Wir waren nicht wenig erstaunt als wir schon bei Jericho, noch mehr

aber am todten Meere das Quecksilber in unserm Barometer, dessen Scala,

wie ich dieß im Anhange erwähnen werde, zu solchen Beobachtungen

nicht ausreichte, noch weit über die Gränze der Eintheilungslinien

hinaufsteigen sahen. Wir waren genöthigt die Höhe nach dem Augenmaß zu

schätzen, und obgleich wir diese Schätzung, weil das Resultat derselben

ein zu unerwartetes war, so knapp als möglich hielten, ergab sich

dennoch daraus die Tiefe des todten Meeres unter dem Wasserspiegel des

Mittelmeeres zu wenigstens 598¹⁄₂ oder in runder Zahl 600 Pariser,

d. h. nahe 640 Englischen Fußen. Wir suchten diese Folgerung auf jede

ersinnliche Art von uns zu weisen. Zuerst durch einen zufälligen,

ungewöhnlich hohen Barometerstand gerade am Tage unsrer Messung; allein

der gestrige heftige Sturm hätte eher ein Fallen als ein Steigen der

Quecksilbersäule bewirken können. Dann warfen wir ein Mistrauen auf den

Gesundheitszustand unsers Barometers selber, der ja so vielen Zufällen

ausgesetzt war; allein dieses zeigte bei unsrer Rückkehr nach Jerusalem

wieder denselben mittlern Stand als vor dem Antritt unsrer Reise nach

Jericho. Dennoch würde ich es nach meiner Rückkehr ins Vaterland nicht

gewagt haben von einer so sonderbar ausgefallenen Messung öffentliche

Erwähnung zu machen, obgleich auch die Höhenmessung am Tiberiassee

damit im Einklang erschien, wenn nicht einige meiner Freunde die

Bekanntmachung davon in der allgemeinen Zeitung übernommen hätten. Und

kaum war dieses geschehen da kamen alsbald öffentliche Bestätigungen

über die abnorm tiefe Lage des Salzsees, zuerst durch Herrn Beke dann

durch mehrere andre Beobachter; Bestättigungen, welche unsre Angabe,

die auch wirklich mit der vorsichtigsten Mäßigung hingestellt war, noch

als die bescheidenste erscheinen ließen.

Der bedeutendste Einfluß, welchen die tiefe Lage des todten Meeres und

der angränzenden Jordansaue auf die Naturbeschaffenheit des Landes

hat, ist der, welcher die mittlere Temperatur angeht. Wenn man mit

d'Aubuisson annimmt, daß auf unsrer nördlichen Halbkugel jede Erhebung

oder Vertiefung von 100 Metres eine mittlere Temperatur des Ortes

zur Folge hat, welche der eines andern Ortes entspricht, der um einen

Grad der Breite nördlicher oder südlicher liegt, dann findet man

daß die Ufer des Salzsees und des untren Jordanslaufes eine gleiche

mittlere Wärme haben mit dem Landstrich von Kairo, ja mit der Gegend

von Akaba am Ailanitischen Meerbusen. Palmen müßten deshalb, nebst

allen andren Gewächsen der heißeren temperirten Zone, eben so gut hier

bei Jericho gedeihen als an jenen Orten, abgesehen von dem Einfluß

den die Stellung der benachbarten Gebirgswände auf den Schutz und die

Pflege des Gewächsreiches haben könnte. Und daß dieses wirklich so

sey, das beweisen nicht nur die Berichte der Alten über die vormalige

Fruchtbarkeit des Gefildes von Jericho an Palmen und Balsamstauden,

sondern auch die noch fortwährende Beobachtung, daß um Jericho die Zeit

des Blühens und des Reifens der Gewächse viel früher fällt denn selbst

an der Mittelmeeresküste von Palästina.

