Elisabeth verließ in all diesen Tagen kaum ihr Haus. Sie scheute

sich, Bekannte zu treffen, die mit Worten oder auch nur mit Blicken

indiskrete Fragen tun und immer aufs neue den Familienskandal aufrühren

konnten, der eben jetzt um die Priuli wob. Sie hatte sogar Ettore

erklärt, daß sie keinesfalls zu dem Ball im Königspalast gehen würde,

und war entschlossen gewesen, für etliche Wochen zu verreisen, nur um

dem Fest aus dem Wege zu gehen. Als dann der Ball nicht stattfand,

saß Ettore heiter an seines Königs Tafel, freute sich über das gute

Essen und Trinken, schrie nach jedem Trinkspruch dröhnend mit im Chor

»~Evviva!~«, obwohl ihm ganz gleichgültig war, worauf man gerade

anstieß, beantwortete Fragen und Anspielungen lächelnd oder mit einem

kleinen Witz und wäre restlos glücklich gewesen, wenn ihn nicht

unablässig Geldsorgen bedrückt hätten. Geldsorgen und mit ihnen die

Frage, wie er es möglich machen sollte, nicht nur für sich, sondern

auch für die Schwester ausgiebig zu sorgen, ohne bei seiner Frau

betteln und Abweisungen befürchten zu müssen.

Elisabeth, -- sein Blick wurde dunkel vor Zorn, da er ihrer gedachte.

Welch eine Verblendung hatte ihn befallen, daß er sich an diese

Frau band, die nichts von ihm verstand, ihn mit ihrer deutschen

Kleinbürgerlichkeit und Knauserei quälte! O, einmal, ein einziges

Mal nur eine große, eine märchenhaft große Geldsumme in Händen haben!

Wenn ihm das gelänge, dann würde er ihr schon zeigen, wie wenig sie

ihm mehr war, und wie er sich von ihr fort nach der Freiheit seiner

früheren Tage sehnte! Mit einer märchenhaften Summe Geldes konnte sich

das Schicksal der Priuli noch einmal wenden. Wenn Ettore in der Lage

wäre, mit vollen Händen nach allen Seiten Geld auszustreuen, würden sie

in Rom seine Ehe und auch die seiner Schwester als ungültig erklären,

und beide konnten dann wieder ihrem Herzen folgen. Eleonore mochte mit

der verschwenderischen Mitgift, die der Bruder spendete, ihren Leutnant

heiraten, Ettore durfte wieder unbemängelt seinen Neigungen leben, bei

der ~mamma~ sitzen, durch die Tage hinschlendern und schließlich, wer

weiß, doch noch einmal einen von den transatlantischen Goldfischen

angeln. Das alles und noch mehr Schönes war möglich, sobald es Ettore

gelingen würde, die märchenhaft große Summe herzuschaffen ...

In dieser Zeit fiel es ihm ein, daß die Priuli ja noch einen

ungehobenen Schatz besaßen, den sie münzen lassen konnten: die

›Dogaressa‹. Er besann sich nicht lange und ließ durch einen

Unterhändler die Regierung fragen, ob sie nicht geneigt wäre, das

berühmte Bild für ihre Staatssammlungen zu erwerben. Es bereitete

ihm Vergnügen, Elisabeth schon jetzt von diesem geplanten Verkauf zu

sprechen, weil er wußte, wie weh er ihr damit tat. Er war auf heftige

Vorwürfe und leidenschaftliche Vorstellungen gefaßt gewesen und hatte

sich schon gefreut, ihr immerfort zu entgegnen: »Es ist +mein+ Bild!

Ich kann mit ihm machen, was ich will, geradeso wie Du mit Deinem

Gelde!« Aber seltsamerweise war Elisabeth viel ruhiger geblieben, als

er gedacht. Sie wußte genau, daß Widerspruch von ihr Ettore in seinem

Vorhaben nur bestärken würde, und so weinte sie nur insgeheim, daß nun

auch sie zu den Familien gehörten, die köstliches Erbgut verkaufen

müssen, weil die Untüchtigkeit der Nachfahren es nicht zu erhalten

verstand ...

