Heirat mit dem Earl war zwar aus Gründen, die sie nicht angab, nichts
geworden, dafür aber hatte sie in Paris den Herzog de Bressières
geheiratet, den letzten, völlig entarteten Sprößling seiner alten
Rasse, dessen Schulden so beträchtlich waren, daß die Erbinnen Europas
davor zurückschreckten. Miß Beaufort aber mit dem praktischen Sinn
und dem straffen Säckel der Amerikanerin hatte gefunden, daß jedes
Ding seinen Preis hat, und daß man nicht knausern und feilschen dürfe,
wenn es sich um eine Herzogskrone handelte. So war sie Duchesse de
Bressières geworden, hatte bei ihrer Trauung einen Brautschleier
getragen, der mit dem Wappenspruch und den heraldischen Emblemen
der Bressières durchwebt war, hatte mit der ganzen Aristokratie des
Faubourg Saint-Germain verkehrt und nur ein einziges Mal Anstoß erregt,
als sie nämlich einen verlotterten, alten Baron mit einem fürstlichen
Gehalt als Portier engagierte. Der Herzog hatte ständig viel Geld
verbraucht, sonst aber seine Frau in keiner Weise behelligt und war vor
etwa zwei Jahren ohne ersichtlichen Grund gestorben. Auf die Tatsache
seines Ablebens schien die Witwe besonderen Wert zu legen, denn sie
betonte bei jeder Gelegenheit, daß sie wirklich verwitwet und nicht
etwa geschieden war, wie es heutzutage häufiger Brauch ist. Sie faßte
das Ableben ihres Gatten offenbar als einen besonderen Vorzug auf und
kam sich rührend vor, weil sie ihn ein Jahr lang in Schwarz und mit
der weißgeränderten Kreppschnebbe betrauert hatte. Im übrigen war sie
frisch und heiter wie immer, bombardierte, während sie sprach, Ettore
mit verwegenen Blicken und schloß ihren kurzen Lebensbericht mit den
Worten:
»Da Mama ja auch schon lange tot ist und ich niemand mehr habe als
Darling, das war der King Charles mit den Ohren und der Atlasschleife,
so reise ich wieder in der ganzen Welt umher und suche mein Vergnügen!
So bin ich auch wieder nach Venedig gekommen, obgleich die Stadt ja
nicht sehr amüsant ist und mir nach Paris und London sehr krähwinkelig
vorkommt. Aber schließlich muß man auch wieder einmal etwas Kunst
sehen, und auch sonst habe ich ja nur hübsche Erinnerungen von hier mit
fortgenommen --«
Sie tätschelte Darling, der stupid und temperamentlos auf ihren
Knien lag, versuchte, ihm mit dem Eislöffelchen von ihrem Gefrorenen
einzuflößen, blitzte dabei mit ihren kecken Augen Ettore lachend an.
Ihm war wohl, wie seit langem nicht mehr. Die ganze Atmosphäre, die
um diese Frau war, belebte, ergötzte ihn wie damals, vor Jahren, weil
er aufs neue in ihr das gleichgeartete Geschöpf spürte. Er dachte gar
nicht mehr daran, wie ihre innere Roheit ihn einmal verletzt, wie die
Abweisung, die er von ihr erfahren, ihn beleidigt hatte, er hörte jetzt
nur ihr Lachen, sah die offenherzige Koketterie, mit der sie versuchte,
ihn aufs neue zu erobern, und alles, was gewesen war, schwand vor der
derben Lebensgier, die von ihr ausging und die seine erweckte.
Die amerikanische Herzogin hatte eigentlich nur einige Tage in Venedig
bleiben wollen, nun aber, da sie sich mit einem alten Bekannten so
gut unterhielt, verschob sie ihre Abreise auf unbestimmte Zeit.