Auf das Wohlbefinden der Bewohner des Landes hat wenigstens die

Vermehrung des Luftdruckes keinen nachtheiligen Einfluß. Wirkt doch

auf die leibliche Stimmung vieler Menschen der höhere Stand des

Barometers mithin der vermehrte Luftdruck, abgesehen von der Heiterkeit

oder Umwölkung der Atmosphäre auf eine wohlthuende Weise ein und die

Versuche, welche man in einer noch vielfach mehr zusammengedrückten,

verdichteteren Luft, als die am Spiegel des todten Meeres ist, gemacht

hat[57] haben eben so wie die alltägliche Erfahrung der Taucher in

der Taucherglocke gezeigt, daß die einzige Unbequemlichkeit, welche

der in einer doppelt so dichten Luft eingeschlossene Mensch empfinde,

ein unangenehmes Gefühl am Trommelfell des Ohres sey; denn was das

vermehrte Gewicht der Luftsäule betrifft die auf der Oberfläche des

Körpers und dem Innern der Lunge lastet, so trägt man daran nicht

schwer, indem der äußere Druck durch einen innern Gegendruck des

Lebenshauches (+turgor vitalis+) im Gleichgewicht gehalten wird.

Am Ufer des Sees sieht man Feuersteine von den verschiedensten Farben,

die aus dem Kreidekalk der benachbarten Gebirge herkommen, Kalksteine

von Bitumen durchdrungen und geschwärzt, und außer diesen einzelne

Stücken von Asphalt, welche der See auswirft, nirgends aber eine

Spur von solchen Steintrümmern oder Gebirgsarten, denen man einen

vulkanischen Ursprung zuschreiben könnte. Auch die Umrisse der Gebirge,

an der rechten wie an der linken Seite des Sees erinnern nicht an die

Wirkung vulkanischer Kräfte; sie sind von der Form unsrer heimathlichen

Kalkalpen, namentlich jener, die man nahe an den Ufern des Sees von

Como und von Lecco sich erheben siehet. An vielen Punkten fällt die

Schichtung deutlich ins Auge, die Felsen, namentlich des westlichen

Ufers, zeigen öfters von einer Höhe von fünf bis sechshundert Fuß herab

so gähe Abstürze, als wären die Felsenwände hier von Menschenhand eben

gehauen oder gewaltsam abgeschnitten.

