Weil ich einmal hier von den jetzigen Bewohnern der lieben Geburtsstadt

rede, darf ich auch einen Hauptzug aus ihrem Leben nicht unerwähnt

lassen: das ist die tägliche Beschäftigung, die Arbeit der Hände

von welcher sie sich nähren. Allerdings besitzt die Umgegend von

Bethlehem auch noch ihre Felder und einzelnen Baumpflanzungen, in

denen namentlich der Oelbaum gut gedeiht; am Abhange der Hügel zeigen

sich Weingärten, deren Trauben von köstlicher Art sind; im fruchtbaren

Thale Rephaim, wie in andern benachbarten Thälern findet sich

Wiesengrund, der die Viehzucht begünstigt. Dennoch hat die Unsicherheit

des Besitzes, der das unglückselige Land so viele Jahrhunderte lang

unterlag, alle Freudigkeit zum sorgfältigeren Anbau verscheucht; die

Kraft der Bewohner wendete sich allmälig fast ganz auf einen andren

Zweig des Unterhaltes, dessen Früchte zwar auch durch die Last der auf

ihnen ruhenden Abgaben sehr geschmälert sind, die aber dennoch der

Raubsucht der Araber und Türken weniger bloßgestellt, so viel austragen

als zur täglichen Nahrung und Nothdurft der genügsamen Bethlehemiten

nöthig ist. Wie sich in unsren christlichen Ländern die Annäherung des

Weihnachtsfestes durch die Fülle der buntfarbigen, mannichfaltigen

Spielsachen und andrer Waaren ankündigt, die man zu Festgaben für

Kleine und Große benutzt, so ist hier in Bethlehem, wo das liebe,

seelige Weihnachtsfest das ganze Jahr hindurch und für alle Zeiten

seinen festen Sitz hat, ein beständiger, unaufhörlicher Christmarkt;

die ganze Thätigkeit der Bewohner ist darauf gerichtet Weihnachtsgaben,

zum Theil der zierlichsten, anmuthigsten Art zu bereiten und, wenn sie

nicht am Orte selbst verkauft werden, sie nach Jerusalem zu Markte

zu bringen. Man ist kaum ins Kloster eingetreten oder hat sich auf

dem Vorplatz vor seinem Thore sehen lassen, da kommt auch schon die

Schaar der großen und kleinen Künstler und bietet dem Fremden ihre

allerliebsten Sächelchen zum Kaufe an. Hier kann man sich dann mit

Erinnerungszeichen der verschiedensten Art versorgen; wechslend von

der Größe des orientalischen Eßtisches oder Sufrahs, der aus dem gegen

15 Zoll hohen, mit Perlmutter ausgelegtem, schemelartigen Untersatze

oder Kursih, und der runden Tischplatte oder Siniyeh besteht, bis zu

den kleinen, niedlichen Perlen der Sebchahs oder Rosenkränze. Unter

den Dosen, Kästlein, Schaalen und Platten sieht man viele, deren halb

erhabene Arbeiten wirkliches Talent und Kunstfertigkeit verrathen;

namentlich gilt dieß von jenen, die für das Lateinische Kloster in

Bethlehem und Jerusalem von Lateinischen Christen gefertigt werden,

während der Geschmack der Armenischen Pilgrime mehr auf Buntfarbigkeit

als auf Feinheit der Arbeiten achtet. Die Hauptgegenstände welche

auf diesen Sachen abgebildet sind, beziehen sich auf Bethlehems

große Geschichte, man sieht da die Geburt des Herrn, den Besuch der

himmlischen Heerschaaren bei dem Felde der Hirten, die Anbetung der

Könige, die Flucht nach Aegypten, die Scene der Verkündigung, der

Opferung im Tempel, oder auch Züge aus der Advents- und Leidenszeit, so

wie die Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn dargestellt, andre Male

nur einzelne Portraits, des Pflegevaters Joseph, des h. Hieronymus u.

