritt aus Sindschil (um 7¹⁄₂ Uhr)

kamen wir an Lebona vorüber, das uns links, am Bergabhange, zur

Seite liegen blieb. Diese alte, Kananitische Königs- und nachmalige

Israëlitische Levitenstadt Libna erinnert den Pilgrim an das letzte

Aufflackern des Hochmuthes Sanheribs, welcher mehr noch als Goliath

dem Zeuge Israëls und seinem Hort, Hohn gesprochen. Dieses Weissenburg

oder Weissenberg des gelobten Landes (denn solche Bedeutung hat der

Name Libna) war der Ort, an welchem der Assyrische Herrscher das

Gerücht vernahm von Thirhaka's des Mohrenköniges Auszug gegen ihn, und

von wo er, mehr fürchtend die Pfeile des Mohrenköniges, als die Macht

Jehovahs, die Botschaft absendete gegen Hiskia, in deren Worten er

nicht dem Könige von Juda, sondern dem König der Könige auf Erden den

Krieg ankündete[86].

Nach zwei Stunden Weges von Sindschil kamen wir in meist nördlicher

Richtung an einem Orte Namens Sawia oder Sawi vorüber; nach 2¹⁄₄

Stunden sahen wir zu unsrer Rechten eine Ruine. Der Weg zieht sich an

einem, nicht sehr hohen Abhange hinan, auf dessen Gipfel blühendes

Cistusgesträuch stehet und auf der unfruchtbaren Heide das +Poterium

spinosum+. Etwas vor zehn Uhr (3³⁄₄ Stunden nach unsrem Aufbruch)

gelangten wir von neuem in ein schönes, grünendes, sonntäglich

stilles Thal. Dieses Hauptthal, fast von Süd gen Nord verlaufend,

ist breiter; nach beiden Seiten hin öffnen sich aber Nebenthäler in

dasselbe, deren östliche das Auge weit hinan verfolgen kann aufs

Gebirge. An der Mündung der Seitenthäler, wie im Hauptthale liegen

mehrere Ortschaften. Ein Hirtenmägdlein, festlich geschmückt (denn

auch die Mohamedaner feierten, wie ich nachher erwähnen will, heute

einen hohen Festtag), etwa von zehn Jahren, saß am Wege. Es erinnerte

mich durch seine ernst und dennoch freundlich hell blickenden Augen

an meine liebe Tochter Selma, wie diese als Kind von solchem Alter

gewesen; ich fragte das Mägdlein nach dem Namen der Orte, zur Rechten

und zur Linken: sie nannte den mittleren der nahe vor uns im Hauptthale

lag Howara, den zur Linken, in Westen, an der Mündung des Nebenthales

gelegnen Anabue, den zur Rechten, der auch an einem Seitenthale liegt,

Betä. Von hier an zogen wir noch über anderthalb Stunden weit durch

das herrliche Thal hin. Wer sollte nicht dort, auf dem Wege durch die

blühenden Saatfelder, zwischen deren Getraide purpurne Alceen am hohen

Stengel sich neigten, an jenen höchsten Gast und Pilgrim der Erde

gedacht haben, der schon als Kind mit seinen, dem Herrn geheiligten

Eltern, dann als Jüngling und Mann auf diesem Wege oft gewandelt und

durch sein Naheseyn ihn gesegnet hat; denn dieses war und ist noch

jetzt der gewöhnliche Weg von Nazareth nach Jerusalem. Mehrere Züge

von Griechischen Pilgrimen begegneten uns, die zum Osterfeste nach

Jerusalem walleten; sie störten die sonntägliche Stille des Thales

nicht.