Zu Ettores Schmerz und Elisabeths Freude sollte aber die ›Dogaressa‹

doch noch im Besitz der Priuli bleiben. Die Regierung bot nämlich

nur etliche hunderttausend Lire, und Ettore, der schon mit Millionen

gerechnet hatte, lehnte das Angebot mit wütendem Lachen ab. Die

Regierung ging mit ihrem Angebot nicht in die Höhe, denn sie dachte,

daß der Graf Priuli über kurz oder lang doch gezwungen sein würde, ihr

das Gemälde zu überlassen, und so waren alle Ängste und alle Träume,

die um das Bild gewoben hatten, vergeblich gewesen. -- --

Elisabeth fuhr jetzt fast täglich gegen Abend in die Giardini Publici

hinüber, obwohl es nicht zum guten Ton gehörte, einen Volksgarten zu

besuchen. Sie fragte aber nichts nach dem Achselzucken ihres Mannes

oder ihrer Schwiegermutter, denn dieser weite Park sagte ihr mehr,

als die beiden verstehen konnten. Mit seinen prächtigen, alten

und seltenen Bäumen, seinen weiten Wiesenplänen, seinen schattigen

Laubgängen, seinen blühenden Blumenbosketts, in deren Düfte sich

der süße Sang der Vögel mischte, erschien er ihr so unvenezianisch,

so heimatlich vertraut, daß sie in seiner Einsamkeit ihr wirkliches

Leben fast vergessen und träumen konnte, daß sie daheim sei, weit fort

von der Lagune mit all ihren Geheimnissen. Denn einsam war man hier

immer, weil die Menschen, die aus der Stadt kamen, sich lieber in die

Gartencafés drängten, wo die Märsche der Musikkapellen schmetterten und

auch sonst allerlei Schaustellungen naive und heitere Besucher anlocken

mochten. Elisabeth aber ging dem Lärm und der Menge aus dem Weg, saß

auf einer Steinbank und schaute durchs Buchengrün oder über die Rispen

blühender Wiesen hinaus in eine Ferne, die sie nicht erreichen konnte.

Die wenigen Menschen, die vorübergingen, sahen kaum hin nach der jungen

Frau in dem weißen Sommerkleid mit dem großen Blumenhut, und weil sie

so außerhalb aller Aufmerksamkeit blieb, achtete auch sie nicht auf

die Vorübergehenden, merkte nicht, daß jetzt der Schatten eines Mannes

auf dem weißen Weg und über dem Wiesenrand lag, eines Mannes, der mit

langsamem Schlenderschritt daherkam und Elisabeth zweifelnd ansah,

weil er nicht recht wußte, ob sie's war oder nicht. Als er etwa zwei

Schritte von ihr entfernt war, hob sie den Kopf, und nun erkannten sie

sich.

»Du hier, Lisa, das ist seltsam!«

Sie gab sich Mühe zu lächeln:

»Warum seltsam, Carlo? Ich könnte ebensogut sagen, es ist seltsam, daß

Du hier bist!«

»Ja, das ist wohl wahr, aber -- erlaubst Du, daß ich mich ein wenig zu

Dir setze?«

»Gerne! Nur bin ich eine ziemlich öde Gesellschaft.«

»Warte erst ab, ob ich amüsanter bin!«

Er hatte obenhin und lachend gesprochen, wie man Scherzreden tauscht,

aber da er in ihr Gesicht sah, merkte er, daß sie verstimmt und trübe

aussah. Er setzte sich neben sie, nahm den Strohhut vom Kopf, legte

die Arme auf die Knie und ließ den Hut zwischen seinen Beinen hin und

her pendeln, während er nach einem Wort suchte, das ein Gespräch in

Gang bringen konnte, ohne die junge Frau zu ermüden oder zu quälen.

Auch sie hatte die Arme auf die Knie gelegt, hielt den Kopf gesenkt und

bohrte mit der Spitze ihres grünen Sonnenschirms eigensinnig Streifen

und Löcher in den weichen Sand, mit dem die Wege bestreut waren. So

saßen sie eine Weile ohne zu sprechen und fast komisch anzusehen in der

Gleichartigkeit ihrer Haltung, ihrer Bewegungen und ihres Schweigens.

