Thurme und von den Terrassen des Klosters. Das Kidronthal hat sich
hier, bei St. Saba mit einem Gewand bekleidet das an des Hades oder
Gehenna's (der Hölle) Pforten, zugleich aber an Den zu erinnern vermag,
welcher die Schlüssel zu diesen Pforten in Seinen Händen trägt. Eine
Amsel, mit goldgelben Spitzen der schwarzen Schwungfedern, die, wenn
sie flog, so aussahen als wären es durchsichtige Stellen, zog unsre
Aufmerksamkeit an sich, wir schonten jedoch gern die Rechte des
Haußes das seiner Bestimmung nach ein Wohnsitz des Friedens und der
erbarmenden Liebe seyn soll. Die guten Väter des Klosters hatten uns
müde und hungernde Pilgrime durch eine reichliche, wohlschmeckende
Abendmahlzeit erquickt, jetzt wurde meiner Hausfrau und mir zum Lager
der Ruhe ein Zimmer, oder eine Zelle angewiesen, die einer kühlen
Grotte des Felsens glich; der Ausgang führte nach einer hochgelegenen
Terrasse am Rande der gäh abstürzenden Felsenwand des Kidronthales.
Der Mond strahlte in die Kluft hinein und beleuchtete die weislichen
Höhen; ich konnte mich erst spät von der Aussicht trennen.
In der Nacht weckte mich ein Geläute der Glocken, das nahe bei unsrer
Zelle ertönte. Die Mönche, so wie ein großer Theil der Pilgrime, waren
munter und begaben sich hinab in die Kirche, zur nächtlichen Feier des
Gottesdienstes. Auch ich war gern mit jenen munter geworden und blieb
dieses noch lange nachher, da Alles wieder stumm ward, in der hehren
Stille der Nacht. Wie einsame Wandrer die sich in den Stunden, da andre
Leute schlafen, auf den vereinsamten Gassen begegnen, begegneten sich
da, in der Seele Gedanken des Ernstes an das Seyn des Jenseits; an
seine Schrecknisse und Hoffnungen. Der Nachtwind wehete so frisch daß
es mich schauerte, ich begab mich wieder aufs Lager der Zelle bis das
Morgenlicht über die Höhen, jenseits dem Kidronthale heranstieg.
Wir Alle waren zeitig zur Abreise fertig. Ich gieng mit meiner Frau
zu Fuße voran, um noch einmal diese Wildniß der Felsen zu besehen.
Die Gebirgsart der Gegend ist Kreidekalk mit häufigen Lagern und
Nestern des Feuersteines. Der blühenden Pflanzen gab es außer der
Nissolischen Phlomis (+Phlomis Nissolii+), dann den Faseln des
Nils (+Dolichos niloticus+) und dem +Solanum coagulans+
nur wenige; weiterhin, da wir wieder an einzelne, sehr dürftig
bestellte Saatfelder kamen, zeigte sich zwischen dem Getraide, als
Hauptbewohnerin der Aecker, die schöne, freilich für den Landmann
nicht sehr erfreuliche goldgelbe Wucherblume (+Chrysanthemum
coronarium+) und eine Art der Strohblume (+Xeranthemum+).
Im Ganzen ist jedoch die Gegend ungleich fruchtbarer als die
Gebirgsgegend, welche wir vorgestern und gestern durchzogen hatten.
Der Weg nach Jerusalem zieht sich allmälig obwohl abwechselnd mit
mehreren Senkungen, aufwärts. St. Saba liegt nach unsern Messungen
mehr denn 1280 Pariser Fuß über dem Spiegel des todten, mehr denn 680
über dem des Mittelmeeres. Wir waren also gestern von den Stunden des
Mittages bis gegen Abend, auf einer Strecke von reichlich vier Stunden
Weges nahe gegen 1300 Fuß gestiegen und hatten uns heute, auf einem
Wege von drei Stunden, von St. Saba bis zu unsrem Klosterhauße in
Jerusalem noch 1200 Fuß zu erheben. Dennoch wird das Ansteigen erst vom
Kidronbette an, beim Brunnen des Nehemia recht merklich. Ueberhaupt
erscheint Jerusalem von keiner andern Seite her in solchem Maße als
eine hochgebaute Stadt, denn auf dem Wege von St. Saba, wo man diese
alte, verarmte Königin der Städte schon aus weiter Ferne auf dem Thron
ihrer Berge erblickt. Ich stieg zuletzt allein durch die südliche
Schlucht des Tyropäonthales, die vom Siloahquell beginnt, hinan zur
Stadt und kam durchs Zionsthor etwas eher zur Pilgerherberge als meine
Reisegefährten. Es war ein sehr gemischtes Gefühl mit dem ich das mir
so theuer gewordne Obdach begrüßte, denn diesem Gruß des Wiedersehens
stund jenem des Abschiednehmens -- wahrscheinlich für immer -- ganz
nahe.
