Ich konnte jetzt, in Begleitung meiner Gefährten, etwas ruhiger und

unbefangener die Umgegend betrachten welche noch fortwährend als

ein von der Natur reiches Land erscheinet. Denn gegen Westen hin

ergehet sich der Blick über lauter grünende, fruchtbare Berge; gegen

Süden zeigt sich ein höherer, an seinen Abhängen dicht von Gesträuch

bewachsner Berg, auf dessen Gipfel Bäume stehen, die ein vereinzelter

Rest jener alten Waldungen sind, welche vormals die Umgegend von Hebron

bedeckten. Diese ansehnlichere Höhe wird in Südost durch ein tiefes,

für den Freund der Pflanzenkunde sehr anlockend aussehendes Thal von

andren, niedrigeren Bergen abgeschieden, welche von einem nicht minder

fruchtbaren Aussehen sind. Gegen Ostsüdost und Osten senkt sich der

Höhenzug allmälig niedriger werdend zur Ebene herab, ist aber auch

hier, wenigstens auf eine Stunde weit hin, noch grünend, bis sich in

derselben Richtung, jenseits des grünen Grundes das traurig öde, gelbe

Sandsteingebirge zeigt, das sich von da bis zum todten Meere hinziehet.

Etwa dort, am südlichen, buschreichen Gebirge lag Habechim, der Ort

den ein späteres Volk der Bewohner auf der Stätte des Wohnortes des

Propheten Joël erbaut hatte; hier in Thekoa wohnte Habakuk, so, wie

seinen eignen Worten nach Amos der Prophet, welchen, da er noch unter

den Hirten war und gleich ihnen von der Feige der Sykomoren sich

nährte, der Herr hinwegnahm von der Heerde und zu ihm sprach: gehe hin

und weissage wider mein Volk Israël[11]. Und wie die leidliche Aussicht

hier von der Warte des Hügels gegen Osten von den Strafgerichten,

gegen Westen aber von den reichen Segnungen zeuget, die der Herr über

das Land ergehen ließ, so war das Gesicht des Künftigen, das der Gott

Israëls dem armen Seher eröffnete. Denn durch die Wetterwolken der

Drohungen, deren Stimme furchtbar, gleich dem Brüllen des Löwen war,

vor dem die Triften der Hirten trauren[12] bricht ein Morgenstrahl der

Tröstungen, welche einst nach dem Hunger, das Wort des Herrn zu hören,

folgen werden[13]. Denn auch dieser Hunger wird gestillt werden und

der Herr wird die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten und ihre

Lücken vermauern. Dann wird das Ackern an die Ernte und das Keltern an

die Aussaat reichen, und die Berge werden mit süßem Weine triefen und

alle Hügel werden fruchtbar seyn[14]. Ja, der Glaube der Kinder wird,

wie vormals, das Erbe das ihm verheißen war einnehmen und nicht mehr

aus ihm ausgerottet werden; so spricht durch den Mund des Hirten von

Thekoa, Israël, dein Gott.

Während wir noch der Aussicht von der Warte des Felsen genossen, und

einige alte Höhlengräber betrachteten, hatte unser Bethlehemitischer

Führer, welcher wußte daß wir ohne Mundvorräthe aus Bethlehem gegangen

waren, bei der Frau oder einer Verwandtin des Scheikhs Brod bestellt,

das wir diese noch vor unsren Augen auf eine ungleich reinlichere Weise

denn bei den Beduinen der Arabischen Wüste nicht in heißer Asche oder

auf den von der Asche nur wenig gereinigten Steinen, sondern auf einer

heisgemachten eisernen Platte backen sahen. Zu diesem noch warmen,

kuchenartigen Brode brachte unsre Wirthin in reinlicher Schüssel

sauren Rahm, über welchen geschmolzene Rahmbutter ausgegossen war. Ich

habe auf dieser ganzen Reise kein so köstlich schmeckendes Arabisches

Kuchenbrod keine so vortreffliche Milch genossen als hier unter den

Hirten von Thekoa; mit uns und unsrem Metzger zugleich labten sich

daran zwei Beduinen, die uns durch die Trümmer begleitet hatten, und

welche zu den Aermeren des Volkes zu gehören schienen, denen jetzt

nicht mehr, wie zu Amos Zeiten, der längst verschwundene Wald der

Sykomoren seine Früchte reicht. Da wir nun weiter gehen wollten hatte

unser Bethlehemit Mühe der Araberin die uns so reichlich labte das

Geld aufzudringen, welches wir zur billigen Vergeltung ihr zugedacht

hatten. Doch betrachtete sie, als sie endlich das Geld genommen, die

glänzenden, neuen Silbermünzen mit Vergnügen, und wie alte Freunde

nahmen wir Abschied von den Hüttenzelten und ihren guten Bewohnern.

