und geschluchzt hatte, war er auch müde wie ein verweintes Kind, legte
sich zu Bett und schlief bis in den Mittag hinein einen bleischweren
Schlaf. Als er aufwachte, fühlte er sich wohl und erquickt, und als er
gar erst die Sonne am Himmel stehen sah, kam ihm diese ganze Nacht nur
wie ein unwahrscheinlicher Spuk vor. Er machte sorgfältig Toilette,
frühstückte behaglich und spürte nur eine leise Verlegenheit, als er
des Geldes wegen in das Zimmer seiner Frau gehen mußte. Elisabeth hatte
auf den ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters hin die Verwaltung ihres
Vermögens in Händen behalten, und wenn auch Ettore stets jede Summe
hatte erheben können, die er wollte, so bedurfte er doch jedesmal die
Unterschrift seiner Frau. Um die ganze Geschichte ihrer Wichtigkeit
zu entkleiden und sie nur wie ein kleines peinliches Abenteuer
darzustellen, gab er sich Mühe, recht sorglos auszusehen, legte sein
scharmantes Lächeln auf und spazierte heiter, Hut und Stöckchen in der
Hand, zu seiner Frau hinein.
Wie er sie erblickte, wurde ihm unbehaglich zumute. Er merkte, daß sie
wieder das Gesicht trug, das er schon auf der Hochzeitsreise an ihr
gesehen hatte und später noch einmal, nach der Heimkehr von den Gütern,
-- das Gesicht der fremden Frau, die er nicht kannte. Er küßte ihr die
Hand, erkundigte sich teilnehmend, wie sie geschlafen habe. Dann mit
leiser, schmelzender Stimme:
»~Carina~, möchtest Du mir nicht den Scheck ausfüllen? Ich will diese
leidige Angelegenheit doch so bald wie möglich in Ordnung bringen!«
Sie stand an ihrem Schreibtisch, reichte ihm den Scheck, der schon seit
heute morgen ausgestellt dalag. Sie kämpfte noch mit sich, denn es war
ihr peinlich, dem Manne Vorwürfe zu machen oder Verhaltungsmaßregeln
zu geben, aber sie bezwang sich und sagte, während sie ihm den Scheck
reichte:
»Ettore, so peinlich es mir auch ist, so muß ich doch noch zwei Worte
über diese Sache sprechen. Ich habe Dir stets meine Bereitwilligkeit
gezeigt, all Deinen Wünschen und Neigungen entgegenzukommen, und ich
gebe Dir auch heute diesen Scheck, weil ich weiß, daß Spielschulden
innerhalb vierundzwanzig Stunden zu bezahlen sind. Aber ein zweites
Mal tu ich's nicht, merk' Dir das! Ich habe nicht Lust, das Vermögen
der Kinder von Dir verspielen zu lassen. Es heißt ja wohl, einmal ist
keinmal, darum wollen wir über das, was gestern nacht war, nicht weiter
reden, aber ich bitte Dich um Deinet- und um meinetwillen, tu' es kein
zweites Mal, denn es gäbe nur peinliche Szenen und für Dich jedenfalls
die unangenehmsten Folgen. Es gibt Dinge, von denen mich kein Mensch
auf der Welt, auch Du nicht, abbringen kann. Zu diesen Dingen gehört
meine Verachtung für alles, was Spiel und Spieler heißt, und ich würde
mich unter keiner, hörst Du, unter keiner Bedingung dazu hergeben,
einem Spieler irgendwie zu helfen --«
Ettores Gesicht, das zu Anfang dieser Rede noch lächelnd, ja, ein wenig
unterwürfig ausgesehen hatte, wurde jetzt finster, und seine Augen
flimmerten zornig. Er sagte grob:
»Beruhige Dich, ich werde Dich nie mehr in Anspruch nehmen. Man ist ja,
Gott sei Dank, auf +Dein+ Geld nicht angewiesen!«
»Um so besser für Dich!«
»Ja wahrhaftig! Blut bleibt eben Blut, und Eleonore ist eine Priuli,
nicht eine deutsche Kleinkrämerin wie Du!«
Da Ettore so verständlich andeutete, daß er ein andermal den reichen
Mann der Schwester in Anspruch nehmen würde, erschrak Elisabeth,
wollte aufschreien, daß um nichts auf der Welt Ettore jemals bettelnd
zu Lissignolo gehen dürfe, aber sie besann sich und wandte sich nur
schweigend von ihm ab.