Naturgeschichtliche Bemerkungen.
Ehe wir Jerusalem verlassen und den Wanderstab weiter zur Reise
durch andre Gegenden von Palästina erheben, sey es mir erlaubt noch
einige allgemeine Bemerkungen über die Naturbeschaffenheit der
Landschaft jener merkwürdigsten Stadt der Erde zu machen. Da es
meine Absicht ist diesen Gegenstand noch einmal künftig ausführlicher
und tiefer eingehend zu behandeln als mir es hier der Plan dieser
Reisebeschreibung verstattet, hebe ich aus den Thatsachen, welche
hieher gehören nur Einige heraus und stelle sie als den unvollkommenen
Schattenriß eines künftigen, vollkommneren Naturgemäldes zusammen.
Abgesehen von der großen Geschichte dieses Landstriches, so hat der
Umgegend Jerusalem schon die Natur solche Züge der Auszeichnung und
Eigenthümlichkeit aufgeprägt, daß hierinnen kaum ein andrer Punkt der
Erde ihr zu vergleichen ist. Man hat zwar nach jener hochgelegnen
Stadt von allen Richtungen her im Allgemeinen, wenn man hierbei den
Höhengürtel ihrer nächsten Umgränzung unberücksichtigt lässet, aufwärts
zu steigen, denn der Höhe von nahe 2500 Fuß über dem Meere, auf welcher
Jerusalem liegt, kommt die Höhe nur weniger andrer so nahe am Meere
gelegener Städte der östlichen Halbkugel gleich, dennoch ist jenes
Aufwärtssteigen am auffallendsten von Osten, vom todten Meere und der
Jordansaue her. Bei dem jetzigen Stand der Wissenschaft darf man wohl
fragen: wo auf Erden ist ein ähnliches nahes Beisammensein des Hohen
mit dem Tiefen bemerkt und erhört worden als hier, wo in einer Linie
von sieben Stunden Weges eine Absenkung von ~wenigstens~ 600 Fuß
~unter~ und eine mehr denn vierfach so große Erhebung ~über~
die Meeresfläche gefunden wird. Der Unterschied der Erhöhung beträgt
zwischen Jerusalem und der Jordansaue bei Jericho über 3000 Fuß. Wenn
man hierbei jener Annahme folget, nach welcher 100 Metres dieses
Unterschiedes einen ähnlichen Einfluß auf die mittlere Temperatur
haben, als eine Differenz der geographischen Lage um einen Grad der
Breite, so geht daraus hervor daß die mittlere jährliche Wärme der
beiden so nahe an einander gränzenden Gegenden ohngefähr eben so weit
von einander abstehen möge als die von Rom und London. Während hiernach
das Klima der Jordansaue und des todten Meeres dem der südlichen Araba
und des Nildeltas gleich zu schätzen wäre, käme das von Jerusalem
etwa nur dem Klima der Insel Lemnos und der Stätte des alten Troja,
oder mit jenem des Thales von Tempe und den mittlern Küstengegenden
von Sardinien gleich. Und wenn es erlaubt wäre aus thermometrischen
Beobachtungen die nur etliche Wochen umfaßten, dabei jedoch in den
Monat April fielen, dessen mittlere Temperatur mit der mittlern des
Jahres in naher Uebereinstimmung zu stehen pflegt, einen Schluß auf
das Klima von Jerusalem zu machen, so würde ich die mittlere Wärme des
Jahres in Jerusalem wenigstens nicht höher stellen als etwa die von
Cagliari in Sardinien es ist; ich würde sie noch nicht so hoch als die
von Neapel, höchstens zwischen 16 bis 17 Grad der hunderttheiligen
Skala (zu 13¹⁄₂ Grad R.) anschlagen. Daher reift die Dattelpalme,
obgleich sie noch zum Baum, auch in ungeschützter Lage erwächst, um
Jerusalem niemals ihre Früchte, während die Datteln der Umgegend von
Jericho und des todten Meeres schon bei den Alten im Rufe der höchsten
Vortrefflichkeit stunden; die strauchartige Baumwolle und ähnliche
Gewächse der wärmeren Zone sieht man dort nicht; dagegen gedeiht um
Jerusalem und Bethlehem ein Wein, welcher an Wohlgeschmack und Feuer
dem von Lemnos und Lampsakos nichts nachgiebt; der Oelbaum, die Feige,
die Obstarten, der Wallnußbaum lohnen da überall, durch eine Fülle der
Früchte, die Mühe des Anbaues.
