Für den Sonntag hatte ich mir noch einen ganz besondren Genuß

aufgespart: ich wollte heute wenigstens den freien Platz betreten, der

vormals die Stätte des geheiligtsten der Tempel war und auf welchem

jetzt die große Moschee Sakhara steht, und dann die nächste Nacht in

der Kirche des heiligen Grabes zubringen. Wir genossen zuerst der

Segnungen des christlichen Sabbathes, dann gieng ich ganz allein mit

Herrn Mühlenhof, der seine schönste Türkische Kleidung angelegt hatte,

während ich mit meinem Fränkischen Sonntagsrocke bekleidet war, hinab

nach dem Hauße des Gouverneurs: dem vormaligen Richthaus des Pilatus.

Dieses gränzt unmittelbar an den großen Vorplatz des Tempels; von

seinen Fenstern wie von seinem Dache aus hat man eine ungehemmte, nahe

Aussicht auf die Moschee und alle ihre Nebengebäude. Ich habe schon

bei andrer Gelegenheit erwähnt, daß ich durch einen bedeutenden Mann

in Kairo, der dem Ibrahim Pascha nahe stund, auch für Jerusalem eine

sehr gewichtige Empfehlung hatte, die jedoch für mich, da Der abwesend

war, an den sie lautete, bisher ohne Nutzen blieb. Heute verschaffte

sie mir jedoch einen kleinen Vortheil, als wir, hindurchgehend durch

den Hof des Commandantenhaußes die Adresse des Empfehlungsbriefes

einem Offizier zeigten, wobei Herr Mühlenhof Manches vornehm Klingende

von der guten Aufnahme erzählte die ich in Kairo erfahren und noch

Andres hinzufügte das mich etwa in den Augen jenes Herrn wichtig

machen sollte. Hierauf hatte der Offizier gegen meinen Wunsch: nur

auf den Vorhof der Sakhara hinauszutreten, nichts einzuwenden und die

wachthabenden Männer die bei dem gemauerten Durchgang, der zur Moschee

führt, die Aufsicht führten, auch nicht, um so mehr da dem einen, der

auf der steinernen Bank saß und ein Unteroffizier zu seyn schien,

eine Belohnung versprochen ward. Dennoch begleitete mich keiner der

Leute, sondern man lies mich auf meine eigne Gefahr die kleine Wandrung

antreten.

* * * * *

Es liegt ja schon bei gewöhnlichen Dingen ein besondrer Reiz für die

Seele in dem Verbotenen; das Beschauen Dessen, das man uns geheim

hielt, erfreut mehr als die Betrachtung des vielleicht ungleich

Bedeutungsvolleren, welches offen am Tage liegt. In diesem jetzigen

Falle war der Reiz der Anschauung mit eignen Augen noch ein andrer,

schon durch die Natur des Gegenstandes erhöhter. Die hohen Zypressen,

da vor mir, warfen ihren Schatten auf Häußer, deren Form, auch noch in

ihrem jetzigen Verfall zu verrathen schien, daß sie einst Wohnungen der

christlichen Ritter des Tempels waren. Ich selber stund im Schatten

einer der nächsten Zypressen. Es war heute still und menschenleer auf

dem schönen, meist mit grünendem Rasen bedeckten Platze, denn der

Sonntag der Christen ist nicht der des Islams und es war jetzt nicht

die Stunde des Gebetes. Außer den Zypressen stehet hin und wieder ein

alter Oelbaum, oder ein schlanker Lotusbaum (+Rhamnus Nabeca+)

und das niedre Gewächs der Granaten. Ich wollte die Gränzen meines

gegebenen Versprechens, nur eben auf den Vorhof hinauszugehen, nicht

überschreiten, ich wagte es nicht mich den Stufen zu nähern, die nach

der Plattform hinanführen, auf der die große Moschee stehet, sondern

hielt mich immer an der Nordwest- und Westseite des äußren Umfanges

in der Nähe der Häußer. Wie muß doch hier der christliche Pilgrim als

ein Fremdling im Feindesland herumschleichen, der seinen Mund nicht

aufthun darf, in der Nähe jenes Ortes, der einst im engeren Sinne

denn alle andre Orte der Erde, auch ~seines~ Vaters war[41].