f. abgebildet. Neben und außer diesen künstlicheren Arbeiten giebt es

der Kreuze, der Medaillons, der Rosenkränze so viele, daß jeder nach

seinem Geschmack und Vermögen sich auswählen kann. Das Hauptmaterial

das die Arbeiter für diesen merkwürdigsten Weihnachts- und Christmarkt

der Erde zu ihren Kunstsachen benützen, sind die Schaalen der

Orientalischen Perlenmuschel oder die Perlenmutter; außer diesem,

zum Auslegen der Vertiefungen, so daß schwarze und weiße Streifen

abwechslen, oder auch zu eignen kleinen Werken die schwarze Coralle,

die sie von mehreren Arten der Horncorallen, selbst von der theuren,

ächten Antipathes Gorgonie entnehmen; für wohlfeilere Sachen benutzt

man statt der Perlmutter Fraueneis, statt der schwarzen Coralle Asphalt

aus dem todten Meere oder auch schwarz gebaiztes Feigenbaumholz. Die

buntfarbigen Kugeln der Rosenkränze sind meist aus den Früchten der

Dumpalme oder auch aus den Kernen der kleinen, braunen Dattel gemacht;

nur selten sieht man solche die aus thierischer Zahnsubstanz (Elfenbein

oder Manatizähnen) gefertigt sind; zu den Kruzifixen bedient man sich

öfters auch eines gepreßten, thierischen Leders, von großer Zähigkeit

und Dicke, dessen Abkunft jedoch nicht mehr zu erkennen war und

(angeblich) selbst des Rhinozeroshornes. Auch die harten Saamen einiger

mir in ihrer künstlichen Form und Färbung unbekannten Hülsengewächse

Arabiens, und außer dem Oelbaumholze verschiedne sehr feste Holzarten

werden verarbeitet[8]. Die meisten der genannten Kunstsachen bekommen

für die christlichen Pilgrime noch dadurch einen erhöhten Werth, daß

sie mit den heiligen Stätten von Jerusalem und Bethlehem auf einige

Zeit in Berührung gebracht und hierdurch geweiht werden. Darum kaufen

die meisten Wallfahrer und mittelbar selbst manche Mohamedaner ihre

Vorräthe aus jener Niederlage die sich in dem Lateinischen Kloster zu

Jerusalem findet, und dieß fast eben so wohlfeil als aus der Hand der

Arbeiter selber, denn die Väter der Klöster thun Alles was in ihren

Kräften steht um den armen, zu ihren Gemeinden gehörigen Arbeitern den

Lebensunterhalt zu erleichtern. Auch von der Bereitung und dem Verkauf

der Wachskerzen zum Gebrauch bei den Prozessionen gilt dasselbe. So

kann man im Ganzen sagen, daß der äußere Zustand der arbeitenden Klasse

in dieser ganzen Gegend (denn auch in Jerusalem nähren sich viele

christliche Familien von solchen Geschäften) ein sehr erträglicher sey

und daß sich das hiesige Volk bei allen Abgaben die auf ihm lasten,

ungleich besser befinde als das in Aegypten, ja, daß namentlich die

christlichen und israëlitischen Einwohner in Palästina unter der

jetzigen Herrschaft eines Schutzes und einer Sicherheit sich erfreuen

dergleichen sie seit Jahrhunderten nicht genossen.

Unter den Bewohnern von Bethlehem wurde es uns auch diesmal, und

zwar noch vielmehr als bei unserm ersten Besuche, ganz besonders

heimathlich zu Muthe. Am meisten zwar unter dem freundlichen, bequemen

Obdache des Klosters, übrigens aber auch unter dem Volke, das man

mit ganz eignem Gefühl betrachtete, weil man sich hier unter lauter

Christen sah. Bei unsern Wanderungen durch das Städtlein und in seiner

Nähe begegneten uns öfters wahrhaft schöne Menschengestalten, mit edlen

Gesichtszügen, von denen die Wohlhabenderen selbst durch ihre Kleidung,

wahrscheinlich noch von derselben Form und Färbung als an jenen, welche

die Bewohner des Landes in der bedeutungsvollsten, schönsten Zeit des

Jüdischen Reiches trugen, doppelt interessant wurden. Man rühmt die

keusche Zurückgezogenheit und strenge Sittlichkeit namentlich der

Frauen und Jungfrauen von Bethlehem.