Die geographische Lage von Jerusalem wird zu 31° 47' 47" der N. Breite
und 32° 53' L. von Paris angegeben[61]. Die Breite entspricht mithin
ohngefähr jener von Marocco; der Unterschied der Längen macht in
der Zeit, zwischen Paris und Jerusalem nur 2 Stunden 1¹⁄₂ Minuten,
zwischen München und Jerusalem nur eine Stunde und 43 Minuten aus.
Ueber die Verschiedenheit der Jahreszeiten, namentlich der Temperatur
der einzelnen Sommer- und Wintermonate weiß ich leider nur wenig
Zuverläßiges zu sagen, doch will ich dieses Wenige nicht unerwähnt
lassen. Im Ganzen scheint auch von der Umgegend von Jerusalem dasselbe
zu gelten, was mit großer Allgemeinheit in allen östlich an das
Mittelmeer angränzenden Länderstrichen statt findet: daß die Kühle des
Winters weiter in den Frühling, die Wärme des Sommers aber tiefer in
den Spätherbst hineinrückt als in den westlichen Gegenden. Die Hitze
soll im Sommer öfters über 32° R. (40° Cent.) betragen[62]. Wenn dann,
wie dieß gerade in der Mitte des Sommers häufig der Fall ist, der
heiße, trockne Ost- und Südostwind wehet, bringt selbst die Nacht nur
wenig Abkühlung und der Aufenthalt in der fast schattenlosen Nähe von
Jerusalem fällt dann dem Fremden der aus den Ländern des Schattens
und der Wasserströme hieher kam so unerträglich, daß die Schaaren
der Kreuzfahrer, bei der ersten Belagerung der Stadt sich tief in die
Erde eingruben, deren durchwärmter Staub nur wenig Lindrung gegen die
Hitze brachte. Dennoch wird das hochgelegene Jerusalem auch noch in
den Zeiten des Spätfrühlinges manchmal von so kühlenden Nordwinden
besucht, daß nach Falmereier selbst im Anfang des Juni die Mönche des
griechischen Klosters zuweilen wieder ihre Pelzkleidungen anlegen.
Dagegen ist die Hitze in den Herbstmonaten meist noch sehr groß,
und auch nachdem der Frühregen, welcher mitten in der Zeit zwischen
dem Herbstäquinoctium und dem Wintersolstitium, etwa 7 Wochen vor
Weihnachten fällt, das lechzende Land mit seinen reichen Strömen
erquickt hat, bringen die Südwestwinde wieder so milde Tage, daß hier
die Zeit um Weihnachten öfters zu den lieblichsten Zeiten des ganzen
Jahres gehört[63]. In der Regel fängt es erst gegen die Mitte des
Januar an etwas anhaltender kalt zu werden und selbst noch im Februar
gefriert es zuweilen, so wie auch der Schnee in Jerusalem eben so
als eine zwar schnell vorübergehende, dennoch aber nicht besonders
seltne Erscheinung bekannt ist als in Rom. Ohnehin sieht man dann
die höher gelegnen Punkte des Landes öfters mehrere Tage lang weiß
beschneit. Der Spatregen stellt sich um die oder bald nach der Zeit des
Frühlingsäquinoctiums ein. Wie reichlich in Palästina der Thau falle,
davon werde ich bei der Beschreibung unsrer weiteren Reise reden. Auch
dieser trägt das Seine zur Ernährung des Landes bei; das meiste Wasser
aber, dessen der Mensch zu seinem Haushalt bedarf kommt vom Regen.
