»Und wir sind das Publikum, das der Gauklerin auf ihre Mätzchen

hereinfällt!« sagte Elisabeth und zwang sich zu lächeln, denn sie

wollte das Gespräch nicht gar zu ernst und hart werden lassen. Die

Fürstin aber fuhr unbeirrt fort:

»Eine Gauklerin ist es, ein Bettelweib, das nichts von uns will als

Geld und immer wieder Geld! Haben Sie je schon etwas Geldgierigeres

gesehen, als die Venezianer sind?«

Elisabeth hätte gern erwidert, daß doch auch die Engländer nicht gerade

als Geldverächter galten, aber selbstverständlich sagte sie es nicht,

sondern meinte nur nachdenklich:

»Ach, wenn sie nur geldgierig wären, das wäre noch nicht das

Schlimmste! Aber es ist so schwer, sich in das fremde Volk

hineinzudenken und hineinzufinden. Ich hab' es bis heute noch nicht

gekonnt!«

»Ich hab' es nie gekonnt und will es auch nicht können.«

Sie sprachen noch lange hin und her. Keine erwähnte je ihren Gatten

mit Namen, keine sagte ein Wort über ihr eigenes Leben. Aber der

Name »Venedig« kehrte immer wieder, und es war zugleich rührend und

komisch, wie sie an diesen Namen alles richteten, was eigentlich an

den Mann gerichtet sein sollte, wie jeder Schmerz, jede Schande, jede

Bitterkeit, die sie von ihm erfahren hatten, immer wieder »Venedig«

hieß. So blieb es auch, als die Fürstin die Woche darauf den Tee bei

Elisabeth nahm und bei allen künftigen Teestunden im Palazzo Tassini,

denn der Fürstin gefiel es jetzt, mit Elisabeth zu plaudern und

verschleierte Bekenntnisse auszutauschen. Niemals aber fiel in diesen

Gesprächen ein Wort, das ganz persönlich lautete, niemals hieß es

»ich« oder »er«, sondern immer nur »man« und »Venedig«. Sie verstanden

sich auch so ganz gut, und jede von ihnen empfand es angenehm, daß die

Diskretion der andern jede Vertraulichkeit verscheuchte, die vielleicht

später einmal bereut werden konnte.

Elisabeth dachte nach dem ersten Besuch lange über die Fürstin nach.

Sie hatte, seitdem sie diese Frau zum erstenmal beim Blumenkorso

gesehen, niemals das Interesse für sie verloren, wenngleich die

Fürstin es nicht zu erwidern schien. Sie dachte nach und sagte sich,

daß etwas an dieser Frau interessant war, das nicht offen am Tage

lag und mit ihrem Wesen als Frau oder als Dame der Gesellschaft

keinen Zusammenhang hatte. Denn die Fürstin war weder geistreich noch

besonders gebildet und ihr Ideenkreis sehr beschränkt. Trotzdem konnte

man ihrer Erscheinung und dem, was sich in ihr versteckte, nachsinnen,

weil man eben fühlte, daß etwas in ihr sehr stark war und nur auf

den Augenblick wartete, wo es sich in seiner ganzen Stärke entladen

konnte. Ihre geradlinige Engländerei, die sich überall behauptete, sich

überall einen besonderen Umkreis schuf, war sicher nur ein Bruchteil

davon, aber schon neben diesem Bruchteil kam sich Elisabeth klein und

schwächlich vor, da sie ja fast immer versucht hatte sich anzupassen,

nie aber sich aufzulehnen und sich durchzusetzen.