Die Väter des Lateinischen Klosters empfiengen uns wie alte, liebe

Bekannte und räumten uns und den Mitpilgerinnen, denn auch unsre

Freundin mit H. v. Krohn war indeß angekommen, das schönste Zimmer mit

der herrlichen Aussicht in das Thal Rephaim ein, bei dessen Einrichtung

für die Bequemlichkeiten des Tages wie der Ruhe der Nacht der gute,

freundliche Prior, ein geborner Spanier, selber mit Hand anlegte. Uns

Männern war zugleich auch der Zutritt ins Innre des Klosters gestattet,

so wie in das Gärtlein, in welchem sich, auf den dichtbelaubten Zweigen

der Bäume das abentheuerliche Chamäleon sonnte.

Unser erster Gang, nach der Begrüßung der guten Väter und der kurzen

vorläufigen Einrichtung in der neuen Pilgerheimath war auch diesmal

der nach der heiligen Grotte, denn außer mir und Herrn Franz hatte

niemand aus der heutigen Reisegesellschaft sie gesehen. Ehe ich aber

den Leser mit uns nehme zu der Betrachtung des uralten, ehrwürdigen

Christentempels und seines unterirdischen Heiligthumes, muß ich

einige Worte sagen über den natürlichen Grund jenes Gefühles, das den

christlichen Wandrer so mächtig ergreift, wenn er unten in der Grotte

die einfache Inschrift liest: +Hic de virgine Maria Jesus Christus

natus est.+ Ja, hier in diesem verborgenen Räumlein ist wahrhaftig

Jesus Christus der Herr von der Jungfrau Maria geboren.

Jene Frage, welche vielleicht der Bewohner unsrer Länder hierbei zuerst

thun möchte: wie kam die Krippe die auf einen gewöhnlichen Aufenthalt

der Thiere, nicht der Menschen schließen lässet, in eine Felsenhöhle

und nicht vielmehr in das Gebäude eines, bei uns gewöhnlichen Stalles?

wird jeder aufmerksame Reisende, der das diesseits dem Jordan gelegene

Palästina besuchte, leicht beantworten können. In diesem Lande der

vielen und großen Höhlen, dieß sahen wir namentlich in dem alten

Galiläa, sind nicht bloß die Wohnungen der Menschen, die an die Felsen

sich anlehnen, und welche ja selber in ihrem fensterlosen Zustand[9]

einer Höhle gleichen, öfters mit einer nachbarlichen Grotte verbunden,

in deren natürliches, durch die Hand des Menschen nur erweitertes

Gewölbe ein Theil der Zimmer sich fortsetzet; sondern noch öfter sind

die Höhlen zu Viehställen benutzt. Die Grotte zu Bethlehem mit ihren

großen Seitenkammern, bot zu dieser Art der Benutzung ganz besondre

Bequemlichkeiten dar, da der eigentliche, natürliche Eingang, wie man

dieß jetzt noch sehen kann, ebenen Fußes von der Fläche des Hügels

her in ihre hohen, weiten Räume führte. Darum konnte schon Justinus

der Märtyrer im zweiten Jahrhundert sich, für jeden Landeskundigen

verständlich in seinem Gespräch mit Tryphon darauf beziehen, daß

Christus in einer Höhle geboren sey.

