Die Worte kamen aus Elisabeths Herzen. In all der Zeit hatte Eleonorens

Liebschaft auf ihr gelastet, hatte sie beschämt und erbittert,

wenngleich alle um sie her, nicht nur im Palazzo Priuli, sondern

auch in der Gesellschaft, über Eleonorens Verfehlung nachsichtig

weglächelten. So wenig, wie sie es früher in den Romanen verstanden

hatte, so wenig verstand sie es hier, daß um der Liebesleidenschaft

willen alles gut heißen sollte, was schlecht war, daß der getäuschte

Gatte nur als lächerliche Figur dastand, während Eleonore von einem

gewissen Nimbus umstrahlt war. Niemals hatte sich Elisabeth, auch

im Innern nicht, als Richterin über die Schwägerin aufgeworfen, nur

schweigend hatte sie sich immer mehr von ihr entfernt, bis sie beinahe

wie Fremde einander gegenüberstanden. In diesem Augenblick aber, der

so etwas wie eine Rückkehr zu ihr erschloß, spürte Elisabeth, daß das

Wohlgefallen, das sie auf den ersten Blick an Eleonore gefunden hatte,

nicht in ihr erloschen war, und darum meinte sie zweifelnd:

»Wenn nur wirklich alles zu Ende ist!«

»Aber natürlich! Glaube mir, es gibt gar kein besseres Mittel gegen

Liebe, als sechs Stunden Eisenbahnfahrt. Ich sage Dir, wie ich heute

mittag die Versetzung des Regiments in der Zeitung las, hätt' ich am

liebsten einen Luftsprung gemacht!«

Elisabeth konnte seine Zuversicht nicht teilen. Sie dachte an die

Szene, die es heute nachmittag bei der Gräfin gegeben hatte, an das

Schluchzen und Rasen Eleonorens. Sie sprach Ettore davon, er lachte aus

vollem Halse.

»Nun ja, das war der erste Sturm, vielleicht kommen noch drei oder vier

nach, aber dann wird Ruhe! Nur sich nicht ängstigen und den Dingen

ruhig ihren Lauf lassen, ~l'Italia farà da sè~!«

Wie häufig, so zuckte auch jetzt Elisabeth nervös mit den Augenbrauen,

als er die gewohnte Redensart siegessicher hinschleuderte. Er sah die

Bewegung und wurde ärgerlich.

»Du hast ein Talent, einem jede frohe Stimmung zu verleiden!«

Er war ein paar Minuten lang ärgerlich, als ob sie ihm ein wirkliches

Glück gestört hätte, schnell aber war seine gute Laune wieder da, er

zündete eine frische Zigarette an und blies abermals seine prachtvollen

Rauchkringel.

»Es ist ein wahres Vergnügen, daß diese verdammte Geschichte jetzt so

zu Ende geht! Der Kriegsminister hätte uns kein größeres Vergnügen

machen können als diese Versetzung! Wenn ich bedenke, was aus Eleonore

geworden ist, seitdem sie sich an diesen Gauner gehängt hat! Nichts

mehr hat für sie existiert als er, rein nichts. Dabei hat sie Summen

in Händen gehabt, Summen, von denen Du Dir nichts träumen läßt. Aber

alles nur für ihn.«

Elisabeth hatte ihm zugehört, ohne allzusehr auf seine Worte zu achten.

Sie tat jetzt eine Frage, über die sie schon manches Mal nachgedacht

und auf die sie doch nie die richtige Antwort gefunden hatte.

»Sage, Ettore, hat Lissignolo nie etwas erfahren? Sie war doch oft so

unvorsichtig, und es muß ihm doch aufgefallen sein, wenn sie so viel

Geld vertan hat.«

Ettore zuckte die Achseln.

»~Chi lo sà!~ Ich nicht. Es geht mich auch nichts an. Wie's sein mag,

er kann froh sein, daß er diesen Ausbeuter endlich vom Halse kriegt!«

Sie sprachen noch eine Weile hin und her, dann verabschiedete sich

Ettore liebenswürdig und heiter, wie ihn Elisabeth seit langem nicht

gekannt hatte. Sie blieb allein und dachte noch über diese ganze

unerquickliche Geschichte nach. Auch sie war froh, daß nun alles zum

Ende gediehen schien, und ihr Staunen über Ettores Glücksempfindung

wandelte sich in ein wärmeres Gefühl. Sie hatte ihm also doch wohl

unrecht getan, wenn sie ihn für ganz oberflächlich, ja für sträflich

leichtsinnig gehalten hatte! Heute merkte sie aus seiner überströmenden

Heiterkeit, daß ihm die Sache doch näher gegangen war als es schien,

daß er nur nach außen hin das Einverständnis mit der Schwester

gewahrt hatte, während er sie in seinem Herzen verurteilte, wie jeder

anständige Mensch sie verurteilen mußte. So dachte Elisabeth und

fühlte sich ihrem Manne wieder näher, schämte sich sogar ein wenig, daß

sie ihm im stillen unrecht getan hatte.