Doch die Sonne schien mit hellem Glanze über das Dach der Sakhara,

deren vergoldeter Halbmond vor ihrem Leuchten fast verschwand, ihr

Licht ist noch dasselbe, das es einst gewesen, als die Herrlichkeit

des Herrn das Haus erfüllte, welches Salomo hier an diesem Orte

Jehovahs Namen erbauete[42]; es ist noch dasselbe das die Schaaren

der Greise beleuchtete, welche bei der Gründung des zweiten Tempels,

mitten unter dem Jubel des jüngeren Geschlechts weineten, weil sie der

Herrlichkeit des ersten Tempels gedachten, die nun dahin war[43]. Ja,

es ist noch dieselbe Sonne, welche heute glänzt und die einst über

dem prachtvollen Gebäu jenes letzten Tempels stund, in welchem Der in

sichtbarlicher Gestalt erschien, welcher die Erfüllung aller Gebete

des innersten Heiligthumes war; das Urbild und Ende der Opfer, die

am Altare bluteten, das Ziel der Verheißungen die auch den Völkern

des Vorhofes galten. Wenn die Mohamedaner noch jetzt bei Todesstrafe

es Jedem verbieten, der nicht ihres Glaubens ist, in das Innre der

Sakhara-Moschee zu treten, weil sie meinen, daß jedes gläubige Gebet

an diesem Ort Erhörung finde, dann schwebt ihnen, wie ich schon oben

(+II.+ S. 585) erwähnte, der Inhalt jener Worte vor der Seele, die

Salomo sprach, der König, bei der Einweihung des ersten Tempels. Die

Worte des Flehens daß der Herr den der Himmel und aller Himmel Himmel

nicht umfassen[44] dennoch möge seine Augen offen lassen über dieß Haus

Tag und Nacht und das Gebet hören, daß hier der Einheimische, und

selbst der Fremdling, der nicht des Volkes Israëls ist, der aber kommt

aus fernem Lande, um Jehovahs Namens willen, darbringt, und daß Er thun

möge Alles darum der Fremde ihn anruft[45]. Ja, wie gut ists daß Der,

welcher nicht wohnt in Tempeln, die von Menschenhänden gemacht sind,

erhöret das Gebet auch des Fremdlinges und Gastes in fernem Lande »auf

daß alle Völker auf Erden Seinen Namen erkennen, und Ihn fürchten.«

Nach dem, was ich vorhin sagte, darf man von mir keine genauere

Beschreibung des jetzigen »Schattenspieles an der Wand« erwarten, das

an der Stelle des alten Tempels von Jerusalem das Auge umgaukelt.

Ich kann nur für mich selber mit etwas lebendigerem Verständniß

das wiederholen, was Andre von dem verbotenen Orte erzählen, die

ihn wie ~Richardson~, genauer betrachten durften[46], und auf

jene ausführlichere, genaue Beschreibung mich berufen, welche v.

~Raumer~, in seinem Palästina, nach den besten Quellen über diese

Heiligthümer der Mohamedaner gab. Die Ebene des jetzigen Tempelberges,

Haram Scheriff genannt, nimmt einen länglich viereckten Raum ein,

der in Süd und Ost von der Stadtmauer, in Nord und West von Häußern

umgeben ist. Seine Länge misset 1489, die Breite 995 englische Fuß.