Wir haben aber ein noch ein älteres Zeugniß für die hohe historische

Bedeutung, welche die Grotte zu Bethlehem für die ersten Christen

hatte. Dieses Zeugniß mußte abermals jener wegen vieler seiner Thaten

und Eigenschaften ruhmwürdige Kaiser geben, welcher zwar niemals zu

den eigentlichen blutigen Verfolgern der Christen, wohl aber, wegen

seiner Vorliebe für den alten, weltlichen Glanz des Heidenthumes, zu

den Feinden ihres Glaubens gehörte. Als Hadrian, bald nach dem Antritt

seiner Regierung, noch ehe er durch die Apologieen des Quadratus und

Aristides mit dem Christenthum etwas näher bekannt geworden, nach

Palästina kam, fand er nicht bloß auf dem Berge Zion eine kleine Kirche

und Wohnungen der Christen, sondern bei diesen selber eine kindliche

Verehrung der heiligen Stätten, die ihn bewog, dem »abergläubigen

Volke« andre Zeichen abgöttischer Verehrung dahin zu stellen, die dem

ihm verächtlichen Kinderglauben offenbar widersprachen. So wie jener

Kaiser über Golgatha und der Stätte des heiligen Grabes dem Jupiter

und der Venus Tempel erbauete, so entweihete er den Ort der Geburt,

indem er über ihm einen Hain des Adonis errichtete, dessen Geheimnisse,

mit Klagegesängen des Todes, in der heiligen Grotte selber gefeiert

wurden. So war das Lied der Freude, das vorhin der Christenglaube hier

sang, zu einem Liede des Jammers und der Gräber geworden; doch nur auf

kurze Zeit, da erwachte die Freudigkeit des Glaubens von neuem aus des

Grabes Nacht. Und gerade die Feindseligkeit jenes großen Kaisers mußte

abermals, wenn es eines solchen bedurft hätte, zu einem Fingerzeig

werden, der die Ehrfurcht der späteren Christen mit Sicherheit zu der

theuren Zufluchtsstätte der Felsen hinleitete, welche die Kaiserin

Helena wieder zu einem Tempel des Herrn weihete. So ist der hochgebaute

Horst, der die Geburtsstätte so manches weitfliegenden Adlers war, mit

dem hohen Baume zugleich, der ihn trug, vom Blitze getroffen und seine

Spur vertilgt worden, die Felsenkluft aber, da die stille reine Taube

die Freuden der Mutter genoß, blieb fest gegründet auf ihren Bergen.

Wenn auch die Kirche +Mariae de praesepio+, welche auf dem Felsen,

der das Dach der Höhle bildet, erbaut ist, in jener Form in der wir sie

jetzt erblicken, nicht aus den Zeiten der Kaiserin Helena herstammt,

sondern erst ein Werk der frommen Fürstinnen Placidia und Eudocia, der

Gemahlin und Schwester Theodosius +II.+ des Kaisers seyn sollte,

erscheint sie dennoch in ihrem vierzehnhundert jährigen Bestehen als

eines der ältesten, wo nicht das älteste christliche Tempelgebäude des

Orients. Denn die Kreuzfahrer, welche die Kirchen des heiligen Grabes

und Golgathas in den jetzigen, gemeinsamen Ueberbau vereinten, haben

an dem Bauplane jenes alten Tempels nichts Wesentliches verändert und

auch die allverheerende Wuth der Charismier im Jahre 1244 traf mehr

die Stadt und die innren Kostbarkeiten der Kirche als das Gebäude

derselben. Die Form von dieser ist die alte griechische des Kreuzes,

in dessen oberen Ende durch eine Scheidewand abgesondert der Chor und

der Altar der drei Weisen sich finden. Acht und vierzig Marmorsäulen,

in vier Reihen (je zu zwölf) angeordnet tragen das Schiff der Kirche,

welches die Griechen und Armenier inne haben. Die heilige Grotte liegt

etwa zwölf Fuß tief unter der Ebene des Fußbodens der Kirche; ihr

Felsendach ist von obenher von zwei Oeffnungen durchbrochen, welche

zur Rechten und Linken des Altares auf 15 Stufen zu ihr hinabführen.

Zwar die Wände des Felsens aus welchem Er, der Aufgang aus der Höhe

hervorgieng wie ein Held aus seiner Kammer, sind großentheils mit

Platten von Marmor und anderen geschliffenen Steinen bedeckt, von

deren glatter Oberfläche das Licht der 32 Lampen einen eigenthümlichen

Schein, gleich jenem des Vollmondes in einer Frühlingsnacht

zurückwirft, aber an einer und der andern Stelle, namentlich, wenn ich

mich recht erinnere, hinter dem Bilde des Jakob Palma bei der Krippe,

das die Anbetung der Hirten vorstellt, ist das Gestein unverhüllt

zu sehen. Die Hauptkammer der Grotte, welche die Stätte der Geburt,

um dessen silbernen Stern die erwähnte Umschrift stehet, jene der

Krippe und die der Anbetung der Könige in sich fasset, ist gegen 15

Schritte lang und etwa 5 breit, ihre Höhe beträgt zwei Manneslängen.

Es freute mich sehr auch hier, namentlich an den Lampen der Krippe die

Erinnerungszeichen an unser frommes, Oesterreichisches Kaiserhaus zu

erblicken.