Siehe da lag vor uns der vielgipfliche Grisim oder Garizim über dessen

grünenden, nur wenig vom Thale ansteigenden Fuß die Straße nach Sichem,

dem jetzigen Nablus, hinüberführt und schon am Mittag (um 12¹⁄₄ Uhr)

hielten wir an dem Brunnen still, an welchem der Herr in dem tief von

ihm durchschaueten Herzen des Samaritanischen Weibes den Quell des

lebendigen Glaubens öffnete. Einige wenige Häußer (vielleicht nur eines

zu welchem die andren als Nebengebäude gehören mögen) stehen ganz

nahe, nordwärts vom Brunnen, dessen klares Wasser aus großer Tiefe

quillt. Es schöpften an diesem Wasser mehrere Frauen der Nachbarschaft;

eine arme Familie brachte dort, am frischen Quell, den Festtag zu.

Wir sahen uns nach den Ruinen jener alten Bauwerke um, welche auch

hier die Meisterin und älteste Pflegerin der christlichen Baukunde,

die Kaiserin Helena begründet hatte. Es hat sich von ihnen fast nur

jenes Werk der Mühe erhalten, das den Brunnen in seiner Tiefe erfaßte

und ummauerte; von der Kirche sind nur einzelne Steine übrig. Der

Brunnen liegt nahe am südöstlichen Eingang in jenes hoch von Bergen

umgränzte Thal, auf dessen schmalen Grunde Sichem oder das jetzige

Nablus sich gebettet hat, und welches von Ostsüdost nach Westnordwest

verläuft. Man tritt, mit jedem Schritte weiter, in einen Garten voll

hoher Oel- und Feigenbäume ein, mit dessen gemeineren Stämmen an der

Südwestseite der Stadt die edleren Bäume der Südfrüchte abwechslen.

Der Berg zu unsrer Linken, dessen Fuß, weil aus ihm die Quellen und

Brunnen des Thales kommen, in augenfälligerem Maße grünt, als der

seines gegenüberstehenden Nachbars, ist der Garizim, auf dessen Höhe

sechs Stämme Israëls auf Gottes Befehl jene Worte der Segnungen

aussprechen mußten, welche dem Gehorsam im Gesetz Jehovahs verheißen

waren; da zur Rechten, der etwas steilere, wasserärmere, und darum,

jenseits der Oelbaumpflanzungen seines Fußes kahler ins Auge fallende

Felsenberg, der die andre Seite des Engthales begränzt, ist der Ebal,

auf welchem die übrigen sechs Stämme die Worte des Fluches aussprachen,

der dem Ungehorsam gedrohet war[87]. Hier, auf einer dieser steilen

Felsenwände des Garizim stund Jotham, der Sohn des Helden Gideon, als

er den Mördern seiner Brüder das sinnvolle Gleichniß von den Bäumen

erzählte, die sich den Dornbusch zu ihrem König erwählt hatten[88].

Wir ruheten einige Augenblicke am Gemäuer des Brunnen und kosteten von

seinem erquicklichen Wasser, das uns eine der Frauen aus ihrem Kruge

reichte, dann machten wir uns neu gestärkt zum Weiterzuge auf.