Sie wohnte wieder im Hotel Danieli, führte drei Domestiken und
auch eine Gesellschaftsdame mit sich, die freilich meistens sich
selbst überlassen war, denn die Herzogin besaß ein großes Talent,
überall Bekanntschaften zu machen, und fand dann die Gegenwart der
Gesellschafterin überflüssig, wenn nicht gar lästig. Da kam nun Ettore
wieder wie einst ins Hotel Danieli, wechselte mit dem Portier, der
ihn noch von früher kannte, die gewohnten Redensarten über Wetter und
Trinkwasser, saß dann der Herzogin gegenüber und redete mit ihr wenig
ernsthafte und sehr viel törichte Dinge, bei denen sie beide sich
köstlich amüsierten. Nie sprachen sie von irgend etwas mit wirklichem
Gefühl, aber mit einer gewissen trivialen Sentimentalität, die ihnen
selber wie Empfindung vorkam, erinnerten sie sich zuweilen an die Zeit,
da sie sich zuerst kennen gelernt, und taten dann wohl so, als ob
sie inzwischen viel Tiefes und Schmerzliches erfahren hätten. Einmal
ergriff Ettore die reichberingten Hände der ehemaligen Miß Maud und
fragte mit zärtlichem Vorwurf:
»Maud, böse, süße Maud, warum haben Sie mich damals nicht geheiratet?
Wir hätten doch so gut zueinander gepaßt!«
Maud sah ihn ernsthaft und erstaunt an.
»Warum hätt' ich Sie heiraten sollen? Mir stand doch noch die ganze
Welt offen, genau so wie heute. Wenn man jung ist, hat man keine so
übermäßige Sehnsucht, sich in einer kleinen Stadt zu begraben. Mich
reizte die große Welt, an die ich gewöhnt war, und ich habe es auch
nicht zu bereuen; der Herzog von Bressières war als Ehemann sehr
angenehm, wenn er auch ein bißchen viel Geld gekostet hat ...«
Sie lachte bei diesen Worten spitzbübisch, so daß Ettore sich sein
Teil über die menschlichen Qualitäten des verstorbenen Herzogs denken
konnte. Neid und Zorn stiegen in ihm auf, wenn er bedachte, was mit
dieser Frau an ihm vorübergegangen war. Hier, bei ihr und um sie
war diese Atmosphäre märchenhaften Reichtums, die ihm stets als das
beste vom Leben erschienen war, und inmitten dieser Atmosphäre stand
sie so fest, so unbekümmert frisch, ohne Schwerfälligkeit, ohne
Gefühlssubtilitäten, die ihn langweilten oder erbitterten. Er dachte an
Elisabeth, an sein eigenes Heim, und da war's ihm, als hätte ihn das
Schicksal gefoppt, und als müsse er den Tag zehnmal verwünschen, an
dem er in übereiltem Groll auf diese hier sich für zeitlebens an das
Fräulein von Schöttling gebunden hatte.
Gefühle und Gefühlssubtilitäten kannte die Herzogin von Bressières
wirklich nicht, aber ein klein wenig Kulturfirnis hatte sie sich
doch im Faubourg Saint-Germain angewöhnt. Sie wußte jetzt schon,
daß der Colleoni nicht ein Vorfahre von Ettore Priuli gewesen, und
sie affektierte eine Kunstbgeisterung, der zuliebe sie von Galerie
zu Galerie eilte und sich nicht mehr damit begnügte, vor jedem
Präraffaeliten auszurufen: »~O, how lovely!~« Sie sprach jetzt ziemlich
gewandt, wenn auch ohne wirkliches Verständnis über die lombardische,
die toskanische oder die venezianische Schule und erzählte Ettore, daß
es ihr Ehrgeiz sei, allmählich die schönste Privatgalerie der Welt zu
besitzen. Von irgendeinem System oder einer persönlichen Vorliebe ließ
sie sich bei der Erwerbung ihrer Bilder nicht leiten. Sie kaufte nur
zusammen, was an berühmten Gemälden gerade zum Verkauf stand, schickte
zu allen interessanten Versteigerungen ihre Agenten und ließ soeben in
New York einen Palast ausführen, der die künftige Galerie bergen und
den Namen »Ducheß of Bressières Gallery« führen sollte.