Ruhig und freundlicher als sonst gingen jetzt die Tage im Palazzo

Priuli dahin. Auch aus den Gemächern der Gräfin vernahm man keine

Szenen und kein Toben mehr. Eleonore kam entweder nicht zur Mutter,

oder wenn sie kam, dann beherrschte sie sich oder begann vielleicht

wirklich ruhig zu werden ... So vergingen Wochen. Ettore blieb in

seiner guten, befreiten Stimmung, besuchte seine Schwester öfters und

erzählte seiner Frau jedesmal, daß Eleonore einen durchaus vernünftigen

Eindruck mache.

»Das heißt, ganz wie sonst ist sie noch nicht, aber das wird schon noch

kommen. Jedenfalls ist's ein Glück, daß mein Schwager diesen Blutsauger

los ist! Der hätte den guten Lissignolo noch ruiniert!«

Eines Abends, als Ettore just ausgehen wollte, ertönte das Telephon.

Ettore, in der sicheren Erwartung, daß irgendein Klubfreund ihn anrief,

nahm den Hörer und schmetterte vergnügt seinen Namen in das Schallrohr

hinein. Er war etwas erstaunt, als anstatt des Klubfreundes sein

Schwager sich meldete.

»Hallo, was gibt's denn? Was ist denn geschehen?«

Er fragte es gedankenlos und heiter, denn er konnte sich gar nicht

vorstellen, was Lissignolo um diese Stunde von ihm wollte. Lissignolos

Stimme antwortete:

»Ist Eleonore bei Euch oder bei ihrer Mutter?«

»Bei uns ist sie nicht! Aber vielleicht sitzt sie noch bei der ~mamma~;

warte einen Augenblick, ich lasse nachfragen!«

Er schickte den Diener zu der alten Gräfin und erfuhr, daß Eleonore

heute überhaupt nicht gekommen war. Lissignolos Stimme zitterte, als er

fragte:

»Ettore, kannst Du nicht für eine Viertelstunde zu mir kommen?«

Ettore war von diesem Ansinnen nicht entzückt. Im Klub warteten sie auf

ihn und hatten gerade für heute abend noch einen amüsanten Bummel durch

ein paar Varietés geplant. Er sagte daher etwas träge und vorwurfsvoll:

»Muß denn das heute noch sein? Hat es nicht Zeit bis morgen früh?«

»Nein, ich muß Dich heute noch sprechen!«

»Also schön, ich bin in einer halben Stunde da!«

Elisabeth konnte nicht hören, was er am Telephon verhandelte, war auch

gar nicht neugierig, denn sie wußte nicht, daß Lissignolo angeklingelt

hatte. Zwei Stunden später erfuhr sie's, erfuhr es ebenso plötzlich

und schreckhaft wie damals den Spielverlust Ettores. Sie saß ruhig

an ihrem Schreibtisch und schrieb an einen ihrer Brüder, als Ettore

hereingestürzt kam, außer sich, mit verzerrtem Gesicht, blaß vor

Erregung und Zorn. Ehe Elisabeth, die ihn erschrocken anstarrte, fragen

konnte, schrie er es ihr schon entgegen:

»Fort ist sie, fort! Hat man je so etwas erlebt? Diese verrückte

Person, diese dumme Gans!«

»Fort? ... Wohin?«

Ettore lachte höhnisch auf.

»Wohin? So etwas kannst auch nur Du fragen! Zu ihm ist sie natürlich,

nach Pisa! Donnerwetter, die hat uns alle schön hinters Licht geführt.