Die Platform, auf der die Moschee von Omar erbaut steht, liegt (fast)

in der Mitte des Platzes, um 14 Fuß über diesem erhöht; sie heißt

Stoa Sakhara und ist mit blaulich weißem Marmor gepflastert. Die

Moschee ist ein Achteck; jede der Seiten 60 Fuß breit; vier Thüren,

abwechselnd an jeder zweiten Seite eine, führen ins Innre; die Höhe

bis zum Gipfel der Kuppel, welche 40 Fuß Durchmesser hat, beträgt 90

Fuß; 52 Fenster geben dem Innren, dessen Wände weiß übertüncht sind,

sein Licht. Hier sieht man an jeder der acht Wände drei Säulen; 16

tragen die Kuppel; zwischen ihnen umschließet ein eisernes Gitter den

Ort des Gebetes, in dessen Mitte, von hölzernem Gatterwerk umfasset,

jener fliegende Stein ist, auf dem die Propheten beteten, der aber,

als diese entflohen ihnen nacheilen wollte. Da kam Gabriel und hielt

ihn, bis Mohamed kam und ihn befestigte, (worauf der Name Sakhara,

befestiget, deutet). Im Süden der durch Omar erbauten großen Moschee

stehet das, wie mir schien, wahrhaft architektonisch schöne Gebäude der

Acksa, eine vormalige Christenkirche, die der Darstellung des Herrn im

Tempel geweiht war. Man sieht und zeigt noch sonst viele Mohamedanische

Denkwürdigkeiten in dem grünenden Zypressengarten des Haram Scheriff,

von denen ich schon bei andrer Gelegenheit sprach. An der Westseite

des Platzes erhebt sich um diesen eine Mauer, noch jetzt bis zu einer

Höhe von 60 Fuß. Hier ist die Stätte dahin die Israëliten an jedem

Freitag gehen, um hier über Jerusalems Jammer und über die Zerstörung

des Tempels zu weinen. Sie halten dieses Gemäuer, dessen unterer Theil

allerdings einer kräftigeren Zeit der Baukunst des Landes anzugehören

scheint, für Ueberreste des ersten, Salomonischen Tempels, denn von dem

zweiten glauben auch sie, daß bei seiner Zerstörung, wenigstens von dem

eigentlichen Gebäude, kein Stein auf dem andern geblieben sey[47].

Jenseit des äußren Raumes der an diese hohe Mauer gränzt erhebt sich

die eigentliche Stadtmauer.

Ich habe niemals mit dem Muth ein Handwerk getrieben, sondern, wenn

ich einen Vergleich aus dem Geschäfte der Jagd entlehnen darf: es

neigt sich meine Natur mehr zu einer Verwandtschaft mit dem Hasen als

mit dem Jäger hin. Deshalb hemmte ich meine Schritte plötzlich als

ich etwas weiter nach Südwesten gegangen war und hier bemerkte daß

etliche Türken auf mich zukamen; ich machte daß ich zurückkam zum

Thorwege, der zum »sichren« Haus des Gouverneurs führt und gab mit

Freuden, für die genußreichen Augenblicke, die ich vor den Häußern der

alten Tempelritter im Vorhof ihres Tempels hatte zubringen dürfen, den

versprochenen Lohn. Was ist ein Jahrtausend gegen die Ewigkeit; und

dennoch kann auch eine halbe Stunde, ja eine Minute der Erdenzeit der

Kräfte der Ewigkeit voll seyn.

Ich erinnere mich aus meinen Jünglingsjahren noch mit besondrer

Bewegung einer Nacht, die ich aus freier Wahl wachend auf dem

Schlachtfeld bei Lützen zubrachte. Damals war mein Herz noch mehr ein

Fremdling in Israël denn es jetzt ist; ich erkannte den Helden und

Sieger nur wenig, dessen Triumphzeichen nicht die am Boden liegende

Schaar der Todten, sondern der Tod, welchen er überwand, selber war.

Heute war mir das Wachen einer einsamen, stillen Nacht bei einer andern

Stätte des Kampfes beschieden als die auf Marathons Feldern, herrlicher

denn alle Schlachtfelder der Erde, weil hier der Held allein stund

gegen alle Mächte der sichtbaren und unsichtbaren Feindeswelt und ihnen

obsiegte.