Endlich fragte Carlo:

»Hat Ettore sich gestern beim Königsdiner gut unterhalten?«

Elisabeth entgegnete, ohne den Kopf zu heben:

»Ich glaube wohl, ich habe ihn heut nur flüchtig gesprochen!«

»Es tut Dir wohl leid, daß aus dem Ball nichts geworden ist?«

Und wie vorhin, mit gesenktem Kopf und ohne ihr Spiel mit dem

Sonnenschirm zu unterbrechen, antwortete sie:

»Ich wäre nicht zu dem Ball gegangen. Mir ist es jetzt am liebsten,

wenn ich keine Menschen sehe. In ein paar Wochen wird ja wohl Gras über

die Geschichte gewachsen sein, aber jetzt gerade --«

Carlo verstand nun erst, was sie meinte.

»Ja freilich, das mit Eleonore, das ist eine dumme Geschichte!«

»Ach, wenn sie nur dumm wäre!«

Eine Pause. Dann fragte Carlo wieder.

»Kommst Du oft hierher?«

»Fast jeden Tag. Allmählich sind mir die Giardini Publici das Liebste

von ganz Venedig geworden. Hier ist alles so grün und frisch, daß man

atmen kann, als wäre man irgendwo, irgendwo ... Hier kann man so gut

Venedig vergessen!«

Wieder versuchte Carlo ihre Worte scherzhaft zu wenden.

»Bist Du so unzufrieden mit unserer Stadt, daß Du sie vergessen willst?«

Sie erwiderte ernsthaft, ohne aufzublicken.

»Ich habe mir wohl einmal eingebildet, daß mein Glück hier auf mich

wartete, aber heute weiß ich, daß es mein Glück gewesen wäre, wenn ich

Venedig nie gesehen hätte --«

Er sah sie von der Seite her an. Der große Hut beschattete zwar

den oberen Teil ihres Gesichts, aber er merkte doch, daß ihr Mund

schmerzhaft gefaltet lag, wie von vielen Enttäuschungen, daß um

Schläfen und Wangen feine Linien liefen, wie verschwiegene Schmerzen

und verweinte Nächte sie ziehen. Enttäuscht und blond, wie sie dasaß,

war sie nicht mehr nur die Gräfin Elisabeth Priuli, glich vielmehr dem

Symbol steter Enttäuschungen, die von alters her alle erfuhren, die von

Norden her, in den Süden verliebt, zu ihm gezogen waren ...

»Du hast Dich sehr verändert! Ich erinnere mich, daß Du früher nicht

genug von Venedig schwärmen konntest!«

Sie setzte sich jetzt gerade auf, breitete die Arme über die Lehne der

Bank lang aus und sagte bitter:

»Früher, solang ich es nicht kannte! Aber jetzt kenn' ich es, und jetzt

mein' ich mitunter, ich müßte an dieser Stadt ersticken. Weißt Du, zu

Anfang blendet einen das, berauscht einen, wie Euer ganzes Land! Da

stößt man bei Schritt und Tritt auf die große Vergangenheit, und alles

scheint noch festgebunden und verwurzelt in Gesetzen, von denen man

bei uns daheim schon lange nicht mehr weiß! Und jeder Lazzaroni bewegt

sich wie ein kleiner Fürst, und alles, was Ihr tut und habt, scheint

so von Schönheit erfüllt, daß unsereins sich arm und bäurisch daneben

vorkommt. So fangen wir alle hier an, aber nach einiger Zeit kommt der

Katzenjammer, und man merkt, daß Venedig nur eine Attrappe ist, eine

Renaissanceattrappe mit einer sehr ordinären Füllung. Irgendwer hat

Euer Land einmal ›die Idealistenfalle‹ genannt, und, glaube mir, er

hat sehr recht gehabt ... Wenn ich bedenke, mit welchen Illusionen ich

hierherkam, und wie sich auch nicht eine einzige von allen realisiert

hat, dann möcht' ich weinen, oder nein, ich möchte lachen, weil ich

schon genug geweint habe und eigentlich ja gar nichts anderes wert bin,

als daß man mich auslacht.«

Während sie sprach, hatte sich ihr Gesicht erhitzt, und ihre Wimpern

schimmerten wie von kleinen Tränen. Sie legte den Kopf hintüber auf

die Lehne der Bank, sah geradeaus in den tiefblauen Himmel hinein,

als wolle sie vergessen, wo sie war, und zugleich ihr Gesicht den

forschenden Blicken Carlos entziehen. Er sah sie flüchtig an, während

er fragte:

»Warum hast Du Ettore geheiratet?«

»Du fragst seltsam! Ich habe ihn geheiratet, weil ich mich in ihn

verliebte!«

Carlo schüttelte heftig den Kopf, sagte bestimmt:

»Nein, nein, das ist nicht wahr! In ihn hast Du Dich gar nicht

verliebt, sondern in das Brimborium, das um ihn her ist. Du hast ihn

geheiratet, weil er einen alten, gefeierten Namen trägt, und weil

er einen berühmten Palazzo hat, und weil eine seiner Ahnfrauen von

Tizian gemalt worden ist, und weil er in einer schönen Pose unter dem

Portal seines Palazzo stand oder beim Blumenkorso fuhr! Wäre er nur

ein simpler Signore Ferrari oder Domenico gewesen, der irgendeinen

bürgerlichen Beruf ausübt, wie tausend andere, nie wär's Dir in den

Sinn gekommen, Dich an ihn zu binden! Freilich wäre er ja auch in

einem bürgerlichen Beruf nicht zu finden gewesen, weil er dazu ganz

untauglich ist!«

»Du urteilst sehr hart!«

Elisabeth suchte in ihrem Innern noch andere, wärmere Worte der

Rechtfertigung und der Entschuldigung für sich und Ettore zu finden,

aber keines stellte sich ein. Carlo sprach ja nur klar und mitleidlos

aus, was sie selbst schon oft dunkel empfunden hatte, und wenn sein

Urteil sie auch sehr klein hinstellte, so tat es ihr doch wohl, daß

jemand einmal deutlich zu ihr von ihrem Irrtum sprach, statt sie

immerfort nur, wie Ettore und die Seinen es taten, als anspruchsvoll

und undankbar hinzustellen. Sie bedachte jetzt Carlos Worte genau,

setzte ihrer schwachen Rechtfertigung schüchtern hinzu:

»Nein, ganz so war es doch nicht. Ich habe Ettore wirklich sehr lieb

gehabt, nicht nur weil er, wie Du sagst, mit allem möglichen Brimborium

umgeben war. Ich habe so viel von ihm und für ihn gehofft, und es ist

nicht meine Schuld oder wenigstens nicht meine Schuld allein, wenn er

mich so sehr enttäuscht hat!«

»Es ist Deine Schuld ganz allein, denn Du hast ihn nie gesehen, wie er

war, immer nur, wie Du ihn sehen wolltest!«

»Tut das nicht jeder Mensch, der verliebt ist?«

»Möglich, ich war's nie bis zu dem Grade, daß ich alle Vernunft

verloren hätte! Wer sie aber verliert, darf sich nicht wundern, wenn

sich die eigenen Torheiten an ihm rächen!«

»Ich wundere mich ja auch nicht, wundere mich schon lange nicht mehr --«

Sie schwiegen wieder eine Weile. Dann fragte Elisabeth:

»Ich wundere mich eigentlich, daß ich Dich hier getroffen habe. Warum

bist Du nicht mit den andern im Palazzo Reale?«

Carlo lachte.

»Weil ich nicht eingeladen worden bin!«

Elisabeth sah ihn erstaunt an:

»Das ist merkwürdig! Warum bist Du nicht eingeladen worden?«

Carlo machte eine wegwerfende Gebärde mit der Hand.

»Weil ich zu denen dort nicht passe und nicht populär bei ihnen bin.

Die prahlen und schreien und faulenzen und ich bin still und arbeite,

-- es kann keine reinlichere Scheidung geben.«

Er lachte wieder kurz auf und sagte:

»Die Geschichte ist zu köstlich, ich muß sie Dir erzählen, obwohl ich

sie bis jetzt noch niemand erzählt habe, weil ich mich zu Anfang über

ihre Ursache zu sehr geärgert habe!«

Er erzählte, daß es ihm in den letzten Monaten nach langem Studium

endlich gelungen war, einen neuen Schiffskesseltyp für Handelsschiffe

zu konstruieren, der ihren Kohlenverbrauch fast um die Hälfte

reduzierte.