Wir haben geglaubt, daß jetzt alles zu Ende sei, derweil fängt's jetzt

erst an. Solch ein Skandal! Und solch eine hirnverbrannte Dummheit!«

Er rannte wütend im Zimmer hin und her, überflutete die entflohene

Schwester mit einem Hagel von Scheltworten, die immer roher wurden, je

mehr er sich in seinen Zorn hineinwetterte. Ganz allmählich nur und

mit beträchtlicher Schwierigkeit bekam Elisabeth die Einzelheiten von

Eleonorens Flucht und Ettores Unterredung mit Lissignolo heraus.

Niemand im Hause Lissignolo hatte eine Ahnung von dem Plan der jungen

Frau gehabt. Wohl war Eleonore fassungslos gewesen, als sie erfuhr,

daß ihr Geliebter nach Pisa versetzt sei, aber just in diesen Tagen

war Lissignolo durch Sitzungen und geschäftliche Besprechungen sehr in

Anspruch genommen gewesen, und als das Regiment in seine neue Garnison

abgerückt war, schien Eleonore sich abgefunden zu haben, war sogar

heiterer, als es sonst in ihrer Art lag. Jeder dachte, daß sie den

Leutnant alsbald vergessen haben würde, und die jungen Herren Venedigs,

die genau über jedes freigewordene Frauenherz orientiert waren,

schickten sich schon an, das verlassene Kleinod zu berennen und zu

erobern. Eleonore lachte und tändelte mit ihnen wie früher, aber seit

heute mittag war sie verschwunden. Lissignolo hatte zuerst gemeint,

daß sie sich im Palazzo Priuli verspätet habe, aber als er ihr Zimmer

genauer durchsuchte, merkte er, daß es sich hier nicht mehr um eine

gewöhnliche Abwesenheit handelte. Wohl hatte Eleonore kaum etwas Wäsche

oder Kleider mitnehmen können, denn das wäre im Hause aufgefallen,

aber ihr ganzer wertvoller Schmuck war verschwunden, und auf ihrem

Schreibtisch lag ein verschlossener, an ihren Mann adressierter Brief.

Es standen nur die Worte darin:

»~Addio~, sei mir nicht böse, aber ich kann nicht anders.

Eleonore.«

Elisabeth saß wie betäubt.

»Was nun? Was kann man denn tun?«

Ettore wußte es selbst nicht. Er faselte in der einen Minute, daß er

Eleonore an den Haaren von Pisa nach Venedig zurückschleifen, in der

nächsten, daß er den Leutnant über den Haufen schießen wolle, aber eine

klare Vorstellung des Kommenden hatte er nicht.

»Wie faßt es Lissignolo auf? Glaubst Du, daß er sie wieder aufnimmt,

wenn sie zurückkäme?«

Ettore zuckte die Achseln. Ja, das glaubte er wohl, aber konnte man

denn sagen, ob Eleonore an Rückkehr dachte? Nein, es war vielmehr zehn

gegen eins zu wetten, daß sie sich nun an den Liebhaber klammern und um

keinen Preis mehr von ihm lassen würde. --

Und wieder schalt und wetterte Ettore, während Elisabeth mehr als an

die entflohene Frau an den einsamen Mann denken mußte, dem jetzt nicht

einmal die öffentliche Schande erspart blieb. Sie erinnerte sich an die

Nacht, die Eleonorens Hochzeit voraufging, und stärker als je zuvor

hatte sie das Gefühl, daß sie selber mitschuldig war an allem, was sich

jetzt offenbarte.

Am nächsten Morgen sehr früh kam Lissignolo. Unwillkürlich wollte

Elisabeth davoneilen, als er gemeldet wurde, aber Ettore war noch mit

seiner Toilette beschäftigt, und so mußte wohl oder übel sie an seiner

Stelle ihn empfangen. Sie war so ergriffen und erregt, daß sie zuerst

kaum laut sprechen konnte und ihm nur schweigend die Hand reichte.