Ich schlug den einsamen Fußweg unter dem Schatten der Bäume auf der

linken Seite des Thales, näher dem Garizim ein. Vor mir erhuben sich,

in ihrer schlanken Gestalt, die hohen weißen Minares der Stadt, aus

dem Walde der Oelbäume, zur Rechten blendete das Auge der Widerschein

der Mittagssonne von den Felsenhöhen des Ebal, zur Linken zog ein

augenfälliges Gebäude, in der Form der Türkischen Grabmähler meine

Aufmerksamkeit an. Es stehet an einer Schlucht des Garizim, in einem

ummauerten Vorhof und ist von hohen Bäumen umgeben. Ich konnte leicht

errathen daß dieses Josephs, des Erzvaters Grabmahl sey, dessen Gebeine

die Heere Israëls mit sich aus Aegypten brachten, und, dem Eide getreu,

den ihre Väter dem Nasir unter seinen Brüdern geschworen hatten, hier,

auf dem Stück Feldes begruben, das Jacob, als besondres Erbtheil Joseph

und dessen Söhnen hinterließ[89]. Nach Stephanus Worten[90] sind, außer

Josephs Gebeinen auch die seiner andren Brüder mit herübergebracht

und beigesetzt worden an der Stätte bei Sichem, so daß dieses die

Begräbnißstelle aller Söhne Jacobs, wie Hebron die der drei Stammväter

der zwölf Geschlechter war. Auch die Mohamedaner hegen und bezeugen

gegen Josephs Grabmahl eine große Verehrung, und gerade heute konnten

wir Zeugen der Feier eines ganz besonders hochgehaltenen Volksfestes

seyn, welches, wie in Kairo die Hhasaneyn-Moschee, so hier in Nablus

das Grabmahl Josephs zu seinem Mittelpunkt hat. Daß es auch hier vor

allem ein Fest der Frauen, die an diesem Tage ganz besondre Freiheiten

genießen, so wie der Kinder sey, zeigten uns die fröhlichen Schaaren

von beiden, welche im Schatten der Bäume bei und vor der Grabmoschee

lustwandelten, oder mit Essen und allerlei Spielen sich vergnügten.

Die Frauen und größeren Mägdlein waren weiß gekleidet und dicht

verschleiert, unter den kleineren Kindern zeigten sich die bunt (meist

roth) geputzten Knäblein, die sich munter auf den unter den Bäumen

angebrachten Schaukeln ergötzten. Ich hielt diesen lebendigen Garten

der weißen Blumen und der kleinen bunten Blümlein, der sich da mitten

im festgewurzelten Garten der grünen Bäume bewegte, weil heute Sonntag

war, für Kinder und Frauen der etwa in Nablus wohnenden Christen und

wollte mich unbefangen ihnen nähern, da belehrte mich ein alter, wie es

schien als Wächter dastehender Türke, daß es den Männern nicht erlaubt

sey da hinüber zu gehen und erst jetzt fiel mir wieder ein, welches

Fest heute die Bekenner des Islams feierten. Da dasselbe dem Tag unsers

Aufenthaltes in Nablus seine eigenthümliche Farbe gab, erwähne ich kurz

die Bedeutung des Festes.

