die mich indeß eingeholt hatten, zu St. Philipp und zu seinem reich,
wie ein kleiner Bach, aus dem Felsen hervorbrechenden Wasserquell.
Die Sage des Landes macht diesen Felsenbrunnen zu einem lebendigen
Erinnerungszeichen an eines der herrlichsten Ereignisse aus den ersten
Tagen der Apostel; an ein Ereigniß dessen gotteskräftige Folgen noch
jetzt wie ein Strom lebendigen Wassers über ein Land des fernen Südens
sich ergießen. Ohne über die Oertlichkeit zu grübeln hatte ich mich
schon im Hergehen durch das schöne stille Thal an der Betrachtung
der Geschichte jenes Kämmerers und Gewaltigen der Königin Candace in
Mohrenland inniglich erquickt; jenes Gewaltigen den mitten auf seinem
Wege die Kraft des Geistes Gottes überwältigte, die in Philippo, dem
Apostel ihm begegnete[28]. Es war nicht nur jener Zug eines ewigen
Erbarmens, dessen Walten, wenn es in Sturmwindseile an der sichtbaren
Natur vorübergehet, selbst den mütterlichen Vogel anreget, daß er den
nach Nahrung verlangenden Jungen ihr Futter bringt; er selber war es,
~der Geist~, nicht sein Bote, der leibliche Lebenshauch, der den
Apostel hinführte zu dem Wagen auf welchem der Kämmerer, der den Gott
Israëls kannte, saß, laut lesend die Worte der Weissagung im Jesajas,
welche von Dem reden der wie ein Lamm, das seinen Mund nicht aufthut,
zur Schlachtbank geführt ward, dem aber als er sein Leben in den Tod
gegeben hatte und den Uebelthätern gleich gerechnet war, eine große
Menge zur Beute, die Starken zum Raube gegeben sind[29]. Und das
Verlangen, zu wissen von wem der Prophet solches rede, das der Geist
in dem Herzen des Kämmerers geweckt hatte, ward gestillt, da Philippus
seinen Mund aufthat und ihm das Evangelium von Jesu verkündete. »Siehe,
da ist Wasser,« rief der Mann, »was hinderts daß ich mich taufen
lasse?« und da er ausgesprochen was mit seliger Gewalt sein ganzes
Herz bewegte: »Ich glaube daß Jesus Christus Gottes Sohn sey,« taufte
ihn der Apostel, und der Kämmerer, auch da nun Philippus von seinen
Augen hinweggenommen war, zog seine Straße fröhlich, in das Land der
Heimath, welches zuerst durch ihn eine Heimath des Christenglaubens
ward.
St. Philippo hat eine unbeschreiblich schöne Lage zwischen Baumgärten
und reichen Weinpflanzungen. Ein Bach, der durch das Thal gehet, macht
dieses noch jetzt zu einem Zeugniß der natürlichen Fruchtbarkeit
des gelobten Landes. Wir stehen hier an einer der Hauptquellen des
Traubenbaches oder des Sorek, der durch Eskol, das Traubenthal
fleußt[30]. Noch jetzt mögen die Trauben dieses Landes, dies zeigte der
üppige Wuchs, von ungemeiner Größe seyn und den Wandrer, der zur Zeit
ihrer Reife dieses Weges kommt, an das Ziel des Weges der Kundschafter
des Moses[31], so wie an Simsons, des Starken Fall im Hauße der Delila
erinnern[32].
Wie ist doch jetzt das Benehmen der Bewohner des Landes gegen die
gefürchteten Franken ein ganz andres als es zu Cotovicus Zeiten und
selbst noch vor wenig Jahren war. Jener berühmte Reisende ward hier in
der Nähe von St. Philipp von den Frauen und Knaben der Araber nicht
bloß aufs heftigste beschimpft, sondern wäre fast von ihnen gesteinigt
worden[33], uns ließen sie ruhig da herumgehen, aus dem Quell trinken
und den Maler Bernatz ungehindert eine Zeichnung der Gegend aufnehmen;
unterhielten sich freundlich mit unserm christlichen Führer aus
Bethlehem und den Eseltreibern aus Jerusalem.