Der Freund der Natur wie der ältesten Geschichte stehet vor dieser

Gegend wie vor einer mit mächtiger Deutlichkeit und riesenhafter Größe

in die Felsen gehauenen Hieroglyphe, die bei all dieser Augenfälligkeit

ihm dennoch unleserlich bleibt. Es redet die heilige Schrift wie die

Geschichtskunde der Völker von einem Zustand der Dinge, bei welchem das

Thal, wo nun der Salzsee bis zu einer Länge von eilf und einer Breite

von drei Deutschen Meilen fluthet, ein fruchtbarer Landstrich war, auf

welchem eine Menge der Städte und andren Ortschaften lagen. Hier war

einst die Stätte von Sodom und Gomorra. Floß vielleicht vormals der

Jordan ruhigen Laufes durch diesen See und dann durch das südliche Ghor

und die Araba nach dem Ailanitischen Meerbusen? -- eine Meinung für die

so vieles zu sprechen schien? Allerdings nehmen jetzt umgekehrt die

Regenströme von Süden her, aus dem Ghor und aus den in ihn mündenden

Wadys ihren Lauf gegen Norden: zum todten Meere; am Südrande von

diesem bemerkten neuere Reisende, jenseits der salzthonigen Fläche

über die zuweilen das Meer hinüberfluthet, gähe Felsendämme von einer

ohngefähren Höhe von 100 bis 150 Fuß, welche jedoch an mehrern Stellen

von dem Bette der südlichen Gießbäche durchbrochen sind. Vergleicht man

jene Höhe mit der vorhin erwähnten des Wasserspiegels, dann findet man

daß dieselbe noch immer zwischen vier- bis fünfhundert Fuß unter das

Niveau des Mittelmeeres falle; umgekehrt liegen jene 2 Punkte, deren

Lage wir auf unsrer früheren Reise durch das Ghor an der Westseite

desselben barometrisch bestimmten, zwar beide, der eine fast 100

Fuß ~unter~ dem Spiegel des rothen, zugleich aber auch 500 Fuß

~über~ dem des Salzmeeres, so daß von hier immer noch der Lauf

des Wassers abwärts nach diesem hinführen könnte. Hat vielleicht da,

in diesem merkwürdigen Thale, das vom Libanon und Antilibanon an

einer ungeheuren Kluft der Gebirge gleicht, noch in den Zeiten der

Menschengeschichte ein Hinabsinken des vormals höheren Grundes in die

Tiefe statt gefunden, zugleich mit jenen furchtbaren Erscheinungen,

welche die Atmosphäre bewegten? Daß der See, in den doch der Jordan und

mehrere Bäche so wie Quellen hineinströmen, keinen Ausfluß hat, darf

uns nicht verwundern; die Menge des Wassers, welche die Verdünstung von

der gegen vierzig Quadratmeilen großen Oberfläche seines Wasserspiegels

hinwegführt, beträgt in diesem Klima mehr denn die des Zuflusses, und

es scheinen manche Spuren darauf hinzudeuten, daß der See in einem

vormaligen grünenderen, darum auch wasserreicherem Zustande des Landes

von weiterer Ausdehnung und größerer Höhe gewesen sey.

So reden diese erhaben schönen Höhen und Felsenthäler des Gebirges

Pisga, das sich uns da, wo wir stehen, in seiner ganzen Herrlichkeit

entfaltet, von Thaten des richterlichen Ernstes des Gottes Jeschyruns,

aber sie zeugen auch von den Segnungen seines Erbarmens und seiner

Güte. Dort, jenseit des Sees im Lande der Moabiter war es, wo Moses,

der Mann Gottes, seinem Volke und Josua, dem treuen Diener, das: sey

getrost und unverzagt[58] zurief. Auf einem jener jenseitigen Gefilde

ward das Lied vernommen: »Merket auf, ihr Himmel, ich will reden und

die Erde höre das Gespräch meines Mundes. Meine Lehre triefe wie der

Regen, und meine Rede fließe wie der Thau; wie die Schauer auf das Gras

und wie die Tropfen auf das Gras. Denn ich will den Namen des Herrn

preisen; Gebt unserm Gott die Ehre. Er ist ein Fels; Seine Werke sind

untadelich, denn alle Seine Wege sind recht. Treu ist Gott und kein

Böses an ihm; gerecht und fromm ist er[59]. -- Ja, Niemand ist gleich

dem Gott Jeschyruns, der auf dem Himmel einherfährt dir zu helfen und

in seiner Hoheit auf dem Duft. Das ist die Wohnung des Gottes des

Anfangs und unten walten ewige Arme. Und er wird vor dir her deinen

Feind austreiben und sagen: sey vertilget. -- Wohl dir du Volk das du

durch den Herrn selig wirst, der deiner Hülfe Schild und das Schwert

deines Sieges ist«[60].