Von diesem Tage an haßte Ettore seine Frau. -- --
Unaufhörlich erwog nun Elisabeth in ihrem Kopf die Frage, ob Ettore
wirklich einmal den verächtlichen Mut haben würde, mit fordernder Hand
vor seinen Schwager hinzutreten. Sie konnte es nicht glauben, hielt
es nur für eine brutale Renommisterei, mit der er sie hatte ärgern
wollen, denn sie hatte immerfort das Gefühl, als ob sie alle Lissignolo
gegenüber schuldig wären, schuldiger als die alte Gräfin und Ettore
freilich sie. In jener Nacht, da sie Eleonore bei der Heimkehr ertappt
hatte, war es ihr wohl selbstverständlich erschienen, daß sie das
Mädchen nicht verraten, nicht einen ungeheuren Skandal über die ganze
Familie heraufbeschwören durfte. Freilich hatte sie damals geglaubt,
daß Eleonorens wildes Blut sich in der Ehe sänftigen und daß sie zum
mindesten den Versuch machen würde, Herrn Lissignolo eine gute Gattin
zu sein. Sie hatte ja nichts, gar nichts von der verwegenen Psychologie
dieses Mädchens erfaßt, das zugleich leidenschaftlich und berechnend,
alles dem +einen+ Gefühl unterordnete, von dem es beherrscht war, das
Gut und Böse kaum mehr unterschied und nichts wollte als den Mann, dem
es verfallen war. So lachte denn seit langem schon ganz Venedig über
den ältlichen Bankier, der nicht merkte, wie seine Frau ihn betrog, wie
sie mit dem Geld, das sie ihm abschmeichelte, zu dem Liebhaber lief,
der immer verwöhnter, immer luxuriöser wurde und die Reitpeitsche hob,
wenn Eleonore nicht genug brachte. Es schien Elisabeth unbegreiflich,
wie dieselbe Frau den einen Mann so schamlos betrügen und dem andern
so sklavisch ergeben sein konnte, und zu Anfang glaubte sie auch noch,
daß Eleonore sich durch Vorstellungen von ihrem Irrtum abbringen ließe
oder daß die Roheiten des Liebhabers sie ernüchtern und zur Besinnung
bringen würden. Doch zum zweitenmal täuschte sie sich über diesen
Frauencharakter und den Weg, der ihm vorgezeichnet war. Eleonore
versprach zwar immer wieder alles, was man wollte, schwur bei allen
Heiligen und beim Glauben an ihre ewige Seligkeit, daß sie sich aus
den schmählichen Banden lösen würde, konnte nicht genug Schlechtes von
dem Liebhaber erzählen, der sie mißhandelte und obendrein noch mit
wahnsinniger Eifersucht quälte, lief aber doch wie eine Hypnotisierte
zu ihm hin, sobald er schrieb: »Ich erwarte Dich!«
Da Elisabeth sah, daß alles vergebens war, zog sie sich unauffällig von
Eleonore zurück, die aber trotzdem fast täglich in den Palazzo Priuli
zu ihrer Mutter kam. Niemals betrat Elisabeth die Zimmer der alten
Gräfin, wenn Eleonore da war, aber sie hörte bis in ihre Wohnung, daß
es zwischen den beiden Damen Priuli häufig nichts weniger als friedlich
herging. Sie zankten und schrien miteinander, und Elisabeth wußte, daß
der Streit dann immer um Eleonorens Liebhaber ging. Die alte Gräfin
hatte freilich nicht genau gewußt, aber doch geahnt und gefürchtet,
daß alles so kommen würde, wie es gekommen war, und darum auch hatte
sie nicht ins Haus zu der Tochter ziehen wollen. Vor der Zeit alt
geworden, begriff sie nichts mehr von der seltsamen Hörigkeit, zu der
eine unselige Leidenschaft verdammt, verstand nicht, daß es Eleonore
nicht genügte, behaglich im Reichtum zu sitzen, und jammerte immer
wieder, daß die Priuli eben kein Glück hätten. Elisabeth sagte ihr dann
wohl einmal unter vier Augen:
»Du irrst Dich, die Priuli +haben+ wohl Glück, aber sie +geben+ keines!«
»O, sage das nicht! Sie verlieben sich nur immer in Menschen, die sie
dann mißhandeln oder die nicht zu ihnen passen!«
Elisabeth hatte es längst aufgegeben, auf solche Reden zu antworten.
