Elisabeth stand und sah hinaus, obgleich es um diese Stunde hier

nichts zu sehen gab. Weit und breit keine Gondel und kein Ruderschlag,

verträumt spannte die schmale Eisenbrücke, die ihn überdachte, ihren

Bogen über den kleinen Kanal hin, schweigend lagen die Häuser, die

ihn besäumten, und auf den Stufen, die zum Wasser hinunterführten,

oder auf dem schmalen Pflasterrand, der hier und da zu einem Gäßchen

umbog, erging sich niemand als da und dort der Schatten einer Katze.

Ganz still und ganz menschenleer war's ringsum, nur jetzt huschte eine

weibliche Gestalt um die Ecke der kleinen Gasse, an der die Bank von

San Marco lag. Sie trug das große, schwarze Fransentuch der Frauen aus

dem Volk, ging aber nicht barhäuptig mit zierlich frisiertem Haar,

wie diese es tun, sondern hatte den Kopf und auch fast das ganze

Gesicht mit einem dichten Schleier umwunden, so daß nur die Augen

hervorsahen, um den richtigen Weg zu erspähen. Die Beleuchtung hier

war sehr schlecht, ein Erkennen der Gesichtszüge nur in nächster Nähe

möglich, aber dennoch blickte die Gestalt immer wieder nach allen

Seiten scheu um, suchte auch mit prüfender Angst den Palazzo Priuli ab,

als fürchtete sie, daß jemand ihr nachgegangen sei oder sie erwarte.

Elisabeth, die sie zuerst nur für einen Nachtvogel gehalten hatte,

wurde durch das seltsame Gebaren aufmerksam, und wie die Gestalt jetzt

leichtfüßig und schnell, aus dem Dunkel der Häuser heraustretend, die

kleine Brücke hinanlief, beugte sich Elisabeth weiter aus dem Fenster,

um ihr ins Gesicht zu sehen. In diesem Augenblick hob die Frau auf der

Brücke den Kopf voll empor, ahnte mehr als sie unterscheiden konnte,

daß da jemand am Fenster stand und sie ausspähte. Sie zögerte eine

Sekunde, überlegte wohl blitzschnell, ob sie den Weg, den sie eben

gekommen war, wieder zurücklaufen sollte, machte dann, wie um sich Mut

einzuflößen, eine trotzige Bewegung mit den Schultern und lief auf

der andern Seite der Brücke hinab, dem schmalen Steinrand zu, der um

den Palast herum zu einer Hintertüre für Dienstboten und Lieferanten

führte.

Elisabeth stand und traute noch immer ihren Augen nicht. Schon

gleich zu Anfang hatte sie gemeint, die Gestalt zu erkennen, hatte

sich aber lächerlich und phantastisch gescholten und eben darum mit

um so größerer Aufmerksamkeit verfolgt, als was sich die Frau da

unten schließlich ausweisen würde. Nun aber, seit sie, beglänzt vom

Sternenlicht, zögernd auf der Brücke gestanden war, um schließlich den

Weg zu der Hinterpforte so sicher zu nehmen, wie nur jemand, der den

Palazzo genau kannte, nun war kein Zweifel mehr möglich. Elisabeth

begriff später niemals, daß sie in jenem Augenblick sich gar nicht mit

Empfindungen oder Reflexionen abgab, sondern nur dachte:

»Was aber, wenn die Hinterpforte abgeschlossen ist? Dann muß sie jemand

herausläuten, und wir haben morgen, am Hochzeitstag, den Skandal!«

Sie ging vom Fenster weg über den Korridor auf die Treppe zu, beugte

sich über das Geländer, um zu hören, ob drunten ein Schlüssel

vorsichtig eingesteckt würde und sich drehte.