Die Zeit unseres Verweilens am todten Meere konnte leider nur kurz

seyn. Unsre beiden Türkischen Begleiter hatten uns auf dem Wege vom

Jordan zum todten Meere nach ihren besten Kräften zu vergnügen gesucht,

indem sie vor unsren Augen das Waffenspiel des Dscherid-Werfens übten,

wo beim Auspariren wie beim Abschießen des Wurfspießes, beim Angreifen

wie bei der verstellten Flucht die Reiter sammt ihren Thieren große

Gewandtheit und Kräfte entwickelten. Jetzt verlangten die guten Leute,

denn der Mittag war vorüber, etwas zu essen. Sie meinten, auch wir

wie andre vorsichtige Reisende seyen mit Lebensmitteln für uns und

unsre Begleiter versorgt, und würden nun endlich einmal unsre Vorräthe

aufthun. Wir gehörten jedoch nicht unter die vorsichtigen Reisenden,

sondern waren auch für uns selber mit keinem Bissen Brodes, mit keinem

labenden Trunke versehen. Darum ermahnten die beiden Waffenmänner

zum Aufbruch vom sehr heißen, schattenlosen Seeufer, das ihnen wenig

Unterhaltung bot, nach dem gastlichen Kloster von Santa Saba. Auf

unsrem Wege am Strande hin hatten wir einen Anblick, der uns zwar nicht

ganz unerwartet, für diese Gegend aber etwas Außerordentliches war. Wir

sahen ein ganz neues Fahrzeug auf dem die englische Flagge wehete. Es

war niemand dabei den wir hätten befragen können; schon in Jerusalem

hatten wir jedoch gehört, daß zwei Engländer mit dem kühnen Gedanken

umgiengen eine Fahrt auf dem todten Meere zu versuchen, um seine

Tiefen, wie die Gestalt der Ufer mit wissenschaftlicher Genauigkeit

zu erforschen. Das Material zum Bau eines Fahrzeuges, so erzählte man

uns weiter, sey bereits von der Küste des Mittelmeeres aus zu Lande an

Ort und Stelle geführt worden. Hier sahen wir nun, nicht bloß jenes

Material sondern ein aus ihm schon fertig gewordnes, höchst zweckmäßig

eingerichtetes Schifflein. Wir betrachteten es mit jener innigen

Theilnahme, welche die Absicht seiner Erbauer verdiente und freuten

uns schon damals auf die künftige Ausbeute an wissenschaftlicher

Erkenntniß, die man sich mit Recht von dieser neuen, außerordentlichen

Fahrt versprechen durfte. Wie wir erst später erfuhren war der eine

jener beiden ehrenwerthen Forscher der Bruder des Herrn Beke, dessen

bestättigende Mittheilungen über die Lage des todten Meeres ich schon

vorhin dankbar erwähnte. Obgleich wir sehr wahrscheinlich zu gleicher

Zeit in Jerusalem weilten und selbst in den verschiedenen Nebengebäuden

eines und desselben Pilgerhaußes wohnten, hatte ich dennoch nicht das

Glück gehabt die persönliche Bekanntschaft der beiden interessanten

Reisenden zu machen, die mir damals von so großem Nutzen gewesen wäre.

Der Weg nach St. Saba verläßt nach einer etwa halbstündigen Strecke

das Seeufer und die angränzende Ebene und steigt am Fuße des westlichen

Gebirges hinan. Anfangs minder steil und beschwerlich über die

einzelnen Vorsprünge und Kuppen des Abhanges, aber schon hier durch

eine gräuliche Wüste des Gebirges. Die Felsart ist ein merglicher Kalk

(zum Theil auch Gyps) durchdrungen von Schwefel und Erdpech, von diesen

beiden sieht man bis zu einer bedeutenden Erhebung und Entfernung vom

See größere und kleinere derbe Stücke am Boden herumgestreut liegen

oder mit der Gebirgsmasse verwachsen, so daß noch jetzt Nahrung

genug da wäre, für ein Feuer, das, von oben entzündet, über die alte

Brandstätte sich ergießen möchte. Obgleich manche der kesselartigen

Eintiefungen, mit der schwarzen von Asphalt herrührenden Färbung

ihrer Felswände, beim flüchtigen Hinblick an vulkanische Krater

erinnern, kann man sich doch bald überzeugen, daß diese Kessel mit

keiner abgelegenen Tiefe in Verbindung stehen und daß hier an keinen

eigentlichen Vulkan zu denken sey. Eher denn solchen Kratern gleichen

sie den Heerden eines Erdbrandes der hier die Masse eines ganzen

Stockes von Schwefel oder Asphalt verzehrte. Denn was im kleinsten

Maßstabe die Nieren und Nester des gediegnen Schwefels oder andrer

Fossilien, was in etwas größerem die liegenden und stehenden Stöcke

sind, das mag in noch größerem und riesenhafterem Umfange einst da, in

diesem Thale des Todes, ein Feuer ernährt haben, »dessen Rauch aufgieng

vom Lande, wie ein Rauch vom Ofen.«

Da wo der Weg in die engen, mannichfach gewundenen Felsenthäler

hineintritt, erblickt man wieder einzelne, grünende Gesträuche

von Cistus und einige Gräser vom Geschlecht der Aristida. Ich war

vorausgegangen, bis an eine Stelle wo die Ungewißheit der Richtung

des Weges, ob in die Schlucht zur Rechten oder zur Linken, meinen

Gang hemmte. Wir stiegen jetzt auf eine Hochebene hinan, die zur

Rechten von einem höheren Gebirgszug begränzt wird; auf einem der

Gipfel zeigt sich, in ziemlicher Ferne, ein kastellartiges Gebäude:

es ist eine Moschee, welche die Türken an einer Stätte errichteten,

an der nach ihrer Meinung, Mosis Grab war. Freilich ein etwas weiter

Fehlgriff, den indeß nicht allein die mohamedanische, sondern auch

die jetzt bestehende christliche Kunde des Landes nicht selten bei

andern Gelegenheiten thun mag. Denn solche Sagen von der Geschichte

des Landes und der Bedeutung seiner Oertlichkeiten gleichen im Ganzen

der Abschrift eines Buches, die mit weitläufigeren Buchstaben und

auf andrem Format zuletzt dennoch den Inhalt des Originals, das sie

vor Augen hatte, wiedergiebt. Wenn man aber die Citata, die sich

auf das Original beziehen, beachten und auf die Abschrift anwenden

will, da trifft die Seitenzahl nicht zu. Seite 3 oder 4, die auf

der Oertlichkeit des Originals hinüber, jenseit des Jordans und des

todten Meeres, an das Gebirge Pisga geht, fällt in der Abschrift der

Mohamedanischen Sage schon her auf die Berge des Kidronthales; so auch

wenn im Original S. 5 oder 6, bei der Geschichte der Geburt Johannes

des Täufers oder der Taufe des Kämmerers durch den Apostel Philippus

die eigentliche Oertlichkeit auf Gegenden fällt die jenseit oder

nahe bei Hebron liegen, so wird in der christlichen Abschriftskunde

die Pagina der Localität schon auf die Nähe des sogenannten

Terebinthenthales oder jenseits Baitschalla treffen, und dasselbe mag

selbst zuweilen in Beziehung auf die wahre oder angebliche Oertlichkeit

der heiligen Stätten, in oder um Jerusalem der Fall seyn. Ich meine

aber daß jene Freude am Lesen, zunächst ja nur des Inhaltes des Buches,

die der Freund desselben empfindet, so oft er eine neue Zeile lebendig

betrachtet, durch die verschiedene Zahl der Seite, auf welcher die

große Geschichte geschrieben stehet, nicht sehr gestört wird; die

Andacht, namentlich des christlichen Pilgrims, bringt das Zelt unter

dessen Schatten sie wohnet und sich erquicket, selber, als Eigenthum

mit sich, und schlägt dieses auf wo die alte, ehrwürdige Führerin schon

so manches Jahrhunderts der Wallfahrten es eben anordnet.

Schon in den weiter abwärts gelegnen Thälern hatten wir an den

Felsenwänden öfters natürliche so wie anscheinend künstlich erweiterte

Höhlen gesehen; an den Wänden des weiter aufwärts gelegnen Hauptthales,

so wie seiner Nebenthäler wurden diese Grotten immer häufiger, sie

glichen zuweilen einer ganzen Stadt der Höhlen. In diesen Felsenklüften

hat eine große Menge der Tauben ihren Aufenthalt genommen; von

menschlichen Bewohnern sieht man keine Spur, denn diese wilde Einöde

würde selbst den Heerden der Ziegenhirten keine beständige Weide geben.

Eben von diesen Heerden scheinen dennoch hin und wieder einzelne Pfade

in die Abhänge der Felsen hineingezeichnet zu seyn, welche allenfalls

für Arabische Hirten, die des Kletterns gewohnt sind, nicht aber für

andre Leute und noch weniger für Lastthiere gangbar sind. Daran hatte

wahrscheinlich der Araber aus Richa, der uns zum Wegweiser dienen

sollte, nicht gedacht, denn er führte uns das eine Mal in ein Nebenthal

hinein, welches allerdings die nähere Richtung haben mochte, das aber

an seinem oberen Ende mit fast senkrecht niedergehenden Felsenwänden

umschlossen war. Wir hatten uns mühsam über die Rollsteine und

Bergtrümmer ihm nachgearbeitet, selbst die gewandten Pferde der Türken

hatten sich von den Maulthieren in der Fertigkeit des Kletterns nicht

übertreffen lassen, da entschwand den beiden bewaffneten Reitern

die Gedult; der Araber entsprang mit Mühe ihren handgreiflichen

Zurechtweisungen. Indeß war auch der andre Weg den uns der Mann nach

der Zurückkehr ins Hauptthal an den glatten Felsenplatten, neben dem

Abgrund hinanführte noch unbequem genug, und seine Gefahren wurden uns

erst recht augenfällig, als das Maulthier unsrer Freundin Elisabeth,

die wegen ihres kranken Fußes nicht so wie wir andren gehen konnte,

sondern auf dem Thiere sitzen geblieben war, nahe am Rande des tiefen

Abgrundes ausrutschte und fast hinabgestürzt wäre.