Wir begaben uns um drei Uhr des Nachmittags, mit mir Herr Krohn und

Franz sammt den beiden Reisegefährtinnen zur Kirche des heiligen

Grabes. Die Lieder der täglichen Prozession, die wir auch heute mit

inniger Theilnahme begleiteten, waren verstummt; die Schaaren der

Armenischen und Griechischen Pilgrime hatten sich aus der Kirche

entfernt; die Thüren wurden verschlossen. Das Abendroth, das zu den

Fenstern der hohen Kuppel hereindämmerte, war jetzt auch verblichen,

bald gaben nur die Lampen, die am Umkreis der Säulengänge und an

den heiligen Stätten leuchten, einen schwachen Schein, wie ihn die

glimmenden Kohlen eines verlöschenden Hirtenfeuers auf die Flur werfen.

Die guten Väter des Lateinischen Klosters, welche der Hut des Tempels

warten, hatten uns Männern eine Wohnstätte in ihren Zellen, den

beiden Frauen aber eine bei der Orgel angewiesen, wo das gewöhnliche

Nachtlager der weiblichen Pilgrime zu seyn pflegt. Man hatte uns Alles

reichlich dargereicht, was zur Nahrung und Erquickung des Leibes

dienet, namentlich hatten wir männlichen Pilgrime im Refectorium die

Abendmahlzeit mit den Vätern genossen; den Frauen war bei ihrer Orgel

ein Tisch bereitet worden. Da man uns aber dann auch Betten, zur Ruhe

auf einige Stunden anwieß, begaben wir uns zwar, um die Ordnung des

Haußes nicht zu stören, an unsern Ort; bald aber hatte ich mich, leisen

Schrittes, wieder herunter begeben zur Kirche. Ich saß auf einer der

steinernen Bänke, auf Golgathas Felsen. So still, so dunkel mag es um

die Seele seyn, wenn das Auge, vom herannahenden Tode halb gebrochen,

auch die Mittagshelle des Tages nur noch wie Dämmerung schimmern

siehet und das Ohr die Stimmen des Rufens und des Weinens nur wie aus

weiter Ferne hört. Die Pforte zur Rückkehr ist geschlossen, eine Tiefe

hat vor den Füßen sich aufgethan, deren Grund und Ende das umnachtete

Auge nicht siehet; die Seele ergreift Entsetzen bei dem Gedanken an das

Hinabfallen. Dann aber wie die brennenden Lampen, dort an der Stätte

des Kreuzes, scheinet, statt des äußren Tages, ein andres Licht in die

Nacht des Todes herein: »sorge nicht, siehe es ist ein fester Fels, der

dich trägt, auf dem du ruhest; der Fels heißt Gnade.«

Das Licht der Lämplein warf nur einen sparsamen Schein durch die

gewölbten Hallen und auf die alten Bilder der Wände, es war aber an

dieser Stätte ein Licht, das hell genug ein andres Bild beleuchtete,

welches kein äußeres war. Hier, in der einsamen Stille einer solchen

Nacht sammelten sich um meine Seele die Gestalten aller der vergangenen

Tage meines Lebens; es waren darunter kaum etliche, die mich grüßten

mit dem Gruß des Friedens, viele die mich anblickten als Verkläger

und als Feinde. Und die Seele stund von ferne, wagte auch nicht ihre

Augen aufzuheben zu dem Lichte, welches das Bild beleuchtete; da

wachte in ihr, als ein Lebenshauch des Morgens, der die Schrecken der

Nacht zerstreuet, ein Wort auf, welches fester stehet denn Golgathas

Fels, klarer leuchtet denn die Helle des Mittages, das Wort: denn aus

Gnaden seyd ihr gerecht, aus Gnaden seyd ihr selig geworden[48]. Und

der Schrecken des Todes war vergangen und dahin, und ward nicht mehr

gesehen.