Als sie das zweite oder dritte Mal bei der Fürstin war, fragte sie:

»Und Ihre Söhne, Fürstin, wo sind sie? Es würde mich sehr

interessieren, sie kennen zu lernen!«

Die Fürstin stand auf, holte von ihrem Arbeitstisch einen Lederrahmen,

der eine Kabinettphotographie umschloß, reichte sie Elisabeth lächelnd

hin:

Das Bild zeigte drei junge Leute im Alter von etwa fünfzehn bis zwanzig

Jahren. Die beiden jüngeren trugen die Uniform der Eton-Zöglinge,

während der älteste im Ruderanzug aufgenommen war. Man sah auch auf

der Photographie, daß die Söhne auffallend der Mutter glichen, von

ihr das rötliche Haar und die helle Haut geerbt hatten. Nur der

älteste sah trotzdem ein klein wenig in die Familie Tassini hinein,

aber auch er zeigte das lange, englische Kinn und den schmalen Mund,

dem man's anmerkte, daß er ihn beim Reden kaum öffnete. Voll Stolz

berichtete die Fürstin, daß dieser älteste, der natürlich Eton schon

hinter sich hatte, jetzt auf den Schlössern junger Studienkameraden

den Zauber englischen Countrylifes kennen lernte und den nächsten

Winter vermutlich in London zu Hof gehen würde. Elisabeth fand es so

absonderlich, sich diese drei angelsächsisch aussehenden Jünglinge als

Träger und Vertreter des weichen Namens »Tassini« zu denken, daß sie

lachend sagte:

»Weiß Gott, Fürstin, das Stück England, das Sie immer um sich haben

wollen, ist Ihnen in Ihren Kindern noch besser gelungen als in Ihren

Wohnräumen. Ihre Söhne haben doch nicht einen Zug vom Vater, nichts,

gar nichts Italienisches an sich --«

»Nein, gar nichts!«

Es klang wie Triumph.

»Sie lassen die Söhne in England erziehen?«

»Ja. Eton-College ist die einzige Schule, wo ein junger Mann erzogen

werden kann.«

»Aber werden sie dort nicht vollkommen Engländer?«

»Selbstverständlich! Was sollten sie sonst auch werden?«

Elisabeth lächelte.

»Nun, sie könnten doch zum Beispiel auch Italiener werden, Venezianer!

Das läge vielleicht sogar für Ihre Söhne sehr nahe --«

»Für mich ist es selbstverständlich, daß sie Engländer werden! Oder sie

brauchen es gar nicht mehr zu werden, sie sind es schon!«

Und die Fürstin erzählte bewundernd, daß ihre Söhne in allen Sports

und bei allen Wettspielen die ersten seien, daß sie besser Englisch

als Italienisch sprächen, und daß sie nichts so sehr bewunderten wie

englische Tüchtigkeit und englische Macht.

»Und welchen Beruf werden sie wählen, wenn sie die Schule verlassen

haben?«

Ehe die Fürstin antworten konnte, klopfte es leise an der Tür, und auf

ihr »~come in~« trat die Kammerjungfer ein, näherte sich der Fürstin

und flüsterte ihr in ehrerbietiger Haltung einige Worte zu. Die Fürstin

lächelte ein wenig spöttisch, nickte bejahend, sagte leise drei oder

vier Worte zu dem Mädchen, das alsbald wieder lautlos verschwand. Die

Fürstin wandte sich zu Elisabeth:

»~Il principe Tassini~ (es waren die einzigen italienischen Worte, die

sie gebrauchte) fragt, ob er eine Tasse Tee mit uns nehmen kann. Ich

hoffe, es ist Ihnen nicht unangenehm?«

Alsbald erschien auch der Fürst, sehr elegant, sehr aufgeräumt, mit

rollenden Augen, sorgfältig aufgewirbeltem Schnurrbart und jedes weiße

Löckchen auf seinem Kopf neckisch gerollt. Sobald er eine junge Frau

bei der Fürstin zu Besuch wußte, ließ es ihm keine Ruhe mehr, bis er

zwischen den Frauenkleidern saß und das fremde Parfüm der Besucherin

einatmete. Niemals sonst betrat er das englische Heim seiner Frau, aber

sobald er vom Haushofmeister erfuhr, daß eine Jugend bei der Fürstin

sei, ließ er durch die Jungfer anfragen, ob sein Erscheinen genehm

sei, und die Fürstin sagte immer mit ihrem spöttischen Lächeln: »Ja«.