Nach unsrem anfänglichen Plane, den wir dem Führer mitgetheilt hatten,

wollten wir eigentlich an diesem Nachmittag drei interessante Punkte

der Nachbarschaft: die Ruinen von Thekoa, die Höhle von Elmaama

und den Frankenberg besuchen; von Thekoa brachte uns jetzt der

Bethlehemit, in dessen Hand unser Schicksal lag, zu der Höhle, welche

die Väter des Klosters mit dem bei den Franken üblichen Namen: das

Labyrinth benannten. Der Weg nach dem tiefen Thale der Höhle zog sich,

vorherrschend in nordöstlicher Richtung bergabwärts; vorüber an reich

grünenden Saatfeldern, an deren Aehren sich die ersten Blüthen zeigten.

Die Gegend von Elmaama oder wie sie bei Einigen heißt Odolla ist eine

Felsenwüste von solcher erhabener Schönheit, als ich wenige gesehen.

Das Bett eines Winterstromes, damals ohne Wasser, ziehet sich durch das

tiefe Engthal, das, mit seinen gähen Wänden, einer Spalte gleichet,

an welcher das Gebirge, bei seiner festen Gestaltung auseinanderriß.

Gebüsche und Kräuter der mannichfachsten Arten, viele von ihnen eben

jetzt in voller Blüthe, bekleideten den Abhang und bedeckten die Klüfte

zwischen den einzelnen Felsenstücken; zu unsrer Linken zeigte sich,

beim Hinabsteigen in das Engthal ein noch jetzt ansehnlicher Thurm,

gleich jenen aus den Zeiten unsrer Ritter, bei ihm die Trümmer noch

andrer Befestigungen; wir wenden uns aber vorerst zur Rechten, nach der

Grotte. Wandelnd zwischen den Felsenwänden der beiden Seiten ergriff

mich die Lust hier das Echo zu wecken, aber die Stille dieses Thales

hatte für mein Gefühl etwas Heiliges, ich wagte nicht sie zu stören.

Sie ist anjetzt nicht mehr eine Wohnung der Menschen, sondern der

scheuen Tauben und kleineren Vögel, die in den Felsenklüften und Dornen

nisten, während über ihnen eine Menge der Raubvögel, von keinem Jäger

bedrohet, schwebt. Ich hatte noch niemals so viele wehrlose Vögelein

zugleich mit so vielen Raubvögeln beisammen gesehen.

Der Weg nach dem Eingang der eigentlichen oberen Höhle (denn unter

ihr, etwas tiefer am Abhange des Felsen ist eine andre, kleinere, aus

welcher, wenigstens in dieser Jahreszeit, Wasser hervorquillt) ist

keinesweges bequem, obgleich für Jeden, der nicht an Schwindel leidet,

vollkommen gefahrlos. Man muß, am gähen Abhange hin, öfters von einem

Felsenstück zum andern steigen und namentlich an einer Stelle bemerkt

man auf dem Rückwege, daß zu dem großen, abwärts gehenden Sprunge, der

noch dazu über eine tiefe Kluft hinübergehet, Ueberlegung und Augenmaß

gehöre. Am Eingang der Grotte zündeten wir unsre Lichter an und traten

dann in die vordere, weite Kammer hinein, die von bedeutendem Umfange

und hoher Wölbung ist. Ein Gang führt weiterhin zu mehreren andern

Weitungen, deren einige wieder mit Nebenkammern zusammenhängen; wir

erreichten bei weitem nicht das Ende dieses Labyrinthes und wenn

auch die Versicherung unsers Führers, daß die Erstreckung desselben

drei Viertelstunden weit hingehe um Vieles übertrieben seyn sollte,

so bleibt doch, davon überzeugte uns der Augenschein, so viel gewiß,

daß in jener Zeit der Noth, welche, wie wir vorhin sahen, im Jahre

1138 über das Land kam, ganze Schaaren der Bewohner mit ihren Frauen,

Kindern und selbst mit ihrem Vieh in dieser großen Höhle einen

Bergungsort finden konnten[15].