Es war kurz nach Mitternacht, da ward dem Schweigen dieses hehren

Tempels eine Stimme gegeben; die schönen Gottesdienste, welche die

Andacht der frommen Väter seit den frühesten Jahrhunderten des

christlichen Jerusalems hier begründete, wachten auf. Zuerst erhuben

gleich Wächtern auf der Zinne, die auch in der Stille der Nacht hier zu

Zion Ihn loben[49], die Väter des Lateinischen Klosters ihre Stimme;

sie sangen Hymnen und sprachen Gebete, vor der Stätte des heiligen

Grabes. »Ja, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamme Juda.«

Hierauf, nach kurzer Stille nahm die Andacht der Griechischen Christen

das Wort, welche auch Hymnen sangen und beteten; dann jauchzete, in

fremdartigerem Tone, der Klang der Zymbeln und Tambourins der Armenier,

begleitet von der Stimme der Singenden auf; zuletzt wie eine Einsame

und Verlassene, trat, in den Schleier ihrer Landesformen gehüllt,

auch die Anbetung der armen Kopten aus dem Dunkel hervor; Jenem, der

die Stimme der Betenden höret, nicht minder angenehm als die den

menschlichen Sinnen gefälligeren Gottesdienste der Andern, wenn sie nur

im Glauben geschahe.

Nach etwa anderthalb oder zwei Stunden wurde wieder Alles still; man

hätte den Schlag des eignen Herzens hören können. Nur ein einziger

Griechischer oder Armenischer Pilgrim, der mit uns zugleich die Nacht

in der Kirche des Grabes verwachte, war, während der Gesänge der

Armenier hinaufgekommen in die Kapelle von Golgatha und hatte da kurze

Zeit gebetet; ein Mal war ein Griechischer Priester herausgetreten aus

der Sakristei und hatte die Lampen geschmückt, sonst herrschte hier

die Stille wie an der Bahre eines gestern Gestorbenen.

Doch nur auf wenig Stunden schwieg die Stimme des Gebetes und der

Lobgesänge. Zu den Fenstern der Kuppel über dem Grabe trat der erste

Schein der Morgendämmerung, wie der Schimmer eines Rauches, der vom

Rauchfaß des Priesters aufsteiget, herein, da begannen die Väter des

Lateinischen Klosters in der Kapelle der Maria, die des Griechischen in

ihrer Kirche die Gebete, und feierten dann bei der Stätte des Grabes

und der Auferstehung ihre Gottesdienste. Ich hatte mich zu ihnen

gesellt und fand da auch die beiden Begleiterinnen, welche, wie ich die

Nacht durchwacht und den größten Theil derselben in der Kapelle des

heiligen Grabes zugebracht hatten; auch die andern Freunde waren hier.

Gegen neun Uhr öffneten die Türken die große Pforte und wir kehrten

zurück zu unsrer Pilgerwohnung.

Reise nach dem todten Meere und Santa Saba.

Wir hatten wieder einige Tage still, und auf unsre Weise vergnügt in

Jerusalem gelebt, da rüsteten wir uns Mittwochs, den zwölften April zu

einer Reise nach der Stätte von Jericho, nach dem Jordan und nach den

Gegenden am todten Meere. Mich hatte heute das sehnliche Verlangen nach

dieser Wanderung, auf die ich mich ganz vorzüglich freute, ungewöhnlich

frühe geweckt; ich war schon lange vor Anbruch des Morgens auf dem

Gange und auf dem Dache des Haußes. Endlich kam die Sonne herauf und

sie schien heute, wie es mir schien, ungewöhnlich heiß auf den Gang und

in die Fenster des Zimmers herein. Meine Ungeduld trieb mich hinaus

ins Freie, ich wollte, da selbst Freund Bernatz noch Vorbereitungen

zur Reise zu treffen hatte, allein vorausgehen, da mich ja, wie ich

hoffte, die Maulthiere mit ihren Reitern und Führern bald einholen

würden. Ein sonderbarer Irrthum, zu welchem ich mich, selbst gegen mein

früheres, besseres Wissen hatte verführen lassen, führte mich statt

zum Stephansthore zum Bethlehemsthore hinaus. Der Pater Vicar hatte

mir nämlich bei mehreren Gelegenheiten, wenn er mir die Aussicht vom

Oelberg oder von einer andren erhöhten Stelle in und bei der Stadt

erläuterte, gesagt, indem er dabei auf die Thalkluft des Kidronbettes

hindeutete: hier wird Ihr Weg nach Jericho und dem Jordan hingehen.