Er sah grau und verstört aus, wie nach einer schlaflosen Nacht, und

die Müdigkeit seiner Bewegungen stach seltsam ab von dem Lärm und den

heftigen Gesten, mit denen Ettore gestern das Gemach erfüllt hatte. Als

Lissignolo sich gesetzt hatte, fragte Elisabeth leise:

»Haben Sie Nachricht ... von ... von ihr?« Lissignolo schüttelte

verneinend den Kopf. Er entgegnete leise: »Was sollte sie denn

schreiben? Was nötig ist, weiß ich ja schon.«

Eine kleine Pause entstand. Elisabeth sprach einige Worte, die ihr

selber banal und leer vorkamen. Lissignolo hörte ihr mit gesenktem

Haupt zu. Vor sich hinblickend, als zöge er das Fazit einer Rechnung,

die unwiderruflich ist, sagte er:

»Nein, nein, man darf sie gar nicht so sehr anklagen! Der Fehler liegt

vielmehr an mir. Ich war zu alt für sie. Ein Mann mit grauen Haaren

soll nicht solch ein junges Ding an sich fesseln.«

Elisabeth konnte ihm nichts entgegnen. Sie fand ihn bewundernswert, daß

er alle Schuld von der Frau nahm, um sich selbst anzuklagen, wenngleich

sie nicht recht verstand, daß er, der Mann, sich der Schande beugte,

statt sich dagegen zu empören. Sie schwieg eine Weile, suchte Worte,

mit denen sie fragen wollte, wagte keines zu wählen, weil ihr jedes,

so sanft es auch gemeint war, einen Stachel zu haben schien, der dem

Verwundeten weh tun mußte. Schließlich sagte sie aber doch:

»So kann es aber doch nicht bleiben! Man muß doch versuchen, Eleonore

wieder heimzuholen ... sie kann doch nicht ... es ist ja unmöglich ...«

Lissignolo schüttelte den Kopf.

»Ich kann sie nicht holen, nein, nein!«

»Sie nicht! Aber vielleicht Ettore oder die Mutter.«

Wieder verneinte der Mann mit einer müden Geste.

»Ach nein, da ist nichts zu machen, das sitzt ihr zu tief im Blut! Das

verstehen Sie nicht! Nicht wahr, Sie verzeihen, daß ich das offen sage!

Aber Eleonore ist ganz anders. -- Sie kann von diesem Menschen in alle

Ewigkeit nicht lassen ...«

»Aber was will sie denn neben ihm machen? Er kann sie ja doch nie

heiraten und auch sonst -- -- Es ist eine trostlose Situation, in die

sie sich da gestürzt hat.«

Lissignolo nickte.

»Trostlos! Und sie hat es doch, weiß Gott, schön bei mir gehabt;

jeden Wunsch habe ich ihr an den Augen abgelesen und ihr alle Freiheit

gelassen, die sie gewollt hat, und ihr jeden Tag die Hände mit Gold

gefüllt, ohne je zu fragen, wofür sie es verbrauchte! Verbraucht hat

sie ja auch genug, denn die Priuli können alle nicht sparen ... An ihr

hing ja auch nicht nur der Mensch da in Pisa, sondern noch -- --«

Er brach ab, merkte trotz seinem Schmerz, daß er mehr gesagt hatte,

als er dieser Frau sagen durfte. Elisabeth war es, als habe ihr jemand

einen Schlag auf das Herz versetzt, und mit jener schreckhaften

Hellseherei, die uns gerade im ersten Augenblick einer peinvollen

Ueberraschung befällt, wußte sie sogleich, wie alles zwischen Ettore,

seiner Schwester und seinem Schwager gewesen war. Ganz deutlich wußte

sie nun, daß Ettore all die Zeit über durch die Hand der Schwester

Lissignolo in Anspruch genommen hatte, und daß er, um sich Eleonoren

für ihre Vermittlung dankbar zu bezeigen, stets allerlei Dienste bei

ihren Heimlichkeiten geleistet hatte. Sie verstand jetzt auch, daß

Eleonorens Flucht ihn nur darum so tief empörte, weil mit der Schwester

ihm die Goldquelle entschwand, geradeso wie ihn die Versetzung des

Leutnants nur deshalb so sehr entzückt hatte, weil er auf diese Weise

den fordernden Andern erledigt glaubte. Wie sie das alles dicht

aneinandergereiht vor sich stehen sah, fiel sie einen Augenblick

Schwindel an, so als ob nichts um sie her fest an seinem Platze bliebe,

sondern sich in surrendem Kreisen mit ihr drehe, um sie schließlich

hinunterzuwerfen, in ein unfaßbares Nichts ... Und während sie so saß,

empfand sie mehr als sie dachte:

»O, wenn ich nie wieder die Augen aufmachen müßte, wenn ich so

regungslos sitzenbleiben dürfte, bis ich in Asche zerfalle!«

Ein paar Minuten blieb es bedrückend still. Dann öffnete Elisabeth

langsam die Augen, errötete, als sie auf Lissignolo fielen, ließ sie

über ihn weggehen in die Weite des Zimmers hinein und fragte voll

tiefer Beschämung:

»Wieviel? Wieviel ist ...« (sie stockte, konnte sich kaum entschließen,

die Frage zu tun) »wieviel ist Ettore Ihnen schuldig?«

»Ich weiß es nicht!«

Elisabeth beharrte aber leise und eindringlich:

»Sie wissen es wohl, Sie wollen es mir nur nicht sagen! Aber ich

bitte Sie, nehmen Sie wenigstens diese Last von mir. Sie müssen doch

begreifen, wie schrecklich mir der Gedanke ist, daß ... Hätte ich eine

Ahnung gehabt, daß Ettore von Ihnen Geld nimmt, so hätte ich lieber

mein ganzes Vermögen darangesetzt oder wäre auf und davongegangen.«

Lissignolo, mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt, fand Elisabeths

Erregung nicht recht verständlich.

»Lassen Sie doch, Frau Lisa, lassen Sie doch! Das Geld hat mir nicht

wehe getan und ist nun doch fort, gleichviel ob für den oder für jenen.«

Elisabeth senkte das Haupt und schwieg. Lissignolo meinte es gut und

ahnte nicht, wie er sie erniedrigte, da er den Liebhaber seiner Frau

und ihren Mann mit seinen Worten zusammenkoppelte.

Als Ettore mittags nach Hause kam, gab es zwischen dem Ehepaar eine

heftige Szene. Elisabeth war vor Beschämung und Zorn außer sich, warf

Ettore gleich die leidenschaftliche Frage entgegen:

»Warum hast Du mir nie gesagt, daß Du bei Deinem Schwager bettelst? Ich

meine, Du hättest das wahrhaftig nicht nötig gehabt!«

Ettore war etwas verblüfft, ließ sich aber gar nicht aus der Fassung

bringen. Er entgegnete gelassen, mit jener Geringschätzung im Ton, die

er jetzt fast immer annahm, wenn er mit Elisabeth sprach:

»~Carissima~, das sind doch +meine+ Angelegenheiten, die Dich nichts

angehen. Eleonore ist meine Schwester und nicht die Deine, Lissignolo

ist mein Schwager und nicht der Deine, -- also! Was wir untereinander

abmachen, geht dritte Personen nichts an, merke Dir das gefälligst!

Uebrigens was hätt' ich denn tun sollen? Ein Priuli kann nicht so

leben, wie Du Dir es in Deiner Kleinbürgerlichkeit einbildest, und wie

ein kleiner, deutscher Leutnant lebt. Du hast das nie einsehen wollen,

Du hast Deinen Geldschrank zugeschlossen, -- ja, meine Liebe, da darfst

Du Dich nicht wundern, wenn ich zu +meinesgleichen+ gehe und bei denen

das Verständnis suche, das meine Frau nicht für mich hat!«

»Das Verständnis? Du willst wohl sagen, das Geld, das Deine Frau nicht

verspielen und vertun läßt!«

Ettore zuckte die Achseln.

»Nenne es, wie Du willst, es kommt ganz aufs gleiche heraus. Ich weiß

übrigens gar nicht, warum Du Dich über diese Geschichte so aufregst!

Ich hatte schon gar nicht mehr daran gedacht!«

Elisabeth schrie auf.

»Begreifst Du denn nicht, daß ich mich vor Lissignolo totschäme?

Begreifst Du denn nicht, daß es ein Skandal ist, wenn ein Mann beim

andern herumbettelt?«

»O Gott, o Gott, was für pompöse Worte! Das ist doch gar nicht so

schlimm, wenn ein Verwandter dem andern gelegentlich aus der Klemme

hilft! Ist übrigens alles Deine eigene Schuld! Wärst Du nicht damals,

als ich das Pech im Klub hatte, so hart und so hochmütig gewesen!

