welche uns die schönste Zeit des Jahres hier zu Gesicht brachte auch
nur mit wenigen, beschreibenden Zügen gedenken wollte, dann könnte
mein Bericht zu einem kleinen Büchlein anwachsen, denn wer nur dem
(verhältnißmäßig doch nur kurzem) Laufe des Jordans vom todten Meere
am Tiberias- und Meromsee bis zu den obersten Quellen am Antilibanon
folgt, der durchwandert in wenig Tagen klimatische Zonen und mit ihnen
zugleich verschiedenartige Hauptformen des Gewächsreiches wie sie in
andern Gegenden der Erde um Hunderte der Meilen auseinander liegen.
Ein Pflänzlein das die Pilgrime gewöhnlich am Oelberg sich sammeln
ist die kleine Blut-Immortelle (+Gnaphalium sanguineum+); vom
Karmel und Libanon nehmen sie sich die große orientalische Immortelle
(+Gn. orientale+) als Andenken ihres Pilgerzuges mit. Auch
nach den Früchten der Palästinensischen Mandragora (+Mandragora
autumnalis+) suchen die Orientalischen Christen so wie die
Mohamedaner in der Umgegend von Jerusalem, weil sie diesen Früchten
besondre Kräfte zuschreiben; sie ist aber gerade hier sehr selten,
häufig dagegen südwärts von Hebron, dann am Thabor und Carmel. Wer die
Pracht der Liliengewächse, der Tulpen, der Hyazinthen, Narzissen und
Anemonen recht im Großen sehen will, der muß im Frühling einige der
Gegenden besuchen, durch welche wir kamen; empfangen doch selbst in
diesem Lande die wilden Laucharten eine Schönheit und Größe, die sie
zum Schmuck unsrer Gärten machen würde.
Bei der Thierwelt von Palästina werde ich mich noch kürzer verweilen.
Nur selten sieht man noch Heerden von Rindvieh; der Stier der Umgegend
von Jerusalem ist unansehnlich und klein; Rindfleisch oder Kalbfleisch
gehören zu den seltneren Genüssen. Dagegen gedeiht der Stier besser und
wird häufiger gesehen in dem oberen Jordansthale, auch am Thabor und
in der Nähe von Nazareth, vor allem aber ostwärts vom Jordan, auf dem
Wege von der Jacobsbrücke nach Damaskus. Den Gamus oder Büffel sieht
man in den Gegenden der Meeresküste; er kommt hier an Größe und Stärke
dem Aegyptischen gleich. Es scheint das Türkische System der Abgaben
gewesen zu seyn, das vom Großen zu Großes nahm, oder auch die Raubsucht
der herrschenden Fremdlinge des Landes, dem sich das Kleine leichter
verbergen und entziehen ließ als das Große, was der eifrigeren Zucht
der Rinder solchen Eintrag that, denn man darf wohl sagen daß, wenn
noch hundertmal so große Heerden, als jetzt da sind, in den fruchtbar
gebliebenen Auen und Gefilden weideten, sie in den verwilderten
Saatfeldern mehr niedertreten würden, als sie verzehren könnten.
Wenigstens erschien dieß in den Frühlingsmonaten so, in denen die Gras-
und Getraidearten noch nicht, weil der Mensch das Mähen versäumte, von
selber zum Heu zusammengedorrt waren. Wenn in unsren Tagen ein König
Friedreich oder Salomo Israëls Herrscherthron bestiege, er würde
sich statt der zehn gemästeten Rinder und zwanzig Weiderinder, welche
Salomo täglich, neben den andern Schlachtthieren für seinen Hofhalt
brauchte mit Schafen und Ziegen begnügen müssen. Denn diese sieht man
noch in großer Menge und zahlreichen Heerden in allen Gegenden des
Landes; ihre Milch und ihr Fleisch dienen zur täglichen Nahrung, ihre
Wolle und Haar zur Bekleidung der Bewohner. Die gewöhnlichere Art der
hiesigen Schafe zeigt noch die Anlage zum Fettschwanz; das Haar der
Syrischen, langohrigen Ziegen ist von ziemlicher Feinheit, schien uns
aber dennoch dem der Kleinasiatischen Abart, am Sypilus und Tmolus
nachzustehen. Von Hirscharten sah ich nur eine Kuh des Damhirsches und
zwar in derselben Gegend in welcher Hasselquist Damhirsche bemerkt
hatte, nämlich auf dem Thabor; auf dem Wege von St. Philipp nach St.