Der letzte, steile und hohe Bergrand war jetzt überstiegen, wir traten

auf eine freiere Höhe heraus, auf der sich zuerst ein einzeln stehender

starker Thurm, dann tiefer hinab das Klostergebäude von Marsaba oder

Santa Saba zeigte. Dieses mit seinen hohen Mauern, Thürmen und Zinnen,

steht wie eine mächtige Ritterburg über dem Abgrunde und am Rande

des Kidronthales da; ein Theil des Gebäudes ist noch ganz neu; die

Griechischen Mönche, denen das Kloster gehört, und denen die äußren

Mittel hiezu nicht fehlen, haben erst vor wenig Jahren die alten,

baufälligen Gemäuer hinweggenommen, den Thurm der das Ganze durch seine

höhere Lage beherrscht, so wie die Kirche neu aufgebaut, und sonst

Vieles hinzugefügt das zur bessren Befestigung des Ortes dienen kann.

Sie hatten hierzu gute Ursache; denn diese einsame Wohnung der Mönche

liegt in der Nachbarschaft jener Arabischen Stämme, die sich bisher den

christlichen Pilgrimen am furchtbarsten machten und die wohl bei jedem

ernstlichen Aufstande zunächst auf dieses reiche Kloster losgehen

würden. Mußte doch selbst der edle Chateaubriand die Unsicherheit

dieser Gegend erfahren, da er in der Nähe von St. Saba von Räubern

angefallen ward, und das Kloster selber bewahrt die grauenhaften

Erinnerungszeichen an die Mordlust der Mohamedaner der früheren Zeiten

in den Haufen der Schädel und Gebeine der erschlagenen Mönche.

Wie zu einer Festung führt der Weg durch zikzakartige Windungen an das

äußere, beständig geschlossene Thor und von diesem durch die leicht

zu vertheidigenden Vorwerke zur innren Burg des Klosters. Wir wurden

hier freundlich von einem jungen Mönch empfangen, den wir schon in

Jerusalem kennen gelernt hatten und der sich durch seine Kenntniß der

neueren Europäischen Sprachen namentlich des Italienischen auszeichnet.

Die guten Väter des Griechischen Klosters in Jerusalem, welche von

unsrer Reise nach St. Saba wußten, hatten uns aus besondrer Rücksicht

diesen unsren alten Bekannten hieher gesendet, damit wir uns gleich

unter Freunden finden möchten, und ihrer Vorsorge hatten wir es auch

zu danken, daß zu unsrem Empfang schon Alles bereit war. Außer dem

großen Gastzimmer hatte man uns noch mehrere kleine zu Schlafzimmern

eingeräumt, obgleich außer uns eine große Schaar von Griechischen und

Armenischen Pilgrimen untergebracht werden mußte.

Nach kurzem Ausruhen, erquickt und erfrischt durch das Wasser, welches

hier, obgleich nur Cisternenwasser, von ganz besondrem Wohlgeschmack

ist, machten wir uns auf zum Besehen des sonderbaren, vielgliedrigen

Baues dieses Felsensitzes der Andacht, der durch seine Lage wie durch

seine innre Beschaffenheit den Eindruck des schauerlich Schönen macht.

Zuerst hinüber in einen Hofraum, der am entgegengesetzten Felsenabhange

liegt, wo man uns die Höhle zeigte, welche ursprünglich die Wohnung

eines Löwen war, dann (im 4ten Jahrhundert nach Christo) die des

heiligen Saba, des ersten christlichen Einsamen dieser Gegend wurde.