Gerne überließ sie den Streit den beiden Damen, die nicht müde wurden,
ihn zu erneuern. Mehr als einmal schon war Eleonore erhitzt, mit
funkelnden Augen und schiefgerücktem Hut aus dem Zimmer ihrer Mutter
gestürzt, hatte laut geschrien, daß es durchs Haus hallte: »~Mai più
... no, no, mai più ...~«, aber trotzdem war sie auch am nächsten Tag
wieder gekommen, wie an allen vorhergehenden, und unter Tränen und
Küssen feierten die beiden Frauen Versöhnung, die freilich kaum bis zum
übernächsten Tag anhielt. Als Friedensstifter zwischen ihnen trat nicht
selten Ettore auf, der an der Schwester hing wie in früheren Tagen, und
mit der man ihn so häufig sah, als wären sie beide unvermählt. Mitunter
schrie er die beiden Damen heftig an, daß sie nun endlich Ruhe geben
sollten, mitunter brachte er sie durch sein scharmantes Wesen und ein
paar Witze zu Heiterkeit, und weil er fühlte, daß er in dem Zimmer
seiner Mutter etwas galt und etwas wie eine Macht vorstellte, saß er
stundenlang mit der ~mamma~ und der Schwester beisammen und redete
mit ihnen, was sie alle drei lebhaft interessierte, Nichtigkeiten
und Klatsch. Zuweilen legten sie auch gemeinsam Patiencen, die, je
nachdem sie ausgingen oder nicht ausgingen, eine Frage bejahten oder
verneinten, am öftesten aber rückten sie ihre Stühle näher zusammen,
sprachen leiser und sahen verstohlen nach der Tür, als ob draußen die
stände, von der sie redeten und flüsterten, -- Elisabeth.
Elisabeth dachte aber nicht daran, die Lauscherin zu spielen. Sie
wußte, auch ohne daß ihr Ohr es hörte, was in der Wohnung ihrer
Schwiegermutter vorging. Verstand, daß dort die fremde Brut saß, die
zusammen gehörte und zusammenhielt, und sie hatte mitunter das Gefühl,
als müsse sie ersticken vor Zorn und Ekel.
In der letzten Zeit, seit jener Nacht, da Ettore seinen Spielverlust
gebeichtet, wendete sie freilich kaum mehr einen Gedanken an die
Familienzusammenkünfte bei der alten Gräfin. Sie war jetzt erfüllt
von einer beständigen inneren Unruhe, von einer Angst, als ob sie
immerfort auf Glatteis dahinginge und jeden Augenblick tödlich stürzen
könnte. Was blieb ihr zu tun, wenn Ettore nicht bloß zufällig einmal
gespielt hatte, wenn das Spiel für ihn zu einer Leidenschaft wurde,
der er besinnungslos alles opferte? Es war nur natürlich, daß sie, die
in Offizierskreisen aufgewachsen war, sich über Spiel und Spieler
keine Illusionen machte, daß sie ziemlich genau wußte, wie selten es
vorkommt, daß einer nur einmal spielt und dann nie wieder. Jede Nacht
legte sie sich jetzt mit der Furcht zu Bett, daß die schreckliche
Szene von neulich sich wiederholen könne, und immerfort forschte sie
heimlich in Ettores Gesicht, ob es heiter war oder verstimmt, horchte
sie mit Herzklopfen auf, ob er in den Klub ging oder ob er ungewöhnlich
spät nach Hause kam. Doch Woche auf Woche verstrich, Monat reihte sich
an Monat, und nichts von dem, was sie ängstigte, war eingetroffen.