Johann glaubte ich auch auf der Höhe des Berges Thiere vom Geschlecht
der Hirsche zu erblicken, es ist mir jedoch selber wahrscheinlicher,
daß es die hiesige braune Gazelle (+Antilope hinnuleus+) war,
denn von dem Geschlecht der Antilopen bemerkten wir mehrere Arten in
Palästina. Eine Kamelzucht die der Erwähnung werth wäre, hat dieses
Land, wenigstens westwärts vom Jordan nicht mehr, wohl aber begegneten
wir im Thal der Thäler: in der Hochebene zwischen dem Libanon und
Antilibanon, bei Baalbeck ansehnlichen Herden dieser Thiere. Unter den
hieländischen Pferden sahen wir manche die von schöner Form waren, und
von edler Arabischer Abkunft schienen, seiner einheimischen Pferdezucht
kann und wird sich aber das jetzige Palästina schwerlich rühmen. In
seiner Art, dieß kann man wohl sagen, steht hier der Esel auf einer
höheren Stufe der Veredlung als das Roß; seiner, wie des Maulthieres
und Maulesels bedient man sich auch am öftersten zum Reiten, und bei
den hiesigen schlechten Gebirgswegen ist diese Art des Fortbewegens
auch die zweckmäßigste und sicherste. Der Eber (+khanzir+) ist
häufig auf dem Thabor und kleinen Hermon, so wie an den wald- und
buschreichen Abhängen des Karmel. Aus diesen Aufenthaltsorten kommt
er oft herunter in die Ebene von Jesreel. Vom Wower oder +Hyrax
syriacus+ konnten wir in Palästina und Syrien, nach welchem er doch
genannt ist, keine Spuren entdecken. Obgleich unsre Mucker, die uns
zuerst von Jerusalem ans todte Meer, dann nach Damaskus, aus dessen
Nähe sie gebürtig waren, geleiteten, uns den Assed oder Löwen unter den
Gefahr drohenden Thieren des Landes nannten, konnte ich diesen guten
Leuten dennoch keinen vollen Glauben schenken, denn sie nannten jede
Art der Thiere, nach deren Arabischen Namen ich sie fragte, entweder
mit dem allgemeinen Namen Hywan, d. h. Thier, oder höchstens Wahesch d.
h. wildes Thier. Dagegen ist aus dem Geschlecht der Katzen der gemeine
Panther oder Nimr in den mittleren Gebirgsgegenden von Palästina zu
Hauße; aus dem der Hunde in den südlicheren Gegenden der kleine Abul
Hhosseyn oder +Canis famelicus+, und eine größere Art des Fuchses,
die wir nicht zu sehen bekamen, scheint mit dem Namen Taleb bezeichnet
zu werden. Außer diesen ist der Schakal (Dib) ein Feind der Herden. Von
Bären sahen wir nur das verstümmelte Fell als Decke oder Lagerstätte
des Reiters am Sattel einiger Maulthiere hängen die uns begegneten.
Angeblich waren die Thiere am Antilibanon[69] erlegt; die Fragmente
des Felles erinnerten aber weniger an die von Ehrenberg beschriebene
Art als an unsern gemeinen, braunen Bären. Der hiesige Igel, den wir
aus Bethlehem bekamen, ist nicht der langöhrige, Aegyptische, sondern
gleicht ganz unsrem gemeinen Europäischen. Der hiesige Erneb oder Hase
ist der Arabische; das Stachelschwein wohnt häufig in den Felsenklüften
von Palästina; gemein ist hier auch die Blindmaus für die wir keinen
andern Namen erfuhren als den allgemeinen für Ratte: »Far.«
Unter den größeren Raubvögeln sahen wir am öftersten den gemeinen
Cathartes oder Aasgeier (+Cathartes Percnopterus+), so wie den
Hedy oder Weihen; die hiesige wilde Taube (+qimri+) ist von
unsern Arten nicht wesentlich verschieden, eben so wenig die Arten des
Neuntödters, der Krähen, die Mandelkrähe u. A. Ob das große Thier,
das die hiesigen Araber Temsah nennen, und das westwärts von Sichem
in einem Fluß oder kleinen See vorkommen soll, wirklich ein Krokodil
sey, hatten wir nicht Gelegenheit zu untersuchen. Die hieländische
Schildkröte, die wir bei Bethlehem und Nazareth fanden, ist die
bekannte Griechische (+Testudo graeca+) die schon bei Rom lebt;
vom Chamäleon sprach ich schon. Schlangen sind sehr selten, und nach
dem Bericht andrer Reisenden gehören sie nur zu den ungiftigen. Ueber
die Süßwasserschnecken von Palästina wird mein lieber Reisegefährte
und Freund: +Dr.+ Roth öffentliche Mittheilungen machen; bei
Beiruth sahen wir die +Janthina fragilis+, die den gemeinen
Purpur lieferte. Unter den hiesigen Insekten ist die Biene (Nahl) die
ruhmwürdigste Fürstin, ein Namensverzeichniß der zahlreichen Käfer u.