Sie wagte nicht, Licht zu machen, um nicht durch den hellen Schein

irgend jemand zu wecken, fürchtete auch, daß sie die Gestalt, die

draußen stand, am Ende verscheuchen und zu unberechenbarem Beginnen

treiben könnte. Sie horchte, atmete auf, als jetzt ein ganz leiser

Schritt die Treppe im Dunkel heraufhuschte, und hatte doch die Kehle

zugeschnürt vor Angst und Erregung. Als die Gestalt die schwere Pforte

leise wieder ins Schloß gelegt hatte, knipste Elisabeth das Licht

auf. Ein halb unterdrückter Schrei, eine Bewegung zur Flucht. -- Und

Elisabeth, obwohl sie doch genau wußte, wer da stand, fragte, als könne

sie's noch immer nicht glauben:

»Du, Eleonore? Wo kommst Du her?«

Eleonore blieb, durch die Treppe von der Schwägerin getrennt,

stehen. Jetzt, im elektrischen Licht, sah Elisabeth, daß das Mädchen

totenbleich und erregt war, daß unter dem Schleier ihr Haar zerwühlt

und nur flüchtig aufgesteckt hing, während in ihren dunklen Augen ein

seltsamer, verträumter Glanz lag. Sie zog das schwarze Fransentuch

fester um sich, wie sonst ihren Schlafrock, warf den Kopf zurück,

preßte die Lippen aufeinander und sah über die Treppe hinauf

herausfordernd die Schwägerin an.

Elisabeth winkte sie heran.

»Komm herauf, Eleonore, komm in mein Zimmer. Wir wollen nicht hier

stehen bleiben, wo uns jeden Augenblick ein Dienstbote überraschen

kann!«

Eleonore entgegnete nichts. Sie folgte Elisabeth, die ihr voranschritt,

und wußte selbst nicht, warum sie ging, wohin die andere wollte.

In Elisabeths Zimmer stand Eleonore in derselben Haltung an der

geschlossenen Tür, wie sie vorhin unten an der Treppe gestanden war.

Elisabeth, die sich nicht mehr auf den Füßen halten konnte, ließ sich

in einen Stuhl fallen, drückte die Handflächen gegeneinander und fragte

noch einmal leise, angstvoll, als scheue sie die Antwort

»Wo kommst Du her?«

Eleonore reckte sich in die Höhe.

»Ich bin Dir keine Rechenschaft schuldig!«

»Rechenschaft nicht, aber -- aber -- --«

Die junge Frau wirkte so hilflos und eigentlich so bedauernswert, daß

Eleonore sich selbst und alles, was in diesen letzten Stunden geschehen

war, mit ungestümer Lebensfreude empfand. Und nicht als ob sie von

Unrecht, sondern von Triumph berichtete, brach es aus ihr hervor, wie

ein ungestümes Bekenntnis der Lust und der Leidenschaft:

»Gut, ich will Dir sagen, wo ich gewesen bin. Bei meinem Schatz bin ich

gewesen, bei meinem Herzliebsten, den ich nicht lassen werde, heut'

nicht und morgen nicht und niemals auf der Welt!«

Elisabeth schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Um Gott, Eleonore, und Du willst Lissignolo heiraten! Du schämst Dich

nicht, den einen Mann zu heiraten und die Geliebte eines andern zu

sein?«

Eleonore schüttelte den Kopf und lachte. Es war ein Lachen, das bitter

klang und weh tat.

»O nein, Du Siebengescheite! Bis heute bin ich nicht seine Geliebte

gewesen, denn ein Mädchen soll geizig mit sich sein und sich nicht

verschenken! Aber weil ich morgen Lissignolo gehöre, bin ich heute

zu meinem Schatz gelaufen und habe ihm heute noch geschenkt, was ich

ihm übermorgen nicht mehr hätte schenken können. Glückselig sind wir

gewesen ein paar Stunden lang, und was auch jetzt noch kommen mag, die

paar armseligen Stunden voll Glück kann mir kein Mensch mehr nehmen!«

Wie in einer Flamme von Leidenschaft und Hingebung stand das Mädchen

da. Bewegt sah Elisabeth sie an, hätte ihr kein hartes Wort mehr sagen

können. Sie fragte nur leise:

»Und er? Er hat Dich wieder gehen lassen? Er hat Dich nicht gehalten

und alles auf sich genommen, nachdem Du so, so zu ihm gekommen bist?«

Vor dem weichen Ton, in dem Elisabeth sprach, brach sich des Mädchens

Auflehnung. Ihre Stimme zitterte, als sie entgegnete:

»O nein, so ist er nicht! Aber glücklich waren wir deswegen doch ...