Aber diese Grotte von Thekoa, sie möge nun, wie Einige wollen, die von

Addullam oder wie Andre sagen die von Engeddi der heiligen Schrift

seyn, erinnert noch an die Zeit einer andern Noth und der Errettung

aus derselben, welche, so lange das Aufsehen von oben mit dem Odem

zugleich, der Natur des Menschen die Sprache erhält, im Liede leben

wird. Hier sang David, der wie eine Taube vom Raubvogel gescheucht,

in dieser Höhle sich verbarg, sein Lied »in Gefahr,« so wie jenes »um

Hülfe«[16]. Hier war es wohin er sich rettete aus den Netzen womit

Saul seinen Gang umstellete, hieher kamen zu ihm sein Vater und seine

Brüder und viele Männer welche betrübtes Herzens waren[17]. Er aber,

ihr Haupt, der Betrübteste von ihnen Allen, erhub dennoch, mitten im

Gespräch der tiefen Noth, das zu Gott dem Höchsten rufet, zu Gott der

des Jammers ein Ende machet, seine Stimme zum Lobgesang der Freude, die

sich mit kindlich festem Vertrauen, Gottes, ihres Helfers freut. »Mein

Herz ist bereit, Gott mein Herz ist bereit, daß ich singe und lobe.

Wachet auf, Psalter und Harfe! frühe will ich aufwachen. Herr ich will

dir danken unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten.

Denn deine Güte ist so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit so weit

die Wolken gehen. Erhebe dich, Gott, über den Himmel, und deine Ehre

über alle Welt[18].« Ja, das Gebet: »führe meine Seele aus dem Kerker,

daß ich danke deinem Namen,«[19] ward erhört, und Adullam ist, wie sein

Name bedeutet, ein Denkzeichen jener richterlichen Aufsicht geworden,

die des unschuldig Leidenden sich erbarmt.

Da wir, beim Hinweggehen aus der Höhle, über den kritischen Steig der

Felsenstücke hinüber waren, wendete sich mein junger Freund, Herr

Franz, geführt von dem Metzger, zu dem Quell, der, wie ich vorhin

erwähnte, unter der großen Höhle aus der Felsenkluft hervordringt, um

an seinem Wasser sich zu laben. Ein Steig der Hirten und Schaafe führt

zu ihm hin. Ich saß indeß auf einem Felsenstücke, mein Auge weidend

an der Majestät des stillen Thales. Als meine Gefährten zurückkamen,

stiegen wir noch hinan zu dem Thurm der ziemlich wohlerhalten dastehet

und zu den Trümmern des andern Mauerwerkes. Obgleich das Onomastikon

des Eusebius die Lage von Adullam weiter westwärts suchen lässet,

so könnten dennoch die, welche mit Wilhelm von Tyrius die Grotte des

Labyrinthes für Odollam halten, in diesen Ueberresten ansehnlicher

Befestigungswerke eine Rechtfertigung ihrer Vermuthung finden, daß

hier jene Stadt des Thales (denn als solche erscheint Adullam im Buche

Josua 15, V. 35) lag, welche Rehabeam zur Veste machte, die, wenn

anders das, was wir für solche hielten, wirklich Trümmer einer kleinen

Christenkirche waren, noch in den Zeiten der Kreuzzüge in dieser

Bestimmung sich erhielt.

Unser Führer erklärte uns jetzt unverholen, daß, wenn wir, wie billig,

bei Tageslicht ihn sehen wollten, zum Besteigen des Frankenberges es zu

spät sey, und die schon tief am Horizonte stehende Sonne bezeugte es

uns, daß der Mann Recht habe. Es that mir allerdings leid daß ich die

sonderbare Felsenwarte nicht selbst besteigen konnte, die schon bei der

ersten Annäherung an Bethlehem mein Aufmerken an sich gezogen hatte, da

man es ihrer keglichen Tafelform ansieht, daß der denkende Geist, daß

die bauende Menschenhand dem Werk der Natur ihren Gedanken aufprägte.

