Ich habe kaum eine grausenhaftere, meiner Natur widerwärtigere Gegend

gesehen und durchreist als die war, durch welche wir zwischen dem

Ende jenes Thales und der Anhöhe vor der Ebene von Jericho kamen.

Die Wüste des Peträischen Arabiens und Aegyptens gleichet, mit ihren

Sandmassen und vereinzelten Felsen einem Todtenacker, voller, zum

Theil bedeutungsvoller Leichensteine, über den der Wandrer ohne Grauen

hingehet; die Landschaft aber, die in der Mitte zwischen Jerusalem und

Jericho liegt, gleicht einem Sterbebette, auf welchem der letzte Funke

des Lebens mit dem Tode ringt und immer am Auslöschen ist, ohne doch

zum Abscheiden kommen zu können; was das Röchlen eines Sterbenden, der

noch hart mit dem Ersticken kämpft für das Ohr, das ist die Gestalt

und Farbe der armseligen Gewächse und hungernden Thierlein, die dort

hinschmachten, für das Auge. Dazu fühlt sich hier die Brust, in der

Mittagshitze, wie durch die heißen Dünste eines Ziegelofens beengt

und beschwert. Kurz nach Mittag, mithin, wenn wir den Aufenthalt beim

Brunnen abrechnen, etwa nach zwei und einer halben Stunde Weges von

Bethanien aus, stiegen wir steil am Abhang des Kreidekalkgebirges

hinan, auf dem sich, dicht am Hohlwege ein runder Feuerstein von

ungemeiner Größe (Tischeshöhe) zeigte. Gegen zwei Uhr kamen wir an

mächtigen, offenbar von Menschenhand zusammengetragenen Steinhaufen,

dann an den Resten einer Wasserleitung und an andern Ruinen vorüber.

In dem jetzigen, wasserloßen Zustande des Landes möchte die Frage

schwer zu beantworten seyn, woher jene Wasserleitung ihr Wasser

genommen und wohin sie es geführt habe. Von hier an führte uns der

Weg, dessen Richtung im Ganzen östlich blieb, hinab in ein enges Thal,

das den Namen des Mordthales führt. Es ist dasselbe, in welchem in

älterer wie in neuerer Zeit öfters Reisende und Pilgrime von Räubern

überfallen und ausgeplündert, ja selbst erschlagen wurden, dasselbe in

dem neuerdings auch Henniker angefallen ward. Die christliche Sage des

Landes versetzt hieher die Scene jenes bedeutungsvollen Bildes, das

der Meister aller Meister in Israël in der Geschichte des Mannes, der

unter die Mörder gefallen war, und des barmherzigen Samariters entwarf.

Einige verkrüppelte Palmenstrünke und dornige Gesträuche des Ziziphus

stunden dennoch in jenem von Mangel ergrauten Thale. Das Gebirge,

über dessen freieren Rücken man von dort aus hingehet, hat durch die

geistige Baukunst der christlichen Andacht, welche dieses ganze Land

in einen Tempel hehrer Erinnerungen umzuschaffen strebte, noch eine

andre Bedeutung erhalten. Diese öden Höhen, denen die Natur eine Zeit

der immerwährenden Fasten auferlegte, sollen der Berg der Versuchung

seyn, auf welchem der Herr, nach vierzigtägigem Fasten, das über die

Natur des Menschen war, einen Kampf mit Mächten bestund die nur der

göttlichen Gewalt weichen. Wir sahen später, da wir uns im Thale von

Richa befanden, am östlichen Abhange des Berges die Ruinen jener

Kapellen und des Klosters die in den frühesten Zeiten der christlichen

Herrschaft des Landes da erbaut waren und einige der Hölen, in denen

damals die »Einsamen« wohnten.

Neben uns, zur Linken, hatten wir jetzt die Aussicht in eine grünende,

baumreiche Felsenkluft, durch welche ein reißend schneller Gebirgsbach

hinabfließt. Es ist nach jenen deutlichen Fingerzeigen die uns die

heilige Schrift giebt, der Bach des Elisa, den der Prophet in der Kraft

des Glaubens gesund machte, daß hinfort kein Tod noch Unfruchtbarkeit

von seinem Wasser kam[51]. Wir sahen dort unten, in dem Engthale,

einzelne Palmen unter den andern Bäumen.