Und wenn Du Lissignolo etwas sagst, dann --«

Elisabeth schüttelte müde den Kopf.

»Ich sage nichts, Du brauchst keine Angst zu haben. Du tust mir nur

schrecklich leid, so leid, wie ich es Dir gar nicht sagen kann. Und ich

möchte Dich auf den Knien bitten: Laß diese unselige Sache mit heute

abgetan sein! Versuch's, in Deiner Ehe glücklich zu werden, und hänge

weiter keine Gedanken an einen Menschen, der's nicht wert ist, daß er

Dir die Schuhbänder löst!«

Eleonore, die sich jetzt wieder gefaßt hatte, sah, daß ihr Spiel

gewonnen war, und hielt es darum für klug, ein wenig einzulenken.

»Selbstverständlich ist mit heute alles zu Ende! Ich hätt's nur nicht

ertragen, wenn ich ihm nie ganz gehört hätte, nun ist's vorbei, nun

will ich Dir folgen und versuchen, so gut es geht, aus meinem Leben

noch etwas herauszuholen. Aber Du schweigst, nicht wahr?« setzte sie

mit nochmals aufsteigender Angst hinzu. Elisabeth nickte. Eleonore

umarmte und küßte sie.

»Gute Nacht, Lisa, ich bin furchtbar müde und will mich ausschlafen.«

Fort war sie. Elisabeth legte sich wieder zu Bett, konnte aber

kein Auge zutun. Unablässig hörte sie wieder das leidenschaftliche

Geständnis des Mädchens und die Worte: »Ich lass' ihn nicht heute,

nicht morgen und niemals auf der Welt!« Freilich, das war vielleicht

im Ueberschwang gesprochen, und Eleonore hatte ja auch gelobt, daß mit

der heutigen Nacht alles zu Ende sein sollte. Hatte es gelobt, hatte

vielleicht auch den Willen dazu, aber Elisabeth fragte sich doch voll

Bangen, wie die Ehe, die morgen eingesegnet wurde, wohl gehen würde.

Ihr Verstand gab eine Antwort, die ihr Herz nicht glauben wollte.

10.