»So, ~dear Conte~, nun wissen Sie ungefähr, was ich für die nächste
Zeit plane! Nun erzählen Sie mir aber auch ein wenig von sich und wie
es Ihnen in all der Zeit ergangen ist, seit wir uns zuletzt gesehen
haben!«
Ettore zuckte die Achseln, machte ein etwas verdrießliches Gesicht.
»Mein Gott, Herzogin, was kann ich Ihnen von mir viel erzählen! Ich
habe mich verheiratet, habe zwei Kinder --«
»Wen haben Sie geheiratet?«
»Meine Frau ist eine Deutsche, eine deutsche Offizierstochter!«
»Nein, wie romantisch!«
Ettore meinte in diesen Worten einen spöttischen Vorwurf zu spüren und
beeilte sich, der Amerikanerin klarzumachen, daß seine Frau Vermögen in
die Ehe gebracht hätte. Die Herzogin hörte ihm aufmerksam zu und meinte:
»Also nicht nur Romantik, sondern auch noch Geld! Wahrhaftig, Conte,
Sie haben Ursache, mit Ihrem Los zufrieden zu sein! Mir scheint aber,
Sie sind es nicht --«
»Ich war es bis heute!«
Es war ein klein wenig wahre Empfindung in dem, was Ettore da sagte,
zum größten Teil aber war es nur die galante Schmachterei, die er
hübschen Frauen gegenüber gerne anlegte. Die Herzogin täuschte sich
auch über die Tragfähigkeit seiner Antwort nicht, wie sie sich
überhaupt von ihm und seinesgleichen viel weniger täuschen ließ, als
er meinte. Wohl blieb sie immer noch in Venedig ihm zuliebe, weil es
ihr Spaß machte, mit ihm zu flirten, aber sie kannte ihm gegenüber
weder tiefere Zuneigung noch gar irgendeine Absicht. Der Ehrgeiz ihres
Lebens war an dem Tage gestillt worden, da sie Herzogin von Bressières
wurde, jetzt dachte sie nur daran, ihre junge Witwenschaft zu genießen
und entweder durch ihre Eleganz oder durch ihr Kunstmäzenatentum von
sich reden zu machen. Sie war fest entschlossen, ihren Titel nicht
gegen einen geringeren einzutauschen und sich überhaupt nur wieder zu
vermählen, wenn ein Prinz aus regierendem Hause in Frage kam. Ettore
aber verstand diese einfache amerikanische Psychologie nicht. Er
bildete sich ein, daß er heute einen ungleich tieferen Eindruck auf
Maud machte als damals, und er verwünschte immer wieder seine Ehe, die
ihn nun daran hinderte, sein wahres Glück zu erreichen.
Maud sagte:
»Kann man Ihre Frau nicht einmal sehen? Ich bin doch sehr neugierig auf
sie und möchte sie gerne kennen lernen!«
Ettore beeilte sich zu versichern, daß Elisabeth und er glücklich sein
würden, die Herzogin im Palazzo Priuli zu empfangen. Maud nickte.
»Schön, ich werde in den nächsten Tagen meinen Besuch machen. Meinen
Besuch bei Ihrer Frau! Außerdem will ich natürlich Ihre Galerie mit der
berühmten ›Dogaressa‹ sehen! Ich begreife gar nicht, daß mir das Bild
damals, als ich zuerst in Venedig war, entgangen ist!«
»Sie interessierten sich damals nicht für italienische Bilder,
ausschließlich nur für den Empfang am englischen Hofe!« sagte Ettore
mit zärtlichem Vorwurf. Maud lachte, meinte gleichmütig: »Ja,
ja, der Mensch ändert sich mit den Jahren,« und kehrte mit einer
Hartnäckigkeit, die Ettore erstaunte, zu Elisabeth zurück.