Ettore war müßig, sorglos und heiter wie immer, nur wenn er zu seiner
Frau sprach, hatte sein Mund einen gezerrten Ausdruck, und seine
Augen flimmerten wie in verstecktem Haß. Elisabeths gespannte Nerven
zitterten nun vor seiner heitern Miene mehr noch als vor seiner
verstörten. Wie, wenn alles nur Schein, nur Komödie wäre, wenn er
wieder und wieder gespielt hätte und durch die Schwester den Schwager
in Anspruch nahm?! Sie fühlte, wie ihr heiß wurde bei der Vorstellung,
daß sie vielleicht, ohne es zu wissen, Lissignolo noch mehr verschuldet
sei als zuvor, daß vielleicht schon jetzt ganz Venedig bedauernd über
sie die Achseln zuckte, geradeso wie über Lissignolo, der ja auch nicht
wußte, was ihm geschah ...
Neben diese peinlichen Vorstellungen trat eine nicht minder peinliche
Wirklichkeit. Bis zu jener verhängnisvollen Nacht hatte Elisabeth die
Verwaltung ihres Vermögens ganz und gar ihrem Mann überlassen, nun
aber war ihr Vertrauen zu ihm geschwunden, und sie erkannte es als ihre
Pflicht, selbst zur Bank zu gehen und sich den Stand ihres Besitzes
klar darlegen zu lassen. Sie hatte Mühe, ihren Schreck zu verbergen,
als der Beamte ihr die Ziffern des Kontos nannte, denn sie hatte nicht
geglaubt, ja nicht einmal geahnt, daß die große Mitgift, die sie ins
Haus gebracht hatte, binnen ein paar Jahren so rasch zusammenschmelzen
konnte. Man konnte nicht daran denken, je wieder einzuholen, was
Ettore in Gedankenlosigkeit oder Freude an Luxus vertan hatte, aber
man mußte wenigstens trachten, den Besitz nicht weiter zu mindern
und durch kleine, heimliche Einsparungen den allzu großen Haushalt
allmählich einfacher zu gestalten. Elisabeth war ja nur ganz kurze Zeit
ein reiches Mädchen gewesen, hatte die längste Zeit ihres Lebens die
Existenz der armen Offizierstochter geführt, aber es tat ihr jetzt doch
bitter weh, daß die schöne Sorglosigkeit dieser letzten Jahre schon
wieder vorüber war, daß sie wieder wie einst hinter einer glänzenden
Außenseite Geldsorgen und Kümmernisse verstecken sollte.
Seit der Taufe des ersten Kindes war Elisabeths Vater nur mehr
vorübergehend in Venedig gewesen. Er ging dem Schwiegersohn aus dem
Wege, denn wenn Elisabeth auch nie direkt über Ettore klagte, so las
der Oberst doch aus ihrem müden Gesicht und zwischen den Zeilen ihrer
Briefe, daß sie nicht glücklich war. Als sie ihm dann in der Erregung
über Ettores Spielverlust zum erstenmal einen verzweifelten Brief
sandte, antwortete er ihr: »Ich begreife Deinen Schrecken sehr wohl,
wenngleich ja ein einmaliges Vorkommnis noch nicht zu der Annahme
berechtigt, daß Ettore wirklich ein Spieler ist, zudem wir ja früher
nie etwas von einer Leidenschaft für Jeu an ihm bemerkt haben. Aber in
Deinem Brief steht noch viel mehr als bloß die Geschichte mit den 80000
Lire, es stand auch schon in frühern mancherlei, was mich sehr stutzig
gemacht hat, über das ich aber schwieg, weil ich es mehr herausgelesen
habe, als Du es hineingeschrieben hast, und weil es keinen Sinn hat,
über Dinge zu korrespondieren, die sich nicht fassen lassen. Jetzt aber
meine ich, daß der Augenblick gekommen ist, wo man oder vielmehr wo ich
den Stier bei den Hörnern packen muß. Also: ich bin überzeugt, daß Du
gar nicht glücklich bist, und darum sag' ich Dir: ›Nimm Deine Kinder
und den Rest des Geldes, den der Conte Priuli noch übriggelassen hat,
und komm heim!‹ Venedig mit allem Drum und Dran war offenbar ein großer
Irrtum von uns, -- gestehen wir uns das ruhig ein, verlassen wir ihn
und versuchen wir, Dir in der Heimat ein anderes Glück aufzubauen oder
wenigstens Dich wieder zufrieden und ein bißchen heiter zu machen!«
Als Elisabeth diesen Brief gelesen hatte, war's ihr, als ob an einem