Venedig im Regen, -- nichts Trüberes ist zu denken. Grau und schleimig,

wie eine Riesenqualle liegt die Lagune an die Stadt gepreßt, der sie

alle Schönheit und alle Lust aufzusaugen scheint. Das leuchtende Weiß

und Orangegelb der Paläste ist von einem trüben Grau überströmt,

Balkone, Loggien, Friese, die gestern noch wie ein letzter Gruß der

Renaissance und des Barock waren, sehen heute gespenstisch, unmotiviert

aus, wie Kleinodien fernster Zeit in einem Museum der Toten. Mißmutig,

fast bestürzt über eine Unbill, die sie in lachender Sonne völlig

vergessen haben, drängen sich die Menschen in den winkligen Gäßchen

der Merceria und der Frezzeria, armselig lungern die Gondolieri auf

nassen Randsteinen umher. Wer nicht muß, besteigt heute sicher keine

Gondel, und wenn eine daherfährt, so ist's, als käme sie vom Begräbnis

der letzten, menschlichen Freude. Selbst der Markusplatz mit dem Löwen

und dem Kampanile sieht aus wie eine Theaterdekoration, die lieblos

ins Tageslicht gestellt und im Regen vergessen worden ist, nur die

Vaporetti eilen fauchend und prustend wie immer den Canal Grande auf

und ab, als wollten sie mit ihrem Lärm verkünden, daß das Leben, das

Leben von heute, niemals stille steht. Aber das Leinendach, das heute

über ihr Verdeck gespannt ist, klatscht vor Nässe und flattert wie ein

müder Vogel, der sich die Nässe des Gewitters aus den Federn schütteln

will, und das Fauchen und Prusten klingt wohl nur so, wie wenn einer

recht laut spricht, um sich Mut zu machen, weil er fühlt, daß um ihn

her unsichtbare Gespenster stehen. Vom Fischmarkt am Rialto her und aus

allen kleinen Kanälen steigt ein seltsamer, beklemmender Geruch von

toten Fischen, von zersetzten Muscheln, von fauligem Gemüse. Und die

Calle stehen schwarz, undurchdringlich, als lägen auf ihrem schlammigen

Grunde immer noch mit verglasten Augen und vermoderten, altfränkischen

Kleidern Leichen, an deren Hälsen noch die blauen Fingermale oder

die Dolchstiche der Republik zu sehen sind. Regen in Venedig, --

wie ein Bußtag hängt er über der Stadt, auf daß sie in Reue alter

Frevel gedenke und der Toten, von denen keiner mehr weiß, und deren

Verwesungsgeruch heute doch überall schwebt ...