»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, wie Ihre Frau ist!«
»Mein Gott, kann Sie das wirklich so sehr interessieren?«
»Sehr!«
»Also: sie ist schlank und blond und hat blaue Augen und sehr guten
Teint --«
»Und Sie sind jedenfalls sehr glücklich mit ihr?«
»O ja.«
»Das klingt nicht enthusiastisch!«
»Wenn der Mensch acht Jahre lang verheiratet ist, blaßt der
Enthusiasmus allmählich ab. Und dann müssen Sie wissen, meine Frau ist
ein sehr merkwürdiges Wesen. Sehr kompliziert, sehr ... sehr ... ja,
ich weiß nicht recht, wie ich Ihnen das beschreiben soll! Sie hat eine
Seele, verstehen Sie?«
Maud sah ihn überrascht an.
»Natürlich hat sie eine Seele, die haben wir doch alle!«
»Ach nein, nicht so. Wissen Sie, was bei meiner Frau, bei einer
deutschen Frau diese sogenannte Seele ist, das verstehen weder Sie
noch ich. Das ist ein Vorwand, um einen bei jeder Gelegenheit zu
hofmeistern, von oben herab zu nehmen oder gar mit tränenvollen Augen
entsetzt anzusehen, selbst wenn man gar nichts getan hat. So eine Seele
wird auf die Zeit einfach unerträglich, für mich wenigstens, und ich
glaube, Maud, auch Sie könnten nicht mit einem Mann leben, der solch
eine Seele hat!«
»Gott bewahr' mich davor! Ich habe so etwas zwar nie aus der Nähe
gesehen, aber ich kann es mir schon ungefähr vorstellen. Ich hätte
übrigens nicht geglaubt, daß die Deutschen sich immer noch mit solch
antiquierten Dingen abgeben.«
Sie hätte gerne noch mehr von Ettores Ehe gehört, aber er ließ sich
nicht auf diesem Thema festhalten. Die Stunde bei Maud war immer so
schön, so heiter, daß er sie sich durch nichts verkümmern lassen wollte
und alle peinlichen Gedanken draußen, vor dem Portal des Hotel Danieli,
warten ließ. Und trübe Gedanken mehrten sich bei ihm von Tag zu Tag,
denn aus Pisa kamen Jammerbriefe, und es gab fast unausgesetzt Streit
zwischen Elisabeth und Ettore, denn Elisabeth fand, daß man sich von
der verblendeten Eleonore endgültig losmachen müsse, während Ettore
stets die Partei der Schwester nahm, sie entschuldigte und beklagte und
immer wieder Geld für sie von seiner Frau forderte. Freilich sah er
ein, daß es ihm auf die Länge nicht möglich sein würde, die Schwester
samt ihrem Ausbeuter über Wasser zu halten, und sein ganzer Wunsch ging
jetzt dahin, eine große, eine ungeheuer große Summe zu besitzen, so daß
er für Jahre hinaus imstande gewesen wäre, die Hände der Schwester zu
füllen, wann immer sie zu ihm kam. Wenn er jetzt in dieser Stimmung die
Herzogin von Bressières sah, hätte er am liebsten höhnisch aufgelacht
über sein eigenes Mißgeschick und seine eigene Torheit. Da saß die
Frau vor ihm, die den unermeßlichen Reichtum in Händen hielt, und er
war doch für immer getrennt von ihr, weil er damals nicht verwegen
und stark genug gewesen war, sie zu halten, weil er, statt mit ihr
um sie selber zu ringen, sie willig ausgegeben hatte, wegen einer
sentimentalen Grille, die er selbst nicht mehr verstand. Weil ihm das
Herz sehr voll war und man mit Maud über praktische Dinge gut reden
konnte, erzählte er ihr auch von dem Schicksal seiner Schwester und
jammerte über die trostlose Lage, in der sie sich befand, und in die
sie auch allmählich ihre ganze Familie hineinzog. Maud meinte ruhig:
»Bieten Sie dem Menschen doch Geld, damit er außer Landes geht, weit
fort, wo Ihre Schwester ihn nicht erreichen kann!«
»Eleonore liefe ihm nach, bis ans Ende der Welt!«
»Bis ans Ende der Welt, -- das ist nur eine Redensart! Bleiben wir
bei der Wirklichkeit, Conte! Wenn er sich morgen nach Südamerika
einschifft, und sie erfährt es erst zwei Tage später, ist die Sache mit
dem Nachlaufen schon bedeutend erschwert!«
Ettore sah sie verblüfft an.