venezianischen Regentage ein breites Tor im Palazzo Priuli aufspränge,
ein Tor, durch das sie die Heimat sah mit Waldesrauschen und Vogelsang,
mit Menschen, die sprachen und fühlten wie sie. Wenn sie wollte,
konnte sie noch heute durch dies Tor hinausschreiten, der Verheißung
entgegen, die da mit allen Stimmen der Sehnsucht rief und lockte und
sang. Ueberwältigt von dem Glück, das der Vater vor ihr erschloß,
schlug sie die Hände vors Gesicht und war so wirr von jagenden
Gedanken, als ob ein beginnendes Fieber seinen unruhigen Traum um sie
breiten wollte. Willig überließ sie sich der holden Konfusion ihres
Gehirns, das gar keine Pläne schmiedete, keine Entschlüsse faßte,
sondern nur, wie von schwerem Druck entlastet, in der Vorstellung
schwelgte, daß nun alles Elend hier zu Ende sei und draußen, jenseits
des Tors, im Waldesrauschen der Frieden warte. Nach ein paar Stunden
aber war dieser Rausch der Empfindung vorüber, und da wußte sie, daß
sie dem Ruf des Vaters nicht folgen konnte. So schrieb sie denn am
übernächsten Tage an ihren Vater:
»Du glaubst ja gar nicht, wie glücklich mich Dein Brief gemacht
hat und wie gern ich ihm und Dir folgen würde, aber es geht doch
nicht. Es geht schon ganz einfach deshalb nicht, weil ich im
Augenblick keinen triftigen Scheidungsgrund fände, denn wegen
der einen Spielschuld würde mich nicht einmal ein deutscher
Gerichtshof scheiden, wieviel weniger gälte sie in einem Land,
das keine Ehescheidung kennt! Ich habe es hier schon ein paarmal
mit angesehen, wie entsetzlich schwer es ist, eine Trennung
durchzusetzen, selbst wenn die Schuld des Mannes nach unseren
Begriffen klar am Tage liegt. Ich könnte natürlich, wie Du meinst,
Kinder und Geld zusammenpacken und zu Dir fahren, aber Ettore würde
Hindernis auf Hindernis türmen und sich keinen Augenblick besinnen,
mir die Kinder mit Gewalt wegnehmen zu lassen. Er täte es erstens,
weil er an ihnen hängt, und zweitens, weil er die angenehme
Existenz, die ich ihm biete, nicht ohne weiteres aufgeben möchte.
Stelle Dir vor, was das für Aufregungen wären und was für Eindrücke
und Erinnerungen für die Kinder! Aber auch abgesehen davon käme
ich mir kläglich vor, wenn ich schon jetzt alles verloren geben
wollte, was mir doch einmal so viel bedeutet hat. Freilich habe
ich längst jeden Glauben an eine Umwandlung Ettores verloren, aber
dieser Mann war mir doch einmal so viel, daß ich mich noch immer
nicht völlig von ihm losreißen kann. Du wirst das wohl Schwäche
nennen, vielleicht auch recht haben, aber im Augenblick käme mir
eine Flucht zu Dir doch wie Kleinlichkeit und Feigheit vor. Ich
meine, man muß seinen Posten immer bis zuletzt ausfüllen, und wenn
man ihn sich noch selbst herausgesucht hat, erst recht. Erst wenn
mir das Gesetz und meine eigene Erkenntnis bestätigen würden, daß
ich recht tue, wenn ich meinen Mann verlasse, werde ich heimkehren.
Bis dahin aber halte ich aus, so schwer es auch mitunter sein mag,
denn jetzt haben wenigstens die Kinder Ruhe, während sie, wie ich
Dir schon sagte, den gewalttätigsten Szenen ausgesetzt wären, wenn
ich fortginge, ohne dazu berechtigt zu sein.«
In all der Zeit, da Elisabeth in Venedig lebte, hatte sie unter den
Damen ihres Kreises keine Freundin gefunden. Für alle war sie immer die
Fremde geblieben, und sie selbst hatte zu keiner ein Herz gefaßt, hatte
sich nie in die Interessen und Anschauungen der andern hineinleben
können. Nun aber näherte sich ihr, just in den Tagen, da in den Salons
die Legende aus den achtzigtausend Lire bereits zweimalhunderttausend
gemacht hatte und jeder mit Neugier auf Elisabeths Gesicht sah, nun
näherte sich ihr die Frau, von der sie es am allerwenigsten vermutet
hätte, -- die Fürstin Tassini.