Unsre kleine Reisegesellschaft war jetzt wieder beisammen; wir
schickten uns an zur Weiterreise nach dem Ziele der heutigen Tagreise:
nach St. Johann. Wir zogen über den nicht unansehnlichen Bach hinüber
nach der andren Seite des hier breiteren Thales. Dort erwartete
uns noch ein saures Stück Arbeit. Der Berg, über welchen der Weg
hinüberführt, ist so hoch und zugleich so steil; sein verödeter
Abhang ist so oft durch niedre Felsenwände ummauert, daß wir nicht
selten mit Händen und Füßen hinanklimmen mußten. Mehr noch als die
Geschicklichkeit der Menschen war hier die der muntren Lastthiere
zu bewundern, die sich, mit den Vorderfüßen emporbäumend, von einem
Felsenvorsprung zum andren hinaufarbeiteten. Vor allen war bei dieser
Arbeit des Bergkletterns unsre Freundin Elisabeth zu beklagen, die
schon seit einiger Zeit an einer schmerzhaften Verletzung des Fußes
litt, dennoch aber den Besuch von Bethlehem und St. Johann nicht
hatte aufgeben wollen. Dazu regte sich auch bei uns Allen der Hunger,
denn wir hatten seit dem Genuß der Milch bei den Hirtinnen in Salomos
Gartenthale nur etwas Wasser zu uns genommen.
Herr Franz und ich waren, weil wir das Kloster für näher hielten als es
wirklich war, vorausgegangen, um dort die Herberge und Bewirthung zu
bestellen. Endlich war die Anhöhe und mit ihr eine Aussicht über Thal
und Berge erreicht, welche schon für sich allein der sauren Mühe des
Heraufsteigens werth gewesen wäre. Es ergieng dem Auge da oben, bei
der reichen Aussicht, wie einem leidenschaftlichen Freunde der Blumen,
dem ein reicher Gartenbesitzer und Gönner Erlaubniß giebt sich ein oder
zwei der blühenden Zierden seiner Beete zum Andenken mitzunehmen: es
wußte nicht auf welchen Punkt des erhaben schönen Gesichtsfeldes es
seine Aufmerksamkeit hinrichten sollte, um sein Bild, das ja nur einmal
im Leben ihm dargeboten wurde, für immer in die Erinnerung aufzufassen.
Die Gegend, die wir da vor uns sahen erinnert an die Geschichte dreier
Helden, welche größer waren als die drei ersten Helden Davids, die
sich hindurchrissen durch das Heer der Philister und Wasser schöpften
aus dem Brunnen am Thore zu Bethlehem; denn jene dreie haben ein
andres, höheres Wasser des Lebens aus der Hand der Feinde gerissen und
errettet, und ihrem ganzen Volke zu seiner geistigen Erquickung und
Heilung es dargebracht als das Wasser des Brunnens von Bethlehem war.
Dort oben auf der Höhe des Gebirges, zeigt sich in deutlicher Nähe,
gleich den Trümmern eines alten Domes die Heldenburg der Makkabäer:
~Modin~, die Bergstadt; der Wohnsitz und gemeinsame Begräbnißort
der Makkabäer[34]. Wenn man, wie doch öfter geschieht, die Eindrücke
durchs Auge mit jenen vergleichen darf, welche durchs Ohr der Seele
nahen, so möchte ich den, welchen der Anblick der alten Bergfeste
Modin auf mich machte mit jenem der tiefen Töne einer großen Glocke
vergleichen, welche Gedanken des Ernstes weckt. Wem sollte nicht
dieser alte Felsenhorst das Andenken der vorbildlichen Kämpfer mit dem
Widersacher alles Glaubens an das was göttlich ist; das Andenken an
die Priesterhelden Mattathias und Judas und Simon und selbst an das
unglückselige Haus der Hasmonäer erwecken. Dennoch, so bedeutungsvoll
das Erinnerungszeichen ist, das die alte Bergfeste darstellt, so war
dennoch der Held, von welchem die Kunde dort am Fuße des Berges, im
Thale der Terebinthen Zeugniß giebt, noch ein höherer Vorkämpfer seines
Volkes und der zukünftigen Geschlechter. Dort, im Eichengrunde schlug
David der Knabe, der ohne Schwert, Spieß und Schild nur im Namen des
Herrn Zebaoth, des Gottes des Zeuges Israël dem übermächtigen Feinde