Wie eine Heerde von Lämmern, welche wiederkäuend auf grüner Weide neben

einander ruhen, sind neben der Hauptkammer der Höhle die Nebenkammern

mit ihren schönen Erinnerungszeichen gelagert. Wer sollte sich in der

einen derselben, welche der Kirchenvater Hieronymus in seinen letzten

Lebenstagen bewohnte, und in welcher er das alte Testament übersetzte,

nicht gern des lieblichen kindlichen Gespräches erinnern, das der Greis

hier im Geiste mit dem Kinde Jesus hielt; nahe hierbei, eine andre

Kammer des Felsens, wählte sich der heilige Eusebius von Cremona zu

seinem Grabe; ein drittes Kämmerlein nahm die Gebeine des fröhlich

entschlafenen, heiligen Hieronymus auf und in ihrer Nähe sind auch die

beiden Blumen aus Saron, die heilige Paula und ihre Tochter Eustochium,

die mir schon als Jüngling durch Herders Legenden inniglich befreundet

waren, zum neuen Aufblühen, am Tage der großen Wiederbringung

beigesetzt worden. Ein altes Bild stellt diese letzten, des Stammes

würdigen Blüthen, aus dem Geschlechte der Scipionen und Gracchen im

Sarge liegend dar. Es war still in all diesen heiligen Kammern; nur

ein armer Griechischer Pilgrim knieete betend vor der Stätte der

Geburt; wie ein erfrischender Thau, den die scheidende Nacht, vor der

Morgenröthe hergehend, über Gras und Kräuter ergeußt, ergriffen uns da

die Vorgefühle eines Friedens der seligen Ewigkeit; das Heimweh

schwieg.

Aus der heiligen Grotte führte uns der gute Prior über einige Stufen

hinan zu der Höhlenkammer und Kapelle der unschuldigen Kindlein,

deren zarten Hüllen die fromme Sage hier ihre Ruhestätte anweiset.

Selige Kinder, deren von der Welt ungekannte Namen so frühe ins Buch

des Lebens zu denen jener Erstlinge geschrieben wurden, welche um des

großen Namens willen die segensreichen Geburtsschmerzen des leiblichen

Todes erduldeten! Ueber der Kapelle der »unschuldigen Kindlein« ist,

angränzend an die Hauptkirche, die kleine Kirche der h. Katharina

erbaut, in welcher die Andacht der Lateinischen Christen, seitdem die

Griechen und Armenier die Hauptkirche einnahmen, ihre Zufluchtsstätte

fand.

Es war fast Mittag geworden, als wir aus der Tiefe, in welcher das

Andenken des Höchsten das die Erde kennt so lebenskräftig wurzelt,

heraustraten auf die freie, sonnige Höhe des Hügels, von dessen Ebene

der ursprüngliche, später vor den Einfällen der Feinde verschließbar

gemachte Eingang zur Stallgrotte war. In südöstlicher Richtung wird

noch eine andre Grotte gezeigt, als Bergungsort der erwählten Mutter,

vor der Flucht nach Aegypten. Ein kleiner Altar steht in derselben; der

weiche, zarte Ansatz des Kalksteines, in den Klüften der Höhle, den

die Mineralogie Bergmilch benennet, so wie der bröckliche Kalksinter

der Felsenwände wird von den Pilgrimen gesammelt und mitgenommen ins

Vaterland; der Glaube legt ihm eine heilsame, die Milch der stillenden

Mütter vermehrende und gesund machende Eigenschaft bei. Wir giengen

weiter hinabwärts zwischen den Oelbaumpflanzungen nach dem grünenden

Thale der Hirten, an welchem mich und einen meiner Begleiter erst

am darauf folgenden Abend der Weg vorüberführte. Es ist eine Fläche

der Oel- und Feigenbäume, von Felsen umschlossen; die eigentliche

Stätte des alten Kirchleins wird durch eine kunstlose, aus Steinhaufen

gebildete Mauer abgegränzt. Für jetzt war es Zeit, nach dem Kloster

zurückzukehren um die Hausordnung der guten Väter nicht zu stören.