Es war heute am 16ten August 1837 der zehnte Tag des ersten Monates,

des Moharrem der Mohamedaner, welche zwar die ganzen zehn ersten Tage

ihres Jahres für sehr gesegnete halten, vor allem aber dem zehnten,

dem Yom Aschura, die höchsten Kräfte der Segnungen beilegen. An diesem

Tage vereinte sich, nach der Sage des Islams, das erste Elternpaar,

Adam und Eva, nach der Vertreibung aus dem Paradiese zum gemeinsamen

Bund und Tagwerk der Mühen und Schmerzen; an diesem Tage verließ Noah

mit den Seinigen die Arche und trat wieder heraus auf die von neuem

gesegnete Erde. Wie aber durch solche Erinnerungen der Yom Aschura

ein Freudenfest ist, so wird er zugleich durch ein andres Ereigniß,

das an ihm sich zutrug, ein Tag der Trauer und des feierlichen

Besuches der Gräber, weil am 10ten Tage des Moharrem Hhosseyn der

Enkel des Propheten in der Schlacht auf der Ebene Kurbelei erschlagen

wurde. Daher ist auch an diesem Tage, den man das hohe neue Jahr der

Mohamedaner nennen könnte, die Moschee des Hhosseyn in Kairo, oder

an andern Orten die Begräbnißmoschee irgend eines andren dem Volke

heiligen Mannes so gedrängt voll; vor allem von Frauen die auf die

vergnügte Feier dieses Tages ein ganz besondres Recht haben, ein Recht

das an dem Yom Aschura nicht bloß ihre Kinder, sondern auch alle

Hausgenossen, bis zum geringsten der Taglöhner oder Dienstboten mit

den Gebieterinnen theilen. Denn im Koran stehet geschrieben, daß Dem,

welcher am Tage des Aschura reichlich den Leuten seines Haußes giebt,

Gott bescheeren werde für das ganze Jahr eine Fülle des Wohlstandes

und des Ueberflusses. Darum sieht man die minder bemittelten Frauen

der Mohamedaner schon etliche Tage vor dem Aschura ganze Kübel voll

Waizen in Wasser einweichen, den man, wenn er von seiner festen Haut

gereinigt ist, kochen läßt und dann mit Honig oder Traubensyrup zum

süßen Hhubub-Sterzen (dicken Brei) bereitet, ein Gericht zu welchem die

wohlhabenderen Weiber statt des Waizens Reis mit Nüssen, Mandeln und

Rosinen nehmen. Mit diesem Hochneuenjahrgericht werden dann alle die

zum Hauße gehören, Große wie Kleine, am Yom Aschura nach Möglichkeit

vollgestopft; denn jemehr heute auf diese Weise in dem Hauße eines

Gläubigen aufgeht, desto größer wird der Segen seyn, der unter dem

freigebigen Obdache einkehrt.

Aber nicht bloß auf die Genossen des Haußes, sondern viel weiter dehnt

sich bei dieser Gelegenheit die Pflicht und Lust des Gebens aus:

jenes Viertel vom zehnten Theile des jährlichen Einkommens, das jeder

Gläubige gesetzmäßig als Almosen zu geben hat, wird bei Vielen am Tage

des Aschura freiwillig oder nothgedrungen ausgegeben. Denn da die Gaben

dieses Tages nicht bloß für den, der sie ertheilt, sondern auch für

jenen der sie empfängt, ganz besonders heilbringende Kräfte haben,

betteln dann die Kinder auch der bemittelten Eltern von Bekannten und

Unbekannten das »Zekah el Aschr« oder Hochneujahr-Almosen, und wenn

die Hausfrau eines »Gläubigen« an diesem Tage von ihrem Eheherrn nach

Maßgabe seines Vermögens einen schönen Schmuck oder Schawl erbettelt,

da erhält sie ihn leichter denn zu andern Zeiten, nicht bloß deßhalb

weil ihr selber die Gabe des Aschrs ganz vorzüglich wohl bekommen und

gesund seyn wird, sondern weil das Geben heute auch dem Manne besonders

zuträglich und gesund ist. Und so ist durch die Sitte des Landes dafür

gesorgt daß der Yom Aschura wenigstens für die Frauen, die Kinder,

Dienstboten und für die singenden so wie nichtsingenden Schaaren der

Bettler ein rechter Lust- und Freudetag ist, wenn auch gerade nicht in

demselben Maß für die Männer.

Ich konnte und wollte die Lust der weißen und rothen Gäste dort im

Schatten der Bäume nicht stören, ich versparte mir den Besuch von

Josephs Grabmahl bis an den Abend und wendete mich einstweilen der Stadt

zu.

Das jetzige Sichem, oder wie es dem Kaiser Vespasian zu Ehren genannt

wurde, Flavia Neapolis (jetzt Nablus) liegt, allem Anschein nach

weiter westwärts im Thale hinangerückt als das alte Israëlitische,

das sich näher an der dem Andenken der Erzväter geheiligten Stätte

angebaut hatte; es liegt an einer Stelle, an welcher der Ebal und der

ihm gegenüber stehende Garizim so nahe zusammentreten, daß für die

eigentliche, ebenere Sohle des Thales nur gegen 1200 Schritte Raum

bleibt. Sie ist von herrlichen Gärten und Baumpflanzungen umgeben,

von denen jene, die von der Südseite der Stadt am Fuße des Garizim

hinanziehen, meist mit Orangen und Citronen, Granaten und Feigen so

wie Aprikosen und andern Fruchtbäumen bepflanzt sind, während sich

an der nördlicheren Seite der Stadt, am Abhange des Ebal, welcher

heftigeren Strahlen der Mittagssonne ausgesetzt ist, vorherrschender

Oelbäume finden. Das Thal das zwischen den beiden Bergen wie schon

erwähnt in der Richtung von Ostsüdost nach Westnordwest verläuft,

ist sehr reich an Quellen, die sich jenseit (westwärts) der Stadt zu

einem Bächlein vereinen; besonders strömt vom Fuße des Garizim so viel

lebendiges Wasser herunter, daß von ihm ein Graben erfüllt wird, der

die Orangengärten wässert. Auch in der Stadt, nahe bei der Hauptstraße

findet sich ein schön gemauertes, von einem Dache überwölbtes

Behältniß, in welches sich in reicher Menge das Wasser eines starken

Quelles ergießt.