Der Abhang des Berges, der von hier an hinunterführt nach der Ebene

des vormaligen Jericho, ist so steil, und zieht sich so langwierig

hinunter, daß man kaum begreift, wie nach verhältnißmäßig so wenigem

Ansteigen die Absenkung so bedeutend seyn könne. Doch belehrten uns

später unsre barometrischen Messungen über den Grund. Die Aussicht

nach dem Jordan, der im Versteck der hohen Bäume strömt, nach dem

todten Meere und nach dem Gebirge des Ostens, ergreift an dieser Stätte

den Pilgrim, welcher weiß was da einst war und geschahe, mit großer

Gewalt. Uns erfaßte auch leiblich, da wir vom Bergabhang hinunter

kamen in die grünende Ebene, die mit reichen Saatfeldern bedeckt war,

ein mächtiger dabei heißer Sturmwind aus Südwest, der uns auf einige

Augenblicke in Sandwolken einhüllte. Unsre Maulthiertreiber hielten

indeß still und ließen ihre Thiere an der Saat sich erquicken, bis die

Aussicht wieder frei war. Dann aber, als würde ein Vorhang aufgezogen,

sahen wir neben uns, im Thale, neben dem Bache, die Ueberreste jener

großen Wasserleitung, die, wahrscheinlich in den Zeiten des Herodes,

wie ein Spätling von Blüthen, der keine Früchte mehr trägt, ein

Erzeugniß der Jüdischen Herrschergewalt war, welches Hadrian nur

auf kurze Zeit aus seinen Trümmern wieder herstellte. Zwischen den

dicht stehenden Stämmen der Nebekbäume (+Rhamnus Nabeca+) führt

der Steig über den Bach hinüber nach der Nähe des Dorfes Richa und

des Kastelles, in dem eine kleine, Aegyptische Besatzung liegt. Wir

mußten zuerst unsre Empfehlungsbriefe und unsern Firman bei dem

Kommandanten dieses kleinen Kastelles geltend machen, denn wir waren

an seinen Schutz und seine Vorsorge für ein sichres Geleite, von dort

bis an den Jordan, das todte Meer und nach St. Saba gewiesen; wir

fanden ihn und einige seiner Krieger, sitzend unter einem Schuppen,

der, mit sammt dem kleinen Hofraum, der an ihn gränzte, eher an das

Anwesen eines in Gant gerathenen Taglöhners unsers Heimathlandes, als

an die Wohnung eines Distriktaufsehers erinnerte. Der Hofraum glich

dem Boden einer ausgetrockneten Pfütze und auch die Terrassen, auf

denen man Schafwolle und Sämereien zum Trocknen hingebreitet hatte,

luden nicht zum Verweilen ein; wir deutsche Pilgrime zogen es deshalb

vor, ohngeachtet aller Gegenvorstellungen des Kommandanten, der von

mancherlei Gefahren sprach, unter dem Obdach eines alten Feigenbaumes

(denn wir hatten nun kein Zelt mehr) zu übernachten. Es war erst vier

Uhr da wir unsre Matratzen am Boden ausbreiteten; wir hatten noch Zeit

uns in der Nachbarschaft umzusehen. Das Dorf Richa, das wohl kaum,

auch nach der Richtung der Wasserleitung zu schließen, aus dem Grund

und Boden des alten, hochansehnlichen Jerichos, sondern höchstens

auf jenem einer Vorstadt desselben steht, ist ein armseliges, nur

von Arabern bewohntes Oertlein. Wer sollte meinen, daß, wenn er bei

so guter Zeit die Nachtherberge bei den Bewohnern einer so reich

gesegneten Landschaft nehmen will, ein Mangel an den gewöhnlichsten

Nahrungsmitteln zu fürchten sey? Wir wenigstens hatten uns dieß in

der jetzigen Zeit, wo nirgends von Mangel oder Theuerung die Rede war

nicht gedacht, hatten daher in Jerusalem nur wenig Brod mitgenommen

und dieses wenige brüderlich, damit es nicht altbacken werde, mit den

Muckern getheilt, so daß schon vor Mittag, bei dem Brunnen, unser

kleiner Vorrath aufgegangen war. Jetzt aber erfuhren wir daß in ganz

Richa, so wie in dem Kastell, kein Bissen Brodes zu haben sey. Dennoch

litten wir keine Noth, denn wir bekamen etwas saure Milch und Eier und

den Sinnen war hier ein ganz andrer, ungleich höherer Genuß geboten

welcher den Mangel, auch wenn er wirklich fühlbar gewesen wäre,

vergessen ließ. Wir hatten noch reichlich Zeit uns in der Umgegend zu

ergehen und wenigstens das Nächstgelegene zu besehen.