Allerdings kam der Fürst auf solche Weise öfter als ihr lieb war, denn

im Laufe der Jahre wurde er in seinen Ansprüchen immer bescheidener,

und es genügte ihm jetzt schon, wenn die Besucherin nicht wirklich alt

und ausgesprochen häßlich war.

Er küßte zuerst Elisabeth, dann seiner Frau die Hand, verschlang

Elisabeth mit den Blicken, zwängte seine Riesengestalt in ein kleines

Stühlchen, das zwischen den Frauen stand, so daß Elisabeths Kleid

sein Knie streifte. Er erkundigte sich mit vielen Worten nach ihrem,

Ettores und der Bambini Befinden, sagte ihr in etwas altfränkischer Art

Schmeicheleien über ihr Aussehen, überstürzte sich mit ungeschickter

Galanterie sie zu bedienen, rückte unversehens immer näher zu ihr

hin, um sie deutlicher zu fühlen, um bei einer zufälligen Bewegung

ihre Hand zu streifen oder ihren blonden Kopf dicht an dem seinen zu

haben. Die Fürstin sah's und schien es doch nicht zu merken, nur ihre

Mundwinkel zuckten mit müder Geringschätzung. Sie war sehr höflich

mit dem Fürsten, behandelte ihn vollkommen als Besuch und führte die

Konversation genau so weiter, wie vorhin, da er eben eintrat. Aber

seltsam! War es das Zucken um ihre Mundwinkel, war es ihre kalte

Höflichkeit oder die Atmosphäre dieses Raumes, -- nach kurzer Zeit

schon schwand die Aufgeräumtheit und die galante Beflissenheit des

Fürsten dahin. Wohl drängte er sich immer noch an Elisabeth an, aber es

geschah fast mechanisch aus der Gewohnheit des alten Lebemanns heraus.

Seine Augen bekamen einen stieren, leichtumflorten Blick, und langsam

nahm sein ganzes Wesen wieder die lakaienhafte Gedrücktheit an, die

ihm in Gegenwart seiner Frau eigen war. Auch mit der Unterhaltung ging

es nach den ersten Phrasen etwas stockend, denn die Fürstin setzte

stillschweigend voraus, daß man in ihren Räumen Englisch sprach,

und der Fürst, der es nur radebrechte, noch dazu mit italienischem

Akzent, war häufig so unverständlich, daß Elisabeth immer wieder

fragen und sich Sätze von ihm wiederholen lassen mußte, was natürlich

die Konversation nicht belebte und die Stimmung nicht hob. Um ihm

schließlich etwas Angenehmes zu sagen, griff sie nach der Photographie,

welche die Fürstin vorhin, als er eingetreten war, neben sich gelegt

hatte:

»Die Fürstin hat mir soeben das Bild Ihrer Söhne gezeigt! Drei patente

Menschen, auf die Sie sehr stolz sein können!«

Der Fürst nahm ihr das Bild aus der Hand, diesmal ohne sie zu streifen,

sah es lange zärtlich an.

»Sie gleichen ganz meiner Frau, nicht wahr?« fragte er, Elisabeth

mit etwas vorgeneigtem Kopf anstarrend. Er sah in diesem Augenblick

wirklich nicht verführerisch, nur ein wenig komisch aus, aber in seiner

Stimme zitterte es wie eine leise Angst, wie eine Traurigkeit, daß

diese drei Söhne nichts, gar nichts von ihm genommen hatten. Er tat

Elisabeth leid, und sie beeilte sich darum, ihm zu versichern:

»Nur die beiden Jüngern! Der Aeltere, scheint mir, hat doch sehr viel

von Ihnen! Stirn und Augen sind doch ganz wie die Ihren, und sicher hat

er auch dunkle Augen, nicht wahr?«

Das Gesicht des Fürsten leuchtete auf. Wirklich, Luigi glich ihm,

Luigi hatte, wie Elisabeth vermutete, schwarze Augen, wenn auch nicht

so hervortretend und so rollend wie der Vater! Luigi war überhaupt

ein Prachtmensch, eine Hoffnung für die Zukunft, ein Sohn, wie man

ihn sich nur wünschen konnte. Er geriet in Feuer, da er diesen

Sohn rühmte, vergaß, daß er hier nur Englisch reden sollte, fiel

ins Italienische, sprach laut und lebhaft, mit großen Gesten und

pathetischen Worten, alles etwas massig und stark aufgetragen, wie

es zu seiner Erscheinung paßte, aber alles ohne falschen Klang, ohne

Aufdringlichkeit, durchströmt von einem Gefühl, das niemand diesem

alten Frauenjäger zugetraut hätte. Die Fürstin saß still und gerade,

hatte die Hände in den Schoß gelegt und sah unter gesenkten Lidern

darauf nieder. Mit unbeweglichem Gesicht hörte sie dem Fürsten zu.

Einmal nur hob sie die Augen, sah ihn schweigend an. Vor diesem Blick

erstarrte seine Lebhaftigkeit, seine Worte wurden kleinlauter, sein

Gefühl kroch wie beschämt in sein Herz zurück. Er seufzte leise, legte

das Bild der Söhne behutsam wieder neben seine Frau hin. Elisabeth

hatte den kleinen Vorgang beobachtet, und wenn sie ihn auch nicht recht

verstehen konnte, so ärgerte sie sich doch über die Härte, mit der die

Fürstin den Mann von allem wegscheuchte, woran er hing. Um dem Fürsten

Gelegenheit zu geben, noch mehr von seinen Söhnen zu sprechen, sagte

sie:

»Als Sie vorhin kamen, Fürst, hatte ich gerade gefragt, welchen Beruf

Ihre Söhne einmal wählen werden. Wissen Sie schon etwas darüber?«

Die Fürstin antwortete an seiner Statt, antwortete mit Absicht etwas

unbestimmt. Der Älteste wollte Luftschiffer werden, das stand fest,

aber über die beiden Jüngern sprach sie sich nicht deutlich aus.

Vielleicht daß der eine in diplomatische Dienste ging, der andere

Technik studieren wollte; aber das alles waren vorläufig nur Pläne,

wie Halbwüchsige sie eben machen, was sie wirklich wollten und werden

würden, ließ sich erst später sagen.

Der Fürst nickte zu allem; ein rechtes Gespräch über die Söhne kam

aber nicht mehr in Gang. Erst als sie sich wieder allgemeinen Dingen,

besonders jüngst verflossenen, pikanten Gesellschaftshistörchen

zuwandten, wurde der Fürst wieder lebhaft und heiter, flüsterte kleine

Zweideutigkeiten, die er selbst dröhnend belachte, und als er Abschied

nehmend Elisabeths Hand küßte, sah er wieder so lebensfreudig aus,

daß die Aehnlichkeit mit dem ~Re galantuomo~ deutlicher als sonst

hervortrat. Die Fürstin sah ihm nach, lächelte fast heiter und meinte,

indem sie sich langsam die Hände rieb:

»~Il principe Tassini~ befindet sich in einer großen Täuschung. Er

meint, seine Söhne zu kennen; niemand ist ihnen fremder als er. Er

bildet sich ein, Luigi gleiche ihm, aber Luigi gleicht mir genau ebenso

wie die Jüngeren. Sie sind alle wie ich, und wenn sie's auch noch nicht

sagen, so weiß ich doch, daß sie alles hassen und verachten, was ich

hasse und verachte.«

»Fürstin!«

Elisabeth rief es leise, bestürzt, als wolle sie die Fürstin mahnen,

auch jetzt nicht zu bekennen, was sie bis zum heutigen Tage jedem

verschwiegen hatte. Die Mahnung war überflüssig, denn die Fürstin

erschloß sich nicht, warf nur in scheinbar gleichgültigem Ton

abgerissene Sätze hin, in denen aber doch ihr ganzer Haß und die Rache

ihres verfehlten Lebens lag. Während sie sprach, preßte sie den Kopf

ein wenig hintüber an die Lehne ihres Stuhles, blickte in die sinkende

Dämmerung hinein, die ihr einen leisen Schleier übers Gesicht legte,

als schäme sich der scheidende Tag, ihr in die Augen zu sehen, während

sie sprach ...