entgegentrat, den Riesen Goliath und ward hierdurch ein Vorkämpfer und
Durchbrecher zum Siege für die Heere seines Volkes, welche, da der
Riese von der Hand eines Knaben gefallen, in Kraft des Glaubens an
den Gott des Zeuges Israëls sich aufmachten und riefen und jagten den
Philistern, die der Schreck getroffen, nach, bis an die Thore Ekron,
daß die Feinde fielen erschlagen auf dem Wege Saarim bis gen Gath und
gen Ekron. Aber nicht nur mit dem Riesen, auch mit andern, furchtbarern
Mächten hatte der Held des Terebinthenthales gekämpft, und so tief auch
die Wunden waren die er im Streit empfangen dennoch zuletzt, durch
kindlich treues Festhalten, selbst beim Fallen, an der Hand Dessen der
vom Tode errettet, den Sieg des Glaubens errungen, der seine Zuversicht
setzet auf den Herrn, Herrn. Und so war derselbe auch hierdurch der
Vorkämpfer geworden der Schaaren, die niemand zählen kann, die durch
Glauben hindurchgedrungen sind zum Siege, der weiter reichet als zu
den Thoren Ekron, ja ein Vorbild Dessen, der den Kampf der Kämpfe
hinausgeführt hat zum Ende. Der dritte aber der Helden, an den die
Kunde des Landes, welche hier unten am Fuß des Berges im grünenden
Thale wohnt, erinnert, war der größeste unter den Dreien, denn von
ihm bezeuget der Mund der Wahrheit selber, daß »unter Allen die von
Weibern geboren sind nicht aufgekommen sey der größer wäre denn er«[35]
(bis zu den Zeiten des Reiches das höher stund denn alle Reiche der
Menschenkraft). Dieser war der Vorgänger, nicht eines Fürstenstammes
Judäas, nicht der Heere Israëls gegen das Volk von Philistäa, sondern
ein Vorgänger Dessen, der ein Fürst ist der Könige und Herren auf
Erden; der größer ist denn Israël; Er selber Israëls Trost und Hoffnung
und Ende.
Außer dem Thale der (grünenden) Einöde, in welcher Johannes
der Vorläufer war, bis daß er sollte hervortreten vor das Volk
Israël[36], das zunächst hier unten zu unsren Füßen liegt; außer
dem Terebinthenhaine dessen That die Sängerinnen Israëls priesen,
mit Gesang und Reigen, mit Pauken und Triangeln[37]; außer der
Geburtsstätte und Grabstätte der Makkabäerhelden dort auf der Höhe,
sieht man dort vom Gebirge das Rama des Samuel und die Stätte von
Emmaus; Calonia, an der Straße von Jaffa nach Jerusalem (das Ende des
Thales der Terebinthen) und, wenn mein Auge nicht irrte, die Höhen
des Oelberges. Uns zog jetzt vor allen das prachtvoll, gleich einem
Fürstenschlosse im Haine der Zypressen vor uns liegende Kloster St.
Johanns, des Täufers an; zu ihm lenkten wir für heute unsre Schritte
hin. Leichtfüßige Gazellen, von Gestalt und Farbe unsrer Rehe, eilten
über das Gebirge hinüber; der Leib war langsamer, der Geist schneller
denn sie, denn er war vorangeflogen auf der Bahn des großen Vorgängers
bis dort hinüber zur Siegerpalme des Oelberges.
Unten im Dörflein kamen wir zuerst bei einem reichlich fließenden
Quell, dem Brunnen der Maria vorüber, an denen Frauen des Ortes Wasser
schöpften und wuschen. Wir langten etwas vor vier Uhr im Kloster an,
dessen Väter eben hinabgegangen waren zur Kirche, um hier das Lied der
Vesper zu singen. Die Töne der Orgel (es ist eine der vorzüglichsten,
wo nicht die beste der christlichen Kirchen des Landes) zogen auch uns
hinab zu dem Tempel, in dem eine kindliche Andacht die Geburtsstätte
des großen Vorgängers verehrt. Der volltönende, harmonische Gesang der
Väter (sie sind großentheils Spanier) redete die Sprache eines festen
Hoffens, das nie zu Schanden wird; wenigstens deutete sich seinen
Inhalt so die Seele, die sich hier begrüßt fühlte, mit dem Gruße des
ewigen Friedens.