Längs dem Thale, in den Tausenden der Felsenhöhlen wohnten vormals in

dieser Thebais des heiligen Landes die Schaaren der Einsiedler deren

Zahl sich zuweilen auf zehn bis eilf Tausende belief. Da kam auch über

sie, nach manchem harten Gedränge, das Schwert des Feindes, denn die

Sarazenen erschlugen einst sechshundert von ihnen. Die morschen Gebeine

dieser Erschlagenen sieht man in einem Behältniß, nahe bei der Höhle

des heiligen Saba zusammengehäuft, erinnernd an das gemeinsame Loos

der Kämpfe, die den Glauben des Christen in der einsamen Wildniß nicht

minder als im Gedräng der volkreichen Städte verordnet sind. Wenn schon

im gewöhnlichen Verlauf des Lebens der Mensch so ungern und schwer sich

von dem Boden trennt der ihm als Wohnsitz seiner Väter und der Jahre

seiner Kindheit heimathlich geworden war; wie viel schwerer kommt es

der kindlichen Andacht an, eine Stätte zu verlassen die ihr durch den

Glauben der Väter so wie des eignen Herzens geheiligt ist. Auch die

Einsamen kehrten wieder zu ihrem Kidronthale, doch fiengen sie nun an

die vereinzelten Enggassen der Felsen und ihre Höhlenzellen (Laurä)

zu verlassen und sich in die Mauern des Klosters, bei dem die Kirche

stund zu versammlen. Die jetzige Zahl der Mönche wurde uns zu funfzig

angegeben; das Kloster aber mit allen seinen Räumlichkeiten könnte

mehrere Hunderte derselben beherbergen. Denn seine vielen Gebäude und

Zellenhäuschen stehen nicht mehr auf ebenem Grunde sondern auf den

einzelnen, terrassenartigen Absätzen des Bergabhanges über einander;

man steigt von einem dieser Stockwerke der Felsen zum andern durch

bequeme steinerne Stufen auf; an mehreren Punkten sind kleine Gärtchen

angebracht, in denen der Azedarachbaum (+Melia Azedarach+) so eben

seine schönen lilafarbenen Blüthensträuße aufgethan hatte. In einer

der kleinen Kapellen, die höher am Felsenabhange liegt zeigte man uns

die bildlichen Darstellungen der Thaten und hier so wie an andern, der

Andacht geweihten Stellen die Bewahrungsorte der Gebeine jener Heiligen

und berühmten Mönche die in St. Saba wohnten. Unter ihnen that sich

Johannes Damascenus hervor, durch die Thaten und Werke seiner beredten

Feder; der Zeitgenosse Beda's des ehrwürdigen. Wenn man zwischen diesen

beiden Männern des achten Jahrhunderts einen Vergleich anstellen

wollte, so möchte wohl der sinnreiche Johannes Damascenus neben unsrem

ehrwürdigen Beda so da zu stehen scheinen wie der Azedarachbaum dessen

zierliche Blüthen keine genießbaren, sondern nur zweideutige Früchte

trägt, neben der unscheinbar blühenden Pinie, deren wohlschmeckende

Nuß und hochstämmiges Holz zum Nutzen des Landes und seiner Bewohner

dient. Außer dem berühmten Damascenus lebten und starben im Kloster

von St. Saba, Euthymius, durch seine Wunderthaten berühmt und der Abt

Elias. Vielleicht derselbe, der mitten in seiner Wüste, da Furcht und

Schrecken ihre beständige Wohnung haben, »kein Ding fürchtete, als

nur den Augenblick des Hintretens, am Ende des Lebens, vor Gottes des

Richters Angesicht.«

Unten, in der schönen, neuen Kirche, ärgerte ich mich etwas an dem

Benehmen unsers Reisegefährten, des französischen Missionars. Er

verwarf mit Härte und Bitterkeit mehrere jener frommen Sagen des

Klosters als »Lügen,« die uns der Griechische Mönch, unser Freund

erzählte. Er hätte wohl aus eigner Erfahrung wissen sollen, wie theuer

jedem Sohne des Haußes die Nachrichten und kleinen Geschichtchen von

seinen Ahnen und Eltern sind; und wenn solche Erzählungen auch dem

Gaste und Fremdling im Hauße etwas fremdartig däuchten sollten, so

müßte er doch bedenken daß man auch in seiner Familie manche solche

Dinge erzählt und theilnehmend beachtet, von denen sogar die Nachbarn

des Haußes nichts erfuhren.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 7 / 41 段