Dem Fürsten die Söhne zu entfremden, -- das war ihr Ziel all die Jahre

her gewesen. Darum war sie bei ihm geblieben, darum hatte sie sich

selbst seit Jahren der Gegenwart ihrer Kinder beraubt, denn nichts

konnte sie bei ihrem Vorhaben so wirksam unterstützen wie die Erziehung

im englischen College. Dort lernten die jungen Tassinis das maßlose

Selbstbewußtsein der fremde Nation, hörten tagaus, tagein, daß es

nichts Besseres geben könne auf der Welt, als dem Land zu dienen, dem

ihre Mutter entsprossen war. Und wenn sie natürlich auch der Geburt

nach immerfort Venezianer bleiben mußten, im Herzen und im Leben

konnten sie Engländer sein und alles verachten, was vom Vater her kam.

Luigi würde wirklich Luftschiffer werden, aber natürlich ein Aeronaut

in Englands Dienst. Die beiden andern, die sich über ihre Ziele noch

nicht recht klar waren, die würden sich wohl mit dem Geld der Mutter

und des englischen Großvaters an englischen Kolonialunternehmungen

beteiligen oder sich große Landsitze in England kaufen und auf Du und

Du mit all den künftigen Lords weiterverkehren, mit denen sie jetzt

in Eton beisammen waren. Bis die Söhne mündig und also auch vor dem

Gesetz jedem väterlichen Einspruch entzogen waren, wollte die Fürstin

in Venedig bleiben und schweigen; der Tag, an dem auch der jüngste

Sohn mündig würde, war der große Tag ihrer Vergeltung. Dann wollte sie

mit ihren drei Söhnen Venedig und den Palazzo Tassini verlassen, und

der Fürst mochte alt und einsam seine Tage dort so traurig oder so

schändlich beschließen, wie es ihm gefiel. Nie mehr kehrte sie an die

Lagune zurück, oder wenn einmal, dann nur, um diesen Palast, in dem sie

all ihre Freude begraben hatte, an irgendeinen Kaufmann oder Händler

zu verkaufen, damit er auch nach außen hin erniedrigt wurde, wie er es

im Innern durch den Fürsten schon lange war. Elisabeth saß regungslos

und horchte, war bald von Grauen gepackt und bald von Bewunderung.

Sie hatte bisher in ihrem Leben wohl Antipathien oder Abneigung kennen

gelernt, nie aber einen Menschen, der fähig war zu hassen, wirklich

zu hassen und einer grausamen Rache durch ein Leben nachzugehen. Fast

beneidete sie die Fürstin um diese Ausschließlichkeit der Empfindung

und wußte doch, daß sie ihr nimmer Gefolgschaft leisten könne, denn

während der Haß der Fürstin so langatmig war, daß er alles Frühere

wegblies und über die Jahrzehnte hinreichte, sprach in Elisabeth immer

noch eine Stimme von dem, was einst gewesen war, von der Zeit, da sie

hier ihr ganzes Glück gefunden hatte. Leise sprach die Stimme und

erstarb in einer stummen Frage, auf die die törichte Seele Antwort

erhoffte, obgleich es doch keine Antwort mehr zu geben schien. -- --

11.