a. die wir in Palästina erbeuteten, möchte wenig Interesse haben. Von
den Namus oder Mosquitos hatten wir in dieser Jahreszeit noch nicht zu
leiden. --
Nur so viel einstweilen, von der Naturgeschichte des bedeutungsvollen
Bodens. Läge das Element, welches die Beachtung des Geistes auf irgend
ein Land der Erde hinlenket, nur in der Größe oder Naturbeschaffenheit
desselben, dann würde Palästina mit all seinen äußren, auch noch so
interessanten Eigenthümlichkeiten unter der Menge der andren Länder wie
die kleine Lilie des Thales (+Convallaria majalis+) erscheinen,
die im Gebüsch und Schatten des hohen Eichenwaldes sich verbirgt. Aber
auch das Auge, das mit seinem Blicke die unermeßbar großen Reiche der
Sichtbarkeit umfasset, ist ein kleines unter den andren Gliedern des
Leibes; der Menschenleib selber, in dem die ewige Weisheit Schätze
von ganz andrer, unvergänglicherer Art verborgen hat, denn die des
edlen Erzes sind, erscheint nur als eine vorüberziehende Wolke von
Staub gegen die Hochgebirge, in denen »das Silber seine Gänge und
das Gold seinen Ort hat.« Nicht das Heer der Sterne, so unermeßbar
dasselbe für die Sinnen seyn möge, ist das Unendliche, das ewig Eine,
sondern der Geist, welcher das sichtbare Wesen umfasset und bedenkt;
nicht das tägliche Wunder der Erhaltung und des Bestehens, sondern
das ewige Wunder des Schaffens und Wiedergebährens aus dem Geiste ist
das Anfängliche und Höhere. Und dieses Höhere und Höchste hatte einst
in dem kleinen Palästina den Thron seiner Herrschergewalt auf eine
offenbarlichere, näher erfaßbare Weise aufgeschlagen, denn in allen
Reichen der Erde, ja in allen Reichen der Sichtbarkeit, von einem
Stern zum andren; hier hat den denkenden Geist im Menschen, dessen
wahres Heim noch ein andres ist als das der Sternenwelten, ein Licht
umleuchtet, heller denn die Sonne, ja denn aller Sonnenheere Glanz.
Die liebliche Zeit des Pilgerlaufes in Jerusalem gieng nun zu Ende; die
Stunden des Abschiedes waren gekommen. Das Pilgerhaus des Lateinischen
Klosters war uns ein Salem, eine Stätte des Friedens, des innren wie
des äußren Menschen gewesen; noch einmal besuchten wir die Kirche des
heiligen Grabes und die guten Väter des Griechischen Klosters, die uns
so reiche, uneigennützige Beweise ihrer Freundlichkeit und Liebe gaben;
sahen die deutschen Landsleute unter den hiesigen Israëliten, Bergmann,
Hirsch und Schwarz, und wandelten noch einmal über dem Kidron hinüber
nach dem Abhange des Oelberges. Die letzten Stunden des Abends brachte
ich auf dem oft erwähnten Hügel, innerhalb des Stephansthores zu. Der
Mond leuchtete hoch über dem Gebirge des Ostens und ließ die Stadt wie
unter dem weißen Schleier einer einsamen Wittwe sehen. Doch nicht immer
wirst du eine Einsame und Trauernde seyn, du hohe Stadt Jerusalem;
auch aus deinem Abend wird wieder der Morgen werden, wenn der Tag der
Erfüllungen kommt, der zwar verzeucht, aber nicht ausbleibet.
Reise nach Sichem und Nazareth.