Damals habe ich mir fest vorgenommen, daß ich, wenn's nötig wäre, eher

einen Fremden auf der Straße um etwas bitten würde als Dich!«

»Ettore, Du weißt nicht, was Du sagst!«

»O, ich weiß es schon, ich weiß auch, daß es ein wenig meine Schuld

ist! Ich hätte es mit Dir eben nie so weit kommen lassen sollen, ich

hätte Dir vom ersten Tag an klarmachen müssen, daß Deine Spießbürgerei

nicht für uns paßt! Es ist ja überhaupt ein Skandal, daß nicht +ich+

das Vermögen verwalte, sondern +Du+, daß ich also eigentlich um jeden

Lire bei Dir petitionieren muß! Das habt Ihr eben so nach Euren

Kleinbürgerbegriffen eingerichtet, Du und Dein Vater. Wer es weiß,

lacht über mich und über meine Gutmütigkeit, daß ich mir's gefallen

lasse. Aber ich war von jeher zu gut, obendrein auch noch zu sehr in

Dich vergafft.«

Elisabeth hielt sich die Ohren zu. Sie wollte nicht erinnert sein, daß

sie diesem Mann einmal in Liebe verbunden gewesen war. Sie sagte hart:

»Wir wollen nicht von früher reden, sondern von dem, was heute ist.

Wieviel bist Du Lissignolo schuldig? Ich muß es wissen, denn ich will

es bezahlen.«

Ettore lachte auf.

»Als ob es bei Lissignolo darauf ankäme! Das Geld, das er mir gab, ist

doch in der Familie geblieben!«

»Verstehst Du mich nicht, oder willst Du mich nicht verstehen?«

»Nein, ich verstehe Dich wirklich nicht. Du machst jetzt ein

lächerliches Aufheben um eine Sache, die sich schon ganz von selbst

erledigt hat! Eleonore ist fort, -- weshalb sollte mein Schwager mir

noch weiterhin Geld vorstrecken?«

Da hob Elisabeth mit einer jähen Bewegung die Hand, ließ sie aber

gleich wieder sinken und sagte mit funkelnden Augen:

»Ich will wissen, durchaus wissen, hörst Du, was wir Lissignolo

zurückzahlen müssen. Wenn ich es nicht von Dir erfahre, verlasse ich

das Haus!«

»Wie es Dir beliebt, ganz wie es Dir beliebt. Ich halte Dich nicht

zurück, Dich nicht! Aber Du täuschst Dich, wenn Du vielleicht meinst,

daß Du die Kinder mitnimmst! Die Kinder gehören mir, und ehe ich sie

Dir lasse, schleif' ich sie an den Haaren wieder zu mir zurück! Bei

uns gibt es, Gott sei Dank, nicht Eure laxen Gesetze, nach denen man

aus einer Ehe davonläuft, wie ein Dienstbote aus seiner Stelle. Suche

Dir übrigens, gleichviel ob hier oder anderswo, einen Gerichtshof, der

mich schuldig findet, weil ich von meinem Schwager Geld genommen habe.

In ein Sanatorium würden sie Dich schicken, wo Du ja auch mit Deinen

Schrullen schon längst hingehörst!«

Zur Bekräftigung seiner Worte machte er noch ein verständliches Zeichen

nach der Stirn und schlug krachend die Türe hinter sich zu.

Er schlenderte auf der Straße dahin, war aufrichtig und tief empört.

Von allem, was seine Frau als Beschämung empfand, verstand er nichts,

und darum war er wütend auf sie und auf die Gefühlssubtilitäten, mit

denen sie ihn immer wieder plagte. Und das geschah ihm auch noch

gerade jetzt, wo so vieles vor seinen Augen zusammenbrach, wo seine

und vermutlich auch Eleonorens Existenz auf dem Spiele stand! Sein

Gesicht wurde unruhig und finster, und wie schon einmal, als die Wogen

des Mißgeschicks über ihm zusammenzuschlagen schienen, trat er auch

heute in die Kirche, wo das Grabmal des großen Priuli sich erhob. Aber

so wenig wie damals fand er heute dort Trost oder Erhebung, denn mit

garstigem Grinsen blieb die Wahrheit vor ihm stehen, daß er nun wieder

völlig auf den guten Willen und die offene Hand seiner Frau angewiesen

war.