Wir waren indeß heute schon auf unsere Hinwege nach Thekoa, noch mehr

aber auf dem Rückwege nach Bethlehem so nahe an diesem alten Bethcharem

oder Herodium, auf welchem Herodes sein Kastell als Siegeszeichen über

die Juden, und sein Grabmahl sich erbauete[20], vorübergekommen, daß wir

den terrassenartigen Bau, welcher, wie jene des Steines bei Würzburg

der Anlage von Weinbergen[21] besonders günstig seyn mußte, so wie

die untren und oberen Mauern diese mit ihren vier Thürmen, deutlich

in jener Gestalt erkennen konnten, in welcher Pokocke sie beschreibt.

Wenn auch jene Weinbergsveste nicht dadurch, daß sie des Herodes

Ehrengedächtniß und sein Grabmahl war, für den christlichen Pilgrim

etwas Anziehendes hat, gewinnt sie es doch dadurch, daß die Kämpfer

für das Kreuz: die Franken, wie man sagt noch vierzig Jahre nach dem

Verlust von Jerusalem diesen Ort behaupteten.

Wir kamen in der Zeit der Dämmerung an dem Feld der Hirten vorüber und

erst gegen sieben Uhr am Abend erreichten wir Bethlehem, mit seiner vom

Lichte der ewigen Lampen erleuchteten Grotte. Ja, die Verse eines alten

schönen Weihnachtsliedes waren heute hier in Bethlehem, wenigstens im

Geiste, unser Abendlied:

Den aller Weltkreis nie beschloß,

Der lag hier in Mariens Schooß;

Er war ein Kindlein worden klein,

Der alle Ding erhält allein.

Der Sohn des Vaters, Gott von Art,

Ein Gast in unsrer Welt hier ward;

Er führt uns aus dem Jammerthal

Und macht uns Erben in seinem Saal.

Das hat er Alles uns gethan,

Seine große Lieb zu zeigen an,

Deß freu sich alle Christenheit

Und dank ihm deß in Ewigkeit.

Es schlief sich sanft, wie im Hauße der Mutter in dem lieblichen

Bethlehem; die Aussicht vom platten Dache des Klosters, Donnerstags

den 6ten April vor Sonnenaufgang, weckte alle Erinnerungen an das

gestern Gesehene zugleich mit dem Sehnen auf, noch weiter in diesem

herrlichsten der Länder über Berg und Thal zu ziehen. Man überblickt

daselbst die Berge und einen Theil der Thäler bis an den Höhenzug von

Hebron hin, die Hügel von Thekoa und der Frankenberg zeigen sich in

großer Deutlichkeit; nach Osten sieht man den Spiegel des todten Meeres

und die Gegend der Jordansmündung, jenseits des Gewässers aber einen

Theil des Gebirges Pisga; fast unmittelbar an dem Fuß des Berges,

darauf das Kloster stehet, zieht sich das Thal Rephaim hin.

Wir wohnten dem Gottesdienst in der Kapelle der heiligen Grotte bei;

die Lateinischen Christen haben hierzu nur noch den Raum bei der Krippe

und um die Stätte der Anbetung der Könige. Wir bemerkten auch hier wie

bei mehreren andern Gelegenheiten, daß namentlich der Gottesdienst

der Spanier sich durch eine ganz besondre äußre Würde auszeichne. Mit

dankbarer Liebe nahmen wir dann Abschied von dem freundlichen Prior

und von Bethlehem, dessen Eindruck ein so tiefer war, daß uns seitdem

öfter, sowie David nach dem Wasser am Thore von Bethlehem, ein Sehnen

angewandelt hat, auch nur nach seinem Anblick.