Namentlich hat in Jerusalem jedes Haus eine oder mehrere Cisternen; wir
tranken in unsrem Kloster kein andres als Cisternenwasser und fanden
dasselbe von ganz besondrem Wohlgeschmack und dabei vollkommen klar und
rein.
Was die herrschenden Gebirgsarten der Umgegend von Jerusalem, und,
wenn ich von der kleinen Strecke welche ich durchzog urtheilen darf,
des gelobten Landes überhaupt betrifft, so glaube ich sagen zu dürfen,
daß die Gebirge diesseits des Jordans fast durchgängig Kalk sind,
auf dem sich schon jenseits Cana, auf der Hochebene von Hittin und
am westlichen Abhange des Tiberiassees der Basalt einfindet, welcher
ostwärts vom Jordan in so ungeheuer großen Massen und weiter Ausdehnung
auftritt, als ich dieß nie vorher gesehen. Daß jener Kalkstein, der
bei Jerusalem, der zwischen da und Jericho, so wie bei Nazareth und am
Thabor zunächst ins Auge fällt, der den Gipfel des Oelbergs bedeckt und
seine Abhänge bildet zum Kreidekalk gehöre, wird auch der Anfänger in
dieser Art der Untersuchungen alsbald erkennen; die Lager und Nester
des Feuersteines treten allenthalben aus ihm hervor; das Gebirge
behält den Charakter seiner Formation eben so deutlich wo es in seinen
festeren Gebilden unserem Alpenkalksteine und Schnürlkalk als da wo es
in seiner lockreren Beschaffenheit dem Kreidemergel gleicht. Aber außer
dem Kreidekalk, an welchem wir freilich schon in unsrem Vaterlande die
mannichfachsten Annäherungen an die Formen andrer, sogenannt ältrer
Gruppen der kohlensauren Kalkgebirge gewohnt sind[64] zeigt sich schon
um Jerusalem, eben so wie in andren Gegenden des Landes eine andre
Felsart, die ich mit ihren häufigen Dolomitgebilden für keine andre
als für unsre sogenannte Juraformation halten konnte. Ich darf mich
hierbei auf das Urtheil eines Mannes vom Fache, des wackren Geognosten
~Rußegger~ berufen, welcher nach mir Palästina bereiste. Auch
dieser beschreibt[65] die Gebirgsart, von welcher ich hier rede, als
»ein Gebilde das allen innren und äußren Kennzeichen zu Folge, dem
oberen Jura und Oolith so wie dem Juradolomit beizuzählen ist.« Unter
dem Jurakalk von Jerusalem mit Dolomit unterschied derselbe (einen
auch mir auffallend gewesenen) Kalkstein, der sehr eisenschüssig ist
und keine Dolomite führt, ja selbst unter diesem wieder einen (meiner
Beobachtung entgangenen) zweiten, dunkelgefärbten, dichten, mit
Enkriniten, der sich nur in geringer Entwicklung bei Jerusalem zeigt
und hier nur an wenigen Stellen, stets aber als tiefestes Gebilde
auftritt, während er in Osten der Jordansmündung und des todten Meeres
zu hohen Bergen ansteigt. Den dichten, eisenschüssigen Kalkstein der
ersteren Art hält Rußegger für ein Parallelgebilde des unteren Jura und
des unteren Oolithes; den Enkrinitenkalk der als Tiefestes dasteht für
den +carboniferous Limestone+ oder Kohlenkalkstein. Da ich, durch
einen unglücklichen Zufall, von welchem ich später reden werde, noch
in diesem Augenblicke nicht im Besitz unsrer größeren, auf der Reise
durchs Peträische Arabien so wie durch Syrien gemachten geognostischen
Sammlung, doch nicht ohne Hoffnung bin dieselbe wieder zu erhalten,
verspare ich die ausführlichen Nachweisungen über diesen Gegenstand an
einen andern Ort.