Und er hatte Recht, sobald wir, wie dieß außer der österlichen Zeit

der Jordanswallfahrten viele Europäische Reisende pflegen, zuerst

unsre Richtung nach St. Saba und von hier nach dem todten Meere und

nach Jericho nahmen, während freilich der gewöhnlichste und nächste

Weg nach dem letzteren Ort noch fortwährend, wie in alter Zeit an

Bethanien vorüber, dann zum Berge Quarantania führt. So zog ich denn

unbesorgt den Weg in dem Thale Ben Hinnoms hinab, indem ich mich bei

der ungewöhnlichen Wärme des Morgens und bei der Ermüdung die mir die

halb durchwachte Nacht zurückgelassen des Gedankens nicht erwehren

konnte, daß ich heute diesen steilen, steinigen Weg nicht aufwärts

statt abwärts steigen möchte. Bei dem Brunnen des Nehemia ruheten

einige Türken, Tabak rauchend und durch gesellschaftliches Schweigen

sich unterhaltend, ich grüßte sie und fragte sie ob dieß der Weg nach

Jericho sey, sie sahen mich an und beantworteten dann meine Frage durch

Schweigen, denn ich hatte nicht daran gedacht, daß Jericho, auch wenn

seine Lage ihnen bekannt war, bei ihnen Richa oder Ericha heiße. Ich

wartete einige Zeit unter dem Schatten eines Oelbaumes, kehrte dann

ein Stück Weges zurück und schauete, so weit die Krümmungen des Thales

es erlaubten, hinauf nach der Gegend von der die Gefährten herkommen

sollten, da ich mich jedoch noch immer nicht entschließen konnte daran

zu zweifeln, daß ich auf rechtem Wege sey, gieng ich immer von neuem

vorwärts in dem herrlichen Thale, auf dessen grünenden Wiesengrund im

Schatten der Bäume ganze Heerden der Pferde und Maulthiere weideten.

Endlich da ich lange genug bald stehend, bald vorwärts und zurückgehend

gewartet hatte, fragte ich, am Eingang des südwestlichen Seitenthales

einen alten Eseltreiber und dieser, der vielleicht öfters Franken

dorthin geführt hatte, verkündigte mir zu meinem Schrecken daß der

Weg nach Jericho nicht hieher, sondern von da, wo ich stund weit

nordwärts, am Oelberg vorübergienge. Ich mußte nun die Last und Hitze

des beschwerlichen, steilen Rückweges auf mich nehmen, und da ich beim

Kloster, so eifrig der Hausmeister sich darum bemühte, lange Zeit

kein Pferd bekommen konnte um den schon seit zwei Stunden abgereisten

Freunden nachzueilen, mußte mir abermals, wie dies öfter geschehen,

die Ungedult eine Lehrerin der Gedult werden. Endlich war denn alles

zum Nachzuge bereit, ein Türke, als Führer, war bei meinem Pferde, ich

hatte mich darauf gefaßt gemacht meine Reisegesellschaft erst am Abend

einzuholen, diese aber war mir treuer geblieben als ich ihr es gewesen;

unser Arabischer Knecht begegnete mir schon, von der sorgsamen Hausfrau

abgesendet, am Fuße des Oelberges; sie selber die treue Mitpilgerin,

vor Sorge weinend, fand ich, mit der Freundin, mit Herrn Bernatz

und Mühlenhof, im Thale das sich vom Oelberge, bei der Stätte von

Bethphage herabsenkt; die andren Freunde warteten unsrer auf dem Hügel,

vor Bethanien.