Der Gottesdienst war geendet; wir hatten uns wieder hinauf begeben in
das Zimmer der Gäste; der Prior des Klosters, ein noch jugendlicher
Spanier, aus einem edlen Geschlecht seines Landes trat zu uns hinein
und begrüßte uns freundlich. Auch die andern Gefährten der Reise waren
nun angelangt, man hatte sie, weil Frauen unter ihnen waren, und weil
im Kloster strenge Clausur herrscht, um das Gebäude herum geführt, dann
zu einer Hinterthür hinein gelassen, dort aber, im Hofe, für sie eine
freundliche Wohnung, in einer Art von Gartenhäuschen bereitet; bald
war da in Fülle alles herbeigebracht, dessen das leibliche Bedürfniß
der ermatteten Pilgrime zu seiner Sättigung bedurfte. Der Prior und
sein Vicar hatten uns aber noch einen andren Genuß zugedacht. Sie
führten uns hinaus an den Abhang des Berges, der jenseits des Dorfes
sich hinabzieht, nach dem Thale der Terebinthen, oder, wie man es wegen
der vielen anjetzt hier wachsenden, immergrünenden Eichen auch nennen
könnte, nach dem Eichengrund. Hier waren die Männer Israëls, unter
Saul gelagert, als sie sich rüsteten zum Streit wider die Philister;
hier war es wo Isais Sohn seinen Brüdern das Epha Sangen und die
zehn Brode, für den Hauptmann aber zehn Käse ins Lager brachte. Und
ob auch Eliab, der größeste Bruder ergrimmete über die vermeintliche
Vermessenheit und Herzensbosheit des jungen, bräunlichen Hirten[38]
so war doch dieser nicht gekommen den Streit zu sehen, sondern ihn zu
enden. Wir empfiengen hier »glatte Steine aus dem Bache« zur Erinnerung
an die Kraft einer Hirtenschleuder, die siegreicher wirkte denn Spieß
und Schild und Schwert. Man sieht vom Abhange aus deutlich und nahe
Calonia, von dessen sattelförmiger Höhe das Thal herabläuft, und an
einigen Stellen auch Emmaus, da der Geber alles Guten von den Jüngern
am Brodbrechen erkannt ward, so wie die Herrscherin des Gebirges, die
Veste von Modin. Auf dem Rückweg erzählten uns die Väter wie sie noch
vor wenig Jahren, ehe Ibrahim Pascha über diese »kleinen Füchse die
den Weinberg verheerten« ein heilsames Schrecken brachte, so in Furcht
vor den Mohamedanischen Bewohnern des Ortes und seiner Umgegend leben
mußten, daß zuweilen aller Verkehr mit der versorgenden Mutterstätte,
mit Jerusalem unterbrochen war. Man konnte selber nicht aus dem
Kloster hinaus treten und Pilgrime durch die Nachbarschaft geleiten,
ohne Beschimpfung und zuweilen selbst Verletzungen durch Steinwürfe zu
erfahren. Anjetzt wohnen die Tauben ungestört zwischen den Sperbern,
denn ein Geieradler schwebt über beiden, der die Sperber schreckt.
Wem sollte es, »er sey Ritter oder Knecht« unter dem Obdache des
Klosters von St. Johann nicht wohl werden; wer sollte hier unter dem
balsamisch duftenden Garten, wenn er über die blühenden Beete der
Terrassen hinansteigt, bis zur Höhe, mit der Aussicht über Berg und
Thal nicht zu seinen Herzen sagen: hier ist gut wohnen. Uns Männern
hatte man im Kloster selber die Herberge angewiesen; mir war eine Zelle
zugefallen, deren Fenster die Weinreben umschatteten und welche bei Tag
und noch mehr bei Nacht den Duft der blühenden Orangen und Zitronen
durchdrang; die Frauen bewohnten das gastliche Häuschen im Vorhof der
Mauern, wo wir uns auch jetzt zum Abendbrod versammelten.