Bald nach dem Mittagessen machte ich mich, in Begleitung meines lieben

Reisegefährten, des Herrn Franz, auf um die Ruinen von Thekoa und die

nachbarliche Höhle Odolla zu besuchen; unser Führer war der Metzger

des Klosters, ein kräftiger Mann, der außer seinem volksthümlichen

Arabischen einige Worte Italienisch sprach. Am Brunnen Davids, der

in dieser Jahreszeit noch ziemlich reich an Wasser war, füllten

Bethlehemitinnen ihre Krüge und wuschen ihre Wäsche. Unser Weg wendete

sich aber bald an dem Abhange des Hügels hinab nach einem grasreichen

Thale, das der Führer Wadi Chretoun nannte, und welches von Bethlehem

aus nach Südsüdost verläuft. Fünf Viertelstunden lang giengen wir durch

diesen schönen, stillen Grund hin, in welchem wir niemand sahen als

einige Hirten, die in den benachbarten Bergschluchten ihre Heerden

weideten. Die Stimme dieser Hirten war aber verstummt, man hörte von

ihnen weder Gesang noch das Spiel der Flöten oder der Saiten; nichts

von jenem lieblichen Lobgetöne, welches einst in diesem Thale wohnte,

als hier David der Hirt sein Lied vom guten Hirten[10] sang. Wie die

Wolke, die dort über das Gebirge fliegt, so ist die Frühlingszeit jener

heiligen Dichtkunst, die durch David und Salomon ihre Segnungen auch

über diese Auen ergoß, sammt allen sichtbaren Herrlichkeiten ihres

Königthumes vorübergezogen; wohl uns daß die Schaaren der Loblieder

sich in die feste Burg des geschriebenen Wortes gerettet haben und daß

aus dem sichtbaren Königthum ein unsichtbares geboren wurde, dessen

Herrlichkeit höher als die Wolken, unvergänglicher als das Gebirge ist.

Aus dem Wadi Chretoun giengen wir am Bett eines Winterstromes hin,

durch ein andres Engthal das unser Führer Sebir nannte. Der Weg

durch dieses Thal dauerte bei mäßigem Schritte, drei Viertelstunden;

es endete am Abhange eines Berges der uns mit dem, für den ganzen

Höhenzug gemeinsamen Namen als Djebbel Chalil oder Gebirge Hebrons

benannt wurde. Zwanzig Minuten lang stiegen wir hier, ziemlich steil

anwärts; zwischen den vereinzelten Felsenstücken und Trümmern breitet

sich der zur Schafweide günstige, grünende Boden aus; die Höhe des

Berges ist noch heute, in der Mitte ihrer Ruinen, ein Lustort des

Landes. Mit jedem Schritte kamen wir jetzt an immer mehrere und

bedeutungsvollere Trümmer der vormals ansehnlichen Stadt. Ich hatte

mich von meinen beiden Gefährten, ohne dieß selber zu bemerken getrennt

und war zwischen dem gestürzten Gemäuer und zerrissenen Bögen nach

Osten hingegangen, um eine freiere Aussicht über das Ganze zu suchen.

Da sahe ich mich auf einmal von Beduinen begleitet, deren Zahl, so

wie ich weiter gieng noch immer zunahm. Auf ihren schwarzbraunen

Gesichtern sprach sich Verwunderung und vielleicht noch ein anderer

Affekt aus, da sie einen Franken hier ganz allein wandeln sahen; mich

Fremdling wandelte unter ihnen ein Gefühl der Unheimlichkeit an,

ich eilte über Stock und Stein zurück nach der Gegend wo ich meine

Gefährten zu finden hoffte, nicht ohne Besorgniß bei dem beschwerlichen

Gange durch die Ruinen in eines jener unterirdischen Behältnisse zu

fallen, die entweder Keller und Zisternen, oder auch nur vormalige

Zimmer des Erdgeschosses gewesen waren, welche durch die Erhöhung des

Bodens unter die Ebene desselben hinab geriethen. Da wo ich meine

Gefährten verlassen hatte, fand ich sie nicht mehr; ein Beduine, der

mir entgegenkam, schien meine Mienen der Verlegenheit zu verstehen,

er rief mir sein tröstliches »+tal henne+« (komm hieher) zu und

führte mich an den Ort wo ich unsern Metzger im Gespräch mit dem

Scheikh des Dorfes und bei ihnen Herrn Franz fand. Der Scheikh war ein

alter Bekannter unsers Führers und dieser versicherte uns nachher,

daß diese Beduinen von besserer Art als die meisten ihrer hiesigen

Glaubensgenossen, und Freunde des Klosters wie aller Christen wären.