Elisabeth saß in ihrem Zimmer und schrieb Briefe an ihre Brüder. Sie

hatte vor alle Fenster die Vorhänge gezogen und das elektrische Licht

über dem Schreibtisch ausgedreht, obwohl draußen der Kanonenschuß eben

den Mittag verkündete. In der Calle war es aber trüber noch als auf

dem großen Kanal, und Elisabeth fand seit langem Venedig bei Regen so

unerträglich, daß sie es gar nicht sehen wollte und bei schlechtem

Wetter nie ausging. Sie konnte sich nicht an den Verwesungsgeruch

gewöhnen und mußte dann immer voll schmerzlicher Sehnsucht denken,

wie schön ein Regentag daheim in Deutschland war, selbst wenn man ihn

im Augenblick als lästig empfand und auf ihn schalt. Wie über die

spiegelnde Nässe breiter Straßen unablässig Autos, Straßenbahnwagen,

Equipagen jagten, wie Menschen, die gewöhnt waren, mit einem rauhen

Klima zu rechnen, sich von ihm weder die Laune noch das fröhliche

Gesicht rauben ließen, durch Regen und Wind der Stimme nachliefen, die

sie an diesen Tagen wie an allen andern hinausrief zur Arbeit, zum

Kampf um das Leben, um das tägliche Brot. Wie aus all dem Lärm und

Gewirr und Gehaste die Rasenpläne, die rot und weißen Blütenkerzen der

Kastanien, die süßduftenden Flieder- und Jasminbüsche, die flammenden

Kolben der Rhododendren auf Anlagen und Plätzen auftauchten, wie all

das Grünen und Blühen und Duften sich dem Naß entgegenreckte, das

vom Himmel herabfiel, und wie die Regentropfen lustig klatschend

von Ästen und Blättern heruntersprangen, als wären sie ausgelassene

Schulbuben beim wilden Spiel. Daheim, in Deutschland, genoß man das

alles, ohne darüber nachzudenken, meinte wohl, es könne nur so und

nicht anders sein, hier aber, an die Riesenqualle gepreßt, merkte man

gerade an Regentagen mit leisem Schauder, wie fern diese Stadt der

Natur und allem Lebendigen stand. Nicht auf Erde, sondern auf marmornen

Fundamenten erbaut, ohne Grün, ohne Vogelsang, ohne den Hufschlag der

Rosse, ohne den erregenden Lärm rollender Räder schien sie wider die

Gesetze der Natur und der Menschlichkeit gezeugt, und wenn etwas an

ihr nicht steinern, sondern natürlich und menschlich war, dann war es

mit Schlamm überzogen und roch nach Verwesung. So wenigstens schien

es Elisabeth. Die Zeit, da sie Venedig mit den verliebten Augen ihrer

Jugend betrachtet hatte, lag weit hinter ihr, und wenn die Fürstin

Tassini sie heute gefragt hätte: »~Do you like Venise?~« so hätte

Elisabeth wahrscheinlich gesagt oder wenigstens gedacht, daß sie diese

Stadt verabscheute, in deren schlammigen Kanälen die Gallionen ihrer

Träume und Hoffnungen schmählich untergegangen waren. Zum erstenmal

hatte sie dies Grauen vor der Stadt an jenem Abend empfunden, da sie

mit Ettore von der Lügenreise nach seinen Gütern heimkehrte; seitdem

war es zuerst sprungweise, dann schleichend immer wieder gekommen,

wollte sie nicht mehr verlassen, so sehr sie sich auch gemüht hatte, es

zu versuchen und Venedig wieder zu lieben, wie sie es früher geliebt

hatte. Sie fand aber das alte Gefühl nie mehr. Vielmehr dachte sie

jetzt manches Mal an die Abneigung, die ihr Bruder, der Leutnant Otto,

damals, auf ihrer ersten Italienreise, gegen dies Land empfunden hatte,

und wenn sie ihn damals belächelt hatte, so gab sie ihm heute recht.

An den Marmorquadern dieser unnatürlichen Stadt und an den Geschöpfen,

die sie hervorbrachte, an den Gesetzen, von denen sie sich beherrschen

ließ, stieß sich jeder die Stirne ein, der mit einem Herzen voll

Sehnsucht und Idealen zu ihr kam.

Das Zimmer, in dem Elisabeth saß, war das rosenfarbene Damastboudoir,

das Ettore eingerichtet hatte, als sie heirateten. Es hatte immer

noch seine kostbaren, überzierlichen Möbel, aber es sah doch ganz

anders aus als früher, da es eigentlich nur für die Phantasien einer

großen Weltdame bestimmt schien. Allerlei praktische, vom modernen

Kunstgewerbe gefertigte Gegenstände hatten die Damaststimmung mehr und

mehr verdrängt, zeigten, daß in diesem Raum ein Mensch wohnte, der es

gewöhnt war, sich auf sich selbst zu besinnen, und der seine Anregungen

nicht von außen her bezog. An den Wänden hingen jetzt neben den

Rokokobildern, die sich so stilvoll dem rosenfarbenen Damast angepaßt

hatten, allerlei Familienporträte der Schöttlings und ganz moderne

Kunstblätter, auf dem Schreibtisch stand in einem bescheidenen Rahmen

eine Photographie, welche die beiden Knaben Elisabeths zeigte, ihr

gegenüber die ihres Vaters. Auf einem großen Büchertisch lagen sowohl

moderne Schriften wie deutsche und französische Klassiker, und die

Böcklin-Mappe hielt gute Nachbarschaft mit einem großen, italienischen

Werk, das Reproduktionen aus den Uffizien, dem Pitti und der Academia

in Venedig barg. Schön und behaglich war das Zimmer, weil man eben

überall die Spur eines Menschen, einer Frau fühlte. Doch wie dieser

Raum seit wenig Jahren seinen Charakter völlig verändert hatte, so war

auch Elisabeth eine andere geworden, als sie damals gewesen, da sie mit

ihrem Vater zum erstenmal Venedig grüßte.