Für mich war es schon heute, Freitags am 7ten April, da ich beim Strahl
der Morgensonne, der durch die Rebengelände hereindrang, erwachte,
ein Fest Johannes des Täufers. Denn ich hatte mich mit den Gedanken
die sein Fest in der Seele des Christen weckt zur Ruhe gelegt und
wachte mit diesen Gedanken wieder auf. Grünete und blühete ja auch, da
draussen im Garten in welchem ich hinaustrat Alles so wie bei uns in
der sommerlichen Zeit des Johannisfestes; statt der grünenden Birken
freilich die Farnesianische Mimose; statt der deutschen Jasmins der
Storaxbaum und die Limonie. Einer der jüngeren Brüder des Klosters,
ein Spanier, der den Schmerz seines Landes tief empfunden, führte,
nach der Morgenandacht, mich und meinen Freund Bernatz hinaus in
die Wüste von St. Johann, zu der Grotte, in der sich, wie die fromme
Sage berichtet, der große Täufer enthielt, bis daß der Gedanke seines
hohen Berufes zur That geworden. Der Weg zu jener alten Ruhestätte der
christlichen Andacht, auf den vormals der Orden der Johanniterritter,
wie auf alle Erinnerungszeichen dieser Gegend, seine besondre Pflege
gewendet, geht an der Seite des Thales hin, das von Calonia durch den
Eichgrund nach dem Eskol- oder Sorekthale verläuft. Unser Führer zeigte
uns eine Felsenplatte, »auf welcher der Täufer stund, da er zuerst an
sein Volk das Wort nahm.« Die Wohnung in welcher er das Alleinsein mit
dem Gedanken seines Tagwerkes und mit Dem, der den Gedanken in ihn
legte, gesucht und gefunden ist eine Felsenhöhle, an deren Fuß ein
Quell sein klares Wasser hervorströmt. Wir fanden das Hinansteigen von
einem Felsensprung zum andern nicht mehr so beschwerlich, als Cotovicus
es beschreibt; vielleicht daß wir des Kletterns über so geringe Höhen
gewohnter waren denn er, oder daß die Mönche, deren Pflicht es ist zu
gewissen Zeiten hier Gottesdienst zu halten, den Eingang erleichterten.
Auch unser Führer sprach hier die Gebete, die seit alter Zeit dem Orte
gewidmet sind und wir nahmen von Herzen an seiner Andacht Theil. Oben
auf dem Felsen stehen die Ruinen eines Klosters, das in den Zeiten
der christlichen Herrschaft des Landes ziemlich bevölkert war. In der
Nähe der Grotte breiten sich, am Abhange des Berges, Weingärten und
Baumpflanzungen aus; unter den Bäumen wird allerdings auch hin und
wieder der Johannisbrodbaum (die +Ceratonia siliqua+) gesehen,
deren Früchte, nebst dem wilden Honig die gewöhnliche Nahrung des
einsam Wohnenden waren[39]. Der Grotte gegenüber liegt ein Arabisches
Dorf, vielleicht an der Stätte von Socho, zwischen welchem und Aseka
das Heer der Philister sich gelagert hatte, da Saul mit Israëls
Streitern ihm entgegenzog. Auf dem Rückwege weilten wir noch bei den
Ruinen jener christlichen Kirche, die »an der Stätte des Haußes des
Zacharias erbaut war, vor welchem Elisabeth und die Erwählte der
Jungfrauen sich begrüßten.« Ein Wandersmann, welchen schon der Anblick
von Albertinis bildlicher Darstellung dieser Begrüßung innig bewegte,
wie sollte der nicht bei dem Verweilen an dieser Stätte ein Tröpflein
jener seligen Freude empfinden, die einst in einem verborgenen Thale
des Gebirges Juda zwei Menschenseelen erfüllte, denen schon mitten in
der Zeit des Dunkels der helle Tag der Ewigkeit anbrach. Auch unser
Führer las uns hier laut jene Stelle des Evangelisten Lucas, an welche
diese Stätte erinnern soll: die Worte, welche Elisabeth, des Geistes
voll, der gebenedeiten Jungfrau entgegen rief und den Lobgesang Marias.