Das Dörflein Richa ist zwar nicht von Mauern, wohl aber von einer

andern, fast eben so schwer durchdringlichen Schutzwehr umgeben,

welche in eigner Kraft emporsteigt: von dichten Reihen der stachlichen

Gewächse, vor allem, wenn ich mich recht erinnere, des Cactus oder

der Opuntienfeige. Diese Gewächse, die fast keines tropfbar flüssigen

Wassers zu ihrem Gedeihen bedürfen, sondern denen das gas- oder

dampfförmige Wasser, das überall in der Luft enthalten ist, zur

Ernährung der fleischigen, saftvollen Blätter genügt, sind in vielen

auch der wasserlosesten Gegenden von Palästina zu solchem Zwecke

benutzt; ein oder etliche Eingänge, die sich leichter bewahren lassen,

führen durch das Dickig der stachlichen Blätterstamme hindurch und

diese selber dienen zur hinreichenden Abwehr gegen die Einbrüche

der Schakals und der Leoparden. Das Dorf bestehet aus einigen

wenigen, elenden Hütten, doch mag sich unter den Erdhaufen mancher

bedeutungsvolle Rest der vormaligen Pracht aus den Zeiten des Herodes

und Hadrians verbergen. Das sogenannte Kastell, das in geringer

Entfernung von Richa liegt, mag allenfalls gegen die Angriffe von

Beduinen und Arabischen Bauern hinlänglichen Schutz gewähren; seine

Mauern sind von ziemlicher Festigkeit und ein Theil derselben muß aus

alter Zeit seyn. Es ist von hohen Baumpflanzungen und Gärten umgeben,

in denen wir die Granaten schon in voller Blüthe fanden, während sie

bei Jerusalem nur erst kleine Knospen angesetzt hatten. Auch die hohen

Feigenbäume trugen schon große Früchte, die der Reife nahe schienen,

und zwischen den häufigen Nebekbäumen, deren süßliche Früchte auch

genießbar waren, zeigte sich hin und wieder der Zakkumbaum[52] aus

dessen Früchten das Oel von Jericho oder das Zachäusöl bereitet wird,

welches man für den gepriesenen Balsam von Gilead hält. Von jenen

Palmenpflanzungen aber, welche vormals eine Zierde dieser Landschaft

gewesen, sahen wir nur noch einzelne, kümmerliche Reste; von den

Balsamstauden fanden wir keine Spur mehr, in reicher Fülle jedoch

gedeiht, auch ohne Pflege, hier der Weinstock.