Wir Fußgänger, zu denen auch die Hausfrau gehörte, giengen voran, ohne

den Führer, der auf die reitenden Gefährten und mit diesen zugleich auf

die Thiere wartete, die nicht gleich bei der Hand waren. Der Morgen

war von erquickender Frische, wir stiegen rasch den Berg von der Stadt

hinab und auf der andern Seite wieder hinan. Hier aber verirrten

wir uns so bald zwischen den Mauern der Wein- und Olivengärten, bei

welchen sich Wege, einer so undeutlich als der andre und nach den

verschiedensten Richtungen durchkreuzen, daß wir wieder ein Stück

Weges umkehren und auf die Gefährten, mit dem Führer und den beiden

Eseltreibern warten mußten. Unser Weg war diesmal nicht jener höher

gelegene, durch seine Aussicht interessantere, der an der Wasserleitung

hinführt und welchen einige von uns auf der Herreise von Hebron gemacht

hatten, sondern wir lenkten uns hinab in das fruchtbare Thal selber,

in welchem einst Salomons blumenreiche Gärten lagen. Die Bäume waren

nun meist verblüht, nur an den Aepfeln zeigten sich noch die Spätlinge

der Blüthen. Man sieht bei diesen Gärten, die sich neben einem Dörflein

weit im Thalgrunde hinanziehen, die Substruktionen und dicken Mauern

vieler alter Gebäude, unter ihnen noch mehrere wohl erhaltne Gewölbe.

Ein wasserreicher Quell, der alsbald zum Bächlein wird, dringt am Fuße

des westlichen Bergabhanges hervor und wird zum Bewässern des Thales

benutzt. Die Knaben der Hirten tränkten dort am Bache, im Schatten

der Maulbeer- und Wallnußbäume ihre Heerden; Frauen wuschen am Quell.