Man dürfte, um nur noch eine Bemerkung über die Gebirgsnatur von
Palästina hinzuzufügen, dieses Land, vor den meisten andern Ländern
der Erde ein Land des Salzes nennen, das mit seinem Ueberflusse, der
vorzüglich am todten Meere zu Hauße ist, auch in leiblicher Hinsicht
ein Salz der ganzen Erde werden könnte. Auch an warmen Quellen ist es
überaus reich. Dem lästigen Sande begegneten wir erst wieder jenseits
dem Libanon, bei Beirut, und, in geringer Menge, an einzelnen Stellen
der Hochebene von Damaskus. Palästina ist schon von Natur ein Land
der Höhlen wie wenig andre Länder der Erde, und seit alter Zeit hat
der hier wohnende Mensch die Zahl dieser Grotten noch vermehrt oder
ihren natürlichen Umfang erweitert, weil er gern, wie die Taube, in
den Felslöchern und Steinklüften wohnte. In diesen ist im Sommer
gegen die Hitze so wie im Winter gegen die kalten Winde und Regen
Schutz zu finden. An vielen Orten sieht man noch jetzt die Häußer
so an den Fels gebaut, daß die Höhlen desselben theils zu Kammern,
theils zu Viehställen dienen können. Obgleich das Erdbeben zu den
öfter wiederkehrenden Schrecknissen des Landes gehört, bemerkt man
dennoch die Spuren seines Vorüberzuges nicht so wie in Kleinasien
an den Gebirgen, weil die Gewölbe des Kalksteines seinen Stößen
besseren Widerstand leisten denn der Sandstein. Während das große
Erdbeben vom ersten Januar in und um Nazareth so viele Menschengebäude
niederstürzte, blieben jene Grotten, welche, wie wir später erwähnen
wollen, der Andacht gewidmet sind, mit allem dem was sie umfassen,
unberührt.
Das Kalkgebirge, vor allem das mergliche, zeichnet sich allenthalben,
wo der Segen des Wassers es benetzt und der Strahl der höher stehenden
Sonne es belebt, durch eine ganz besondre Mannichfaltigkeit der
Pflanzenformen so wie durch ein kräftiges Gedeihen derselben aus; das
Basaltgebirge ist eine Mutter der Quellen. Welcher Boden könnte von
Natur fruchtbarer und zum Anbau günstiger seyn als der von Palästina,
wenn der Mensch nicht selber mit der Wiege der Fruchtbarkeit den
Säugling vernichtet, wenn er nicht mit der vormaligen grünenden
Bedeckung der Höhen und Bergabhänge den Kreislauf des Süßwassers, das
als Dampf und Gewölk vom Meere hinansteigt nach der kühlen Höhe und von
da als Quell und Bach wieder hinunterströmt zur Tiefe, zerstört hätte.
Denn das Gewächsreich gleichet in der Geschichte jenes Kreislaufes den
Haargefäßen, welche im lebenden Leibe den Uebergang des Blutes aus
den Enden der Schlagadern in die Anfänge der Blutadern vermittlen und
auf diese Weise es möglich machen daß der Puls nicht stille stehe. So
sehr aber auch das eigne Volk des Landes, aus Neid gegen den fremden
Eroberer und Herrscher[66], und so sehr die Feinde desselben, deren
Zorn so oft diese Stätte der alten Segnungen traf, gegen den innren
Wohlstand desselben gewüthet haben, ist es mir dennoch unbegreiflich,
daß nicht bloß Spötter und geistige Feinde des Landes der großen
Verheißungen, wie Voltäre, sondern selbst manche frühere Reisende,
Palästina als eine natürliche Einöde, als einen Boden der weder vormals
noch jetzt zum einträglichen Anbau taugte in böses Geschrei bringen
konnten. Wer die unverwüstliche Fülle des Pflanzenreichthumes am
Carmel und am Saum der Wüste, wer die grünenden Gefilde von Esdrälon
und in der Jordansaue, die Laubwaldungen am Thabor, wer die Ufer
des Tiberias- und des Meromsees gesehen, denen nichts fehlt als die
anbauende Menschenhand, welche dem üppigen Boden ihre Saamenkörner
und Pflanzungen anvertraut, der mag doch sagen welches andre, von
tausendjährigen Kriegen entvölkerte Land unsrer Halbkugel er günstiger
zum Wiederanbau gefunden. Freilich war es auch hier, ja hier vor allem
der Segen von oben, der die Fülle des Gedeihens gab, aber der Kanal
durch den der Strom des Segens sich ergoß ist noch jetzt weit geöffnet
wie vormals.