Ganz nahe bei dem Kastell, im Dickig der Bäume, liegen umgestürzte,

hohe Säulen und Säulentrümmer, so wie Bruchstücke von Architraven, von

welchen Gebäuden? das kann der Pilgrim eines jetzigen Menschenalters

nicht mehr errathen; dieser siehet sich vergeblich nach den sichren

Spuren jenes Amphitheaters und Hippodromos um, welche Herodes hier

erbauen lassen; jener Schauplätze der blutigen Kämpfe, in denen selbst

nach seinem Tode der Tyrann seine Lust am Menschenblute büßen wollte,

da er, sterbend unter eignen Martern Befehl gab, man solle dort die

Vornehmsten des Volkes einsperren und nach seinem Hinscheiden sie

erwürgen. Auch gegen Norden von dem Kastell und dem Dörflein sieht

man Ruinen, wahrscheinlich die von Phasaëlis, das Herodes erbauen

ließ und nach seinem Bruder Phasaëlus benannte, oder auch wohl

jener Burgen Thrax und Taurus, die er vergeblich zur Schutzwehr des

Landes aufgestellt hatte. Viel mehr als diese Trümmer, welche keine

erfreulichen Erinnerungen wecken, zogen unsre Aufmerksamkeit andre

Denkzeichen dieser Umgegend an, welche fester und unvergänglicher sind

als Jerichos Stadt und Burgen so wie Phasaëlis es gewesen. Von einem

freien Platze am Abhange der tieferen Thalbucht, nach welcher der Bach

des Elisa hinabfließt, gab es Gelegenheit das Gefilde von Jericho

bis zu den grünenden Ufern des Jordan und dem jenseitigen Gebirge,

nordwärts bis in das Thal, aus welchem der Fluß herabkömmt so wie

in Westen den Felsenabhang des Quarantaniaberges, mit seinen Höhlen

und Trümmern aus der christlichen Herrscherzeit zu überblicken. War

nicht hier zu unsrer Seite, vielleicht nahe bei dem jetzigen Kastell

die Stätte von Gilgal? das nur 1250 römische Schritte, oder eine

halbe Stunde Weges ostwärts von Jericho lag[53] dessen Stellung, wie

ich schon erwähnte, schwerlich bei Richa selber, sondern westwärts

von diesem zu suchen ist. Gilgals Herrlichkeit war eine andre,

unvergänglichere als die von Jericho; es war ein Vorbild von Jerusalem

selber. Denn dort war der erste Ruhepunkt der Stiftshütte, dort

feierten Israëls Heere das erste Passahfest im Lande der Verheißung

und erneuerten den Bund ihrer Väter mit Jehovah. Bei Gilgals Anblick

und seinen Denksteinen sollten nicht Israëls Geschlechter allein der

Wunderwege ihres Gottes gedenken, sondern »alle Völker der Erde die

Hand des Herrn erkennen, wie mächtig sie ist,« damit das Volk des

Glaubens, den Herrn, seinen Gott, fürchten möge allezeit[54]. Wie

Bethel, so war auch Gilgal ein Ort, da die Kräfte der oberen Welt des

Geistes jener des Leibes sich nahen, denn hier begegnete nicht nur

Josua's Angesicht jener Fürst der Heere des Herrn, der gekommen war

mit Kräften, die nicht von der Natur des Staubes sind, für das Volk zu

streiten, sondern hier rührete der Geist öfters die Seelen der Menschen

an; in Gilgal waren die Prophetenschulen des Elias und seines Jüngers

Elisa; Samuel richtete da das Volk; hier wurde das Königthum des Saul,

so wie nachmals, als Juda's Geschlechter nach Absaloms Besiegung dem

König hieher entgegen kamen, auch das des David erneuert[55].

Der Wind hatte sich am Abend um Vieles gemäßigt, er führte uns hier

im Dickig der Bäume keinen Staub der Wüste, sondern erfrischende

Wohlgerüche zu; wenn auch nicht von Balsambäumen, doch von einigen

Gewürzkräutern aus der Familie der Lippenblüthigen und von Jasmin.

Wir sollten wenigstens im schwachen Nachhalle die Stätte von Jericho

nach der einen Ableitung ihres Namens als Richa, eine Duftende kennen

lernen, so wie sie uns auch, da jetzt der Mond mit halbgefüllter

Scheibe über den Bäumen erglänzte, nach einem andern Sinne den ihr

Name giebt, als eine Mondstadt (Lunaburg) erschien. Wenn die späteren

Herrscher des Landes, die den Halbmond im Banner führen, auf die Stadt,

die nach ihm genannt war, eifriger Bedacht genommen hätten, dann könnte

sie noch jetzt eine der blühendsten des Landes seyn, denn der Boden

ist trefflich und die beiden Hauptelemente, welche das Gedeihen des

Pflanzenlebens fördern begegnen sich auf ihm im reichen Maaße: die

Fülle des nährenden Wassers und die aufregende Kraft der Wärme. Daß die

letztere hier so hoch gesteigert ist kommt von der merkwürdig tiefen

Lage der Gegend. Wir sahen das Quecksilber in unsrem Barometer, da wir

seinen Stand am Abend und am darauf folgenden Morgen beobachteten so

hoch gestiegen als wir es noch niemals, in unsrem Leben gefunden, aus

unsren, bald hernach auch durch mehrere andre Beobachter bestättigten

Berechnungen geht hervor daß die Jordansebene bei Jericho auf eine

unerwartete Weise, 528 Pariser Fuß unter dem Meeresspiegel liege.