Ihre neugierige Schaar, da sie an uns so gar wenig Besondres fand,

hatte sich wieder zerstreut, bis auf Wenige, die uns begleiteten; wir

hatten Zeit und Ruhe um das merkwürdige Bild der Stätte in unsre Seele

aufzufassen.

Ich hatte dieses Bild schon im Geiste gesehen, denn es ist mit großer

Treue, Zug vor Zug dargestellt in dem Buche des Propheten Jeremia (C.

6, V. 1-3): »Flüchtet ihr Kinder Benjamin aus Jerusalem und blaset die

Trommeten zu Thekoa und werfet auf ein Panier zu Beth-Cherem; denn es

gehet daher ein Unglück von Mitternacht und ein großer Jammer. Die

Tochter Zion ist wie eine schöne und lustige Aue. Es werden Hirten

über sie kommen mit ihren Heerden, die werden Gezelte rings um sie her

aufschlagen, und abweiden ein Jeglicher seinen Ort.« Ja, hier, wo wir

jetzt stehen, war die Warte von Tekoah, in deren Schutz und Schirm

einst ein Volk der Christen wohnte; dort gegen uns, auf dem sonderbar

gestalteten Frankenberg, lag Beth-Cherem; das Land, nach vielen Seiten

hin ist noch jetzt »eine schöne und lustige Aue« und hier neben uns

sind die Hirten mit ihren Heerden, welche überall bei den Bögen und

Mauern der gestürzten Stadt ihre schwarzen Hüttenzelte aufgeschlagen

und das vormalige Feld zum Weideland gemacht haben.

Eine Stelle unter den Ruinen zog meine Aufmerksamkeit ganz besonders

an; es war jene, auf welcher vormals die christliche Kirche von

Thekoa stund. Daß hier ein an Umfang und Größe nicht unansehnlicher

Christentempel gewesen, bezeugen nicht nur die Trümmer der Säulen und

Mauern, sondern es bezeugt dieß ein Taufstein, der noch vollkommen

wohlerhalten dastehet. An seinen vier breiteren Seitenflächen finden

sich die wohlbekannten Erinnerungszeichen an den Orden der Templer,

an welchen die Königin Melisende, Fulcos Gemahlin, Thekoa gegen

Bethanien vertauschte, denn an zwei einander gegenüberstehenden Seiten

findet sich ein Kreuz, an einer dritten das Quadrat, das den Rhombus

einschließt, an der vierten der Kreis der ein Quadrat umfasset. Mich

wandelte bei dem Anblick all dieser Spuren einer nahe befreundeten

Vergangenheit ein ähnliches Gefühl an, als jenes des Sohnes oder Enkels

seyn mag, der nach Jahren der Wandrung hineintrit in das Haus der

Eltern, das während der Zeit in die Hände fremder Gläubiger gerieth,

und der hier den Stuhl des Vaters besetzt, ja sein wohlbekanntes Gewand

getragen sieht von den neuen Bewohnern, deren Angesicht er niemals

vorher gesehen. Sieben Jahrhunderte sind es jetzt, da kam auch ein

Unglück von Mitternacht und ein großer Jammer über die Prophetenstadt

Thekoa, als (im Jahr 1138) ein Heer der streifenden Türken sie zerstört

und das wehrlose Volk erschlagen hatte. Als damals der edle Meister

der Templer, Radulph von Craon, zur Hülfe des geängsteten Landes

heranrückend die Feinde zwar verscheucht, bald aber durch die Schuld

seiner Streiter, die aus Beutegier sich zerstreut hatten, geschlagen

worden war, wie mußte da zu dem Schmerz, den der Tod des Freundes

Montfaucon ihm erweckte, noch ein andrer, größrer kommen, wenn er

die Trümmer der Stadt und zwischen ihnen die Leichname der erwürgten

Christen sahe.

Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837, Dritter und letzter Band · 第 2 / 41 段