Nach unsrer Rückkehr ins Kloster ergieng ich mich noch einmal, in
Gesellschaft der zurückgebliebenen Freunde in der schönen Kirche, deren
Altarbild das Werk eines großen spanischen Meisters (des Murillo?)
ist, dann im Garten des Klosters. Er ist der größeste und schönste
den ich in der ganzen Umgegend von Jerusalem sahe; großentheils neu
angelegt, am Abhange eines terrassenartig ausgearbeiteten Felsens, von
dessen Wänden die Sonnenstrahlen verdoppelte Kraft empfangen; auch
für eine hinreichende Bewässerung des Bodens ist gesorgt. In Folge
der vortheilhaften Lage des Gartens fanden wir hier den Pflanzenwuchs
ungleich mehr vorgeeilt als in Bethlehem und Jerusalem; die Mandeln
stunden schon in bedeutender Größe an ihren Bäumen; auch die Aprikosen,
Kirschen und andre Obstbäume hatten Früchte angesetzt. Einer der
Väter des Klosters ist ein Freund und man darf sagen ein Meister der
Gartenkunst, denn als solcher zeigt er sich durch die großentheils
neue Anlage des Gartens, dessen Grund er dem vorhin verödeten Felsen
abgewonnen hat und die noch fortwährend unter seiner Leitung sich
erweitert. Wir sahen hier mehrere Gewächse der heißen Zone im Schutz
der Felsenwände gedeihen, die wir im Gebirge Juda kaum erwartet
hätten. Wie gerne wäre ich der Einladung der freundlichen Väter des
Klosters gefolgt und einige Wochen bei ihnen geblieben in der stillen,
reinlichen, grün umrankten Zelle und in dem schönen Garten, wir hatten
aber in Palästina noch so vieles Andre zu sehen und meine Zeit war mir
gemessen.
Nach Tische besuchte uns noch einmal der gute Prior und erzählte uns
Manches aus der neuesten Geschichte des Klosters. Die armen Väter
hatten, besonders in den Zeiten des letzten Aufstandes und während der
Theurung die vor einigen Jahren das Land traf, viel von Noth und Sorgen
gelitten. Ich lernte auch bei dieser Gelegenheit in jenem edlen Spanier
ein kindlich gläubiges, liebevolles, gottvertrauendes Gemüth kennen;
mit dankbarer Bewegung nahmen wir gegen drei Uhr des Nachmittags von
unsren guten »Johannitern« Abschied und zogen fröhlich unsre Straße
über den Berg hinan, gegen Jerusalem.
Die Steinhaufen dort auf der Höhe, neben den meist sehr schlecht
angebauten Saatfeldern, möchte man gern um ihre Geschichte befragen,
denn viele von ihnen scheinen vormals zu Menschenwohnungen gehört zu
haben. Wir unterließen, so weit uns dieß möglich war, das Fragen und
Forschen nicht; das aber was wir zur Antwort erhielten betraf eine
Geschichte, welche älter ist, als die Geschichte der Kananiter und der
zwölf Stämme des Volkes, welches dieses Land der Verheißung zum Erbe
besaß. Denn der Ammonit des Kalkgebirges den wir unter den Steinen
fanden erinnerte an jene alten Tage, welche statt einer Antwort den
forschenden Geist des Menschen selber fragen: »wo warest du, da ich die
Erde gründete, sage mirs, bist du so klug. -- Da mich die Morgensterne
mit einander lobeten und mir zujauchzeten die Chöre der Engel[40].« Uns
war übrigens, wie ich dieß noch später erwähnen werde, dieser Fund, den
Freund Bernatz machte, von Wichtigkeit; denn die Versteinerungen in der
Umgegend von Jerusalem gehören zu den größesten Seltenheiten, und diese
hier versprach einen weitren Anhaltspunkt zu gewähren für das Erkennen
der Gebirgsart der sie angehörte.