Die Nachtruhe unter dem alten Feigenbaume -- ich hätte gewünscht

er wäre mit seiner Erquickung für unsre Seele der Sykomorus

(Maulbeerfeigen-) Baum des Zachäus gewesen -- war ungestört; der Wind

wehete uns erfrischend ins Gesicht; mit der Lerche und dem kleinen

Sänger im Rohre wurden wir wach. Der Commandant hatte uns zu unsrer

Bedeckung zwei bewaffnete Türken zu Pferde und einen landeskundigen

Führer der zu Fuße war gesendet, unser flüssiges Frühstück war bald

genossen; die Mucker, welche nicht bei uns sondern bei unsrem

französischen Reisegefährten, der ihre Sprache redet, übernachtet

hatten, kamen endlich auch mit den Thieren aus ihrem Versteck zum

Vorschein; um sechs Uhr fanden wir uns auf dem Wege nach dem Jordan,

gegen welchen sich die zum Theil mit Bäumen und grünenden Rasenplätzen

bedeckte Ebene, in einzelnen kleinen, wellenförmigen Abstufungen nur

wenig merklich hinabsenkt.

Es war ein herrlicher Morgen; unsre Lieder begleitete für das äußere

Ohr der Gesang der Vögel, während das innre Ohr des Pilgrimes hier noch

andre Töne vernahm, lebenskräftig wie jene der Posaunen, bei Jerichos

Mauern. Dies war die Stimme jener heiligen Kunde die von Elias, dem

gewaltigen Seher redet; von Elias, welchem, wie einst dem Moses, der

Herr selber auf den Höhen des Sinai-Horeb begegnete, und dem es gegeben

ward, mit Moses zugleich, Ihm, dem Herrn, noch vor dem Hinausgang des

Kampfes zum Siege, auf des Thabors Höhe in Kräften des Himmels sich

zu nahen. Denn als der Sturmwind des geistigen Bewegens den Elias,

von welchem Elisa, der Sohn Saphat nicht lassen wollte zuerst von

Gilgal gen Bethel, dann von dort wieder nach Jericho geführt; als der

Propheten Kinder, die dort waren, dem Elisa entgegentraten und ihm

verkündeten, was der Geist ihn selber gelehrt, daß der Herr seinen

Meister heute von seinen Häupten nehmen werde, da sprach Elias zu ihm:

Lieber, bleibe hier, denn der Herr hat mich gesandt an den Jordan. Er

aber (Elisa) sprach: So wahr der Herr lebet und deine Seele, ich lasse

dich nicht. Und giengen die Beiden mit einander. Und der Jordan ward,

wie er dieß öfter gewesen, ein Zeuge des Herniederfahrens jener Kraft,

welche einst schaffend über dem Gewässer gewaltet, welche dem Meer wie

dem Trocknen ihre Gränzen gesetzt hat, und die Elemente der Tiefen,

wie der Höhen beweget nach ihrem Wohlgefallen; sein Wasser machte dem

Gange, den der Geist führete, Bahn. Da ward der Treue, die ausharret

bis zum Ende, ihr Lohn, Elisa empfieng was er gebeten; jene Kraft

eines Feuers, das nicht verzehrt noch zerstört sondern nur schaffet

und belebt, jenes Feuers das jenen, den Wagen Israëls und seine Reiter

hinwegführete aus seinen Augen, das ergriff und erfüllte auch ihn mit

seinen Kräften[56].