Elisabeth saß in der Galerie und kopierte eine kleine Landschaft von

Ruysdaels, die sie ihrem Vater schenken wollte. Eifrig saß sie an der

Arbeit und ließ sich nicht weglocken, obschon draußen ein jubelnder

Sonnentag lag, denn die Nachmittagsstunden waren die einzigen, in denen

sie zur Sommerzeit ungestört malen konnte. Vormittags war die Galerie

für Fremdenbesuch geöffnet, und wenn Elisabeth auch immer wieder

entschlossen war, sich um die Besucher nicht zu kümmern und zu tun,

als ob sie allein wäre, so störte es sie doch, wenn alle Augenblicke

einer neben sie trat, Original und Kopie mit den Blicken verglich

oder gar halblaute Bemerkungen über die Malerin machte. An diesen

Nachmittagen aber war's hier einsam und friedlich, kein Laut ertönte,

als von draußen die Rufe der Gondolieri und das sanfte Plätschern,

mit dem die Welle von den breiten Rudern abfloß. Fast hätte Elisabeth

sich einbilden können, daß sie wieder daheim in der Pinakothek oder

der Schack-Galerie sitze und emsig für irgendeinen Besteller oder auch

nur einen ersehnten Käufer ihr Bild pinsele. Da sie's dachte, wurde

ihr zuerst froh und dann melancholisch zumute, denn dies alles schien

schon so weit hinter ihr zu liegen, daß sie es kaum mehr mit Gedanken

erreichen konnte. Und als sie sich Mühe gab, sich die Mädchenjahre

deutlicher zu vergegenwärtigen, als es ihr schon fast gelungen war,

da störte sie überlautes, schreiendes Sprechen, das von den Zimmern

der alten Gräfin her drang. Elisabeth trat ein wenig von der Staffelei

zurück, faßte Palette und Malstock in die linke Hand und lauschte

mit vorgeneigtem Kopf. Sie konnte natürlich nicht verstehen, was da

drüben geredet oder geschrien wurde, sie unterschied aber deutlich

Eleonorens Stimme und die der alten Gräfin. Es mußte heute ungewöhnlich

heftig zwischen den beiden Frauen hergehen, denn die Stimme der alten

Gräfin verlosch immer mehr, wurde völlig verschlungen von dem Toben

Eleonorens, die immer wieder rasend aufschluchzte und dazwischen

schmetternd zu Boden warf, was ihr in die Hände kam. Einen Augenblick

überlegte Elisabeth, ob sie nicht hinübergehen und die Damen mahnen

sollte, sich doch wegen des Aufhebens im Hause ein wenig zu mäßigen.

Sie wußte ja, daß, sobald Eleonore kam, die Dienstboten neugierig

herbeihuschten, um in verborgenen Winkeln oder unter allerlei Ausreden

dicht vor der Tür zu erlauschen, was sich in den Gemächern der alten

Gräfin an Zank und Skandal zutrug. Sie ging aber doch nicht hinüber,

sondern blieb in der Galerie. Schließlich konnten die Dienstleute heute

nichts anderes erfahren, als was sie an allen Tagen vorher erfahren

hatten, und was alle Spatzen von den Dächern pfiffen! Sie hatte zu

Anfang wohl ein oder das andere Mal versucht, Frieden oder wenigstens

äußerlich Ruhe zu stiften, aber es war ihr nie gelungen. Vielmehr waren

jedesmal die drei Priuli gegen sie zusammengestanden und hatten ihr

bedeutet, daß sie sich nicht in Angelegenheiten mischen sollte, die sie

nichts angingen.

Nachdem das rasende Schluchzen und Toben eine Weile gewährt hatte,

riß jemand in den Gemächern der Gräfin eine Türe auf, schlug sie

hastig hinter sich wieder zu, und Elisabeth wußte, ohne daß sie es

sah, daß Eleonore zerrauft und verweint von der Mutter fortstürmte zu

der Gondel, die drunten angekettet lag. Elisabeth sah ihr nicht nach,

kümmerte sich scheinbar um die ganze Szene nicht weiter, wenngleich sie

jedesmal verstimmt und angeekelt blieb, wenn sie zum unfreiwilligen

Zeugen ähnlicher Auftritte gemacht wurde. Sie malte weiter, gab sich

Mühe, nicht an das zu denken, was sie soeben erlauscht hatte, obschon

sie sich sagte, daß sich heute etwas Außergewöhnliches bei ihrer

Schwiegermutter zugetragen haben müsse. Sie wunderte sich darum auch

nicht sehr, als die alte Gräfin nicht bei Tisch erschien und sagen

ließ, sie läge mit Kopfschmerzen zu Bett. Sie fragte Ettore:

»Deine Mutter ist doch wohl nicht ernstlich krank? Soll ich zu ihr

gehen und mich nach ihr umsehen, oder glaubst Du, daß es ihr lieber

ist, wenn man sie allein läßt?«

Ettore zerpfückte eben sorgsam und sachverständig eine in Oel gesottene

Artischocke. Er hob jetzt die Augen vom Teller, sah seine Frau vergnügt

an.