Nach einer kleinen Stunde Weges kamen wir zu dem Kloster des heiligen
Kreuzes, das die Andacht der Georgianer an jener Stätte begründete,
an welcher, nach einer Sage der christlichen Bewohner des Landes der
Stamm des Oelbaumes gewachsen war, aus dem man Golgathas heiliges Kreuz
bereitete. Wie die meisten Klöster des Landes gleicht auch dieses einer
kleinen Veste. Es soll eine ansehnliche Menge Georgischer Handschriften
enthalten; wir sahen sein Innres nicht. Man hat von diesem Hügel eine
Aussicht auf die Stadt Jerusalem, an welcher sich die Burg Zion,
das Coenaculum, das Kloster von St. Salvator und andre Gebäude der
Westseite vorzüglich herausheben zugleich aber, weil der Standpunkt
zu niedrig ist, den Anblick der übrigen Stadt verhindern, von der man
fast nur die Minarets, und, so wie man etwas seitwärts tritt, die hohe
Kuppel der Omarmoschee hervorragen sieht. Als wir an den Türkischen
Grabstätten am Abhange von Gihons Thal vorübergiengen, erinnerten uns
die Schaaren der weißgekleideten, verschleierten Mohamedanerinnen, die
auf den Leichensteinen saßen, daran daß heute Freitag sey; der Tag des
Sabbathes der Bekenner des Islams, der Tag ihrer wöchentlichen Feier
der Gräber. Wir kamen schon gegen fünf Uhr wieder in unsrer stillen,
freundlichen Wohnung der +Casa nuova+ oder des Pilgerhaußes an,
begrüßten die Väter des Klosters und ich brachte noch einen Theil des
Abends auf dem platten Dache des eigentlichen Klostergebäudes im Genuße
der Aussicht zu, die mir, so oft ich sie auch sahe, immer wieder neu
und innig werth erschien. Unser theurer Freund, +Dr.+ Roth war von
seinem Fieberanfall wieder genesen.
Neuer Aufenthalt in Jerusalem.
Der Schritt der Zeit, dort in den Mauern Jerusalems, ist ein so leiser,
daß man ihr Vorüberwandeln kaum bemerkt, und doch lässet jede Stunde
Erinnerungen zurück, aus denen die Seele für so manches künftige Jahr
Freude und Erquickung entnehmen könnte. Ich las heute, Sonnabends den
achten April, viel und lange in dem Buch der Bücher, das uns in den
großen Geschichten Bethlehems und Jerusalems und ihrer einst sichtbaren
Herrlichkeit, zugleich die Geschichte eines unsichtbaren Reiches
erzählt, dessen Thron ein ewiger, dessen Scepter ein unwandelbares
ist. Wie lebendig wurden mir hier, an der Stätte des sichtbaren
Erscheinens, manche Züge der heiligsten Geschichte; welcher tiefe,
sabbathliche Frieden ergriff mich bei dem Lesen der Evangelien des
Auferstehungsmorgens und der Erzählungen von den ersten Tagen und
Thaten der Apostel. Am Nachmittag besuchte ich in Gesellschaft meiner
Hausfrau das Thal Josaphat und den Fuß des Oelberges. Sie sammelte
Erde aus Gethsemanes Garten und manche andre Erinnerungszeichen an
diese werthe Stätte, zum Geschenk für Freunde in der Heimath; später
sahen wir noch auf unsrem Lieblingsorte innerhalb dem Stephansthore,
dem Morija gegenüber, die Sonne untergehen über Jerusalem. Auf dem
Heimwege nach dem Kloster begegnete uns etwas, das uns während
unsres Aufenthaltes in Jerusalem noch niemals geschehen war: einige
fanatische Soldaten schimpften auf meine ganz Europäisch gekleidete,
unverschleierte Frau und warfen selbst mit Steinen nach ihr, ohne
jedoch eines von uns zu treffen. Es war heute zum ersten Male daß eine
unsrer Begleiterinnen nur in Gesellschaft eines fränkisch gekleideten
Mannes ausgieng, bisher war immer der Türkisch gekleidete Dragoman oder
der Janitschar des Klosters dabei gewesen, wenn sie durch die Stadt
zu gehen hatten und von heute an ließen wir es auch, wenigstens wenn
der Weg neben einer Caserne vorbei gieng, an dieser Vorsichtsmaßregel
nicht mehr fehlen. Wir Männer durften übrigens allenthalben in unsrer
heimathlichen Kleidung uns sehen lassen und herumtreiben ohne daß
jemand aus dem Volk ein Aergerniß daran genommen hätte.