»Stelle Dir nur einmal vor, was das bedeutet, -- die Hälfte

Kohlenverbrauch, das heißt nicht nur weniger Geldausgaben, sondern auch

billigere Frachtsätze, größere Unabhängigkeit von Kohlenstationen,

erhöhte Fahrgeschwindigkeit ... In jedem vernünftigen Land, etwa bei

Euch oder in England, würde man nach solch einer Neuerung alle Hände

ausstrecken, aber bei uns -- -- Hol der Kuckuck die ganze Gesellschaft!

Bei uns kümmert sich bis zur Stunde kein Mensch darum. Ich war in

Rom, bin von einem Ministerium zum andern gelaufen, um sie für meine

Erfindung zu interessieren, aber glaubst Du, daß ich bei ihnen

irgendetwas erreicht hätte? Gott bewahre! für solche Kleinigkeiten

haben sie keine Ohren und kein Geld. Was nottut, wird ja bei uns

immerfort für überflüssig befunden --«

Er fuhr fort in drolligem Zorn zu berichten und nachzuäffen, wie die

verschiedenen Ministerien und hohen Beamten ihn ganz von oben herab

behandelt hatten, so, als ob sie allesamt die wichtigsten Dinge von

der Welt im Kopf gehabt hätten, so daß ihnen gar keine Zeit bleiben

konnte, an einen venezianischen Ingenieur und seine Erfindung zu

denken. Schließlich war Carlos Geduld gerissen, und er hatte einem der

Minister, der noch dazu beim König sehr in Gnade stand, etliche nicht

eben schmeichelhafte Redensarten an den Kopf geworfen und sich von ihm

mit den Worten empfohlen:

»Wenn ich mit irgendeinem verrückten, abenteuerlichen Projekt zu ihnen

gekommen wäre, dann würden Sie sich für mich interessieren, aber für

einen Menschen, der vernünftig arbeiten will, haben Sie bekanntlich

noch nie Zeit gehabt!«

Das Wort war vom Minister an den König weitergegeben worden, und die

Antwort darauf war, daß Carlo Priuli keine Einladung zu dem Festmahl im

Palazzo Reale erhielt.

Da Carlo nun einmal begonnen hatte, von seinem Werk zu sprechen,

verstummte er nicht mehr, sondern sprach weiter wie jeder, der in seine

Arbeit und in sein Ziel verliebt ist.

Es war nicht ganz leicht, ihm zu folgen, denn es handelte sich ja

immerfort um technische Probleme und Ausdrücke, aber Elisabeth war es

ja von ihrem Vaterhause her gewöhnt, sich rasch in männliche Interessen

und Themen hineinzufinden, wenn sie ihr auch fern lagen, daß sie ihn

ganz gut verstand und keine überflüssigen oder törichten Fragen tat.

Es schien ihr auch köstlich, daß endlich wieder einmal ein Mensch von

ernsthaften und nützlichen Dingen zu ihr redete, und sie wäre nicht

eine Tochter des allerfleißigsten Volkes gewesen, wenn ihr Carlos

Arbeit und sein beharrliches Wollen nicht Respekt und Freude eingeflößt

hätten.

Sie hatte, während er sprach, die Arme wieder auf die Knie gestützt,

die Schläfen in die Hände gepreßt und sah zu Boden. Leise, unbestimmt

dämmerte es in ihr, daß sich in Venedig doch noch etwas barg, was sie

bis heute nicht gekannt hatte, daß sie hier vielleicht ein anderes,

besseres Glück hätte finden können als Ettore Priuli ...