Während unser Freund Bernatz einen kleinen Theil des Gartenthales

zeichnete, saßen wir beide, die Hausfrau und ich auf dem mit Rasen

bewachsenen Dache eines alten, fest gemauerten Gewölbes. Wir blickten

hinüber über das grünende Thal und gedachten jenes Salomonischen Liedes

das die Schmerzen wie die Wonne einer höheren Liebe besingt als die

vergängliche des Fleisches ist. Ja auch uns Pilgrime hat ein dämmernder

Strahl jener Liebe hinausgezogen »auf den Fußpfad der Lämmer;« wir

sind hinabgegangen in den Nußgarten, zu schauen das Grün am Bache, zu

schauen ob der Weinstock blühete, ob die Granatäpfel Blumen hätten.«

Wo sind aber hier die Myrrhenberge und wo der Weihrauchhügel; wo sind

die Würzbeete bei denen der Freund weidete und Rosen brach? Will hier

der Schatten nimmer weichen und der Morgen mit seinem frischen Hauch

erwachen, ist die Stimme des Friedens, sind die Reigen von Mahanaim auf

immer aus diesem Land entschwunden? »Ja, kehre wieder, kehre wieder

o Sulamith[22], kehre wieder, kehre wieder, daß wir dich schauen --

Reigen zu Mahanaim.«

Die Hirtinnen des Thales hatten für uns und unsre Führer Milch

gebracht; wir ruheten noch einige Augenblicke am Quell und stiegen

dann hinan am Abhange des Berges auf den Weg der nach Salomo's Teichen

und verschlossenen Brunnen führt. Der gewöhnliche Weg von Hebron

nach Jerusalem geht bei ihnen vorbei, auch ich und meine beiden

Reisegefährten, auf dem Wege von Hebron nach Bethlehem hatten im

Vorübergehen einen Blick in das Thal der Teiche geworfen. Heute sahen

wir diese sonderbaren Bauwerke genauer, deren Anlage und Gestaltung

allerdings des Salomonischen Zeitalters würdig erscheint. Es sind ihrer

drei, die im Engthal hinaufwärts, einer immer ein wenig höher als der

andre liegen. Ihre Wände wie der Boden sind massives Mauerwerk; das

Innre setzt terrassenweise ab; man kann auf Stufen zu den tieferen

Absätzen hinuntersteigen. Herr Mühlenhof maß die Länge und Breite der

einzelnen Teiche nach Schritten, die er vielleicht zu klein nahm, denn

er fand die Länge des untersten, größesten 229, die des zweiten 177,

die des dritten 149 Schritte, während Fisk dieselben Dimensionen nur

205, 153 und 134 Schritte maß; Richardson giebt die Länge des untersten

zu 660, die des mittlern zu 600, des obersten zu 430, die Breite bei

allen im Mittel zu 270 englischen Fußen an[23]. Außer jenem Gewässer

das in der Zeit der Regen ihn überfüllen mag, giebt zu allen Zeiten

des Jahres der Quellbrunnen der oberhalb des dritten Teiches liegt

zuerst diesem sein Wasser, aus ihm empfängt es der zweite, dann von

diesem der unterste. Der Quell, mit seinem klaren, reichlich strömenden

Wasser ist aufs Sorgfältigste gefaßt und ummauert; man steigt zu ihm

auf Stufen hinab; von oben konnte und kann noch jetzt der Zugang zum

Brunnen bedeckt und verschlossen werden, so daß diesen allerdings,

mitten in der geheimnißvollen Abgelegenheit seines blumenreichen Thales

und seiner künstlichen Kammer die Sage des Landes, in deren Munde das

Lied der Lieder noch forttönet, mit jener verschlossenen Quelle, jenem

versiegelten Brunnen vergleichen konnte, in dessen Wasser das Leben der

Liebe die von oben kam, im Verborgenen seinen Anfang nimmt und seine

erste Nahrung empfängt[24]. Wie werthvoll und wichtig diesem Lande das

Wasser, namentlich das Wasser dieses Quelles sey, der zum Theil durch

seine schon früher erwähnte Wasserleitung Jerusalem versorgt, bezeugt

die kleine Veste, die zum Schutz des Brunnens ganz in seiner Nähe

angelegt ist. So wie sie jetzt dasteht, erscheint sie übrigens als ein

Bauwerk der späteren, Sarazenischen oder selbst Türkischen Abkunft.

Wir wendeten uns jetzt zur Rechten (nordwestlich), über die Anhöhe

hinan, zogen dann am Rande eines Thales hin, dessen Grund reichlich

grünte, und kamen weiterhin an einem griechischen, dem heiligen Georg

gewidmeten Kloster und seinem Dorfe vorüber. Hier fanden wir viele

Weingärten, an deren Reben sich die jugendlichen Blätter zeigten;

neben ihnen, in andern Gärten, blühete der Storaxbaum (+Styrax

officinale+), hier im Freien für uns ein neuer Anblick. Sein

Rauchwerk, Meyah genannt, wird von den Bewohnern des Landes, vor allen

von den Mohamedanern sehr hoch gehalten. Dann jenseits dem Rücken

des Kalkgebirges queer durch ein andres Thal und von diesem über

einen noch höheren Berg zogen wir hinunter nach dem am steilen Abhang

gelegenen Dorfe Baitschallah, dem Bezek der heiligen Schrift das schon

seit längerer Zeit nur von Christen bewohnt ist. Eine Sage des Volkes

behauptet, daß hier kein Mohamedaner länger denn ein oder zwei Jahre

leben könne[25], weshalb die Türken diesen Wohnplatz meiden. Hier in

der Nähe, vom Abhange des Hügels bis zur Stätte von Rahels Grabe und

der Höhe bei dem Kloster des Elias, fand einst der anbrechende Morgen

das Blachfeld mit den Leichnamen von 185000 Streitern bedeckt, die

gestern noch in übermüthiger Sicherheit sich zur Nachtruhe niedergelegt

hatten. Sie hatte nicht das Schwert oder der Bogen gefällt; das

geängstete Häuflein, das in der Stadt bei Hiskia war, hatte ihnen kein

Leides gethan, sondern die Macht Gottes war über sie gekommen; der

Engel des Herrn hatte sie geschlagen. »Also brach Sanherib, der König

von Assyrien (der gegen den Gott Israëls getobet hatte) auf, und zog

weg, und kehrte um, und blieb zu Ninive[26].«

Baitschallah liegt unter Gärten und Bäumen und hat zu seinen Füßen

einen wasserreichen gemauerten Brunnen, zu dem ein sehr steiler,

abschüssiger Weg über die glatten Felsen hinabführt. Wir sahen hier

mit bedauernder Theilnahme (was man übrigens in diesem Lande fast

allgemein findet) wie die Frauen und Mägdlein die schweren Schläuche

mit Wasser vom Quelle gefüllt hinanschleppten auf dem steilen Wege zum

Dorfe. Mägdlein, vielleicht von kaum acht Jahren, wurden von ihren

Müttern schon zu dem künftigen, schweren Tagwerk abgerichtet, sie

schleppten, ihren Kräften angemessen, kleinere Schläuche und Gefäße.