Wir hatten zu unsrem Nachtlager das Griechische Convent ausersehen, an

dessen Vorstand wir von Jerusalem aus empfohlen waren. Die Stadt ist,

der Gestalt des Engthales gemäß, vorherrschend in die Länge gebaut;

eine Hauptstraße zieht sich fast von Ost nach West durch sie hindurch,

in welcher viele Waarenlager und Kaufmannsläden gesehen werden; die

Nebenstraßen, großentheils eng und dunkel, enthalten meist Werkstätten

der Handwerker. Der Weg von dem östlichen Thore bis zu dem jenseit der

Mitte der Stadt gelegnen Griechischen Kloster dauerte länger als wir

vermuthet hatten, denn er war an mehreren Punkten durch die noch immer

nicht ganz hinweggeräumten Trümmer versperrt, mit denen das furchtbare

Erdbeben vom Anfange des Jahres durch den Einsturz vieler Häußer die

Stadt erfüllte. Nahe bei einem der Ruinenhaufen redete ein Orientalisch

gekleideter Mann uns Deutsch an, und Dialekt wie Aussprache ließen

uns in ihm einen Polnisch-Deutschen Juden erkennen. Wir waren erfreut

über das Auffinden des Nachbar-Landsmannes, von welchem wir uns manche

Auskunft versprachen, er ließ sich aber leider später weder in unsrer

Wohnung, wohin wir ihn bestellt hatten, noch in der Stadt vor uns

sehen.

Von dem Griechischen Kloster hatten wir uns freilich eine andre

Vorstellung gemacht als die war, welche wir gleich bei unserm Eintritte

von ihm bekamen. Wenn uns, bei unsern Vorstellungen auch nicht gerade

der erzbischöfliche Pallast von Magnesia, oder die mächtig großen

Klostergebäude am Sinai und zu St. Saba, auch nicht die zu Bethlehem

und Jerusalem zum Maßstabe dienten, so hatten wir doch eine Behaußung

wie die des bischöflichen Pächters oder des kleinen Griechischen

Klosters zu Kassabah[91] erwartet. Das kleine Gebäude aber, das

vom Eingang aus zur Rechten des engen Hofraumes stehet, mit seiner

schmutzig aussehenden Stube erinnerte uns an jene, aus einem einzigen

Zimmer bestehenden Hirten- oder Siechhäußer, die sich vor manchen

unsrer vaterländischen Dörfer zeigen; es war überdieß von Griechischen

Pilgrimen ganz erfüllt; wir wählten deshalb zu unsrem Aufenthalt den

engen Raum, der sich vor der kleinen Kirche befindet, zu dem man auf

einer steinernen Treppe hinansteigt und die Vorhallen des Kirchleins

selber. So klein übrigens der Raum des sogenannten Klostergebäudes

ist, mag er dennoch, außer der österlichen Zeit vollkommen für seine

gewöhnlichen Bewohner genügen, denn diese bestehen nur aus zwei

Geistlichen: einem Messe lesenden Priester und einem Gehülfen, der

zugleich die Stelle des Sakristans vertritt.

Unser Empfehlungsschreiben von dem Griechischen Patriarchat in

Jerusalem, an alle Griechische Klöster von Palästina und Syrien

gerichtet, war in Arabischer Sprache abgefaßt, die der Priester

zwar zum Verkehr des gemeinen Lebens hinreichend sprach, aber nicht

lesen konnte; man las ihm deshalb den Inhalt des Briefes vor.

Neugierig sammleten sich um uns, außer den Griechischen Nachbarn und

Bekannten des Haußes auch mehrere Pilgrime; ich aber mit etlichen

der jungen Freunde machte mich auf um den Nachmittag zum Besehen des

Interessantesten, das etwa Nablus darbeut, zu benutzen.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 10 / 41 段