Aeußerlich war sie wohl ziemlich die gleiche geblieben. Wer sie zum

erstenmal und nur flüchtig sah, mochte denken, daß sie immer noch eine

hübsche Blondine war, wer aber schärfer hinsah, merkte, daß auf diese

weiße Stirn das Leben schon das grausame Wort geschrieben hatte, in dem

schließlich jedes Frauenschicksal ausklingt: »Entsage!«

Die Ehe Priuli sah nach außen noch ziemlich tadellos aus, war aber

in Wirklichkeit nichts mehr als eine Fassade, hinter der die Gatten

sich unbemerkt immer weiter voneinander entfernt hatten, so daß sie

jetzt einander kaum mehr zu unterscheiden vermochten. Die Leere, die

Elisabeth schon so bald nach der Hochzeit zwischen sich und ihrem Mann

gespürt hatte, war nie auszufüllen gewesen, hatte sich im Gegenteil

immer mehr erweitert, so daß sie jetzt oft tagelang kaum anderes

zueinander sagten als »Guten Tag« und »Adieu«, nur weil sie sich gar

nichts zu sagen hatten. Die Mahlzeiten mit der alten Gräfin waren

jetzt meist die einzige Gelegenheit, wo ein Gespräch sich entwickelte,

denn die Gräfin füllte wenigstens mit allerlei banalen Reden und

Stadtneuigkeiten die Leere aus, die öde und beklemmend zwischen dem

Ehepaar lag. Die Kinder aßen nicht mit am Tisch, für kurze Zeit hatte

Elisabeth zwar versucht, den älteren Knaben neben sich zu setzen,

aber Ettore fütterte ihn unvernünftig mit allen möglichen Speisen,

die das Kind nicht essen sollte, gab ihm unter schallendem Gelächter

Wein und Kaffee zu trinken, ließ ihm alle Unarten durchgehen, so daß

Elisabeth, die ihre Kinder genau so streng und einfach erziehen wollte,

wie sie selbst erzogen worden war, den Kleinen wieder ins Kinderzimmer

zu dem jüngeren Bruder und der Bonne zurückschickte. Ettore und seine

Mutter waren zwar empört, spöttelten über die Pedanterie Elisabeths

und begriffen nicht, daß ihr ein Erziehungsprinzip mehr galt als das

Vergnügen, den Kleinen bei Tisch zu haben. Elisabeth ließ sie reden

und sagte nichts. Sie war's schon so gewöhnt, daß sie mit all ihren

Ansichten in diesem Hause allein stand. Zu Anfang freilich hatte sie

manches Mal verzweifeln wollen, daß es zwischen ihr und ihrem Mann

so gar nichts Gemeinsames mehr gab, nun aber hatte sie gelernt es zu

ertragen und hing dem Unabänderlichen nicht weiter nach.

Ettore war immer oder fast immer so heiter, wie nur ein Mensch sein

kann, der mit sich und seinem Dasein sehr zufrieden ist. Er führte

jetzt das Leben, das er stets erträumt hatte, das Leben des reichen

Müßiggängers, und er fühlte sich durchaus nicht bedrückt, daß er es

nur dem Geld seiner Frau zu danken hatte. Während Elisabeth sich

unter Herzeleid und allen Qualen der Angst von ihm losgerungen hatte,

war er lächelnd von ihr weggetänzelt wie von einem Abenteuer, das

angenehm war, dessen Zeit aber nun um ist. Wenn er zunächst auch

noch leidlich vorsichtig war, so wußte sie doch, daß er in Varietés

und untergeordneten Lokalen den vulgären Zerstreuungen nachlief,

die schon sein Junggesellenleben geschmückt hatten. Niemals hatte

Elisabeth ein Wort oder auch nur eine Anspielung darüber verloren, denn

es hätte ihrem Stolz widerstrebt, als eifersüchtige Frau vor ihrem

Manne zu stehen. Die kleinen Mädchen waren ja auch noch gar nicht das

Schlimmste; viel schlimmer war das andere, das sich ihr unversehens vor

etlichen Monaten geoffenbart hatte.