Uns war freilich dieser Anblick nichts ganz neues, denn auch in unsren

Kalkgebirgen, deren Höhen gewöhnlich ohne Quellen sind, während diese

im Thal desto reichlicher strömen, namentlich in den Gebirgen um

Muggendorf und Bamberg sieht man die Frauen von frühester Jugend an

dasselbe Geschäft treiben. Um nur einige der vielbesuchteren Orte

zu nennen, so tragen die Bewohnerinnen von Engelhardsberge bei der

Riesenburg das Wasser zu dem täglichen Bedarf des Haußes einen eben

so steilen Berg hinan als die zu Baitschallah, der Berg aber den die

Frauen und Mägdlein von Gößweinstein mit ihren schweren Wasserbutten

und Schäfflein, die viel unbequemer sind als die ledernen Schläuche, zu

besteigen haben, wenn sie, besonders in der (heißen) Jahreszeit wo der

ganze Ort voller Wallfahrter ist, täglich mehrere Male im Thale Wasser

holen müssen, ist noch viel höher. Und dennoch sieht man den Leuten

dort keine Noth an, sie sind kräftiger und schöner als großentheils die

Bewohnerinnen der Städte, denen das Wasser im Hof und selbst in der

Küche zuströmt; sie sind frohe, gesunde Mütter zahlreicher, gesunder

Kinder. Auch die Bewohnerinnen von Baitschalla erschienen uns ganz

besonders schön und kräftig, sie erinnerten uns durch ihre Munterkeit

und fröhliches Bezeugen an die Wahrheit jenes alten, Lateinischen

Versleins, das zu Nürnberg, im großen Rathhaussaale, in einem

gemauerten Fensterbogen unter dem Bilde einer großen, mit bleiernen

Gewichten beschwerten Schlaguhr steht: »+ubi onus ibi sonus+«

(Schwerer Drang, weckt lauten Klang). Ja, und dieser Klang wird zum

Lobgesang, wenn der Schmerz und die Mühe des irdischen Lebens ihr Werk

an der Menschenseele vollbracht und in dieser ein lebendiges Aufathmen

und Sehnen nach der Sabbathsruhe der Ewigkeit geweckt haben. Denn

dann bedarf es nicht mehr eines Zuges der Last, der nach unten gehet,

sondern der fröhliche, selige Zug der Liebe, der nach oben gehet, ist

es allein der das Lied des Preisens wecket, welches nie verstummet.

Unten am Brunnen, im Schatten der hohen, alten Bäume ruheten die

Gefährten, ich aber gieng indeß allein voraus nach dem Engthale das

sich gegen St. Philipp hinziehet. Der Anfang des Weges am steinigen

Bette des Gießbaches, dann zwischen den Mauern der üppig grünenden

Weingärten hin, war sehr beschwerlich; er lag voller Steine die

von den Mauern, welche selber nichts anders sind als Steinhaufen,

heruntergestürzt waren und an deren Hinwegräumen hier zu Lande

niemand denkt. Doch bald trat ich auf den freien Wiesengrund des

schönen Thales hinaus, wo mich, mit dem frischen Windhauche zugleich,

der die heißen Stunden des Tages (es war zwischen 11 und 12 Uhr)

kühlte, zugleich ein wonnigliches Gefühl des Daheimseyns anwandelte.

Ich habe schon bei andrer Gelegenheit von der großen Aehnlichkeit

der Gegenden des gelobten Landes mit manchen unsrer vaterländischen

Gegenden gesprochen[27] und wiederhole es hier nochmals daß, wer die

Engthäler, welche den Lauf der Wiesend durch das Jurakalkgebirge

begleiten, namentlich die Nachbarschaft von Muggendorf gesehen hat,

sich eine gute, treue Vorstellung machen könne von den Felsenthälern

und von der zackigen, höhlenreichen Form des Gebirges Juda, in

Südwesten von Jerusalem. Ich glaubte mich hier in ein Felsenthal etwa

bei Rabenstein versetzt, und hätten mich nicht die langen Stacheln der

Stachelschweine, deren ich viele an meinem Wege fand, hätten mich nicht

die Tulpen und buntfarbigen Anemonen mit manchen andern fremden Blumen

und Sträuchern daran erinnert, daß ich in Palästina sey, hätte mich

nicht die türkische Kleidung des Mannes, der mir mit einem belasteten

Esel begegnete aus meinem Traume geweckt, ich würde diesen deutsch

begrüßt und angeredet haben.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 3 / 41 段