Seitdem Elisabeth anfing, weniger glücklich und enttäuscht auszusehen,
hatte die Fürstin sie mit wachsendem Interesse betrachtet. Wenn auch
ihre Miene gleichgültig und ablehnend blieb, so verfolgte sie doch
aufmerksam jede Spur, die sich in das Gesicht der anderen Frau eingrub,
die wie sie aus fremdem Land hergekommen war, um hier vermutlich
dasselbe Schicksal zu erleben wie die Engländerin. Sie sprach jetzt in
Gesellschaften Elisabeth öfters an, hielt sie im Gespräch fest, ohne
indes je durch einen wärmeren Tonfall oder ein vertraulicheres Wort
Freundschaftlichkeit zu verraten. Als dann allmählich durchsickerte,
daß die Ehe Priuli doch wohl nicht so gut ging als sie aussah, als
die Damen der Gesellschaft merkten oder von ihren Männern und Brüdern
erfuhren, daß Ettore wieder wie früher allerlei Abenteuern nachstieg,
und als gar erst die Legende von den verspielten Hunderttausenden
überall bekannt und besprochen wurde, fragte die Fürstin Elisabeth
gelegentlich, ob sie nicht am nächsten Tag den Fünfuhrtee bei ihr
nehmen wolle. Elisabeth sagte »ja« und war überrascht. In all den
Jahren war sie der Fürstin nur bei großen Festen sowohl im Palazzo
Tassini wie in ihrem eigenen Haus oder am dritten Ort begegnet,
aber gar nie hatte die Fürstin sie zu einem intimen Beisammensein
gebeten. Sie war neugierig, diese Frau unter vier Augen zu sprechen
und zu sehen, wie die Fürstin eigentlich war, wenn das Gepränge der
großen Gesellschaften und des offiziellen Tons von ihr abfiel. Sie
fuhr pünktlich um fünf Uhr am Palazzo Tassini vor, wurde von dem
italienischen Haushofmeister empfangen, den sie schon kannte und der
sie durch eine Reihe von Gemächern führte, in denen sie schon manches
Mal gespeist und getanzt hatte, die aber jetzt kalt und ein wenig
düster dalagen. Er geleitete sie, bis sie vor einer hohen Mahagonitür
mit getriebenen Goldbeschlägen standen, an der er sich mit einer
feierlichen Verbeugung verabschiedete, als sei sein Reich hier zu Ende.
Die Tür wurde dann von innen geöffnet, und ein Diener, dem man auf
zehn Schritte den Engländer ansah, führte Elisabeth durch ein kleines
Vorzimmer zu den intimen Wohnräumen der Fürstin.
Die Fürstin saß in einem Korbstuhl am Fenster, blätterte in »Lady's
Pictorial«, stand langsam auf, als Elisabeth eintrat. Sie legte das
Journal beiseite, reichte Elisabeth die Hand:
»~I'm glad to see you!~«
»~So I am too!~«
Elisabeth hatte mit der Fürstin stets Englisch gesprochen, hatte es
aus Liebenswürdigkeit getan und weil sie es von allen um sich her
so sah. Hier aber, in diesem Raum schien es unmöglich, überhaupt
eine andere Sprache zu Wort kommen zu lassen, denn alles hier trug
englische Prägung, war auf englische Anschauungen und Gewohnheiten
abgestimmt, und der Haushofmeister draußen hatte wohl recht, wenn er
sich so verneigte, als ob hier sein Reich zu Ende wäre. Die Einrichtung
des Zimmers, in dem die beiden Damen saßen, war echt Chippendale,
alles aus nachgedunkeltem Mahagoni, vermischt mit bequemen, modernen
Korbmöbeln, die dem Raum ein ungemein behagliches Aussehen gaben. An
den Fenstern hingen helle, sanft abgetönte Gardinen, an den Wänden
süßliche Bilder im englischen Geschmack; es gab überall viele Blumen,
und auf Borten und Tischen standen und lagen englische Bücher,
Zeitschriften und Tageszeitungen umher. Am Fenster, zwischen zwei
Korbsesseln, war der kleine Teetisch bereitet, der von kostbarem Silber
funkelte, die Kammerjungfer, die bediente, sah nicht weniger englisch
aus als der Diener im Vorzimmer und trug die Uniform der englischen
Jungfern: das schwarze Kleid, den weißen Umlegekragen und die breiten
Manschetten, das kokette, weiße Häubchen und die weiße Schürze. Die
Fürstin selbst verriet heute noch deutlicher als sonst ihre Rasse.