Nach etwa anderthalb Stunden kamen wir an den Jordan, bei der Stätte

des gewöhnlichen Bades der Pilger. Das Ufer des Flusses, dessen

Wasser so eben ziemlich hoch stund, doch aber das Bett noch nicht

ganz erfüllte, ist so dicht mit Gebüsch und Bäumen bewachsen und von

hohem Schilfrohr bedeckt, daß man nur an wenig Punkten unmittelbar zum

Wasserspiegel gelangen kann. Zu diesen wenigen Punkten gehört auch der,

an welchen wir zuerst kamen und der alljährlich in der österlichen

Zeit von vielen Tausenden der christlichen Pilgrime besucht wird. Man

steigt über den oberen, höheren Rand des Ufers hinab, zu dem Bette. Da

waren wir nun an dem Fluße, welchen zwar nicht wie den Nil der Schein

eines historischen Ruhmes, im Munde der weltbeherrschenden Völker

beleuchtet, auf dessen Geschichte aber der Strahl einer Verherrlichung

fällt, welcher von dem Anfange aller Geschichte, von dem Herrn der

Weltenherrscher selber ausgieng. Hier, wenigstens in der Nähe, Jericho

gegenüber, führte Er, welcher wunderbar heißet, sein Volk durch die

zertheilten Wasser; dort am Saume der jenseitigen Hügel hub der Geist

den Mann, der im Reiche der Sichtbarkeit sein Werkzeug gewesen, zu

jenem des Unsichtbaren empor; weiter hinaufwärts am Ufer lag, bei der

seichteren Fuhrt des Stromes, Bethabara, bei welchem das menschliche

Zeugniß, das Johannes gab, durch ein höheres der göttlichen Art

bekräftiget ward; eine der vorragenderen Höhen dort am jenseitigen,

südöstlicheren Gebirge ist der Nebo, von welchem der Herr dem Moses,

dem Manne Gottes das Land der Verheißung zeigte bis zu seinen Gränzen

und begrub ihn im Thale an der Stätte die Niemand erfahren. So empfieng

hier, an diesem Jordan, das Volk des Eigenthumes vor den Augen der

Völker des Landes, und so empfieng Er, der Eigenthümer selber, vor den

Augen der Seinen, die ihn nicht aufnahmen und vor Denen aller künftigen

Geschlechter der Erde, ein Zeugniß der Erwählung und Kindschaft, mit

welchem der Lauf der Thaten begann; und so endeten hier die beiden

großen Zeugen, Moses und Elias ihren Lauf, im Annahen Dessen, von dem

sie vormals gezeugt hatten und noch künftig zeugen werden.

Wäre es nur die Breite oder die Menge des Wassers, wäre es die

kristallene Klarheit die den Fluß seine Schönheit geben müßte, dann

käme dem Jordan keiner dieser Reize zu; seine ganze Breite, da wo

seine Strömung, ungetheilt durch Inseln, im Bette zusammengefaßt

ist, misset schwerlich über hundert Fuß, sie ist mithin fast nur der

dreißigste Theil der Breite des Niles bei Ghizeh; seine Tiefe scheint

im Mittel kaum zehn Fuß zu übersteigen; sein Wasser ist trüb und fast

von der reissenden Schnelle unsrer Alpenströme, wenn sie im Frühling

der hinwegthauende Schnee anschwellet. Auch das reich bewachsne Ufer

bietet den Sinnen Manches dar, das an die vaterländischen Gegenden der

Alpenflüsse erinnert. Neben den Fremdlingen des wärmeren Morgenlandes

gedeihen da Weiden und Pappeln, so wie die Tamariske, jener von

Frankreich ähnlich; unter den Stimmen der andern Sänger, deren Tonweise

dem Ohre fremd dünkt, lässet die Nachtigall ihr wohlbekanntes Lied

vernehmen. Von den Fremdlingen des Pflanzenreiches, die wir am Jordan

fanden, erwähne ich hier vorläufig nur einer Art, das ist jener

niedrige Baum oder jener Strauch aus der Familie der Akazien, dessen,

an ihrer Oberfläche wie verkohlt aussehende Hülse Chateaubriand für den

Sodomsapfel dieses Landes hält: das +Lagonychium Stephanianum+.

An den Schlingpflanzen, aus der Familie der Winden, wie an den hohen,

buntfarbigen Helipöen, ergötzt sich selbst das Auge des Nichtkenners

des Gewächsreiches.

Wir verweilten länger als anderthalb Stunden am Jordan, genossen der

kühlenden Waschung in seinem Wasser und ich gieng, so weit die Zeit

es erlaubte, aufwärts am Strome um die Gestalt des gegenüberliegenden

Gebirges etwas genauer zu betrachten. Da, dem Pilgerbad unmittelbar

gegenüber, findet sich kaum ein gelegener Ort zum Herabzug der Heere

eines Volkes; weiter gegen Norden, wo auch die Abhänge der Felsen

etwas ferner vom Strome zurücktreten, zeigen sich einige Wadi's der

Engthäler, welche allmälig zur Ebene niedersteigen.