Das Erste was die Aufmerksamkeit des Reisenden auf diesem Wege von

Jerusalem nach Jericho an sich zieht sind die augenfälligen Ruinen,

welche von Bethanien südwärts, zur Rechten des Weges auf der felsigen

Anhöhe liegen. Sie mögen wohl zum großen Theil von Werken einer

späteren Zeit herrühren, die sich aber dort auf der Stätte, vielleicht

des alten Bahurim anbauete. Denn hier in der Nähe war es, wo Simei, der

Sohn Gera hervortrat und David, dem Gesalbten des Herrn fluchte, dann,

hingehend an des Berges Seite, mit Steinen nach dem König warf[50].

Unter den Trümmern von Bethanien, die man an jener Stelle des Weges

zugleich mit jenen überblickt, mögen die ansehnlichsten von jenem

Nonnenkloster herrühren, das die Königin Melisende, Fulcos Gemahlin in

Bethanien erbauen ließ, deren Schwester dort Aebtissin ward.

Es war nach neun Uhr da wir endlich weiter ziehen konnten. Wäre der

Tag nicht so sehr heiß gewesen, wie viel lieber hätte ich neben unsren

Muckern (Maulthiertreibern) zu Fuße her laufen mögen als reiten auf

diesen breiten Sätteln, die viel eher einem breiten Tische als einem

Sattel gleichen und auf denen nur der Orientale, mit untergeschlagenen

Beinen, bequem sitzen kann. Dabei haben die Thiere weder Zaum noch

Gebiß mit denen der Reiter sie regieren könnte, so daß ein geborener

Fußgänger, wie ich es bin mit einem Gefühl des Unbehagens ja des

geheimen Grauens sich in der Gewalt und Macht eines Thieres sieht,

das ohne Rücksicht auf alles menschliche Bedenken mit ihm auf

schmalen Felsenrändern, an Abstürzen hingehet, welche dem Auge nicht

wohlgefallen.

Jenseits des Hügels auf dem die vermutliche Stätte von Bahurim war,

unten im Thale kommt man zu einem kleinen Brunnen, der schwerlich

auch für die heißere Jahreszeit Wasser enthalten mag. Man siehet da

an den Seiten des Weges noch einzelne Getraidefelder, deren Aehren

aber sehr dünn stehen und von der Hitze wie versengt aussehen.

Ein neuer Höhendamm ist zu übersteigen, dann gelangt man zu einem

andren Quell, der ein klares frisches Wasser in reichlicher Menge

ausströmt, und das frische Grün des Thales tränkt. Das Gemäuer des

Brunnenhaußes scheint von neuerer (Türkischer oder Sarazenischer?)

Bauart, wie wir dergleichen in Kleinasien gesehen hatten. Unsre

Mucker (Maulthiertreiber) tränkten da ihre Thiere, auch wir stiegen

ab und erquickten uns an dem frischen Quell so wie an dem Weine, von

welchem uns die guten Väter des Griechischen Klosters erst gestern

einen ziemlichen Vorrath für die Reise zugesendet hatten. Es war erst

jetzt Zeit mit der Reisegesellschaft in Gespräch zu kommen, denn

die Maulthiere, die niemand lenkt noch leitet, gehen, wie es ihnen

einkömmt, bald nahe, bald fern von einander. Wir hatten einen neuen

Gefährten bekommen: einen französischen Missionar, der gewöhnlich in

Damaskus und am Libanon unter den Maroniten lebt; einen lebhaften,

eifrigen Mann, der uns manche interessante Mittheilung über Damaskus

und seine Bewohner machte. Der Weg gehet von dem erwähnten Brunnen aus

noch eine Stunde weit im Thale hin, das an einzelnen Stellen üppig

grünt, dessen Abhänge aber meist dürr und öde sind. Jene Halme der

Getraidearten welche da, zum Theil ohne menschliche Kunst und Hülfe

aufgegangen waren, namentlich die Gerste, näherten sich schon der

Reife, oder hatten diese, an vorzüglich dürren Orten, schon erreicht;

es war jedoch eine Reife von unerfreulicher Art, denn die Körner der

Aehren waren überaus klein und ihrer nur wenige in den Aehren.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 5 / 41 段