Die eigentliche, nähere Betrachtung der Flora von Palästina, so weit
ihm dieselbe möglich seyn wird, verspart sich der Beschreiber dieser
Reise an einen andern Ort; hier führt er seinen Leser nur, wie die
Richtung des Weges es eben wollte, durch einen einzelnen Gang oder
Fußpfad des großen Gartens.
Im Koran der Mohamedaner schwört Gott bei der Feige und bei der Olive,
das heißt bei Damaskus und bei Jerusalem. Der Oelbaum war und ist noch
jetzt der Fürst unter den Bäumen dieses Landes, das seine natürliche
Heimath zu seyn scheint. Ich habe nirgends so alte Oelbäume gesehen
als hier; ihre Anpflanzungen könnten und würden freilich, wenn solche
fleißige Hände ihrer pflegten, wie die der Provenzalen, ungleich
ausgedehnter und einträglicher seyn. Das Oel, welches man aus der
Frucht gewinnt, ist vortrefflich. Aber auch der andre Baum, den der
Koran neben die Olive stellt, wächst in ungemeiner Menge in Palästina
und seine Pflanzungen bedecken, namentlich in der Umgegend von Jabrut,
auf den Hügeln zwischen Bir und Sindschil ganze fast unübersehliche
Landstriche. Die Frucht ist von ganz besonders lieblichem Geschmack
und aromatischer Süßigkeit, dabei aber meist kleiner als die der
Umgegend von Smyrna[67]. Dagegen wird der Weinstock von Palästina, der
freilich nur noch einzelnen Landstrichen desselben angehört, nicht nur
an der feurigen Kraft seines Fruchtsaftes, sondern auch, wenigstens
im südlicheren Gebirge des Landes an Größe und Menge der Trauben von
keinem andern Weinstock der Erde übertroffen. Ich habe am Libanon Wein
getrunken, dem mir kein andrer an Kraft und Wohlgeschmack gleich zu
kommen schien, welchen ich jemals sonst gekostet. Da die Mohamedaner
nur unter der Hand den Wein trinken (obwohl sie, wie früher erwähnt,
diesem verbotenen Genuß allmählich mehr Geschmack abgewinnen) benutzen
sie die Fülle der Trauben, die ihnen das Land giebt, außer zur
unmittelbaren Nahrung und zum Verkauf an Christen und Juden, welche
ihn keltern, nur zur Bereitung von Rosinen und vor allem zu der eines
unvergleichlich guten Traubensyrupes, Dibse genannt, der meist nach
Aegypten verkauft wird. Wie groß der Ertrag sey, zeigt die Größe der
Ausfuhr jenes Syrupes aus einzelnen Orten, denn nach Shaw[68] soll
allein Hebron jährlich gegen 2000 Centner davon versenden. Um Bethlehem
wie um Jerusalem fällt die Reife der Traube und ihre Lese in den
September; nur am Libanon giebt man sich die Mühe den Wein für längere
Zeit zu pflegen und zu erhalten; gewöhnlich trinkt man das Gewächs des
Jahres von einer Lese zur andern.