»Aber er denkt gar nicht daran, sich einzuschiffen oder überhaupt
Italien zu verlassen!«
»Man muß ihm den Gedanken eben plausibel machen, natürlich mit Geld
plausibel machen! Sagen Sie ihm, er soll den Dienst quittieren, und
deponieren Sie für ihn auf einer Bank in Rio oder in Buenos Aires
100000 oder 200000 Lire, die er erheben kann, sobald er drüben ankommt
... Sie werden sehen, das zieht ihn hinüber wie der stärkste Magnet!«
»Nein, Maud, das alles geht nicht!«
»Warum geht es nicht?«
»Zunächst würde er nur hinüberfahren, um das Geld zu holen, und käme
alsbald zurück.«
»Das glauben Sie nur, weil Sie niemals drüben gewesen sind! Sie wissen
ja gar nicht, welchen Reiz das Leben drüben hat, gerade für Menschen,
die hier herüben immer mit dem Pfennig rechnen müssen und drüben mit
einemmal Geld verjubeln können!«
Ettore sagte beschämt:
»Ja, ich habe aber gar nicht so viel Geld, um es ihm zum Verjubeln zu
geben! Wir sind nicht in der Lage, mit den Hunderttausenden um uns zu
werfen!«
»Ich denke, Sie haben eine reiche Frau geheiratet?«
»Nur reich nach deutschen und nach unseren Begriffen.«
»Ja dann freilich ...«
Maud setzte das Gespräch nicht fort, aber um ihren Mund lag ein Zug
von geringschätzigem Mitleid, der Ettore verdroß. Und voll Zorn dachte
er an Elisabeth, die, wie er meinte, an dieser Beschämung Schuld trug,
weil sie sich nicht willig dazu hergab, das Paar in Pisa mit allen
Mitteln zu unterstützen.
Noch ehe die Herzogin ihren Besuch im Palazzo Priuli gemacht hatte,
lernten sich die Damen auf etwas seltsame Weise in den Giardini
Publici kennen. Elisabeth, die jetzt öfters hinüberfuhr, um dort mit
Carlo spazierenzugehen, stand mit ihm gerade vor dem Denkmal des am
Nordpol verschollenen Leutnants Guerrini, den Carlo persönlich gekannt
hatte, und ließ sich über das Leben und Verschwinden dieser tapferen
Jugend erzählen, was Carlo davon wußte. Während sie ihm zuhörte, sah
sie von ferne ein elegantes Paar den Weg nehmen, der auf das Denkmal
zuführte, und erkannte alsbald Ettore mit einer fremden, etwas
auffallenden Frau. Die Begegnung wurde allseits oder vielmehr von
dreien als peinlich empfunden, nur Maud lachte unbekümmert ein keckes
Lachen, das Elisabeth empörte und zugleich so befangen machte, als wäre
sie wirklich in irgendeiner Art schuldig gewesen. Als die üblichen
Vorstellungsformeln und höflichen Redensarten erledigt waren, gingen
die beiden Paare nun anders geordnet in dem großen Park ziellos umher,
voran Elisabeth und Maud, hinter ihnen Carlo und Ettore Priuli. Die
Stimmung war überall betreten und unbehaglich. Die Männer redeten
abgerissen und verdrießlich über allgemeine Dinge, die sie gar nicht
interessierten, Elisabeth und Maud suchten Anknüpfungspunkte, fanden
sie aber nicht, weil Elisabeth, die wohl merkte, daß sie unversehens in
falschen Verdacht geraten war, ihre Befangenheit unter einer kleinen
Hochmutsmiene verbergen wollte und doch empfand, daß die Amerikanerin
ihr nicht glaubte und sie im Innern belächelte. Während sie so
nebeneinander dahingingen, wurde Elisabeths Gesicht immer heißer, ihre