Die Sonne begann langsam hinabzusteigen, von der Lagune her kam ein

sanfter, kühler Hauch. Elisabeth nahm den großen Hut ab, legte ihn

neben sich, fühlte wohlig, wie der kleine Wind ihr um die befreiten

Schläfen strich. Carlo sah auf das gesenkte, feine Profil mit den

schmerzlichen Linien um Mund und Wangen, und er dachte bei sich, daß

es süß sein müßte, mit der Hand zärtlich über diese blonden Haare zu

gleiten und diese Frau voll Phantasie und Wärme auf den Boden der

Wirklichkeit zu stellen, der so schwer an ihr rächte, daß sie ihn in

einem törichten Mädchentraum verlassen hatte. So saßen sie lange Zeit

schweigend, ohne daß ihnen aus dieser Gemeinsamkeit jähes Glück oder

Furcht erwachsen wäre. Nichts empfanden sie als ein süßes Behagen, wie

den Wohllaut einer Harmonie oder die Verschmelzung zweier Atmosphären,

die sich sympathisch waren. Wie dann die Kühle immer mehr lockte,

verließen sie die Bank und begannen auf den Parkwegen hin und her

zu schlendern. Sie sprachen nicht gar viel, denn jedes hing seinen

Gedanken nach und erwog, wie seltsam es sei, daß sie, die seit Jahren

einander kannten und gleichgültig aneinander vorbeigegangen waren,

heute ohne Vorrede und Umschweife von Dingen zueinander gesprochen

hatten, über die man sonst nicht mit gleichgültigen Menschen spricht.

Carlo lenkte jetzt die Schritte, ohne daß er selbst es merkte, immer

mehr gegen das Ufer hin, bis sie am Rande der Giardini Publici standen

und den großen Ausblick hatten auf das Märchenbild, das vor ihnen lag.

Die Lagune lag still und feierlich in tiefem Blau, über dem ein

feiner, silberiger Schimmer glitzerte, der vielleicht der Widerschein

der lichtgetränkten Luft war, vielleicht der geheimnisvolle Atem des

Meeres. Rosenfarben, gleich einem Blütengürtel schmiegte sich die

Stadt um sie her, glich mit ihren strahlenden Kuppeln, ihren weißen

Türmen, ihren goldfunkelnden Mosaiken einer Spiegelung des Ostens,

die ein Magier hierher gezaubert hatte, um dies blaue Meer mit dem

Abglanz ihrer Köstlichkeit zu beglücken. Abendsonne lag auf Palästen

und Häusern, spiegelte sich in jeder Fensterscheibe, daß jede aufglühte

gleich einem Auge und die Stadt aus tausend Augen hinauszublicken

schien auf das Meer, das mit breitem Wellenschlag die Lagune bedrängt

und sie an sich reißt mit allem, was zu ihr gehört -- --

Und hier, am Strande dieses sanften, silberblauen Meeres, neben dem

Manne, der es mit flinkeren Handelsschiffen durchpflügen wollte, war

es Elisabeth, als enthüllte ihr die Stadt ein drittes Gesicht, -- das

Gesicht stiller, beharrlicher Arbeit. In feinen, kaum erkennbaren

Umrissen, wie die Urschrift eines Palimpsests blickte es schüchtern

über das fürstliche Märtyrerinnenantlitz und die kecke, lärmende

Gauklerin hin. Wohl stand für dies Gesicht kein Platz an des Königs

Tafel bereitet und die Ettores, die Tassinis, und wie sie alle heißen

mochten, lächelten geringschätzig über es hin oder versuchten, es mit

pathetischen Gesten zu verdecken. Und doch war dies Gesicht das einzige

lebendige Erbe, das von einer großen Vergangenheit geblieben war, und

eben weil es ein Erbteil verkörperte, das jeden Tag aufs neue bestätigt

werden mußte, besaß es auch größere Kraft als alles Abgeschlossene,

Tote, und wenn auch nur wenige es kannten und ehrten, so würde doch

die Segensbotschaft seines Mundes noch weithin wirkende Kraft haben,

wenn alle »~Evviva~«, aller Hochmut und aller überjährige Größenwahn im

Palazzo Reale längst verklungen waren. -- --

Nicht deutlich und nicht lange erblickte Elisabeth dies Gesicht. Es

glitt nur wie der glitzernde Flügelschlag einer Möwe an ihr vorüber,

aber ein Abglanz von ihm blieb über allem, was sie noch dachte und

sagte, so daß sie meinte, kaum je einen schöneren Nachmittag erlebt zu

haben als diese wenigen Stunden in den ~Giardini publici~.

Als es zu dunkeln begann, fuhren sie zusammen heim.