Sie schien eingeboren in das weichfallende Teekleid aus taubenblauer
Seide und sah auf eine gewisse Entfernung mit ihrer schlanken Gestalt
und dem rötlichen Haar wie ein junges Mädchen aus. Sie trug auch heute
einmal nicht die berühmten Perlen, gerade als ob sie hier durch keine
Erinnerung an das gestört sein wollte, was jenseits der Mahagonitür
lag. Als die Kammerjungfer den Teekessel angezündet hatte, schickte sie
das Mädchen weg, reichte selbst kleine Sandwichs und Kuchen und bemühte
sich, das Gespräch mit jenen nichtssagenden Redensarten zu eröffnen,
die Elisabeth schon an ihr kannte. Die Fürstin hätte nun allerdings
auch bedeutende und originelle Sätze reden können und hätte doch im
Augenblick an Elisabeth keine aufmerksame Partnerin gefunden, denn die
junge Frau war so überrascht von der durchaus englischen Atmosphäre,
die sie hier umgab, daß sie nur Eindrücke auf sich wirken ließ und der
Fürstin ganz mechanisch antwortete. So stark war ihr Erstaunen, daß sie
es nicht in sich verschließen konnte, vielmehr zu der Fürstin sagte:
»Wie seltsam! Wenn man hier bei Ihnen sitzt, ist man nicht mehr in
Venedig, sondern in Ihrer Heimat!«
Die Fürstin nickte.
»Natürlich! Ich könnte nicht sein, wenn ich nicht ein Stück England um
mich habe. Wenn es Sie interessiert, zeige ich Ihnen auch gelegentlich
einmal meine kleine Church und mache Sie mit meinem Reverend bekannt,
der jeden Sonntag für mich Gottesdienst hält!«
Das Gespräch wurde allmählich wärmer, intimer. Sie sprachen von der
Heimat, Elisabeth von Deutschland, die Fürstin von England, Elisabeth
mit Wärme, die Fürstin mit Stolz, mit einem Selbstbewußtsein, das wie
eine Fanfare schmetterte. Und ganz von selbst kamen sie dann auf das
Land, dem sie jetzt gehörten, auf die Stadt, in die sie jetzt das Leben
zwang ... Die Fürstin fragte mit einem kleinen, mokanten Lächeln,
während sie ihre grauen Augen fest auf Elisabeths Gesicht richtete:
»~Do you still like Venise so very much?~«
Elisabeth errötete ein wenig, antwortete nicht gleich, weil sie wohl
verstand, welchen Sinn die Fürstin in die Frage legte. Dann aber hob
sie den Kopf, erwiderte den Blick der grauen Augen klar und offen, als
gäbe sie Vertrauen um Vertrauen.
»Nein, ich liebe es nicht mehr so sehr. Die Stadt ist so zauberhaft,
wenn man sie nur auf der Durchreise sieht, aber wenn man hier leben
muß -- --«
»~I'm glad you say so!~«
Sie blieben eine kleine Weile stumm. Sie hatten sich verstanden und
verstanden sich auch fernerhin, wenn sie von Venedig sprachen und es
anklagten. Elisabeth sprach mit einer Bitterkeit, über der es aber doch
wie ein Trauerschleier lag, die Fürstin dagegen hatte für die Stadt
ihrer Leiden nur noch Hohn und Haß.
»Venedig, -- eigentlich ist das nur ein lächerlicher Begriff. Liverpool
oder Edinburg stellen heutzutage mehr vor als Venedig!«
Es klang ein so überstarkes Selbstbewußtsein in ihren Worten, daß es
Elisabeth zum Widerspruch reizte.
»Nun ja, Liverpool oder Edinburg sind eben Handelsstädte, ungefähr so
wie bei uns Krefeld oder Bremen, aber Venedig war doch einmal eine
Großmacht!«
»War! Was hat man von dem, was war? Heute kommt es mir vor wie eine
Gauklerin, die sich mit einer großen Vergangenheit drapiert und
ausplündert --«