Wir hatten uns, Sonnabends den 15ten April noch lange bei den
treuen Vätern des Lateinischen Klosters verweilt; vor allem bei dem
trefflichen Padre Secretario Fr. Perpetuo a ~Solerio~ dessen
Freundlichkeit und Güte gegen uns sich der dankbaren Erinnerung tief
eingeprägt hat; es war halb neun Uhr geworden, als wir unsre Thiere
bestiegen und die Weiterreise antraten. Unsre Reisegesellschaft hatte
sich um einen guten, bisherigen Begleiter vermindert; Herr Krohn war
noch zurückgeblieben, auch Herr Mühlenhof besorgte Geschäfte in der
Stadt, die ihn um einige Stunden verspäteten.
Jenseit des Thores von Damaskus, auf der Höhe, im Norden der Stadt
stunden wir noch einmal still und betrachteten die liebe Stadt.
Ja, »wünschet Jerusalem Glück, es müsse wohlgehen Denen die dich
lieben.«[70] Denn siehe Denen die nach deinem Heile fragen und trachten
nach deinem Frieden ist Israëls Gott ihres Herzens Trost und ihr Theil;
sie werden kommen gen Zion mit Jauchzen; ewige Freude wird dann über
ihrem Haupte seyn; Freude und Wonne werden sie ergreifen und Schmerz
und Seufzen wird wegmüssen[71].
Der Weg war anfangs der schon früher von uns betretene, an den
Gräbern der Könige vorüber, dann die Anhöhe hinauf und gegen Schafat
hin, das der Weg zur Linken lässet. Wir hatten bis hieher und bis
an die Hügelzwillinge, von denen ich früher sprach[72], auf unsren
langsamen Maulthieren anderthalb Stunden gebraucht. Die Aussicht,
vor allen gegen Westen und Nordwesten hin, über die nach vielfachen
Richtungen verlaufenden Flachthäler und ihre Nachbarhöhen ward hier
entzückend schön; am nächsten und mächtigsten fiel die Moschee auf
jenem erhabenen Gebirge zu unsrer Linken ins Auge, das die Kunde der
jetzigen Bewohner des Landes für die Stätte von Ramathaim Zophim,
des Geburtsortes und des Grabes Samuels des Propheten hält. Ein Ort,
am Fuße des Berges, ward uns von einem alten Hirten Henina genannt.
Obwohl unsre Seele tief in ihrem Innersten, bei dem Genuß dieser
Stunden Etwas von den Kräften jener Verheißung empfand: ihr sollt
mit Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden, ergriff mich
dennoch, bei dem Anblick dieser Gegend und aller ihrer oft zerstörten
und in kümmerlicher Zeit wieder aufgebauten Ortschaften, auf den
Höhen und in den Ebenen, ein eigenthümliches Leid. Ich war hier unter
Bekannten und dennoch Unbekannten. Wenn ich mich, bei der Betrachtung
des vor mir aufgeschlagen da liegenden Buches der Denksteine großer
Geschichten selber fragte: verstehest du auch was du siehest; da mußte
ich mir traurig antworten: wie kann ich, so mich nicht jemand anleitet?
Wie sehr hatte ich die Abwesenheit des trefflichen, landeskundigen
Nicolaison zu beklagen, der mir gewiß in und um Jerusalem ein
freundlicher Führer geworden wäre. Unsre Mucker waren zwar zum Theil
diese Straße schon öfter gezogen, aber, sie selber Fremdlinge im Lande,
konnten uns nur die Stationen mit Sicherheit nennen, an denen sie
gewöhnlich Halt zu machen pflegten. Darum waren wir, namentlich für den
heutigen Tag, mit dem Einholen von Erkundigungen nur an die Hirten oder
andre uns begegnende Araber gewiesen.
Nach 2¹⁄₄ Stunden kamen wir in dem Thale, durch das unser Weg
führte und welches nur von mäßig hohen Felsenwänden begränzt ist, an
zahlreichen Ruinen vorüber; zur Linken des Weges zeigten sich vier
Bögen, zur Rechten Mauern und viele in den Felsen gehauene Stufen.