Der erste Baum, dessen Blüthe vor der Zeit des Spätregens erwacht
und in den tiefen Thälern selbst vor Eintritt der kalten Tage des
Februar sich öffnet, ist der Loz oder Mandelbaum; die Gegend von
Bethlehem und Hebron fanden wir im März mit blühenden Obstbäumen
geschmückt unter denen sich die Aprikose, der Apfel und die Birne
zeigen; im April vermählt sich der Purpur der Granatblüthe mit dem
Weiß der Myrte und zugleich beginnt dann die Zeit der Rosen des Landes
und der buntfarbigen Ladanen (Cistus); der Zakkumbaum (+Elaeagnus
angustifolius+) giebt neben dem Storaxbaum, dessen Blüthe unserm
sogenannten deutschen Jasmin (+Philadelphus coronarius+)
ähnlich ist, seinen süßen Duft. Mit der siegreichen Kraft des Landes
ist zwar zugleich das Zeichen des Sieges, die Palme von ihrem Ort
hinweggenommen; die Palmengärten von Jericho sind bis auf wenige Spuren
verschwunden. Wie trefflich jedoch der herrliche Baum im niederen
Lande gedeihen könne, das zeigte uns die Ansicht von Akre und die
Nachbarschaft von Kaipha. Nur als ein Pflegling der Menschenhand
stehet in Gärten, wie an Begräbnißstätten und andern freien Plätzen
der Ortschaften, die hohe Zypresse da; als selbstständiges Erzeugniß
des Bodens erscheinen auf den Hügeln und Hochebenen der Azerolbaum
(+Crataegus Azarolus+) der Wallnuß- und Erdbeerbaum, der Lorbeer-
und Lorbeer-Tinus, die Arten der Pistazien und Terebinthen, der
immergrünen Eichen so wie die baum- und strauchartigen Sorten des
Rhamnus, der Cedernwachholder und einige Arten der Thymeläen, auf den
vormals waldigen Höhen aber mehrere Arten der Pinien und Fichten. Der
Sykomorus und der Johannisbrodbaum, die Maulbeeren und Opuntienfeigen
wachsen meist nur angepflanzt in der Nähe der Ortschaften; Gärten
voller Orangen und Zitronen fanden wir am meisten bei Nablus (Sichem).
Die Arten des Getraides gehen in vielen Gegenden des Landes, vor
allem in der Ebene Jesreel und auf den Hochebenen von Galiläa in
großer Menge von selber auf, als verwilderte Nachkommen der vormals
hier bestandnen Saatfelder, und bezeugen hierdurch noch jetzt welch
herrliches Getraideland einst Palästina gewesen. Außer dem Waizen und
der Gerste sahen wir unter diesen Wildlingen auch häufig unsern Roggen.
Der jetzige, sehr nachläßig betriebene Ackerbau beschäftigt sich mit
der Cultur fast derselben Getraidearten die man in Aegypten baut. Man
sieht Felder des Sommer-Moorhirses (+durah gaydi+), des gemeinen
(+durah sayfeh+) und des Herbstmoorhirses (+d. dimiri+),
welche sämmtlich Varietäten des +Holcus Sorghum+ sind; Waizen
(+kumh+) besonders der Spelt, Gerste (+Schay-ir+) gedeihen
fast überall; in der obern Jordansaue und am Meromsee auch Reis
(+aruz+); an der Jacobsbrücke im Jordan sahen wir schönes,
hochwüchsiges Papyrusschilf. Von Hülsenfrüchten baut man den Hommos
oder die Kichererbse (+Cicer arietinum+), die Fuhl oder
Aegyptische Bohne (+Vicia faba+), den Gischrungayga (+Phaseolus
Mungo+) und Gilban (+Lathyrus sativus+) so wie die Ads oder
Linsen und die Bisilleh oder Erbsen. Unter den Gemüsen sind die
Früchte der Hibiscusarten beliebt: Bamia Towileh ist +Hibiscus
esculentus+, Bamia beledi und Wayka sind +Hib. praecox+; hie
und da ist auch durch die Franken der Anbau der Kartoffeln (+kolkas
franschi+) versucht worden; sehr gemein ist in den Gärten der
Klöster die Kharschuf oder Artischoke so wie der Khus oder Salat; in
feuchten Gegenden, wie bei Sichem die Batikh oder Wassermelone, Khiar
oder Gurke u. a.
Häufiger als der Kettan oder Lein wird der Bust oder Hanf gebaut,
in günstigen Lagen auch die Baumwollenpflanze oder Qotn, so wie die
Färberröthe oder Fuah.