Verwirrung immer größer, und sie zermarterte sich den Kopf, um eine
Ausrede zu finden, die sie von der lästigen Gesellschaft befreien
konnte. Da auch Maud nach einiger Zeit fand, daß sie nun wieder lieber
allein mit dem scharmanten Ettore sein wollte, stieg man wieder in die
Gondeln, um noch ein wenig in der Lagune umherzufahren und vielleicht
irgendwo, wo es einem gerade gefiel, anzulegen. Nun saßen wieder Maud
und Ettore, Carlo und Elisabeth beisammen, aber Heiterkeit wollte nur
bei dem ersten Paar aufkommen. Die andern beiden blieben schweigsam
und fanden sich nicht mehr zusammen, so daß Elisabeth jetzt, wo aller
Frohsinn von ihr geschwunden war, mit forschenden Augen ihren Mann und
die Amerikanerin betrachtete und sich fragte, ob ihr auch die letzte
Demütigung von ihm nicht erspart bleiben sollte ... Die Gondel, in
der Ettore und Maud saßen, fuhr zuerst im Kielwasser der anderen,
langsam aber, ganz langsam blieb sie hinter ihr zurück, und mit kaum
merklicher Steuerung der Ruder nahm sie eine andere Richtung, daß sie
klein und kleiner zu werden schien und schließlich im Blau der Lagune
verschwunden war, ohne daß Carlo und Elisabeth es sogleich bemerkten. --
Einige Tage später erschien die Herzogin von Bressières im Palazzo
Priuli. Sie wurde mit großer Liebenswürdigkeit empfangen, nicht nur
von Ettore, sondern auch von Elisabeth, die sich heute, in ihrem
eigenen Heim, ungleich sicherer fühlte als auf fremdem Boden, und
die der Herzogin zeigen wollte, daß sie sich weder schuldbewußt
fühlte noch eifersüchtig war. Sie hatte für diesen Besuch, den sie
erwartete, sehr sorgfältig Toilette gemacht und gab sich Mühe,
nicht befangener und stiller zu sein als die Amerikanerin mit ihrer
selbstsicheren Heiterkeit, aber Ettore fand dennoch im stillen, daß
seine Frau verblüht, wie ein ausgewischtes Pastell neben der kräftigen
Frische Mauds aussah, und daß ihr Anzug bürgerlich wirkte neben der
Lorgnonkette, die Maud trug, und die immer abwechselnd aus einem
Solitär und einem Rubin bestand. Nach einer halben Stunde etwa stand
Maud auf, schüttelte Elisabeth herzlich die Hand:
»Ich hoffe, Contessa, Sie auch bei mir zu sehen, obgleich ich hier ja
nur ~sur la branche~ lebe! Aber ich denke, daß wir uns auch im Danieli
ganz gut unterhalten werden! Und nun, Conte, zeigen Sie mir Ihre
Galerie!«
Ettore begab sich mit Maud in die Gemäldegalerie, zeigte ihr die
verschiedenen Bilder, erläuterte sie mit eingelernten Phrasen wie ein
Kastellan. Maud besichtigte alles, gab ein Urteil ab, das sie für
sachverständig hielt, und das Ettore höchst überflüssig fand, weil
er überzeugt war, daß sie von Bildern genau so wenig verstand wie er
selbst. Vor der ›Dogaressa‹ blieb sie lange stehen, musterte sie zuerst
durch das Lorgnon, dann nähertretend mit unbewaffneten, zugekniffenen
Augen, trat wieder ganz zurück, legte die Hand beschattend an die
Schläfe und sagte schließlich:
»Ungewöhnlich! Ja, das ist etwas Ungewöhnliches!«
Sie überlegte zwei oder drei Augenblicke, wandte sich dann zu Ettore,