Weiterhin traten wir, in mehr nördlicher Richtung in ein andres, von
höheren Felsen umgürtetes Thal ein, auf dessen grünendem, von etwas
Wasser getränktem Grunde Hirten ihre Herden weideten. Auch in diesem
Thale sahen wir einige (unbedeutende) Ruinen aus alter Zeit. Es war
schon Mittag vorüber, da wir den reichlich fließenden, schön ummauerten
Brunnen, am Fuße des Hügels auf welchem Bir, das alte Beeroth liegt,
erreichten; wir hatten, von Jerusalem hieher, 3³⁄₄ Stunden Zeit
gebraucht. Da der Name Bir keine andre Bedeutung hat als Brunnen,
kann man aus diesem allein nicht mit Sicherheit urtheilen, ob da die
Stätte des alten Michmas oder die von Beeroth war[73]. Es ist hier
eine Gegend der Heldenthaten und der Kämpfe in der wunderbaren Kraft
Jehovahs; Gibeon das auf einer der benachbarten Höhen lag war überdieß
auf einige Zeit die geheiligte Ruhestätte der Bundeslade, es war der
Ort, da Salomon der König, den Herrn nicht um langes Leben, noch um
Reichthum, sondern um ein gehorsames Herz, um Weisheit bat[74]. Die
christliche Sage knüpft jedoch an die Stätte dieses Bir noch eine andre
Erinnerung. Hier soll der Ort des ersten Nachtlagers gewesen seyn, an
welchem die Eltern Jesu den zwölfjährigen Knaben vergeblich unter den
Gefreundeten und Bekannten suchten[75]. Denn noch jetzt pflegen die
Pilgrime, wenn sie nach der österlichen Zeit aus Jerusalem zur Heimath
zurückkehren, aus alter Gewohnheit, welche kein frühes Aufbrechen aus
der Stadt erlaubt, die erste Tagreise nur bis Bir auszudehnen, wo die
ansehnlichen, weitläufigen Gemäuer eines vormaligen Klostergebäudes
später zu einem Chan oder Lagerort der Karawanen benutzt wurden. Die
Andacht der Christen hatte sich aber auch hier noch eine andre Stätte
des höheren, geistigen Ausruhens geschaffen, in einer Kirche, deren
ansehnliche Ruinen noch jetzt die Beachtung des Reisenden anziehen. Die
Spitzbögen und Giebel erinnern an jene Zeit der christlichen Baukunst,
welche die vorgothische oder byzantinische genannt wird; vielleicht, um
für dieses Land es näher zu bezeichnen, an die Zeiten der Kreuzzüge.
Doch sollte, der bestehenden Sage nach, schon die Kaiserin Helena an
dieser Stätte eine Christenkirche begründet haben.
Man hatte uns gesagt, daß wir auf diesem gewöhnlichen Heerwege der
Reisenden an jedem Orte Lebensmittel in Fülle finden würden. Die
grünenden Hügel und Auen in der Nachbarschaft, mit den Herden des
Viehes schienen eben dasselbe zu versprechen. Da wir aber jetzt von
den Arabischen Bewohnern des Ortes Brod und Milch begehrten, sagten
uns diese daß sie nichts verkaufen dürften, brachten aber dennoch nach
einer Zwischenzeit, in welcher bei uns der Hunger das Wort führte,
beides herbei, wofür sie, nachdem wir es kaum genossen hatten, ein
Gegengeschenk einfoderten, welches in reichlichem Maße dem Werth des
Empfangenen gleich kam. Wir gaben dies gern und hätten es auch ohne die
Einfoderung gethan; es war hier ein gemeinsamer Durchgangspunkt solcher
Schaaren, denen das Geben nicht seliger ist denn das Nehmen, sondern
welche umgekehrt lieber nehmen als geben.
Wir blieben und ruheten hinter dem Schatten der alten Gemäuer in Bir
bis 2¹⁄₂ Uhr nach Mittag. Herr Mühlenhof, den wir hier erwarten
wollten, war nicht gekommen, wir wußten daß er uns wenigstens im
Nachtlager einholen würde. Jenseits Bir, im Norden von diesem, liegen,
in geringer Entfernung vom Orte, abermals Ruinen, zur Rechten des
Weges. Unsre Mucker konnten uns keinen Namen derselben nennen; daß aber
die Gebirge, die wir von der Höhe her in Nordwesten, mit ihren wald-
oder buschreichen Rücken sich hinziehen sahen, die Gebirge Ephraims
seyen, das brauchte uns kein Führer zu sagen. Noch jetzt tönet über
diesen majestätisch schönen Höhen ein Nachhall der Worte des Segens
Mosis, des Mannes Gottes, die er über Joseph sprach: Sein Land ist
gesegnet vom Herrn; mit dem Edlen der Höhe, dem Thau, und mit dem der
Tiefe, die unten liegt; und mit dem Edlen des Himmels und mit edlen
Schossen der Monde; und mit dem Köstlichsten der Berge des Aufganges
und mit dem Edlen der ewigen Hügel und der Erde und was drinnen ist.