Das war eine Nacht, in der Ettore erst nach Hause kam, als die

Morgendämmerung schon mit ruckweisem Flimmern das Dunkel zu verdrängen

begann. Es geschah jetzt nicht selten, daß er übermäßig lange im Klub

oder sonst bei einem Amüsement blieb, und Elisabeth wunderte sich

auch gar nicht mehr, stellte sich schlafend und blinzelte nur unter

geschlossenen Lidern nach ihm hin, weniger aus Neugier, als um zu

sehen, ob er nicht bald das Licht verlöschte, das ihrer Müdigkeit wehe

tat. Sie erschrak, als sie sein Gesicht erblickte. Sie war's wohl

gewöhnt, daß er übernächtig heimkam, aber so wie heute war er noch

nie gewesen. Sein Gesicht sah fahl und verzerrt aus, das dichte Haar

hing ihm in Büscheln zusammengeklebt in die Stirn, die Krawatte war

verschoben, der Hut hing auf dem Hinterkopf, und seine Hände zitterten

wie von einer großen, inneren Erregung. Er begann sich zu entkleiden,

warf achtlos den Hut hierhin, den Rock dahin, knöpfte den Kragen ab,

schleuderte ihn in eine Ecke, ließ sich schwerfällig in einen Stuhl

fallen und starrte vor sich hin. Bei jedem andern Mann hätte Elisabeth

gedacht, daß er betrunken sei, aber sie wußte, wie nüchtern Ettore war

und daß er, wo immer er sein mochte, nie um einen Tropfen mehr trank,

als er gemächlich vertrug. Es mußte also etwas anderes sein, das ihn

so zerwühlt hatte, und weil sie sich nicht denken konnte, was es sei,

vergaß sie alles, was zwischen ihnen lag, und rief ihn an. Er fuhr aus

seinem Hinbrüten auf, starrte sie einen Augenblick an, fuhr sich mit

einer wilden Geste durch die zerzausten Haare, ließ die Arme wieder

sinken und verbarg das Gesicht in den Händen wie einer, der zu Ende ist

mit seiner Kraft und seinem Denken. Elisabeth fühlte, wie ihr das Herz

bis zum Halse schlug vor Angst.

»Ettore! Um Gottes willen, Ettore, sag' doch, was geschehen ist!«

Er ließ die Hände sinken, starrte seine Frau wieder mit gläsernem Blick

an, sprang dann auf, schritt heftig gestikulierend, fluchend, nach

Unbekannten mit Schimpfwörtern werfend im Zimmer hin und her. Da erfuhr

sie's denn: er hatte in dieser Nacht im Klub an 80000 Lire verloren.

»Verloren, haha, das sagt man wohl so! Verloren, was heißt verloren?

Abgenommen haben sie mir's, abgeschwindelt, abgegaunert wie

professionelle Falschspieler, diese Lumpen, diese Betrüger, diese ...!«

Elisabeth hatte sich im Bett aufgesetzt, sah auf den rastlos hin und

her schreitenden Mann und verstand wohl, daß er jetzt Dinge sagte,

die er schwerlich verantworten konnte, und an die er bei ruhigem

Blut selbst nicht glaubte. Eins nur blieb Wahrheit: er hatte wie ein

Wahnsinniger gespielt und verloren. Sie ballte die Fäuste, streckte sie

zornig nach ihrem Manne aus, als wolle sie ihn treffen, preßte sie dann

vor die Augen und stöhnte zwischen Abscheu und Tränen:

»Ettore, o Ettore, was hast Du getan!«

Wütend blieb er stehen.

»Ettore, o Ettore, was hast Du getan!« äffte er sie mit verzerrtem

Gesicht nach. »Glaubst Du vielleicht, daß das Geld davon wieder

herkommt? ~Ah, ah, le brutte bestie~, dieser Gaulo, dieser Nicco

Fabbriani! Hat man je so etwas gesehen? Ausgeplündert, ausgeraubt haben

sie mich wie Banditen. Aber ich werd's ihnen schon zeigen, diesen

Halunken, diesen Griechen! Bei der Polizei müßte man sie anzeigen und

ihnen das Handwerk legen. Wie sie's gemacht haben, weiß der Kuckuck,

aber mit rechten Dingen ist es nicht zugegangen, das schwör' ich bei

allen Nothelfern und bei meiner ewigen Seligkeit!«

Er wetterte und fluchte noch eine Weile fort, kam dann langsam zu

Elisabeth hin, setzte sich auf den Rand ihres Bettes, umfaßte sie mit

beiden Armen und fing an zu schluchzen.

»~Carina~, ich bin so unglücklich, Du weißt gar nicht, wie mir zumute

ist! Sei nicht böse, bitte, bitte, Liebste, sei nicht böse, wenn ich

abscheulich und roh gegen Dich war. Aber wenn Du wüßtest, wie diese

Bestien zugesetzt haben ...«

»Scht, scht!«

Elisabeth bezwang den Ekel, der ihr im Halse saß, glitt leise tröstend

über Ettores wirres Haar, versuchte ihm zuzureden, seine Anklagen zu

ersticken, aber sie brachte kein Wort heraus. Sie hielt ihn nur an

ihrer Brust und weinte lautlos, stoßweise über seinen Kopf hin, weinte

viel weniger über das Bekenntnis, das er abgelegt, als über alles, was

zwischen ihnen in Scherben lag ...

Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig · 第 10 / 18 段