der einen Schritt hinter ihr und ein wenig beiseite stand:
»Ich will dies Bild kaufen. Was kostet es?«
Ettore, der ihre Worte für einen allerdings nicht ganz verständlichen
Scherz hielt, lächelte verbindlich und entgegnete nichts. Sie aber
fragte zum zweitenmal, schärfer als vorhin:
»Hören Sie, Conte, ich beabsichtige, dies Bild zu erwerben. Machen Sie
mir Ihren Preis!«
Nun merkte Ettore, daß es ihr ernst war, und er beeilte sich, zu
erwidern:
»Das Bild ist unverkäuflich!«
»Wieso unverkäuflich? Sie haben ja noch gar kein Gebot getan!«
»Es ist unverkäuflich!«
»Lächerlich, nichts auf der Welt ist unverkäuflich! Hören Sie mich,
Conte, und überlegen Sie meinen Vorschlag! Ich glaube, der höchste
Preis, der bis jetzt für ein Bild, einen Rubens, gezahlt wurde, war in
London 80000 Pfund. Ich biete Ihnen für die ›Dogaressa‹ 2 Millionen
Lire!«
Vor den Augen Ettores, der bis jetzt alles nur für Gerede und Spiel
gehalten hatte, begann es zu flimmern. Er preßte die Hände zusammen wie
ein Verzweifelter.
»Ich kann Ihnen das Bild nicht geben.«
»Aber warum nicht?«
»Weil ich mit dem Gesetz in Konflikt käme. Wissen Sie denn nicht, Maud,
daß die Ausfuhr von Kunstgegenständen bei uns durch ein Gesetz verboten
ist?«
»O, das ist ein sehr dummes Gesetz!«
Sie betrachtete wieder das Bild, dann Ettore und fuhr mit der
Hartnäckigkeit eines Menschen fort, der gewohnt ist, alles zu haben,
was ihm gefällt:
»Sie werden doch nicht glauben, daß dies törichte Gesetz für mich ein
Hindernis ist ...«
»Es geht wirklich nicht, Maud, glauben Sie mir doch!«
»Also schön, dann lassen wir es! Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie
so eigensinnig sein können!«
Sie schien ein wenig zu schmollen und wandte sich zum Gehen. Sie hatte
aber doch bemerkt, daß in seiner scheinbar so bestimmten Ablehnung eine
leise Unsicherheit zitterte, und wenn sie auch jetzt von dem Erwerb
des Bildes nicht weiter sprach, so war sie doch entschlossen, nicht
davon abzustehen und die Zaghaftigkeit Ettores mit ihrer eigenen naiven
Skrupellosikeit zu übertäuben.
In Ettore wirkten ihre Worte mächtig nach. Wo er ging und stand, hörte
er immer die Verheißung, die sie so leichthin gegeben, eine Verheißung,
die ihm endlich die märchenhafte Summe versprach, an der sein und
seiner Schwester Glück und Freiheit hing. Wieder und immer wieder
durchjagte er mit heißem Kopf alle blendenden Möglichkeiten, die er mit
dieser Märchensumme erkaufen konnte, und er wußte nun, daß er von Mauds
Angebot nicht mehr lassen konnte, wenngleich das Gesetz dagegen sprach.
Wichtig war jetzt nur noch auszufinden, wie man, ohne Aufsehen zu
erregen, das Gesetz umgehen konnte, und weil Ettore an diesen Gedanken
alle Klugheit und alle Inbrunst wandte, deren er fähig war, fiel ihm
auch allmählich, im Laufe der nächsten Tage, ein Plan ein, der wohl
gelingen konnte, und der auch den ungeteilten Beifall der Herzogin von
Bressières fand.
14.
Elisabeth fragte bestürzt:
»Aber wie ist das nur möglich? Nie hat man doch hier von so etwas
gehört, am allerwenigsten in einer kleinen Privatgalerie!«