Die Gnade deß, der in dem Busch wohnte, komme auf das Haupt Joseph, und
auf den Scheitel des Nasir unter seinen Brüdern[76]. Oder die Worte
jenes älteren Segens, Jacobs des Erzvaters, welche höher giengen denn
die der Vorältern, bis zur Wonne der ewigen Hügel[77].
Wir waren, von Bir hinweg, anfangs etwas aufwärts gestiegen; jenseits
dem Rücken der Höhe senkte sich der Weg abwärts. Wir hatten zur Linken
neben uns ein Thal an dessen gegenüber stehendem Abhange in der Mitte
der grünenden Pflanzungen von Feigen, Oliven und andern fruchttragenden
Bäumen, das ansehnlich aussehende Dorf Jabrut liegt. Nahe bei diesem
öffnet sich, gegen Südwesten, ein Felsenthal, an dessen gähen Wänden
eine Menge der Grabeshöhlen gesehen wird, welche bezeugen daß hier
einst die Stätte eines ansehnlichen Wohnortes in der selbstständigen
Herrscherzeit des Landes gewesen. Auf der nordwestlichen Höhe, über und
neben Jabrut liegt Ensimei (so benannten es unsre Führer) dessen alte
Gemäuer sehr kräftig ins Auge fallen.
Unsre Mucker, welche überhaupt keine Freunde von großen Tagreisen
waren, bezeugten Lust in Jabrut zu übernachten; da wir aber am andren
Tag recht zeitig nach Sichem zu kommen wünschten, widersetzten wir uns
dieser Absicht und drangen auf weitre Fortsetzung der Reise. Indem
uns Jabrut etwa in der Entfernung von 20 Minuten Weges westwärts (zur
Linken) blieb zogen wir jetzt in nördlicher dann etwas nordwestlicher
Richtung, auf sehr steiniger Straße an dem Bergabhang hinunter, der ein
fast unübersehlich großer Garten von Feigenbäumen ist. Die Pflanzungen
schienen, nach der Größe der Bäume zu urtheilen, noch ziemlich jung,
sie verriethen eine sorgfältigere Anlage und Pflege als die Gärten der
Fellahs oder auch der Stadtbewohner in der Umgegend von Jerusalem.
Diese Tausende der Feigenbäume, an denen schon ziemlich augenfällige
Früchte stunden, müssen in guten Jahren einen Ertrag geben, dessen
Fülle eine ganze Provinz unsers Vaterlandes mit den Schüsseln des
Nachtisches versorgen könnte. Das tiefe, fruchtbare Thal in das wir
jetzt eintraten, zieht sich wieder in nördlicher und selbst etwas
nordöstlicher Richtung fort. An seinen Felsenwänden zeigt sich der
Dolomitkalk, den wir überhaupt auf der heutigen Tagreise öfters
sahen. Jenseit der Feigenbaumpflanzungen tritt die freie, von der
Menschenhand unberührte Natur wieder in ihre Rechte; neben den Rosen,
deren Erstlinge sich eben aufschlossen[78], blühte der wohlriechende
Jelägerjelieber und mehrere Arten der strauch- und krautartigen
Malven[79]. Gegen fünf Uhr, 2¹⁄₂ Stunden von Bir aus fanden wir in
der Tiefe des engen Felsenthales alte Gemäuer unter denen sich die
von einer Art von Teich oder Cisterne am meisten auszeichneten. Nahe
dabei entspringt ein Quell unter dem Vorsprung des Felsendaches. Der
Kalkstein dieser Gegend ist sehr porös und zerklüftet. Ostwärts zieht
sich ein andres, noch engeres Felsenthal nach dem Gebirge hinan.
Es war wieder ein festlich schöner Vorabend des Sabbathes, wie uns
dieses Land schon mehrere gegeben hatte. Hier in der Nähe war einst die
Stätte von Bethel, dem Hauße Gottes, da dem Jacob die Verheißung ward
deren Segnungen über alle Geschlechter der Erde sich ergoßen. Dort war
es, wo der Trost Israëls und sein Hort dem einsamen Wandrer im Gesichte
der Nacht begegnete und zu ihm sprach: siehe Ich bin mit dir und will
dich behüten, wo du hinzeuchst, und will dich wieder herbringen in dieß
Land. Denn ich will dich nicht lassen bis daß ich thue was ich dir
geredet habe[80].