Vom Pilgerbad bis ans Ufer des todten Meeres brauchten wir noch

anderthalb Stunden. Der Weg zog sich anfangs über eine wellenförmig

auf- und niedersteigende Ebene, deren salzthoniger Boden außer einigen

Salicornien sonst von allem Pflanzenwuchs verlassen und verödet ist;

nach etwa drei Viertelstunden kamen wir über einen etwas erhöhteren,

gleich einem Weideplatz der Wüste grünenden Strich, von hier zog

sich der Weg abwärts nach dem See, der vielleicht unter allen andern

der Erde durch seine Lage und Beschaffenheit einer der merkwürdigsten

ist. Jene vorausgesagte Meinung, die ich mit mir zu dem todten Meere

gebracht, fand sich beim Anblick desselben auf eine sonderbare Weise

getäuscht. Die Ufer des Sees sind so reich an erhabenen Schönheiten

der Umrisse, als die herrlichsten die ich anderswo gesehen; sie

sind keineswegs in höherem Grade verödet als die Küstengegenden des

rothen Meeres, die wir auf unsrer Reise berührten; in einzelnen

Strichen, namentlich am östlichen Höhenrande, zieht sich das Grün der

Schluchten bis an den Wasserspiegel herunter und bildet auch außer

der Jordansmündung eine Bekleidung von Gesträuchen. Das Wasser, das

heute sehr ruhig war, erscheint so klar und rein, daß einige unsrer

Maulthiere, die zum ersten Mal in diese Gegend kamen, voll Begierde

den Mund eintauchten, sobald sie es aber gekostet mit Widerwillen den

Kopf schüttelten. Denn es schmeckt stärker als jedes andre Wasser das

ich bis dahin versuchte, nach Koch- und Bittersalz; auch ist dasselbe,

seinen Hauptbestandtheilen nach, eine so vollkommen gesättigte

Auflösung des Salzes im Wasser, als sie, in solch hoher Temperatur der

Luft und des Bodens, wie die am Meere ist, sich bilden kann. Deshalb

ist auch die spezifische Schwere dieses Wassers größer als die des

Menschenleibes, wie dieß, eben so wie viele frühere Reisende, einer

der jungen Freunde erprobte, der beim Baden in demselben sich ohne

alle Anstrengung der Hände und Füße von selber getragen fühlte. Nach

dem Waschen mit diesem Wasser empfindet die Haut ein leises, nicht

unangenehmes Nesseln; ein längeres Verweilen in seiner Fluth soll ein

Ablösen der Oberhaut zur Folge haben. Auch wir, wie andre neuere

Reisende, bemerkten nichts von einem asphaltischen oder schweflichten

Dampfe, den die Einbildungskraft mancher früherer Pilgrime und noch

fortwährend die der Beduinen dem todten Meere beilegte; die Luft war

zwar, namentlich in den Mittagsstunden, welche wir da zubrachten,

ganz überaus drückend heiß, dabei aber trocken und rein. Fische

oder Schnecken leben freilich nicht in diesem übersalzigen See; die

+Melastoma+ die wir am Ufer fanden, wie die kleinen, todten

Fischlein, deren wir mehrere von den Wellen des Wassers hinausgeworfen

am Strande sahen und aufsammelten, werden vom Jordan hereingeführt oder

begleiten freiwillig seine Fluth, müssen aber ihre Wanderlust bald mit

dem Leben bezahlen, weil sie in der Salzlacke abstehen oder weil diese

ihre leichten Körper ans Land hinausstößt. Auf die Art der Mischung

und den Grad der Sättigung des Wassers des todten Meeres mag außer der

hohen, mittleren Temperatur noch ein andrer Umstand mitwirken: das

ist der vermehrte Luftdruck der auf seine Oberfläche einwirkt. Dieses

Verhältniß verdient, wegen seines großen Einflusses auf die gesammte

Naturbeschaffenheit der Gegend, noch eine besondre Beachtung.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 6 / 41 段