»Aber nein, laß nur! Bis morgen ist es sicher vorbei! Sie hat nur ein

wenig Verdruß mit Eleonore gehabt, aber es ist nichts, wirklich gar

nichts!«

Er häufte sich zum zweitenmal Artischocken auf, sprach mehr und

liebenswürdiger mit Elisabeth, als es sonst seine Art war, schien

überhaupt aufgeräumt und von innen heraus zufrieden.

Elisabeth konnte nicht recht aus ihm klug werden, verstand vor

allem nicht, daß er so guter Laune war, während er sonst doch alles

miterlebte und mitteilte, was seine Mutter und seine Schwester betraf.

Als Elisabeth sich wie immer nach der Mahlzeit in ihr Zimmer zurückzog,

um ein wenig Zeitungen zu lesen, kam Ettore ihr nach, setzte sich

behaglich in einen Lehnstuhl, zündete eine Zigarette an und blies

vorsichtig und geschickt Rauchkringel ins Zimmer hinein. Elisabeth

saß ihm gegenüber, nahm bald eine deutsche, bald eine italienische

Zeitung zur Hand, wollte lesen oder wenigstens lesend scheinen und war

doch innerlich unruhig, ergriffen von einer plötzlichen Angst, daß

irgend etwas passiert sei, daß Ettore ihr am Ende wieder eine ähnliche

Beichte ablegen könne wie damals, in jener Nacht ... Sie versuchte

einen Zusammenhang zu finden zwischen der Szene bei der Gräfin und der

Aufgeräumtheit Ettores und meinte nicht anders, als daß er sie durch

seine Heiterkeit und Freundlichkeit im vorhinein für irgend etwas

gefügig machen wolle. Sie saß hinter ihrem Zeitungsblatt, wartete,

daß er endlich sprechen sollte, und meinte in diesen Minuten, daß

kein Wort von ihm, auch nicht das schwerste, ärger sein könne als dies

Warten. Ettore aber blies immer noch seine Rauchkringel so bedacht,

als wären sie der Inhalt und der Zweck seines Daseins, rekelte sich

ein wenig in seinem Sessel, sah über das Zeitungsblatt weg seine Frau

an und lächelte ihr zu, wie im Triumph. Er lehnte sich in seinen Stuhl

zurück, atmete tief und sagte:

»Gott sei Dank, endlich sind wir ihn los!«

Elisabeth ließ das Blatt sinken, sah ihn verständnislos an.

»Los? ... Wen? ... Ich verstehe nicht ...«

Ettore lachte hell auf.

»Du bist kostbar! Wenn ich sage ›wir sind ihn los‹, so kann ich doch

nur +einen+ meinen.«

Elisabeth verstand ihn noch immer nicht.

»Herrgott, Du bist wirklich naiv! Also, in klaren Worten: Eleonorens

Leutnant ist versetzt worden, sein Regiment geht nach Pisa! Ich sage

Dir, ich bin so vergnügt darüber, als ob ich das Große Los gewonnen

hätte. Nun wird endlich Ruhe werden, und Eleonore wird sich auf

sich selber besinnen und sich schämen, daß sie sich an solch einen

Windbeutel hing!«

Elisabeth war so erstaunt über das, was sie da hörte, und was so

verschieden von dem klang, was sie erwartet hatte, daß sie fragte:

»Ist das wahr? Kommt er wirklich fort?«

»Aber Du hörst es ja, nach Pisa! Ich hab' es mittags im Klub erfahren,

und vorhin sah ich Eleonore aus dem Hause rasen. Na, mir tut nur die

arme ~mamma~ leid, die das alles wieder aushalten muß.«

»Wenn nur wirklich jetzt endlich alles zu Ende ist und Eleonore

vernünftig wird!«

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 12 / 18 段