Unterwegs sagte Elisabeth, die von diesem Nachmittag wie in einem

leisen Rausch war:

»Du solltest Dich wirklich etwas mehr um mich bekümmern, Carlo! Ich

habe gar niemand, der so mit mir spricht wie Du heute. Und ich fühle

jetzt erst, wie furchtbar allein ich immer bin!«

Carlo entgegnete lächelnd:

»Das will ich wohl, vorausgesetzt, daß Dein Mann nicht eifersüchtig

ist!«

Elisabeth zuckte die Achseln. Carlo verstand, daß Ettore sich um das

Tun und Treiben seiner Frau gar nicht bekümmerte. Er dachte bei sich:

»Wie töricht ist er, und wie unvorsichtig ist sie! Sie bedenkt offenbar

gar nicht, daß ich ihre Aufforderung mißverstehen und mißbrauchen

könnte. Dieser Bengel Ettore verdiente es wahrhaftig nicht besser, als

daß seine Frau ihm ein paar schöne Hörner aufsetzt ...«

Sie sprachen noch dies und jenes, aber nicht mehr gar zu viel, denn

die Gegenwart der Gondolieri störte sie, und Venedig war auch schon so

nahe, daß ein längeres Gespräch durch die Landung unterbrochen werden

mußte.

Elisabeth dachte noch lange über ihr Gespräch mit Carlo nach,

besonders über seine Behauptung, daß sie selbst mit verantwortlich sei

für ihr Los. Dachte nach und sträubte sich immer noch, ihre Schuld

einzugestehen, wenn es auch nur die Schuld eines schwärmerischen

Herzens war. -- -- --

13.

Wie Ettore eines Mittags auf dem Markusplatz umherschlenderte, um die

Fremden und die Auslagen der Geschäfte zu betrachten, fiel ihm schon

von weitem eine Dame auf, die von der Riva herkam. Sie war groß und

schlank und von jenem sicheren Auftreten, das ein ausschließliches

Eigentum der Töchter Englands und Amerikas ist. Sie trug eine sehr

elegante, helle Toilette, über dem phantastisch großen Hut einen

flatternden, weißen Schleier und auf dem Arm einen winzigen, weißen

King Charles, der ausschließlich aus glänzenden Hängeohren und einer

rosa Atlasschleife zu bestehen schien. Ettore, dem ihre vom Schleier

umflatterte Silhouette gefiel, faßte sie scharf ins Auge und bemerkte

mit Vergnügen, daß sein Blick alsbald die gewünschte Wirkung tat.

Die Dame wandte den Kopf nach ihm, kniff die Augen ein wenig ein,

als wolle sie ihn deutlicher sehen, und begann mit ihrem Hündchen

eindringlich und zärtlich zu sprechen. Ettore lächelte und schritt

mit der lässigen Eleganz, die ihn nie verließ, langsam der Fremden

entgegen. Wie er näher kam, war's ihm plötzlich, als sei sie ihm gar

keine Fremde, als müsse er irgend einmal diese Silhouette und dies

Gesicht schon gesehen haben. Auch über die Dame ging es wie eine

Erinnerung, sie faßte ihn ohne jede Koketterie, nur mit dem deutlichen

Wunsch des Erkennens fest mit dem Blick, und so gingen sie Auge in Auge

aneinander vorüber. Als jeder den andern etwa zwei Schritte hinter sich

hatte, wurde es plötzlich klar in ihnen. Sie blieben stehen, machten

kehrt, gingen mit ausgestreckten Händen, wenn auch noch ein wenig

zögernd, aufeinander zu:

»Miß Beaufort!«

»~O, il Conte Priuli!~«

Ja, das war ein seltsames und fröhliches Wiedersehen nach langen

Jahren! Sie wollten aber im Augenblick gar nicht wissen, daß viel Zeit

zwischen ihnen lag, denn jeder war ganz aufrichtig entzückt vom andern.

Ettore suchte alsbald sein halbvergessenes, halsbrecherisches Englisch

hervor, um Miß Beaufort zu versichern, daß sie noch viel schöner

geworden sei, soweit das überhaupt möglich war, und sie wiederum sah

ihn mit dem Lachen an, das ihn einst betört hatte, und entgegnete:

»O, Conte Priuli, Sie sind noch ganz der alte!«

Weil um diese Zeit kaum jemand in den Cafés auf dem Markusplatz saß und

ihr beiderseitiges Mitteilungsbedürfnis groß war, setzten sie sich in

den kühlen Bogengang, der das »Aurora« umfängt, teilten sich bei Eis

und Graniti ihre wichtigsten Lebensschicksale mit.

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 14 / 18 段