In unausgeglichener Stimmung verließ Ettore seinen großen Ahnherrn und

schlenderte mißvergnügt am Molo entlang. Er kam sich sowohl von seiner

Frau wie von seiner Schwester brutalisiert vor und bedachte ganz gegen

seine Gewohnheit, was nun eigentlich geschehen müsse. Die Hoffnung,

Eleonore zu ihrem Mann zurückzuführen, hatte er schnell aufgegeben,

denn er hatte an diese Möglichkeit nie ernsthaft geglaubt, weil er eben

seine Schwester und ihre verhängnisvolle Hörigkeit besser kannte als

die andern rund umher. Auf Lissignolo konnte er also in keiner Lage und

Verlegenheit mehr rechnen, das war ihm klar, und ebenso klar war ihm,

daß wohl schon in der nächsten Zeit die Schwester ihn mit Forderungen

aller Art bestürmen würde, denn sie besaß ja nichts als den Schmuck

und das Bargeld, das sie bei ihrer Flucht mitgenommen hatte. Er hätte

am liebsten laut geflucht, wenn er bedachte, wie bequem die Existenz

für sie beide bis jetzt gewesen. Nie mehr hatte er Elisabeth einen

Scheck abfordern oder abbitten müssen, war immerfort zur Schwester

gegangen, gleichviel ob es sich um eine Spielschuld, um seine obskuren

Liebesabenteuer oder um eine exorbitante Schneiderrechnung handelte,

denn immerfort hatte Eleonore Geld in Hülle und Fülle gehabt für

sich und für ihn. Und das alles war nun in den Wind geschlagen,

diesem Laffen in Pisa zuliebe, der an nichts dachte als an ihre

Ausbeutung! Aber alle Erwägungen und aller Zorn halfen nichts, und

Ettore fand allmählich, daß er vorhin mit seiner Heftigkeit gegen

Elisabeth unklug gewesen war, weil er ja nun doch wieder auf sie

angewiesen blieb. Es gab für ihn im Augenblick nichts anderes als

Rückkehr zu ihr und Versöhnung, und als er spätabends nach Hause

kam, versuchte er, den ganzen Streit nur als die Übereilung zweier

Hitzköpfe hinzustellen und mit ein paar lachenden, zärtlichen Worten

den Frieden wiederherzustellen ... Er versuchte es, aber Elisabeth war

nicht zur Weichheit aufgelegt, wurde es auch an den folgenden Tagen

nicht, obschon Ettore sich bemühte, ihr ein Lächeln abzugewinnen und

die Harmonie längst vergangener Zeiten wieder aufleben zu lassen.

Schließlich verdroß ihn ihre beständige stumme Ablehnung, und er

widmete sich wieder ganz seiner Mutter, geleitete sie in die Kirche,

half ihr bei den Patiencen, hörte ihr geduldig und tröstend zu, wenn

sie triumphierender als sonst, weil sie recht behalten hatte, mit ihrer

scheppernden Stimme jammerte:

»~No, no~, die Priuli haben kein Glück!«

Elisabeth, die wohl merkte, daß sie selbst den Mann immer mehr zu

seiner Familie hintrieb, machte dennoch keine Anstrengungen, ihn zu

sich zurückzuholen. Sie dachte nur manches Mal, wie seltsam es sei, daß

das wenige Gute in seinem Wesen nie für sie, immer nur für die eigene

Brut vorhanden war.

12.

In eben diesen Tagen, da alle Salons und Müßiggänger von nichts anderem

sprachen als von der Flucht der schönen Eleonore Lissignolo, kam der

König zur Flottenschau nach Venedig. Da fiel es die Stadt an wie ein

Rausch von Geschäftigkeit und Lust, und von der österreichischen wie

von der italienischen Küste her kamen immerfort Dampfer angeschwommen,

überfrachtet mit Menschen, die das Interesse oder auch nur die Neugier

hertrieb zu dem großen, maritimen Schauspiel. Alle Hotels und Pensionen

waren überfüllt, von den öffentlichen Gebäuden wehten Flaggen und

Wimpel, auf dem Palazzo Reale flatterte die Königsstandarte vergnügt

in die klare Septemberluft hinein, als könne sie's vor Jubel kaum

fassen, daß sie endlich wieder ihre alten Bekannten, die Lagune, den

Dogenpalast und den Löwen von San Marco, schauen durfte. Im Hafen lagen

mit Blumen und bunten Lampions geschmückte Schiffe, auf denen nachts

musiziert und getanzt werden sollte, und die Aristokratie träumte

schon von einem großen Ball in dem sonst vereinsamten Königspalast,

weil es zuerst hieß, daß die Königin den König begleiten würde. Hier

gab es aber eine kleine Enttäuschung, denn der König kam allein

mit dem Herzog von Genua, und der ersehnte Ball schrumpfte zu einem

Herrendiner zusammen, das die Vornehmen Venedigs an der königlichen

Tafel vereinigte.

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 13 / 18 段